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Angst

In der Welt habet ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

Ev. Joh. Kap. 16, V. 33.

»Kommen sie mit hinauf, ich mache noch Tee … Sie machen mir eine große Freude, ja bitte …« Grilli sprach beklommen, fast heiser.

Der Weg bis vor das Haus in dem sie wohnte, war wieder ganz schweigsam zurückgelegt worden.

Sie hatte nicht gewagt, ihn anzusehen, und war mit einem Gefühl von Körperschwäche und innerlichem Erlegensein neben ihm dahingewankt.

Die Qual hatte ihn noch fester umschnürt. Plötzlich, so ganz auf einmal allein zu sein, wäre ihm jetzt wie Erlösung gewesen. Aber etwas in ihm tat sich der Bitte Grillis groß auf. Immer wieder so, dachte er. Es war ihm fast nie möglich, die einmal hergestellten Beziehungen zu Menschen ohne feste Veranlassung abzubrechen. Er fühlte sich ihnen stets sofort verpflichtet, obwohl er wußte, welch zahlloses Leiden daraus erwuchs.

Der Ton ihrer Stimme erst brachte Grilli ganz ins Bewußtsein, wie schrecklich es ihr wäre, jetzt allein sein zu müssen. Sie fröstelte bis in den Magen während der kurzen Überlegung, er könnte vielleicht doch heimgehen. Als sie ihn wie nach unten gezerrt dastehen sah, flog eine schnelle Freude über ihre Haut. Sie öffnete hastig und schritt dann klappernd voraus über den sauberen rasengeschmückten Hof.

Seine Füße schleppten und stießen mehrmals hart an die Holzstufen. Etwas Ungewisses, Drohendes, unsäglich Zermürbendes legte sich um ihn und machte ihn schneller steigen …

Sie schob ihm, als er sich umwandte, einen Korbsessel so rasch in die Kniekehlen, daß er ungelenk hineinfiel. Dann ließ sie den Paletot auf den zerschlissenen Teppich fallen, warf die Kapott fort und hastete umher.

Er empfand ihre Geschäftigkeit einschüchternd, belästigend, einkreisend. Bei jedem ihrer Schritte war es ihm, als verlöre er ein Stück seines eigenen Willens. Seine Augen folgten ihr unausgesetzt. Sie sind von ihr gehetzt, dachte er und lächelte matt über dieses Bild.

Nachdem sie den Brenner des Samovars entzündet hatte, blieb sie, die Arme in den Hüften aufgestellt, tief atemholend vor ihm stehen: »Ha … ja, und Gebäck … hab ich da denn noch?«

Sie rannte zur Kommode und stolperte über den Paletot. »A!« Fast bösartig schleuderte sie ihn mit den Füßen nach einer Ecke. Dann kramte sie mit unsicheren Griffen in der Schublade und trug einen halben Napfkuchen auf faltenweichem Papier auf den Tisch.

Im Hof unten pfiff ein Heimkehrender. Es schnitt wie mit einem sehr langen Messer die Luft in zwei Teile.

Die Füße an die Schenkel herangezogen, die Finger vor den Knien ineinander geschoben, saß sie ihm gegenüber auf dem Fußende einer mit einem dünnen roten Tuch bedeckten breiten Chaiselongue.

Der Tisch war zwischen ihnen.

Der Samovar sang leise.

Tief unter den Lidern hervor betrachtete sie ihn voll zorniger Zärtlichkeit.

Seine Hände hielten die Sessellehnen umspannt. Seine Augen boten sich dem Blick Grillis fest und offen.

Minuten verrannen.

Dieses In-die-Augen-schauen wird immer unerträglicher, dachte er. Was soll das? Es führt Haß herauf, Wut. Es kann bis zum Mord bringen. Doch er vermochte es nicht über sich, wegzuschauen.

Da griff sie unvermittelt, mit der Linken weitausholend, schräg hinter sich nach einer Gitarre an der Wand, drückte den Bauch in ihren Schoß und nahm ein paar Mollakkorde. Bald war es ein Lied. Das Kinn spitz nach oben gerichtet, sang sie hell, doch ein wenig klirrend: »Mein Schatz ist durchgegangen larida, wie soll ich ihn wieder fangen larida …«

Sie ließ die zupfende Rechte sinken und sah unklar lächelnd nach ihm.

