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Gespräch

»Guten Tag. Wie geht es? Netter Trödelladen. Das halten Sie aus? Schmeißen Sie doch den Kram raus! Oder noch nicht bezahlt? Tja … Übrigens, ich ging gerade unten vorbei, als mir einfiel, daß Sie da in der Nähe wohnen. Was, Sie wundern sich wohl, daß ich mittags zu nachtschlafender Zeit herumgeistere? Tja, es ist doch sonderbar; wenn man sich mal vor dem Einschlafen ernstlich vornehmen muß, zeitig aufzustehen, kann man überhaupt nur ein paar Stunden schlafen. Ich war schon um zehn Uhr im Café. Phantastisch! … Hören Sie, heiter … Um vier Uhr werde ich bei Herrn Brecher sein, Samuel Brecher, Handschuhengrossisten in Charlottenburg, Besitzer einer wunderschönen Tochter, die nicht Klavier spielt, obwohl sie es miserabel kann und überhaupt so leicht orientalisch träg und weich … Impression Harem, angenehm entfernt … Und wenn man sich retiriert und dabei die erforderliche Vorsicht außer Acht läßt, kann man in der Küche ein Dingerchen seinem Zweck zuführen, also … Sie müssen schon entschuldigen. Wissen Sie, wenn man wie ich oft tagelang daheim hockt und Papier beschmiert, ohne mehr als Guten Tag und Guten Abend zu sagen, dann ist man Sklave seiner Zunge, die man hopsen lassen muß wie ein Füllen, das endlich auf die Wiese gelassen wird … O, Sie sind sehr blaß. Sind Sie vielleicht krank? Nicht? Sehr angenehm. Man macht ja doch stets unglückliche Figur vor fremdem Leid. Sie müssen wissen, parate Sätze liebe ich über alles. Man genießt sich da viel mehr … Na, was sagen Sie? Da haben wirs. Wie eine Kompagnie verprügelte Mäuse! Und da soll ein besserer Mitteleuropäer Mitleid haben. Orjelei! Berlin ist noch nicht stubenrein … Apropos. Ich erinnere mich, daß Sie auch in der Nacht, als wir uns im Café kennen lernten, sehr schweigsam waren. Nur fiel es mir damals nicht so auf, da wir zu sechst waren. Aber auch die andern Male waren Sie nicht gerade redselig. Ich hatte mir vorgenommen, Sie einmal aufzusuchen. Sie haben nämlich so etwas Mönchisches. Ich assoziiere unausweichlich Lavendl und Anis in Ihrer Nähe. Apropos Schweigen. Wissen Sie, die alten Sprichwörter haben den Vorteil, daß ihre Wahrheit über den Leisten nicht hinausgeht. Ich meine, sie fangen vom Schuster aufwärts an, falsch zu sein. Auf einem gewissen Niveau, vous comprenez, n'est ce pas? fängt alles an, relativ zu werden. Auch das Schweigen. Gewiß, es wirkt im Anfang, speziell bei sachgemäßer Inszenierung, kolossal, im Superlativ sogar heillos respekterzeugend, ja unerhört einschüchternd. Aber es ist dennoch zeitlich, seis auch individuell, scharf fixiert. Wird diese Linie jeweils überschritten, so wird bestenfalls bloß der Abbruch menschlicher Beziehungen bewirkt, schlimmstenfalls aber ist es sogar ein geistiges Armutszeugnis mit Auszeichnung. Sie meinen vielleicht: die unumgehbare Entsetzlichkeit des Schon-dagewesenen. Gewiß, aber auch Goethe war kaum bei jeder Verrichtung geistvoll, und da die Scherzfrage, wer der Kaiser von Europa sei, prompt mit ›Die Phrase‹ zu beantworten ist, muß eklatant sein, daß unsereiner die Verpflichtung hat, erfrischend zu wirken. Es strengt doch wahrhaftig nicht an … Endlich, der Leierfritze geht ab … Sie, aber kalt ists da … Hm, sagen Sie, kennen Sie, Sie kennen doch Frau Roller? Nicht? Aber man hat sie Ihnen doch sicherlich im Café gezeigt. Gefällt sie Ihnen? Was? Klasse, Hochzucht. Entre nous: was von ihr im Café kolportiert wird, ist zweifellos glatt erlogen. Übrigens, man sollte nicht glauben, wie friedlich nah Geist und Tratsch neben einander hausen. Ebenso wie ich fest davon überzeugt bin, daß Ihre