Autorenseite

 << zurück weiter >> 

14

Man schrieb den dreizehnten Tag Oktobris des Jahres dreizehnhundertundsiebenundvierzig, so der Gedenktag ist St. Kolomans.

Schon die halbe Nacht hindurch war ein Zug Geharnischter um den anderen angekommen in Armschwang, denn man bereitete die Schlacht vor. Die Rosse wieherten, die Rüstungen klirrten, und gar unheimliche Luft lag über dem Tale des Chambeflüsschens. Es flatterte und ploderte nicht des Reiches Sturmfahne mit dem schwarzen Adler, nicht das Banner von Bayern, und es hingen die Fähnchen schlaff herab von den Speerspitzen, darauf die Wappen der Geschlechter gezeichnet.

Am Abendhimmel neigte sich der Mond dem Untergange zu, und im Morgen stieg leichter Schein empor über das Hügelland, das sich nach Böhmen hineinziehet.

Es standen die Eckher bei ihren Leuten, die mächtigen Sattelbogener, die Chamerauer, die Göttlinger, die Arnschwanger, die Zenger und all die anderen, so sich versammelt, des Reiches Mark und des Kaisers Recht zu schützen und zu schirmen, und es taten sich die Hervorragendsten zusammen und wählten Herrn Eberhart den Arnschwanger, als den Ältesten und Erfahrensten, zum Führer und Befehlshabenden in der Schlacht, zumal der auch die Gegend mit allen Vorteilen und Hinterhalten kannte.

Das Grau des anbrechenden Tages stieg immer höher und höher, am Abendhimmel verblasste der Mond allweg mehr, und endlich stieg lichte Röte herauf in die dunkelfarbenen Wolken, auf dass sie erglüheten im schönsten Feuer.

Und ich stellt das Kreuz auf einen wackeligen Tisch, las die heilige Messe und betete zum Lenker aller Geschicke, auf dass er den Sieg wenden möchte nach unserer Seite.

Die Ritter nahmen die Helme von den Köpfen und hängten sie an den Sattel, die Knechte nahmen ihre Eisenhauben ab, und aller Hände falteten sich zum Gebet.

»Herre, der du uns die Lieb zu Land und Kaiser in die Brust gesenket, der du uns die Treue gegeben und das Gemüt für alles Recht, Herre, lenke den Tag zum Guten, und nimm die in deinen Himmelssaal, für die es an diesem Tage Nacht werden soll für ewig und immer! Herre, erbarme dich unser!«

Was soll einer sonst zu solcher Stunde, da der Tod über die Gegend reitet und mit hohlem Auge sich seine Opfer erspäht aus den Reihen der Lebenden, aus Jugend und Kraft?

Die Sonne stieg empor über die böhmischen Berge, und eitel Licht umflutete und umstrahlte uns, und es hob sich auch ein leichter Wind und blähete Sturmfahne und Banner.

Da ritt Herr Eberhart der Arnschwanger vor und schrie mit kräftiger Stimme, es solle eine Rotte hinreiten gen die Stadt zu Furth, solle den Feind aufstöbern, sammeln und ins Feld bringen, auf dass man eine Schlacht eingehen könne.

Es meldeten sich etliche, aber da sich Herr Peter der junge Eckher auch meldete, erhielt er als des Viztums Sohn den Vorzug.

Die Hörner schallten, die Rosse wieherten und stampften, und aus tausend rauen Kehlen stieg der Schlachtruf in die Stille des Morgens.

Ich setzte mich auf mein Ross, aber Herr Eberhart kam hastig auf mich zu. »Was tätet Ihr mit, Herr Pfaffe? Ihr seid nicht gewaffnet und gerüstet …«

»Herr Peter der Viztum hat mir aufgetragen, acht zu haben auf seine Söhne, und man weiß nicht, ob …«

»In harten Kampf werden sie sich nicht einlassen, und sonst bedürfen sie Euer nicht. bleibt nur da bei uns!«

Sie winkten mir einen Gruß zu, Herr Peter, Albert und Hagen, und dann ritten sie davon gen die Stadt zu Furth, welchen Ort erst Kaiser Ludwig Stadtrechte verliehen. Mit großem Lärmen zogen sie fürbass, und bald waren sie unseren Augen entschwunden.

