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Viertes Kapitel.
In Netzen

Auf einem der Corridore des herzoglichen Residenzschlosses, welcher zu den Gemächern der Herzogin-Mutter führte, standen gepackte Kisten unordentlich durcheinander. Handwerker waren beschäftigt, dieselben mit Nägeln zu verschließen, während Andere verschiedene Möbel mit schützenden Ueberzügen von Packleinen umgaben. Alles deutete auf einen größern Umzug, auf eine Reise, welche von längerer Dauer sein sollte, und der Umstand, daß bei bereits einbrechendem Abende noch eifrig fortgearbeitet wurde, ließ erkennen, daß dieselbe auch in jeder Weise beschleunigt werden sollte.

Der Kammerdiener Bornemann, welcher die Seitentreppe heraufkam, blieb verwundert stehen und blickte forschend um sich; als er nicht fand, was er zu suchen schien, wurde seine Stirn noch finsterer und hochmütiger und glättete sich nur wenig, als ein älterer Mann mit grüner Schürze sich von seiner Arbeit an dem Möbelballen emporhob, Packnadel, Schnur und Scheere beiseite legte und, ein kleines, rundes Läderkäppchen zum Gruße abnehmend, seinen fast ganz kahl gewordenen Scheitel entblößte.

»Ah, Sie da, Herr von Bornemann!« sagte er mit gutmüthigem Lächeln und freundlicher Unterthänigkeit. »Sieht man Sie auch einmal wieder?«

Bornemann, von der Anrede geschmeichelt, hielt seinen Schritt an, zog die Dose hervor und bot sie dem höflichen Tapezierer, welcher mit gespreizten Fingern von der gnädigen Erlaubniß Gebrauch machte und den stark duftenden Makuba gegen die Nase führte und zwar mit einer Miene voll Sachverständniß, sowohl hinsichtlich des vorzüglichen Tabaks, als der noch vorzüglichem Auszeichnung, die ihm zu Theil geworden.

»Der Herr von Bornemann sind allzu gnädig«, sagte er dazu, während dieser die eigene Prise aus der Entfernung beroch und dann wie etwas, was seinen Dienst gethan hat, achtlos von sich schleuderte.

»Sie thun mir zu viel Ehre an, Herr Niedringer«, sagte er dann. »Lassen Sie doch den Herr von! Wie käme ich zu einem solchen Prädicate?«

»O, was nicht ist, kann noch werden!« rief der Tapezierer noch untertäniger als zuvor. »Unser allergnädigster Herzog weiß das Verdienst schon zu finden und zu würdigen. Jetzt hat er Sie zu seinem Burgpfleger gemacht – wer weiß, welche Stufe Sie noch erreichen!«

»Nun, nun«, erwiderte Bornemann mit einem Lächeln, das bescheiden sein sollte, aus welchem aber doch der Hochmuth hervorsah, welcher vollkommen glaubte, was zu bestreiten er sich den Anschein gab. »Seine Durchlaucht sind allerdings sehr gnädig gegen mich. Ich war selbst überrascht durch meine Beförderung, die mir ganz unerwartet kam, die aber, wenn sie auch eine große Auszeichnung ist, mir doch ein ganzes Gebirge von Verantwortung und Sorgen auf den Hals geladen hat!«

»Allerdings! Das läßt sich denken!« erwiderte der Meister. »Aber wenn nur in diesem Gebirge ein ganz kleines Winkelchen übrig bleibt, damit Sie Ihren ergebensten Diener, Meister Niedringer, nicht ganz vergessen. Sie wissen ja –«

»Ganz recht. Ich errathe, worauf Sie anspielen«, entgegnete der Burgpfleger, auf den Dosendeckel klopfend. »Aber Sie wissen auch, daß kein Hoftapezierer mehr angestellt werden soll. Die vorkommenden Arbeiten sollen den städtischen Gewerbsmeistern übertragen werden!«

»Freilich! Wer weiß das besser als ich!« entgegnete der Meister eifrig und trat etwas näher. »Aber eben deswegen! Ich geize ja nicht nach dem Hoftitel, so schön er klingt und so stattlich sich auch auf meinem Schilde das herzogliche Wappen ausnehmen würde! Ich will ja nur Arbeit, und das wissen Sie ja, Herr von Bornemann, es gibt der städtischen Gewerbsmeister gar viele, da kommt eben Alles auf die Empfehlung an, auf die Recommandation! Meinen Sie, unsereiner wisse nicht, wer zu bestimmen und auszusuchen hat, wenn eine Arbeit übertragen wird?«

»Hm«, sagte der Burgpfleger, »das thut Seine Excellenz der Herr Hofmarschall.«

»Nun freilich, der Herr Hofmarschall«, sagte der Tapezierer beistimmend. »Aber wer ist es, der Seiner Excellenz den Vorschlag macht? Wer ist es, der ihm die besten Leute dazu empfiehlt? Ich verlange gewiß nichts Unrechtes«, fuhr er fort, als Bornemann schweigend die Dose zwischen den Fingern drehte. »Ich will keinen Vorzug, Herr Burgpfleger, wenn meine Arbeit nicht wirklich die vorzüglichste ist. Ich möchte nur, daß Sie, verehrtester Herr von Bornemann, sich davon überzeugen wollten! Ich habe eben in meinem Magazin ein Möbel stehen, von saftgrünem Sammt, allerneueste Façon, echte Wallnußfourniere; es kann sich neben jede Pariser Arbeit stellen. Wenn Sie sich doch einmal überzeugen wollten und möchten es in Augenschein nehmen.«

»Gern wollte ich das, mein lieber Meister«, sagte der Burgpfleger wichtig. »Man hat nur so wenig Zeit! Ich bin so mit Geschäften überladen; Sie glauben gar nicht –«

»Warum sollte ich das nicht glauben? Sehe ich es denn nicht? Aber da gibt es wohl einen Ausweg. Meine Arbeiten müssen Sie nun einmal kennen lernen, und wenn der Herr von Bornemann nicht in mein Magazin kommen können, dann schicke ich Ihnen eben die Möbel in Ihre Wohnung, damit Sie sie ansehen und sich überzeugen, daß es eine schöne, geschmackvolle und solide Arbeit ist.«

»Nun, wir wollen sehen, was sich thun läßt«, sagte der Burgpfleger. »Das kommt ja wohl öfter vor, daß Kunden, welche nicht in die Magazine kommen können, die Waare ins Haus geschickt wird. Nicht wahr? Ich kann es Ihnen nicht wehren, wenn Sie die Möbel schicken wollen; aber es muß Ihnen nicht lästig fallen. Allerdings käme es sehr gelegen, wenn man bei Zeiten die Adresse eines recht guten Tapezierers haben könnte. Seine Durchlaucht sind jung, es hat schon hier und da von einer beabsichtigten Vermählung verlauten wollen. Wenn der Hofstaat der jungen Herzogin gebildet wird, wenn die Gemächer eingerichtet werden –«

»Sie machen mich glücklich, Herr von Bornemann!« rief der Tapezierer. »Jetzt müssen Sie meine Möbel erst recht sehen! Jetzt ruhe, ich nicht mehr. Morgen in aller Frühe müssen sie in Ihren Händen sein!«

Das Gespräch wurde hier unterbrochen, denn der Burgpfleger hatte endlich das Gesuchte gefunden und fuhr mit allem Nachdruck seines Unwillens und der ganzen Neuheit seiner Stellung auf den Lakai los, welcher beauftragt gewesen war, das Packen zu überwachen, den Posten aber pflichtwidrig verlassen hatte und nun eben, einen Brief in der Hand, die Treppe heraufkam.

»Wie können Sie sich unterstehen«, rief er, »einen Platz, der Ihnen dienstlich angewiesen ist, zu verlassen? Glauben Sie, man hat Sie umsonst hierher gestellt? Wenn Sie nicht pünktlicher im Dienste sind, wird man Ihnen die Livree bald wieder ausziehen!«

Der verdutzte Lakai erwiderte kein Wort und hielt nur den Brief vor sich hin, als ob darin die Entschuldigung enthalten sein sollte. »Dieser Brief –« stotterte er nach einer Weile.

