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Erstes Kapitel.
An der Grenze

Es war ein grauer, nebliger Morgen. Warmer Südwind war zwischen den hohen Bergen, welche den Horizont abgrenzten, hervorgekommen und hatte unvermuthet rasch in wenigen Tagen die Schneemassen zum Schmelzen gebracht. Jetzt wehte es trocknend über die erweichten Fluren hin; war aber die Luft ruhig, dann stieg die reichlich eingesogene Feuchtigkeit in Dämpfen darüber empor: kurz, Alles schien auf einen rasch und ungewöhnlich früh entwickelten Frühling zu deuten.

Friedrich hatte bereits einige Stunden am Arbeitstische gesessen, als Beppo leise an die Thür klopfte und auf Friedrichs Ruf mit der Frage eintrat, ob es ihm gefällig sei, zum Frühstück zu kommen, die Frau Räthin erwarte ihn. »Schon so spät?« rief Friedrich und sprang auf, seinen Anzug zu vollenden. Beppo ging ihm dabei an die Hand, trug die verlangten Kleider herbei, räumte den Schlafrock weg und hielt ihm zuletzt den Rock ausgebreitet hin, sodaß Friedrich nur hineinzufahren brauchte. Wie es geschehen war, machte sich der Alte etwas am Rockschoß zu schaffen, indem er sich niederbeugte und that, als ob er ein Stäubchen wegputzen wolle, von dem aber in Wirklichkeit nichts zu sehen war. Mit einem Mal fühlte Friedrich einen warmen Tropfen auf seine Hand fallen; überrascht sah er Beppo an und bemerkte jetzt erst, daß ihm die Thränen dicht über die Wangen liefen. »Was hast Du denn, närrischer alter Mensch?« fragte er ihn gutmüthig. »Warum weinst Du?«

»O verzeihen Sie mir, Signor«, preßte der Alte hervor, »ich weine, weil es heut das letzte Mal ist, daß ich Sie bediene. Das drückt mir fast das Herz ab, und doch – per Dio, Signore, so lieb ich Sie habe, ich kann nicht anders!«

»Ich danke Dir, treue Seele«, antwortete Friedrich, »für Deine Anhänglichkeit. Hast Du Dich aber entschließen können zu gehen, so zeige auch, daß Du es auszuführen vermagst. Besuche Dein Vaterland, freue Dich an seinem Aufblühen; solltest Du es aber nicht finden, wie Du denkst, so komm' wieder, Deine Stelle in meinem Hause soll Dir bleiben. Wann reisest Du?« fuhr er, zum Fortgehen gewendet, fort.

»In einer halben Stunde«, erwiderte, noch immer in Thränen, der Greis. »Es ist schon Alles gepackt, ich habe auch schon überall Abschied genommen und wollte nur noch Ihnen zum letzten Mal –«

Er vermochte vor Rührung nicht weiter zu sprechen. »So lebe denn wohl«, sagte Führer, indem er ihm, gleichfalls nicht ohne Bewegung, die Hand reichte. »Lebe wohl, Du erster Freund und Hüter meiner Kindheit! Ich vermisse Dich ungern, aber reise in Gottes Namen und reise glücklich!«

Beppo hielt die ihm gebotene Hand mit seinen beiden Händen umschlossen und drückte sie fest und lange an den Mund. Als sich Friedrich zur Thür wendete, ließ er die Hand los und trat, als jener ging, schluchzend in einen Winkel.

Bald darauf verließ er von allen unbemerkt das Haus.

Friedrich traf im Wohnzimmer seine Mutter, die ihn mit freundlichem Gruße empfing und ein wenig auf dem Sopha seitwärts rückte, damit er neben ihr Platz nehmen solle. »Soll ich Dir Deinen Kaffee zurecht machen«, fragte sie, »oder bedienst Du Dich selbst?«

»Thun Sie es immerhin, Mutter«, erwiderte Friedrich lächelnd. »Ich will Ihre Sorgfalt für mich auch nicht im Kleinsten ablehnen.«

»Das ist liebenswürdig von Dir«, entgegnete die Räthin geschmeichelt, indem sie das Frühstück zurecht machte, »aber es ist im Grunde auch nicht mehr als meine Schuldigkeit. Die Hand, von welcher Dir die Tasse doch wohl besser munden würde als von Deiner alten Mutter, ist nicht da und so muß wohl ich das Amt der Hausfrau ausüben.«

»Wo ist Ulrike?« fragte Friedrich etwas gedrückt. »Schläft sie noch?«

»Das weiß ich nicht, Kind, aber ich glaub' es fast. Ich hatte heut Nacht einmal wieder Besuch von dem Reißen im linken Arm, das mich ja schon so lange quält; da war ich wach und hörte sie nach Hause kommen. Es war schon weit nach Mitternacht und Du weißt wohl, nach einer halb durchwachten Nacht geht's zäh aus den Federn.«

»Ich bitte, Mutter«, fiel Friedrich ein, »lassen wir das. Verderben Sie mir den Morgen nicht.«

»Gott behüte, daß ich das wollte«, entgegnete die Räthin, »aber da sich eben die Rede so gibt, so möchte ich Dich doch fragen: Hast Du mit Deiner Frau wegen des bewußten Punktes schon gesprochen?«

»Nein«, antwortete Friedrich mit einigem Widerstreben. »Ich unterließ es noch immer, weil ich Ulrike, wie ich Ihnen gesagt, Zeit gönnen wollte, sich selbst zu finden und zu sammeln.«

»Weil ich das wußte, habe auch ich die ganze Zeit her an mich gehalten. Ich habe mit Dir nicht wieder davon gesprochen und habe mich auch Deiner Frau gegenüber zusammengenommen und ordentlich gezwungen, mich so zu benehmen, als wenn gar nichts vorgefallen wäre, als wenn ich auch nicht das Geringste an ihr auszusetzen hätte; aber wenn Du darauf warten willst, mein Sohn, bis sie selber zur Einsicht kommt und umkehrt, darfst Du Dich das Warten nicht verdrießen lassen!«

Friedrich antwortete nicht. Die nämliche Beschwerde gährte auch in ihm schon lange, aber er hatte es immer über sich gewonnen, zu schweigen und sich mit der Zukunft zu trösten. Die Massen von Arbeit, von denen er beinahe erdrückt war und die seinen ganzen Geist in Anspruch nahmen, waren ihm dabei zu Hülfe gekommen. Er war daher durch das Gespräch doppelt unangenehm berührt, weil er im Stillen der besorgten Mutter vollkommen beistimmen mußte und es doch nicht über sich gewinnen konnte, dies auch äußerlich zu thun.

Die Räthin sah ihn einen Augenblick an. »Laß Dich meine Rede nicht verdrießen«, sagte sie dann. »Daß Dich wurmt, was ich sage, ist eben ein Beweis daß ich Recht habe. So viel ist wenigstens klar, daß sich Deine Frau mein Zureden nicht zu Herzen genommen hat. Fast hätte ich's geglaubt, wie sie damals nach unserm Gespräch so ungewöhnlich früh nach Hause kam.«

»That sie das?« fragte Friedrich.

