William Shakespeare
Was ihr wollt
William Shakespeare

 << zurück weiter >> 

Vierter Aufzug

Erste Szene

Die Strasse vor Olivias Hause: Sebastian und der Narr

Narr. Wollt ihr mir weismachen, ich wäre nicht nach euch geschickt?

Seb. Nun ja doch, ja! Du bist ein toller Bursch, Erlöse mich von dir.

Narr. Gut durchgeführt, meiner Treu! Nein, ich kenne euch nicht. Das Fräulein hat mich auch nicht nach euch geschickt, damit ihr kommen und mit ihr sprechen möchtet, euer Name ist auch nicht Monsieur Cesario, und dies ist auch nicht meine Nase. Nichts ist so wie es ist.

Seb. Kram deine Narrheit doch woanders aus, Mich kennst du nicht.

Narr. Meine Narrheit auskramen! Er hat das Wort von irgendeinem grossen Manne gehört und wendet es nun auf einen Narren an. Meine Narrheit auskramen! Ich fürchte, dieser grosse Tölpel, die Welt, wird ein Zieräffchen werden. Ich bitte dich nun, entgürte dich deiner Fremdheit und sage mir was ich meinem gnädigen Fräulein auskramen soll. Soll ich ihr auskramen dass du kommst?

Seb. Ich bitt dich, toller Kuppler, lass mich gehn! Da hast du Geld, doch wenn du länger zögerst, So gibt es schlechtre Zahlung.

Narr. Auf meine Ehre, du hast eine offne Hand . . . Solche weisen Leute die Narren Geld geben machen sich einen guten Namen, wenn sie sich ein Dutzend Jahre darum beworben haben.

Junker Tobias. Junker Christoph und Fabio treten auf

Chr. Nun, Herr, treff ich euch endlich wieder? Da habt ihr was. Schlägt den Sebastian

Seb. schlägt Junker Christoph: Da hast du auch was! und da! und da! Sind alle Leute toll geworden?

Tob. Haltet ein, Herr, sonst soll euer Degen über das Haus fliegen.

Narr. Dies will ich gleich dem gnädigen Fräulein erzählen. Ich wollte nicht für einen Dreier in eurer Haut stecken. Ab.

Tob. Gleich, Herr, haltet ein! Er hält den Sebastian

Chr. Nein, lasst ihn nur! ich will schon auf eine andre Art mit ihm fertig werden: ich will eine Klage wegen Prügelei gegen ihn anstellen, wenn noch Recht und Gerechtigkeit in Illyrien ist. Hab ich schon zuerst geschlagen, das macht nichts.

Seb. Lass deine Hand los.

Tob. Ei was, ich will euch nicht loslassen. Nur den Degen eingesteckt, mein junger Kriegsheld! Ihr seid gut beschlagen: nur zu!

Seb. Ich will dich los sein. Sag, was willst du nun? Nimmst dus noch weiter mit mir auf, so zieh! Er zieht

Tob. Was? was? Nun, so muss ich ein paar Unzen von deinem naseweisen Blut haben. Er zieht

Olivia tritt auf

Oli. Tobias, halt! bei deinem Leben, halt!

Tob. Fräulein?

Oli. Wirds niemals anders sein? Unholder Frevler!
Geschickt für Wüstenein und rauhe Höhlen
Wo Sitte fremd ist! Fort aus meinen Augen! . . .
Sei nicht beleidigt, mein Cesario! . . .
Fort, Grobian! Junker Tobias, Junker Christoph und Fabio ab
                        Ich bitt dich, lieber Freund,
Gib deiner Weisheit, nicht dem Zorn Gehör
Bei diesem wilden, ungerechten Ausfall
Auf deine Ruh. Geh mit mir in mein Haus
Und höre da wie viele lose Streiche
Der Lärmer angezettelt, dass du diesen
Alsdann belächeln magst. Mitkommen musst du,
Verweigr es nicht. Verwünscht sei er von mir,
Eins meiner Herzen kränkt' er ja in dir.

Seb. Wo weht dies her? wie dünkt es meinem Gaum?
Bin ich im Wahnsinn oder ists ein Traum?
Tauch meinen Sinn in Lethe, Phantasie!
Soll ich so träumen: gern erwach ich nie.

Oli. Komm, bitte! Folg in allem meinem Rat!

Seb. Ja, Fräulein, gern.

Oli.                                 O mach dein Wort zur Tat! Ab.

 

Zweite Szene

Ein Zimmer in Olivias Hause: Maria und der Narr

Mar. Nun, sei so gut und leg diesen Mantel und Kragen an. Mach ihm weis, du seist Ehrn Matthias der Pfarrer. Mach geschwind, ich will unterdessen Junker Tobias rufen. Ab.

