William Shakespeare
Was ihr wollt
William Shakespeare

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Zweiter Aufzug

Erste Szene

Die Seeküste: Antonio und Sebastian

Ant. Wollt ihr nicht länger bleiben? und wollt auch nicht dass ich mit euch gehe?

Seb. Mit eurer Erlaubnis, nein. Meine Gestirne schimmern dunkel auf mich herab: die Missgunst meines Schicksals könnte vielleicht das eurige anstecken. Ich muss mir daher eure Einwilligung ausbitten meine Leiden allein zu tragen. Es war ein schlechter Lohn für eure Liebe euch irgend etwas davon aufzubürden.

Ant. Lasst mich doch noch wissen wohin ihr euren Weg richtet.

Seb. Nein, Herr, verzeiht mir! Die Reise die ich vorhabe ist blosses Abenteuern. Doch werde ich an euch einen so vortrefflichen Zug von Bescheidenheit gewahr, dass ihr mir nicht abnötigen wollt was ich zu verschweigen wünsche: um so eher verbindet mich gute Sitte mich euch zu offenbaren. Ihr müsst also wissen, Antonio, mein Name ist Sebastian, statt dessen ich mich Roderigo nannte. Mein Vater war der Sebastian von Metelin, von dem ihr, wie ich weiss, gehört habt. Er hinterliess mich und eine Schwester, beide in einer Stunde geboren: hätt es dem Himmel gefallen, dann hätten wir auch so enden sollen! Aber dem kamt ihr zuvor: denn etwa eine Stunde, ehe ihr mich aus der Brandung rettetet, war meine Schwester ertrunken.

Ant. Guter Himmel!

Seb. Sie war ein Mädchen das, ob man gleich sagte, sie sehe mir sehr ähnlich, von vielen für schön gehalten ward . . . aber könnt ich auch nicht in eine so übertriebne Bewundrung einstimmen, so darf ich doch kühnlich behaupten, ihr Gemüt war so geartet, dass der Neid selbst es schön nennen musste. Sie ertrank in der salzigen Flut, ob ich gleich ihr Andenken von neuem damit zu ertränken scheine.

Ant. Verzeiht mir, Herr, eure schlechte Bewirtung.

Seb. O bester Antonio, vergebt mir eure Beschwerden.

Ant. Wenn ihr mich nicht für meine Liebe umbringen wollt, so lasst mich euern Diener sein.

Seb. Wenn ihr nicht zerstören wollt was ihr getan, nämlich den umbringen den ihr gerettet habt, so verlangt es nicht. Lebt ein für allemal wohl! Mein Herz ist voller Zärtlichkeit, und ich habe noch soviel von der Art meiner Mutter an mir, wenn ihr mir noch den geringsten Anlass gebt, werden meine Augen davon überfliessen. Ich will zum Hofe des Grafen Orsino: lebt wohl! Ab.

Ant. Mög aller Götter Milde dich geleiten! . . .
Ich hab am Hof Orsinos viele Feinde,
Sonst ging' ich nächstens hin, dich dort zu sehn.
Doch was auch kommt, du füllst mir so das Herz:
Ich will zu dir – dann ist Gefahr nur Scherz. Ab.

 

Zweite Szene

Eine Strasse: Viola, Malvolio ihr nachgehend

Mal. Wart ihr nicht eben jetzt bei der Gräfin Olivia?

Vio. Eben jetzt, mein Herr . . . in einem massigen Schritte bin ich seitdem nur bis hierher gekommen.

Mal. Sie schickt euch diesen Ring wieder, Herr. Ihr hättet mir die Mühe sparen können, wenn ihr ihn selbst mitgenommen hättet. Sie fügt ausserdem hinzu, ihr solltet eurem Herrn aufs bündigste bedeuten dass sie ihn nicht will. Noch eins: ihr möchtet euch niemals erdreisten in seinen Angelegenheiten wieder zu ihr zu kommen, es wäre denn, um zu berichten wie euer Herr dies aufgenommen hat. So nehmt ihn hin.

Vio. Sie nahm den Ring von mir, ich will ihn nicht.

Mal. Hört, ihr habt ihn ihr barsch hingeworfen, und ihr Wille ist, ich soll ihn ebenso zurückgeben. Ist es der Mühe wert sich danach zu bücken, so liegt er hier vor euern Augen . . . wo nicht, so nehm ihn der erste der ihn findet. Ab.

