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VIII. Die Technik der Astrologie (Aufstellung des Horoskops).

In diesem Abschnitt wird alles Technische, das teilweise schon erklärt werden mußte, zusammengefaßt und vervollständigt. Dabei sind einige Wiederholungen unvermeidlich, vielleicht sogar erwünscht.

Es kann nicht die Aufgabe eines Buches vom »Geist der Astrologie« sein, über die genaue Technik der Astrologie zu. unterrichten. Dazu sind die Lehrbücher da. Nur worauf diese Technik beruht, sei hier kurz mitgeteilt. Einem aufmerksamen Leser wird es danach wohl möglich sein, nach meinen Angaben sein Horoskop in den Hauptlinien aufstellen und sich ein allgemeines Urteil über die Astrologie zu bilden, ehe er sich zu eingehenderen zeitraubenden Studien entschließt.

Ein genaues Horoskop aufstellen, deuten und nach ihm die Direktionen eines etwa 60–70jährigen Lebens berechnen, nimmt etwa fünfzig volle Arbeitstage in Anspruch. Das wird nur selten jemand aus Gefälligkeit tun, und nur wenige werden im Stand sein, eine solche Leistung angemessen zu bezahlen. Man begreift danach leicht, daß die Hofastrologen der Vergangenheit, welche für die Hauptverhandlungen ihrer Herren die rechte Stunde zu wählen und die Nativitäten aller Freunde und Feinde des Hauses und deren gute und schlechte Direktionen zu berechnen hatten, viel beschäftigte Leute waren. Seitdem das Wissen von der Astrologie geschwunden ist, findet man nur sehr selten haarscharfe Angaben des Geburtsaugenblicks. Deswegen muß der moderne Astrologe mit den höchst mühsamen Rektifikationsberechnungen beginnen, die oben angeführt wurden und infolge der großen Zahl der Aspekte und ihrer Vieldeutigkeit auch nicht immer zu sicheren Ergebnissen führen. Bei modernen Angaben der Geburtszeit kann man zufrieden sein, wenn sie nicht mehr als eine Viertelstunde von der Wahrheit abweichen. Vorausgesetzt, daß ein solcher Irrtum nicht gerade das Zeichen des Aszendenten zweifelhaft macht, fällt er für die Deutung eines Geburtshoroskops nicht allzu schwer ins Gewicht. Nur bei der progressiven Astrologie, die obendrein an sich das ungewissere Gebiet ist, geht es nicht ohne Genauigkeit. Wird infolge der Unsicherheit des Geburtsaugenblicks fraglich, ob der Aszendent in die letzten Grade eines Zeichens oder in die ersten des folgenden fällt, so bleibt, falls man die Rektifikationsrechnung scheut, nichts anderes übrig als die Kombination. Diese ist jedoch gerade hier recht aussichtsvoll. Der Aszendent drückt, wie gesagt, das Wesen, Charakter und sehr oft auch die äußere Erscheinung eines Menschen aus. Da nun die aufeinander folgenden Zeichen sich nie ähnlich sind, vielmehr in polarem Gegensatz zueinander befinden, wird man nicht leicht im Zweifel sein, ob jemand z.B. im Zeichen des Löwen oder der Jungfrau, der Fische oder des Widders geboren ist. Nachdem nun gleich an der Schwelle der Astrologie eine solche Nötigung zu nur annähernder Genauigkeit steht, ist es sinnlos, solange keine Rektifikation der Geburtszeit stattgefunden hat, im weiteren Verlauf eine Exaktheit zu verlangen, deren Voraussetzung zweifelhaft ist. Dies einmal zugegeben, kann man unter Zuhilfenahme der vorhandenen Behelfe ein annähernd richtiges Geburtshoroskop zur Erkundung des Charakters, der Anlagen, der Aussichten und Hindernisse eines Menschen, aber ohne seine Direktionen, in einer halben Stunde errichten. Eine andere Frage ist die Deutung. Ein intuitiv-kombinatorischer Kopf sieht einerseits auf den ersten Blick manches, was der Anwender überlieferter Rezepte nie erkennt, und wird andererseits ein Horoskop auch noch nach mehrjähriger Kenntnis immer wieder unerschöpflich an neu auftauchenden Gesichtspunkten finden, während der Schematiker nach Berücksichtigung aller ihm bekannten Regeln am Ende seiner Weisheit angelangt ist. Der erste erscheint daher dem bedächtigen Rechner und Rezeptensammler bald zu voreilig, weil er schon bei flüchtigem Ueberblick über eine Nativität einige Behauptungen wagt, bald zu bedenklich, weil ihn immer wieder neue Möglichkeiten vor endgültigen Urteilen zurückschrecken lassen.

 