Narr. Ich will ihn anziehn und mich darin verstellen, und ich wollte, ich wäre der Erste der sich in solch einem Mantel verstellt hätte. Ich bin nicht gross genug um mich in der Amtsverrichtung gut auszunehmen und nicht mager genug um für einen Studierten zu gelten. Aber ein ehrlicher Mann und guter Haushälter zu heissen, klingt ebenso gut als ein bedächtiger Mann und grosser Gelahrter . . . Da kommen meine Kollegen schon.

Junker Tobias und Maria treten auf

Tob. Gott segne euch, Herr Pfarrer!

Narr. Bonos dies, Junker Tobias! Denn wie der alte Klausner von Prag der weder lesen noch schreiben konnte sehr sinnreich zu einer Nichte des Königs Gorboduk sagte: »das was ist, ist« so auch ich, massen ich der Herr Pfarrer bin, bin ich der Herr Pfarrer. Denn was ist das als das, und ist als ist?

Tob. Redet ihn an, Ehrn Matthias.

Narr. He, niemand hier? . . . Friede sei in diesem Gefängnis!

Tob. Der Schelm macht gut nach, ein braver Schelm!

Mal. innen: Wer ruft da?

Narr. Ehrn Matthias der Pfarrer welcher kommt, um Malvolio den Besessenen zu besuchen.

Mal. Herr Pfarrer, Herr Pfarrer! lieber Herr Pfarrer! Geht zu meinem Fräulein –

Narr. Hebe dich weg, du ruhmrediger böser Geist! Wie plagest du diesen Mann? Redest du von nichts denn von Fräulein?

Tob. Wohl gesprochen, Ehrn Matthias.

Mal. Herr Pfarrer, niemals hat man einem ärger mitgespielt. Lieber Herr Pfarrer, glaubt nicht dass ich toll bin. Sie haben mich in schreckliche Finsternis eingesperrt.

Narr. Pfui, du unsaubrer Satan! Ich nenne dich bei den mildesten Namen, denn ich bin eins von den sanften Gemütern die dem Teufel selbst mit Höflichkeit begegnen. Sagest du, diese Behausung sei finster?

Mal. Wie die Hölle, Herr Pfarrer.

Narr. Ei, sie hat ja Luken die so durchsichtig wie Fensterladen sind, und die hellen Steine von Südnorden strahlen wie Ebenholz: und dennoch beklagest du dich über Verfinsterung?

Mal. Ich bin nicht toll, Herr Pfarrer. Ich sage euch, diese Behausung ist finster.

Narr. Wahnsinniger, du irrest. Ich sage dir aber, es gibt keine andre Finsternis als Unwissenheit, worein du mehr verstrickt bist als die Ägyptier in ihren Nebel.

Mal. Ich sage, diese Behausung ist finster wie die Unwissenheit, wäre die Unwissenheit auch so finster wie die Hölle, und ich sage, man hat niemals einem so übel mitgespielt. Ich bin ebensowenig toll als ihr. Legt mir nur ordentliche Fragen vor, um mich zu prüfen.

Narr. Was ist des Pythagoras Lehre, wildes Geflügel anlangend?

Mal. Dass die Seele unsrer Grossmutter vielleicht in einem Vogel wohnen kann.

Narr. Was achtest du von seiner Lehre?

Mal. Ich denke würdig von der Seele und billige seine Lehre keineswegs.

Narr. Gehab dich wohl! Verharre du immer in Finsternis. Ehe ich dir deinen gesunden Verstand zugestehe, sollst du die Lehre des Pythagoras bekennen und dich fürchten eine Schnepfe umzubringen, auf dass du nicht etwa die Seele deiner Grossmutter verjagen mögest. Gehab dich wohl!

Mal. Herr Pfarrer! Herr Pfarrer!

Tob. Mein allerliebster Ehrn Matthias!

Narr. Nicht wahr, mir sind alle Röcke gerecht?

Mar. Du hättest dies ohne Mantel und Kragen verrichten können, er sieht dich nicht.

Tob. Nun rede ihn mit deiner eignen Stimme an und melde mir wie du ihn findest: ich wollte, wir wären diese Schelmerei auf eine gute Art los. Wenn man ihn schicklich freilassen kann, so möchte es nur geschehn. Denn ich stehe jetzt so übel mit meiner Nichte, dass ich den Spass nicht mit Sicherheit bis zum Beschlusse forttreiben kann. Komm dann gleich auf mein Zimmer. Junker Tobias und Maria ab

Narr singt:
    Heisa, Hänschen! liebes Hänschen!
    Sag mir was dein Mädchen macht.

Mal. Narr!

Narr singt:
    Ach, sie ist mir bitter feind!

Mal. Narr!

Narr singt:
    Und weswegen denn, mein Freund?

Mal. Narr, sage ich!

Narr singt:
    Weil sie einen andern liebt.
Wer ruft da? he?

