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Olga Frohgemuth

Erstes Kapitel

Der Professor Anton Frohgemuth saß in seinem Konferenzzimmer allein und blätterte in der Zeitung. Immer hielt er sich hier noch eine Weile auf, wenn der Unterricht zu Ende war, und horchte, ob der Lärm der abziehenden Schüler vorüber sei. Denn all diese Knaben mit ihren hellen Mienen konnte er nur ertragen, wenn sie geordnet in den Reihen der Bänke vor ihm saßen, schweigsam und gebändigt. Ihr entfesseltes Lachen und Rufen aber erschien ihm wie eine laute Feindseligkeit; ihr Springen und Laufen erbitterte ihn, als sei dies ganze Getümmel irgendwie gegen ihn gemünzt. Er hatte da draußen, vor der Türe des Gymnasiums, schon so viele Minuten vergeblicher Wut durchgemacht, daß er sich's nicht weiter mehr zumuten wollte. So blieb er denn jetzt alle Tage im Konferenzzimmer, kam sich, weil er in dem dämmerigen Raum allein war, immer wie ein Gefangener und immer ein wenig gedemütigt vor, und las die Zeitung, damit die Viertelstunde schneller verrinne.

Wie seine Blicke nun über die Zeilen hinfuhren, mehr stöbernd als lesend, wurden sie von einem Namen angehalten, der aus dem Gewirre der Buchstaben hervortrat. Fräulein Olga Frohgemuth ... stand da. Der Professor erschrak, als habe er eine Unvorsichtigkeit begangen, als habe er durch eine unachtsame Bewegung die Hülle von einem verhängten Bild gestreift, und als sei nun plötzlich ein Antlitz entblößt, in das er nicht mehr schauen wollte. Fräulein Olga Frohgemuth ... Er versuchte daran vorbeizulesen; er versuchte vorwärts zu eilen, aber dieser Name sperrte den Weg; der Professor konnte darüber nicht hinweg. Ein quälender Groll hob sich in ihm wie eine Wolke; stieg in ihm auf wie ein altes Leiden, das im Körper schläft, mit eins aber wieder erwacht, sich rührt und seinen wohlbekannten Schmerz durch alle Glieder sendet.

Der Professor las; sprunghaft und abgerissen. Hier stand: ... die anmutige Sängerin ... der gefeierte Liebling des Publikums ... Und weiter ... die Bezwingerin aller Herzen ... Solche Worte schwammen rings um den einen Namen her, der fest und dreist wie ein lebendiges Wesen für sich beharrte. Dann stand noch das Wort da: Roman. Es war eine indiskrete kleine Plauderei, wie sie oft von den Zeitungen aufgetischt wird. In witzig verschleierten Wendungen, in leichtfertig maskierten Ausdrücken war hier von einem Prinzen die Rede. Der sei in noch nicht allzu fernen Kindertagen ein Gespiele der Künstlerin gewesen; ihre Jugendliebe sozusagen. Nun aber hätten sich die beiden im Glanz und Ruhm der großen Welt gefunden.

Der Professor ließ das Zeitungsblatt zu Boden sinken. Schande und überall Schande kam ihm von dieser Tochter. Umsonst, daß er behauptete, ihr Name sei ausgelöscht. Hier war er und sprang ihm in die Augen, und lief durch alle Straßen. Vergebens war der Beschluß, die Tochter solle ihm als tot und begraben gelten. Da lebte sie und kreuzte sein eigenes Leben, aufdringlich und zuchtlos. Der Prinz Emanuel Ferdinand; der mußte es sein. Der war sein Schüler gewesen, war hier ins Gymnasium gegangen, weil es die Mode verlangt, daß die Söhne erlauchter Häuser öffentliche Schulen besuchen. Der Professor hatte die kleine Hoheit zu sich laden müssen. Da erschien denn der samtene Knabe in der bürgerlichen Wohnung seines Lehrers und strahlte mit fürstlich goldenem Glanz in den engen Stuben. Er spielte leutselig mit den Kindern, mit der ernsten Hermine, mit der immer munteren und ergötzlichen Olga, sogar mit dem Anton, der damals freilich noch klein war, und den der Prinz Emanuel Ferdinand ohne weitere Ursache Antonio zu nennen geruhte.