»Was Brief!« rief der Burgpfleger noch unwilliger. »Was ist das für ein Wisch? An wen ist er? Wer hat ihn gebracht?«

»Hab' die Mamsell nicht gekannt«, erwiderte der Lakai. »Es war eine höllisch aufgedonnerte Person, nach der neuesten Mode und auch gerade so zudringlich. Ich hörte, wie sie drunten an der Treppe sich mit dem Frottirer stritt, der sie nicht herauflassen wollte, und damit es keinen weitern Lärm abgebe und weil die Mamsell gar so viel aus sich machte, so hab' ich gedacht, es wäre besser, wenn ich ihr den Brief abnähme.«

Während der letzten Reden, die für diesen Ort ungewöhnlich laut geführt worden waren, hatte sich seitwärts eine Thür geöffnet und Fräulein Primitiva von Falkenhoff war auf der Schwelle sichtbar geworden.

»An wen ist denn der Brief?« fragte der Burgpfleger, indem er die Hand darnach ausstreckte.

»An Fräulein von Falkenhoff, die erste Dame der Frau Herzogin-Mutter.«

»Gut, lassen Sie sehen!«

Bornemann wollte eben den Brief in die Hand nehmen, als das Fräulein dazwischen trat.

»Wenn der Brief an mich ist, so geben Sie!« sagte sie.

Der Burgpfleger wich mit einem tiefen Bückling und mit untertäniger Geberde zurück.

»Ah! Ich wußte nicht, daß freiherrliche Gnaden in der Nähe sind!«

»Schon gut«, entgegnete Primitiva. »Sorgen Sie, daß es ruhig auf dem Corridor ist! Ihre Durchlaucht befinden sich dort in den Gemächern nebenan; Sie könnten leicht gestört werden.«

Gleichzeitig hatte sie einen flüchtigen Blick auf den Brief geworfen, welcher aus einem ziemlich starken und grob versiegelten Päckchen bestand, und eine starke Röthe war wie eine rasche Flamme des Unwillens über ihr Antlitz geflogen. Ehe der Burgpfleger etwas erwidern konnte, war sie im Zimmer wieder verschwunden; der Lakai, um weitern Verweisen auszuweichen, machte sich ganz in der Entfernung mit ein paar Kisten zu schaffen; der alte Tapezierer aber drückte das Käppchen wieder auf seinen Kahlkopf und flüsterte dem Burgpfleger zu: »Was sagen Sie zu dem Briefe? Ich verstehe mich zwar gar nicht auf Gesichter, aber der Brief war nicht von der angenehmsten Art. Meinen Sie nicht auch, Herr von Bornemann?«

»Ich meine gar nichts«, rief dieser, die Dose zuklappend, gegen den Lakai hin, »als daß es unpassend ist, sich zum Brieftragen und Zustellen gebrauchen zu lassen. Das mag man sich merken, wenn man die herzogliche Livree tragen will!«

Er ging. Der Lakai sah ihm nach, bis er vollständig verschwunden war; dann nickte er dem Meister zu und murmelte zu ihm hinüber: »Es ist doch merkwürdig, wie geschwind den Leuten der Hochmuth in den Kopf steigt! Es sind noch keine drei Wochen, daß der Kerl Burgpfleger ist, und wer ihn jetzt sieht, sollte meinen, er wäre so auf die Welt gekommen! Als er noch ein simpler Lakai war wie unsereiner, hat er hundertmal Gift und Galle gekocht, wenn der frühere Oberkammerdiener uns so von oben herab abkanzelte! Es sind nicht drei Wochen, daß er den Lakaienrock ausgezogen hat, und nun ist er noch hochmüthiger als der!«

Inzwischen hatte Primitiva das Gemach betreten, welches das Vorzimmer der Herzogin gewesen, bis der darin erfolgte plötzliche Tod des Herzogs ihr diese Räumlichkeiten verleidet und sie veranlaßt hatte, eine andere nebenan liegende Wohnung zu beziehen. Das Gemach war seither völlig verlassen gewesen und jetzt nur geöffnet, weil ein Theil der Möbel ausgeräumt und verpackt werden sollte. Primitiva riß mit einiger Hast den Umschlag des empfangenen Päckchens auf; einige feine Briefchen von farbigem Papier fielen ihr entgegen.

»Hab' ich es doch gedacht!« flüsterte sie vor sich hin. »Die Schrift schien mir bekannt. Es ist dieselbe Frauenhand, die ich schon einmal zu Gesicht bekam!«

Sie warf einen Blick hinein und las dann mit halblauter Stimme einige Zeilen des dabei liegenden, ziemlich unsauber und unrichtig geschriebenen Zettels.

»Es fällt mir nicht ein, Ihnen Ihren Herrn Bräutigam streitig zu machen; aber eine feine Dame, wie Sie, begreift, daß solche Briefe nicht in fremden Händen bleiben können. Ich biete sie Ihnen an. Ich habe eine recht hübsche Sammlung davon und lege ein paar Proben zur Ansicht bei –«

Eben wollte sie die Briefe weiter durchblättern, als Geräusch an der Thür sie nöthigte, dieselben zu verbergen. Sie warf die Blätter auf die Fensterbrüstung, legte ihr Tuch darauf und trat dem Besuche entgegen. Es war Clemens von Schroffenstein. Mit aller geschliffenen Artigkeit, deren sein Benehmen und sein Ton fähig waren, trat er ihr entgegen.

»Endlich finde ich Sie doch, meine Theuerste!« sagte er. »Ich war schon im Begriff, zu verzweifeln! Das Gerücht erzählt, daß Ihre Durchlaucht die Frau Herzogin-Mutter die Absicht habe, auf längere Zeit zu verreisen – ich fliege hierher, um mich von der Wahrheit zu überzeugen, ich frage nach Ihnen – man sagt mir, daß Sie heute den Dienst bereits abgegeben haben, ich suche Sie auch in Ihrer Wohnung vergebens und bin entzückt, Sie endlich bitten zu können, daß Sie die Besorgniß zerstreuen, von der ich durchdrungen bin. Man sagt, Sie wollten mitverreisen!«

»Klingt Ihnen das so unglaublich, Herr Graf?« erwiderte Primitiva kalt.

»Allerdings. Ich kann nicht denken, daß Sie uns jetzt verlassen wollten. Hätten Sie denn so ganz vergessen, mein Fräulein, daß Ihre Wahl in dieser Beziehung nicht mehr ganz frei ist? Sie wissen doch, wenn Sie es auch immer zu verschieben gewußt haben, daß zwischen uns eine Verbindung besteht, welche –«

»Ich habe das nicht vergessen«, erwiderte das Fräulein mit steigender Zurückhaltung, »aber es eilt nicht damit.«

»Grausame, wie können Sie so sprechen?« rief Schroffenstein in gut gespielter Erregung. »Wenn Ihr Herz so kalter Natur ist, so ist das leider sehr betrübend für mich, aber mir wenigstens müssen Sie gestatten, daß meine liebende Sehnsucht mit Ungestüm einen Augenblick herbeiwünscht –«

»Schweigen Sie!« unterbrach ihn Primitiva, indem ein Blitz der Verachtung und des Zorns aus ihren Augen auf ihn niederzuckte. »Wie können Sie die Stirn haben, so mit mir zu sprechen? Wie können Sie es wagen, mir eine so schale Komödie vorzuspielen? Haben Sie vergessen, was uns zusammengeführt hat? Glauben Sie, ich wisse nicht, daß Sie von jeher an mir nichts Anziehendes gefunden haben als das bischen Vermögen, das ich besitze?«

»Mein Gott, ich begreife Sie in der That nicht, mein Fräulein!« rief Schroffenstein etwas verwirrt. »Das Vermögen kommt ja bei solchen Verbindungen allerdings mit in Betracht, ich kann also darin wirklich kein Unrecht erkennen. Aber gewiß war das Vermögen nur einer, nur der geringste der Vorzüge, die mich zu allererst auf Sie aufmerksam machten; seit ich das Glück hatte, Sie näher kennen zu lernen, traten alle solche Nebenrücksichten zurück! Seitdem liebe und verehre ich Sie und der Wunsch, mit Ihnen völlig vereinigt zu werden, schließt das ganze Glück meines Lebens in sich.«

»Wenn dem so ist, so bedauere ich, daß Sie auf Ihr Lebensglück verzichten müssen, mein Herr!« erwiderte sie wie zuvor. »Primitiva von Falkenhoff wird niemals die Ihrige.«

»Wie?« sagte er unsicher. »Und Ihr Wort? Ihre feierliche Zusage?«

»Sie werden mir mein Wort zurückgeben. Ich bin im Besitze eines Pfandes, gegen das ich es einzulösen gedenke.«

»Sie sprechen in Räthseln.«

»Hier die Lösung!« sagte sie, indem sie ihm die Briefe übergab, welche er staunend überblickte. Mit jedem Blick aber, der auf die unerwarteten Blätter fiel, mit jedem Worte, das er in denselben las, verwandelte sich das Staunen immer mehr in Bestürzung; er war zuletzt kaum im Stande, ein paar Worte hervorzustammeln.