Indem ich nun versuche, dem Leser zu zeigen, wie er in einer halben Stunde sein Horoskop oder das einer ihm nahestehenden Person aufstellen kann, schlage ich bewußt den entgegengesetzten Weg ein, der heute als Lehrmethode üblich ist. Jeder wundert sich, warum selbst auf den besten Schulen so außerordentlich wenig gelernt wird, verglichen mit der angewendeten Zeit. Man macht sich keinen Begriff, wie unwissend die meisten Menschen im allgemeinen sind, selbst wenn sie zwölf Jahre für Vorschule und Gymnasium verwendet haben, während doch in den meisten Berufen auch von den Unbegabten gerade die Fachkenntnisse leidlich beherrscht werden. Wie ist das erklärlich, da doch während der Schulzeit die Gehirne jünger und aufnahmefähiger waren? Warum lernen so viele als Erwachsene eine neue Sprache spielend, falls sie sie für ihren Beruf nötig haben, während jahrelanges Französisch- und Englischlernen auf der Schule kaum befähigt, einen leichten Schriftsteller mühelos zu lesen. Warum lernen ferner viele Menschen so leicht aus den mittelmäßigsten Zeitungsaufsätzen und so schwer aus ernsten Lehrbüchern? Der Grund ist der: Wir lernen alles spielend, was uns als Mittel zu einem klar gesehenen und von uns erwünschten Zweck übersichtlich erscheint, und je besser ein Mensch geartet ist, desto mehr weigert er sich, Sklavenarbeit zu verrichten, das heißt sich zu plagen für etwas, dessen Sinn er nicht erkennt. Was aber hat antike Geschichte und Grammatik für einen Sinn in dem Hirn eines zehnjährigen Knaben? Nur für die allernächste Vergangenheit kann er sich naturgemäß interessieren, soweit sie ihm die ihm bekannte Gegenwart erklärt. Schritt für Schritt führe man ihn rückwärts und eines Tages wird ihn antike Geschichte fesseln wie ein Roman. Grammatische Fragen aber sind nur interessant für den, welcher den lebendigen Ausdruck einer Sprache bereits beherrscht. Die astrologischen Lehrbücher führen nun wie die meisten anderen Lehrbücher zunächst in einen Wust verwirrender Einzelheiten ein, ehe noch klar geworden, wozu das alles dient. Da nun ihre Verfasser selber meist weniger vom Geist der Astrologie, als von ihrer rechnerischen Technik ausgehen, verlieren sie sich in einem »luxe prodigieux de mathématiques«, wie Paul Flambart sagt, anstatt zunächst einmal folgende Grundtatsachen einfach mitzuteilen, die dann später nach Bedarf mathematisch ergänzt und astronomisch erklärt werden müssen.

 

Zur schnellen Errichtung eines annähernd genauen Geburtshoroskops bedarf man zweier Behelfe, der Ephemeris (Ephemeriden liefert der Verlag dieses Buches) des Geburtsjahrs und eines Verzeichnisses der Felderspitzen. Felderspitzentabellen für die geographischen Breiten, sowie ein Verzeichnis der Längen- und Breitengrade der Hauptorte der Erde. Wer nun die Ephemeris für das Geburtsjahr benutzt, schlage darin den Geburtstag auf. Er findet dort in der ersten Spalte unter »Sternzeit« oder in der engl. Ausgabe »Sidercal Time« eine Zeitangabe Das Zeitmaß für einen Tag ist bekanntlich die einmalige Achsendrehung der Erde. Da aber in einem Tag die Sonne selbst um ca. 1° fortzuschreiten scheint, ist die Zeit von Mittag zu Mittag keine einheitliche Größe. Eine solche findet sich jedoch, wenn man die Erddrehung an den Fixsternen orientiert. Die Sterntage sind gleich groß im Gegensatz zu den Sonnentagen. Die Rechnung beginnt in beiden Fällen im Frühlingspunkt. Der Unterschied wächst täglich um 4 Minuten und beträgt am Ende des Sonnenjahres 24 Stunden.). Es ist die Sternzeit 12 Uhr mittags. Ist nun jemand um 3 Uhr 20 Minuten nachmittags geboren, so sind dieser Sternzeit 3 Stunden 20 Minuten zuzuzählen, ist er etwa um 4 Uhr 50 vormittags geboren, so sind 7 Stunden 10 Minuten (d.h. der Abstand vom Mittag) abzuziehen. Genau genommen müßte man auch für diese Abstände den Unterschied der Sternzeit berechnen. (Die Lehrbücher geben an, wie dies geschieht.) Da die Ungenauigkeit bei Vermeidung dieser Umrechnung gering ist, kann sie logischerweise unterlassen werden, wo die Geburtszeit um Minuten ungenau ist. Statt 4 Uhr nachmittags, d.h. 4 Stunden nach 12 Uhr setzt also die Astrologie 4 Stunden nach der für Mittag in der Ephemeris angegebenen Sternzeit, statt 8 Uhr vormittags 4 Stunden vor dieser mittäglichen Sternzeit. Da in Bayern und Württemberg 1892, im übrigen Reich 1893 die mitteleuropäische Zeit (= Görlitzer Ortszeit) eingeführt wurde, 1916 und 1918 vom 1. April bis 1. Oktober und 1917 vom 15. April bis 15. Oktober die sogenannte Sommerzeit galt, nach der die Uhren um 1 Stunde vorausgestellt wurden, müssen Geburten, die in diese Zeiträume fallen, auf Ortszeit umgerechnet werden. Der für die mitteleuropäische Zeit maßgebende Görlitzer Meridian liegt genau um 1 Stunde östlich von Greenwich. Das Verhältnis des Geburtsorts zu Görlitzer (= mitteleuropäischer) Zeit ist daher leicht nach dem Verzeichnis der Längen- und Breitengrade in dem Band Felderspitzentabellen zu berechnen: Wer die Länge eines Ortes auf einer Karte sucht, der vergewissere sich, ob sie auf Greenwich Bezug nimmt. Ältere Karten rechnen von Ferro aus, was natürlich ganz andere, hier nicht brauchbare Daten ergibt. Dagegen unterscheidet sich die Pariser Länge der französischen Karten nur um 2 ¼° also 9 Zeitminuten von der Greenwicher und zwar in östlicher Richtung. Liegt ein Ort östlich von Görlitz, sind für einen Grad Unterschied zu der mitteleuropäischen Zeit 4 Minuten zuzuzählen, im umgekehrten Fall ihr abzuziehen. Die so erreichte Zeit ist die bei Berechnung der Sternzeit maßgebende Ortszeit. Hat man diese gefunden, so schlägt man im Verzeichnis der geographischen Positionen den Geburtsort bzw. die dem Geburtsort zunächst liegende Stadt auf, deren geographische Breite man in der ersten Spalte findet. Wie in der Ephemeris ist auch hier in der ersten Spalte die Sternzeit angegeben. Rechts von der vorhin berechneten Sternzeit der Geburt findet man nun die Felderspitzen. Die Ephemeris gibt rechts von der Sternzeit um Mittag die Planetenstellungen an. Das ist alles, was man für die Berechnung eines Horoskopes braucht.