Ein eigenartig drücken Gefühl beschlich mein Herz, und ich wusste nicht, was es wäre. wie ein mächtiger Stein legte es sich auf meinen Atem, und in den Adern war es mir, als kröchen tausend Ameisen darin herum. Er verrann Zeit um Zeit in bangem Warten, aber von Furth her hörte man nichts. Da hieß Herr Eberhart die Kämpen aufreiten über das Tal hin, und dahinter standen die Knechte in hart großer Zahl. Die Sonne kam höher und höher, und immer wärmer und heißer wurden ihre Strahlen, und die Ritter schwitzten in ihren dicken Hüllen und Brünnen. Immer weiter und weiter rückte der Tag vor, und die abgesandte Rotte wollte nicht zurückkommen. Ungeduld bemächtigte sich aller, und man war nahe daran, den Arnschwanger zum Aufbruche zu drängen, als man wieder Hörnerklang hörte und das wuchtige Traben der Rosse.

Jetzt kamen sie, und hinter ihnen her die Böhmen in hart schwerer Menge. Ein Zeitlein war's, als erkämen sie und wollten wieder zurück, als sie uns ersehen, aber gleich darauf stellten sie sich auf in Schlachtreihen. Ein unverständlich Geschrei drang zu uns herüber, und des Arnschwangers Hand fuhr nach dem Schwerte.

Da lief ein Bauer daher, halb nackt und triefende vor Schweiß.

»Auf! Auf!« schrie er. »Ein Teil der Hunnen reitet gen Tannried nach Lichteneck und Haidstein. Wohl sind die zwei Nester hart fest, aber ihr könntet dem Räubervolke in den Rücken fallen.«

»Die Botschaft ist goldeswert«, nickte der Arnschwanger. »Ich trage wohl solches nicht mit, aber da hast du einen Dolch als Pfand. Wenn du ihn mir nach Arnschwang bringst, will ich deinen Dienst nach Gebühr lohnen … Wer reitet gen Tännried?« frug er dann. »Herr Thiemo der Eckher? Wenn Ihr den Schlag führen wollt, es steht Euch der Vorzug zu.«

»Ich gehe«, sagte der ruhig und ließ seinen Leuten das Zeichen blasen, abzuschwenken und den Weg einzuschlagen, den der Bauer weisen sollte.

Ich weiß nicht, wie es kam, dass ich dieses Abzuges nicht viel achtete, es mag wahrscheinlich deshalb gewesen sein, weil Herrn Peters Rotte sich hart vor uns wieder wendete und gen den Feind ritt. Der Eckher Speerwimpel flatterten im Winde, die Erde erzitterte schier unter den Tritten der Rosse, und das Geklirr der Rüstungen und Waffen flocht sich dazwischen hindurch wie ein greller Faden durch starkes Tau. Die Helme blitzten und blinkten im Sonnenlichte, die Mäntel flatterten, und dazwischen war's, als huschten dunkle Schatten dahin zwischen den Reihen.

Ein Keil löste sich vom Heere der Böhmen los und ritt des Eckhers Rotte entgegen, und wilder Schlachtruf hallte über das sonst so friedliche Gelände.

Weithin schallte das Krachen und Brechen der Speere, Rosse bäumten und überschlugen sich und wälzten sich auf der Erden. Durch das Schreien, Krachen und Wiehern klang es wie das Werken der Schmiede. Die Schwerter sausten auf die Helme nieder, geller, schriller Eisenklang fuhr schneidend durch das Lärmen, und dumpfe Schläge mischten sich darein. Inmitten des goldenen Sonnenscheines senkte sich Todesnacht auf manch brechend Auge.