»Mein Gott! Das ist aber doch – wie kommen diese Blätter an Sie?«

»Das Wie, dächte ich, wäre gleichgültig«, erwiderte Primitiva mit verletzender Kälte. »Das Mädchen – ich glaube, es ist eine Tänzerin – hat sich an mich gewendet und hat damit sehr recht gethan, wenn auch nicht in dem Sinne, in welchem sie es gemeint hat. Ich bin weit entfernt, ältern Rechten entgegenzutreten. Ich habe Ihnen mein Wort gegeben, die Ihrige zu werden, Graf Schroffenstein – Sie wissen, warum und unter welchen Verhältnissen ich es gethan. Ich habe nie Neigung zu Ihnen empfunden und nach meinem lebhaftesten Gefühle ist Neigung bei einer Verbindung für das Leben doch das unerläßlichste Erforderniß, ohne welches an Glück und Gedeihen nicht zu denken ist. Ich habe mich auch nie über die Schwäche Ihres Charakters getäuscht. Dennoch habe ich Ihnen mein Wort gegeben, weil ich trotz alledem es für möglich hielt, mit Ihnen, als mit einem Manne von Grundsätzen, auch wenn er mir gleichgültig war, ein Verhältniß durchzuführen, mit welchem Pflicht und Anstand sich zu vertragen vermöchten. Ich nehme aber mein Wort zurück, denn ich kann einem Manne nichts sein, den ich verachte!«

»Himmel und Erde!« fuhr Schroffenstein auf. Bedenken Sie, mit wem Sie reden!«

»Weil ich das bedenke, rede ich so. Ich habe es gesagt. Nehmen Sie Ihre Liebespfänder und betrachten Sie unsere Verpflichtungen als aufgehoben!«

»Nein, Fräulein!« rief Schroffenstein, dessen Verlegenheit in trotzige Unverschämtheit überzugehen anfing. »Das werde ich nicht. Ich habe nichts Unrechtes gethan, nichts Anderes, als was von hundert jungen Männern meines Standes jeden Tag geschieht – eine vorübergehende Liebschaft, eine bloße Galanterie! Bin ich nicht unabhängig und ungebunden? Für die Zukunft allerdings werde ich wissen, was ich zu thun habe; für die Zukunft –«

Primitiva maß ihn mit vernichtendem Blicke von oben bis unten. »Sie sind noch erbärmlicher, als ich gedacht habe«, sagte sie, ergriff einen von den Briefen, die er immer noch mechanisch in der Hand hielt, und schlug ihn auseinander. »So lesen Sie, und wenn Sie das noch im Stande sind, erröthen Sie vor Ihrer eigenen Handschrift! Ihr eigener Brief zeugt wider Sie. Lesen Sie die Worte, womit Sie Ihre durch die Gerüchte Ihrer Verheirathung beunruhigte Geliebte trösten und ihr versprechen, daß das in Ihren Beziehungen zu ihr durchaus keine Aenderung hervorbringen solle und daß Sie, wenn Sie auch in der ersten Zeit sich etwas zurückziehen müßten, bald wieder wie Rinaldo zu den alten Ketten zurückkehren würden. Gehen Sie, mein Herr. Ich war bereit, Ihnen mein ganzes Leben hinzugeben, es einer edlen Sache, für die ich begeistert bin, zum Opfer zu bringen, jetzt aber müßte ich mich selbst verachten, wenn ich nur eine Stunde länger es ertrüge, die Ihrige zu heißen.«

»Aber, mein Fräulein«, rief Schroffenstein wüthend, »das ist doch nur unerhörte Prüderie! Sie wissen, um welchen Preis Sie mir Ihre Zusage gegeben haben! Sie wissen, welch ungeheures Opfer auch ich Ihnen brachte, als ich die Liste der Verschworenen, die mir auf Ehrenwort anvertraut war, in Ihre Hände gab. Auch ich habe meine Ehre, meine Zukunft, meine Selbstachtung und meine ganze künftige Stellung für Sie aufs Spiel gesetzt! Also denn Opfer gegen Opfer! Wären selbst Ihre überspannten Bedenken begründet, so thun Sie nicht mehr, als ich bereits gethan, und müssen Ihr Wort halten, wie ich das meinige hielt.«

»Ich halte mich dessen quitt«, schloß Primitiva, mit anständig feierlicher Verneigung sich der Thür zuwendend. »Sie selbst haben mich davon entbunden. Versuchen Sie, ob Sie im Stande sind, mich zu zwingen.«

Sie verschwand, und Schroffenstein blieb einige Augenblicke starr und wie vernichtet stehen, die Briefe in der Hand. Ein wilder Ausbruch arbeitete in ihm und schien nur auf den gehörigen Gegenstand zu warten, um sich entladen zu können. Die geheime Thür rauschte hinter ihm; er wandte sich und erblickte Overbergen, der mit listig lauernder Miene zur halbgeöffneten Thür hereinsah.

»Overbergen!« rief Schroffenstein knirschend. »Sie hier? Nun, Gott sei Dank, Sie kommen mir eben recht.«

»So sage ich auch«, erwiderte Overbergen mit seinem glattesten Lächeln. »Es ist mir sehr erwünscht, Ihnen endlich so recht allein und unter vier Augen zu begegnen. Sie wissen wohl, daß wir noch ein Geschäft. mit einander abzumachen haben, das nicht länger verzögert werden darf.«

»Wollen Sie mich noch verhöhnen?« rief Schroffenstein. »Ich rathe Ihnen, mich nicht zum Aeußersten zu treiben! Wenn der gehetzte Hirsch keinen andern Ausweg mehr hat, macht er Kehrt und wendet sich zuletzt gegen seine Treiber. Was können Sie dabei beabsichtigen, als etwa, daß ich mir eine Kugel vor den Kopf schießen soll? Sie könnten sich aber verrechnen! Zu der Kugel kann es allerdings kommen, nur daß sie nicht für meinen Kopf bestimmt wäre, sondern für den Ihrigen!«

»Ei, mein Freund, warum so erhitzt?« entgegnete Overbergen im sanftesten Tone. »Lassen Sie doch hören –«

»Fräulein von Falkenhoff«, rief Schroffenstein, »die Sie mir zur Wiederherstellung unseres durch Sie geplünderten Vermögens in Vorschlag brachten, sagt sich von mir los, und so thue ich es auch von Ihnen. Ich habe mit meinem Vater und mit den Verwandten Alles wohl überlegt. Wir haben uns im ersten Augenblick rasch von Ihnen verblüffen lassen und sind nicht gesonnen, so leichten Kaufs nachzugeben. Lassen Sie immerhin alle Ihre Minen springen! Wir fürchten sie nicht mehr. Rücken Sie mit Ihrem Testamente hervor! Uns schützt nach dem Gutachten aller Sachverständigen ein fast zweihundertjähriger Besitz; wir sind durch Verjährung gegen die Angriffe Ihres Klosters geschützt!«

»Allerdings«, sagte Overbergen ruhig, »das können Sie wohl vorbringen. Das würde die Sache sehr erschweren und verzögern – ändern wohl nicht! Sie vergessen dabei nur eins, daß zur Verjährung auch der gute Glaube gehört!«

»Den Sie hoffentlich bei uns nicht bezweifeln werden.«

»Ich gewiß nicht!« sagte Overbergen betheuernd. »Aber wenn eine solche Sache den Rechtsgang betritt, kommt sie in die Hände der Anwälte, und Anwälte sind Menschen, die mitunter sehr knorrige Begriffe haben! Auch meine ich von Belegen gehört zu haben, von urkundlichen Belegen, wenn ich nicht irre, aus welchen unbestreitbar hervorgehen soll, daß Ihr Urahnherr von dem Vorhandensein des Testaments sehr wohl unterrichtet war, daß derselbe sehr wohl wußte, wie das Testament gerade in seine Hände gekommen, daß er gleichwohl nicht den Muth hatte, dieses Wissen ruhig mit in die Ewigkeit hinüber zu nehmen. Er war schwach genug, Gewissensbisse zu bekommen und seinem Sohne in der letzten Stunde das Geheimniß anzuvertrauen. Von diesem hat es sich wie eine unselige Erbschaft von Sohn zu Sohn, fortgepflanzt und es dürfte Ihnen schwer werden, diesen Inzichten gegenüber zu beweisen, daß die Familie in gutem Glauben gehandelt habe. Sie sehen«, fuhr er fort, indem er Schroffenstein mit triumphirender Sicherheit betrachtete, »ein guter Spieler gibt seine Karten nie auf einmal aus und spart sich immer den entscheidenden Trumpf bis zuletzt auf.«

»Immerhin«, rief Schroffenstein. »Wenn wir denn ruinirt sein sollen, so wollen wir uns wenigstens wehren, solange wir können. Ich will nichts von der Herausgabe des Gutes wissen.«

»Wenn Sie noch können«, sagte Overbergen achselzuckend.