»Allerdings. Zufällig aber hatte sich's so getroffen, daß ich schon zu Bett war, und Du – Du warst ausgegangen oder hattest ja damals Deinen geheimnißvollen Besuch im Thurmzimmer.«

Durch Friedrichs Seele zog eine dunkle Ahnung. »Wie gesagt«, fuhr die Räthin fort, »anfangs glaubte ich, sie wolle in sich gehen, es war aber nichts, als daß sie eben an dem Tage, vermuthlich aus Aerger über mich, Kopfweh hatte, ihr Mädchen sagte mir's den Tag darauf. Seitdem aber lebt sie wieder drauf los, als wollte sie mir's zum Possen thun, und ist sie früher spät nach Hause gekommen, so kommt sie jetzt noch später!«

Die gute Frau war eben daran, so recht in Zug zu gerathen, als der für Beppo angenommene neue Diener eintrat und zu Friedrichs großer Befriedigung das Gespräch unterbrach.

»Draußen«, war seine Meldung, »steht ein kleiner Junge, der einen Brief an den gnädigen Herrn hat. Er will ihn aber durchaus selbst abgeben.«

»So laß ihn hereinkommen«, sagte Friedrich, und der Knabe trat ein. Es war ein hübsches Kind mit regelmäßigen Zügen, aber in dem ganzen Wesen gab sich etwas Zurückhaltendes und Verstecktes kund, was keinen angenehmen Eindruck machte. Der Bediente trat auf einen Wink Friedrichs ab.

»Was bringst Du mir, Kind?« fragte Friedrich. »Wer schickt Dich zu mir?« Der Knabe gab keine Antwort, sondern hielt ihm ein etwas starkes Packet hin. »Ist das an mich?« fragte Friedrich wieder, indem er dasselbe ergriff. »Kannst Du nicht sprechen?«

Er besah die Aufschrift, und da er sie an sich gerichtet fand, trat er an ein Seitentischchen, das Packet zu öffnen.

»Was soll er nicht reden können!« fuhr inzwischen die Räthin fort. »Ich kenn' ihn ja! Es ist der Knabe von dem armen Weber – Will, glaub' ich, heißt er – da vorn im Gäßchen. Bist Du's nicht, Kleiner? Rede, was macht Deine Mutter?«

Der Knabe schwieg hartnäckig und sah vor sich auf den Boden nieder. Erst als seine Mutter erwähnt wurde, hob er die Augen, sah die Räthin wie erschrocken und traurig an und sagte halblaut: »Die Mutter ist schon lange fort!«

»Was? Fort ist sie?« rief die Räthin. »Das wäre mir nicht übel! Fort ist sie und hat Dich dagelassen? Und Du weißt am Ende gar nicht, wo sie ist?«

Der Knabe sah nicht auf, aber schüttelte traurig den Kopf.

»Aber um des Himmels willen, was ist ihr denn in den Sinn gekommen? Das ist ja das erste Wort, das ich höre. Da hat Dich der arme Will nun ganz auf dem Halse! Ei, ei, da muß ich doch gleich – und weiß der Weber auch nicht, ob sie wiederkommt und wann? So rede doch und sieh nicht vor Dich hin wie ein Stock!«

Der Knabe regte sich nicht und schwieg.

Die Räthin wollte eben weiter in ihn dringen, allein das Wort blieb ihr im Munde stecken. Ihr Blick war mit einem Male auf Friedrich gefallen, der inzwischen das Packet geöffnet hatte und nun bleich, im höchsten Grade erschüttert, in ein darin enthaltenes Papier starrte, das in seiner Hand zitterte.

»Was ist Dir, Friedrich?« rief die Räthin aufspringend. »Was ist geschehen, daß Du so erschrickst?« Sie wollte auf Friedrich zueilen, allein dieser trat ihr, rasch gefaßt, entgegen und rief: »Nichts, Mutter, es ist in der That nichts! Es war nur eine etwas starke Ueberraschung. – Ich danke Dir, mein Kleiner!« fuhr er, absichtlich abbrechend und zu dem Knaben gewendet, fort. »Du erwartest noch etwas, nicht?«

Das Kind sah ihn schnell seitwärts mit einem klugen Blick an und fragte: »Wann soll ich wiederkommen?«

»Ich werde pünktlich thun, was man verlangt«, antwortete Friedrich. »Es ist jetzt bald zehn Uhr – komm' bis zwei Uhr wieder.«

Der Knabe drehte sich rasch um und wollte ohne Gruß oder Erwiderung fort. »So halte doch«, rief ihm Führer nach, »und nimm, eh' Du gehst, Dein Botenlohn.« Damit reichte er ihm ein großes blankes Silberstück. Der Knabe betrachtete es kaum, fuhr aber doch mit einer Art gieriger Hast damit in die Tasche. Dennoch verweilte er einen Augenblick. Seine Augen hafteten brennend und mit allem Ausdruck kindischen Verlangens auf einigen besonders schönen Aepfeln, die in einem Körbchen auf einem Pfeilertische neben der Thür lagen. Als er sich zum Gehen gewendet hatte, war sein Blick darauf gefallen und vermochte sich nun kaum loszureißen.

Friedrich folgte der Richtung seiner Augen und fragte lächelnd: »Gefallen Dir diese rothen Aepfel so gut? So nimm«, sagte er, indem er drei oder vier davon ergriff und dem Knaben hinreichte. Dieser griff hastig darnach, als fürchte er, daß sie ihm wieder entrissen werden könnten; ein hohes Roth flog über sein ganzes Gesicht. Seine Augen ruhten eine Sekunde lang auf Friedrich's Gesicht so voll und fest, daß man davon überrascht sein mußte. In der nächsten Sekunde jedoch war er schon, ohne einen Laut von sich zu geben, zur Thür hinaus und rannte durch den Hof.

Auf der Straße angekommen sah er um sich und glitt dann mit der Gelenkigkeit eines Fuchses in den dunklen Vorplatz des nebenstehenden Hauses. Inzwischen öffnete sich etwas weiter vorn gegen das Ende des Gäßchens die Thür eines Erdgeschosses, Weber Will trat heraus und that einen gellenden Pfiff. Unbefangen kam Richard auf dies Zeichen aus dem Vorplatze hervor und ging auf den Weber zu. »Da«, sagte er, als er zu demselben hinkam, und reichte ihm das Silberstück, das ihm Friedrich gegeben hatte. »Kauf uns Brod, Vetter!« Dieser erstarrte beim Anblick der großen Münze. »Bub'«, rief er, »wo hast Du das Geld her? Wo hast Du die schönen Aepfel her?«

Der Knabe antwortete nicht und wand sich an dem Fragenden vorüber. Im Nu war er die steile Treppe hinauf und bald hörte man ihn die Thür der Bodenkammer zuklappen, in der er schlief.

Bald nach dem Knaben kam eine tief verhüllte Frauengestalt aus dem Vorplatze hervor, in den derselbe einen Augenblick getreten war. Vorsichtig blickte sie um sich her und schritt dann geflügelten Schritts das Gäßchen entlang.

Indessen hatte die Räthin ihren Sohn mit Fragen über den Inhalt der Nachrichten bestürmt, die, wie sie gesehen hatte, einen so starken Eindruck auf ihn zu machen vermocht hatten.

