William Shakespeare
Julius Cäsar
William Shakespeare

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Dritte Szene

Im Zelte des Brutus

Lucius und Titinius in einiger Entfernung davon. Brutus und Cassius treten auf

Cassius.
Eur Unrecht gegen mich erhellet hieraus:
Ihr habt den Lucius Pella hart verdammt,
Weil er bestochen worden von den Sardern;
Mein Brief, worin ich mich für ihn verwandt,
Weil ich ihn kenne, ward für nichts geachtet.

Brutus.
Ihr tatet Euch zu nah, in solchem Fall zu schreiben.

Cassius.
In solcher Zeit, wie diese, ziemt es nicht,
Daß jeder kleine Fehl bekrittelt werde.

Brutus.
Laßt mich Euch sagen, Cassius, daß Ihr selbst
Verschrien seid, weil Ihr hohle Hände macht,
Weil Ihr an Unverdiente Eure Ämter
Verkauft und feilschet.

Cassius.
Mach ich hohle Hände?
Ihr wißt wohl, Ihr seid Brutus, der dies sagt,
Sonst, bei den Göttern! wär dies Wort Eur letztes.

Brutus.
Des Cassius Name adelt die Bestechung,
Darum verbirgt die Züchtigung ihr Haupt.

Cassius.
Die Züchtigung!

Brutus.
Denkt an den März, denkt an des Märzen Idus!
Hat um das Recht der große Julius nicht
Geblutet? Welcher Bube legt' an ihn
Die Hand wohl, schwang den Stahl, und nicht ums Recht?
Wie? Soll nun einer derer, die den ersten
Von allen Männern dieser Welt erschlugen,
Bloß, weil er Räuber schützte: sollen wir
Mit schnöden Gaben unsre Hand besudeln?
Und unser Würden weiten Kreis verkaufen
Für soviel Plunders, als man etwa greift?
Ein Hund sein lieber und den Mond anbellen,
Als solch ein Römer!

Cassius.
Brutus, reizt mich nicht!
Ich will's nicht dulden. Ihr vergeßt Euch selbst,
Wenn Ihr mich so umzäunt; ich bin ein Krieger,
Erfahrner, älter, fähiger als Ihr,
Bedingungen zu machen.

Brutus.
Redet nur, –
Ihr seid es doch nicht, Cassius.

Cassius.
Ich bin's.

Brutus.
Ich sag, Ihr seid es nicht.

Cassius.
Drängt mich nicht mehr, ich werde mich vergessen;
Gedenkt an Euer Heil, reizt mich nicht länger.

Brutus.
Geht, leichtgesinnter Mann!

Cassius.
Ist's möglich?

Brutus.
Hört mich an, denn ich will reden.
Muß ich mich Eurer jähen Hitze fügen?
Muß ich erschrecken, wenn ein Toller starrt?

Cassius.
Ihr Götter! Götter! muß ich all dies dulden?

Brutus.
All dies? Noch mehr! Ergrimmt, bis es Euch birst,
Das stolze Herz. Geht, zeiget Euren Sklaven,
Wie rasch zum Zorn Ihr seid, und macht sie zittern.
Muß ich beiseit mich drücken? muß den Hof
Euch machen? Muß ich dastehn und mich krümmen
Vor Eurer krausen Laune? Bei den Göttern!
Ihr sollt hinunterwürgen Euren Gift,
Und wenn Ihr börstet; denn von heute an
Dient Ihr zum Scherz, ja zum Gelächter mir,
Wenn Ihr Euch so gebärdet.

Cassius.
Dahin kam's?

Brutus.
Ihr sagt, daß Ihr ein beßrer Krieger seid:
Beweist es denn, macht Euer Prahlen wahr.
Es soll mir lieb sein; denn, was mich betrifft,
Ich werde gern von edlen Männern lernen.

Cassius.
Ihr tut zu nah, durchaus zu nah mir, Brutus.
Ich sagt, ein ältrer Krieger, nicht ein beßrer.
Sagt ich, ein beßrer?

Brutus.
Und hättet Ihr's gesagt, mir gilt es gleich.

Cassius.
Mir hätte Cäsar das nicht bieten dürfen.

Brutus.
O schweigt! Ihr durftet ihn auch nicht so reizen.

Cassius.
Ich durfte nicht?

Brutus.
Nein.

