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Viertes Hauptstück. Von den Mitteln, die wahre Glückseligkeit zu erlangen

Erster Abschnitt. Vom Gutsein des Menschen als notwendiger Bedingung zur Glückseligkeit

Erstes Kapitel. Von der Selbsterkenntnis

Um gut zu werden, ist es notwendig, gut werden zu wollen. Um es zu wollen ist nötig, daß man es wollen könne. So lange wir also auf einem falschen Wege zur Glückseligkeit, wie im Rausche dahintaumeln: so lange ist es mit dem Gut- werden-wollen eine äußerst mißliche Sache, weil es sich mit dem Gut-werden-können in diesem Zustande eben so verhält, wie mit dem Vernünftig-werden-können im Zustande des Rausches.

Wir müssen zu uns selbst kommen, um in uns gut zu werden. Die göttliche Vorsehung hat eine Reihe geheimer, ungewöhnlicher Mittel, den aus sich selbst vertriebenen Menschen zu sich selbst zurückführen. Unter den bekannten, gewöhnlichen Mitteln kenne ich aber keines, das kräftiger wäre, den Menschen zu sich selbst zurückzubringen, als die ernste Todesbetrachtung, die ihm durch Umstände, d. h. durch das Walten der Vorsehung nahe gelegt wird.

Es ist eine der fürchterlichsten Täuschungen, daß die Menschen ihr Glück außer sich suchen, und ob sie es gleich bis auf diese Stunde außer sich nicht gefunden haben, dennoch immer fortfahren, es außer sich zu suchen, und wider alle selbstgemachte Erfahrung glauben, es doch noch einmal außer sich finden zu können. Wenn sie nun in diesem Suchen durch die Nachricht von dem Sterben eines ihrer Freunde unterbrochen und, von Mitleiden zu einem Sterbebette hingetrieben, sehen müssen, wie die Gefäße seines Leibes nunmehr zum sinnlichen Vergnügen unbrauchbar und zur Verwesung reif werden; wenn sie aus dem Munde des Sterbenden hören müssen, daß der lebensmüde Geist in dem Bewußtsein der genossenen sinnlichen Vergnügungen nicht nur keinen Trost findet, sondern vielmehr durch die Nachwehen der Reue gepeinigt wird ... dann verlieren die sinnlichen Freuden ihre Zaubergestalt; dann können sich die Getäuschten es unmöglich länger verbergen, daß sie bisher vom Scheine getäuscht werden; dann erwacht das strafende Gefühl der mißkannten Würde ihrer Natur; dann sagt ihnen das Selbstgeständnis im Innersten: Ich bin doch zu edel, um in den Trebern der Materie mein Paradies zu suchen. – Das aber nenne ich, zu sich kommen.

Wenn dann alle Umstehenden auf den letzten Atemzug des Röchelnden warten und wenn er wirklich vorbei ist, keine Kunst, keine Wissenschaft, keine Bibliotheken, keine Reichtümer, kein Kriegsheer und kein Königszepter den Atem in den Körper zurückgebieten kann, so wenig wie der Sterbende durch keines dieser Dinge dauerhaft und vollständig getröstet werden konnte: dann verliert die Idee von Macht, Reichtum, Gelehrsamkeit, Fürstengunst ihr Blendendes; dann erwacht das Gefühl von dem Werte der mißkannten Tugend; dann erscheint nichts groß, als was seiner Natur nach ewig ist; dann fühlt sich der Reiche, Mächtige, Gelehrte gering in seinen Augen, und muß sich die Täuschung bekennen, der er bisher mehr als der Wahrheit geglaubt hatte. – Das nenne ich, zu sich kommen.

Wenn dann ein paar Tage darauf die Leiche des Freundes zu Grabe getragen wird, und mit dem Glockengeläute – vielleicht etwas später, aber doch bald danach – das Lob der Menschen vom Verstorbenen verhallt, und seine Entwürfe, die er unvollendet gelassen, und seine Verdienste, die er sich gesammelt hatte, mit ihm aus dem Sinne der Zeitgenossen verschwinden: dann erscheint die Menschenehre in ihrer wahren Gestalt, entkleidet vom reizenden Gewande, das Einbildung, Schmeichelei und Eigennutz um sie geworfen haben, dann muß der Mann, der an der Leiche seines Freundes die Lebensgeschichte der Ehre studiert, das Eitle der Bemühungen danach fühlen, und sich selbst sagen: wie ein Rauch in der Luft, so verfliegt Menschenehre. – Das nenne ich, zu sich kommen.