»O, ich kann! Was sollte mich hindern, offen aufzutreten und allen meinen Standesgenossen unumschränkt die Wahrheit zu sagen? Ich will Alles aufdecken; ich werde sagen, wie Sie an mich gekommen sind, mein Herr, wer Sie sind, worin Ihre geheimen Unternehmungen bestehen –«

Overbergen legte ihm mit höhnischem Lächeln die Hand auf den Arm. »Sie werden gar nichts entdecken, mein Bester«, sagte er; »denn an Ihre Entdeckung würde sich eine andere reihen, die Ihnen kaum angenehm sein dürfte: die Geschichte von der Aufbewahrung einer gewissen Liste, die auf Ehrenwort, auf Cavaliersparole übergeben wurde und doch im entscheidenden Augenblick in Händen gewesen sein soll, für welche sie nicht bestimmt war.«

Schroffenstein erblaßte. »Herr, sind Sie mit dem Teufel im Bunde?« stammelte er.

»Nicht daß ich wüßte«, erwiderte Overbergen. »Ich habe das auch nicht nöthig. Einige Ruhe und Besonnenheit des Alters gibt eine beträchtliche Ueberlegenheit, und wenn meine Gegner noch dazu die Güte haben, selber Ihre Geheimnisse an Orten laut auszusprechen, wo sich geheime Thüren befinden und hinter diesen Thüren möglicherweise wohlhörende Ohren, so bleibt nichts zu wünschen übrig, und die Behelligung der schwarzen Magie wäre ganz unnütz. Indessen Sie sollen sehen, daß mit mir sehr wohl zu verkehren ist. Halten Sie Ihr Wort! Ich werde dann auch thun, was von meiner Seite möglich ist; ich verschaffe Ihnen die Einwilligung von Fräulein von Falkenhoff.«

»Unmöglich! Sie wissen nicht, warum sie mir so entschieden den Korb gegeben hat.«

»Vielleicht doch«, sagte Overbergen lächelnd.

»Nun, dann brauche ich kein Geheimniß vor Ihnen zu haben. Sie ist empört wegen einer Liaison, die ich mit einem hübschen Mädchen unterhalten habe, einer Balletratte. Mein Gott, wohin sollte es kommen, wenn man jedes Wort verantworten müßte, das man in einer dummen Stunde ein paar hübschen Augen gegenüber gesprochen hat? Aber ich stecke nun einmal in dem Netze.«

»Das Fräulein wird einwilligen.«

»Trotz dieses Zwischenfalls?«

»Trotz desselben, in dieser Stunde, wenn ich sogleich mit ihr sprechen kann.«

»Man kommt; sie ist es. Ich lasse Sie mit ihr allein.«

»Nicht nöthig. Wenn Sie indeß einen Augenblick beiseite treten wollen, so sollen Sie bald sehen, ob ich zu viel versprochen habe.«

Es war wirklich Primitiva. Ohne die Anwesenden zu bemerken, trat sie eilends herein und blickte durch den Spalt der halb hinter sich zugedrückten Thür auf den dunkelnden Gang hinaus. Sie schien in großer Bewegung zu sein und flüsterte vor sich hin: »Ob er es war? Ich glaubte seine Gestalt zu erkennen. Er schien zu den Gemächern der Herzogin zu gehen. Was sollte er aber dort – jetzt noch? Gleichviel, ist es mir doch gelungen, einer Begegnung auszuweichen. Wozu auch ihn wiedersehen?« fuhr sie innerlich fort, indem sie die Stirn an den Arm lehnte, mit welchem sie die Thür hielt. »Lebt er mir doch im Herzen! Bin ich doch wieder frei, darf wieder an ihn denken und ihm gehören!«

Ein Geräusch, das Overbergen machte, verrieth ihr seine Gegenwart. Er trat ihr mit der artigsten Verbeugung entgegen.

»Ich fühle recht wohl, wie unrecht es ist, in Ihre Einsamkeit einzudringen, mein Fräulein!« sagte er. »Ich hätte es auch nicht gewagt, hätte ich nicht so eben einen Glücklichen verlassen, der mir eine Mittheilung gemacht hat, die mich in hohem Grade erfreut. Es ist nicht recht von Ihnen, mein Fräulein, daß Sie eine solche Nachricht so lange vor uns geheim gehalten haben, daß Sie den Schein sogar so weit treiben wollen, mit der Frau Herzogin abzureisen, während es doch, da Sie im Begriffe sind, sich zu vermählen, bei der Ihnen so gewogenen Fürstin sicher nur eines Wortes bedurft hätte, um Ihnen Urlaub zu verschaffen.«

»Ich verstehe Sie nicht, mein Herr! Wenn Sie von Herrn von Schroffenstein sprechen, so wird er Ihnen am besten sagen können, wie wenig Ihre Glückwünsche am Platze sind.«

»Nicht doch, Sie scherzen. Eben er war es, der mich von seinem Glücke, von Ihrer so eben ertheilten Einwilligung in Kenntniß setzte.«

»Er? Nun, das ist ein Irrthum, wenn nichts Schlimmeres, wenn nicht eine absichtliche Täuschung. Und Sie glauben das, Sie, der sonst über Alles so genau unterrichtet ist?«

»Sie haben Recht«, sagte Overbergen mit dem nicht, mehr verhaltenen Hohne der Uebermacht. »Ich lasse die Maske fallen. Wozu auch die Umstände? Hören Sie also, mein Fräulein! Ich weiß Alles.«

»Dann kennen Sie auch den Grund, der mich meiner Zusage entbindet.«

»Ich kenne ihn, allein ich gestehe Ihnen offen, daß ich ihn nicht für zureichend finde, Sie von Ihrem Worte zu befreien. Was ist es doch, worüber Sie zürnen? Eine Verirrung, die man der Jugend zu gute halten muß. Ich bin natürlich weit entfernt, Ausschreitungen vertheidigen zu wollen, aber es gibt immerhin gewisse Grenzen, Dinge, die sich allerdings nicht gutheißen lassen, die man aber als ein nothwendiges Uebel übersehen muß. Mein Gott, Alles in der Welt beruht am Ende darauf, daß man einmal gegenseitig ein Auge zudrückt!«

»In der That«, erwiderte Primitiva stolz, »ich wundere mich nicht, solche Ansichten von Ihnen zu hören, mein Herr; aber Sie werden die Bitte begreiflich finden, dieselben für sich zu behalten, denn ich theile diese Ansichten nicht.«

»So?« entgegnete Overbergen spitzig. »Das nimmt mich wunder.«

»Mein Herr, Sie werden beleidigend!«

»O, nicht doch. Wer sollte am Hofe eine solche Strenge suchen, an einem Hofe, wo es doch Beispiele gibt, daß Damen zur Nachtzeit in Männerkleidern ausgehen, um einen geliebten Freund an einem unbekannten, um nicht zu sagen verrufenen Orte, allenfalls in einer abgelegenen Winkelkneipe zu besuchen!«

»Was wollen Sie damit andeuten?« rief Primitiva, der es nicht vollständig gelang, ihrer Ueberraschung Meister zu werden.

