William Shakespeare
Was ihr wollt
William Shakespeare

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Fünfter Aufzug

Erste Szene

Vor Olivias Hause: der Narr und Fabio

Fab. Wenn du mich lieb hast, lass mich seinen Brief sehen.

Narr. Lieber Herr Fabio, tut mir dafür einen andern Gefallen.

Fab. Was du willst.

Narr. Verlangt nicht diesen Brief zu sehn.

Fab. Das heisst, du schenkst mir einen Hund und forderst nachher zur Belohnung den Hund wieder.

Der Herzog, Viola und Gefolge treten auf

Hzg. Gehört ihr dem Fräulein Olivia an, Freunde?

Narr. Ja, Herr, wir sind ein Teil ihres Hausrates.

Hzg. Ich kenne dich wohl: wie gehts dir, guter Bursch?

Narr. Aufrichtig, Herr, je mehr Feinde desto besser, je mehr Freunde desto schlimmer.

Hzg. Grade umgekehrt: je mehr Freunde desto besser.

Narr. Nein, Herr, desto schlimmer.

Hzg. Wie ginge das zu?

Narr. Ei, Herr, sie loben mich und machen einen Esel aus mir. Meine Feinde hingegen sagen mir grade heraus dass ich ein Esel bin: also nehme ich durch meine Feinde in der Selbsterkenntnis zu und durch meine Freunde werde ich hintergangen. Also, Schlüsse wie Küsse betrachtet, wenn vier Verneinungen zwei Bejahungen ausmachen: je mehr Freunde desto schlimmer und je mehr Feinde desto besser.

Hzg. Ei, das ist vortrefflich.

Narr. Nein, Herr, wahrhaftig nicht . . . ob es euch gleich gefällt einer von meinen Freunden zu sein.

Hzg. Du sollst aber meinetwegen doch nicht schlimmer dran sein: da hast du Gold.

Narr. Wenn ihr kein Doppler dadurch würdet, Herr, so wollte ich, ihr könntet noch ein Stück daraus machen.

Hzg. O, ihr gebt mir einen schlechten Rat.

Narr. Steckt eure Gnade für diesmal noch in die Tasche, Herr, und lasst euer Fleisch und Blut ihr gehorchen.

Hzg. Gut, ich will mich einmal versündigen und ein Doppler sein: da hast du noch ein Stück.

Narr. Zum ersten, zum zweiten, zum dritten, dann wird erst zugeschlagen. Wie das alte Sprichwort sagt, sind aller guten Dinge drei: der Dreiachteltakt, Herr, ist ein guter lustiger Takt. Die Betglocke kanns euch zu Gemüte führen, sie sagt immer: eins, zwei, drei.

Hzg. Ihr könnt auf diesen Wurf nicht mehr Geld aus mir herausnarrieren. Wollt ihr euerm Fräulein melden dass ich sie zu sprechen wünsche und machen dass sie hierherkommt, so möchte das vielleicht meine Freigebigkeit wieder aufwecken.

Narr. Nun, Herr, eiapopeia eurer Freigebigkeit, bis ich zurückkomme! Ich gehe, Herr, aber ihr müsst ja nicht denken, mein Verlangen zu haben sei Gewinnsucht. Doch wie ihr sagt, lasst eure Freigebigkeit nur ein wenig einnicken . . . ich will sie gleich wieder aufwecken. Ab.

Antonio und Gerichtsdiener treten auf

Vio. Hier kommt der Mann der mich gerettet, Herr.

Hzg. Auf dies Gesicht besinn ich mich gar wohl.
Doch als ich es zuletzt sah, war es schwarz
Vom Dampf des Krieges, wie Vulkan, besudelt.
Er war der Hauptmann eines winzigen Schiffs,
Nach Gröss und flachem Bau von keinem Wert,
Womit er sich so furchtbar handgemein
Mit unsrer Flotte stärkstem Segel machte,
Dass selbst der Neid und des Verlustes Stimme
Preis über ihn und Ehre rief . . . Was gibts?

1. G.-Dien. Orsino, dies ist der Antonio
Der euch den Phönix nahm und seine Ladung . . .
Dies ist er, der den Tiger enterte,
Wo euer junger Neff ein Bein verlor.
Man hat ihn, bar der Scham und bar der Mittel,
Bei einem Streit hier in der Stadt ertappt.