So entlarvt die ernste Todesbetrachtung die drei großen Betrüger unsers Geschlechtes, den Reiz der sinnlichen Lust, den Prunk der Ehre, und den Zauber der weltlichen Macht ... Gerade die wichtigsten Wahrheiten, die der Mensch im Taumel nicht achtet, können ihm von der ernsten Todesbetrachtung in das Andenken gebracht, und wichtig gemacht werden: also ist sie fähig, ihn zu sich zu bringen.

Es ist sehr leicht im Gewühle des Lebens Gott, der es gibt und erhält, zu vergessen. Wenn er aber sein Geschenk von unserem Nachbar – vor unseren Augen zurückholt; wenn er sich als den Herrn des Lebens dadurch beweist, daß er den Atem zurücknimmt, den er gegeben hat, so werden wir genötigt, den Finger des Herrn zu erkennen und zu bekennen: Wahrhaftig, es ist ein Gott, der belebt, und in das Grab führt. Wir denken an Gott, d. h. wir kommen zu uns.

Es ist sehr leicht im Gedränge von Freuden und Hoffnungen den Zweck unseres Hierseins aus dem Auge zu verlieren. Wenn sich der Faden des Lebens sanft fortspinnt, so schleicht sich der Aberglaube gar leicht in unser Herz: »als flößen unsere Lebenstage so sanft dahin, damit wir guter Dinge seien, und Rosen pflücken sollten, so viel wir können.« Aber wenn der Tod unserem Verwandten, wider alle seine und unsere Erwartungen, und ganz unversehens, den Lebensfaden abschneidet, und wir seiner Leiche in die Grube nachsehen, dann drängt sich uns die alte vergessene Wahrheit auf: Der Mensch ist nicht da, um Blumen zu pflücken; er ist da, um durch Gutsein zu einem unsterblichen Wohlsein vorbereitet zu werden. Wir denken an den Zweck unseres Hierseins, d. h. wir kommen zu uns.

Es ist sehr leicht im Gefühle der Gesundheit die Kürze dieses Lebens aus dem Auge zu verlieren und deshalb das Wichtigste, das heute sollte getan werden, auf den ungewissen Morgen zu verschieben. Wenn nun aber der Tod bald einen Greis, bald einen Jüngling, bald links, bald rechts jemanden vor unseren Augen, aus unserem Kreise herausnimmt, dann dringt uns die Stimme mächtig ins Herz: nun muß die Reihe bald an dich kommen, gib Rechenschaft von deiner Haushaltung. Wir denken an die Kürze dieses Lebens, d. h. wir kommen zu uns.

Es ist sehr leicht sich im Umgange mit Menschen, die leben wie das Tier, durch allerlei Schriften, Gespräche, Beispiele, Verirrungen usw. den Unterschied zwischen Leib und Geist, zwischen Laster und Tugend verwischen zu lassen. Aber, wenn wir dem Sterben eines Frommen beiwohnen, der uns die Hand drückt, und mit dem Worte: »Ruhig stirbt der Gottesverehrer, der an Unsterblichkeit glaubt; freudig der Christ, der sich des unbekannten Gottes nicht schämt« –, sanft entschlummert, – dann wacht der gelähmte Verstand auf in uns und spricht laut: Wahrhaftig, der Mensch ist nicht nur Körper, und Tugend ist kein eitler Name! Wir glauben wieder an unsere höhere Natur und an die Wahrheit der Tugend, d. h. wir kommen zu uns.

Der Tod kann uns also ein nützlicher Freund werden, der uns die wichtigsten Wahrheiten nahe ans Auge rückt und tief ins Herz prägt – kann uns zu uns zurückbringen.

Zweites Kapitel. Vom Gewissen

Um gut zu werden mache es dir zum einzigen Geschäfte, deinem redlich gefragten Gewissen in allem, ohne Ausnahme und mit vollständiger Treue, zu folgen. Es entsteht somit die Frage, was ist das Gewissen. Ein großer Mann redete von einem Gesetze, das in unsere Herzen geschrieben ist; von einem Zeugnisse in uns; von Gedanken, die sich in uns wechselweise anklagen und verteidigen.