Cassius.
Wie? Durft ihn nicht reizen?

Brutus.
Ihr durftet es für Euer Leben nicht.

Cassius.
Wagt nicht zuviel auf meine Liebe hin,
Ich möchte tun, was mich nachher gereute.

Brutus.
Ihr habt getan, was Euch gereuen sollte.
Eur Drohn hat keine Schrecken, Cassius;
Denn ich bin so bewehrt durch Redlichkeit,
Daß es vorbeizieht wie der leere Wind,
Der nichts mir gilt. Ich sandte hin zu Euch
Um eine Summe Golds, die Ihr mir abschlugt.
Ich kann kein Geld durch schnöde Mittel heben.
Beim Himmel! lieber prägt ich ja mein Herz
Und tröpfelte mein Blut für Drachmen aus
Als daß ich aus der Bauern harten Händen
Die jämmerliche Habe winden sollte
Durch irgendeinen Schlich. – Ich sandt um Gold zu Euch,
Um meine Legionen zu bezahlen;
Ihr schlugt mir's ab: war das, wie Cassius sollte?
Hätt ich dem Cajus Cassius so erwidert?
Wenn Marcus Brutus je so geizig wird,
Daß er so lumpge Pfennige den Freunden
Verschließt, dann rüstet eure Donnerkeile,
Zerschmettert ihn, ihr Götter!

Cassius.
Ich schlug es Euch nicht ab.

Brutus.
Ihr tatet es.

Cassius.
Ich tat's nicht; der Euch meine Antwort brachte,
War nur ein Tor. – Brutus zerreißt mein Herz –
Es sollt ein Freund des Freundes Schwächen tragen,
Brutus macht meine größer, als sie sind.

Brutus.
Das tu ich nicht, bis Ihr damit mich quält.

Cassius.
Ihr liebt mich nicht.

Brutus.
Nicht Eure Fehler lieb ich.

Cassius.
Nie konnt ein Freundesaug dergleichen sehn.

Brutus.
Des Schmeichlers Auge säh sie nicht, erschienen
Sie auch so riesenhaft wie der Olymp.

Cassius.
Komm, Mark Anton, und komm, Octavius, nur!
Nehmt eure Rach allein am Cassius;
Denn Cassius ist des Lebens überdrüssig,
Gehaßt von einem, den er liebt; getrotzt
Von seinem Bruder; wie ein Knecht gescholten.
Man späht nach allen meinen Fehlern, zeichnet
Sie in ein Denkbuch, lernt sie aus dem Kopf,
Wirft sie mir in die Zähne. – Oh, ich könnte
Aus meinen Augen meine Seele weinen!
Da ist mein Dolch, hier meine nackte Brust;
Ein Herz drin, reicher als des Plutus Schacht,
Mehr wert als Gold; wo du ein Römer bist,
So nimm's heraus. Ich, der dir Gold versagt,
Ich biete dir mein Herz. Stoß zu, wie einst
Auf Cäsar! Denn ich weiß, als du am ärgsten
Ihn haßtest, liebtest du ihn mehr, als je
Du Cassius geliebt.

Brutus.
Steckt Euren Dolch ein!
Seid zornig, wenn Ihr wollt: es steh Euch frei!
Tut, was Ihr wollt, Schmach soll für Laune gelten.
O Cassius! einem Lamm seid Ihr gesellt,
Das so nur Zorn hegt wie der Kiesel Feuer,
Der, viel geschlagen, flüchtge Funken zeigt
Und gleich drauf wieder kalt ist.

Cassius.
Lebt ich dazu,
Ein Scherz nur und Gelächter meinem Brutus
Zu sein, wenn Gram und böses Blut mich plagt?

Brutus.
Als ich das sprach, hatt ich auch böses Blut.

Cassius.
Gesteht Ihr soviel ein? Gebt mir die Hand.

Brutus.
Und auch mein Herz.

Cassius.
O Brutus!

Brutus.
Was verlangt Ihr?

Cassius.
Liebt Ihr mich nicht genug, Geduld zu haben,
Wenn jene rasche Laune, von der Mutter
Mir angeerbt, macht, daß ich mich vergesse?

Brutus.
Ja, Cassius; künftig, wenn Ihr allzu streng
Mit Eurem Brutus seid, so denket er,
Die Mutter schmäl aus Euch, und läßt Euch gehn.