Es gibt mehrere Arten, ein Horoskop aufzuzeichnen. Für die Auswahl der besten Art kann einzig und allein die klare Übersichtlichkeit in Frage kommen, denn eine Arbeit, die zum Teil auf Berechnung, zum Teil auf Kombination beruht, wird durch nichts mehr erschwert, als wenn der kombinatorische Geist dauernd gestört wird durch die Unübersichtlichkeit der rechnerischen Grundlagen. Da wir in das Himmelsgewölbe schauen wie auf eine Bühne, über welche die Sonne geht, liegt vor uns der Süden. Im Gegensatz zu den geographischen Karten zeigt deshalb jede astronomische Aufzeichnung den Osten links, den Westen rechts, den Norden unten, den Süden oben. Hier als Beispiel eines Horoskopes die Nativität Goethes:

Kardinal: 1   Feuer: 1
Fest: 3   Luft: 2
Gewöhnlich: 5   Wasser: 3
Positiv: 2   Erde: 3
Negativ: 7   Eckhäuser: 5

Aspectarium

 

Während noch vor einigen Jahren der Horoskop aufriß von der mittelalterlichen quadratischen Form, über den einfachen Kreis mit den 12 gleichen Sektoren bis zu den modernsten Vordrucken (Horoskopformular) mit der 360 Gradeinteilung vertreten waren, hat sich nunmehr eine Vereinheitlichung vollzogen, indem heute fast nur das vorgedruckte Horoskopformular Verwendung findet.

Bei der Aufzeichnung des Horoskopes gehen wir also folgendermaßen vor. Nachdem mit Hilfe der Gestirnstandstabelle (Ephemeris) und der Felderspitzentabelle das im Osten aufsteigende Zeichen errechnet ist, wird es auf der linken Seite des Formulars (im vorliegenden Beispiel Skorpion) eingetragen und der aufsteigende Grad markiert. Nun zeichnet man die 12 Symbole des Tierkreises in der Reihenfolge vom aufsteigenden Zeichen ein. Folgendes sind die Namen und schriftlichen Symbole der jeden Monat gegen den 21. wechselnden Tierkreiszeichen, mit dem Frühlingspunkt (21. März), dem Beginn des Sonnenjahres, anfangend, wo die Sonne in den Widder tritt:

Sommerhalbjahr:   Winterhalbjahr:
Widder (Aries) Wage (Libra)
Stier (Taurus) Skorpion (Scorpio)
Zwillingen (Gemini) Schütze (Sagittarius)
Krebs (Cancer) Steinbock (Capricornus)
Löwe (Leo) Wassermann (Aquarius)
Jungfrau (Virgo) Fische (Pisces)

In den Felderspitzentabellen findet man nun rechts von der Sternzeit in der ersten Spalte den Grad (= die Länge auf der Ekliptik oder Sonnenbahn) des X. Feldes, auch Zenit oder Medium Coeli (M.C.) genannt, dann die Grade des XI., XII., I. (Aszendent), II., III. Feldes. Das dazugehörige Zeichen ist immer nur bei 0° angegeben und gilt für die nächsten 30°. Beginnt eine neue Seite mitten in einem Zeichen, so ist dieses oben in der Spalte wiederholt. Man darf also nicht bloß dorthin schauen, sondern muß sich überzeugen, ob nicht im Verlauf der Spalte ein neues Zeichen begonnen hat. Die Felder IV, V, VI, VII, VIII, IX sind in den Tabellen nicht verzeichnet, da ihre Grade dieselben sind wie bei den gegenüberliegenden, die Zeichen aber sind die entsprechenden des andern Halbjahres. Dem Widder liegt immer die Wage,, dem Stier der Skorpion gegenüber usw., wie in der obigen Liste der Himmelszeichen durch Pfeile angegeben. Häufig kommt in höheren Breiten vor, daß ein Zeichen zwischen zwei Felderspitzen fällt, dann hat das gegenüberliegende Zeichen dasselbe Schicksal. So sind in Goethes Horoskop die Zeichen Löwe und Wassermann im III. und IX. Feld eingeschlossen (interzeptiert). Da es aber ebenso viele Zeichen wie Felder gibt, nämlich zwölf, werden sich infolgedessen zwei andere Zeichen über je zwei Felderspitzen erstrecken müssen. So beherrscht bei Goethe die Wage das XI. und XII., bei Widder das gegenüberliegende V. und VI. Feld. Am Äquator sind die Felder gleich groß; je näher den Polen, desto schiefer steigt die Sonne über dem Horizont auf; dadurch wird der Abstand der Felderspitzen auf der Ekliptik immer unregelmäßiger. In der Nähe der Pole selbst fallen oft mehr als zwei Zeichen in ein Feld und dementsprechend beherrscht wiederum ein Zeichen oft mehrere.