Ihm war es, als vertreibe dieses Singen etwas Böses, als lulle die Haut, die Stirne.

»Ist der eine mir entlaufen larida, werd nen andern ich mir kaufen larida, einen schönen weichen weißen …« Sie lächelte verkrampft an sich nieder. Ihr Körper bewegte sich wie begehrlich. Mit einem Ruck sang sie laut und, als wollte sie beleidigen: »Mimi Pinson est une blonde, une blonde que l'on connait. Elle n'a qu'une robe au monde, landerirette …«

Die Gitarre sauste auf die Chaiselongue, von wo sie aufheulend zu Boden schlug; der Samovar hatte zu brausen begonnen.

»Bitte rücken sie näher.« Sie schraubte den Brenner nieder und tat Tee in den Kessel. »Stark, schwach?«

»O, es ist mir gleich.«

Sie brach den Kuchen mit den Händen und reichte ihm ein Stück. »Da …«

»Danke.«

Plötzlich fiel ihr Kopf schrill auflachend hintüber, verstummte ebenso plötzlich und kam langsam wieder herauf. Ihre Hände an den ausgestreckten Armen hielten unbeweglich den Tischrand. Ihre Nasenflügel trieben. Die giftgrüne Seide umpreßte ihre herben Brüste. Der freie Hals rötete sich fleckenweise. Die starr zur Decke gerichteten Augen erschimmerten auf ihrem Weiß in grünlich-gelben Reflexen, die aus der im Schoß gebauschten Seide aufschossen. Es war wie Gewitter um sie. »Sie sind ein seltsamer Mensch … Ich möchte wissen, wie sie leben … Lieben sie Frauen?« Ihr Blick blitzte hinüber zu ihm und verriet mehr Lust an der Frage als nach der Antwort.

Er fing ihren Blick ruhig auf. O, wie sie ausgeliefert ist! Mühsam zwang er sich, sie nicht zu hassen.

»So antworten sie doch«, schrie sie. Doch sofort senkte sie den Kopf, leckte die Unterlippe und rieb sie an den Schneidezähnen.

Sie sah ihm auf die Brust. Ihre Augen glommen wie feuchte Schwämme. Die bis über die Ellbogen unbekleideten Arme lagen auf dem Tisch im Lichtkegel. Sie däuchten ihn sonderbar nackt. Ein leichter Schauer war auf ihrer Haut.

»Fürchten sie sich nicht auch manchmal?« Ihre Stimme war völlig heiser, sodaß sie heftig räuspern mußte. Sie ärgerte sich darüber; auch weil sie meinte, ihm dadurch zu mißfallen.

»Ja, ich fürchte mich oft.«

Ihre Augen wurden ganz dunkel. Sie sah mit einem Ruck im Raum umher und legte die Hände langsam an den Hals. »Vor … wovor … fürchten sie sich …?«

Ganz in der Nähe schlug eine Kirchenglocke. Der Klang, um vieles mächtiger als am Tag, rollte dröhnend an die Wände und blieb dumpf zitternd in der Luft hängen.

»Wovor denn …« wiederholte sie, in sich zusammenkriechend. Sie fragte im Grunde nurmehr, um sich reden zu hören.

In ihm schwang das Glockendröhnen nach und riß es aus ihm heraus: »Ja … es ist … es ist auf der Straße, Wagen hinter Wagen, Menschen über Menschen und alles ganz hell und laut und es ist Mittag und die Luft ist ganz weiß und die Sonne … dann ist es auf der Haide, Äcker und Wiesen, kein Baum, kein Strauch, und alles voll Himmel, gelb und rot und schwarz und ganz still … und es ist im Zimmer …«

Sie fuhr kreischend auf, die Hände von sich stoßend: »Um Gotteswillen, hören sie auf, hören sie auf … mein Gott …«

Doch schnell ließ sie sich wieder nieder, lächelte verlegen und breitete die Hände, die Finger gespreizt, über den Tisch hin.

Ein Stockwerk tiefer quietschte eine Uhr die Stunde nach. Das löste die Spannung.

Sie erhob sich. Die Hände lässig im Nacken, schlich sie schleifend zu dem großen nach außen geneigten Atelierfenster, hinter dem die Sterne standen, und schaute lange hinaus.

»Woran denken sie jetzt?« Sie hatte sich jäh umgewandt.