Forschend und argwöhnisch spähte der Professor nun in jene verwichenen Jahre zurück. Vielleicht hatten sich damals schon Dinge angesponnen, die seiner Wachsamkeit entgangen waren. Er breitete einen bösen Verdacht über die unschuldige Erinnerung jener Zeit hin. Dann strich er noch einmal in seinen Gedanken den Namen der Tochter durch, tilgte ihn aus, warf gleichsam noch einmal die Tür hinter ihr ins Schloß, und hatte, während er den Rock zuknöpfte, nichts weiter mehr in seinem Empfinden; nur eine allgemeine, mürrische Bitternis.

Als er aus dem dunklen Torbogen des Gymnasiums trat, lag blendender Sonnenschein auf der Straße. Von den nahen Gartenanlagen her roch es nach feuchter Erde und nach Frühling. Das Getümmel der Schüler hatte sich verlaufen, es war still; nur die Mittagsglocken schwangen von allen Türmen der Stadt ihr singendes Rufen durch die milde Luft. Er ging über den Schwarzenbergplatz und blieb an der Ecke beim Hotel Imperial einen Augenblick stehen; dann entschloß er sich, seinen Weg nicht wie sonst an der Karlskirche vorbei durch das Geschlinge krummer Vorstadtgassen heimwärts zu nehmen, sondern auf dieser stillen Seite die Ringstraße entlang zu wandeln, bis zur Oper. Dort wollte er einschwenken zur Wiedener Hauptstraße. Vorzeiten war es eine Abmachung zwischen ihm und seiner Frau gewesen, daß er bei sonnigem Wetter über den Ring nach Hause gehen sollte. Da war sie ihm dann mit den Kindern entgegengekommen. Wenn sie ihn sahen, blieben sie stehen, die Frau mit den drei Kindern vor sich, lächelten ihm bescheiden zu, warteten, bis er herankam und sich still begrüßen ließ. Nur die kleine Olga hatte sich manchmal losgerissen, war ihm entgegengelaufen, jauchzend und lachend, und im Laufen schon stürmisch plaudernd, bis er sie mit einem strengen Wort in die vorgeschriebene Ordnung zurückscheuchte. Dabei hatte ihm der erschreckte Gehorsam, der aus ihren aufgerissenen hellen Augen sprach, die verhaltene, schüchtern zurückgedrängte Zärtlichkeit auf ihrem kleinen strahlenden Gesicht jedesmal eigentümlich wohlgetan.

Jetzt aber ging er nur selten noch diesen Weg, nur einer Gewohnheit seiner Schritte folgend, und von keiner Erinnerung geleitet. Er hatte sich darin geübt, das Gedächtnis all der gewesenen Zeiten unter der schweren Falltüre seines Grimmes verschlossen zu halten; er verstand es, wegzuschauen, wenn vor seinem inneren Auge Bilder und Gesichte aufsteigen wollten. So hatte er denn auch den Aufruhr, den jene Zeitungsnotiz in ihm zu entfachen drohte, gewaltsam erstickt. Langsam wandelte er jetzt dahin und fing das farbenschmetternde, fröhliche Treiben dieser reichen Straße mit der verdrossenen Leere seines Denkens undeutlich auf. Die prangenden Schaufenster ihm zur Seite glitten vorbei, wie Gemälde, die in der Dämmerung verschwimmen. Er sah den Tumult der Wagen hinrollen, als ziellose Unruhe, deren Lärm man erdulden muß. Das Gedränge des Korsos aber, das sich drüben, auf der Sonnenseite, durch die Allee wälzte, beachtete er gar nicht.