Und in der Tat, wenn ich mein Innerstes genau beobachte, so finde ich in mir Gedanken, die mir auf dem Gebiete der Sittlichkeit das Bessere raten, und das Mindergute mißraten; die das Notwendiggute schlechthin gebieten, und das Böse schlechthin verbieten; die mich im wirklichen Rechttun mit ihrem Beifall belohnen, und im Unrechttun mit ihrem Tadel strafen; Gedanken endlich, die auch nach der Handlung mich und mein Tun noch belohnen oder strafen, anklagen oder verteidigen.

Diese Gedanken könnte der schärfste Philosoph nicht besser nennen, als ein Gesetz; denn sie sprechen mit dem Ernste, mit der Unbestechlichkeit und mit der Energie eines Gesetzgebers, unzweideutig und vernehmlich klar, so lange sie Leichtsinn oder eigenliebige Grübelei, oder Leidenschaft nicht überschreien. Der geübteste Denker kann diesen Gedanken nicht absprechen, daß sie ein Zeugnis in uns sind; denn sie zeugen für mich und wider mich, so wie ich es verdiene.

I. Das Gewissen, was alle Unbefangenen zugeben müssen, ist nun zunächst gewiß nicht das Werk der Erziehung; ist keine Eingebung der Furcht vor schauderhaften Naturereignissen; auch nicht das Produkt der dichtenden Einbildungskraft; oder das willkürliche Selbstgemachte meiner (spekulierenden) Vernunft; ist endlich nicht das Kind der Politik und der bürgerlichen Gesetzgebung.

Denn es gibt bei den verschiedensten Völkern Begriffe vom Guten, die bei allen Verschiedenheiten der Kultur, der Erziehung, der ganzen übrigen Verfassung unter einander übereinstimmen, und in dem Flusse der Zeiten, die alle Gestalten der Dinge ändern, gleichgeblieben sind. Diese Einförmigkeit und diese Dauer der Begriffe des Guten ist ein Charakter ihres Ursprunges, ein Beweis, daß sie nicht sind das Werk der willkürlichen Dichtung oder Erfindung, nicht das Werk der veränderlichen Erziehung oder Politik, nicht das Resultat von Verabredungen, nicht die Furcht des Schauders vor schrecklichen Naturbegebenheiten – lauter Dinge, die sich ja selbst nirgends gleich und nicht dauerhaft sind, und eben darum nicht gleiche und dauerhafte Wirkungen hervorbringen können. Dichtung, Erfindung, Erziehung, Politik, Naturerscheinung mögen mancherlei Einfluß auf Weckung, Belebung, Reinbewahrung oder Entstellung dieser Begriffe gehabt haben: aber die erzeugende Ursache, Vater und Mutter dieser Begriffe waren sie nicht und konnten sie nicht sein.

II. Woher kommt denn das Gewissen und seine Sprache? Die Philosophen, die diese Frage entscheiden wollen, und unter den Entscheidenden nicht die schlechten sind, teilen sich in zwei große Parteien. Einige sagen: diese Begriffe selbst seien von Gott in unsere Natur gelegt, seien gleichsam die Aussteuer, die uns seine milde Vaterhand auf diese Pilgerreise mitgegeben hat, und die, wie die Vernunft, bei dem Anblicke der Natur, oder durch den wohltätigen Einfluß der Erziehung, in uns erwachten. Andere behaupten, nur die Kräfte, die Anlagen, diese Begriffe zu bilden, seien von Gott in unsere Natur gelegt, und diese Kräfte durch den Anblick der Natur und durch Erziehung entwickelt, bildeten nach und nach die Begriffe vom Guten. Eine dritte, sehr kleine Klasse, findet das erste zu unbestimmt, und das letzte zu weitschichtig, und läßt deshalb auf dem kürzesten Wege die Ideen des Guten von der Urquelle der Wahrheit in die Seele kommen, wie das Sonnenlicht in das Auge fällt. Darin aber kommen alle drei überein: die Aussprüche des Gewissens seien Stimmen Gottes, sie mögen mittelbar, oder unmittelbar, so oder anders von ihm kommen. Denn wie uns Gott die Heiligkeit selbst ist: so muß er uns notwendig, als Urquelle aller Dinge, auch die Urquelle des heiligen Gesetzes in uns, des Gewissens, der unentstellten Begriffe des Sittlichguten sein.