»Sie sehen, es war nicht zu viel, wenn ich sagte, daß ich Alles weiß. Wollen Sie erfahren, wo diese Zusammenkunft war, wer diese Dame ist? Was glauben Sie wohl, welche Wirkung es hervorbringen würde, wenn ich diese pikante Geschichte weiter erzählen würde? Die Geschichte von einer Hofdame, welche allgemein als Beispiel von Sittsamkeit, als ein Muster von Strenge gilt und sich doch herabläßt, wie Diana ihren Endymion bei nächtlicher Weile zu besuchen? Doch alteriren Sie sich nicht! Ich bin kein Freund von Skandalgeschichten, ich werde schweigen. Jene Dame hat von mir nichts zu befürchten, aber als Erkenntlichkeit verlange ich die Kleinigkeit dagegen, daß Ihrer Verbindung mit dem Grafen von Schroffenstein nichts mehr in den Weg gelegt wird. Darauf kann ich mich doch wohl verlassen, mein Fräulein?«

Er verbeugte sich vor Primitiva, indem er seitwärts trat und Schroffenstein aus der Fenstervertiefung, in welche dieser sich zurückgezogen hatte, herbeirief. »Gratulire Ihnen, mein Freund! Die Sache hat sich gewendet, wie ich es vermuthete. Es war nichts, nichts weiter als ein Mißverständniß. Dergleichen kommt ja wohl unter Liebenden vor, nicht wahr, mein Fräulein?«

»Wirklich?« sagte Schroffenstein. »Ich dürfte hoffen?«

»Fragen Sie die Dame selbst!« erwiderte Overbergen. »Setzen Sie den Tag der Vermählung an, machen Sie die Verlobung bekannt und gestatten Sie mir, daß ich der erste bin, der der Residenz diese interessante Neuigkeit verkündet! Gestatten Sie mir, sagen zu können, daß ich der glückliche Zeuge gewesen, vor dessen Augen Sie den Verlobungskuß gewechselt haben.«

»Ich weiß nicht, wie ich daran bin«, sagte Schroffenstein unsicher. »Ich bin ganz außer mir vor Verwunderung. Aber ich wäre wohl ein Thor, wenn ich mir eine solche Aufforderung wiederholen ließe.« Er schloß Primitiva rasch in die Arme, drückte ihr einen Kuß auf den Mund und schritt dann mit Overbergen, der ihm den Arm bot, aus dem Gemache.

Primitiva, welche kaum wußte, was mit ihr geschehen, sank schaudernd auf ein Ruhebett und drückte das Tuch vor die überquellenden Augen.

Sie hatte recht gesehen. Der Mann, der durch den Gang geschritten, war wirklich Führer gewesen. Er stand jetzt vor der alten Herzogin in den nunmehr von ihr bewohnten Gemächern, nachdem es ihm nicht ohne Schwierigkeiten gelungen war, bis dahin zu dringen. Der Lakai hatte den mächtigen Günstling und Minister mit einer Verwunderung eintreten sehen, welche fast an Scheu grenzte, und hatte dessen Wunsch, der Herzogin-Mutter seine Aufwartung machen zu dürfen, der diensthabenden Dame gemeldet. Mit nicht geringerer Verwunderung war diese zu ihrer Gebieterin eingetreten und Führer ihr sofort ins Vorgemach gefolgt, von welchem eine nur mit Vorhängen verschlossene Thür unmittelbar in das innere Gemach der Herzogin führte. Die Entfernung war so klein, daß er es wohl vernehmen konnte, wie auch die Herzogin die Ueberraschung ihrer Dienerschaft theilte und wie sie in lautem, ungnädigem Tone Befehl gab, den unwillkommenen Besuch abzuweisen. »Brauchen Sie irgend einen Vorwand«, hörte er sie rufen und nahm dann in anständigster Haltung die Meldung der Hofdame entgegen, daß Ihre Durchlaucht mit den Anstalten zu ihrer Abreise zu sehr beschäftigt seien, um irgend Jemand empfangen zu können.

»Ich bedaure allerdings lebhaft, wenn ich unter diesen Umständen und überhaupt noch so spät störe«, erwiderte Führer. »Dennoch muß ich darauf bestehen, vorgelassen zu werden.«

»Sie hören aber, daß es unmöglich ist!«

»Ich höre, würde auch mein Gesuch nicht wiederholen, wenn dasselbe auf eigener Kühnheit beruhte; ich stehe jedoch hier auf Befehl meines Herrn und Gebieters. Ich darf nicht zurückkehren, ohne Ihre Durchlaucht die Frau Herzogin-Mutter gesprochen zu haben.«

Die Hofdame verschwand wieder hinter den Vorhängen; im nächsten Augenblicke aber wurden diese wieder auseinander geschlagen und eine Geberde der Dame lud den Minister zum Eintreten ein, während drinnen die Stimme der Herzogin sich laut genug vernehmen ließ, um draußen verstanden zu werden. »So mag er eintreten«, sagte sie. »Wenn er von Seiner Durchlaucht kommt, soll es nicht den Anschein haben, als scheute ich mich, ihn vor mir zu sehen.«

Im nächsten Augenblicke stand Führer vor der greisen Fürstin, deren erloschene Augen fest und starr, als ob sie damit zu sehen vermöchte, sich auf ihn oder vielmehr gegen den Eingang kehrten. Die Herzogin stand hoch aufgerichtet, mit der Hand gebieterisch auf ein Tischchen neben ihr gestützt, während im Hintergrunde des Zimmers die Dame sich mit Ordnen von Papieren beschäftigte.

»Sie kommen von meinem Enkel, Herr Minister« sagte die Herzogin. »Was haben Sie mir von ihm zu sagen?«

»Seine Durchlaucht«, entgegnete Führer ruhig und in ehrerbietigem Tone, »haben vernommen, daß Durchlaucht gesonnen sein sollen, Stadt und Land zu verlassen –«

»So ist es!«

»Daß dies schon bald geschehen soll und auf längere Zeit –«

»Auch das verhält sich so.«

»Durchlaucht sollen gedenken, Ihren künftigen Aufenthalt in der Hauptstadt unseres großen Nachbarstaates zu nehmen –«

»Und wenn es so wäre?« fragte die Herzogin, indem sie sich erwartungsvoll noch höher aufrichtete.

»Dann lassen Seine Durchlaucht durch mich die ergebenste Bitte aussprechen, diese Reise zu unterlassen, ihm und der Stadt Ihre Anwesenheit nicht zu entziehen.«

»Wenn dem Herzog an der Anwesenheit der alten, blinden, mürrischen Frau gelegen ist«, entgegnete die Herzogin, »warum kommt der Enkel nicht selbst, die Großmutter zu bitten?«

»Seine Durchlaucht haben diese Frage vorausgesehen«, erwiderte Führer, »und mich mit der Erwiderung betraut. Seine Durchlaucht lassen darauf aufmerksam machen, daß dadurch ein in weitesten Kreisen verbreitetes Gerücht Nahrung und Bestätigung fände, das Gerücht, als stehe die Abreise Eurer Durchlaucht nicht außer Zusammenhang mit einigen Vorgängen der jüngsten Zeit.«

»Nicht außer Zusammenhang!« rief die Fürstin warm. »Sie drücken sich sehr diplomatisch gewählt aus, Herr Minister; Sie haben aber nicht Ursache, mir gegenüber Ihre Worte so auf Schrauben zu stellen. Ja, mein Herr, meine Abreise steht nicht außer Zusammenhang mit gewissen Vorgängen der jüngsten Zeit. Ich gehe, ich verlasse einen Hof und ein Land, an und in welchem von jetzt an Grundsätze gelten sollen und zum Gesetze erhoben werden, welche mit denen nicht übereinstimmen, in denen ich aufgewachsen und grau geworden bin! Ihr Herr Herzog und Gebieter hat die Krone von seinem Ahnherrn vollständig und unversehrt erhalten. Wenn er sie nun zerbricht, wenn er die schönsten Edelsteine herausnimmt und verschenkt, so will ich wenigstens nicht Zeugin davon sein. Sagen Sie Ihrem Herzog: das Grundgesetz, dessen Zurücknahme ich schon einmal von ihm erbeten habe, ist es, was mich aus dem Lande treibt. Sie aber, Herr Minister, mögen immerhin triumphiren, denn Ihr Einfluß, Ihre Überredungskunst hat es doch wohl zu Wege gebracht, daß dieses unheilvolle Gesetz nun doch publicirt worden ist.«

»Durchlaucht«, erwiderte Führer mit ruhiger Mäßigung, »erweisen mir in einem Athemzuge zu viel Ehre und treten mir doch wieder zu nahe. Die Grundsätze, auf welchen die jetzt veröffentlichte Verfassung beruht, sind die Seiner Durchlaucht des Herzogs, sind von ihm gebilligt, und ich bin nur so glücklich, mit der Ausführung betraut zu sein. Ich aber bin von der Wahrheit dieser Principien überzeugt und Durchlaucht können es mir nicht zum Unrecht anrechnen, wenn ich für meine Ueberzeugung wirke.«

