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II.

2. Medschlis.

Heute abend ging es lustig zu. Zwei vornehme Hannums waren gekommen und verbreiteten Fröhlichkeit. Die eine war etwa vierzig Jahre alt, die andere, offenbar ihre Tochter, mochte zwanzig Jahre zählen. Nach dem Mahle nahm die jüngere Hannum die verstaubte Gitarre von der Wand, brachte das Instrument in Ordnung und spielte und sang dazu arabische Lieder, die ich noch nie gehört. Alle Sklavinnen freuten sich und drängten zur Türe, um zu lauschen und die schönen Töne zu schmecken. Auch Tänze wurden gespielt, und die dicke Negerin konnte sich nicht genug tun im Bauch- und Schleiertanz. Je mehr die anderen Frauen lachten und kreischten, desto toller und linkischer wurden ihre unharmonischen Bewegungen, und selbst die Sklavinnen, die den schuldigen Respekt nie außer acht lassen dürfen, hielten sich den Mund mit den Händen zu, um nicht respektwidrig herauszuplatzen, was einen Peitschenhieb zur Folge gehabt hätte. – –

Auch Fathima ezzahra war heute fröhlicher als sonst, sie verstieg sich sogar zu einem Liede, das sie mit sehr weicher und süßer Stimme in einer mir unbekannten Sprache vortrug. Aus den schmachtenden Bewegungen fühlte ich heraus, daß es ein Liebeslied sein mußte.

Bald befanden sich die Frauen wieder bei ihrem Lieblingsgespräch: den Männern und der Liebe.

Jede wußte irgendeine merkwürdige Geschichte zu erzählen.

Auf dem großen dicken Teppich im Salon wurden die Kisten in einem Kreise ungeordnet, und die Hannums nahmen Platz, um den Erzählungen aufmerksam zu folgen, während die Sklavinnen unaufhörlich für Erfrischungen und Süßigkeiten sorgten.

Die »Mutter« begann zuerst:

»Als ich noch ein Mädchen war und im Haremlik meines Vaters, Allah hab' ihn selig, lebte, hat sich etwas zugetragen, was einem unglücklichen Menschen das Leben kostete.«

Die Zuhörerinnen rückten näher heran, damit ihnen kein Wort entgehe, und die Sklavinnen begannen sogar mehr auf die Erzählerin als auf ihren Dienst zu achten.

»Etwa sechzehn Jahre mochte ich zählen,« fuhr die »Mutter« fort, »da hatte mein Vater, Allah hab' ihn selig, einen Harem von vier Frauen, deren älteste mich zur Welt brachte. Außer einer Reihe von Sklavinnen standen uns noch drei Agas zu Diensten, von denen der älteste eigentlich mehr sein Gnadenbrot bekam, als ein jüngerer Aga von zwanzig Jahren neu eingestellt wurde. Er kam aus dem Lande der süßen Wasser. Ganz genau erinnere ich mich noch seines Aussehens und kann ihn so beschreiben, als ob ich ihn erst gestern gesehen hätte. Seine Gestalt war schlank, sehnig und mittelgroß, das Gesicht gelb und hager, doch keineswegs unschön, die Lippen wulstig geschwungen, die Nase lang und platt und die Haare so dick und kraus wie ein schwarzer Turban, so daß der Fez ihm immer nur im Nacken saß. Die ganze Erscheinung glich einem arabischen Kameltreiber, einem Sohn der Wüste, wie ich sie auf unserem Markte oft gesehen. Nur die Augen dieses Menschen verrieten etwas, das ich nicht zu deuten wußte: List und Verschlagenheit, Hohn, Frechheit und Rachsucht, vielleicht auch Mordlust. Allah allein nur weiß es! Wie kann ich wissen, was diese pechschwarzen, stumpfen, brennenden Augen sagen wollten? Genug, sie schreckten mich so, daß ich wünschte, diesen Menschen aus meiner Umgebung zu verbannen, es fand sich aber keine Gelegenheit, ihn zu entlasten, da er seinen Dienst schweigsam und pünktlich versah.

Eines Tages nun geschah das Unglaubliche.

Ich lag auf meinem Diwan und fühlte mich nicht wohl, so daß ich, ohne an etwas zu denken, die Augen schloß und einzuschlummern drohte.