III. Es gibt aber noch einen kürzeren und sicheren Weg, sich von der Wahrheit der Aussprüche des Gewissens zu überzeugen.

Es kann nämlich jeder an sich die Erfahrung machen: »Wenn ich der Vernunft, die der Sinnlichkeit widerspricht, und sich uns durch das sittliche Gefühl, durch das Gewissen, ankündigt, treu folge, und mit allen Aufopferungen von Bequemlichkeit, Lust, Eigendünkel, Eitelkeit usw. folge, so entsteht in mir nach und nach ein innerer Friede, eine Ruhe, eine Heiterkeit, ein Wohlsein, das nicht seines Gleichen hat. Wenn ich aber der Sinnlichkeit, die der Vernunft widerstreitet, folge, so entsteht in mir ein Zwist mit mir selbst, eine Unruhe, ein Uebelsein, das ich nicht wegvernünfteln kann.« Darum müßte jeder aus uns zu sich sagen: daß mich die treue Befolgung der Vorschrift meines Gewissens ruhig, heiter, eins mit mir macht, habe ich erfahren, und erfahre es in diesem Augenblicke, wie könnte ich nun ein Bedenken tragen, dem Führer, der mich in das gelobte Land des Friedens eingeführt hat, Glauben beizumessen, daß es wahr und gut sei, was er fordert, und wahr und selig, was er verheißt, indem er ja Wort gehalten, und mich nach seiner Verheißung aus dem Meere von Unruhe, Kummer, Angst erlöst und in das Land der Ruhe gebracht hat.

IV. Daran wollen wir uns halten:

1. Es ist eine heilige Stimme in uns, die sagt: Das ist gut, das ist böse.

2. Diese Stimme ist Wort Gottes, Wille Gottes, Zeugnis Gottes, Gesetz Gottes, oder wie du's nennen magst, und wie immer es in uns gekommen sei.

3. Wenn wir dieser Stimme treu folgen, so werden wir gut, ruhig, froh, glücklich. Das aber ist die Hauptsache.

Diese Hauptsache will ich nun so vortragen, wie sie auf mich den stärksten Eindruck gemacht hat, und vielleicht auch auf andere machen wird.

 

Erster Grundsatz des Gewissens.

Es ist ein wesentlicher, ewiger, unwandelbarer Unterschied zwischen Sittlich-gut und Sittlich- bös. Das heißt, was sittlich-gut, ist nicht sittlich-gut, weil es dir nützt; nicht gut, weil es etwa der Menschenwahn für gut ausgibt, nicht gut, weil es etwa eine menschliche Gesetzgebung gebeut; nicht gut, weil es etwa belohnt wird, sondern es ist seiner Natur nach gut, unabänderlich gut, in sich gut.

So viel bleibt unangefochten: Unverkennbar und einzig ist der Charakter des Sittlichguten, den keine Vernunft ändern, und keine Unvernunft verdrängen kann. Das Sittlichgute flößt nicht nur Hochachtung ein, sondern gebeut sie mit einem besondern Nachdruck. Du mußt dich selbst verachten, wenn du Unrecht getan hast; mußt dich selbst verdammen, wenn du auch das Unrecht nicht außer dir vollbracht, sondern nur lieb hast. Zwar magst du von außen das Schild des Rechtes aushängen, magst Zeichen der Hochachtung von andern fordern und annehmen: aber wenn du dein Gewissen unparteiisch fragst, und seinen Ausspruch in dir vernehmen willst, so wirst du dich trotzdem selbst tadeln und verdammen müssen.

Dies ist also der unverkennbare Charakter des Guten, daß es einen eigenen, unwandelbaren Wert in sich selbst hat, und dem guten Menschen eine eigene, unwandelbare Würde gibt. Dies ist der unverkennbare Charakter des Bösen, daß es einen eigenen, unwandelbaren Unwert in sich hat, und dem Bösen ein eigenes, unwandelbares Schmach- und Schandmal aufdrückt. – Diese Ueberzeugung war es, die schon dem scharfsinnigen Tertullian das große Wort in die Feder diktierte: Die Natur hat alles Böse mit Scham und Furcht gebrandmarkt.

 

Zweiter Grundsatz des Gewissens.