Wirtin Helene heißt, so glaube ich nicht, daß Frau Roller Prostituierte ist. Ein Frauenzimmer, das chronisch pumpt, läßt sich nicht bezahlen. Gewiß, sie … hoppla … na ja, das ist mehr als ein billiges Recht des Weibes, das ist seine schwer ethische Verpflichtung. Es ist aber gänzlich ausgeschlossen, daß dieses Weib wahllos ist. Sie fliegt wie alle erstklassigen Weiber auf den geistig hochwertigen Mann, sollte er auch mißgestaltet sein. Was freilich fast eine contradictio in adjecto ist. Nicht ein einziger von diesen eitlen, körperlich lachhaften Kaffeehaushasen, nicht ein einziger, sage ich Ihnen … Ich könnte jeden Schwur dafür brechen! Man braucht doch bloß hinsehen, wie sie das Weib adorieren! Diese Trottel, diese kubierten Idioten! Wenn sie ahnten, daß so ein Weib ein totsicheres Gefühl für seine eigene Minderwertigkeit hat: je vorbehaltloser ein Mann es bewundert, desto eher ist es geneigt, ihn für minderwertig zu halten. Und das Rezept, das richtig dosiert sogar einen Affen ins Bett der Königin lanzieren könnte, ist doch gar nicht kompliziert. Im Grund sind alle Weiber seicht. Der verblüffendste Beweis dafür ist das Erbübel, an dem sie in allen Nuancen laborieren, die Langeweile. In Parenthese, Unterbeweis: Vergnügungen können nicht albern genug sein, um nicht das weibliche Geschlecht am tiefsten zu ergötzen. Man vertreibe ihnen also die Langeweile. Kenner erreichen bei einer Frau in einer halben Stunde mit dem blühendsten Biographiekohl mehr als Oberlehrer mit jahrelanger Mondbenützung. Freilich darf man die besonderen Erfordernisse nicht vergessen, die übrigens in ganz primitiven Fällen mit der Langeweile zusammenfallen können. Apropos. Wie halten Sie es denn? Ne jute Jejend, Balin, wat? Schon erfaßt, wie mich dünkt. Geben Sie acht, mein Lieber, die Lues soll immer noch nicht herzig sein … Oder machen Sie in letzten Dingen? Na ja … Hm … Es ist drei Uhr. Haben Sie schon gegessen? Nicht? Keine Münzen? Geht mir genau so. Glauben Sie, ich ließe mich durch einen Geburtstag im Hause Samuel Brecher abhalten, Spreeanglern zuzusehen, wenn ich mir nicht wieder mal so was wie eine Mahlzeit in den Bauch bauen müßte? Rauchen Sie … Bitte … Langerprobtes Mittel gegen unbefriedigte Magensäfte. Nicht? Also ein wild Gestufter. Oder kultivieren Sie mit Fleiß Hunger? Gewiß, enormes Stimulans, das nur den immanenten Nachteil hat, schließlich das Herz zutote zu kitzeln. Im Grunde sind die Hungerneurosen der Geistigen ein internationaler Skandal. Und das Malheur ist, daß der Sozialismus für uns gar keine Hoffnung ist. Gleichheit! Stiefel! Die Natur ist aristokratisch. Solange die Geistesaristokratie an dem täglichen Problem kratzt, wie ein Kaffee zu erschieben ist, ist es immer noch besser, wenn die Feudalen herrschen, als wenn die Ziegelarbeiter mit mir intim tun … Da, hören Sie! Ja, die Küchen, das klappert durch Eisenwände. Wie diese Bande frißt! Natürlich, je größer der Lump, desto flotter wächst der Wanst. Und zu diesem Gesindel muß man seine Notdurft tragen. Gräßlich. Aber sagen Sie selbst, was soll man tun? Tja, man macht eben Kompromisse. Wer weiß das nicht? Bon. Man soll sein Tun parallel mit seinem Denken verlaufen lassen, sonst ist man überhaupt ein Mißvergnügter. Mais, monsieur, das geht nur, wenn … comme ci comme ça, vous comprenez. Aber man könnte vielleicht doch das Kompromisse-Machen auf die Beziehungen beschränken, von denen die Selbsterhaltung abhängt. Apropos Selbsterhaltung. Sie gehen doch mit zu Herrn Brecher. Von Hausfreunden Eingeführte stets willkommen. Und dann, man frißt und weiter nichts. Es ist mir auch persönlich angenehmer. Man ist doch