Da blickte ich zufällig nach der Türe und sah, wie der Aga mit der rechten Hand den Vorhang beiseite schob, mit der Linken sein Gewand in die Höhe zog und sich mir so in schamloser Blöße zeigte.

Zuerst war ich ganz starr vor Entsetzen und keines Wortes, keiner Bewegung mächtig. Aber der Unverschämte trieb seine Frechheit noch weiter. In seiner furchterweckenden Blöße, die ein Mädchen unseres Standes doch vor der Ehe kaum zu sehen gewöhnt ist, schritt diese Ausgeburt aus fairs Hölle. Schlunde auf mich zu und grinste mich mit einem so breiten und begehrlichen Lächeln an, daß seine mächtigen Zähne wie zwei Reihen scharf geschliffener fletschender Marmorkiesel sichtbar wurden.

So schwach und krank ich mich auch fühlte, sprang ich doch auf und stürzte kreischend mit einem Satz durch die Türe zu meiner Mutter hinaus, die in einem Salon am Ende des langen Korridors mit Stickereien beschäftigt war.

Als mich meine Mutter voller Verzweiflung und Aufregung vor sich sah und meine hastig herausgesprochenen Worte vernommen hatte, wurde sie zunächst kreidebleich und nachdenklich. Dann aber legte sich ihre Unruhe plötzlich, sie stand auf, berührte mit ihrer Hand meine Stirn und sagte, mich mißtrauisch und fragend betrachtend: ›Armes Kind, du bist das Opfer eines garstigen Traumes, den dein heißes Mädchenblut dir vorgegaukelt, leg dich zu Bett, ich werde den tabib Arzt. rufen lassen. Glaube mir, mein Kind, kein Aga kann sich so entblößen, wie du es mir geschildert, wisse, daß ein Aga wohl ein Mensch, aber kein Mann ist. Noch bist du zu jung und keine ewli qary Verheiratete Frau., um der Rede Sinn verstehen zu können, aber wenige Stunden nach dem nziár etmék Geldstreu machen – bei Hochzeiten wirst du begreifen, daß du im Traume geschaut, was einer Hannum zu sehen kaum gestattet ist‹.

Diese Belehrung meiner Mutter versetzte mich in nicht gelinde Wut. ›Wie kannst du denken,‹ rief ich, am ganzen Leibe zitternd, ›daß ich geträumt habe, wo ich alles greifbar vor mir sah und alles, alles, was ich dir erzählte, beim dreifachen Schwur, sich wirklich so ereignet hat, wie ich es dir schilderte. Der Aga muß noch heute aus dem Haremlik, laß ihm hundert Stockschläge aufbrennen, meinetwegen auch nicht, gib ihm, was du willst, Lohn und Ehrenkleid, ich aber, ich fürchte mich zu Tode, solange dieser Unmensch zu meinem Diener und Wächter bestimmt ist!‹

Die Aufregung hatte mich so ergriffen, daß ich mich erschöpft auf den Teppich warf und ein Sitzkissen unter meinen Kopf schob. Meine Mutter ging indessen im Salon erregt hin und her, dann zog sie kurz entschlossen an der Klingelschnur.

Eine Sklavin erschien, machte ein sehr erstauntes Gesicht, als sie mich auf dem Fußboden liegen sah, und verneigte sich tief vor meiner Mutter, die ihr den Auftrag gab, durch einen Läufer den Herrn aus dem beledije Rathaus. herbeirufen zu lassen.

Als mein Vater erschien, hatte ich mich schon wieder so weit erholt, daß ich ihm in meiner kindlichen Art die erlebte Schreckensszene vortragen konnte. Baba Vater. wurde ganz kirschrot im Gesicht und biß sich auf die Lippen. ›Das ist Verrat,‹ murmelte er vor sich hin, ›der Aga ist ein verkleideter Mann, ein Verbrecher, der sich durch List in unseren Dienst geschlichen!‹ Dann stürmte er wütend hinaus. – – – – – – – – – – – –