So wie es einen inneren, unwandelbaren Unterschied zwischen Gut und Bös gibt, so ist auch in dem Menschen, oder (um eine Ausflucht abzuschneiden) in mir ein Sinn dessen, was unrecht, bös, tadelnswert, unedel ist. Ich sagte: in mir. Denn, was jeder in sich findet, davon mag jeder wohl am besten zeugen können. Was ich aber von mir bezeugen kann, das darf und muß ich von anderen, um der Analogie willen, glauben. Ich wiederhole also: Es ist im Menschen ein Sinn des Guten und des Bösen.

Wer diesen Sinn leugnet, leugnet die Würde seiner Natur. Wer ein gesundes Auge hat, zweifelt nicht daran; und wer töricht oder schalkhaft genug wäre, sich eine Binde darüber zu machen, um darzutun, daß er kein Auge hätte, der würde auch töricht oder schalkhaft genug sein, alle Beweise, daß er ein Auge habe, zu verlachen, oder zu meistern. So wenig du also einen Beweis fordern kannst, daß du wirklich ein körperliches Auge hast, weil du wirklich siehst und dir des Sehens bewußt bist: so wenig kannst du einen Beweis fordern, daß du ein Geistes-Auge für das Gute hast, weil du das Gute von dem Bösen wirklich unterscheidest, und dir des Unterscheidens bewußt bist. Für mich ist es also so gewiß, als etwas gewiß sein kann, und so viel als ein Glaubensartikel der gesunden Vernunft: »Es gibt in uns einen Sinn des Guten und Bösen« – eine Wahrheit an der man nicht zweifeln kann, oder wenn man es könnte, um ihrer Wichtigkeit willen nicht zweifeln darf.

Der Sinn des Guten und Bösen in uns, oder das Auge des Gewissens, kann feiner werden und stumpfer, wie jeder andere Sinn. Diesen Sinn redlich fragen, fleißig nachdenken über Inhalt; Wahrheit und Bedeutung seiner Antworten und ihnen treu folgen, macht ihn fein. Diesen Sinn nicht redlich fragen, oder über seine Antworten nicht redlich nachdenken, besonders aber, ihnen kühn entgegenhandeln, macht ihn stumpf. – Die Geschichte guter und böser Menschen ist im Grunde nichts anderes, als eine Geschichte von fortschreitender Verfeinerung und Abstumpfung des innersten Sinnes für das Gute und Böse. – Dieser Sinn des Guten kann gestärkt und geschwächt werden. Gestärkt wird er, wenn wir frühzeitig und praktisch angeleitet werden, die Aussprüche des Gewissens als Aussprüche der höchsten Heiligkeit, Weisheit und Macht zu erkennen, als solche zu respektieren und zu erfüllen. Denn in dieser Voraussetzung fließen alle Gefühle des Glaubens an Gott, der Verehrung gegen ihn, des Vertrauens auf ihn, der Freude an ihn, der Dankbarkeit und Liebe gegen ihn, mit der Achtung gegen den Ausspruch des Gewissens in eine Empfindung zusammen, und diese Eine zusammengesetzte Empfindung ist eben darum stärker, gebietender, als die einfache Achtung gegen den Ausspruch des Gewissens. Geschwächt wird dieser Sinn durch alles, was das Reich der Sinne und der regellosen Begierde in uns begünstigt und verstärkt. (Auch darüber soll nur die geheimste Hauserfahrung des Lesers entscheiden, oder vielmehr nicht entscheiden, sondern ihn nur an eine vergessene Wahrheit erinnern.)

Die Treue des menschlichen Willens gegen alles das, was dem unbestochenen Sinne für das Gute als gut einleuchtet, ist das, was uns in uns selbst gut, ruhig, eins mit uns, heiter, dauerhaft froh macht. Wieder eine Wahrheit, die die forschende Vernunft nach Belieben untersuchen, die Erfahrung jedem Einzelnen am kräftigsten beweisen und kein Jahrhundert ohne Schande bezweifeln kann. Gut-, Ruhig-, Einsmitsich-, Heiter-, Dauerhaftfrohwerden ist doch der Zweck alles, oder wenigstens des besten Strebens der menschlichen Natur. Froh wollen alle, gut die Weiseren werden. Gutsein ist also der würdigste Zweck der menschlichen Natur. Gutsein und durch Gutsein froh und selig werden, der ganze Zweck des edelsten Strebens der menschlichen Natur.