Nicht wie Menschen, nicht wie Christen gebärdete sich jeder und jeglicher, wie ein Haufen wild gewordenen Geviehes dünkten sie mich, und in meiner Einfalt tadelt ich den Höchsten, dass er solches geschehen lasse unter seinen Ebenbildern und Kindern. Es fiel mir nachher ein, dass er gesagt, es müsse Unheil kommen und Ärgernis unter das Menschengeschlecht, aber wehe denen, die solches verschuldet; doch war ich zu aufgeregt ob des Wütens der Schlacht.

Unterdes nahm Herr Eberhart der Arnschwanger wahr, dass der Böhmen Knechte sich ins Gewühl des Kampfes mengeten und die Rosse der Unseren an Zaum und Zügel niederrissen und also zu Falle brachten. Bei uns galt nach dem Feinde gegenüber ehrlicher Ritterbrauch, aber da er solches sah, wurde er zornig und hieß Gleiches zu tun.

Ein zweiter Keil löste sich vom Heere der Böhmen, und dem stürmte der Rundinger Haufen entgegen. Ich kannte die Rundinger nicht, aber ich sah die Harfe am Speerwimpel, das Wappen dieses Geschlechtes.

So tobt der Kampf, bis sich die Sonne schon zum Nachmittag neigte. Ich wollte oftmals vor, um nach meinen Schutzbefohlenen zu suchen, aber man heilt mich mit Gewalt zurück.

»Was wollt Ihr dort?« sagte man. »Was will ein einzelner im Gewühle des Kampes? Wollt Ihr Euch von den Hufen der Hunnenrosse zerstampfen lassen, um nachher nimmer nützen zu können, wenn es notwendig sein sollte? Ihr werdet der Arbeit noch übergenug bekommen.«

So blieb ich an der Seite des Arnschwangers.

Da stürmte ein Weibsmensch daher mit schreckverzerrtem Gesichte und fliegendem Haar: Hilti, die Magd.

»Wo ist Herr Peter, der Eckher?« hastete sie heraus, schier ganz von Atem.

»Ich weiß nicht«, beschied der Arnschwanger. »Was willst du ihm?«

»Es ist ein Wank geschehen und Verrat geübet worden: Thiemo der Eckher ist mit seinem Haufen geflohen, und Herr Heinrich hat sich den Haidstein nehmen lassen.«

»Den Teufel schon!« schrie Herr Eberhart auf und riss sein Schwert aus der Scheide. »Jetzt drauf und dran, wenn der letzte Mann auf dem Blachfeld bleibt. Vorwärts wie die wilde Jagd! … Ihr bleibt hier, Herr Gotswin, da Ihr dort nichts wirken und nützen könnt. Vorwärts!«

Die Hörner gellten hinaus über das Tal, ein dumpf Gedröhn hob sich, und die ganze Schlachtreihe setzte sich in Bewegung.

Ich vermag nicht zu schildern, was ich dieselbe Stunde gedacht, gesonnen und geschaudert, und doch war sie nicht die schreckenvollste meines Lebens.

»Es ist schändlicher Verrat geübet worden«, erzählte Hilti mit bebender Stimme. »Es war vorher beschlossene Sache, dass es so kommen solle, und ich habe dazu geredet und geschüret in meiner Blinde und meinem Hasse ob des gehängten Bruders. Ihr wisset ja, Herr Gotswin.«

»Wegen dem Henneflügel?«

»Ja. Und da es schier zu spät gewesen, hab' ich erkannt, was da gestiftet worden, und ich bin davongerannt, um Kunde zu bringen. Meinrad, Euer ehemaliger Knabe, liegt vor der Zugbrücke ober als ein Toter; er hat nicht weichen wollen, und mich dünket, er sein nicht von Feindeshand gefallen … O, ich armselig Geschöpfe! Warum hab' ich nicht gleich gemeldet, was ich erlauschet an Falschheit und Verrat? Wo ist Herr Peter der Eckher?«

»Was willst du dem?« frug ich, da ich mir die Frage nicht deuten konnte.