Nachdem wir nun Zeichen und Grade der Felderspitzen in den Kreis eingezeichnet haben, müssen wir die Sternstellungen eintragen. Die Namen und schriftlichen Zeichen der Gestirne sind in der Reihenfolge der Ephemeris: Sonne , Mond , Neptun , Uranus oder nach seinem Entdecker Herschel genannt oder , Saturn , Jupiter , Mars , Venus , Merkur . Für den neuentdeckten Planeten Pluto hat E. Koppenstätter eine besondere Ephemeris, die die Gestirnstände von 1840 bis 1940 angibt, herausgegeben. Der Preis der Ephemeris beträgt RM. 2.–. Für die Geburtsastrologie kommen bloß die Längen, d.h. Grade auf der Ekliptik in Frage. Es sind also in der Ephemeris zunächst nur die Spalten der unteren Seitenhälften mit der Überschrift Long. (= Longitude, Länge) zu berücksichtigen, nicht die Überschriften Lat. (= Latitude, Breite). Diese sind wichtig bei der Berechnung der Rektaszension der Gestirne, die bei den Primärdirektionen verwendet wird. Die obere Hälfte der Seiten enthält Verzeichnisse mit der Überschrift Dek. (Deklination), wovon nachher die Rede ist, und ebenfalls mit Lat., was für die bloße Geburtsastrologie wiederum ohne Bedeutung ist. Wirkungen sind ebenfalls bei den sogenannten Mondknoten zu beachten, d. h. die Punkte, wo die Mondbahn täglich die Sonnenbahn schneidet. Da dies in einer Schlangenlinie geschieht, hat man die Stelle, wo der Mond über die Ekliptik emportaucht, den Drachenkopf(☊), die gegenüberliegende Stelle, wo er wiederum untertaucht, den Drachenschwanz (☋) genannt. Der erste hat in Konjunktion mit einem Gestirn günstige (sonnenhafte), der andere ungünstige (saturnische) Bedeutung. Ohne eine solche Konjunktion sind sie ziemlich unwesentlich. Für das Goethesche Horoskop habe ich sie nicht erfahren können. Der aufsteigende Mondknoten ist in der Ephemeris auf der oberen Seitenhälfte rechts unter dem Zeichen ☊ für jeden Tag verzeichnet, der absteigende hat denselben Grad im gegenüberliegenden Zeichen. Während nun die Sternzeit für jeden Ort mit geringer Ungenauigkeit, die hier vernachlässigt werden darf, ohne Umrechnung aus der Ephemeris entnommen wird, gelten die Planetenstände der Ephemeris nur für den Greenwicher Mittag. Man muß also die Ortszeit in Greenwicher Zeit umrechnen. Wieviel Uhr war es bei der Geburt in Greenwich? Dazu brauchen wir wiederum den Längengrad des Geburtsorts. Jeder Grad, um den er von Greenwich entfernt ist, macht einen Unterschied von 4 Minuten aus. Die östliche Länge von Greenwich, auf diese Weise in Zeit umgerechnet, wird von 12 Uhr abgezogen; liegt der Geburtsort westlich, wird die Zeit zugezählt. Görlitz z. B. hat genau 15° östliche Länge von Greenwich. Da einem Grad 4 Minuten entsprechen, ist es also in Görlitz um eine Stunde früher Mittag als in Greenwich. Darum hat man die Görlitzer Zeit zur mitteleuropäischen gemacht, wie die Greenwicher zur westeuropäischen. Am Görlitzer Mittag ist es also in Greenwich 11 Uhr. Wenn man daher die englische Ephemeris für einen in Görlitz Geborenen benutzt, so gelten die Gestirnstände nicht für Mittag, sondern für 11 Uhr, für einen Frankfurter, da Frankfurt a. M. ungefähr 9° östliche Länge hat, für 36 Minuten vor 12 Uhr. Bei der Aufstellung eines Geburtshoroskops mit annähernder Genauigkeit ist das nur für den schnell laufenden Mond von Wichtigkeit, da bei ihm eine Stunde Zeitunterschied immerhin ½ Grad Längenunterschied ausmacht.

Die Ephemeris gibt also die Gestirnstände für den Greenwicher Mittag an, bzw. für den Zeitpunkt, der unter einer andern Länge dem Greenwicher Mittag entspricht. Daher muß man, um die englische Ephemeris benutzen zu können, zunächst feststellen, ob nicht für die Geburt mitteleuropäische oder Sommerszeit abzurechnen ist. Ergibt sich dann für die Geburt etwa 4 Uhr 20 Minuten nachmittags als Frankfurter Ortszeit, so heißt dies 3 Uhr 44 Minuten Greenwicher Zeit. Dies ist ungefähr ein Sechstel eines Tages von 24 Stunden. Das muß bei den sich schnell bewegenden Gestirnen berücksichtigt werden. Stand der Mond um Mittag auf 2° Schütze und steht er am folgenden Mittag auf 14° Schütze, so befindet er sich um 4 Uhr nachmittags stuf 40 Schütze. Da es sich aber meist um Bruchteile von Graden und gewöhnlich nicht um rund 12° Tagesbewegung = ½° Stundenbewegung handelt, kann man, um sich mühsames Kopfrechnen zu ersparen, mit Proportionallogarithmen rechnen, deren einfachen Gebrauch die Lehrbücher zeigen.

Da bei Goethe z. B. der Mond auf 12° Fische steht und das IV. Feld mit 5° Fische beginnt, fällt er in das IV. Feld, als erstes auf die Spitze folgendes Gestirn. Nach ihm kommt auf 26° 11 Minuten Fische der Planet Jupiter. Das ihm beigefügte R bedeutet, daß er rückläufig (retrograd) ist, ein durch die Erddrehung bisweilen bewirkter Schein – in Wirklichkeit läuft jedes Gestirn geradeaus; aber erfahrungsgemäß beeinträchtigt oder verspätet, zum mindesten hemmt die Rückläufigkeit eines Gestirns dessen Einfluß oder macht ihn zu Zeiten unzuverlässig. Die Rückläufigkeit ist leicht aus der Ephemeris zu sehen. Läuft der Planet wieder direkt, so ist dies durch ein D bezeichnet. Sonne und Mond erscheinen niemals rückläufig. Steht ein Gestirn in einem eingeschlossenen Zeichen, so wird seine Wirkung ebenfalls beeinträchtigt. Auf diese Weise trägt man alle Gestirne in das Schema ein.

Bis jetzt ist nur von Sonne, Mond und Planeten die Rede gewesen. Auch den Fixsternen schreibt die Astrologie Bedeutung zu. Jedenfalls kommen nur die Sterne erster und zweiter Größe in Frage, unter den kleineren allein der sehr bösartige Algol. Sie wirken nur in enger Konjunktion mit einem Planeten und erklären bisweilen unverhältnismäßiges Glück oder Unglück, das aus dem Horoskop sonst nicht in dem Maß zu erklären wäre, besonders gewaltsamen Tod oder erstaunliche soziale Erhöhung, Auch das Versagen eines stark gestellten Wohltäters erklärt sich bisweilen aus der Konjunktion mit einem heftigen Fixstern. Die einflußreichsten sind folgende: günstig: Sirrah (12° Widder), Riegel (15° Zwillinge), Kapella (26° Zwillinge), Sirius (12° Krebs), Regulus (28° Löwe), Wega (14° Steinbock), Formalhaut (2° Fische); ungünstig: Algol (24° Stier), Aldebaran (4° Zwillinge), Castor (18° Krebs), Pollux (21° Krebs), Antares (8° Schütze). Kommen diese Fixsterne in enge Konjunktion (nicht über 3° entfernt) zu einem der Planeten zu stehen, so schreibt man ihre Namen an die betreffende Stelle.