Vio. Ich liess ihr keinen Ring: was meint dies Fräulein?
Verhüte dass mein Schein sie nicht betört!
Sie sah mich gründlich an, fürwahr so sehr,
Dass, schiens, ihr Auge ihr die Zunge stahl.
Sie sprach verwirrt in abgebrochnen Reden.
Sie liebt mich, ja! Die Schlauheit ihrer Neigung
Lädt mich durch diesen mürrischen Boten ein.
Der Ring von meinem Herrn? – Er schickt' ihr keinen:
Ich bin der Mann . . . Wenn dem so ist, so täte
Die Arme besser einen Traum zu lieben.
Verkleidung! Du bist eine Schalkheit, seh ich,
Worin der listige Feind gar mächtig ist.
Wie leicht wirds hübschen Gleisnern nicht ihr Bild
Der Weiber weichen Herzen einzuprägen!
Nicht wir sind schuld, ach! unsre Schwäch allein.
Wie wir gemacht sind müssen wir ja sein.
Wie soll das gehn? Orsino liebt sie innig,
Ich armes Untier bin gleich voll von ihm,
Und sie, Betrogne, scheint in mich vergafft.
Was soll draus werden? Weil ich Mann bin, muss
Ich an der Liebe meines Herrn verzweifeln.
Und weil ich Weib bin: lieber Himmel, ach!
Wie fruchtlos wird Olivia seufzen müssen!
O Zeit! du selbst entwirre dies, nicht ich.
Ein zu verschlungner Knoten ists für mich. Ab.

 

Dritte Szene

Ein Zimmer in Olivias Hause: Junker Tobias und Junker Christoph

Tob. Kommt, Junker Christoph! Nach Mitternacht nicht zu Bette sein heisst früh auf sein, und diluculo surgere, weisst du –

Chr. Nein, bei meiner Ehre, ich weiss nicht . . . aber ich weiss: spät aufbleiben ist spät aufbleiben.

Tob. Ein falscher Schluss, mir so zuwider wie 'ne leere Kanne. Nach Mitternacht auf sein und dann zu Bett gehn, ist früh . . . und also heisst nach Mitternacht zu Bett gehn früh zu Bett gehn. Besteht unser Leben nicht aus den vier Elementen?

Chr. Ja, wahrhaftig, so sagen sie . . . aber ich glaube eher dass es aus Essen und Trinken besteht.

Tob. Du bist ein Gelahrter. Lass uns also essen und trinken . . . Heda, Marie! Ein Stübchen Wein!

Der Narr tritt auf

Chr. Da kommt der Narr, mein Seel.

Narr. Was macht ihr, Herzenskinder? Sollen wir im Wirtshaus zu den drei Narren einkehren?

Tob. Willkommen, du Eselskopf! Lass uns einen Kanon singen.

Chr. Mein Seel, der Narr hat eine prächtige Lunge. Ich wollte ein halb Dutzend Dukaten drum geben, wenn ich so 'ne Wade hätte und so 'nen schönen Ton zum Singen wie der Narr. Wahrhaftig, du brachtest gestern abend charmante Possen vor, da du von Pigrogromitus erzähltest, von den Vapianern, die die Linie von Queubus passieren. Er war prächtig, meiner Treu. Ich schickte dir einen Batzen für dein Schätzchen. Hast ihn gekriegt?

Narr. Ich habe dein Präsent in den Sack gesteckt, denn Malvolios Nase ist kein Peitschenstiel . . . mein Fräulein hat eine weisse Hand, und die Myrmidonier sind keine Bierhäuser.

Chr. Herrlich! Das sind die besten Spässe, alles in allem genommen. Nun sing eins.

Tob. Mach zu, da hast du einen Batzen. Lass uns ein Lied hören.

Chr. Da hast du auch einen von mir: was dem einen recht ist –

Narr. Wollt ihr ein Liebeslied oder ein Lied von gutem Lebenswandel?

Tob. Ein Liebeslied! ein Liebeslied!

Chr. Ja! ja! ich frage nichts nach gutem Lebenswandel.

Narr singt:
    O Schatz! auf welchen Wegen irrt ihr?
    O bleibt und hört! der Liebste girrt hier,
        Singt in hoh- und tiefem Ton.
    Hüpft nicht weiter, zartes Kindlein!
    Liebe findt zuletzt ihr Stündlein,
        Das weiss jeder Muttersohn.

Chr. Exzellent, wahrhaftig!

Tob. Schön! schön!

Narr singt:
    Was ist die Lieb? Sie ist nicht künftig.
    Gleich gelacht ist gleich vernünftig,
        Was noch kommen soll ist weit.
    Wenn ich zögre, so verscherz ich.
    Komm denn, Liebchen, küss mich herzig!
        Jugend hält so kurze Zeit.

Chr. Eine honigsüsse Stimme, so wahr ich ein Junker bin!

Tob. Eine pestilenzialische Kehle!

Chr. Recht süss und pestilenzialisch, wahrhaftig!

Tob. Ja, wenn man sie durch die Nase hört, süss bis zur Pestilenz. Aber sollen wir den Himmel voll Geigen hängen? Sollen wir die Nachteule mit einem Kanon aufstören der einem Leinweber drei Seelen aus dem Leibe haspeln könnte? Sollen wir?