Nach einiger Zeit vernahmen wir vom Hofe her ein entsetzliches Geschrei. Wir – meine Mutter und ich – eilten an das vergitterte Fenster unseres Salons und nun sahen wir, wie die beiden anderen Agas sich bemühten, den Verbrecher auf die Erde zu werfen, was ihnen aber nicht gelang, da der Raufbold sich mit übermenschlichen Kräften wehrte und wie rasend um sich schlug. Baba stand daneben und schimpfte, ohne selbst Hand anzulegen; auch die Sklavinnen waren alle in den Hof geeilt und betrachteten mit Verwunderung die Gruppe der kämpfenden Agas. Niemand wußte, um was es sich handle. Wahrscheinlich hatte Baba inzwischen schon nach Hilfe ausgeschickt, denn plötzlich drangen vier Agas aus benachbarten Haremliks in den Hof, warfen den Menschen, der jetzt der Uebermacht nicht, mehr gewachsen war, zu Boden und hoben ihm das Gewand hoch. – – – – – – – – – –

Eine allgemeine Entrüstung, ein Murmeln und Schimpfen ringsum, und im nächsten Augenblick sausten die Peitschenhiebe so dicht und kräftig auf den Unglücklichen hernieder, daß seine Schmerzensschreie bald verhallten und das jämmerliche Stöhnen allmählich verstummte. Baba, der dem ganzen Verfahren regungslos beiwohnte, machte jetzt eine kurze Handbewegung, worauf die Agas den anscheinend leblosen Körper in das Gebüsch unseres Gartens schleppten. – – – – – – – – – – – –

Hier sollen sie den strafwürdigen Eindringling erdrosselt und die Leiche unter unserem großen Fliederbaum heimlich verscharrt haben. Alle behaupten: er sei ein richtiger Mann gewesen. – –


Später, als ich verheiratet war und diese Geschichte meinem Gatten erzählte, meinte er: ›Wer weiß, ob dem unglücklichen Menschen nicht Unrecht geschehen sei, es gäbe auch Agas, die, weil äußerlich nicht vollständig entmannt, wie richtige potente Männer aussehen und doch nur Agas seien.‹ Ich ließ mich mit meinem Gatten dieserhalb in eine Art wissenschaftlicher Unterhaltung ein, da ich seine Anschauung nicht begreifen konnte. So sagte ich: ›Durch das Vorhandensein der äußeren Merkmale allein könnte man sich vielleicht täuschen lassen, obwohl ich weiß, daß jedem richtigen Aga auch diese äußeren Merkmale weggeschnitten werden, aber der eigenartige Zustand, mit dem du mich beglücktest, als ich dein Weib wurde, ist das nie täuschende Zeichen der Männlichkeit.‹ Und das war es eben, was ich damals, wo ich als Mädchen noch nicht wußte, was mir bevorstehen würde, ohne rechtes Bewußtsein bei einem Aga für ungehörig hielt. Mein Gatte sagte, es käme so etwas auch gelegentlich vor, jedoch könne solch ein Aga nicht zeugen.

Die Geschichte ist zu Ende, mich gruselt's heute noch, wenn ich daran denke. – – – – – – –«

Die Zuhörerinnen lächelten. Endlich begann die ältere Besucherin: »Daß es dich gruselt, wenn du, mein Täubchen, an jene Zeit zurückdenkst, kann ich dir nicht recht glauben. Das Mädchen erschrickt oft vor den Wonnen der Liebe. Bei einer Frau aber wandelt sich die Erinnerung an den früheren Schrecken eher in heißes Begehren als in fröstelndes Gruseln. Ist es nicht so, meine Lieben?!« Alle stimmten lachend zu. »Trotzdem aber,« fuhr diese Hannum dann weiter fort, »müssen wir deine Geschichte, die uns allen sehr gefallen hat, aufrichtig loben und dich als eine vorzügliche Erzählerin preisen. Jedoch, verzeih mir, wenn ich deinem Gatten widerspreche, seine Meinung von der Zeugungsunfähigkeit eines nicht völlig verstümmelten Aga wird durch eine Tatsache widerlegt, deren Einzelheiten noch heute frisch in meinem Gedächtnis nachklingen.«

»Erzähle, erzähle!« riefen die Frauen einstimmig. Die Hannum räusperte sich etwas, neigte den Oberkörper ein wenig nach vorn und kam sogleich dem Wunsche ihrer Freundinnen nach, indem sie folgende Geschichte vortrug:

»Djemile, der Liebling unseres Hauses, war schon geboren, als der Herr, mein Gatte, eine ganz junge Sklavin von etwa vierzehn Jahren in den Haremlik schickte. Das Mädchen stellte sich mir, als der älteren Frau des Harems, sogleich vor, und ich hatte sofort Gelegenheit, die Schönheit meiner neuen Dienerin zu bewundern. Gesicht und Gestalt waren sehr ebenmäßig, die Hautfarbe braun und glänzend, was darauf schließen ließ, daß Zarisa, wie sich das Mädchen nannte, den Sandwüsten Arabiens entsprossen war. Sie besaß sehr viel Geschicklichkeit, denn sie kochte, nähte und stickte trotz ihrer Jugend wie keine andere im Hause, und ich freute mich aufrichtig, eine so gewandte und befähigte Sklavin zu meinen Diensten zu haben.

Eines Tages schien es mir jedoch, als ob sie einen Fehler, ich möchte fast sagen: ein Laster hätte. Auf dem Hofe spielten nämlich die Knaben der früheren, noch vor meiner Hochzeit verstorbenen Favoritin meines Gatten – Allah gebe ihr die Ewigkeit! – zwei muntere Burschen von zehn und zwölf Jahren.

Wenn Zarisa zum Brunnen ging, um Wasser zu holen, machte sie sich, wie ich von meinem Fenster aus bemerkte, in auffälliger und sehr unsittlicher Weise mit den Knaben zu schaffen, die ihr zuerst einen kräftigen Schlag auf die Hand gaben. Später aber entwickelte sich zwischen dem älteren Jungen und Zarisa eine gewisse Vertraulichkeit. Dies und noch manches andere beobachtete ich, und seither erschien mir die Sklavin in ihrer ganzen Art, mit dem wiegenden Gange, dem lauernd vorgebeugten Oberkörper und den brennenden schwarzen Augen wie eine lüsterne Pantherkatze, die brünstig nach Begattung schreit. Den älteren Jungen, der schon Anzeichen von Mannbarkeit zeigte, entfernte ich von jetzt an dauernd von unserem Hofe und hatte so die Gewißheit, daß nichts Männliches mehr die Gier Zarisas reizen konnte. – – –

Und doch ersann sie eine Verleumdung zwischen Händen und Füßen. Türkische Redensart = illegitime Schwangerschaft. – – –

Ich ahnte nichts und sah auch nichts, denn die bauschigen Gewänder, die Zarisa zuletzt trug, ließen nicht den Verdacht einer Schwangerschaft aufkommen, eher hätte ich mir vorgestellt, von einem bösen Dschinn selbst befruchtet worden zu sein. – –

Etwa acht Tage nach dem Ramasan kam die Ueberraschung. Die alte Rukeija, der ich zum Feste die Freiheit geschenkt hatte, erschien spät abends in meinem Zimmer und konnte zuerst vor Lachen nicht reden, bis sie schließlich aus vollem Halse lachend herausplatzte: ›Zarisa hat ein Kind bekommen!‹

Lange schaute ich Rukeija fragend an, aber je erstaunter ich tat, desto mehr lachte sie. Endlich verlor ich die Geduld und schrie die Alte wütend an: ›Also dazu habe ich dir die Freiheit gegeben, du Undankbare, daß du hierher kommst und mich höhnst, wie einen verfluchten Giaur? Zarisa hat eine Kind bekommen, aber woher, in Allahs Namen, hat ein Peri ihr das Kind in den Schoß gepflanzt?! Weißt du nicht, du blöde Närrin, daß keine Mannesseele in unserem Hause ist, und daß das Mädchen nie Gelegenheit gehabt haben kann, sich von einem Manne berühren zu lassen?!‹

Rukeija wurde etwas verlegen, dann aber begann sie von neuem zu lachen und stotterte mühselig heraus, während ihr zahnloser Mund sich zu einer Grimasse verzog:

›Verzeih', gute Herrin, ich höhne nicht, Allah der Allbarmherzige weiß es, Zarisa hat wirklich ein kleines zappelndes Kind. Ein Wunder, ein Wunder! Und da niemand weiß, wie und wo sie das zustande gebracht, und an einer armen Sklavin wie Zarisa doch kein Wunder geschehen konnte, deshalb lache ich, wie du siehst. Verzeih' mir, gute Herrin, ich kann das Lachen nicht bezwingen, entweder aus Freude, daß wir ohne Mühe und Geld einen Zuwachs bekommen haben, oder über den gelungenen Scherz oder Betrug oder über die Frechheit, ganz gleich, wie du es nennen magst. Aber wenn du mir nicht glauben willst, daß ich die Wahrheit sage, dann überzeuge dich selbst, gute Herrin, und komm mit mir.‹

Die Alte küßte den Saum meines Kleides und verschwand. Auf dem Korridor schallte es noch lange von ihrem Gekicher. – – – – – –

Während der notwendigen Schonzeit schwieg ich, dann aber ließ ich Zarisa rufen.

Das Mädchen erschien etwas zagend, aber doch unbefangener, als ich glaubte. Die Schönheit der jungen Mutter hatte sich inzwischen noch gesteigert; ihre Wangen glühten, die Brüste waren rund und straff geworden, die Haut hatte etwas Olivenfarbenes bekommen, und aus den dichtbewimperten Augen lugte eine nie zu befriedigende Sinnlichkeit.

›Zarisa,‹ sagte ich ernst und streng, ›ist es wahr, daß du ein Kind zur Welt gebracht?!‹

Das Mädchen warf sich zu Boden, küßte den Saum meines Kleides und erwiderte leise, aber doch bestimmt:

›Ja, Herrin, es ist wahr, die Natur hat von mir gefordert, was sie wollte, es war Allahs Wille, nicht der meine. Allah akbar!‹

Jetzt stieg mir der Zorn ins Gesicht. ›Steh' auf,‹ schrie ich das Mädchen an, ›steh' auf, wie darfst du es wagen, dich an dem Namen des Allbarmherzigen zu versündigen; Munkar und Nakir Strafengel. werden dich strafen, weil du nicht allein eine Verleumdung zwischen Händen und Füßen erdacht Ein illegitimes Kind heimlich gebären., sondern den Namen des Höchsten noch lästerst! Gestehe, Elende, wer dir diese Frucht in den Schoß gepflanzt!‹

Ruhig, anscheinend ohne jede innere Erregung stand das Mädchen vor mir, und ebenso gefaßt, klar und bestimmt kam die Antwort aus ihrem Munde: ›Ibrahim, der zweite Aga!‹

›Wie?‹ fragte ich erstaunt, als ob ich nicht richtig gehört hätte, ›der zweite Aga soll der Vater deines Kindes sein?! Unverschämte!‹ fuhr ich die Sklavin wutentbrannt an, ›wie kannst du es wagen, mir so ins Gesicht zu lügen, eigentlich verdienst du, daß ich dich gleich auspeitschen lasse! Ein Aga zeugt keine Kinder!‹

Zarisa blieb ruhig.

›Ich habe die Wahrheit gesagt!‹ erwiderte sie in der ihr eigenen furchtlosen, fast kindlichen Art, und nun erzählte sie, wie eines Nachts der zweite Aga in ihr Zimmer gekommen, ohne eine Wort zu sprechen, ohne Liebkosung zu ihr ins Bett gestiegen sei und sie beschlafen habe. ›Hast du den Aga erkannt‹, fragte ich weiter, ›weißt du, daß er es wirklich war, und weshalb hast du dir dies alles gefallen lassen?‹

›Es war ganz dunkle Nacht,‹ fuhr Zarisa fort, ›ich habe nur das Gewand des Aga erkennen können, und da die Natur mich trieb, zu gewähren, was er begehrte, also geschah es. Allah weiß, daß ich nicht gegen die Natur gesündigt!‹

Im geheimen überkam mich ein gewisses Mitleid mit dem Mädchen, denn es folgte offenbar der fleischlichen Begierde, ohne sich des Zeugungsaktes recht bewußt zu sein. Bei den urwüchsigen Wüstenkindern mag es häufig so geschehen. Etwas milder gestimmt, entließ ich Zarisa daher mit den Worten: ›Geh' hinaus und schicke mir den ersten Aga!‹

Die Sklavin verbeugte sich bis auf den Fußboden, küßte den Saum meines Kleides und schlich mit ihren pantherartigen Bewegungen rücklings hinaus. – – –

Nach einer kleinen Weile stand der erste Aga an der Türe meines Salons; ernst und unbeweglich, als ob er keine Ahnung von dem hätte, was in unserem Haremlik vorgefallen war.