(Lärm hinter der Szene.)

Ein Poet (hinter der Szene).
Laßt mich hinein, ich muß die Feldherrn sehn.
Ein Zank ist zwischen ihnen; 's ist nicht gut,
Daß sie allein sind.

Lucilius (hinter der Szene).
Ihr sollt nicht hinein.

Poet (hinter der Szene).
Der Tod nur hält mich ab.

Der Poet tritt ein.

Cassius.
Ei nun, was gibt's?

Poet.
Schämt ihr euch nicht, ihr Feldherrn? Was beginnt ihr?
Liebt euch, wie sich's für solche Männer schickt;
Fürwahr, ich hab mehr Jahr' als ihr erblickt.

Cassius.
Ha, ha! wie toll der Zyniker nicht reimt!

Brutus.
Ihr Schlingel, packt Euch! Fort, verwegner Bursch!

Cassius.
Ertragt ihn, Brutus! seine Weis ist so.

Brutus.
Kennt er die Zeit, so kenn ich seine Laune.
Was soll der Krieg mit solchen Schellennarren?
Geh fort, Gesell!

Cassius.
Fort! fort! geh deines Wegs!

(Der Poet ab.)
Lucilius und Titinius kommen.

Brutus.
Lucilius und Titinius, heißt die Obersten
Auf Nachtquartier für ihre Scharen denken.

Cassius.
Kommt selber dann und bringt mit euch Messala
Sogleich zu uns herein.

(Lucilius und Titinius ab.)

Brutus.
Lucius, eine Schale Weins.

Cassius.
Ich dachte nicht, daß Ihr so zürnen könntet.

Brutus.
O Cassius, ich bin krank an manchem Gram.

Cassius.
Ihr wendet die Philosophie nicht an,
Die ihr bekennt, gebt Ihr zufällgen Übeln Raum.

Brutus.
Kein Mensch trägt Leiden besser. – Portia starb.

Cassius.
Ha! Portia!

Brutus.
Sie ist tot.

Cassius.
Lag das im Sinn Euch, wie entkam ich lebend?
O bittrer, unerträglicher Verlust!
An welcher Krankheit?

Brutus.
Die Trennung nicht erduldend;
Und Gram, daß mit Octavius Mark Anton
So mächtig worden – denn mit ihrem Tod
Kam der Bericht – das brachte sie von Sinnen,
Und wie sie sich allein sah, schlang sie Feuer.

Cassius.
Und starb so?

Brutus.
Starb so.

Cassius.
O ihr ewgen Götter!

Lucius kommt mit Wein und Kerzen.

Brutus.
Sprecht nicht mehr von ihr. – Gebt eine Schale Weins!
Hierin begrab ich allen Unglimpf, Cassius. (Trinkt.)

Cassius.
Mein Herz ist durstig, Euch Bescheid zu tun.
Füllt, Lucius, bis der Wein den Becher kränzt;
Von Brutus' Liebe trink ich nie zuviel. (Trinkt.)

Titinius und Messala kommen.

Brutus.
Herein, Titinius! Seid gegrüßt, Messala!
Nun laßt uns dicht um diese Kerze sitzen
Und, was uns frommt, in Überlegung ziehn.

Cassius.
O Portia, bist du hin!

Brutus.
Nicht mehr, ich bitt Euch!
Messala, seht, ich habe Brief' empfangen,
Daß Mark Anton, mit ihm Octavius,
Heranziehn gegen uns mit starker Macht
Und ihren Heerzug nach Philippi lenken.

Messala.
Ich habe Briefe von demselben Inhalt.

Brutus.
Mit welchem Zusatz?

Messala.
Daß durch Proskription und Achtserklärung
Octavius, Mark Anton und Lepidus
Auf hundert Senatoren umgebracht.

Brutus.
Darüber weichen unsre Briefe ab.
Der meine spricht von siebzig Senatoren,
Die durch die Ächtung fielen; Cicero
Sei einer aus der Zahl.

Cassius.
Auch Cicero?

Messala.
Ja, er ist tot, und durch den Achtsbefehl. –
Kam Euer Brief von Eurer Gattin, Herr?

Brutus.
Nein, Messala.

Messala.
Und meldet Euer Brief von ihr Euch nichts?

Brutus.
Gar nichts, Messala.