»Beruhigen Sie sich, liebe Mutter«, entgegnete ihr Friedrich. »Es ist nichts. Ich war nur auf die Nachricht, die ich erhielt, nicht recht vorbereitet.«

»Das müssen mir feine Nachrichten sein!« begann die Räthin wieder. »Das redest Du mir nicht ein, daß es nichts gewesen. Ich kenne Dich zu gut und weiß, daß Du der Mann nicht bist, der wegen eines Nichts erschrickt! Rede doch! Ich will ja nicht wissen, was in dem verwünschten Papiere gestanden hat, aber nur das Eine sage mir, es hat doch keine Gefahr für Dich?«

»Gefahr? Wie kommen Sie darauf?« fragte Friedrich.

»Siehst Du, es ist!« rief die Räthin ängstlich. »Du sagst nicht nein; es ist also etwas sehr Gefährliches, was Du erfahren hast. Nicht wahr, sie haben etwas gegen Dich vor?«

Verwundert blickte Friedrich sie an. »Nochmals«, sagte er, »wie kommen Sie nur darauf?«

Die Räthin zögerte. »Weil ich«, sagte sie dann, »schon seit geraumer Zeit weiß, daß Du Feinde hast und daß es Leute gibt, die Alles daran setzen, um Dich aus Deinem Posten zu drängen und Deine Absichten zu vereiteln.«

»Das wissen Sie«, sagte Friedrich, »und haben es mir verschwiegen? Gute Mutter, ich kann mir denken, was Sie gelitten haben müssen.«

»Es hat mich allerdings manchen Strauß gekostet«, erwiderte die Räthin, »aber wenn ich mir Alles überdachte, meinte ich doch zuletzt immer wieder, es sei besser, Dir nichts zu sagen. Ich wußte ja, daß Du nur Gutes vorhast; dabei ist Gottes Segen, und so dachte ich, ich könne es wohl ihm und Deinem redlichen Willen überlassen, es zu Ende zu führen.«

»Und was wissen Sie, Mutter?« begann Friedrich. »Verschweigen Sie mir jetzt nicht, was Sie wissen.«-

Die Räthin erzählte kurz und einfach den von Overbergen erhaltenen Besuch und ihr Gespräch mit ihm.

Friedrich hatte nachdenklich zugehört. »Ich kenne den Mann«, sagte er dann, »und will den Gang mit ihm bestehen. Ich wiederhole Ihnen aber, liebe Mutter, daß Sie meinetwegen vollkommen beruhigt sein dürfen.« Damit erhob er sich, ergriff seinen Hut, steckte die erst erhaltenen Papiere zu sich und bot der Räthin die Hand zum Abschied.

Sie ergriff sie und hielt sie fest. »Also darf ich um Dich wirklich unbesorgt sein? Und jene Nachrichten, die Du eben erhieltst, hängen also mit dem, was ich Dir erzählte, zusammen?«

»Mindestens theilweise«, sagte Friedrich. »Aber ich besitze einen Schutzgeist, Mutter, der über mir wacht und mir geweihte Waffen zu dem Kampfe gibt, dem ich entgegengehe!«

»Auch ich glaube an eine solche Macht über Dir«, erwiderte fromm die Mutter. »Ihr vertraue ich – und so leb' wohl.«

Friedrich ging. Auf dem Hausflur trat ihm Ulrikens Mädchen entgegen und meldete, daß ihn ihre Gebieterin erwarte und zu sprechen wünsche. Friedrich hatte sich über den Vorfällen des Morgens schon länger zu Hause verhalten, als es sonst seine Gewohnheit war. Die Zeit drängte ihn; auch brannten die verhängnißvollen Papiere auf seiner Brust wie Feuer und mahnten zur Eile. Schon wollte er dem Mädchen eine entschuldigende Antwort auftragen, doch besann er sich anders und folgte ihm.

Er begrüßte Ulrike beim Eintritt in ihr Zimmer mit schlichter Herzlichkeit, indem er auf sie zutrat und einen Kuß auf ihre Lippen drückte. Ulrike kam ihrem Gatten mit einer etwas gemachten Freundlichkeit entgegen.

»Ich muß um Entschuldigung bitten, daß ich Dich aufhalte«, sagte sie, »allein bei Deinen vielen Geschäften bleibt mir kein anderes Mittel übrig, Dich bei mir zu sehen.«

»Der Tag gehört leider nicht mir«, antwortete Friedrich freundlich, »und für die Abende muß ich Dir Deinen Vorwurf zurückgeben. Du läßt manche Gelegenheit, mich zu sehen, unbeachtet.«

»Sieh doch«, rief Ulrike mit etwas stechendem Lächeln, »eine Anspielung, die fast einem überzuckerten Verweise gleicht! Das nimmt mir beinahe den Muth, Dir den Wunsch mitzutheilen, wegen dessen ich –«

»Einen Wunsch? Steht es in meiner Macht, ihn zu erfüllen«, erwiderte Friedrich galant, »so bedarf's nur Deines Worts.«

Ulrike verbeugte sich. »Es wird Dir nicht unbekannt sein, mit wie vieler Freundlichkeit ich in der hiesigen Gesellschaft aufgenommen wurde. Man zeichnet mich auf jede Weise aus; es ist kein feiner Cirkel, in welchem Deine Gattin nicht gern gesehen und ungern vermißt würde.«

»Eine Folge Deiner Liebenswürdigkeit und mir jedenfalls sehr schmeichelhaft«, bemerkte Friedrich.

»Bisher«, fuhr Ulrike fort, »bin ich immer und überall nur der Gast gewesen, allein die Lebensart fordert, daß ich nun endlich einmal die mir so oft und vielfach bewiesene Gastfreundschaft erwidere und auch die Wirthin mache. Mit einem Wort, ich kann es nicht länger umgehen, Revanche zu geben und Gesellschaft zu mir zu bitten.«

»Thue das ohne Bedenken. Deine Verpflichtungen sind auch die meinen; es wird mich freuen, Gesellschaft bei uns zu sehen.«

»Ich habe diese Bereitwilligkeit von Dir erwartet, aber Du wirst begreifen, daß man von mir und Dir ungewöhnliche Erwartungen hegt, daß bei solchen Anlässen der Ort, die Aeußerlichkeit gar sehr in Betracht kommt.«

»Ah, Du meinst unsere Wohnung sei nicht elegant genug?« lachte Friedrich. »Das möchte allerdings sein! Nun, in dieser Hinsicht ist Dein guter Geschmack uneingeschränkter Gebieter! Taste nur meine und der Mutter Zimmer mit Deiner Eleganz nicht an, alles Uebrige gestalte nach Deinem Willen und mach' es, so schön es Dir gefällt.«

»Du bist sehr gütig! Allein das ist es nicht, was ich meine. Unsere Wohnung hier dürfte den unvermeidlichen Anforderungen eben doch nicht ganz entsprechen.«

»Warum das nicht? Ist sie nicht geräumig und bequem, wie vielleicht wenige in der Stadt?«

»Allerdings, aber altmodisch. Es wird nicht möglich sein, daraus ein comfortables Ganzes zu machen. Und dann die Lage in dem abscheulichen engen Gäßchen! Es ist kaum möglich, daran vorzufahren und zwei Wagen könnten gar nicht an einander vorbei.«

Friedrich runzelte die Stirn. »Dem ist nun einmal nicht abzuhelfen«, sagte er.

»O doch«, fiel Ulrike ein, »allerdings wäre abzuhelfen, wenn Du wolltest.«

»Wenn ich wollte?«

»Es gibt der schönen Wohnungen genug in der Stadt. Wenn Du Dich entschließen wolltest, eine andere Wohnung zu nehmen –«

»Davon kann nicht die Rede sein«, rief Friedrich und stand auf.