»Lebend sehen oder ihm helfen, wo ich könnte. Ich … Ihr habt mich ehemals gescholten, aber … aber ich ängstigte mich so um ihn …«

Da fiel mir ein, was ehemal gewesen, und ich verneinte all das gehört zu haben, was sich hinter den wenigen Worten geschämig versteckt gehalten.

»Gott geb es, dass wir ihn lebend finden«, sagte ich und sah wieder gen das Gewühl der Schlacht hin, und es war zur selben Zeit, da die Unseren die Übermacht bekamen und die Böhmen zurückdrängten.

»Heilo! Heilo!« hallte es herüber zu uns wie wildes Aufjauchzen, und dann schoben sich die Reihen vorwärts gen Furth.

»Komm!« sagte ich da zu Hilti, »komm, wir wollen das Feld absuchen, und so wir keinen Eckher dort finden, sehen wir nachher des Viztums Söhne all beid als Lebende. Ich weiß den Ort, da sein Haufen zusammengetroffen mit den Böhmen.«

Und wir gingen selband zur Walstatt.

Das Feld bot erschrecklichen Anblick. Ross' und Reiter lagen da in wirren Haufen, wo die eisengepanzerten Scharen aufeinandergestoßen und der Tod seinen Schnitt gehalten. Rosse lagen da und streckten alle Viere von sich oder schlugen im Verenden wild um sich, zersplitterte Speere deckten den Boden gleich verstreutem Strohgehalm, und Ritter und Knechte hatte der Tod zur Strecke gebracht und neben- und übereinander gelegt. Manchen hatte des Todes kalte Hand den Mund geschlossen für immer, manche stöhnten noch und rangen mit dem Tode, manche krochen weg von den Haufen, in die sie geraten, manche beteten und flehten um ein rasch Ende, und manche fluchten in rauer, grobschlächtiger Weise. Die Böhmen, so da gefallen, konnte man nicht verstehen, aber nach dem Klange ihrer Rede mochte man erraten, was sie taten, beten oder fluchen.

Es schnürte mein Herz zusammen wie mit Stricken, aber ich konnte nichts ändern. In aller Hast betete ich für alle, so da lagen, und währenddem suchten wir nach Bekannten und nach den Eckhern im Besonderen. Verschiedentlich Geschilde lag da, und mannigfach Gewappen kennzeichnete die Ritter der Edlen, und mir war das wenigste Zeichen bekannt. Zwei fanden wir alsbald, die mit der Harfe gekennzeichnet, daneben lag ein Zenger mit der Zange im oberen Felde, weiter weg davon stöhnte einer der Pudensdorfer mit dem Rad in seinem Wappen, und daneben fluchte ein Sattelbogener. Eppo der Christenberger lag auf dem Rücken und hatte die Arme gespreitet wie ein Kreuz; seinem Kopfe fehlte der Helm, und Hersenier und Schädel waren gespalten. Er tat keinen Schnaufer mehr.

Hilti war ein Örtlein abseits von mir gekommen in ihrem Suchen, und plötzlich tat sie einen gellen Aufschrei: »Peter, mein gülden Kleinod!« Und dann sank sie nieder über einen auf der Walstatt Liegenden, und mir fuhr der Schrei wie ein haarscharf Messer durch die Brust. Also war er wirklich gefallen? War er tot, oder war noch Leben in seinem Körper und Hoffnung?

Ich kehrt mich nach der Richtung, aber da sah ich zwei der böhmischen Knechte über das Feld hasten. Hatten sie sich verirrt oder versteckt und eilten nun den Ihren nach, oder führten sie sonstiges im Schilde? Wollte sie die Gefallenen berauben?

Einer von ihnen sprang auf Hilti zu und stieß ihr einen Spieß in den Rücken. »Unnütz Weibsvolk!« lachte er höhnisch, aber da konnte ich mich nicht halten. Mit zwei, drei Sätzen stand ich vor ihm, und ein wuchtiger Hieb streckte ihn zu Boden.

