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Sascha

Habt nicht lieb die Welt, noch was in der Welt ist. So jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters.

l. Joh. Kap. 2, Vers 15.

Es fror.

Die Luft brannte wie ein feuchtes Tuch um seine Stirn. Sein Körper schmerzte leise. In den Augen stach es mit sehr vielen kleinen dünnen Nadeln.

Eine alte Frau, die ihm entgegenkam, scheute vor seinen Augen zur Seite und flüchtete in ein falsches Lachen.

Er blieb stehen, um sich zu zwingen, an dieses Lachen zu denken. Darüber lächelte er und fühlte spitz, wie die trockengefrorene Haut barst. Dann lauschte er auf das harte Summen eines Autos, das immer näher sprang. Er dachte: ich werde warten, bis es vorbei ist … Doch da begann es wieder: er würde sein Zimmer betreten, es würde kalt sein und so eng und finster, er würde so ratlos sein … Ah, da brach das Auto knatternd aus der Ecke drüben …

Ein kaltes Rauschen fiel ihm in den Kopf und langsam bis in die Füße. Er lehnte sich an das Haus, schluckte schmatzend die süßeisige Luft und sagte im Diskant: »Ja, ja.«

Plötzlich erinnerte er sich an alles. Es war, als sauste sein Gehirn den Schacht der Geschehnisse zurück, ein blitzschnelles Licht weit voran.

Sein Körper straffte sich fest und stand. Sein Kopf hob sich und sah lang in den schwarzblauen Himmel …

Als er die Haustüre aufklinkte, hörte er seinen Namen rufen.

Er hielt sofort in der Bewegung inne und bildete sich ein, wissen zu müssen, wer ihn rufe. Dann wandte er sich lächelnd um.

Sascha zog den vorgestellten rechten Fuß zu dem andern und senkte sich von den Knöcheln aus nach hinten. Es schien, als falle sie.

Er warf ihr die Hand entgegen wie ein Seil und bemerkte, daß er ihre Züge ganz anders im Gedächtnis trug. Der Unterschied däuchte ihn so groß, daß er weder an die frühe Morgenstunde noch an die nachlässige Kleidung dachte.

Er fühlte, als sie seine Hand hielt, daß er noch lächelte. Augenblicks riß er sein Gesicht zur Ruhe.

»So früh?« Wie dumm dieses Reden ist, dachte er, warum hat man nicht den Mut.

»O, es muß schon halb neun sein … ja, halb neun …« Eine Bewegung ließ Sascha merken, daß ihre Hand noch in der seinen lag. Sie zog sie an sich, eine Entschuldigung lächelnd, für irgendetwas … Nun hörte sie den Straßenlärm … Dann zog das Schweigen an ihren Armen, die hingen wie in allen Gliedern gebrochen.

»Wohin wollten Sie gehen?« Er fragte sicher.

»Eigentlich nirgend … wohin … Ich hielt es nicht mehr aus …« Ihre Ellbogen stiegen bis zur Achselhöhle und knickten müde wieder ein. In ihrem Gesicht rang dabei in heftigem Ausdruck Trauer mit einem unklaren Wunsch. »… Ja …« Um ihre Nase entstand eine Blässe.

Mit einem Mal gingen sie.

Eine dicke Stille schloß sie nach vorne ab und versank langsam hinter ihnen.

Lange gingen sie so, leer und schwer … Bis sie an einer Straßenkreuzung stehen bleiben mußten, um die Wagen vorbei zu lassen.

Er fühlte, daß etwas zwischen ihnen sich jetzt veränderte.

»Von wo kamen Sie vorhin …« Sascha blieb mit einem Blick nach ihm bei einer Antwort, obwohl sie innerlich sie gar nicht wollte.

»Ich kam erst heim.«

Sie lachte laut und tönern; dann leiser, da ihr das Lachen mißfallen hatte.

»Was ist denn das wieder.« Er sprach hart und schaute scharf nach ihr.

Überwunden von seinem Blick, der ihre Augen unweigerlich auf sich gezogen hatte, war sie sofort willens zu lächeln, vermochte es aber nicht. Die Lippen, die schon schmäler geworden waren, schnellten zurück. Fuhren auseinander. Das ganze Gesicht zuckte. Doch noch bevor die ersten Tränen kamen, lief sie davon.

Er überlegte ärgerlich, ob er ihr nicht nacheilen sollte, als er sah, wie sie vor einem Laden stehen blieb und an ihrer Frisur nestelte. Er fühlte, daß sie ihn herankommen lassen wollte und trat rasch hinter sie, plötzlich ganz heiter. In einem Spiegel sah er sie ihm freudig zulächeln. Oder war es nicht höhnisch …? Seine linke Wange kniff das Auge zu. Ein kurzer Ekel …

Sie wirbelte sich herum und packte seine Arme, ließ sie aber schnell wieder frei: »Was, ich bin ein tolles Tier … Kommen Sie, da drüben ist eine Konditorei, eine lauschige, haha …«

Drinnen saßen sie neben einander.

Es roch sehr säuerlich nach Staub und Spülicht. Irgendein hämmerndes Geräusch schwoll an und war langsam nicht mehr da.

Er betrachtete, während er trank, mit großer Anspannung einen Öldruck an der gegenüberliegenden Wand, ohne ihn zu sehen.

Er hatte den Eindruck, als wollte Sascha aufstehen, und machte eine Abwehrbewegung.

»Ja? …« Ihre Stimme war eine Gewährung. Sie lächelte überall.