›Du weißt, was sich ereignet hat,‹ sprach ich den Aga an, ›Zarisa hat ein Kind bekommen, das ist Schmach und Schande, schlimmer aber ist noch, daß sie behauptet: ein Aga habe ihr die Frucht in den Schoß gepflanzt; geh und untersuche die Sache!‹

Der Eunuch rührte sich nicht, ein Schmunzeln glitt über seine dicken Lippen, dann öffnete er den breiten Mund und lispelte leise, fast verlegen und ironisch durch die fest aufeinander gebissenen mächtigen Zahnreihen:

›Was soll ich da untersuchen? Der Aga ist ein Verschnittener, und ein Verschnittener kann keines Menschen Erzeuger sein.‹

›Du hast recht,‹ sagte ich, ›aber welche Bewandtnis kann es denn mit dem angeblichen Aga haben? Zarisa behauptet, sie habe den nächtlichen Gast nur an seinem langen Rocke erkannt, hast du irgendwelchen Verdacht, daß sich ein fremder Mann ins Haus geschlichen?‹

Der Eunuch schüttelte den Kopf.

›Dann geh und rufe mir Ibrahim, deinen Genossen!‹ befahl ich, und der Eunuch verneigte sich, wie es Sitte ist, und verschwand. – – – –

Bald stand er wieder vor mir, aber diesmal hatte ihn seine eisige Ruhe verlassen. Sein Gesicht verdüsterte sich, und vor innerer Erregung brachte er nur mühselig die Worte hervor:

›Herrin, Herrin, Ibrahim ist fort. Knapp zehn Tage mögen es her sein, da zog er sich wegen Krankheit, wie er sagte, in seinen Kiosk zurück, und seitdem hat ihn niemand mehr gesehen. Der Kiosk ist leer.‹

Ich war geradezu sprachlos, daß ein Eunuch es wagen durfte, sich ohne Erlaubnis seines Herrn zu entfernen und die Gesetze des heiligen Islam so zu verhöhnen. Genug, Ibrahim war verschwunden, und ich stand vor einem neuen Rätsel. Nunmehr hielt ich es für angebracht, meinen Gatten rufen zu lassen und ihm zu erzählen, was sich im Haremlik ereignet hatte. Der Herr war zunächst über die Schamlosigkeit der Sklavin sehr erbittert und wollte sie am liebsten auspeitschen lasten. Als er aber erfuhr, daß ein Aga der Vater des Kindes sein soll, begann er unbändig zu lachen und betrachtete mich schließlich mit so verwunderten Augen, wie man eine Närrin ansieht.

›Du hörst doch, daß Ibrahim geflohen ist,‹ erwiderte ich, ›zum mindesten ist dieses Verschwinden eines gläubigen Eunuchen doch sehr verdächtig. Was nützt dein Lachen, das Kind ist da, und zu jedem Kinde gehört ein Vater. Vielleicht gelingt es dir, den dreisten Verführer zu ermitteln!‹

›Es gibt hierbei verschiedene Vermutungen und allerlei Möglichkeiten, die zur Entlarvung des zeugungslustigen Burschen führen könnten,‹ antwortete nachdenklich mein Gatte. ›Vielleicht ist Ibrahim gar kein Verschnittener gewesen. Aber um solchen Betrug ins Werk zu setzen, war er, wie es mir schien, denn doch zu fromm. Auch irgendein Fremdling kann sich eingeschlichen haben, oder Ibrahim hat das Mädchen an einen fremden Mann verschachert, und um diesem ungehindert Eintritt zu verschaffen, ihm sein Gewand geliehen. Hat die Türschließerin nichts Verdächtiges gemerkt?‹

Ich konnte hierüber keine Auskunft geben.