Der Herr mög es mir verzeihen, dass ich getötet, aber ich habe mir nicht zu helfen vermocht. Das Weib hatte ihm sicher nie ein Leid zugefügt, und es war auch keiner der gewaffenten Gegner. Solches war abscheulicher, blutrünstiger Mord, und ich habe kurzerhand den Richter gemacht.

Der andere aber floh eilig über die Walstatt dahin.

Herr Peter der jung Eckher lag tot und starr mit halbzerhauenem Halse auf dem blutgetränkten Stoppelrasen, und auf seiner Brust lag Hilti, die Magd, und ihre Seele entfloh mit dem letzten Seufzer ihrer Brust.

Ein ehrfürchtig Schaudern lief meinen Rücken hinab, da ich so stand vor den beiden, und dann kniete ich mich nieder und sprach ein inbrünstig Gebet für sie.

Unweit der Stelle stöhnte einer, und als ich hinkam, erkannte ich Marchwarten von Drachselried.

»Herr Gotswin, helft mir!« bat er.

Ich schnitt das Riemzeug seiner Rüstung auf und machte ihn los von Panzer und Binden, und dann fand ich, dass die Wunden nicht lebensgefährlich waren. Ich nahm ihn auf den Rücken und trug ihn dorthin, wo ich mein Ross gelassen und die Sachen, die ich mitgenommen, den Verwundeten beizustehen. Dort verband ich seine Wunden und ließ ihn zurück, mit meinem Rosse und den Sachen zur Unglücksstatt ziehend.

Ich hatte harte Arbeit, bis ein Haufen der Unseren zurückkam mit den Knechten, und männiglich mir half und beistand. Wie vielen ich da ihre Schmerzen gelindert, und wie vielen ich beigestanden? Ich weiß es nicht und frage nicht nach der Zahl; es ist mir genug des Lohnes, dass ich es getan und dass ich denen beizustehen vermocht, die der Hilfe bedürftig gewesen.

Dem zweiten Haufen flatterte das Wappen der Eckher voran, und ich jubelte schier auf, als ich Herrn Albert erkannte und Hagen den Randsberger.

Wie es mit Herrn Peter, dem Jungen, stände?

Ich führte sie zu der Stelle, allwo die Zwei lagen, und manchem der Herren, die im Kampfe mit keiner Wimper gezuckt, rollte ein Zährlein die verschwitzten und verstaubten Wangen hernieder. »Der Herr spende ihnen die ewige Ruh in seinem Himmelreiche!«

Wie es gegangen?

Des Reiches Sturmfahne habe zu hart erkämpftem Siege geführt, aber doch zum Siege. Ein Teil der Böhmen sie zurück über die Landesmarkung gen Riesenberg und Taus, der andere aber habe sich jählings gen Tännried oder Dennried hinauf gewandt, dem Haidsteine zu, und diesem wäre ein groß Teil der Unseren nachgezogen. Wie es dort stünde, könnte von ihnen keiner sagen und melden.

Die Sonne neigte sich immer mehr und mehr dem Abende zu, und wir eilten uns, so viel der Verwundeten zu verbinden und zurückbringen zu lasse nach Arnschwang, als nur möglich war, und darüber sank das Tagesgestirn gleich einem feurigen Balle gerade hinter den Zinnen des Haidsteines hinunter. Blutrot färbte sich der Himmel, als dränge der Widerschein des vergossenen Blutes im Chambtale hinauf bis zu den Wolken, und dem Scheine folgte die Nacht auf der Ferse, die Nacht, die all die Schrecknisse des Tages in tiefes Finster hüllete, das Röcheln der Sterbenden und das Rufen der Verwundeten, die noch umherlagen, die wir aber nimmer zu bezwingen vermochten.

Herrn Peter des Eckhers Leichnam aber nahmen sie mit nach Arnschwang.