Vio. Er tat mir Dienste, Herr, focht mir zum Schutz,
Doch hielt zuletzt mir wunderliche Reden –
Ich weiss nicht was es sonst als Wahnwitz war.

Hzg. Berüchtigter Pirat! Du See-spitzbube!
Welch toller Mut gab dich in deren Hand
Die mit so blutigem, teuerm Handel du
Zu Feinden dir gemacht?

Ant.                                         Orsino, edler Herr,
Erlaubt mir diese Namen abzuschütteln.
Antonio war noch nie Pirat noch Dieb,
Obschon, ich geb es zu, mit gutem Grund
Orsinos Feind. Ein Zauber zog mich her:
Den allerundankbarsten Knaben dort
Entriss ich dem ergrimmten, schäumigen Rachen
Der wüsten See. Er war des Todes Raub:
Ich gab sein Leben ihm, ja mehr noch, schenkte
Ihm meine Liebe, ohne Grenz und Rückhalt,
Und war ganz ihm gewidmet. Seinetwillen
Wagt ich hierher mich, einzig ihm zuliebe,
In die Gefahren dieser Feindes-stadt
Und focht für ihn, da man ihn angefallen.
Als man dabei mich griff, hiess ihn die List –
Nicht willens in Gefahr mir beizustehn –
Mir die Bekanntschaft ins Gesicht zu leugnen,
Und er ward mir um zwanzig Jahr entfremdet
In einem Nu, er stritt mein Geld mir ab,
Das ich ihm zum Gebrauch belassen hatte
Vor keiner halben Stunde.

Vio.                                           Wie ists möglich?

Hzg. Wann kam er in die Stadt?

Ant. Erst heute, und drei Monden lang vorher
Sind wir beisammen Tag und Nacht gewesen,
Auch nicht einmal minutenlang getrennt.

Olivia tritt auf mit Gefolge

Hzg. Die Gräfin kommt, der Himmel geht auf Erden . . .
Du aber, Mensch – Mensch, deine Red ist Wahnsinn:
Drei Monden dient mir dieser junge Mann.
Doch mehr hiervon nachher . . . Führt ihn beiseit.

Oli. Was wünscht mein Fürst, bis auf das ihm Versagte,
Worin Olivia kann gefällig sein? . . .
Cesario, ihr haltet mir nicht Wort.

Vio. Mein Fräulein –

Hzg.                           Reizende Olivia –

Oli. Cesario, was sagt ihr? . . . Gnädiger Herr –

Vio. Mein Herr will reden, Ehrfurcht heisst mich schweigen.

Oli. Wenns nach der alten Leier ist, mein Fürst,
So ist es wüst und widrig meinem Ohr
Wie Heulen nach Musik.

Hzg.                                       Noch immer grausam?

Oli. Noch immer standhaft, gnädiger Herr.

Hzg. In der Verkehrtheit? wie? Unholde Schöne,
An deren nimmer segnenden Altären
Mein Herz die treusten Opfer ausgehaucht
So je die Andacht darbot! – Was soll ich tun?

Oli. Ganz nach Gefallen, was eur Gnaden ansteht.

Hzg. Weswegen sollt ich nicht, litt' es mein Herz,
Wie der ägyptische Dieb in Todesnot
Mein Liebstes töten: wilde Eifersucht
Die oft ans Edle grenzt? Doch höret dies:
Weil ihr denn meine Treue gar nichts achtet,
Und ich so ziemlich doch das Werkzeug kenne
Das meinen Platz in eurer Gunst mir sperrt,
So lebt nur, marmorbusige Tyrannin!
Doch diesen euern Günstling den ihr liebt,
Den ich, beim Himmel, lieb und teuer halte,
Ihn will ich aus dem stolzen Auge reissen
Wo er gekrönt sitzt seinem Herrn zum Trotz . . .
Komm, Junge! Mein Entschluss ist reif zum Unheil.
Ich will mein zartgeliebtes Lamm entseelen,
Um einer Taube Rabenherz zu quälen. Will abgehen

Vio. Und ich, bereit, mit frohem, willigem Sinn,
Gäb, euch zum Trost, mich tausend Toden hin. Will ihm folgen

Oli. Wohin, Cesario?

Vio.                           Mit ihm, den ich liebe,
Mehr liebe als mein Aug, als meinen Leib,
Mehr, wie dies Mehr auch sei, als je ein Weib.
Und heuchle ich, ihr Zeugen droben, schlagt
Mein Leben, da mein Lieben so versagt.