Messala.
Das bedünkt mich seltsam.

Brutus.
Warum? Wißt Ihr aus Eurem Brief von ihr?

Messala.
Nein, Herr.

Brutus.
Wenn Ihr ein Römer seid, sagt mir die Wahrheit.

Messala.
Tragt denn die Wahrheit, die ich sag, als Römer:
Sie starb, und zwar auf wunderbare Weise.

Brutus.
Leb wohl denn, Portia! – Wir müssen sterben,
Messala; dadurch, daß ich oft bedacht,
Sie müß einst sterben, hab ich die Geduld,
Es jetzt zu tragen.

Messala.
So trägt ein großer Mann ein großes Unglück.

Cassius.
Durch Kunst hab ich soviel hievon als ihr,
Doch die Natur ertrüg's in mir nicht so.

Brutus.
Wohlan, zu unserm lebenden Geschäft!
Was denkt Ihr? Ziehn wir nach Philippi gleich?

Cassius.
Mir scheint's nicht ratsam.

Brutus.
Euer Grund?

Cassius.
Hier ist er:
Weit besser ist es, wenn der Feind uns sucht;
So wird er, sich zum Schaden, seine Mittel
Erschöpfen, seine Krieger müde machen.
Wir liegen still indes, bewahren uns
In Ruh wehrhaften Stand und Munterkeit.

Brutus.
Den bessern Gründen müssen gute weichen.
Das Land von hier bis nach Philippi hin
Beweist uns nur aus Zwang Ergebenheit,
Denn murrend hat es Lasten uns gezahlt.
Der Feind, indem er durch dasselbe zieht,
Wird seine Zahl daraus ergänzen können
Und uns erfrischt, vermehrt, ermutigt nahn.
Von diesem Vorteil schneiden wir ihn ab,
Wenn zu Philippi wir die Stirn ihm bieten,
Dies Volk im Rücken.

Cassius.
Hört mich, lieber Bruder!

Brutus.
Erlaubt mir gütig! – Ferner müßt Ihr merken,
Daß wir von Freunden alles aufgeboten,
Daß unsre Legionen übervoll
Und unsre Sache reif. Der Feind nimmt täglich zu;
Wir, auf dem Gipfel, stehn schon an der Neige.
Der Strom der menschlichen Geschäfte wechselt;
Nimmt man die Flut wahr, führet sie zum Glück;
Versäumt man sie, so muß die ganze Reise
Des Lebens sich durch Not und Klippen winden.
Wir sind nun flott auf solcher hohen See
Und müssen, wenn der Strom uns hebt, ihn nutzen;
Wo nicht, geht unser schwimmend Gut verloren.

Cassius.
So zieht denn, wie Ihr wollt; wir rücken selbst
Dem Feind entgegen nach Philippi vor.

Brutus.
Die tiefe Nacht hat das Gespräch beschlichen,
Und die Natur muß frönen dem Bedürfnis,
Das mit ein wenig Ruh wir täuschen wollen.
Ist mehr zu sagen noch?

Cassius.
Nein. Gute Nacht!
Früh stehn wir also morgen auf, und fort.

Brutus.
Lucius, mein Schlafgewand! (Lucius ab.) Lebt wohl, Messala!
Gute Nacht, Titinius! Edler, edler Cassius,
Gute Nacht und sanfte Ruh!

Cassius.
O teurer Bruder,
Das war ein schlimmer Anfang dieser Nacht.
Nie trenne solcher Zwiespalt unsre Herzen,
Nie wieder, Brutus.

Brutus.
Alles steht ja wohl.

Cassius.
Nun, gute Nacht!

Brutus.
Gute Nacht, mein guter Bruder!

Titinius und Messala.
Mein Feldherr, gute Nacht!

Brutus.
Lebt alle wohl.

(Cassius, Titinius und Messala ab.)
Lucius kommt zurück mit dem Nachtkleide.

Brutus.
Gib das Gewand, wo hast du deine Laute?

Lucius.
Im Zelte hier.

Brutus.
Wie? Schläfrig? Armer Schelm,
Ich tadle drum dich nicht; du hast dich überwacht.
Ruf Claudius her und andre meiner Leute,
Sie sollen hier im Zelt auf Kissen schlafen.

Lucius.
Varro und Claudius!

Varro und Claudius kommen.