*

Der andere Tag brachte sichere Kunde, dass der Haidstein in Untreue verraten und dem Feinde übergeben worden und dass Herr Thiemo der Eckher sich vor den Feinden zurückgezogen mit seinen Leuten, da es nicht notwendig gewesen.

All die Ritte und Edlen schändeten den Chamerauer und fluchten ihm, und auch über Thiemo wurde hart geredet. Herr Albert der Eckher aber tat, als wollte er von Sinnen kommen. Ein Eckher vor dem Feinde geflohen, da es nicht vonnöten gewesen, ein Sprosse des Viztums zu Straubing! Solche Schmach und Schande wäre schier nimmer zu verwinden und abzuwaschen von dem schwarzweißen Schilde, und dies und jenes.

Und jeglicher der Herren musste den jungen Mann wieder trösten und ihm mannigfach zu raten und zu bedenken geben.

Denselben Tag hielten die Ritter Rat, und nur ich suchte mit den Knechten die Walstatt ab nach Verwundeten, deren wir noch etliche fanden, und gar manchen legten wir in die kühle Erde, der die Hoffnung der Seinen gewesen sein mochte.

Der folgende Tag aber brachte die Kunde, dass Kaiser Ludwig von dem Einfalle vernommen und nun von Regensburg her anrücke mit seinem Heere. Ein Teil der Unseren zog gen den Haidstein hinauf, die Burge allweg im Auge zu behalten und einen Ausbruch der Feinde zu verhindern. Man sagte auch, der Böhmenkönig Karl, Ludwigs Gegenkaiser, säße auch in der Burge und warte Nachzug seines Heeres ab, doch vermag ich nichts anderes zu berichten, als dass die Böhmen auf dem Haidsteine saßen und dass schon in kurzer Zeit etlicher Streit vorfiel zwischen des Chamerauers Leuten und den Böhmen, wie die ersten den Verrat witterten und darüber greinten. Dies mag vielleicht auch die Ursach gewesen sein, dass die Böhmen in aller Stille zum Abzuge rüsteten, als sie die Kunde vernahmen, Kaiser Ludwig rücke von Regensburg heran. Feinde außerhalb der Mauern und Gegner innerhalb derselben mag hart übler Stand sein, und sie sahen solches ein, schützten einen Ausfall vor und zogen ab, verfolgt von denen, die der Arnschwanger vor die Burge gelegt.

Als aber die Böhmen aus der Veste, bekam Herr Heinrich der Chamerauer manch unschön Wort zu hören von seinen Leuten, und er dachte, es wäre klüger, wenn er sich davon machte, ehe der Kaiser ankam. Blühende Röselein mochte er nicht als Lohn erwarten für seine Tat. Einige verlässliche Leute sollten Frau Alheit derweilen nach Straubing bringen zu ihren Eltern, bis er in Böhmen ein geruhig Plätzlein gefunden für sich und sie, und er wollte denen nach, mit denen er in Falschheit angeknüpfet.

Er zog Wams und Mantel eines gewöhnlichen Dienstmanne über seinen Harnisch und verließ auf flinkem Rosse heimlich die Burge.

Aber es war, dass unter den Knechten des Arnschwangers einer stand, ein junger, kräftiger Gesell, Girg, der Sohn Chunikundens, der Schwester des Henneflügels, und der stand auf heimlicher Vorwacht und merkte die Flucht des Verräters.

Raschen Sprunges war er an der Seite des Rosses, fiel in die Zügel und riss es also zu Boden. Und ehe sich der Chamerauer auf die Füße stellen konnte, schlug er ihn tot. Als die anderen ob des Lärmes herbeikamen, regte Herr Heinrich kein Glied mehr und tat keinen Atemzug.

Also tat der Gesell, der raue Sohn einer rauen Zeit, und dann beteten sie ein kurz Gebet für die Seele des ungetreuen Knechtes ihre Herrn und Kaisers.


 << zurück weiter >>