Chr. Ja, wenn ihr mich lieb habt, so tut das. Ich bin wie der Teufel auf einen Kanon. Stimmt an:
    Du Schelm –

Narr. »Halts Maul, du Schelm?« Da würd ich ja genötigt sein dich Schelm zu nennen, Junker.

Chr. Es ist nicht das erstemal dass ich jemand nötige mich Schelm zu nennen. Fang an, Narr! Es fängt an »Halts Maul!«

Narr. Ich kann niemals anfangen, wenn ich das Maul halte.

Chr. Das ist, mein Seel, gut! Nu, fang an.

Sie singen einen Kanon – Maria tritt auf

Mar. Was macht ihr hier für ein Katzenkonzert? Wenn das Fräulein nicht ihren Haushofmeister Malvolio gerufen hat, dass er euch aus dem Hause werfen soll, so will ich nicht ehrlich sein.

Tob. Das Fräulein ist ein Duckmäuser, wir sind Kannengiesser, Malvolio ist eine alte Käthe, und singt:
    Drei lustige Kerle sind allhier.
Bin ich nicht ihr Blutsverwandter? Bin ich nicht aus ihrem Geblüt? lala, Fräulein! singt:
    In Babylon, da wohnt' ein Mann!
        Lalalalalala!

Narr. Weiss der Himmel! der Junker gibt prächtige Narrenstreiche an.

Chr. Ja, das kann er so ziemlich, wenn er aufgelegt ist, und ich auch. Ihm steht es besser, aber mir steht es natürlicher.

Tob. singt: Am zwölften Tag im Wintermond –

Mar. Um des Himmels willen, still!

Malvolio tritt auf

Mal. Seid ihr toll, ihr Herren? oder was seid ihr? Habt ihr keine Scham noch Schande, dass ihr so spät in der Nacht wie Zahnbrecher schreit? Wollt ihr des gnädigen Fräuleins Haus zur Schenke machen, dass ihr eure Schuhflickermelodien mit so unbarmherziger Stimme herausquäkt? Könnt ihr weder Mass noch Ziel halten?

Tob. Wir haben bei unserm Singen recht gut Mass gehalten. Geht zum Kuckuck!

Mal. Junker Tobias, ich muss rein heraus mit euch sprechen. Das gnädige Fräulein trug mir auf euch zu sagen, ob sie euch gleich als Verwandten beherbergt, so habe sie doch nichts mit euren Unordnungen zu schaffen. Wenn ihr euch von eurer üblen Aufführung losmachen könnt, so seid ihr in ihrem Hause willkommen. Wo nicht, und es beliebt euch Abschied von ihr zu nehmen, so wird sie euch sehr gern Lebewohl sagen.

Tob. singt:
    Leb wohl, mein Schatz, ich muss von hinnen gehen.

Mar. Ich bitt euch, Junker Tobias.

Narr. singt:
    Man siehts ihm an, bald ists um ihn geschehen.

Mal. Wollt ihr es durchaus nicht lassen?

Tob. singt:
    Ich sterbe nimmermehr.

Narr. singt:
    Da, Junker, lügt ihr sehr.

Mal. Es macht euch wahrhaftig viel Ehre.

Tob. singt:
    Heiss ich gleich ihn gehn?

Narr. singt:
    Was wird draus entstehn?

Tob. singt:
    Heiss ich gleich ihn gehn, den Wicht?

Narr. singt:
    Nein, nein, nein, ihr wagt es nicht.

Tob. Aus dem Takt, Kerl! gelogen! . . . Bist du was mehr als ein Haushofmeister? Vermeinest du, weil du tugendhaft seiest, solle es in der Welt keine Torten und keinen Wein mehr geben?

Narr. Das solls, bei Sankt Kathrinen! und der Ingwer soll auch noch im Munde brennen.

Tob. Du hast recht . . . Geht, Herr, kehrt vor eurer eignen Türe! . . . Ein Stübchen Wein, Maria!

Mal. Jungfer Maria, wenn ihr euch das Geringste aus der Gnade des Fräuleins machtet, so würdet ihr diesem unfeinen Lebenswandel keinen Vorschub geben. Sie soll es wissen, bei meiner Ehre, Ab.

Mar. Geh und brumme nach Herzenslust.

Chr. Es wäre eben so ein gutes Werk als zu trinken wenn man hungrig ist, wenn ihn einer herausforderte und ihm dann sein Wort nicht hielte und ihn zum Narren hätte.

Tob. Tu das, Junker . . . ich will dir eine Ausforderung schreiben oder ich will ihm deine Entrüstung mündlich kundtun.