Varro.
Ruft mein Gebieter?

Brutus.
Ich bitt euch, liegt in meinem Zelt und schlaft;
Bald weck ich euch vielleicht, um irgendwas
Bei meinem Bruder Cassius zu bestellen.

Varro.
Wenn's Euch beliebt, wir wollen stehn und warten.

Brutus.
Das nicht! Nein, legt euch nieder, meine Freunde. –
    (Die beiden Diener legen sich nieder.)
Vielleicht verändert noch sich mein Entschluß. –
Sieh, Lucius, hier das Buch, das ich so suchte;
Ich steckt es in die Tasche des Gewandes.

Lucius.
Ich wußte wohl, daß mein Gebieter mir
Es nicht gegeben.

Brutus.
Hab Geduld mit mir,
Mein guter Junge, ich bin sehr vergeßlich.
Hältst du noch wohl die müden Augen auf
Und spielst mir ein paar Weisen auf der Laute?

Lucius.
Ja, Herr, wenn's Euch beliebt.

Brutus.
Das tut's, mein Junge.
Ich plage dich zuviel, doch du bist willig.

Lucius.
Es ist ja meine Pflicht.

Brutus.
Ich sollte dich
Zur Pflicht nicht über dein Vermögen treiben;
Ich weiß, daß junges Blut auf Schlafen hält.

Lucius.
Ich habe schon geschlafen, mein Gebieter.

Brutus.
Du tatest recht und sollst auch wieder schlafen.
Ich will nicht lang dich halten; wenn ich lebe,
Will ich dir Gutes tun.
    (Musik und ein Lied.)
Die Weis ist schläfrig – Mörderischer Schlummer,
Legst du die blei'rne Keul auf meinen Knaben,
Der dir Musik macht? – Lieber Schelm, schlaf wohl,
Ich tu dir's nicht zuleid, daß ich dich wecke;
Nickst du, so brichst du deine Laut entzwei;
Ich nehm sie weg, und schlaf nun, guter Knabe.
Laßt sehn! Ist, wo ich aufgehört zu lesen,
Das Blatt nicht eingelegt? Hier, denk ich, ist's. (Er setzt sich.)
    Der Geist Cäsars erscheint.
Wie dunkel brennt die Kerze! – Ha, wer kommt?
Ich glaub, es ist die Schwäche meiner Augen,
Die diese schreckliche Erscheinung schafft.
Sie kommt mir näher – Bist du irgendwas?
Bist du ein Gott, ein Engel oder Teufel,
Der starren macht mein Blut, das Haar mir sträubt?
Gib Rede, was du bist.

Geist.
Dein böser Engel, Brutus.

Brutus.
Weswegen kommst du?

Geist.
Um dir zu sagen, daß du zu Philippi
Mich sehn sollst.

Brutus.
Gut, ich soll dich wiedersehn?

Geist.
Ja, zu Philippi. (Verschwindet.)

Brutus.
Nun, zu Philippi will ich denn dich sehn.
Nun ich ein Herz gefaßt, verschwindest du;
Gern spräch ich mehr mit dir noch, böser Geist. –
Bursch! Lucius! – Varro! Claudius! wacht auf!
Claudius!

Lucius.
Die Saiten sind verstimmt.

Brutus.
Er glaubt, er sei bei seiner Laute noch.
Erwache, Lucius!

Lucius.
Herr?

Brutus.
Hast du geträumt, daß du so schrieest, Lucius?

Lucius.
Ich weiß nicht, mein Gebieter, daß ich schrie.

Brutus.
Ja doch, was tatst du; sahst du irgendwas?

Lucius.
Nichts auf der Welt.

Brutus.
Schlaf wieder, Lucius. – Heda, Claudius!
Du, Bursch, wach auf!

Varro.
Herr?

Claudius.
Herr?

Brutus.
Weswegen schriet ihr so in eurem Schlaf?

Varro und Claudius.
Wir schrieen, Herr?

Brutus.
Ja, saht ihr irgendwas?

Varro.
Ich habe nichts gesehn.

Claudius.
Ich gleichfalls nicht.

Brutus.
Geht und empfehlt mich meinem Bruder Cassius;
Er lasse früh voraufziehn seine Macht,
Wir wollen folgen.

Varro und Claudius.
Herr, es soll geschehn.

(Alle ab.)


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