Oli. Weh mir! Verworfner! wie getäuscht bin ich!

Vio. Wer täuscht euch denn? wer tut euch was zu Leid?

Oli. Vergisst du selbst dich? Ists so lange Zeit? . . .
Ruft doch den Priester her. Einer von ihren Leuten ab

Hzg.                                     Komm! fort mit mir!

Oli. Wohin? . . . Gemahl! Cesario, bleib hier!

Hzg. Gemahl?

Oli.                   Jawohl: Gemahl! Er widerspricht?

Hzg. Du ihr Gemahl?

Vio.                           Nein, gnädiger Herr, ich nicht.

Oli. Ach, es ist nur die Knechtschaft deiner Furcht
Was dich dein Eigentum erwürgen heisst.
Cesario, fürchte nichts, ergreif dein Glück,
Sei was du weisst, du seist es, und dann bist du
So gross als was du fürchtest . . .
    Der Bediente kommt mit dem Priester zurück
                                                      O willkommen!
Vater, dich ruf ich an bei deiner Weihe:
Bezeuge hier (obwohl wir jüngst gewünscht
In Nacht zu hüllen was der Anlass nun,
Noch eh es reif, ans Licht zieht) was du weisst
Als mit dem Jüngling hier und mir geschehn.

Prie. Ein Bündnis ewigen Vereins der Liebe,
Bestätigt durch in eins gefügte Hände,
Bezeugt durch eurer Lippen heiligen Druck,
Bekräftigt durch den Wechsel eurer Ringe
Und alle Förmlichkeiten des Vertrags,
Versiegelt durch mein Amt, mit meinem Zeugnis.
Seitdem, sagt mir die Uhr, hab ich zum Grabe
Zwei Stunden nur gewallet.

Hzg. O heuchlerische Brut! was wirst du sein,
Wann erst die Zeit den Kopf dir grau besät?
Wo nicht die Arglist dir so üppig wächst,
Bis du in deiner eignen Falle steckst.
Leb wohl und nimm sie: aber du sollst gehn
Wo du und ich uns fürder nie mehr sehn.

Vio. Ich schwöre, gnädiger Herr –

Oli.                                                 O keinen Schwur!
Bei soviel Furcht, heg etwas Treu doch nur!

Junker Christoph tritt auf mit einem blutigen Kopfe

Chr. Um Gottes Barmherzigkeit willen, einen Feldscherer! Und schickt gleich einen zum Junker Tobias!

Oli. Was gibts?

Chr. Er hat mir ein Loch in den Kopf geschlagen, und Junker Tobias hat auch einen blutigen Deckel weg. Um Gottes Barmherzigkeit willen, helft! Ich wollte hundert Taler drum geben dass ich zu Hause wäre.

Oli. Wer hat es getan, Junker Christoph?

Chr. Des Grafen Kavalier, Cesario heisst er. Wir glaubten er wär 'ne Memme, aber er ist der eingefleischte Teufel selbst.

Hzg. Mein Kavalier, Cesario?

Chr. Potz Blitz, da ist er! . . . Ihr habt mir um nichts und wieder nichts ein Loch in den Kopf geschlagen, und was ich getan habe dazu hat mich Junker Tobias angestiftet.

Vio. Was wollt ihr mir? Ich tat euch nichts zuleid.
Ihr zogt ohn Ursach gegen mich den Degen,
Ich gab euch gute Wort und tat euch nichts.

Chr. Wenn ein blutiger Deckel was Leides ist, so habt ihr mir was zuleide getan. Ich glaube, ihr haltet einen blutigen Deckel für nichts.
    Junker Tobias tritt auf, betrunken und von dem Narren geführt
Da kommt Junker Tobias angehinkt, ihr sollt noch mehr zu hören kriegen. Wenn er nicht was im Kopfe gehabt hätte, so sollte er euch wohl auf 'ne andre Manier haben tanzen lassen.

Hzg. Nun, Junker, wie stehts mit euch?

Tob. Es ist all eins: er hat mich verwundet und damit gut . . . Schöps, hast du Görgen den Feldscherer gesehn, Schöps?

Narr. O der ist betrunken, Junker Tobias, schon über eine Stunde, seine Augen waren früh um acht schon untergegangen.