»Ueberzeugung! Sagen Sie besser: Verblendung oder Einbildung!« rief die Herzogin auffahrend, setzte aber sogleich in milderem Tone hinzu: »Ich sehe Sie nicht, mein Herr. Nach Ihrer Stimme aber müssen Sie noch ein Mann in jungen Jahren sein und es ist etwas im Klange derselben, was mit dem Bilde nicht übereinstimmt, das ich mir von Ihnen gemacht habe.«

»Das freut mich«, entgegnete der Minister herzlich. »Um so eher darf ich hoffen, verstanden zu werden, und kann ohne Rückhalt reden. Seine Durchlaucht der Herzog haben sich nie darüber getäuscht, daß es die Veröffentlichung der Verfassung ist, was Sie von Hof und Land verscheucht. Er, fühlte das auch jeder Zeit schmerzlich, denn er liebt und verehrt Sie. Dennoch aber vermochte er nicht anders zu handeln, und als ein Zeichen seines besondern Vertrauens hat er es mir übertragen, Ihnen seine Bitte auszusprechen, in der Hoffnung, daß es mir vielleicht gelingen möchte, Ihnen von diesem gefürchteten Gesetze eine andere Vorstellung beizubringen.«

»Niemals!« rief die Fürstin mit abwehrender Geberde. »Denken Sie, daß ich mich mit Ihnen in Erörterungen, in einen Streit über die Grundsätze der Herrschaft einlassen werde? Könnte mein Enkel das von mir glauben, er müßte mich nicht kennen. Ich achte und ehre jeden Stand. Ich glaube, daß Jeder in seiner Sphäre, in dem Umkreise der Befugnisse, die seinem Wirken vorgeschrieben sind, des Guten und Trefflichen sehr viel schaffen kann. Aber ich achte und ehre Jeden nur innerhalb dieses Kreises! Der Bürger gilt mir nur, wo es das Gewerbe betrifft, der Gelehrte, wenn es sich um die Wissenschaft handelt; Sache des Fürsten ist es, zu regieren und Gesetze zu geben. Er hat Macht und Beruf dazu von Gott allein und einzig vor Gott hat er sie zu üben!«

»Allerdings, bei so schroff ausgesprochenen Ansichten«, entgegnete der Minister nach kurzem Schweigen, »verliert sich die Aussicht auf Verständigung ins Nebelhafte! Wenn Eure Durchlaucht der gesammten neuen Philosophie mit einem Worte den Riegel vorschieben, wenn Sie das gesammte Staatsrecht der neuern Zeit –«

»Noch einmal, schweigen Sie!« unterbrach ihn die Herzogin beinahe heftig. »Ich will davon nichts hören. Sagen Sie meinem Enkel, er hätte sich und Ihnen diese Mission ersparen können, er hätte wissen sollen, daß Ihnen noch weniger gelingen wird, was er nicht zu Wege gebracht hat. Dieser alte Kopf faßt die neuen Dinge nicht mehr, welche man jetzt für Wahrheit ausgeben will! Diese meine blind gewordenen Augen sehen all den blendenden Schein und Schimmer nicht, mit dem man sie umgibt, um sie der Wahrheit ähnlich zu machen. Ich lebe nur mehr ein innerliches Leben, in der Erinnerung und im Glauben; aber da ist es hell und klar, und in dieser Klarheit steht die Ueberzeugung unerschütterlich fest, daß nur das Alte, wie es uns die Religion lehrt, das einzig Wahre ist.«

Die Fürstin hatte mit erhobener Stimme gesprochen und schien sofort auf eine Entgegnung zu warten. Der Minister betrachtete die hohe Gestalt mit einem Ausdruck der Verehrung. Er schien ein rasches Wort der Erwiderung auf der Zunge zu haben, aber die Gefühle der Achtung vor der greisen Fürstin hießen ihn dasselbe wieder zurückdrängen. »Ich habe alle Ehrfurcht«, begann er nach einer Weile, »vor solcher echt fürstlichen Entschiedenheit, nur kann ich meine Verwunderung über eins nicht bergen. Wenn so fest an dem gehalten wird, was die Religion lehrt, was sie im Gebiete der Politik aufstellt, wie kommt es doch, daß sie in ihrem eigensten Bereiche dem Zweifel nicht zu entgehen vermag?«

Soviel Haltung und Fassung die Herzogin besaß, zuckte sie doch bei diesen unerwarteten Worten wie von einem plötzlichen Dolchstoße zusammen. »Was wollen Sie mit diesen Worten sagen?« fragte sie.

»Nichts Anderes, als was in den Worten nach ihrem Sinne enthalten ist. Ich kann mir nicht zusammenreimen, Durchlaucht, daß, wer so fest an der Wahrheit eines Bekenntnisses hängt, sich dennoch entschließen konnte, dasselbe aufzugeben und zu einem andern überzutreten.«

»Schweigen Sie!« herrschte ihm die Herzogin mit einer Stimme zu, welcher man anhörte, wie sehr sie mit der athemlosen Ueberraschung zu ringen hatte. »Fräulein von Dornstein«, rief sie dann, »sehen Sie nach, ob die Briefe und Bücher, welche ich erwarte, noch nicht gebracht worden sind.«

Als die Dame mit tiefer Reverenz das Gemach verlassen hatte, trat Führer einen Schritt näher. »Durchlaucht erkennen«, sagte er, »daß ich mehr weiß, als ich sage. Der einfache Bürger durchschaut das geheimste Treiben der Fürsten, und Sie werden zugeben, daß er dadurch mindestens einige Befähigung für die so hoch gehaltene Staatskunst an den Tag legt. Enden Sie denn, Durchlaucht, ehe Ihre Dame zurückkommt, geben Sie mir den von meinem Herrn Herzog gewünschten Bescheid! Die Reise, die Sie einmal ausgesprochen haben, kann ohne besonderes Aufsehen nicht rückgängig gemacht werden. Der Herzog wünscht jedoch, daß Sie dabei die Grenzen des Landes nicht überschreiten, sondern sich auf sein Landgut Liebenstein begeben, das er zu Ihrer vollständigen Verfügung stellt. Ich hätte diesen Auftrag nicht übernommen, Durchlaucht, wenn Ich nicht die Gewißheit gehabt hätte, nicht mit einer abschlägigen Antwort zu meinem Herrn und Gebieter zurückzukommen.«

»Das ist schändlich! Sie haben mich überlistet und überfallen«, murmelte die Herzogin. »Geben Sie mir Zeit, mich zu besinnen!«

»Bedauere, dem Wunsche nicht entsprechen zu können. Der Entschluß Eurer Durchlaucht muß sofort gefaßt werden, ohne Dazwischenkunft Ihrer frommen Rathgeber.«

»Und wenn ich mich weigerte?« fragte die Fürstin gespannt.

»Eure Durchlaucht werden nicht«, entgegnete Führer fest. »Sollte es aber geschehen, dann sind Anstalten getroffen, um dem Willen seiner Durchlaucht Achtung zu verschaffen.«

»Verstehe ich recht? Sie wollten sich erkühnen, Gewalt anzuwenden?«

»Es gefalle Eurer Durchlaucht, sich zu erinnern, daß vor nicht sehr langer Zeit in eben diesen Gemächern Maßregeln gegen Seine Durchlaucht, meinen allergnädigsten Herrn, berathen und beschlossen worden sind, welche kaum einen andern Namen verdienen.«

»Nein, nein«, rief die Herzogin außer sich, indem sie vergeblich mit sich rang, die alte Fassung und Würde wiederzugewinnen, »das geht nicht von Herzog Felix, nicht von meinem Enkel aus! Ich will zu ihm, ich will mit ihm selber sprechen, sogleich!«

»Unmöglich, Durchlaucht«, sagte Führer kalt. »Der Herzog ist zur Jagd nach St.-Wendelin geritten. Ich muß darauf bestehen, den Entschluß Eurer Durchlaucht sofort zu erfahren.«

»Unerhört, unerhört!« rief die Greisin wieder. »Gewalt des Fürsten gegen die Fürstin!«

»Des Familienoberhaupts gegen ein ungehorsames Mitglied der Familie.«

»Des Enkels gegen seine Großmutter! Das kommt nicht aus seinem Herzen; es ist weich und zart gestimmt, ich kenne es. Sie sind es, der ihn dazu verleitet. O, Sie wissen wohl nicht, was das heißt, so gegen eine Mutter, gegen eine Großmutter zu verfahren!«