Mal. Lieber Narr, wo du dich jemals um mich verdient machen willst, hilf mir zu einem Lichte, zu Feder, Tinte und Papier. So wahr ich ein ehrlicher Mann bin, ich will dir noch einmal dankbar dafür sein.

Narr. Der Herr Malvolio?

Mal. Ja, lieber Narr.

Narr. Ach, Herr, wie seid ihr doch um eure fünf Sinne gekommen?

Mal. Niemals hat man einem so abscheulich mitgespielt. Ich bin ebensogut bei Sinnen wie du, Narr.

Narr. Nur ebenso gut? So seid ihr wahrhaftig toll, wenn ihr nicht besser bei Sinnen seid als ein Narr.

Mal. Sie haben mich hier eingesperrt, halten mich im Finstern, schicken Geistliche zu mir, Eselsköpfe, und tun alles was sie können, um mich aus meinen Sinnen herauszuhetzen.

Narr. Bedenkt was ihr sagt: der Geistliche ist hier . . . »Malvolio, Malvolio, deinen Verstand stelle der Himmel wieder her! Bringe dich zum Schlafen und lass ab von deinem eiteln Geplapper.«

Mal. Herr Pfarrer!

Narr. »Führe kein Gespräch mit ihm, mein guter Freund.« Wer? ich, Herr? Nein, gewiss nicht. Gott geleite euch, Herr Pfarrer! »Amen, sage ich.« Gut, Herr! gut, das will ich tun.

Mal. Narr, Narr, Narr, sage ich –

Narr. Ach, lieber Herr, seid ruhig! Was sagt ihr? Ich werde ausgeschmält, weil ich mit euch rede.

Mal. Lieber Narr, verhilf mir zu einem bisschen Licht und Papier. Ich sage dir, ich bin so gut bei Verstande als irgendeiner in Illyrien.

Narr. Du meine Zeit! wenn das doch wahr wäre!

Mal. Auf mein Wort, ich bins. Lieber Narr, schaff mir Tinte, Papier und Licht und überbringe dem Fräulein was ich aufsetzen will: es soll dir auch den besten Briefträgerlohn einbringen.

Narr. Ich will euch dazu verhelfen. Aber sagt mir aufrichtig: seid ihr wirklich nicht toll oder tut ihr nur so?

Mal. Glaub mir, ich sage dir die Wahrheit.

Narr. Ei, ich will einem Tollen niemals trauen, bis ich sein Gehirn sehe. Ich will euch Licht, Papier und Tinte holen.

Mal. Narr, ich will dich aufs beste dafür belohnen. Ich bitte dich, geh.

Narr singt:
        Ich bin fort, Herr,
        Und aufs Wort, Herr,
    Ich bin gleich wieder da.
        Daran hegt keinen Zweifel,
        Denn ich trotze dem Teufel
    Und seiner Frau Grossmama. Ab.

 

Dritte Szene

Olivias Garten: Sebastian

Seb. Dies ist die Luft, dies ist die lichte Sonne.
Dies Kleinod gab sie mir, ich fühl, ich seh es:
Und wenn auch Staunen ist was mich umfängt,
Ists doch kein Wahnsinn. Wo ist wohl Antonio?
Ich konnt ihn nicht im Elefanten finden:
Doch war er da: man gab mir den Bescheid,
Er streife durch die Stadt, mich aufzusuchen.
Jetzt eben war sein Rat mir Goldes wert:
Denn überlegt mein Geist schon mit den Sinnen
Dass dies ein Irrtum sein kann, doch kein Wahn,
So übersteigt doch diese Flut von Glück
In solchem Grade Beispiel und Begriff,
Ich hätte Lust den Augen misszutrauen
Und die Vernunft zu schelten, die ein andres
Mich glauben machen will, als ich sei toll,
Wo nicht, das Fräulein toll: doch wäre dies,
Sie könnte Haus und Diener nicht regieren,
Bestellungen besorgen und empfangen
Mit solchem stillen, weisen, festen Gang
Wie ich doch merke dass sie tut. Hier steckt
Ein Trug verborgen . . . Doch da kommt das Fräulein.

Olivia tritt auf mit einem Priester

Oli. Verzeiht mir diese Eile: meint ihrs gut,
So geht mit mir und diesem heiligen Mann
In die Kapelle nebenan, und dort,
Vor ihm und unter dem geweihten Dach,
Verbürget feierlich mir eure Treu,
Dass mein ungläubiges, allzu banges Herz
Zur Ruh gelangen mag. Er solls verbergen,
Bis ihr gesonnen seid es kundzumachen,
Und um die Zeit soll meinem Stand gemäss
Die Feier unsrer Hochzeit sein . . . Was sagt ihr?

Seb. Ich geh mit euch und diesem guten Alten,
Will Treue schwören und sie ewig halten.

Oli. So führ uns, Vater! . . . Mag des Himmels Schein
Zu dieser Tat uns freundlich Segen leihn! Ab.

 


 << zurück weiter >>