»So entschieden?« fragte Ulrike pikirt.

»Ein- für allemal. Das ist eine Thorheit und solchen beugt man am besten rasch mit einem Male vor. Ich wollte, ich hätte es in allen Dingen so gehalten.«

»Wolltest Du mir vielleicht erklären, was das heißen soll?«

Friedrich, schon vorher aufgeregt, war warm geworden. »Das kann geschehen«, antwortete er. »Es soll auch geschehen. Dies Haus ist mein Eigenthum; es ist ein schöner, werthvoller, allen vernünftigen Ansprüchen entsprechender Besitz –«

»Meine Ansprüche gehören also in die Reihe der unvernünftigen!«

»Es wäre Lüge, zu widersprechen. Ja, Dein Begehren ist unvernünftig! Und wenn Du bedächtest, wie werth mir das Haus ist, das Haus, in dem mein Vater den größten Theil seines Lebens verbrachte, wo er schuf und waltete und starb, das Haus, das die Lebensfreude meiner Mutter ist – wenn Du das Alles nur halbwegs bedächtest, würdest Du mit einem solchen Begehren nicht kommen! Oder könntest Du denken, daß ich das Haus verließe und meine Mutter allein zurückbleiben sähe? Nimmermehr!«

»Leider, daß Dir Deine Mutter mehr gilt als Deine Frau! Ich hab' es schon erfahren!«

»Du hast nichts erfahren, als daß Dir die würdige alte Frau eine Bemerkung über Deine Lebensweise in der vornehmen Welt machte! Hättest Du darauf geachtet! Es würde Dich gut gekleidet und mir die Bitterkeit erspart haben, Dir zu wiederholen, was sie sagte!«

»Ist's möglich? Auch Du?«

»Auch ich! Oder denkst Du, ich sähe nicht, weil ich bisher schwieg? Ich habe geschwiegen, weil ich auf Dich vertraute, daß Du selbst aus dem Traume Deiner leeren Vergnügungen aufwachen und in den Kreis Deiner häuslichen Pflichten zurückkehren würdest. Du thatest es nicht! Du denkst nicht daran, es zu thun! Das beweist mir Deine heutige Forderung! Wisse also, ich wiederhole Dir die Ermahnung meiner Mutter! Sieh jedes ihrer Worte als von mir gesagt an!«

»Friedrich, welch eine Sprache führst Du gegen mich!«

»Die Sprache des Mannes. Schreib' es Dir selber zu, daß Du sie zu hören bekommst! Du verkennst Deine Stellung. Bin ich auch auf einen Posten gehoben, der mich der Aristokratie gleichstellt, so ändert das an mir nichts. Meine Ansichten, meine Grundsätze sind dieselben! Ich bin nicht der Thor, der glaubt, daß mit der Einnahme die Bedürfnisse wachsen müssen –«

»O, ich bitte Dich, abzubrechen – ich weiß genug!«

»Ich bedauere, daß solche Erklärungen nothwendig geworden sind, aber ich kann sie Dir nicht ersparen; und da wir einmal so weit gekommen sind, so sei es gesagt, daß Du Dich ändern und künftig meinem Willen fügen mußt!«

»Ich muß? Das wagst Du mir zu sagen, Du –«

»Ich sag' es Dir und werde darauf halten. Du wirst fortan Deine Lebensweise umkehren, wirst das Haus zur Regel und die Gesellschaft zur Ausnahme machen.«

Ulrike war, Friedrich's zornigem Ernst gegenüber, in einen Thränenstrom ausgebrochen. »Weh mir«, rief sie und verbarg das Antlitz in den Kissen des Sophas, in das sie gesunken war. »So sprichst Du mit mir! O meine gute, liebe Mutter, so spricht der Mann mit Deinem Kinde, der Dir gelobte – O, wenn Du das erlebt hättest!«

Wie von einem elektrischen Schlage gerührt, stand Friedrich bei diesen Worten vor ihr still. »Nenne Deine Mutter nicht, Unglückliche!« rief er. »Beherzige, was ich Dir gesagt, handle darnach und zwinge mich nicht, Dich vor ein Sterbelager des Leichtsinns zu führen und Dir Dinge zu erzählen, die Dir besser für immer verborgen blieben!«.

Damit wandte er sich und verließ das Zimmer. Ulrike blieb mit ihren Thränen und mit einem von den verschiedensten Empfindungen zerrissenen Herzen zurück.

Zu gleicher Zeit saß Herzog Felix gedankenvoll in seinem Gemach. Er hatte eine Menge Papiere und Schriften vor sich, die alle auf ihre Erledigung warteten, doch gingen seine Blicke darüber hinweg nach dem Fenster. Draußen begann eben die stärker werdende Sonne den Nebel niederzukämpfen. Im Gemüthe des jungen Fürsten war seit seiner Thronbesteigung eine Veränderung eingetreten, die Niemand ahnte und die er sich selbst kaum zu gestehen wagte. Als das Scepter so rasch und unvermuthet in seine Hand gelegt worden war, hatten ihn dies Ereigniß sowie die dasselbe begleitenden Vorgänge in eine erhöhte Stimmung versetzt, in welcher er Entschlüsse von der größten Tragweite mit dem Feuer der Begeisterung auf sich nahm. Er glich einem Manne, der in der Hast einer edlen Aufwallung eine Pflicht übernimmt, die ihm mit der Zeit lästig und unbequem wird. Als er sich entschloß, Führer zum Minister zu machen und mit seiner Hülfe das Ideal einer humanen Regierung zu verwirklichen, war es ihm damit heiliger Ernst gewesen. Dieses Ideal, ein Ueberrest seiner Studienzeit, war, durch den furchtbaren Anblick eines empörten Volks, der ihm in vollem Maße geworden, mit neuem Farbenreiz vor ihn getreten. Es sollte ins Leben treten, dessen war er sich vollkommen bewußt; nur die Art und Weise, wie dies zu geschehen habe, die Mittel dazu waren ihm nicht klar gewesen. Dadurch wurde er zuerst auf Friedrich geleitet, von dem er die Durchführung erwartete. Schon die ersten einleitenden Vorkehrungen hierzu hatten ihn aber gewissermaßen enttäuscht. Es erging ihm wie einem, der den Entwurf eines prachtvollen Riesengebäudes bewundert und rasch an die Ausführung schreitet. Bei dieser aber fühlt er sich dadurch verstimmt, daß er das Gebäude nicht wie auf einen Zauberschlag fertig aus der Erde zu rufen vermag, sondern daß dazu eine Menge unschöner Vorarbeiten gehören, daß jahrelang bedächtig Stein auf Stein gelegt werden muß, und daß er es vielleicht gar nicht mehr erleben wird, das letzte entstellende Gerüst von dem Bau seiner Gedanken fallen zu sehen. Gleichwohl hob ihn der noch andauernde Eifer über die ersten unangenehmen Regungen hinaus, er hörte Friedrich's Vorschlägen und Plänen mit Interesse zu und ging nicht ohne Vergnügen auf dessen Erörterungen ein. Doch gewöhnte er sich bald, das Ganze wie eine große Liebhaberei anzusehen, über deren Ausführung er sich von Zeit zu Zeit von dem, den er dazu bestellt hatte, Bericht erstatten ließ. Obgleich es ihn anfangs verstimmt hatte, bei den durch die neuen Einrichtungen veranlaßten Volksfestlichkeiten sich Führer häufig vorgezogen zu sehen, trugen auch diese in etwas bei, ihn in angenehmer Geneigtheit zu erhalten. Daß unter solchen Voraussetzungen auch jedes Bestreben eines Widerstandes gegen seine Absichten auf diese selbst erkältend zurückwirken mußte, ist wohl erklärlich. Er hatte in seinem unerfahrenen Enthusiasmus von allen Seiten Dank und unbegrenzte Freude erwartet und mußte sich nur zu bald überzeugen, wie Viele, deren Vortheil mit dem Bestehen der bisherigen Einrichtungen zusammenhing, die erbitterten Gegner seiner Absichten waren. Dazu kam, daß nicht selten der Unverstand auch Solcher, die nur gewinnen konnten, sie dies nicht einsehen und in ihrer Blindheit gegen sich selbst eifern ließ, sowie daß der unvermeidliche Mißbrauch alles Neuen manche Seite davon in ein grelles Licht treten ließ, die zu ertragen man noch nicht gewöhnt war. So war es denn dahin gekommen, daß der Herzog an seinen Reformplänen nicht mehr mit dem ersten Eifer hing. Gleichwohl dachte er nicht daran, sie aufzugeben; er ließ vielmehr Friedrich gewähren, sodaß dieser allen Grund hatte, mit seinem Regenten zufrieden zu sein, und daß auch ihm die eingetretene Wendung nicht bemerkbar geworden war. Letzteres insbesondere war um so leichter möglich, als der Herzog die Berathung des Grundgesetzes, welches früher durch die Dazwischenkunft der Herzogin vereitelt worden war, nachher auf Friedrich's Andringen unbedenklich wieder vorgenommen und fortgesetzt hatte. Dieselbe war denn auch wiederholt zum Abschlusse gediehen und das Gesetz sollte nun durch des Herzogs Unterschrift als solches bezeichnet werden. Ein Hauptbeweggrund, weshalb der Herzog den Anträgen seines Ministers nicht entgegentrat, war ein dunkles Gefühl der Beschämung, welches den Fürsten bei seinem Anblick unwillkürlich überkam. Er scheute sich, vor demselben, nachdem er seinen festen und ernsten Sinn vollkommen kennen gelernt hatte, einzugestehen, daß er der Sache, für welche dieser glühte, nahezu überdrüssig geworden war. Um endlich das Bild vollkommen zu machen, darf nicht unerwähnt bleiben, daß Felix immer deutlicher zu dem Bewußtsein kam, daß die Regierungsweise seiner Vorfahren eine bequemere sei als die, welche er sich vorschrieb. Er ahnte den lockenden Reiz unumschränkter Machtvollkommenheit und dachte mit Scheu daran, daß er sich selber Schranken zu setzen im Begriff sei.