Gewissenstreue ist also das unentbehrlichste Mittel zum würdigsten Zweck der menschlichen Natur, und zum ganzen Zwecke, zum Gut- und Wohlsein des menschlichen Geistes; ist also in Hinsicht auf diesen Zweck, Hauptsache.

Wenn nun Gewissenstreue Hauptsache ist: so ist alle Aufklärung, die der Gewissenstreue entgegenarbeitet, eine Unordnung in dem Streben nach dem wahren Gut- und Wohlsein der Menschennatur. Denn Unordnung ist alles, was die gerade Richtung zum Zwecke hindert und verkehrt.

Wenn Gewissenstreue Hauptsache ist: so ist alle Spekulation, die sie wanken macht oder wenigstens zur Geringachtung derselben mithilft, eine Unordnung in dem Streben nach dem Gut- und Wohlsein der Menschennatur.

Wenn Gewissenstreue Hauptsache ist: so ist alle Erziehung der Kinder, die ihr entgegen, oder wenigstens ihr nicht in die Hände arbeitet, Unordnung in dem Streben nach dem Gut- und Wohlsein.

Wenn Gewissenstreue Hauptsache ist: so ist alles Wertschätzen der Ehren, Reichtümer, Weltgrößen, ja sogar aller, auch der vornehmsten Wissenschaften und Künste, alles Hasten und Jagen nach diesen Gütern, wenn es nicht von der Gewissenstreue gelenkt wird, oder wenigstens dieser Hauptsache untergeordnet ist, nicht von ihr Maß und Richtung zum Zwecke erhält – Unordnung in dem Streben nach dem Gut- und Wohlsein der menschlichen Natur.

»Wenn nun Heiden, die das Gesetz nicht empfingen, das, was das Gesetz vorschreibt, durch den Trieb der Natur vollbringen: so sind sie, ohne das Gesetz zu haben, schon sich selbst das Gesetz, und sie zeigen durch ihre Handlungen, daß das, was das Gesetz zu tun vorschreibt, ihnen schon in das Herz geschrieben sei; ihre innersten Gedanken sind gegen einander ihre Ankläger und Vertreter, und ihr Gewissen wird die Zeugenschaft führen.«

»Wenn das Licht, das in dir ist, Finsternis wird, wie groß wird dann die Finsternis sein?«

»Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, wird nicht im Finstern wandeln, sondern das Licht des Lebens haben.«

»Das ist das Gericht, daß das Licht in die Welt kam, und die Menschen die Finsternis lieber hatten als das Licht; denn ihre Werke waren böse. Wer Arges tut, der haßt das Licht, und kommt nicht zum Licht hervor, damit seine Werke nicht gestraft werden.«

»Nehmt ihm das Talent weg, und gebt es dem, der die zehn hat. Denn jedem, der schon hat, dem wird bis zum Ueberflusse gegeben werden.«

Drittes Kapitel. Von der Selbstverleugnung

 

A. Die Idee der Selbstverleugnung.

Sich selbst verleugnen heißt, sich gegen die Forderungen der Sinnlichkeit und jeder niederen Neigung, deren Erfüllung von den Aussprüchen der Vernunft nicht gebilligt wird, so verhalten, als wenn wir die Forderungen der Sinnlichkeit und jeder niederen Neigung nicht kennten, und nur die Aussprüche der Vernunft in uns vernähmen. Ich verleugne meinen Freund, wenn ich durch Wort oder Tat sage: Ich kenne ihn nicht. Ich verleugne mich selbst, wenn ich ungeachtet aller Gegenforderungen der Sinnlichkeit und jeder niederen Neigung, mich nur von der Vernunft leiten lasse, als wenn die Gegnerin gar keine Einwendungen zu machen hätte.