Mar. Lieber Junker Tobias, haltet euch nur diese Nacht still: seit der junge Mann vom Grafen heute bei dem Fräulein war, ist sie sehr unruhig. Mit Musje Malvolio lasst mich nur machen. Wenn ich ihn nicht so foppe, dass er zum Sprichwort und zum allgemeinen Gelächter wird, so glaubt nur dass ich nicht gescheit genug bin um grade im Bette zu liegen. Ich bin meiner Sache gewiss.

Tob. Lass hören! lass hören! Erzähle uns was von ihm.

Mar. Nun, Herr, er ist manchmal eine Art von Pietisten.

Chr. O, wenn ich das wüsste, so wollte ich ihn hundemässig prügeln.

Tob. Was? Weil er ein Pietist ist? Deine wohlerwognen Gründe, Herzensjunker?

Chr. Wohl erwogen sind meine Gründe eben nicht, aber sie sind doch gut genug.

Mar. Den Henker mag er ein Pietist oder sonst etwas anders auf die Dauer sein, als einer der den Mantel nach dem Winde hängt. Ein gezierter Esel der vornehme Redensarten auswendig lernt und sie bei grossen Brocken wieder von sich gibt . . . aufs beste mit sich selbst zufrieden, wie er meint so ausgefüttert mit Vollkommenheiten, dass es ein Glaubensartikel bei ihm ist, wer ihn ansieht müsse sich in ihn verlieben. Dies Laster an ihm wird meiner Rache vortrefflich zustatten kommen.

Tob. Was hast du vor?

Mar. Ich will ihm unverständliche Liebesbriefe in den Weg werfen, worin er sich nach der Farbe seines Bartes, dem Schnitt seiner Waden, der Weise seines Ganges, nach Augen, Stirn und Gesichtsfarbe handgreiflich abgeschildert finden soll. Ich kann genau so wie das Fräulein, eure Nichte, schreiben: wenn uns ein Zettel über eine vergessne Sache vorkommt, so können wir unsre Hände kaum unterscheiden.

Tob. Herrlich! ich wittre den Pfiff.

Chr. Er sticht mir auch in die Nase.

Tob. Er soll denken, die Briefe die du ihm in den Weg fallen lässest kämen von meiner Nichte, und sie wäre in ihn verliebt.

Mar. Ja, so sieht der Handel ungefähr aus.

Chr. O, es wird prächtig sein!

Mar. Ein königlicher Spass, verlasst euch drauf: ich weiss, mein Tränkchen wird bei ihm wirken. Ich will euch beide – der Narr kann den dritten Mann abgeben – auf die Lauer stellen wo er den Brief finden soll. Gebt acht wie er ihn auslegt. Für heute nacht zu Bett, und lasst euch von der Kurzweil träumen. Adieu. Ab.

Tob. Gute Nacht, Amazone.

Chr. Meiner Treu! sie ist 'ne brave Dirne.

Tob. Sie ist ein artiges Kätzchen, und sie betet mich an. Was schadet das?

Chr. Ich wurde auch einmal angebetet.

Tob. Komm zu Bett, Junker . . . Es täte not dass du dir Geld kommen liessest.

Chr. Wenn ich eurer Nichte nicht habhaft werden kann, so habe ich mich schlimm gebettet.

Tob. Lass Geld kommen, Junker. Wenn du sie nicht am Ende noch kriegst, so nenn mich Matz.

Chr. Wenn ichs nicht tue, so bin ich kein ehrlicher Kerl, nehmts wie ihr wollt.

Tob. Komm, komm! Ich will heissen Wein zurechtmachen, es ist jetzt zu spät zu Bette zu gehn. Komm, Junker! komm, Junker! Ab.

 

Vierte Szene

Ein Zimmer im Palaste des Herzogs: der Herzog, Viola, Curio und Andere

Hzg. Macht mir Musik! . . . Ei, guten Morgen, Freunde! . . .
Nun denn, Cesario, jenes Stückchen nur,
Das alte, schlichte Lied von gestern abend!
Mich dünkt, es linderte den Gram mir sehr,
Mehr als gesuchte Wort und luftige Weisen
Aus dieser raschen, wirbelfüssigen Zeit.
Kommt! eine Strophe nur!

Cur. Euer Gnaden verzeihen, der es singen sollte ist nicht hier.

Hzg. Wer war es?

Cur. Fest, der Spassmacher, gnädiger Herr: ein Narr an dem Fräulein Olivias Vater grosses Behagen fand. Er wird nicht weit von hier sein.

Hzg. So sucht ihn auf und spielt die Weis indes. Curio Ab. Musik
Komm näher, Junge. Wenn du jemals liebst,
Gedenke meiner in den süssen Qualen.
Denn so wie ich sind alle Liebenden,
Unstet und launenhaft in jeder Regung,
Das stete Bild des Wesens ausgenommen
Das ganz geliebt wird . . . Magst du diese Weise?