»Durchlaucht sind im Irrthum!« erwiderte Führer mit Nachdruck. »Gott sei Dank, ich weiß, was das heißt; denn ich habe eine Mutter, eine edle, vortreffliche Frau, die ich liebe und ehre, mehr als mein Leben.«

»Nun«, rief die Fürstin hastig, »so denken Sie dieselbe an meine Stelle! Was würde diese Mutter, die Sie zu lieben und zu ehren vorgeben, an meiner Stelle thun?«

»Ich habe nicht erst nöthig, mich in Ihre Lage hineinzudenken«, entgegnete Führer. »Als ich dieses Staatsamt übernahm, geschah es nicht nach dem Wunsche und fast gegen den Willen meiner Mutter. Sie ist von andern Ansichten als ich, sie gehört einem andern Glaubensbekenntniß an, aber als sie meinen Willen erkannt, gab sie mir ihren Segen. Die Bürgersfrau, Eure Durchlaucht, hat von ihrem Sohne nicht gefordert, daß er seiner Mannesüberzeugung untreu werden sollte. Und welche Antwort«, fuhr er hierauf im ruhigen Geschäftstone fort, als eben die Dame wieder in das Zimmer trat, »habe ich von der Fürstin zu empfangen?«

»Sagen Sie dem Herzog«, erwiderte die Fürstin mit zitternder Stimme, »daß ich die liebevolle Sorge des Enkels um meine Gesundheit dankend anerkenne! Ich werde gern seinem Wunsche nachkommen und meinen Aufenthalt auf Schloß Liebenstein nehmen.« In stolzem Ingrimm wendete sie sich ab, indem sie die geballte Faust ans Herz drückte. Die herbeieilende Dame reichte ihr den Arm und geleitete die Wankende zum Ruhebette.

Tief athmend trat Führer auf den Corridor und schritt, des Wegs nicht achtend, über denselben in einen Seitengang, der in kürzerer Richtung nach den Gemächern des Herzogs führte, In der Erregung, die das Gespräch in ihm hervorgerufen, beachtete er indessen nicht, daß er an die unrechte Thür gekommen war, und gewahrte es erst, nachdem er eingetreten und sich in dem verlassenen, früher von der Herzogin bewohnten Zimmer erblickte. Schnell besonnen wollte er es durchschreiten, um an der andern Seite seinen Ausgang zu nehmen, als das Rauschen eines Kleides ihn veranlaßte, den Kopf seitwärts zu wenden. Von einem Divan, das Antlitz Ins Tuch gedrückt, erhob sich rasch eine weibliche Gestalt und that einige Schritte gegen ihn.

Er stand Primitiva gegenüber.

Seitdem Clemens sie verlassen, hatte sie in einer entsetzlichen Stimmung qualvolle Minuten durchlebt, zwar nur einen kurzen Zeitraum, aber dennoch lang genug, um mit einem Blick nach vorwärts all das Elend, das Unheil und den Jammer zu erkennen, der ihrer in der nun unausweichlich gewordenen Verbindung mit einem verhaßten Manne wartete, mit einem andern Blicke nach rückwärts aber die ganze Fülle des Glücks und der Seligkeit zu ermessen, welche für sie auf immer verloren war und nun hinter ihr lag, wie ein schön flutender Seespiegel, der nie schöner erglänzt als rothen Scheidelichte des Tags, von den gerötheten Wäldern umgeben, wie von welkenden Kränzen der Erinnerung. Es war ihr, als wäre sie im Sturme an Klippen gescheitert und läge nun freund- und hülflos an den öden Strand geschleudert, um langsam zu verschmachten. Ihre Thränen flossen reicher als sonst und unaufhaltsamer, ihr Gemüth war von dem Außerordentlichen in ungewöhnlicher Weise erschüttert, ihre sonstige innere Stärke hatte sie verlassen, sie wußte selbst nicht, was sie that, dachte und empfand. Als sie sich besann, fand sie sich in Führer's Armen wieder, das Haupt an seine Brust gelehnt, während sein Mund mit innigem Kusse auf ihrer Stirne haftete.

Führer war der erste, der sich wieder zurecht fand.

»Fräulein! Primitiva!« flüsterte er, indem er sie leise, schonend von sich drängte. »Wo sind Sie? Wo ist Ihre Besinnung?«

»Verzeihen Sie!« rief sie, indem sie verwirrt und rasch sich aufrichtete und mit der Hand über die Stirn fuhr, als wollte sie sich besinnen, daß sie wache und nicht geträumt habe.

»Was ist Ihnen begegnet?« fragte Führer. »Reden Sie doch! Sie sind bleich, als hätten Sie einen Geist gesehen.«

»Einen Geist«, erwiderte sie, »ja, ich habe ein Gespenst gesehen, das Gespenst meiner Zukunft – in diesem Augenblicke ist es mir unmittelbar in seiner ganzen Furchtbarkeit vor die Seele getreten! Verzeihen Sie, mein Freund, verzeihen Sie meiner Schwäche! Ich habe lange genug Zeit gehabt, mein Schicksal vorherzusehen und mich darauf vorzubereiten – es ist thöricht, daß ich seine Ankunft nicht gefaßter zu ertragen vermochte.«

»Verstehe ich Sie?« fragte Führer unsicher. »Wollen Sie bestätigen, was das Gerücht auch schon zu mir getragen? Sie wären –«

»Ich habe«, erwiderte sie mit sichtbarer Anstrengung, »über meine Zukunft entschieden. Baron Clemens von Schroffenstein hat um meine Hand gebeten; ich muß sie ihm reichen.«

»Sie müssen, Fräulein?« fragte Führer, wärmer werdend. »So ist es nicht Ihr freier Entschluß? Aber wer vermöchte Sie zu zwingen?«

»Fragen Sie nicht!« war Primitiva's ablehnende Antwort. »Der Augenblick, der mich verwirrte, ist vorüber; ich habe mich selbst wiedergefunden. Gehen Sie, Führer, und fragen Sie mich nicht!«

»Wie kann ich«, rief Führer noch dringender, »jetzt, nachdem ich dies von Ihnen gehört, nachdem ich weiß, daß Sie in dieser Verbindung, höchst unglücklich sein werden?«

Primitiva ließ ihm die Hand, nach der er gegriffen, und blickte ihm voll und groß in die Augen. »Und wenn es so ist, mein Freund, was liegt daran? Sind Sie denn glücklich? Sie schlagen die Augen nieder; ist das Ihre Antwort?«

»Was ist Glück?« erwiderte Führer mit schwerem Seufzer. »Wo wird es gefunden? Im Leben gestaltet sich Alles anders, als Hoffnung und Wunsch es gedacht und geträumt, und wenn der Frühling noch so reich an Blüten ist, Frost und Reif und das Ungeziefer sorgen dafür, daß von denselben nur wenige Stand halten und noch wenigere zu Früchten werden.«

»Sie sind nicht glücklich, Friedrich!« sagte Primitiva, indem sie ihn nachdenklich betrachtete. »Auch ich habe davon gehört. Sie haben in Ihrem Hause das nicht gefunden, was Sie erwarteten.«

»Es ist leider wahr«, entgegnete Friedrich gepreßt. »Ich habe bei meiner Frau jene Uebereinstimmung nicht gefunden, die ich von ihr hoffen durfte. Doch gebe ich die Hoffnung noch nicht verloren. Ulrike ist jung, sie war neu in den ihr fremden Verhältnissen. Der Reiz der Vergnügungen hat sie verleitet, und vielleicht trage auch ich einen Theil der Schuld und nicht den geringsten. Vielleicht war ich zu sehr von Geschäften überhäuft, vielleicht habe ich mich meinem Hause und ihr zu sehr entzogen.«

»Das ist edel, das ist Ihrer würdig, mein Freund«, entgegnete Primitiva warm, »und daran erkenne, ich Sie. Ja, Sie haben Recht, geben Sie die Hoffnung nicht verloren! Sie werden noch glücklich sein in dieser oder jener Weise; aber Sie werden es, weil Sie es zu sein verdienen, und ich, ich werde auf meinem Lebenswege wenigstens den Trost haben, Sie glücklich zu wissen.«

»O Primitiva«, rief Führer bewegt, »warum hat uns das Leben so lange nicht mehr zusammengeführt! Warum haben wir uns erst so spät wiedergesehen! Warum mußte ich erst zu spät erkennen, was Sie mir von der ersten Sekunde an waren! Warum erfahre ich erst jetzt aus Ihren verhaltenen Worten, aus Ihren Blicken und aus Ihren Thränen, daß auch Sie für mich empfinden!«