Neben den Planeten und Fixsternen gibt es einzelne Stellen im Horoskop, die zwar selber keine Strahlen aussenden, aber große Bedeutung haben, wenn sie Strahlen empfangen; das sind zunächst alle Felderspitzen, deren Bestrahlung durch Aspekte (darüber weiter unten) wohl zu beachten ist, unter ihnen besonders das I. und das X. Feld, ferner die schon genannten beiden Mondknoten und die sogenannten sensitiven Punkte. Man kann für jede Angelegenheit des Lebens in dem Horoskop einen sensitiven Punkt berechnen, in dem man die Länge der 2 dafür in Frage kommenden Hauptplaneten in ein Verhältnis zum Aszendenten bringt. So sind z. B. für den Tod Saturn und Mars, für die Liebe Mars und Venus maßgebend und danach können Punkte für Liebe und Tod berechnet werden. Von diesen Punkten aber hat nur ein einziger, der Glückspunkt, (pars fortunae) und zwar schon seit Ptolemäus, Aufnahme in die astrologische Praxis gefunden. Er bezieht sich im allgemeinen auf das, was das eigentliche Glück eines Menschen ausmacht und hat eine besondere Beziehung auf materiellen Gewinn. Es kommt darauf an, in welches Haus er fällt, wie dessen Herr steht, und was für Aspekte er empfängt. In einem guten Haus fördert er das Gute, in einem schlechten erliegt er dem Übel oder gibt auch Glück durch Unglück anderer, unter Umständen in gutem Sinn. Wer z. B. das Glücksrad im VI. Feld (Dienstbarkeit und Krankheit) hat, findet bei guter Aspektierung sein Glück im Dienen oder in der Krankenpflege, im XII. Feld (geschlossene Anstalten) wird es oft den Aufenthalt in solchen anzeigen, aber unter Umständen als Beamter oder Leiter eines Gefängnisses, Irrenhauses oder Spitals. Ein siegreicher Feldherr kann leicht das Glücksrad im Zeichen des Todes haben, ebenso ein tiefer Philosoph. Richard Strauß hat den Glückspunkt im V. Feld (Theater), Richard Wagner im X. Feld (Ruhm), ebenso Maurice Barrès, Jaurès im III. Feld (Intellektualität), Goethe im VII. Feld (Liebe und Ehe), Gustav Flaubert, der fast sein ganzes Leben auf seinem Landsitz Le Croiset bei Rouen im Studierzimmer verbrachte, im IV. Feld (Heim und Heimat), Oscar Wilde im XI. Feld (Freunde), Kaiser Karl von Österreich im XII. Feld (Unglück, Gefangenschaft, Verbannung), Hindenburg im VIII. Feld (Tod), Hugo Stinnes im V. Feld (Unternehmungen), Alfred Kubin im XI. Feld (Freunde), ich selbst habe ihn im IX. Feld (Reisen, Denken).

Berechnet wird der Glückspunkt auf folgende Art: Man zählt die Länge des Aszendenten zu der des Mondes und zieht dann die Länge der Sonne ab. Goethe z. B. hat den Aszendenten auf 17° Skorpion, d. h. des 8. Zeichens, das sind 7 Zeichen 17°. Der Mond steht auf 12° des 12. Zeichens (Fische), das sind 11 Zeichen 12°. Die Addition ergibt 18 Zeichen 29°. Dann werden für die Sonne abgezogen 5 Zeichen 5° = 13 Zeichen 24°. Da es nur 12 Zeichen gibt, ist das 13. Zeichen wiederum das 1. (Widder), die 24° fallen also ins 2. Zeichen: Stier. Beim Abziehen einer größeren Summe von einer kleineren ist zu bemerken, daß ein Zeichen 30° hat. Es werden also 30° »geliehen«, wenn z. B. 1 Zeichen 20° von 2 Zeichen 10° abgezogen werden. Wenn die Zeichen, von denen abgezogen werden soll, nicht genügen, so wird ihnen 12 zugezählt, dann wird aus dem 2. Zeichen das 14., aus dem 6. das 18.

Wir haben nun alle Elemente berücksichtigt, aus denen ein Geburtshoroskop besteht. Ihre Beziehungen zueinander sind die Aspekte Bestrahlungen). Günstig sind die Längenunterschiede von 30° ( Halbsextil, schwach), 60° ( Sextil, stark), 120° ( Trigon, sehr stark); ungünstig: 45° ( Halbquadrat, schwach), 90° ( Quadrat, sehr stark), 180° ( Opposition, sehr stark), 135° ( Sesquiquadrat, schwach). Günstig mit einem wohltätigen, ungünstig mit einem übelbringenden Planeten oder auch gemischt sind Längenunterschiede von 150° ( Quinkunx Halbsextil und Quinkunx sind in der Geburtsastrologie fast bedeutungslos. Bei den Primärdirektionen jedoch werden sie beachtet.), sehr schwach) und 0° ( Konjunktion, sehr stark) d. h. Zusammentreffen zweier Planeten auf demselben Grad.