Hatte sich der Herzog auf diese Weise von Friedrich's politischem Wirken etwas abgewendet, so hatte dieser dennoch persönlich in seiner Gunst eher gewonnen als verloren. Einestheils nöthigte Friedrich's Charakter ihm unwillkürlich erhöhte Achtung ab, anderntheils war es das Bewußtsein eines geheimen Unrechts, was den Herzog ihm gegenüber beschlich und ihn zu ununterbrochener Bezeigung seines Wohlwollens veranlaßte. Dieses geheime Unrecht waren des Herzogs Beziehungen zu Ulrike. Diese waren allmälig zu einem Grade gediehen, der den arglosen Führer, wenn er davon Kenntniß bekam, nothwendig aufs tiefste verletzen mußte. Zwar war es zwischen Felix und Ulrike nicht zu einem eigentlich strafbaren Verhältniß gekommen, allein der Umstand, daß zwischen beiden ein Geheimniß bestand, das Friedrich jetzt nothwendig für immer verborgen bleiben mußte, hatte nicht ermangelt, beide wieder zusammen zu führen. Der Herzog hatte Ulrike seit dem Balle auf dem Stadthause einige Male in Gesellschaft getroffen; er hatte immer nur wenige Worte mit ihr gewechselt und doch reichten schon diese kurzen Begegnungen hin, in Felix eine mächtige Leidenschaft zu entflammen. Diese ward vielleicht gerade deshalb noch heftiger, weil er den Besitz des Gegenstandes derselben für sich unerreichbar sah und überdies genöthigt war, sie aufs sorgfältigste zu verbergen. Nur Ulrike gegenüber, so wenig und so scheinbar Unbedeutendes sie auch zusammen sprachen, schlug die gewaltsam niedergehaltene Flamme aus jedem Worte, jedem Blicke hervor, und diese war eitel und leichtsinnig genug, mit der Flamme zu spielen. Zwar entschuldigte sie sich vor ihrem Innern immer damit, daß diese Unterredungen vor aller Augen etwas durchaus Unsträfliches seien, aber nicht selten betraf sie sich in Stunden der Einsamkeit auf Träumen und Vorstellungen, die mit den Pflichten eines treuen Weibes unvereinbar waren. Sie zeigten nur zu deutlich, daß der verderbliche Funke auch in ihrem Gemüthe gezündet hatte.

Unklar wogten all diese Gefühle und Vorstellungen auch jetzt in des Herzogs Brust durcheinander. Er war den Abend vorher wieder mit Ulrike zusammengetroffen und diese Berührung seiner geheimsten Saiten bebte ihm in der Seele nach. Er horchte auf diese innern Melodien wie auf eine ferne Musik und erschrak beinahe, als der neue Oberkammerdiener mit der Meldung eintrat, die Zeit zur allgemeinen Audienz sei gekommen. Ehrerbietig fügte derselbe die Frage hinzu, ob Seine Durchlaucht zu empfangen geruhe.

Es war der frühere Lakai Bornemann, der an des abgesetzten Kündig Stelle getreten war.

»Wer will zu mir?« fragte der Herzog.

»Eine Anzahl von adligen Herren, deren Namen hier verzeichnet sind«, erwiderte Bornemann, eine Liste auf den Tisch, legend, »und der Baumeister Rigollet!«

»Ah der«, rief Felix aufstehend. »Lassen Sie ihn zuerst eintreten! – Auch eine unangenehme Unterredung«, fuhr er halblaut für sich fort, während der Diener den Befehl vollzog, »die ich meinem Herrn Minister verdanke.«

Der Gemeldete trat ein und verbeugte sich ehrfurchtsvoll. »Es freut mich, Sie bei mir zu sehen, mein lieber Rigollet«, begann der Herzog; »bringen Sie mir wieder etwas Schönes von Ihren Entwürfen?«

»Ich bedaure, Durchlaucht damit nicht dienen zu können«, antwortete der Baumeister, »ich bin gekommen, mich vor meiner Abreise –«

»Wie, Sie wollen fort?« rief der Fürst. »Das beklage ich lebhaft. Doch nicht für lange?«

»Ich kann das nicht bestimmen, Durchlaucht«, erwiderte der Baumeister. »Der Künstler gehört sich nicht selbst, er gehört dem Orte, wo es ihm gestattet ist, sein Talent üben und schaffen zu können.«

»Und das können Sie leider bei mir jetzt nicht«, antwortete Felix, etwas von dem Auftreten des Künstlers verletzt. »Ich bedaure, daß die Sorge um wichtigere Fragen meines Landes mir im Anfange meiner Regierung nicht gestattet, der Kunst jene Aufmerksamkeit zu schenken, die ich ihr nach meiner Neigung so gern zuwenden möchte. Kann ich es einmal und Sie sind noch ungebunden, so wird es mich freuen, Ihr Talent unterstützen zu können. Leben Sie wohl!«

Felix verneigte sich leichthin; verblüfft entfernte sich der Künstler, um die Adligen eintreten zu lassen. Es waren Adelhoven und die beiden Schroffenstein mit den übrigen Gewählten.