»Denken Sie nicht mehr daran!« entgegnete Primitiva, ihre Hand aus der seinigen befreiend. »Vergessen Sie für immer, daß es einen Augenblick gab, in welchem ich mich selbst vergessen konnte!«

»Vergessen soll ich, was die schönste Hoffnung, das schönste Glück meines Daseins bilden würde, wäre es mir erlaubt, darnach die Hand zu erheben? Nein, mag auch mein ganzes Leben fortan dahinziehen als eine finstere, trostlose Nacht, dieser Augenblick wird über meinem Haupte stehen wie ein schön leuchtender, nie erlöschender Stern!«

»Ja, wie ein Stern«, entgegnete Primitiva sanft. »Das soll Ihr Andenken auch für mich sein! Nicht wahr, das ist ja kein Unrecht, wenn der Wanderer in der Nacht, die ihn umgibt, nach den Sternen emporblickt, die ihn leiten dürfen, auch wenn sie ihm unerreichbar sind?«

»Nun denn«, sagte Führer, sich gewaltsam zurückhaltend, »so leben Sie wohl! Wir wollen stark sein, Primitiva, wir wollen einander würdig bleiben! Wir gehören uns für alle Ewigkeit, hienieden aber, für die Zeit, sind wir geschieden!«

»Geschieden!« klagte Primitiva mit schmerzlichem Tone. »O das ist bitter! Ich habe nie geahnt und nie gefühlt, wie tief diese Empfindung in mir wurzelt. Meine ganze Stärke ist dahin, wenn ich Sie aus meinem Herzen reißen soll.«

»Das sollen Sie auch nicht! Was wir einander sind, ist das Geheimniß unseres Lebens und sein Kleinod, und damit es Beides bleiben kann, wollen wir einander das Wort geben, uns nie mehr zu begegnen.«

»Nie mehr?«

»Wozu, Primitiva? Wir besitzen einander in höherem Sinne und müssen uns trennen. So soll, was sein muß, auch rasch und fest gethan werden, um nicht in unserm Vorsatz erschüttert zu werden. Wir wollen uns nie wiedersehen.«

Primitiva drückte ihr Tuch vor die weinenden Augen und reichte ihm abgewendet die Hand. »Nie wieder, Friedrich! Leben Sie wohl!« Sie wendete sich der Thür zu, Friedrich näherte sich der entgegengesetzten, indem er mit unterdrückter Stimme ihr ebenfalls noch ein Lebewohl zurief. An der Thür standen beide still und wendeten sich nach einander um. Sie hoben die Arme; es war einen Augenblick, als wollten sie zurückkehren und sich noch einmal an die Brust schließen, dann aber traten sie beide gefaßt zurück. Die Thüren schlossen sich und jedes ging seinem Geschicke entgegen.

In den Gängen, welche Führer beflügelten Schrittes durcheilte, wurden bereits überall die Lampen angezündet; es war schon volle Dämmerung eingebrochen, als er den Schloßhof betrat und über den breiten Platz hinwegschritt. Vor dem Thore wurden mehrere Gespanne lediger Pferde, um sich zu verkühlen, hin und her geführt, und im Vorübergehen hörte Führer von den Knechten zu seiner Verwunderung, daß der Herzog nicht, wie er beabsichtigt hatte, zur Jagd nach St.-Wendelin gegangen war, sondern nur einen kürzen Ausflug in die nächste Umgebung gemacht hatte und auch von diesem bereits wieder zurückgekehrt war. An Friedrichs Ohr ging es achtlos vorüber, wie die Knechte unter sich weiter plauderten, daß der Herzog ein großer Freund des Gesangs und ihm auf der Jagd eingefallen sei, daß am Abend das wöchentliche Singkränzchen bei der Generalin von Helmhang stattfinde, daß er dies nie versäume und daß er deshalb die Jagd abgebrochen habe und schnell nach der Stadt zurückgekehrt sei.

Unbekümmert um das, was um ihn her vorging, nur mit dem Erlebten in sich beschäftigt, ging Friedrich die Straßen dahin mit kräftigem Schritte, gehobenen Blicks und freien Athems, denn es war ihm leicht, als wäre eine Last von seiner Seele genommen, und in seinem Gemüthe war es hell wie in der Nacht, wenn der Mond dem einsam Wachenden zuerst heraufkommt über die schwarzen Wipfel. Er hatte sich selbst besiegt; der Kopf hatte die Oberhand behalten über das Herz, die Pflicht über die Leidenschaft. Er war mit sich zufrieden und bedachte, wie er in Zukunft in seiner Häuslichkeit es einzurichten vermöge, daß er, ohne seinen Ansichten und Ueberzeugungen untreu zu werden, doch auch den Wünschen Ulrikens nachkommen und so die Kluft, die sich zwischen ihnen gebildet hatte, ausfüllen oder überbrücken könne. Mochte sie auch gefehlt haben, ihm als dem Manne stand es zu, wieder einzulenken und dafür zu sorgen, daß aus der vorübergehenden Verstimmung nicht ein vollständiger Bruch werde.

Plötzlich hielt er verwundert an. Gesang schlug an sein Ohr. Er blickte auf und gewahrte jetzt erst, daß er vor dem Hause des Generals stand, in welchem das Singkränzchen gehalten wurde. Die Fenster waren geöffnet, und von den mächtigen Akkorden eines herrlichen Flügels begleitet, erscholl der Gesang einer schönen Frauenstimme von etwas tiefer Färbung in getragenen, vollen Glockentönen in die weiche Abendluft Hinaus.

»Mein Gott, wie ist mir?« rief Führer, indem er den Hut etwas lüftete. »Diese Stimme sollte ich kennen! Ist das nicht – nein, das ist unmöglich. Sie hat mir ja versprochen, heute zu Hause zu sein. Wir wollten den Abend im Garten zubringen.« Er eilte stürmisch fort und hatte bald das Gäßchen hinter den Mauern und in ihm das stille, klösterliche Haus erreicht. Auf sein Glockenzeichen that sich die Thür auf; es war die Räthin selbst, welche ihn empfing.

»Nun«, rief sie, »das ist schön, daß Du so bald nach Hause kommst, mein Sohn!«

»Mutter«, rief Friedrich außer sich, ohne auf ihre freundliche Begrüßung zu achten, »wo ist Ulrike?«

Die Räthin erwiderte nichts und zuckte mit den Achseln.

»Es kann nicht sein«, rief Friedrich wieder. »Sie hat mir versprochen, Mutter, nicht in das Kränzchen gehen zu wollen.«

»Je nun, sie ist eben doch hingegangen«, erwiderte die Räthin. »Die Generalin hat nochmals geschickt, hat eigens geschrieben, hat ihr sagen lassen, man könnte sie nicht entbehren, das Duett oder wie das Ding sonst heißt, könnte gar nicht ausgeführt werden, wenn sie nicht da wäre, es käme vielleicht auch Seine Durchlaucht zum Zuhören.«

»Also dennoch«, rief Friedrich; »ein so feierliches Versprechen und dennoch –«

»Fasse Dich, mein Sohn«, rief die besorgte Frau, indem sie ihn am Arme faßte, »und komm' doch herein! Du bist ganz erhitzt; so habe ich Dich noch nie gesehen!«

»O, ich habe auch noch nie gefühlt, was ich jetzt fühle!« rief er. »Mutter, das war ein inhaltsschwerer Tag! Ich habe mir eine furchtbare Feindin gemacht, habe das schönste Glück von mir scheiden sehen und habe es gelassen der Pflicht geopfert; aber das Schicksal scheint mein Opfer zu verschmähen, und will mir auch das entreißen, was ich gewählt!«

»Ach was Schicksal!« eiferte die Räthin, indem sie ihn mit sich fortzog. »Komm' herein ins Sommerhäuschen! Ich habe dort den Abendtisch decken lassen. Schicksal! Bei einem Christen gibt es kein Schicksal. Wir haben eine gütige Vorsehung, einen allwissenden Gott, der über uns ist und ohne dessen Wissen kein. Haar von unserm Haupte fällt! Mag Dir geschehen sein, was will, der bleibt Dir.«

»Ja, meine Mutter«, rief Friedrich in schmerzlicher Erregung, »er bleibt mir, und auch der Gott in mir bleibt: das Bewußtsein, das Rechte gethan zu haben, und der Gedanke an mein großes Werk!«

 

Ende des dritten Bandes.

 


Druck von Bär & Hermann in Leipzig.
Papier von Julius Lange in Jeßnitz bei Dessau.


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