Tob. So ist er ein Schlingel und eine Schlafmütze. Nichts abscheulicher als so 'n betrunkner Schlingel.

Oli. Fort mit ihm! . . . Wer hat sie so übel zugerichtet?

Chr. Ich will euch helfen, Junker Tobias, wir wollen uns zusammen verbinden lassen.

Tob. Wollt ihr helfen? . . . Ein Eselskopf, ein Hasenfuss und ein Schuft! ein lederner Schuft! ein Pinsel!

Oli. Bringt ihn zu Bett und sorgt für seine Wunde.

Der Narr, Junker Tobias und Junker Christoph ab – Sebastian tritt auf

Seb. Es tut mir leid um euers Vetters Wunde,
Doch wärs der Bruder meines Bluts gewesen:
Ich musste – wollt ich klug und sicher sein.
Ihr blicket fremd mich an, mein Fräulein, und
Daran bemerk ich dass es euch beleidigt.
Verzeiht mir, Holde, jener Schwüre wegen
Die wir einander eben nur getan.

Hzg. Gesicht, Ton, Kleidung eins, doch zwei Personen! Ein wahrer Gaukelschein der ist und nicht ist.

Seb. Antonio! O mein teuerster Antonio!
Wie haben nicht die Stunden mich gefoltert,
Seitdem ich euch verlor!

Ant.                                         Seid ihr Sebastian?

Seb. Wie? zweifelst du daran, Antonio?

Ant. Wie habt ihr denn euch von euch selbst getrennt?
Ein Ei ist ja dem andern nicht so gleich
Als diese zwei Geschöpfe. Wer von beiden
Ist nun Sebastian?

Oli.                                 Höchst wunderbar!

Seb. Steh ich auch dort? Nie hatt ich einen Bruder
Noch rühmt mein Wesen sich der Göttlichkeit
Von Hier-und-überall. Eine Schwester hatt ich
Die blinde Flut und Brandung mir verschlang,
Zu Viola: Um Gottes willen, seid ihr mir verwandt?
Aus welchem Land? Wess Namens? Wess Geschlechts?

Vio. Von Metelin . . . Sebastian war mein Vater,
Solch ein Sebastian war mein Bruder auch.
Den Anzug nahm er in sein feuchtes Grab,
Und kann ein Geist Gestalt und Tracht erborgen,
So kommt ihr, uns zu schrecken.

Seb.                                                     Ja, ich bin ein Geist,
Doch in den Körper fleischlich noch gehüllt
Der von der Mutter Schoss mir angehört.
Wärt ihr ein Weib, da alles andre zutrifft,
Ich liess' auf eure Wangen Tränen fallen
Und spräch: Viola, tote, dreimal Willkomm!

Vio. Mein Vater hatt ein Mal auf seiner Stirn.

Seb. Das hatt auch meiner.

Vio. Und starb den Tag als dreizehn Jahr Viola
Seit der Geburt gezählt.

Seb. O, die Erinnrung lebt in meiner Seele!
Ja, er verliess die Sterblichkeit den Tag
Der meiner Schwester dreizehn Jahre gab.

Vio. Steht nichts im Weg uns beide zu beglücken
Als diese angenommne Männertracht,
Umarmt mich dennoch nicht, bis jeder Umstand
Von Lage, Zeit und Ort sich fügt und trifft
Dass ich Viola bin. Dies zu bestärken,
Kommt mit zu einem Schiffsherrn in der Stadt,
Dort liegt mein Mädchenkleid. Sein gütiger Beistand
Erhielt mich heil zum Dienst des edlen Grafen,
Und was seitdem sich mit mir zugetragen
War zwischen dieser Dam und diesem Herrn.

Seb. So kam es, Fräulein, dass ihr euch geirrt,
Doch die Natur folgt' ihrem Zug hierin.
Ihr wolltet einer Jungfrau euch verbinden
Und seid darin, beim Himmel! nicht betrogen:
Jungfräulich ist der euch vermählte Mann.

Hzg. Seid nicht bestürzt! Er stammt aus edlem Blut . . .
Wenn dies so ist, und noch scheint alles wahr,
So hab ich teil an diesem frohen Schiffbruch.
Zu Viola: Du hast mir, Junge, tausendmal gesagt,
Du würdst ein Weib nie lieben so wie mich.