Vio. Sie gibt ein rechtes Echo jenem Sitz
Wo Liebe thront.

Hzg.                           Du redest meisterhaft.
Mein Leben wett ich drauf, jung wie du bist,
Hat schon dein Aug um werte Gunst gebuhlt.
Nicht, Kleiner?

Vio.                         Ja, mit eurer Gunst, ein wenig.

Hzg. Was für ein Mädchen ists?

Vio.                                             Von eurer Farbe.

Hzg. So ist sie dein nicht wert. Von welchem Alter?

Vio. Von euerm etwa, gnädiger Herr.

Hzg. Zu alt, beim Himmel! Wähle doch das Weib
Sich einen Ältern stets! So fügt sie sich ihm an,
So herrscht sie dauernd in des Gatten Brust.
Denn, Knabe, wie wir uns auch preisen mögen,
Sind unsre Neigungen doch wankelmütiger,
Begieriger, schwanker, leichter her und hin
Als die der Fraun.

Vio.                             Ich glaub es, gnädiger Herr.

Hzg. So wähl dir eine jüngere Geliebte,
Sonst hält unmöglich deine Liebe stand.
Denn Mädchen sind wie Rosen: kaum entfaltet,
Ist ihre holde Blüte schon veraltet.

Vio. So sind sie auch: ach! muss ihr Los so sein,
Zu sterben grad im herrlichsten Gedeihn?

Curio kommt zurück und der Narr

Hzg. Komm, Bursch! Sing uns das Lied von gestern abend . . .
Gib acht, Cesario, es ist alt und schlicht.
Die Spinnerin und Stickerin im Frein,
Die muntre Magd die ihre Spitzen webt
Pflegt es zu singen! Es ist simpel wahr
Und tändelt mit der unschuldvollen Liebe,
So wie die alte Zeit.

Narr. Seid ihr bereit, Herr?

Hzg. Ja, sing, ich bitte dich.

Narr singt:
        Komm herbei, komm herbei, Tod!
    Und versenk in Zypressen den Leib.
        Lass mich frei, lass mich frei, Not!
    Mich erschlägt ein holdseliges Weib.
    Mein Leichentuch, mit Tannenstreu
        O umhüllt es!
    Mein Todeslos, kein Mensch so treu
        Erfüllt es.

        Keine Blum, keine Blum süss
    Sei gestreut auf den schwärzlichen Sarg.
        Nicht ein Freund, nicht ein Freund grüss
    Mein Gebein wo die Erd es verbarg!
    Zu sparen tausend Ach und Weh,
        Legt mich wo keine
    Arm treue Seel mein Grab je seh
        Und weine!

Hzg. Da hast du was für deine Mühe.

Narr. Keine Mühe, Herr: ich finde Vergnügen am Singen.

Hzg. So will ich dein Vergnügen bezahlen.

Narr. Gut, Herr, das Vergnügen macht sich über kurz oder lang immer bezahlt.

Hzg. Erlaube mir dich nun zu beurlauben.

Narr. Nun, der schwermütige Gott beschirme dich, und der Schneider mache dir ein Wams von Schillertaft: denn dein Gemüt ist ein wahrer Opal. Leute von solcher Beständigkeit sollte man auf die See schicken, damit sie alle Dinge treiben und nach allen Winden steuern müssten. Denn wenn man nicht weiss wo man hin will, so kommt man am weitesten . . . Gehabt euch wohl. Ab.

Hzg. Lasst uns, ihr andern! . . . Curio und Gefolge ab
                                          Einmal noch, Cesario,
Mach dich an diese Fürstin Grausamkeit:
Sag, meine Liebe, höher als die Welt,
Fragt nicht nach weiten Strecken staubigen Landes.
Die Gaben die das Glück ihr zugeteilt,
Sag ihr, glaub ich so schwankend wie das Glück:
Das Kleinod ists, der Wunderschmuck, womit
Natur sie zierte, was mich an sie zieht.

Vio. Doch, Herr, wenn sie euch nun nicht lieben kann?

Hzg. Die Antwort nehm ich nicht.

Vio.                                               Ihr müsst ja doch.
Denkt euch, ein Mädchen, wie's vielleicht eins gibt,
Fühl ebensolche Herzenspein um euch
Als um Olivien ihr. Ihr liebt sie nicht,
Ihr sagts ihr: muss sie nicht die Antwort nehmen?

Hzg. Nein, keines Weibes Brust
Erträgt der Liebe Andrang wie sie klopft
In meinem Herzen. Keines Weibes Herz
Umfasst so viel: ihm fehlt die Haltekraft.
Ach, deren Liebe kann Gelust nur heissen
(Nicht Regung ihres Herzens, nur des Gaums),
Die Sattheit, Ekel, Überdruss erleiden . . .
Doch meine ist so hungrig wie die See
Und kann gleich viel verdaun: vergleiche nimmer
Die Liebe, so ein Weib zu mir kann hegen,
Mit meiner zu Olivien.