nicht so Insel. Ich mache Sie übrigens aufmerksam: Sie werden was erleben. Kennen Sie jüdische Familien? Ist übrigens gleichgültig. Diese Familie ist für jeden Unfall exemplarisch. Tatsache, man sollte es doch wirklich nicht glauben: dafür daß ein Mann sein Leben lang eine einzige Frau hat, die vielleicht, na zehn Jahre jung bleibt, opfert er seine Unabhängigkeit und wird zum schuftenden Sklaven. Warum kauft der Edle sich nicht wöchentlich ein kleines Fräulein, wenn ihm schon die sonstigen Gelegenheiten nicht einbringen, was andere der Gefahr abjagen. Es wäre in jeder Hinsicht vorteilhafter und sogar anständiger. Und dann, das Ergebnis der Ehe muß ja eine Pfütze sein. Man bedenke, haha, ha … Ich kannte eine Dame, die mich mit ihrem Gatten betrog, als sie ein Dritter besaß. Lieblich, was? Tja, da lob ich mir die Mohnenstamm. Sie kennen sie doch sicher. Also allen Ernstes: alle Achtung vor diesem Betrieb. Und echt, echt, ich sage Ihnen, wenn die besoffen ist, ist sie immer im Zweifel, wo ihre Beine aufhören und läßt Nachforschungen anstellen, haha … Sagen Sie, dauert das Geklapper da drüben noch lang? Schauderhaft! Tatsache, solche Sachen sind ein Grund, weshalb ich für die Polizei bin. Obwohl ich natürlich gegen diese entsetzliche Bevormundung bin, andererseits. Wissen Sie, hier in Deutschland gibt es, genau genommen, gar keine Erwachsenen. Alles Drill, Uniformierung, Erziehung. Ich bin neugierig, wann dieses, mir übrigens etwas zu blonde Volk einsehen wird, daß die eigentliche Erziehung die Abwesenheit jeder Erziehung ist. Daß ein unverprügeltes Gehirn mehr Chancen hat als ein Regierungsrat und daß ein besoffener Kutscher weniger Ärgernis erregt als der ihn arretierende Schutzmann … Ja, sagen Sie, ich langweile Sie wohl, ja? Na, macht nichts, ich weiß das ja. Die Hauptsache ist nämlich, daß ich ein Vis-à-vis habe. Es macht Ihnen doch nichts aus! Und ich kann mich wieder ausbeuteln für ein paar Tage. Übrigens seien Sie sorglos, mein Bester, ich habe mich schon ausgebeutelt. Es liegt mir nämlich gar nichts an dem Wie und an der Wirkung. Sie sind mir sogar sehr angenehm mit Ihrem Schweigen. Sie haben das alles sehr richtig erfaßt. Das machen andere nämlich nicht. Da hatte ich kürzlich eine amüsante Geschichte mit dem kleinen Kopotenko. Das wird Sie wirklich interessieren. Ich hatte wieder so einen Beuteltag, haha, na ja, und der kleine Kopotenko mußte da alles neben mir Kurfürstenstraße lang sich anhören. Plötzlich aber steift sich das Kerlchen und trompetet, und, das muß ich ihm lassen, es war wirklich sehr chik arrangiert, ja, also trompetet, ungefähr so: ›Ihre Worte, Herr Naran, zischen kühn wie Raketen in die Höhe, zerplatzen in viele Farben und Formen, die aber auf einmal fort sind. Es bleibt nichts.‹ Ungefähr so. Pompöses Bild, bitte! Nun glaubte natürlich der Kleine, ich würde schnurstracks erblassen, wanken, beben, schlottern. Aber nichts von alledem geschah. Das Kerlchen glaubte mich schon zu haben. Dabei hatte ich ihn. Ich kann nämlich sehr gut seitlich beobachten, auch wenn der andere fest glaubt, ich sähe geradeaus. Und so konnte ich von seiner losgelassenen Visage alles herunterlesen. Zuerst dachte er, sogar ein wenig ängstlich, ich könnte vielleicht irgendwie brachial werden. Dann aber, als nichts geschah, gings los. Ich sah ganz deutlich, daß ihn ein unbeschreibbarer Haß schüttelte, geradezu schmerzte. Aber mit einem Mal, eine vollständige Veränderung. Er entdeckte nämlich, daß er mich ja liebte. Daß sein Schweigen mehr noch als seine Worte um mich geworben hatten, aber nicht angenommen worden waren. Und jetzt konnte ich ganz deutlich