Nun ist es selten, daß Aspekte exakt sind, d. h. genau 30°, 60°, 90° haben. Je exakter sie sind, desto stärker ihre Wirkung. Die ungenauen Aspekte nennt man plaktisch. Aspekte mit Sonne und Mond sind noch fühlbar, wenn sie bis auf 12-15° ungenau sind. Bei den übrigen Planeten habe ich Saturn und Jupiter bis zu 10° ihres Umkreises (Orbis) fühlbar gefunden. Bei den übrigen nimmt man selten mehr als 8° an. Starke Aspekte wie Konjunktion und Opposition haben einen stärkeren Orbis als schwächere wie Sextil. Trigon und Quadrat stehen in der Mitte. Die Ansichten über den Orbis lauten verschieden, da die Erfahrungen natürlich individuell sind. Jedenfalls nimmt die Wirkung mit zunehmendem Orbis ab, und eine sichere Grenze, wo sie ganz aufhört, gibt es nicht, so wenig wie etwa für die Wirkung des Föhns, für den gewöhnlich als Grenze die Nord- und Ostseeküste angegeben wird. Ich habe ihn aber auch in Skandinavien gelegentlich noch gefühlt. Je sensibler ein Mensch ist, desto empfänglicher ist er auch für fernere Wirkungen. Außer den genannten Aspekten hat man noch eine ganze Reihe anderer sehr schwacher berechnet. Sie überladen und verwirren das Horoskop mehr, als sie es bereichern.

Es handelt sich nun darum, die Qualitäten der von Planeten besetzten Zeichen festzustellen, die Aspekte zu berechnen und übersichtlich in das Aspektarium zu schreiben, wie es das Beispiel der Goetheschen Nativität zeigt.

Die Zeichen werden nach ihren Elementen in Feuer-, Luft-, Wasser- und Erdzeichen, nach ihrer Dynamik in bewegliche (kardinale), feste und gewöhnliche, nach ihrem Geschlecht in männliche(positive) und weibliche negative) eingeteilt. Man notiert also am Rand, wie viele Planeten in die einzelnen Kategorien fallen. Die Bedeutung dieser Kategorien findet sich im zweiten Buche: Astro-Psychologie.

Nun zu dem Aspektarium. Die Mondknoten werden genau wie Gestirne eingezeichnet und notiert, doch werfen sie selbst keine Aspekte, sondern empfangen nur solche. Dies gilt auch vom Glücksrad, dem Aszendenten und dem Medium Coeli.

Man schreibt nun in der bei dem Goetheschen Horoskop angegebenen übersichtlichen Weise die Aspekte der Sonne heraus. Bei der Sonnenwirkung kann man, wie gesagt, einen Umkreis von 15° annehmen. Gehen wir von der Sonne aus nach links, so finden wir zunächst die Venus auf 26° Jungfrau. Der nächste Aspekt wäre ein Halbsextil (30°). Dieses fiele auf 5° Waage. Das ist eine Entfernung von 9° von 26° Jungfrau (Venus). Bei einem so schwachen Aspekt wie das Halbsextil gilt nur ein Umkreis von 3°. Es ist also in diesem Fall selbst bei der Sonne nicht wirksam. Gehen wir weiter nach links hinunter, so treffen wir auf 15° Skorpion den Saturn. Auf 5° Skorpion wäre das Sextil exakt. Da das Sextil ein starker Aspekt ist und es sich obendrein um die Sonne handelt, wird man es noch gerade als wirksam gelten lassen. Die Tatsache, daß das Zeichen Waage 2 Felderspitzen (XI. und XII.) beherrscht, ändert natürlich nichts an der Entfernung der Gestirne (Sonne und Saturn) voneinander. Ein Zeichen hat eben immer 30°. Steigen wir nun weiter abwärts, so treffen wir auf 3° Steinbock den Mars. Das ist ein fast exaktes Trigon zur Sonne. (Auf 5° wäre es ganz exakt.) 5° Wassermann würde ein Quinkunx ergeben, aber Uranus steht auf 19° zu fern. Der Mond bildet zur Sonne eine Opposition mit 7° Orbis, Jupiter ist auf 26° der Oppositionsstelle schon zu fern (19° Orbis) und ebenso der Quinkunxstelle auf 5° Widder. Der Glückspunkt wirft selber keine Strahlen und empfinge, wenn er ein Gestirn wäre, von der Sonne ein sehr schwaches Quadrat auf 5° Zwillinge, von denen er 11° entfernt ist, aber bei sensitiven Stellen rechnet man den Orbis nie weiter als 5°. Neptun wird nicht getroffen, denn er ist von den nächsten Aspektstellen, 5° Zwillinge (Sextil) und 5° Löwe (Halbsextil), zu weit entfernt. Dagegen erreicht Merkur auf 29° Löwe die Konjunktion mit der Sonne mit 6° Orbis.

Alle diese Aspekte fallen, da die Sonne auf 5° steht, in den Umkreis von 5° der betreffenden Zeichen. Anders ist es bei den Halbquadraten (45°) und Sesquiquadraten (135°). Sie werden (zu 5° addiert) in den Umkreis von zirka 20° fallen. Die Stellen für Halbquadrat der Sonne wären bei Goethe 5° Jungfrau   45°= 50° = 20° Waage und 5° Jungfrau – 45° = 20° Krebs. Bei 20° Waage befindet sich kein Gestirn, auf 22° Krebs der Neptun. So haben wir also ein Halbquadrat Neptun zu verzeichnen. Die Stellen des Sesquiquadrats sind 5° Jungfrau   135° = 140° = 20° Steinbock, 5° Jungfrau – 135° = 20° Widder. An beiden Orten befindet sich kein Planet. Zur Erleichterung der Verrechnung dieser 135° bei Sesquiquadraten suche man zunächst das exakte Trigon, das sich immer in einem Zeichen desselben Elements befindet, also hier der Erde, da die Sonne im Erdzeichen Jungfrau steht, und addiere 15° nach vor- oder rückwärts. So wie die exakten Trigone stets in die gleichen Elemente fallen, so die Sextile in die verwandten (verwandt sind Feuer und Luft, Erde und Wasser), die Quadrate in die feindlichen (Feuer und Wasser, Wasser und Luft, Luft und Erde, Erde und Feuer). Die Aspekte, die infolge ihrer Ungenauigkeit in das benachbarte Zeichen fallen, sind weniger charakteristisch. Ein schlechter Aspekt aus verwandten Zeichen ist weniger gefährlich, ein guter aus feindlichen Zeichen weniger segensreich. Die Planetenwirkung an sich aber verliert dadurch nichts an Kraft. Nur spielen dann ihre dem Aspekt widersprechenden Seiten mehr hinein. Aspekte, die bei der Geburt noch nicht exakt sind, heißen applizierend und sind stärker als die, von welchen sich der schnellere Planet bereits wieder entfernt (separierend).