Vio. Ja, doch ich weiss –

Hzg.                                   Was weisst du? Sag mir an.

Vio. Zu gut nur was ein Weib für Liebe hegen kann.
Fürwahr, sie sind so treuen Sinns wie wir.
Mein Vater hatt eine Tochter welche liebte
Wie ich vielleicht, wär ich ein Weib, mein Fürst,
Euch lieben würde.

Hzg.                               Und was war ihr Los?

Vio. Ein leeres Blatt, Herr. Sie verschwieg ihr Lieben
Und liess Geheimnis, wie den Wurm die Knospe,
Die Rosenwange nagen, härmte sich
Im Sinnen, und mit bleichem gelben Gram
Sass sie wie die Geduld auf einer Gruft,
Dem Kummer lächelnd. Sagt, war das nicht Liebe?
Wir Männer mögen leicht mehr sprechen, schwören,
Doch immer steht dem Wort der Wille nach:
Wir stark in Schwüren, doch im Lieben schwach.

Hzg. Starb deine Schwester denn an ihrer Liebe?

Vio. Ich bin was aus des Vaters Haus von Töchtern
Und auch von Brüdern blieb . . . und doch, ich weiss nicht . . .
Soll ich zum Fräulein?

Hzg.                                     Ja, das ist der Punkt.
Auf! eile! Gib ihr dieses Kleinod. Sage
Dass ich nicht Weigern noch Verzug ertrage. Ab.

 

Fünfte Szene

Olivias Garten: Junker Tobias, Junker Christoph und Fabio

Tob. Komm dieses Wegs, Signor Fabio.

Fab. Freilich werd ich kommen. Wenn ich einen Gran von diesem Spass verloren gehn lasse, so will ich in Melancholie zu Tode gebrüht werden.

Tob. Würdest du dich nicht freun den knauserigen hundsföttischen Spitzbuben in Schimpf und Schande gebracht zu sehen?

Fab. Ja, Freund, ich würde triumphieren. Ihr wisst, er brachte mich einmal um die Gunst des gnädigen Fräuleins wegen einer Fuchsprelle.

Tob. Ihm zum Ärger soll der Fuchs noch einmal dran . . . und wir wollen ihn braun und blau prellen. Nicht wahr, Junker Christoph?

Chr. So wir das nicht täten, möchte sich der Himmel über uns erbarmen.

Maria tritt auf

Tob. Hier kommt der kleine Schelm . . . Nun wie stehts, mein Goldmädchen?

Mar. Stellt euch alle drei hinter die Hecke: Malvolio kommt diesen Gang herunter. Er ist seit einer halben Stunde dort in der Sonne gewesen und hat seinem eignen Schatten Künste gelehrt. Gebt acht auf ihn, bei allem was lustig ist! Denn ich weiss, dieser Brief wird einen nachdenklichen Pinsel aus ihm machen. Still, so lieb euch ein Schwank ist! Die Männer verbergen sich Lieg du hier, Sie wirft den Brief hin denn dort kommt die Forelle die mit Kitzeln gefangen werden muss. Ab.

Malvolio tritt auf

Mal. 's ist nur Glück, alles ist Glück. Maria sagte mir einmal, sie hegte eine Neigung zu mir, und ich habe sie selbst es schon so nahe geben hören, wenn sie sich verlieben sollte, so müsste es jemand von meiner Statur sein. Ausserdem begegnet sie mir mit einer ausgezeichneteren Achtung als irgend jemandem in ihrem Dienst. Was soll ich davon denken?

Tob. Der eingebildete Schuft!

Fab. O still! Die Beratschlagung macht einen stattlichen kalekutischen Hahn aus ihm. Wie er sich unter seinen ausgespreizten Federn bläht!

Chr. Sakrament! ich könnte den Schuft so prügeln!

Tob. Still, sag ich.

Mal. Graf Malvolio zu sein –

Tob. O du Schuft!

Chr. Schiesst ihn tot! Schiesst ihn tot!

Tob. Still! still!

Mal. Man hat Beispiele: die Oberhofmeisterin hat einen Kammerdiener geheiratet.

Chr. Pfui, dass dich!

Fab. O still! Nun steckt er tief drin. Seht wie ihn die Einbildungskraft aufbläst!

Mal. Bin ich alsdann drei Monate mit ihr vermählt gewesen und sitze in meinem Prachtsessel –

Tob. Eine Windbüchse her, um ihm ins Auge zu schiessen!

Mal. Rufe meine Beamten um mich her, in meinem geblümten Sammetrock. Komme soeben von einem Ruhebette, wo ich Olivien schlafend gelassen.

Tob. Hagel und Wetter!

Fab. O still! still!