›Du hast doch mit Ibrahim zusammengelebt,‹ wandte sich mein Gatte jetzt an den Obereunuchen, der noch immer im Zimmer stand, ›hast du an deinem Genossen nichts beobachtet, was darauf schließen ließe, daß er im Besitze männlicher Empfindungen und Fähigkeiten sei?«

›Oh, Herr,‹ antwortete der Aga, ›wir Verschnittene sind schweigsam und leidenschaftslos, und also benahm sich auch Ibrahim. Nie kam über seine Lippen ein Wort der Sünde oder Scham. Die Sklavinnen behandelte er gerecht, die Frauen ehrerbietig. Was soll ich sagen, nichts Schlechtes war an Ibrahim, nichts, was einen Verdacht irgendwelcher Art hätte aufkommen lassen. Das Geheimnis seiner Flucht kann Allah allein nur ergründen!« – – – – – – – – – – – –

Mein Gatte sann noch einen Augenblick nach, dann gab er dem Aga einen Wink, sich zu entfernen, begrüßte mich und ging davon. – – – – – –


Die ganze aufregende Geschichte war hiermit erledigt.

Wir behielten Zarisa noch, bis das Kind laufen konnte, dann verabschiedeten wir sie, und ich habe nie wieder etwas von Mutter und Kind gehört.

Noch lange sprach man im Haremlik von der geheimnisvollen Begattung, das Rätsel blieb jedoch bis auf den heutigen Tag ungelöst. Manche vermuten, daß Ibrahim nicht völlig entmannt und daher zeugungsfähig gewesen sei. Andere hingegen behaupten, der Lala Haushofmeister. eines benachbarten Würdenträgers habe sich das Mädchen durch Ibrahim verkuppeln lassen und sich seiner Kleider bedient, um ungehindert durch das Tor gelangen zu können. Wer weiß es!« – – – – – – – – – – – –

Die Hannums lächelten, denn die Geschichte von der heimlich befruchteten Sklavin, deren Verführer unbekannt geblieben war, hatte allen Frauen viel Vergnügen bereitet. Im Salon war es plötzlich ganz still geworden; offenbar dachte jede Hannum über den seltsamen Fall noch ein Weilchen nach und versuchte das Geheimnis auf ihre Art zu ergründen.

Endlich unterbrach die »Mutter« das Stillschweigen und sagte in dem ihr eigenen etwas belehrenden Ton:

»Es ist doch seltsam, daß derartige Verführungen immer nur bei Frauen und Mädchen aus dem niederen Volke und bei Sklavinnen vorkommen. Nie habe ich davon gehört, daß eine rechtgläubige Hannum, die Bewohnerin eines gut bürgerlichen Haremlik, sich gegen unseren heiligen Islam versündigt und ihren Gatten hintergangen hätte!«

Alle Frauen, mit Ausnahme von Fathima ezzahra, widersprachen heftig, und die ältere der Besucherinnen, dieselbe, die soeben die Geschichte von der Zarisa erzählt hatte, meinte beschwichtigend: »Liebe Freundinnen, wenn wir uns den Gesprächsstoff über die Untreue der Frauen zur Unterhaltung wählen wollen, brauchen wir nicht erst ins Land der Giaurs zu pilgern, wo die Frauen auf offener Straße ihre Reize feilbieten sollen. In den Landen des gespaltenen Mondes scheint das Himmelslicht in manchen Haremlik, dessen Teppiche und Polsterkissen genug zu erzählen wissen, ich selbst könnte euch mit mancher lustigen oder traurigen Geschichte die Zeit kürzen, und ich bin überzeugt, daß ihr alle im Leben von dieser oder jener Treulosen erfahren habt, die ihren Gatten und Wohltäter in gemeiner Weise hinterging!«

Alle Hannums stimmten lachend zu.

Die »Mutter« aber erhob sich schnell, reichte ihren Besucherinnen freundlich die Hand und sagte: »Für heute mag es genug sein, die Morgenröte scheint schon ins Zimmer, gehen wir zur Ruhe und hoffen wir alle auf ein frohes Wiedersehen. Das nächste Mal mag jede von euch eine Geschichte von lasterhaften Frauen erzählen!«

Die Hannums verabschiedeten sich herzlich, und wir Agas und die Sklavinnen wurden wieder reichlich beschenkt. – – –

Nach einer Viertelstunde war das Licht in unserem Haremlik erloschen, und die ersten rosafarbenen Strahlen der Sonne fielen durch die vergitterten Fenster und beschienen mit himmlischer Gerechtigkeit Herrin und Sklavin.

Walilláhilhamd! Und Gott sei gepriesen!



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