»Ich erstaune, meine Herren«, rief ihnen Felix entgegen. »Was führt Sie in solcher Anzahl zu mir?«

»Die Ueberzeugung, Eure Durchlaucht«, erwiderte Schroffenstein der Vater, »daß wir eine Bitte, von deren Gewährung unser Wohl abhängt, nicht vergeblich aussprechen werden!«

»Eine Bitte? Reden Sie!«

»Eure Durchlaucht haben begonnen, auf den Thron Ihrer Väter andere Grundsätze der Regierung zu verpflanzen, als wornach diese seit Jahrhunderten zum Wohle des Landes gewaltet und regiert haben. Eure Durchlaucht haben bereits mit großen, durchgreifenden Reformen begonnen und gedenken – wenn es uns gestattet ist, in das Geheimniß Ihrer allerhöchsten Entschließungen einzudringen – Ihr Werk durch ein umfassendes Grundgesetz für immer zu sichern.«

»Wie? Sollte ich's errathen, meine Herren?« unterbrach der Herzog. »Sie gehören doch nicht auch zu den Unzufriedenen?«

»Wir sind gekommen«, fuhr Schroffenstein fort, Eure Durchlaucht zu bitten, bei Abfassung dieses Grundgesetzes der Rechte eingedenk sein zu wollen, deren sich der Adel des Landes seit Jahrhunderten erfreut. Eure Durchlaucht haben Ihr uneingeschränktes Vertrauen einem Manne geschenkt, dem wir keine guten Gesinnungen gegen uns zuzutrauen vermögen. Man bezeichnet ihn als einen Mann, der, vollgesogen von den gefährlichen Ideen der neuern Zeit und in erwiesener Verbindung mit den gefährlichsten Partisanen des Republikanismus, geradezu darauf ausgeht, uns zu vernichten.«

»Also eine Anklage gegen meinen Minister! Sie thun ihm Unrecht, meine Herren, ich kenne seine Ansichten zur Genüge. Er will nichts, was ich nicht auch gutheißen müßte.«

»Unmöglich, Eure Durchlaucht! Dem Vernehmen nach soll uns die Gerichtsbarkeit über unsere Unterthanen entzogen, Frohnen, Zehnten und Grundreichnisse sollen aufgehoben und wir vor gleiches Gericht mit dem Geringsten aus dem Volke gestellt werden.«

»Ueber das Letztere können Sie wohl nicht klagen, für alles Uebrige sollen Sie entschädigt werden!«

»O, keine Entschädigung, Eure Durchlaucht, wird dem Adel Glanz, Einfluß und Wohlstand erhalten, wenn man ihm die natürlichen Quellen von allem diesem nimmt! Er wird nichts mehr sein als ein Wort, ein leerer Name!«

»Dürfen Sie sich beschweren, daß Ihnen Opfer zugemuthet werden, da ich mich freiwillig zu noch größern entschließe? Täuschen Sie sich nicht über die Forderungen der Zeit; was Sie opfern, kommt dem Ganzen und dadurch wieder Ihnen selbst zu gute.«

»Ich muß so kühn sein, Eurer Durchlaucht zu widersprechen!« rief Schroffenstein. »Nicht dem Ganzen wird es zu gute kommen, sondern nur einem Theil, dem gemeinen Volke. Diesem wird zugeleitet, was wir verlieren, dieses wird dadurch überstark, übermächtig, bis es uns alle und – ich sage es mit Schaudern – den Thron mit überragt. Das ist die verkappte Absicht des gefährlichen Menschen, der zum Unglück des Landes in die Nähe Eurer Durchlaucht gekommen ist, der über Eure Durchlaucht bereits so große Macht gewonnen hat, daß er es wagen darf, den Privatwünschen Eurer Durchlaucht entgegen zu treten.«

»Was meinen Sie damit?« rief Felix.

»Es will von einer Absicht Eurer Durchlaucht wegen Erbauung eines neuen Schlosses verlauten, die er zu hintertreiben wagte.«

»Bleiben Sie bei der Sache!« rief Felix.

»Es gilt jetzt«, begann Schroffenstein wieder, »diesen gefährlichen Mann unschädlich zu machen. Jetzt gilt es, dem Adel, als der Stütze des Throns, Kraft und Dauer zu erhalten. Mit dem Adel gedenkt er diesen selbst zu untergraben und so seinem Ideal, der Republik, vorzuarbeiten. Das ist es, was wir Eurer Durchlaucht im Namen eines großen Theils Ihres getreuen Adels vorzutragen, weshalb wir um die Entlassung des Ministers Eurer Durchlaucht zu bitten für unsere heilige Pflicht gehalten haben.«

Der Redner schwieg; auch Felix erwiderte nichts, die Kühnheit der Forderung und die Art, wie sie gestellt wurde, hatte ihn etwas überrascht.

»Mich in so ernster Sache auf Ihr bloßes Wort hin zu entschließen«, sagte er dann, »würde Sie zu dem Vorwurf berechtigen, als handle ich unüberlegt. Ich werde, was Sie gesagt, in Erwägung ziehen. Sie sollen noch heute bestimmten Bescheid haben.«

Ziemlich unbefriedigt entfernte sich die Deputation. Der Herzog war zu der ausweichenden Antwort hauptsächlich dadurch veranlaßt worden, daß er in dem Benehmen der Adligen, trotz alles äußern unterwürfigen Scheins, eine Art versteckten Trotzes zu erblicken glaubte, dem er nicht nachzugeben gedachte, selbst wenn er auch mit ihren Gründen einverstanden gewesen wäre. Gleichwohl waren letztere nicht ganz ohne Nachhall in ihm geblieben. Der Gedanke, daß hinter Führers Grundsätzen wirklich andere, tiefer liegende Motive lauern könnten, daß er ihn vielleicht wirklich nur als Werkzeug für weitersehende Pläne betrachte und benutze, war ihm neu und überraschend. Er beschäftigte sich noch lebhaft damit, als Friedrich zur gewohnten Vortragsstunde in das Kabinet trat. Des Herzogs Blick ruhte lange auf seinen Mienen, über die heute ein ungewöhnlicher Ernst gebreitet lag, doch schwieg er, und die Geschäfte begannen und gingen ihren gewöhnlichen Lauf.

»Sind wir fertig für heute?« fragte der Herzog nach einiger Zeit.