»Ich dachte … wie es wohl wäre, wenn man von einem hohen Haus sich in die Tiefe fallen ließe.«

Ihre Zunge wurde klebrig, ihr Speichel gallig. Um ihren Mund ging es wie Entsetzen: er hatte ihren Gedanken ausgesprochen … »Wie wäre es wohl?« Es kam ihr vor, als wären die Worte nicht mehr die ihren.

»Es müßte wohl sein … wie wenn man mit heißem Gesicht sich dem Sturm entgegenlegt … und dann ein breiter Sprung in den Glanz …«

»O sie …« Sie trommelte mit einem Fuß auf die Dielen. »So bewegen sie sich doch,« schrie sie. Ihre Schulter zuckte auf und preßte sich dann gegen die kalte Scheibe vor. Kopf und Hände hingen frei herunter. Sie sog wollüstig die kühle dumpfige Luft in die Nase und horchte angestrengt auf ein silbernes Klopfen von irgendwoher.

Als die Schulter sich von der Scheibe löste, taumelte sie kurz.

Dann stand sie aufgerichtet vor ihm und ihre Augen suchten in den seinen. Qualvoll. Irr.

Was wird jetzt geschehen? Er wollte sprechen, etwas tun. Was denn nur, was denn nur … Es war ihm, als müsse er um jeden Preis jemandem zuvorkommen. O Gott …

Da riß sie ihn an den Achseln und flüsterte: »Warum er nur meine Augen nicht freigibt … warum er nur meine Augen nicht freigibt …« Dann kam ein weicher wunder Schrei.

Sie fiel in sich zusammen. Die Knie traten vor, die Arme umarmten fest die Brust, die Hände waren zuckende Fäuste. Sie lag auf dem Boden auf der rechten Seite. Ihre Beine stießen wie aneinander gefesselt fast im Takt mit den Füßen gegen etwas Unsichtbares.

Er stand neben ihr, dachte, ob das wohl echt ist, dann an gar nichts und streichelte seine Hände. Als er es bemerkte, ließ er sie scheu sinken.

Ohne sich dazu entschlossen zu haben, trug er die nur noch matt Stoßende auf die Chaiselongue und schaute leer auf die blonden Haare um den weißen schmalen Hals.

Mit einem Mal spannte sich seine Haut, in den Schläfen und Fingern trieb es. Die Hand um die Lippen, sah er verstört umher und atmete schwer und unregelmäßig, »Ja, ja … ja, ja …« wisperte er.

Da packte ihn eine ungeheuerliche Angst, ohne Ursache und Richtung, von innen heraus und doch auch von draußen kommend, ganz weit von draußen, von droben …

Als wiche er vor irgendetwas zurück, drängte er gegen die Chaiselongue, ließ sich nieder, fingerte blind um Grillis Körper und faßte ihre weichen Fäuste. Die Berührung ordnete in ihm. Er lächelte gequält und fixierte wie zu seiner Beruhigung den blinkenden Samovar. Lange.

Er riß den Kopf herum. Ja so, da konnte er ja nichts tun, er mußte warten. Oder vielleicht ein nasses Tuch …

Grilli fühlte, daß sie die Augen öffnen wollte, es aber schon nicht mehr wollte. Es kam ihr warm und wohlig aus den Händen ins Herz. Jemand hielt ihr Herz in den Händen und küßte es, küßte sie. Sie spürte diesen Kuß überall wie duftendes Heu … O, sie dachte, du wirst jetzt die Augen öffnen, gleich jetzt …

Sie lauschte. Erschrak. Und setzte sich rasch, doch mit deutlicher Anstrengung auf.

Als sie seine Hände um die ihren erblickte, trat ein weinerliches Lächeln auf ihr Gesicht. Fast gleichzeitig fühlte sie, wie ihr Kopf zu schmerzen begann und schwer wurde, wie sie ihm nachgeben mußte. Dumpf fiel sie zurück, in zwei Schlägen, der Kopf zuletzt.

»Wollen sie etwas? Wasser? Tee? … Oder soll ich …« Er war aufgesprungen.

Sie drehte den Kopf und stöhnte eine Ablehnung.

Die Stille wurde immer dünner, heller und schärfer. Sie biß ihn in die Lungen und machte sein Blut rauschen. Warum ging ich mit? Was soll ich da? Was soll das alles? Was soll das alles?