sehen, wie er dachte: Du sollst mich nicht klein sehen, Hallunke, du nicht. Ich sah, wie er sich zusammenraffte, wie er sich anstrengte, und wie er dann dachte: Es ist ja doch klar, daß er jetzt aus Taktik schweigt, das Bürschchen ist gerieben wie ein Fuchsfänger, wartet hinter seinem Gequassel ruhig, bis man sich endlich, schon aus Wut gegen sich, verschießt, und gibt einem dann eine Ohrfeige par excellence, indem er plötzlich schweigt, und ich soll mir denken, o, mein Herr, sie haben sich ja ergötzlich verschanzt, und ich, ich habe mich verschossen, nein, Hallunke, das soll dir nur einmal gelungen sein. Ich hörte, wie seine Zähne knarrten und wußte natürlich sofort, daß er sich jetzt zu einem ganz verzweifelten Rettungsversuch entschloß. Richtig. Herr Kopotenko sagte, friedlich wie ein Lamm und so weich, daß es schon wieder schmierig wurde: ›Ich wollte Sie nicht demütigen, Herr Naran.‹ Aber ich paßte auf sein Gesicht. Es war dem Kerlchen zumute wie einem, der einer großen Gefahr mit einer kleinen verbergbaren Verletzung entronnen zu sein hofft und sich, obwohl er erst nur hofft, schon fest vornimmt, von nun an so einer Gefahr schon von weitem vorzubeugen, indem er einfach adieu sagt. Ich wußte selbstverständlich sofort, daß er jetzt sich höflich verabschieden würde, um seiner Hoffnung auf die Beine zu helfen, und sagte schnell: ›O, ich bin überzeugt, Herr Kopotenko, ganz überzeugt davon. Es hat mich allerdings ein wenig frappiert, zu deutsch: abgekühlt. Und gottseidank, ich bin nicht sozusagen geistesgegenwärtig. Odios. Das ist eine Eigenschaft, die man nur sehr vorsichtig einem persönlichen Werturteil unterlegen soll. Denn Geistesgegenwart begründet nur den paraten gesunden Menschenverstand, obgleich sie zweifellos jedem besseren Berufsmenschen sehr schätzenswert sein darf. Aber wen eine Situation wortlos macht, der ist wahrscheinlich ein feinerer Kopf, als wer sie blitzend zu beherrschen meint.‹ Nun hatte ich ihn. Was sollte er jetzt tun? Ich wußte ganz genau, daß er jetzt wieder anfangen würde zu schweigen, und weil er schweigen mußte, daß er sich einreden würde, das wäre ein Trik. Das wußte ich natürlich. Mich jammerte der Kleine schon fast. Und ich nahm mir sogar vor, ihm sein kleines Trikchen ganz zart aus den plumpen Pfoten zu drehen. Die Gelegenheit kam rasch. Und ich begann so ganz nebenher: ›Ja, Kopotenko, da reitet was, das man sich ansehen darf!‹ Es war nämlich die wirklich unerhört süße, Sie kennen sie sicher vom Sehen, die Baronin Gleichinger. Ja, also ich sagte: ›Na, Kopotenko, kaufen Sie sich einen gutsitzenden Anzug und einwandfreie Unterwäsche, dann ist auch das dort auf dem Pferderücken nicht zu hoch für Sie. Freilich bleibt es dabei immer noch fraglich, ob Sie auch imstande sind, aus dem Handgelenk zu grüßen und Gnädige Frau so auszusprechen, daß sie Ihnen die Heimatsberechtigung dazu glaubt. Tja … nicht so einfach eben. Und da oben gibts Exemplare: schwerstes Tipp-Topp. Aber im Grunde ist der Unterschied ein Phantasieakt. Man transponiere zum Beispiel Frau Roller in Zwanzig-Mark-Meter-Grau und verbiete ihr, Schöps zu sagen, und die Illusion ist komplett. Eine kleine Ähnlichkeit war übrigens vorhanden. Kopotenko, sollten Sie am Ende? Ich will es nicht fürchten. Frau Roller soll ganz außerordentlich resolut sein und eine sehr lockere Hand haben wie alle besseren Weiber. Na, ich habe nichts dagegen. Aber seien Sie um Himmelswillen vorsichtig, wenn Sie überhaupt Gelegenheit erhalten sollten, es zu sein.