Da sah er auf dem schmalen Fahrweg, der zwischen seinem Trottoir und der Reitbahn lief, eine Equipage herankommen; erblickte von weitem schon die hohen, silbergeschirrten Rappen. Während sie ihre schönen Köpfe mutig auf und nieder warfen und wie in einem feierlichen Tanz die Beine hoben, sagte ein moralischer Gedanke in ihm mechanisch das Wort: Üppigkeit. Er sah die Leute hastig an den Rand des Fußsteigs treten; sah, wie diejenigen, an denen der Wagen schon vorbeigerollt war, stehen blieben, um dem prächtigen Gefährt nachzublicken; er sah hinter dem hohen Rücken der tanzenden Pferde, hinter dem blauen Tuch des Kutschbockes die weiße Feder eines Damenhutes aus dem blauen Schimmer des Wagengrundes flattern. In der nächsten Sekunde aber sah er die feine, schmale Frauengestalt, die in die Kissen geschmiegt war, aufzucken, sah ein schmales Antlitz aus Spitzen und Pelzwerk leuchten, ein Antlitz, das wiederzuerkennen ein zorniges Weh in seine Brust grub. Er sah, wie dieses schmale Gesicht mit weitgeöffneten hellen Augen sich ihm zuwendete, sah um die geschürzte Kinderlippe dieses Mundes eine stumme Bitte zittern. All dies sah er, ehe er es verhindern konnte; in einer schnellen Sekunde traf ihn der stehende Anruf dieses Mädchengesichtes. Dann wandte er sich hart zur Seite, unwillig darüber, daß der Schritt ihm hatte stocken wollen. Fest auftretend und mit verschlossener Miene ging er weiter, fühlte sich im Rücken noch vom Nachschauen zweier Augen angerührt und bog schnell in die erste Seitengasse.

Eine ganze Strecke lang fühlte der Professor sein Inneres wanken von dem Stoß, den er eben erhalten hatte. Dann griff er zu, geärgert und belästigt, ungeduldig, wie einer, dem fremde Unhöflichkeit das Gepäck in Unordnung gebracht hat. Er war nun wieder Herr über sich, aber eine Weile noch ging er dahin, ganz eingehüllt in seinen Zorn, wie in ein dumpfes Brausen. Dann huschte es flüchtig und scheu, weit draußen am Rande seines Bewußtseins vorüber: ›wie bleich sie war ...‹ Aber der Professor ließ diese Regung nicht entschlüpfen. Als gälte es einen ertappten Schüler, so stürzte er darüber her; wütender noch – als müsse er einem Dieb die Beute abjagen. ›Wie bleich sie war ...‹, er haschte nach diesen Worten, er riß sie in Stücke, warf sie zu Boden, trat darauf und spie aus nach ihnen. Er schüttete Spott darüber hin, schleuderte die unförmigen Steine seines Schimpfes darauf, daß sie sich türmten. Verworfene ... Elende ... Schamlose ... Dirne ...! Nun war nichts mehr davon übrig.

Als er daheim die Wohnungstüre krachend ins Schloß donnerte, erschraken sie alle, die um den gedeckten Tisch saßen und ihn erwarteten. Und als sie hörten, wie er in seinem Zimmer auf und ab ging, wie er zornig die Fenster zuschlug, sagte Hermine zu Anton leise: »Er muß sie gesehen haben ...« Anton zuckte die Achseln und erwiderte ebenso leise: »... oder er hat die Zeitung gelesen.« Dann schauten die beiden Geschwister die Mutter an, die vergrämt und alt auf ihrem Platze saß und wie schuldbewußt die Augen senkte. Alle drei schwiegen bang. Schweigend trat der Professor herein, ließ die tonlos geflüsterten Grüße unbeachtet, saß schweigend beim Mittagstisch, und von seinem steinernen Antlitz hauchte Kälte in das Herz der Seinigen.


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