Vio. Und all die Worte will ich gern beschwören,
Und all die Schwüre treu im Herzen halten,
Wie die gewölbte Veste dort das Licht
Das Tag und Nächte scheidet.

Hzg.                                                 Gib mir deine Hand
Und lass mich dich in Fraungewändern sehn.

Vio. Der Schiffspatron der hier an Land mich brachte
Bewahrt mein Kleid: er ist für einen Handel
Jetzt in Verhaft, auf Forderung Malvolios,
Der einen Ehrendienst beim Fräulein hat.

Oli. Er soll ihn gleich in Freiheit setzen: ruft
Malvolio her . . . Ach, nun erinnr ich mich,
Der arme Mann soll ganz von Sinnen sein.
    Der Narr kommt zurück mit einem Briefe
Ein höchst zerstreuender Wahnsinn in mir selbst
Verbannte seinen ganz aus meinem Geist.
Was macht er, Bursch?

Narr. Wahrhaftig, gnädiges Fräulein, er hält sich den Beelzebub so gut vom Leibe als ein Mensch in seinen Umständen nur irgend kann. Er hat euch da einen Brief geschrieben, ich hätte ihn schon heute morgen übergeben sollen . . . aber Episteln von Tollen sind kein Evangelium, also kommt nicht viel darauf an wann sie bestellt werden.

Oli. Mach ihn auf und lies.

Narr. Nun erbaut euch recht, wenn der Narr den Tollen vorträgt . . . »Bei Gott, Fräulein!«

Oli. Was ist dir? bist du toll?

Narr. Nein, Fräulein, ich lese nur Tollheit. Wenn euer Gnaden beliebt dass ich es gehörig machen soll, so muss meine Vox freien Lauf haben.

Oli. Sei so gut und lies bei gesundem Verstande.

Narr. Das tu ich, Madonna. Aber um seinen gesunden Verstand zu lesen, muss man so lesen. Also erwägt, meine Prinzessin, und merkt auf!

Oli. Lest ihr es, Fabio.

Fab. Liest: »Bei Gott, Fräulein, ihr tut mir unrecht, und die Welt soll es wissen. Habt ihr mich schon in ein dunkles Loch gesperrt und euerm betrunknen Vetter Aufsicht über mich gegeben, so habe ich doch den Gebrauch meiner Sinne ebensogut als euer Gnaden. Ich habe euern eignen Brief der mich zu dem angenommenen Betragen bewogen hat und bin gewiss dass ich mich damit rechtfertigen und euch beschämen kann. Denkt von mir wie ihr wollt. Ich stelle meine Ehrerbietung auf einen Augenblick beiseite und rede nach der zugefügten Beleidigung.

Der toll-behandelte Malvolio.«

Oli. Hat er das geschrieben?

Narr. Ja, Fräulein.

Hzg. Das schmeckt nicht sehr nach Verrücktheit.

Oli. Setz ihn in Freiheit, Fabio, bring ihn her . . . Fabio ab
Mein Fürst, beliebts euch nach erwogner Sache
Als Schwester mich statt Gattin anzusehn,
So krön ein Tag den Bund, wenns euch beliebt,
In meinem Hause und auf meine Kosten.

Hzg. Eur Antrag, Fräulein, ist mir höchst willkommen.
Zu Viola: Eur Herr entlässt euch: für die getanen Dienste,
Ganz streitend mit der Schüchternheit des Weibes,
Tief unter der gewohnten zarten Pflege,
Und weil ihr mich so lange Herr genannt,
Nehmt meine Hand hier, und von jetzo an
Seid euers Herren Herrin.

Oli.                                           Schwester? – Ja, ihr seids.

Fabio kommt mit Malvolio zurück

Hzg. Ist der da der Verrückte?

Oli.                                           Ja, mein Fürst.
Wie stehts, Malvolio?

Mal. Fräulein, ihr habt mir Unrecht angetan,
Gross Unrecht.

Oli.                           Hab ich das, Malvolio? Nein.

