William Shakespeare
Julius Cäsar
William Shakespeare

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Dritte Szene

Ein andrer Teil des Schlachtfeldes

Getümmel. Cassius und Titinius kommen

Cassius.
O sieh, Titinius! sieh! die Schurken fliehn.
Ich selbst ward meiner eignen Leute Feind:
Dies unser Banner wandte sich zur Flucht;
Ich schlug den Feigen und entriß es ihm.

Titinius.
O Cassius! Brutus gab das Wort zu früh.
Im Vorteil gegen den Octavius, setzt' er
Zu hitzig nach; sein Heer fing an zu plündern,
Indes uns alle Mark Anton umzingelt.

Pindarus kommt.

Pindarus.
Herr, flieht doch weiter! flieht doch weiter weg!
Antonius ist in Euren Zelten, Herr;
Drum, edler Cassius, flieht! Flieht weit hinweg!

Cassius.
Der Hügel hier ist weit genug. Schau, schau,
Titinius! Sind das meine Zelte nicht,
Wo ich das Feuer sehe?

Titinius.
Ja, mein Feldherr.

Cassius.
Wenn du mich hebst, Titinius, so besteig
Mein Pferd, setz ihm die Sporen in die Seite,
Bis es zu jener Mannschaft dich gebracht
Und wieder her, damit ich sicher wisse,
Ob jene Mannschaft Freund ist oder Feind.

Titinius.
Wie ein Gedanke bin ich wieder hier. (Ab.)

Cassius.
Geh, Pindarus, steig höher auf den Hügel,
Denn mein Gesicht ist kurz; acht auf Titinius
Und sag mir, was du auf dem Feld entdeckst.
    (Pindarus ab.)
An diesem Tage atmet ich zuerst;
Die Zeit ist um, und enden soll ich da,
Wo ich begann; mein Leben hat den Kreislauf
Vollbracht. – Du dort, was gibt's?

Pindarus (oben).
O Herr!

Cassius.
Was gibt's?

Pindarus.
Titinius ist von Reitern ganz umringt;
Sie jagen auf ihn zu, doch spornt er weiter.
Nun sind sie dicht schon bei ihm – nun Titinius!
Sie steigen ab – er auch – er ist gefangen;
Und horcht! sie jubeln laut. (Freudengeschrei.)

Cassius.
Steig nur herunter, sieh nicht weiter zu.
O Memme, die ich bin, so lang zu leben,
Bis ich den besten Freund vor meinen Augen
Gefangen sehen muß!
    Pindarus kommt zurück.
Komm, Bursch, hieher!
Ich macht in Parthia dich zum Gefangnen
Und ließ dich schwören, deines Lebens schonend,
Was ich nur immer tun dich hieß', du wollest
Es unternehmen. Komm nun, halt den Schwur!
Sei frei nun, und mit diesem guten Schwert,
Das Cäsars Leib durchbohrt, triff diesen Busen.
Erwidre nichts! Hier fasse du das Heft,
Und ist mein Angesicht verhüllt, wie jetzt,
So führ das Schwert. – Cäsar, du bist gerächt
Und mit demselben Schwert, das dich getötet. (Er stirbt.)

Pindarus.
So bin ich frei, doch wär ich's lieber nicht,
Hätt es auf mir beruht. – O Cassius!
Weit weg flieht Pindarus von diesem Lande,
Dahin, wo nie ein Römer ihn bemerkt. (Ab.)

Titinius und Messala kommen.

Messala.
Es ist nur Tausch, Titinius; denn Octav
Ward von des edlen Brutus Macht geschlagen,
Wie Cassius' Legionen von Antonius.

Titinius.
Die Zeitung wird den Cassius sehr erquicken.

Messala.
Wo ließt Ihr ihn?

Titinius.
Ganz trostlos, neben ihm
Sein Sklave Pindarus, auf diesem Hügel.

Messala.
Ist er das nicht, der auf dem Boden liegt?

Titinius.
Er liegt nicht da wie lebend. – O mein Herz!

Messala.
Nicht wahr, er ist es?

Titinius.
Nein, er war's, Messala:
Doch Cassius ist nicht mehr. – O Abendsonne!
Wie du in deinen roten Strahlen sinkst,
So ging in Blut der Tag des Cassius unter.
Die Sonne Roms ging unter; unser Tag
Ist hingeflohn; nun kommen Wolken, Tau,
Gefahren; unsre Taten sind getan.
Mißtraun in mein Gelingen bracht ihn um.

Messala.
Mißtraun in guten Ausgang bracht ihn um.
O hassenswerter Wahn! der Schwermut Kind!
Was zeigst du doch dem regen Witz der Menschen
Das, was nicht ist! O Wahn, so bald empfangen,
Zu glücklicher Geburt gelangst du nie
Und bringst die Mutter um, die dich erzeugt.

Titinius.
Auf, Pindarus! Wo bist du, Pindarus?

Messala.
Such ihn, Titinius; ich indessen will
Zum edlen Brutus und sein Ohr durchbohren
Mit dem Bericht. Wohl nenn ich es durchbohren;
Denn scharfer Stahl und giftge Pfeile würden
Dem Ohr des Brutus so willkommen sein,
Als Meldung dieses Anblicks.

Titinius.
Eilt, Messala!
Ich suche Pindarus indessen auf. (Messala ab.)
Warum mich ausgesandt, mein wackrer Cassius?
Traf ich nicht deine Freunde? Setzten sie
Nicht diesen Siegeskranz auf meine Stirn,
Ihn dir zu bringen? Vernahmst du nicht ihr Jubeln?
Ach, jeden Umstand hast du mißgedeutet!
Doch halt, nimm diesen Kranz um deine Stirn;
Dein Brutus hieß mich dir ihn geben; ich
Vollführe sein Gebot. – Komm schleunig, Brutus,
Und sieh, wie ich den Cajus Cassius ehrte!
Verzeiht, ihr Götter! – Dies ist Römerbrauch:
Komm, Cassius' Schwert! triff den Titinius auch. (Er stirbt.)

Getümmel. Messala kommt zurück mit Brutus, dem jungen Cato, Strato, Volumnius und Lucilius.

Brutus.
Wo? Wo, Messala? sag, wo liegt die Leiche?

Messala.
Seht, dort! Titinius trauert neben ihr.

Brutus.
Titinius' Antlitz ist emporgewandt.

Cato.
Er ist erschlagen.

Brutus.
O Julius Cäsar! Du bist mächtig noch;
Dein Geist geht um, er ist's, der unsre Schwerter
In unser eignes Eingeweide kehrt.

(Lautes Getümmel.)

Cato.
Mein wackrer Freund Titinius! Seht doch her,
Wie er den toten Cassius gekränzt!

Brutus.
Und leben noch zwei Römer, diesen gleich?
Du letzter aller Römer, lebe wohl!
Unmöglich ist's, daß Rom je deinesgleichen
Erzeugen sollte. – Diesem Toten, Freunde,
Bin ich mehr Tränen schuldig, als ihr hier
Mich werdet zahlen sehen; aber, Cassius,
Ich finde Zeit dazu, ich finde Zeit.
Drum kommt, und schickt nach Thassos seine Leiche,
Er soll im Lager nicht bestattet werden;
Es schlüg uns nieder. – Komm, Lucilius!
Komm, junger Cato! Zu der Walstatt hin!
Ihr, Flavius und Labeo, laßt unsre Scharen rücken!
Es ist drei Uhr, und, Römer, noch vor Nacht
Versuchen wir das Glück in einer zweiten Schlacht.

(Alle ab.)


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