Er mußte den Atem zurückhalten. Dann ließ er ihn gleichgültig entweichen. Er wunderte sich, daß er so unbewegt auf Saschas glänzende Augen sehen konnte. Ist es nicht immer verloren, dachte er, alles spielt mit. Seine Brauen gingen zusammen. »Nichts.«

Saschas Rücken wurde rund und ließ sich in das Sofa zurückgleiten. Sie fühlte plötzlich ihren Körper nicht mehr. Das brachte eine seltsame Lustigkeit über sie. Sie lachte mit dem Atem: »Waren Sie schon einmal dankbar?« Woher kommt mir dieser Spott, war es ihr schmerzlich. Miteins aber war sie mit sich sehr zufrieden.

»Waren Sie noch nie darüber verwundert, daß es im Grunde keine Dankbarkeit gibt?« Sein Gehirn fühlte er wie sprungbereit, eine leichte Hitze im Hals.

Sie zögerte und vermochte doch nicht, über die Frage nachzudenken: »Vielleicht …«

»Es kann ja gar keine Dankbarkeit geben. Dankbar sein heißt ja doch, dafür, daß man …« Da kam Ekel in ihm hoch. »… ach wozu … alles ist ja nur Betäubung …«

Kaum hatte er geschwiegen, als er sich schämte. Ein weiter Unwille ergriff ihn. Er konnte ein breites Grinsen nicht unterdrücken und litt unsäglich.

Sie hatte die Empfindung, als fiele sie durch das Sofa hinab, tief hinab. Als die Empfindung schwand, erinnerte sie sich, daß sie als Kind häufig so geträumt hatte. Dann begann sie zu zittern: Betäubung? und sagte ganz weich: »Aber wir lieben uns doch …« Im selben Augenblick bekam ihr Blick etwas Freches, fast Wildes. Und wurde sofort wieder sanft.

Ihm blieb dieser Blick … Er hörte ihn noch. Aber das ist es ja gar nicht, dachte er, nein … Irgendwo draußen über den Häusern, platzte da nicht eine winzige silberweiße Kugel? ganz schrill und spritzend? Da kam es ihm so, als müsse er jetzt sehr laut lachen, um sich auszuhalten, oder sehr laut in die Hände klatschen. Aber ein kleines Lächeln huschte weh unter seine Nase und löste alles auf.

Sie nahm sich dieses Lächeln und warf die Hände hinüber an seinen Hals. Die Bewegung riß sie fort. Sie krallte sich fest. Ihr Atem flog an seinem Mund empor, heiß und schnell.

Sein Kopf fuhr fast verstört nach hinten. Sein Körper erschrak hinterher.

Ihre Arme zuckten ihn noch einmal jäh heran. Dann glitt sie auf seine Schenkel nieder … Zur Ablenkung, ja … Sie wollte nachdenken, alle Möglichkeiten genau erwägen … Aber es rieselte durch sie, floß wie … wie Marzipan … Sie horchte überrascht in sich hinein und sagte mehrmals hinter einander mit den Lippen: wie Marzipan … dann neben einander … ihr schwindelte …

Er bemühte sich, kaum zu atmen: wenn ich atme, ist es schwerer, fühlte er. Seine Hand lag auf ihren Schläfenhaaren. Die halb verhinderte Berührung mit ihrer Haut verursachte ihm ein solch absonderliches Gefühl, daß er Sascha umfaßte und hob.

Sie schob die erregten Hände auf die Marmorplatte und kurze Zeit schien es, als wollte sie die Stirne dazwischen legen. Die schlaff nach unten drängenden Lippen verrieten, daß sie etwas Böses hatte sagen wollen. Dann schnellte sie auf und eilte hastig fort.

Ihm war es, als hätte sie ihn beschimpft. Doch schon kam der Ärger darüber und ließ ihn alles abschütteln.

Als sie zurückkam, stand er vor dem Öldruck und wandte sich schnell nach ihr. Er erstaunte darüber, nicht zu wissen, warum er den Tisch verlassen hatte …

Das Licht draußen war ganz weiß und versengte.

Er mußte sie einholen.

Sie erschien ihm so fremd, so unbeweglich, so schmerzhaft fahl. Er schluckte. Dann sah er die Entgegenkommenden an.

Hilflosigkeit und ein undeutlicher Zorn durchwogten sie. Langsam spann sich das seit Tagen Erlebte herunter. Sie versuchte, über sich zu lachen, dann zu weinen, zuckte die Achseln hoch, spielte mit der Zunge im Mund und stellte sich angestrengt vor, wie es wäre, wenn sie ihm mit einem Bleistift schnell abwechselnd in beide Nasenlöcher führe, zuvor die Hände und Fuße binden, haha … Dann schnappte alles in ihr aus und nur ein unbestimmter Drang bohrte leise …

Später erinnerte er sich, daß es begann, als sie ganz plötzlich »Schuft!« schrie, und daß ihre Stimme wie aus einem Wald scholl. Dann kreischte sie Schmähung über Schmähung heraus, log, übertrieb, erfand Unwichtiges, weinte tränenlos, stieß mit den Füßen nach ihm und lächelte darüber. Da hielt sie entsetzt inne, griff sich auf die Brust, ihre Augen wurden schillernde starre Glaskugeln … Sie warf den Kopf so fest auf eine Achsel, daß es knackte, drehte ihn weit nach rückwärts und rannte davon …

… An einer Straßenecke lag halb eingetrockneter Kot.

Es packte ihn, seine Hände hineinzuwühlen. Gleichzeitig wußte er, daß er es nicht tun könnte. Da wollte er es dennoch tun. Aber er vermochte es nicht. Ganz fern trieb es wie Schluchzen auf ihn zu …


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