»Mit den Arbeiten des Tages ja«, entgegnete Friedrich, »doch muß ich noch das Wichtigste in Anregung bringen.«

»Das Wichtigste?«

»Für Eure Durchlaucht, für das ganze Land und für mich. Der Entwurf des Grundgesetzes harrt noch immer der Sanction!«

Der Herzog stand unangenehm berührt auf. »Lassen Sie das für ein ander Mal«, sagte er, »ich bin damit zu Ende, aber ich habe heute keine Fassung dafür. Das hat ja Zeit.«

Ueber Friedrichs Antlitz flog dunkle Glut. »Eure Durchlaucht«, sagte er aufgeregt, aber mit bescheidener Mäßigung, »kennen die hohe Bedeutung des Gesetzes. Sie kennen die Nothwendigkeit, es sobald als möglich seinen Vorläufern, die ohne dasselbe bedeutungslos sind, folgen zu lassen, ich kann also in der Weigerung Eurer Durchlaucht nur die Folge tiefer liegender, mir verborgener Beweggründe sehen.«

»Solche sind nicht da«, rief Felix, »aber ich will so Wichtiges in besserer Stimmung thun, als meine jetzige ist. Sie wissen, daß ich entschlossen bin, Ihren Willen zu thun, aber drängen Sie mich nicht!«

»Meinen Willen, Durchlaucht?« entgegnete Friedrich staunend. »Bis zur Stunde war ich der Meinung, es sei der Wille Eurer Durchlaucht, den ich zu vollziehen habe. Sollte das nicht mehr sein? Sollte es den Gegnern schon so bald gelungen sein, die hohe Begeisterung, der ich meine Berufung verdanke, zu dämpfen?«

»Was reden Sie von Gegnern?« rief der Herzog. »Halten Sie mich für ein Rohr im Winde, das sich nach jedem Luftstrich dreht?«

»Wenn denn die Abneigung Eurer Durchlaucht nicht der Sache gilt«, begann Friedrich nach sekundenlangem Schweigen, »so gilt sie ihrer Ausführung durch mich – ich besitze Ihr Vertrauen nicht mehr!«

»Fassen Sie mich nicht an jedem Wort! Ich liebe es nicht, so in die Enge getrieben zu werden. Von einer Abneigung oder wankendem Vertrauen ist nicht die Rede. Nehmen Sie es einfach, wie ich's gebe: ich will mich nicht drängen lassen. Wir werden noch Zeit genug haben, das und mehr zu thun. Warum eilen Sie so?«

»Weil ich weiß, wie kostbar die Zeit ist, und weil dem Menschen nur die Gegenwart gehört.«

»Sie meinen, ich könnte sterben und Ihr Werk unvollendet bleiben? Seien Sie unbesorgt, in meinem Alter sind Schlagflüsse selten.«

»Ich habe nicht darauf gezielt, ich wollte nur sagen, daß ich es für klug halte, was man thun will und kann, nicht zu verschieben; ich mache in diesem Augenblick an mir selbst die Erfahrung, wie bald die Stunde eines Menschen vorüber sein kann.«

Ohne es selbst zu wissen, hatte Friedrich bei diesen Worten an den Ring gefaßt, den er vom Herzog besaß, und drehte ihn wie unwillkürlich an dem Finger. Der Herzog bemerkte es und hielt im Hin- und Herschreiten inne.

»Sie haben nicht nöthig, mir den Ring an Ihrer Hand zu zeigen«, rief er unmuthig, »ich habe mein Gelöbniß nicht vergessen!«

Schweigend zog Friedrich den Ring vom Finger und steckte ihn in die Tasche. Dem Herzog entging auch diese Bewegung nicht.

»Nicht doch«, rief er, seine rasche Aufwallung schon bereuend, »ich habe Ihnen Unrecht gethan. Tragen Sie immer den Ring an der Hand, es ist gut, daß ich ihn zu sehen bekam. Aber muß ich denn ein solches Gesetz geben?« fuhr er nach kleiner Pause fort. »Ich will das Wohl meines Landes aufrichtig, das wissen Sie. Kann ich denn nicht Alles, was darauf abzielt, thun, wie Sie und ich es vorhaben, auch ohne ein solches Gesetz?«

»Das können Sie«, erwiderte Führer, »aber wer bürgt Ihnen für Ihren Nachfolger? Wollen Sie alles Gute, das Sie schaffen, für die Ungewißheit, nicht für die Dauer geschaffen haben? Eure Durchlaucht, wären die Fürsten Götter, so würde es ein Frevel sein, ihrem Walten eine Schranke setzen zu wollen; die unumschränkte Herrschaft wäre dann die beste Regierungsform und der Segen der Menschheit; für Menschen aber liegt neben der unbeschränkten Macht der Mißbrauch zu verführerisch nahe.«

»Wir Fürsten sind also eine Art reißender Thiere, gegen deren Wuthanfälle Gitter und Eisenstäbe schützen müssen?«

»Ein häßliches Bild, Eure Durchlaucht, und ein unwahres. Schranken gegen rechtlose Willkür wird ein edler Fürst nicht fühlen, gegen den Tyrannen sind sie nöthig.«

»Und welchen Schutz kann ein Papier, ein Pergament gegen einen solchen gewähren? Käme ein solcher je nach mir, was würde ihn abhalten, mit einem Federstrich zu vernichten, was heute ein Federstrich von mir entstehen läßt?«

»Das Gefühl des Rechts, das im Herzen des Volks am unverfälschtesten lebt und das ihm den Weg zeigen wird, sein Heiligthum zu erhalten!«

»Den Weg jener Nacht, die meinen Vater tödtete, nicht wahr?«

»Im Einzelleben der Menschen erkennt das Recht die Nothwehr an, sie besteht im Leben des Staats nach außen, im Kriege, und nur nach innen sollte der Staat, das Volk dies Recht nicht haben? Gegen Gewalt gilt nur Gewalt!«

Der Herzog schwieg einen Augenblick. »Nehmen Sie sich in Acht, Führer«, sagte er dann. »Das sind zweischneidige, gefährliche Grundsätze, die Ihre Hintergedanken verrathen. Volk und Staat sind Ihnen eins. Sie sind in Ihren Gedanken schon über die Throne hinweg!«

»Volk und Staat sind mir eins. Der Thron ist nur eine Art der sichtbaren Verkörperung beider. Ich kann mir wohl ein Volk ohne Thron denken, das Gegentheil ist ein Unding!«

»Nicht so! Ich wollte sagen, Sie sehen bei Ihren jetzigen Veränderungen schon auf eine Zeit hinaus, wo das Volk so mächtig geworden sein wird, daß es den Thron stürzt. Wer bürgt mir dafür, daß Sie das nicht denken, daß Sie nicht jetzt schon im Umwege darauf hinarbeiten?«

»Ich glaube, diese Bürgschaft mußten Eure Durchlaucht bereits in mir gefunden haben, als Sie mich beriefen. Ich denke nicht, wie Eure Durchlaucht mir Schuld geben. Daß ich ein Feind der unumschränkten Herrschaft bin, macht mich noch nicht zum Freunde des andern Extrems. Ich halte eine Vermittlung beider Gegensätze für heilsam, für möglich, ja für nothwendig, um jenen Sturz, von dem Sie sprechen, zu vermeiden! Diese Vermittlung herzustellen ist die Absicht jenes Gesetzes, dessen Erlassung Eure Durchlaucht nun verweigern. Es ist, wie ich gesagt, ich habe Ihr Vertrauen verloren. Lassen Sie mich denn an die bescheidene Stellung zurücktreten, die ich nicht freiwillig verließ, und mögen Sie Rathgeber finden, die es so treu mit Ihnen und dem Lande meinen als ich!«

»Sie sind zu rasch«, sagte der Herzog nach einer Pause, während welcher er Friedrich fest betrachtet hatte. »Ich gebe Ihnen die Entlassung nicht!«