Die letzten Worte hatte er gesprochen.

»Was … was ist …« Sie richtete sich langsam auf und lauerte locker auf seinen Rücken.

Tieferschreckt war er erbleicht, als er sich sprechen hörte. Einen rasend kurzen Augenblick hatte er gehofft, sie könnte vielleicht nichts gehört haben. Dann lief alles Blut in seinen Kopf.

Es gibt kein Ausweichen, fühlte er. Warum will ich überhaupt ausweichen? Er stieß einen ganzen Klumpen Reflexionen aus sich heraus. Die Erleichterung aber ließ ihn etwas ganz anderes sagen: »Man müßte eben immer allein sein.«

»Na und wenn sie immer allein sein könnten, was hätten sie da …?« Sie stockte, als unterdrückte sie etwas Boshaftes. Zorn quoll in ihr auf, weil sie sein Gesicht nicht sehen konnte.

»Dann wäre alles viel leichter und reiner.«

»Aber das geht doch nicht.« Sie lächelte überlegen und ärgerte sich, daß er dieses Lächeln nicht sah.

»Warum nicht?« rief er laut, viel lauter, als er gewollt hatte, und wandte sich ihr unsicher zu.

Ihr Lächeln wurde freudig und körperlich.

Er fühlte sofort, daß es etwas anderem gälte, und machte ein paar Schritte.

»Was ist denn … So bleiben sie doch.« Sie hob die Hand und ließ sie kurze Zeit in der Luft stehen.

Mit dem Rücken gegen sie gewandt, trank er seine Tasse aus. Der Trieb fortzugehen füllte ihn spannend aus. Doch im Rücken zog und hielt es ihn und überrumpelte ihn zu der Frage: »Ist ihnen schon besser?«

»O ja, es geht schon … Wollen sie denn schon gehen?«

»Ja, doch wenn sie noch etwas …«

»O nein, danke schön … nein wirklich … sie können ruhig gehen …«

Wie sie mich zwingen will! Warum sagt sie nicht fest und einfach: Ja, sie können gehen. Aber warum gehe ich denn nicht? Nein … ich gehe …

Doch nur langsam bewegte er sich ein wenig.

»Adieu.« Sie hielt ihm die Hand hin.

So unmöglich war es ihm im Augenblick gewesen, sie zu verlassen, daß er über ihren Gruß erstaunte.

»Nun, was gibts denn?« Sie sagte es mehr befriedigt als munter.

Sein Gesicht wurde von einem mühsamen Zucken zerrissen. Die Hände machten eine kleine gequälte Gebärde.

»So gehen sie doch schon.« Sie sprang auf. Die Hände an den Hüften, schritt sie mit plumpen großen Schritten zum Fenster. Die Ellbogen bewegten sich unregelmäßig nach hinten.

Ohne daß er es sehen konnte, streckte sie ihm in der nachtdunklen Scheibe die Zunge entgegen. Dabei saß ihr der flehentliche Wunsch im Hals, er möchte neben sie treten, sie um Verzeihung bitten, zärtlich sein.

Mit einem unsagbar niederdrückenden Gefühl ging er zur Tür und klinkte sie schnell auf, wie um sich dadurch zu zwingen. Er zögerte: als müsse sich im Augenblick noch alles aufklären.

Als er in dem schwarzen Flur stand, fiel ihm ein, daß die Haustüre verschlossen sei.

Da hörte er Grillis Tritte. Sie pfiff: »Ach wenn das der Petrus wüßte …!«

Die Hand am Treppengeländer, hastete er stolpernd hinab. Die Furcht, sie könnte ihm nacheilen, konnte er nicht betäuben.

Er stürzte auf die Haustüre zu und warf die Hand auf die Klinke: »Auf … ah …«

Auf der Straße rannte er. Zwischendurch überlegte er fiebernd: wenn die Haustüre geschlossen gewesen wäre, hätte ich warten müssen, bis jemand gekommen wäre, oder hätte umkehren müssen zu ihr, oder sie wäre gekommen, ja sie würde sich daran erinnert haben, daß die Haustüre … Ja, sie konnte ja schon hinter ihm her sein …

Er rannte, daß ihn die Brust schmerzte. An der Ecke sah er sich hastig um, konnte aber vor Schneetreiben nichts sehen.


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