Zum Schlusse dieses Abschnitts will ich noch die Grundsätze der Deutung des Horoskops mitteilen. Absichtlich gebe ich keine Rezepte an; denn ihre Verbreitung kann nur dazu dienen, Unberufene zur schematischen Anwendung der Astrologie zu veranlassen. Nur für jemand, der zu einer geistigen Deutung eines Horoskops befähigt ist, können die in Regeln gefaßten Erfahrungen anderer, wie z.B. die Aphorismen des Ptolemäus, von Nutzen sein. Die Astro-Psychologie des folgenden Buches zeigt, wie vieldeutig die einzelnen Konstellationen sind, und darum kann freilich nie ein Einzelner auf alle Möglichkeiten von selber kommen; aber erst, wer selbst zu einer Synthese fähig ist, wird mit Nutzen die Erfahrungen anderer über die Wirkungen bestimmter Konstellationen in bestimmten Fällen verwenden können. Ich verwerfe also solche Erfahrungen nicht. Am besten hat sie Alan Leo in seinem siebenbändigen astrologischen Lehrwerk (Theos. Verlagshaus, Leipzig) systematisiert in Verzeichnissen, welche die erfahrungsmäßige Wirkung der 9 Planeten in den 12 Zeichen und den 12 Feldern darstellen. Über allen modernen Versuchen steht die schon erwähnte philosophische Methode des Morin de Villefranche.

Wir beginnen bei der Deutung eines Horoskops mit der genauen Betrachtung seines Gebieters, also bei Goethe mit dem Mars im Steinbock. Nun ist aber jedes Gestirn durch das Himmelszeichen modifiziert, in dem es steht. Bei Goethe steht die Sonne in der Jungfrau. Es handelt sich also darum, dieses Zeichen und seinen Charakter mit dem der Sonne zu vereinen. Man wird dabei teils Gegensätzliches finden, das der Wirkung des Gestirns widerspricht, sie aufhebt, sie verengt oder mäßigt, aber auch vieles, was sich ihr gut verbindet, ihren Einfluß in bestimmte Bahnen lenkt. Manche Zeichen können auch den Einfluß eines Gestirns verstärken, andere können ihn vergiften und ganz zum Übel wenden. Was für ein Zeichen ist nun die Jungfrau? Zuerst fragt man nach dem Herrn. Der ist Merkur. Man vertieft sich also in die Beschreibung des Merkur mit besonderer Berücksichtigung seiner Wirkung durch das Zeichen Jungfrau. Merkur ist Intellekt, und die Jungfrau seine mehr dem irdischen als der intellektuellen Spekulation zugekehrte Seite, wie sie das Zeichen Zwillinge darstellt. Man wird dies für Goethe recht charakteristisch finden. Ferner hat man zu forschen, in welche Kategorien das Zeichen Jungfrau fällt. Es ist ein Erdzeichen, gewöhnlich und weiblich. Man lese im folgenden Buche nach, was diese Kategorien bedeuten. Diese durch das Zeichen Jungfrau modifizierte Sonne wirkt sich nun bei Goethe vorzugsweise im X. Feld (siehe dieses) aus, worin sie steht, doch ist zu bedenken, daß jedes Gestirn an sich noch allgemeine Wirkungen hat, die sich äußern in den von ihm beherrschten Zeichen sowie in Aspekten zu Planeten und Felderspitzen. Da die Sonne in einem Merkurzeichen steht, ist Merkur ihr Herr. Wir haben nun die Stellung des Merkur nach Zeichen und Feld genau so zu prüfen, wie die Stellung der Sonne, um zu sehen, ob diese Herrschaft für sie gut oder schlecht ist. Ein schlecht gestellter Herr beeinträchtigt die Wirkung eines Planeten durch seine Mängel, ein gut gestellter unterstützt sie nach seiner Art und Weise. Wir finden hier Merkur im Löwen und im IX. Feld (höhere Geistigkeit). Nun handelt es sich darum, die Aspekte dieser merkurisch modifizierten Sonne festzustellen. Am wichtigsten ist stets die Konjunktion, da sie die Einflüsse zweier Planeten vermischt. Bei Goethe findet sich nun, daß Merkur, der Herr seiner Sonne, obendrein mit ihr in Konjunktion steht und außerdem in Rezeption, d.h. er steht in dem Sonnenzeichen Löwe, sie in dem Merkurzeichen Jungfrau. Während der Leser die Charakteristik des Zeichens Jungfrau durchging, war er vielleicht nicht ganz befriedigt. Die dort geschilderte Intellektualität entspricht doch nur zum Teil der Goetheschen, ja, sie enthält das Beste nicht, den feurigen Schwung. Dieser wird nun erklärt durch das Zeichen Löwe (siehe dieses), das seinem Merkur erst den Charakter gibt. Den nächst wichtigen Aspekt zu Goethes Sonne gibt der Mars. Auch dieser ist nun vor allem seinem Zeichen nach zu prüfen. Er steht in dem Saturn- und Erdzeichen Steinbock erhöht, was dem Ungestümen einen gerade ihm sehr heilsamen saturnischen Einschlag verleiht, der sich als Selbstzucht äußern wird. Man kombiniere also die Mars- und Steinbockwirkung und bringe sie in günstige Beziehung zur Sonne, denn der Trigonaspekt ist sehr günstig. Wäre es eine Quadratur, so würde der Marsaspekt zwar der Sonne ebenfalls große Lebenskraft zuführen, aber das ganze müßte sich heftig und maßlos vollziehen, zerstörende Temperamentsausbrüche zur Folge haben, kurz, weniger Goethisch sein. Immerhin sind Sonne und Mars beide heiße Gestirne und daher so verwandt, daß auch ihre schlechten Aspekte nicht zu den ganz gefährlichen gehören, wie etwa zwischen dem heißen Mars und dem kalten Mond. Ein Quadrat zur Sonne mit dem kalten, ihr feindlichsten Planeten Saturn wäre viel gefährlicher. (Übrigens für den Mond nur wenig besser, dessen Kraft unter ihm erstarrt.) Bei Goethe hat auch Saturn, an sich im Wasser- und Marszeichen Skorpion ungünstig gestellt, einen guten Aspekt zur Sonne, so daß er ihre Glut mäßigt, ohne sie durch Kälte zu beeinträchtigen, was durch ein Quadrat geschähe. Wir finden ferner eine Opposition der Sonne zum Mond, d. h. es war Vollmond zur Zeit der Geburt. Für die Lebenskraft ist die volle Wirkung beider Lichter vielleicht nicht so schlecht, wie die Theorie sagt, welche Opposition als ungünstig betrachtet. Die Bauern wissen in allen Himmelsrichtungen, daß der zunehmende und Vollmond die Vegetation fördert, der abnehmende und Neumond (die Konjunktion) sie hemmt. Immerhin zeigt die Sonne unser ewiges Selbst in seinem derzeitigen Entwicklungszustand an, der Mond unsere äußere weltliche Persönlichkeit. Daß zwischen diesen bei Goethe ein ausgesprochener Gegensatz bestand, der ihn in seiner Universitätszeit so skurril erscheinen ließ, ist gewiß. In. Leipzig hielt man ihn für einen Gecken, in Straßburg nannte Herder ihn einen Spatzen. In den ersten Weimarer Jahren schien er das ihm anvertraute Pfund gänzlich im Hofleben vergeuden zu wollen, bis dann Saturn durch sein Trigon den Mond in dem sehr schwankenden gewöhnlichen Wasserzeichen (Fische) fest in die Zucht nahm. Seit der Flucht nach Italien gelang es Goethe, innerlich ein einsamer zu sein (Saturn beim Aszendenten) und doch bis zum Ende seines Lebens seiner geselligen, genußliebenden Persönlichkeit ohne Beeinträchtigung seines Selbst ihre Rechte zu lassen. Daß aber Selbstheit und äußere Persönlichkeit stets einen, wenn auch durch Saturn, der beide Lichter gut bestrahlt, beherrschten Gegensatz bildeten, ist bekannt und wird durch die Opposition von Sonne und Mond auch astrologisch angezeigt. Zu Neptun hat die Sonne einen schwachen, schlechten Aspekt, ein Halbquadrat. Neptun (s. folgendes Buch) beherrscht unter anderem auch das Visionäre. Er steht im VIII. Feld (Tod). Viel Bedeutung gebe ich diesem Aspekt bei der sonst so ausgezeichneten Neptunbestrahlung nicht, doch ist bekannt, daß Goethe hie und da Erscheinungen hatte (z. B. als er auf dem Weg von Sesenheim nach Straßburg sich selber in einem hechtgrauen Gewand entgegenkommen sah, was ihm erst auffiel, als er um Jahre später wirklich in einem solchen Gewand wieder den Weg nach Sesenheim einschlug). Über gute und schlechte Neptuneinflüsse s. Neptun im zweiten Buche.