Mal. Ihr habt es, Fräulein. Lest nur diesen Brief.
Ihr dürft nicht leugnen, dies ist eure Hand.
Schreibt anders, wenn ihr könnt, in Stil und Zügen,
Sagt, Siegel und Erfindung sei nicht euer.
Ihr könnt es nicht: wohlan, gesteht es denn
Und sagt mir, um der Sitt und Ehre willen,
Was gabt ihr mir so klare Gunstbeweise,
Hiesst lächelnd mich erscheinen, gelbe Strümpfe
Und Gurte kreuzweis tragen, finster blicken
Auf euren Vetter und das mindre Volk,
Und als ich dies in williger Hoffnung tat,
Weswegen liesst ihr mich gefangensetzen,
Ins Dunkle sperren, schicktet mir den Priester
Und machtet mich zum ärgsten Narrn und Gecken
An dem der Witz sich jemals übte? Sagt!

Oli. Malvolio, ach! dies ist nicht meine Hand,
Obschon, ich muss gestehn, die Züg ihr gleichen.
Doch ohne Zweifel ists Marias Hand.
Und nun besinn ich mich, sie sagte mir
Zuerst, du seist verrückt. Dann kamst du lächelnd
Und in dem Anzug wie man es im Brief
Dir nahgelegt. Ich bitte dich, sei ruhig!
Es ist dir ein durchtriebner Streich gespielt . . .
Doch kennen wir davon erst Grund und Täter,
So sollst du beides, Kläger sein und Richter
In eigner Sache.

Fab.                           Hört mich, wertes Fräulein,
Und lasst kein Hadern, keinen künftigen Zank
Den Glanz der gegenwärtigen Stunde trüben,
Worüber ich erstaunt. In dieser Hoffnung
Bekenn ich frei, ich und Tobias haben
Dies gegen den Malvolio ausgedacht,
Für mürrisches und ungeschliffnes Wesen
Das uns von ihm verdross. Maria schrieb
Den Brief auf starkes Dringen unsers Junkers,
Zum Dank wofür er sie zur Frau genommen.
Wie wirs mit lustiger Bosheit durchgesetzt,
Ist mehr des Lachens als der Rache wert,
Erwägt man die Beleidigungen recht
Die beiderseits geschehn.

Oli. Ach, armer Schelm, wie hat man dich geneckt!

Narr. Ja »einige werden hochgeboren, einige erwerben Hoheit und einigen wird sie zugeworfen«. Ich war auch eine Person in diesem Possenspiele, mein Herr . . . ein gewisser Ehrn Matthias, mein Herr . . . aber das kommt auf eins heraus. »Beim Himmel, Narr, ich bin nicht toll.« . . . Aber erinnert ihr euch noch? »Gnädiges Fräulein, warum lacht ihr über solch einen ungesalznen Schuft? Wenn ihr nicht lacht, so ist ihm der Mund zugenäht.« . . . Und so bringt das Dreherchen der Zeit seine gerechte Vergeltung herbei.

Mal. Ich räche mich an eurer ganzen Rotte. Ab.

Oli. Man hat ihm doch entsetzlich mitgespielt.

Hzg. Geht, holt ihn ein, bewegt ihn zur Versöhnung.
Er muss uns von dem Schiffspatron noch sagen.
Wenn wir das wissen, und die goldne Zeit
Uns einlädt, soll ein feierlicher Bund
Der Seelen sein . . . Indessen, liebe Schwester,
Verlassen wir euch nicht . . . Cesario, kommt!
Das sollt ihr sein, solang ihr Mann noch seid . . .
Doch wenn man euch in andern Kleidern schaut,
Orsinos Herrin, seiner Liebe Braut. Ab.

Narr singt:
    Und als ich ein winzig Bübchen war,
        Hop heisa, bei Regen und Wind!
    Da machten zwei nur eben ein Paar.
        Denn der Regen, der regnet jeglichen Tag.
    Und als ich vertreten die Kinderschuh,
        Hop heisa, bei Regen und Wind!
    Da schloss man vor Dieben die Häuser zu.
        Denn der Regen, der regnet jeglichen Tag.
    Und als ich, ach! ein Weib tat frein,
        Hop heisa, bei Regen und Wind!
    Da wollte mir Müssiggehn nicht gedeihn.
        Denn der Regen, der regnet jeglichen Tag.
    Und als der Wein mir steckt' im Kopf,
        Hop heisa, bei Regen und Wind!
    Da war ich ein armer betrunkner Tropf.
        Denn der Regen, der regnet jeglichen Tag.
    Die Welt steht schon eine hübsche Weil,
        Hop heisa, bei Regen und Wind!
    Doch das Stück ist nun aus, und ich wünsch euch viel Heil
        Und dass es euch künftig so gefallen mag. Ab.

 


 


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