‹ Während ich sprach, hatte ich ihn wieder unausgesetzt beobachtet. Einmal hoben sich seine Schultern geringschätzig. Wenn einer das macht, ist er schon verloren. Von da an schaute ich mir das Kerlchen nur noch zu meinem Vergnügen an. Ich hätte gewettet, daß er sich jetzt bei mir bedankt hätte, wenn ich mich verabschiedet hätte, so unbehaglich fühlte er sich in seinem großartigen Schweigen. Da ich aber harmlos weiterging und auf der Seite des Trottoirs, wo weniger Menschen gingen, damit nichts Unvorhergesehenes ihm helfen könne, so mußte er mit. Kennen Sie die Suggestion des Gehens? Ich habe sie geradezu studiert. Fest und rasch und immer ein bißchen berühren, haha … Er hielt das auch richtig nicht aus und legte los. Passen Sie auf: ›Was wollen Sie denn nur von mir.‹ ›Was ich von Ihnen will? Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, daß ich etwas von Ihnen will. Was sollte ich denn auch von Ihnen wollen? Ich wüßte wahrhaftig nicht, was. Es machte mir eben Vergnügen, es ist mir heute, jetzt eben persönliches Bedürfnis, mich so zu äußern. Daß gerade Sie dabei sind, ist höchst gleichgültig.‹ ›Aber Sie sprachen doch mich an.‹ Das sagte Kopotenko aber ungefähr mit diesem Ton: was tue ich denn da, das wollte ich doch gar nicht, so geht das doch nicht … Rührend sage ich Ihnen. Ich hörte ihn direkt innerlich mit sich zetern. Nun hätte ich schon Schluß machen können, aber ich stellte ihm noch eine kleine Falle und sagte sehr einfach: ›Ja gewiß, ich hatte eben ein paar leere Stunden und schlenderte durch die Straßen, als Sie mir begegneten. Es hätte ebenso auch Forchtaler sein können.‹ Und ganz prompt schnappte er ein: ›Sie sagten aber doch, daß Sie sich für mich interessieren.‹ Jetzt bebte er ganz merkbar und wartete fast furchtsam auf meine Antwort. Ich sagte: ›So, sagte ich das? Aber das muß man doch jedem sagen, bei dem es nicht zutrifft, sonst glaubt ers doch nicht und läuft an der nächsten Ecke davon.‹ Das Gesicht hätten Sie sehen sollen. Er wollte sich schnell zu etwas sehr Klugem entschließen, aber das Sich-zwingen-wollen verpatzte jede Möglichkeit, er wollte krampfhaft von meinem Schritt sich befreien, das fühlte ich, aber er konnte nicht los. Einen Moment sah sein Gesicht aus, als wäre er irrsinnig geworden. Wirklich, als ich das sah, hätte ich ihn am liebsten bei der Hand genommen und ihm wie einem Kind verziehen. Aber ich wußte ja doch, daß das nicht möglich war. Er hätte mich selbstverständlich zurückgestoßen und mich hohnvoll triumphierend stehen lassen. Und nun entglitt er sich gänzlich. ›Warum wollen Sie es jetzt nicht mehr wahr haben?‹ rief er, ›warum hassen Sie mich?‹ ›Sie hassen mich!‹ … Und nun, was sagen Sie dazu, fing der Kerl an zu heulen, na ja, heulen ist etwas zu stark, aber er weinte richtiggehend … Ja … was gibts denn … Ach, Sie wollen gehen … Gut, ich erzähle Ihnen die Geschichte unterwegs weiter … Ja, also gehen wir … Ach so … na ja … Übrigens was glauben Sie denn eigentlich! Sie glauben wohl, ich lasse mich von Ihnen zum Besten haben … Ach so, Sie meinen, die Geschichte war auf Sie gemünzt! Sie irren sich, mein Verehrter. So wichtig sind Sie mir nicht. Solche Sachen mache ich nur in besonderen Fällen. Wenn ich mir Sie hätte vornehmen wollen, hätte ich Ihnen schon vor einer halben Stunde eine Ohrfeige geben müssen und, mein Verehrter, auch gegeben … Mein Gott, was man heute alles erlebt! Ich will mir keinen guten Abgang zimmern, aber ich rate Ihnen angelegentlichst, lassen Sie sich behandeln. Adieu, mein Herr.«

Der andere sank langsam auf den Sessel zurück. Die ineinandergeschobenen Finger zitterten verkrampft zwischen den Knieen. Die Augen weiteten sich immer mehr, bis sie naß wurden.


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