So wie die Sonne muß man nun jeden Planeten, jedes Zeichen und vor allem den Aszendenten und das Medium Coeli behandeln und dabei berücksichtigen, über welche Felder jeder Planet herrscht. Dies findet man, indem man feststellt, welches Zeichen an der Spitze jedes Feldes steht. An der Spitze des I. Feldes (Aszendent) steht der Skorpion. Es fragt sich also, was zeigt der Aszendent überhaupt an, was der Skorpion, wer ist der Herr des Skorpion? Es ist Mars. Und wie steht Mars in diesem Horoskop? Steht ferner ein Planet in dem I. Feld bzw. nicht mehr als 5° von der Spitze entfernt? Saturn hat mit der Spitze eine Konjunktion von nur 2°. Also wird Goethes Aszendent von Mars und Saturn bestimmt. Nicht anders behandelt man die übrigen Felder. Das II. Feld (beweglicher Besitz) wird von Jupiter (sehr günstig) beherrscht, weil es dessen Zeichen an der Spitze hat. Jupiter steht selbst herrschend in den Fischen und in einem Eckfeld (I., IV., VII., X. sind Eckfelder). Die Stellung in ihnen verstärkt jeden Planeten beträchtlich. Die Opposition mit der friedlichen Venus wird hier nicht sehr viel bedeuten. Dagegen steht im II. Feld Mars selbst mit einigen schlechten Aspekten. Mars bringt an sich im II. Feld Geldverluste oder, wenn nicht schlecht aspektiert, große Ausgaben. Der gute Sonnenaspekt aber wird das nicht gefährlich werden lassen, zumal das Saturnzeichen Steinbock, wie schon gesagt, hier dem Mars Halt gibt und der Verschwendungssucht, die dieser Planet verursacht, Zügel anlegt, ja, sie vielleicht gänzlich besiegt.

Man gehe nun genau auf die in den früheren und den späteren Abschnitten verstreuten Beispiele aus Horoskopen ein, um sich einen rechten Begriff von der Art der Kombinierung zu machen. Die Zusammenfassung aller solcher sich bald ergänzenden, bald aufhebenden, bald sich kreuzenden Einzelheiten nennt man eine Synthese. Sie ist der wichtigste und schwierigste Teil der Astrologie, weder dem Halbgebildeten noch dem gelehrten Pedanten, weder dem undisziplinierten Schwärmer noch dem phantasielosen Rechner zugänglich. Nur der durch viele Erfahrungen des Geistes und der Welt Gegangene möge sich hier versuchen.


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