Mal. Und dann hat man eine vornehme Laune, und, nachdem man seine Blicke nachdrücklich umhergehen lassen und ihnen gesagt hat, man kenne seinen Platz, und sie möchten auch den ihrigen kennen, fragt man nach dem Vetter Tobias.

Tob. Höll und Teufel!

Fab. O still, still, still! Jetzt, jetzt!

Mal. Sieben von meinen Leuten springen mit untertäniger Eilfertigkeit nach ihm hinaus: ich runzle die Stirn indessen, ziehe vielleicht meine Uhr auf oder spiele mit einem kostbaren Ringe. Tobias kommt herein, macht mir da seinen Bückling –

Tob. Soll man dem Kerl das Leben lassen?

Fab. Schweigt doch, und wenn man euch auch die Worte mit Pferden aus dem Munde zöge.

Mal. Ich strecke die Hand so nach ihm aus, indem ich mein vertrauliches Lächeln durch einen strengen Blick des Tadels dämpfe.

Tob. Und gibt euch Tobias dann keinen Schlag aufs Maul?

Mal. Und sage: Vetter Tobias, da mich mein Schicksal an eure Nichte gebracht hat, so habe ich das Recht euch folgende Vorstellungen zu machen.

Tob. Was? was?

Mal. Ihr müsst den Trunk ablegen.

Tob. Fort mit dir, Lump!

Fab. Geduldet euch doch, oder wir brechen unserm Anschlage den Hals.

Mal. Überdies verschwendet ihr eure kostbare Zeit mit einem narrenhaften Junker.

Chr. Das bin ich, verlasst euch drauf.

Mal. Einem gewissen Junker Christoph –

Chr. Ich wusste wohl dass ichs war, denn sie nennen mich immer einen Narren.

Mal. Was gibts hier zu tun? Er nimmt den Brief auf

Fab. Nun ist die Schnepfe dicht am Garn.

Tob. O still! und der Geist der Schwänke gebe ihm ein dass er laut lesen mag.

Mal. So wahr ich lebe, das ist meines Fräuleins Hand. Dies sind grade ihre C's, ihre U's und ihre T's, und so macht sie ihre grossen P's. Es ist ohne alle Frage ihre Hand.

Chr. Ihre C's, ihre U's und ihre T's? Warum das?

Mal. »Dem unbekannten Geliebten dies und meine freundlichen Wünsche . . .« Das ist ganz ihr Stil . . . Mit deiner Erlaubnis, Siegellack! Sacht! und das Petschaft ist ihre Lukrezia, womit sie zu siegeln pflegt: es ist das Fräulein! An wen mag es sein?

Fab. Das fängt ihn mit Leib und Seele.

Mal.   »Den Göttern ists kund,
    Ich liebe: doch wen?
    Verschleuss dich, o Mund!
    Nie darf ichs gestehn.«
»Nie darf ichs gestehn . . .« Was folgt weiter? Das Silbenmass verändert! »Nie darf ichs gestehn.« Wenn du das wärst, Malvolio?

Tob. An den Galgen, du Hund!

Mal.   »Ich kann gebieten wo ich liebe . . .
    Doch Schweigen, wie Lukrezias Stahl,
    Durchbohrt mein Herz voll zarter Triebe.
    M. O. A. I. ist meine Wahl.«

Fab. Ein unsinniges Rätsel!

Tob. Eine herrliche Dirne, sag ich!

Mal. »M. O. A. I. ist meine Wahl.« Zuerst aber . . . lass sehn, lass sehn, lass sehn!

Fab. Was sie ihm für ein Tränkchen gebraut hat!

Tob. Und wie der Falk darüber herfällt!

Mal. »Ich kann gebieten, wo ich liebe.« Nun ja, sie kann über mich gebieten. Ich diene ihr, sie ist meine Herrschaft. Nun, das leuchtet jedem notdürftig gesunden Menschenverstande ein. Dies macht gar keine Schwierigkeit . . . und der Schluss? Was mag wohl diese Anordnung von Buchstaben bedeuten? Wenn ich machen könnte dass dies auf die eine oder andre Art an mir zuträfe. Sacht! M. O. A. I.

Tob. O! Ei! Bring das doch heraus! Er ist jetzt auf der Fährte.

Fab. Der Hund schlägt an, als ob er einen Fuchs witterte.

Mal. M. – Malvolio – M – nun damit fängt mein Name an.

Fab. Sagt ich nicht, er würde es ausfindig machen? Er hat eine treffliche Nase.

Mal. M! Aber dann ist keine Übereinstimmung in dem Folgenden, es erträgt die nähere Beleuchtung nicht: A sollte folgen, aber O folgt.

Fab. Und mit O wirds endigen, hoff ich.

Tob. Ja, oder ich will ihn prügeln, bis er O schreit.

Mal. Und dann kommt I hinterdrein.