»Und doch muß ich wiederholt darum bitten«, antwortete Friedrich fest. »Eure Durchlaucht haben den Einflüsterungen von Leuten Gehör gegeben, die sich meine Feinde nennen, die aber die Feinde alles Fortschritts sind.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Ich kenne die Gesinnungen jener Herren, welche Eure Durchlaucht vor mir empfingen, zu genau, um nicht zu wissen, was sie zu Ihnen geführt. Ihr Ohr, Durchlaucht, ist für Jedermann. Aber ich erkenne, daß ihre Worte aus dem Ohre ins Herz gedrungen sind. So habe ich nur noch die eine Pflicht zu erfüllen, Eurer Durchlaucht das Treiben meiner Ankläger zu enthüllen. Ihr schändliches Vorhaben wird durch meine jetzige Entfernung wohl überflüssig werden, aber Eure Durchlaucht müssen wissen, wessen Sie sich von diesen Leuten bei andern Anlässen zu versehen haben.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Daß jene Partei entschlossen ist, den Sturz der liberalen Grundsätze, die Eure Durchlaucht bekannt, um jeden Preis zu bewirken. Wenn Eure Durchlaucht heute meine Entlassung nicht bewilligen, soll die Frau Herzogin-Mutter die Regierung übernehmen, Eure Durchlaucht sollen als geisteskrank gefangen genommen und in Verwahrung gebracht werden.«

»Unmöglich, Führer! Sie träumen! Wer hätte sich das unterstanden!«

»Es ist kein Traum, hier sind die Beweise! Hier die Schrift, von allen Verschworenen unterzeichnet, worin sie die Herzogin um Uebernahme des Regiments bitten. Hier die Beweise über die dahin bezüglichen Bemühungen der Pietistenpartei im Lande, hier der Beleg für eine staatsverrätherische Verbindung mit dem Auslande.«

Er breitete die Papiere vor dem Herzog aus. Dieser stand wie vom Blitze getroffen und starrte, bald roth, bald blaß, in die Documente.

»Unerhört! Schändlich!« stammelte er dann. »Und auch die Herzogin! Meine eigene – Welchen Dienst haben Sie mir geleistet, mein Freund! Aber ich will sie treffen! Sie sollen das Gewicht meines Zornes fühlen! Doch das Alles sind nur Copien! Wo sind die Originale?«

»Auch die Originale besitze ich«, entgegnete Friedrich, »doch nur, um sie Eurer Durchlaucht zu zeigen und dadurch die Echtheit der Abschriften zu beweisen. Ich habe sie auf mein Wort, nur unter der Bedingung erhalten, daß sie um zwei Uhr wieder aus meinen Händen sind. Ehe ich sie abgebe, muß ich daher um Eurer Durchlaucht fürstliches Wort bitten, daß ich sie sogleich zurückerhalte.«

»Aber wozu? Wie sollen die Meuterer überwiesen und bestraft werden, wenn –«

»Ich habe Eure Durchlaucht von der Sache nur in Kenntniß gesetzt, damit Sie diese Partei kennen. Bestrafen können Sie eine Verschwörung nicht wohl, an deren Spitze die Frau Herzogin steht, ich bitte also um Ihr Wort!«

»Gut, Sie haben es!«

Friedrich zog die Originale hervor, der Herzog durchsah sie hastig. »Es ist Alles wahr, wahr! O elendes Loos des Fürsten! Wem darf er vertrauen, wenn die ihn verlassen, die seinem Herzen die Nächsten sind? Hier, Führer«, fuhr er dann hastig fort, »nehmen Sie die Documente zurück, die Abschriften lassen Sie mir zum ewigen Andenken, ich muß sie noch genauer durchsehen. Aber lassen Sie mich jetzt allein! Reden Sie mir diesen Augenblick nichts mehr von Ihrer Entlassung! Gehen Sie, ich muß allein sein! Geben Sie Befehl, daß Niemand zu mir gelassen wird. Um fünf Uhr sollen die – die adligen Herren kommen! Seien Sie auch zugegen, Sie sollen den Bescheid hören, den ich ihnen gebe!«

Friedrich ging. Felix blieb in einer Aufregung zurück, die ihm die Stunden fliegen machte; er bemerkte es kaum, bis der Abend einbrach und ihn an das Vorzunehmende mahnte.

Um die bestimmte Zeit standen Adelhoven, die Schroffenstein und ihre Genossen im herzoglichen Vorzimmer und warteten, vorgelassen zu werden.

»Was denken Sie?« fragte halblaut einer davon den ältern Schroffenstein. »Wie stehen unsere Aussichten?«

»Das kann Niemand sagen«, erwiderte dieser. »Seine Durchlaucht sollen sehr übel gelaunt sein.«

»Er ist gar nicht zur Tafel gekommen«, bemerkte ein Anderer.

»Was mag nur vorgefallen sein?« sagte Adelhoven. »Doch gleichviel, werden wir zurückgewiesen, so ist ja Alles schon vorbereitet. Du hast doch die Papiere wohl verwahrt, Clemens?«

»Gewiß«, erwiderte dieser, eine Brieftasche hervorziehend und zeigend.

In diesem Augenblick wurde die Thür zum Gemach des Fürsten geöffnet.

Im Eintreten befanden sie sich dem Herzog gegenüber, der in glänzender Uniform finster auf sie blickte. Neben ihm stand Friedrich, einfach schwarz gekleidet.

»Treten Sie näher«, begann der Fürst feierlich. »Ich habe Ihnen heute noch Bescheid zu ertheilen versprochen und erfülle mein Wort in Gegenwart des Mannes, den anzuklagen Sie gekommen sind. Ich pflege das immer so zu halten. Hören Sie denn, daß ich vor Plänen, im Verborgenen geschmiedet, nicht zittere! Von dem, was ich für recht halte, wird mich weder ein eigensüchtiger Adel, weder eine Rotte von Frömmlern, noch die Bajonette des Auslands abbringen, und sollte es selbst Hochverräther in meinem Lande geben, die sich darauf zu stützen wagten! Beherzigen Sie das für sich und sagen Sie es allen, die so denken wie Sie! Ich werde das Land von den Sendboten reinigen, die im Finstern schleichen. Sie aber mögen auf Ihren Gütern wirkliche – verstehen Sie mich wohl! – wirkliche Jagden abhalten und bedenken, daß ich den Versuch, sich gegen meinen Willen aufzulehnen, an Jedem unnachsichtlich strafen würde – unnachsichtlich – und stünde er dem Throne noch so nahe! Hier steht der Mann«, fuhr er, gegen Führer gewendet, fort, »dem ich mein Vertrauen geschenkt habe, den ich heute dessen doppelt würdig erkannte. Er ist und bleibt mein Minister, und damit Sie sehen, daß es mir mit meinen Gesinnungen heiliger Ernst ist, so bringen Sie den Ihrigen, bringen Sie meinem Volke die erfreuliche Nachricht, daß ich die Urkunde, die seine Rechte für alle Zeiten befestigen soll, vor Ihren Augen unterzeichnet habe!«

Er unterschrieb.

Vernichtet, Grimm im Herzen, entfernten sich die Abgesandten.

»Sind Sie mit mir zufrieden?« fragte nun der Herzog Führer, der ergriffen dastand. »Wollen Sie mich jetzt noch verlassen? Zum Beweise umarmen Sie mich!«


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