Fab. I dass dich!

Mal. M. O. A. I. Diese Anspielung ist nicht so klar wie die vorige. Und doch, wenn man es ein wenig handhaben wollte, so würde sichs nach mir bequemen: denn jeder von diesen Buchstaben ist in meinem Namen. Seht, hier folgt Prosa. –

»Wenn dies in deine Hände fällt, erwäge. Mein Gestirn erhebt mich über dich. Aber sei nicht bange vor der Hoheit. Einige werden hoch geboren, einige erwerben Hoheit, und einigen wird sie zugeworfen. Dein Schicksal tut dir die Hand auf: ergreife es mit Leib und Seele. Und um dich an das zu gewöhnen was du Hoffnung hast zu werden, wirf deine demütige Hülle ab und erscheine verwandelt. Sei widerwärtig gegen einen Verwandten, mürrisch mit den Bedienten, lass Staatsgespräche von deinen Lippen schallen, lege dich auf ein Sonderlings-betragen. Das rät dir die so für dich seufzt. Erinnre dich wer deine gelben Strümpfe lobte und dich beständig mit kreuzweise gebundnen Kniegürteln zu sehen wünschte: ich sage, erinnre dich! Nur zu! Dein Glück ist gemacht wo du es wünschest. Wo nicht, so bleib nur immer ein Hausverwalter, der Gefährte von Lakaien und nicht wert Fortunas Hand zu berühren. Leb wohl. Sie welche die Dienstbarkeit mit dir tauschen möchte,

die Glücklich-Unglückselige.«

Das Sonnenlicht ist nicht klarer! Es ist offenbar. Ich will stolz sein. Ich will politische Bücher lesen, ich will Junker Tobias ablaufen lassen, ich will mich von gemeinen Bekanntschaften säubern. Ich will aufs Haar der rechte Mann sein. Ich habe mich jetzt nicht selbst zum besten, dass ich mich etwa von der Einbildung übermannen liesse. Denn aller Sinn hier weist darauf hin dass meine Herrin mich liebt. Sie lobte neulich meine gelben Strümpfe, sie rühmte meine Kniegürtel. Und hier gibt sie sich meiner Liebe kund und nötigt mich durch eine Art von Befehl zu diesen Trachten nach ihrem Geschmack. Ich danke meinen Sternen, ich bin glücklich. Ich will fremd tun, stolz sein, gelbe Strümpfe tragen und die Kniegürtel kreuzweise binden, so schnell sie sich nur anlegen lassen. Die Götter und meine Sterne sei'n gepriesen! . . . Hier ist noch eine Nachschrift. »Du kannst nicht umhin mich zu erraten. Wenn du meine Liebe begünstigst, so lass es in deinem Lächeln sichtbar werden. Dein Lächeln steht dir wohl, darum lächle stets in meiner Gegenwart, holder Liebling, ich bitte dich . . .« Götter, ich danke euch! Ich will lächeln, ich will alles tun was du verlangst. Ab.

Fab. Ich wollte meinen Anteil an diesem Spasse nicht für den reichsten Jahrgehalt vom grossen Mogol hingeben.

Tob. Ich könnte die Dirne für diesen Anschlag zur Frau nehmen.

Chr. Das könnte ich auch.

Tob. Und wollte keine andre Aussteuer mit ihr verlangen als noch einen solchen Schwank.

Chr. Ich auch nicht.

Maria tritt auf

Fab. Hier kommt unsre herrliche Vogelstellerin.

Tob. Willst du deinen Fuss auf meinen Nacken setzen?

Chr. Oder auch auf meinen?

Tob. Soll ich meine Freiheit beim Damenspiel gegen dich setzen und dein Sklave werden?

Chr. Ja, wahrhaftig, soll ichs auch?

Tob. Du hast ihn in solch einen Traum gewiegt, dass er toll werden muss, wenn ihn die Einbildung wieder verlässt.

Mar. Nein, sagt mir im Ernst, wirkt es auf ihn?

Tob. Wie Branntwein auf eine alte Frau.

Mar. Wenn ihr denn die Frucht von unserm Spass sehn wollt, so gebt acht auf seine erste Erscheinung bei dem gnädigen Fräulein. Er wird in gelben Strümpfen zu ihr kommen, und das ist eine Farbe die sie hasst, die Kniegürtel kreuzweise gebunden, eine Tracht die sie nicht ausstehen kann, und er wird sie anlächeln, was mit ihrer Gemütsverfassung so schlecht übereinstimmt, da sie sich der Melancholie ergeben hat, dass es ihn ganz bei ihr heruntersetzen muss. Wenn ihr es sehn wollt, so folgt mir.

Tob. Bis zu den Pforten der Hölle, du unvergleichlicher Witzteufel.

Chr. Ich bin auch dabei. Ab.

 


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