Dies ist so wahr, als wahr und klar ist:

1. daß in dem Menschen zweierlei, ein Niederes und ein Höheres ist, welches die Schule Sinnlichkeit und Vernunft, und unsere heiligen Schriften Fleisch und Geist nennen;

2. daß dieses Niedere und Höhere, diese zweierlei Kräfte, nach ihrem jetzigen Verhältnisse gegen einander eben zweierlei sind, die nicht einträchtig, nicht einstimmig befehlen, sondern einander in ihren Forderungen entgegen arbeiten;

3. daß das Niedere seiner Natur nach dem Höheren dienen und von ihm beherrscht werden soll, um nicht die Unordnung in einem nicht einheitlichen Wesen noch größer zu machen. Daß aber das Höhere über das Niedere nicht standhaft herrschen kann, ohne gegen das Niedere standhaft zu streiten, d. h., ohne Selbstverleugnung.

 

B. Die Notwendigkeit der Selbstverleugnung.

Wäre ich bloße Vernunft, reine Vernunft und rein-guter, heiliger Wille, wie Gott, so wäre ich keiner Selbstverleugnung bedürftig, und keiner fähig, – wäre reine Liebe des Guten, wäre gut, heilig von Natur.

Wäre ich bloß Tier, so wäre ich keiner Selbstverleugnung fähig und eben darum keiner bedürftig, wäre ohne Idee des Guten, wäre eben Sinn und Instinkt, und nichts weiter.

Wäre in mir die Unterordnung der Sinnlichkeit unter die Vernunft durch ein wohltätiges Naturgesetz, wie z. B. bei dem Feuer das Brennen, so fest gegründet, daß kein Uebergewicht jener über diese Platz fände, so wäre ich ebenfalls der Selbstverleugnung weder fähig, noch bedürftig, wäre gut, ohne Anlaß und Trieb zum Nichtgutsein, wie die lebendige Flamme vollkräftig zum Brennen ist.

Da ich mich aber weder im ersten, noch im zweiten, noch im dritten Zustande, sondern in einem vierten, befinde, nämlich in einem solchen, in dem die Herrschaft der Vernunft bloß eine erst gebotene, eine erst zu bewirkende Sache ist: und da ferner die Herrschaft der Vernunft nicht anders erhalten werden kann als durch Unterwerfung der Sinnlichkeit, und diese Unterwerfung die eigentliche Selbstverleugnung ist, so muß man die Selbstverleugnung als ein Gesetz unserer in sich uneinen jetzigen Natur gelten lassen. Ich sehe nicht, was man diesen Darlegungen mit Grund entgegensetzen kann.

Daß die Herrschaft der Vernunft ein Gebot der Vernunft sei, läßt sich aus dem bloßen Dasein der Vernunft abnehmen, und aus der Unmöglichkeit, ohne Herrschaft der Vernunft eine lautere Liebe und Achtung für das Gute, und Ruhe und Freude im Innern, auch nur zu denken.

Selbstverleugnung ist also, nach der Natur des Menschen zu urteilen, für uns vermischte Wesen das allernotwendigste, das »Organum organorum«, um das lautere Gut- und Wohlsein in uns zu gründen, und deshalb die Pflicht der Pflichten. Anmerkung. Diese Notwendigkeit der Selbstverleugnung leuchtete einen jedem Freund der Tugend nach dem Maße ein, als er wirklich ein Freund der Tugend war. Und ich rechne es unter die Vorzüge der älteren Philosophie vor einer gewissen neueren, die ich nicht nennen mag, daß jene immer mehr Selbstverleugnung predigte, und diese mehr Lebensgenuß.

Wird dieses »Organ aller Organe« fleißig gebraucht, so wird es durch den Gebrauch vollkommener; und vollkommene Selbstverleugnung ist Selbstverleugnung im edelsten Sinne, d. i. Widerstand der Vernunft gegen alle vernunftwidrigen Forderungen der Sinnlichkeit und gegen alles niedere Streben aus Achtung für die Gebote der Vernunft, als Aussprüche der höchsten Vernunft.

Viertes Kapitel. Vom Verlangen gut zu werden

Das Verlangen, gut zu werden, ist in Hinsicht auf das Gutwerden, was die Empfängnis in Hinsicht auf die Geburt des Menschen. Die Naturgeschichte hat kein Bild, das das Beginnen des Gutwerdens besser ausdrückte, als jenes, das von dem Werden des Menschen genommen ist. Auch weist schon die Natur eines Wesens, das Verstand und Willen hat, dahin, daß das Gutwerden von dem Willen, von der freitätigen Kraft, also vom Verlangen ausgehen muß.

Es ist übrigens hier die Frage nicht, was dem Verlangen gut zu werden, das nötige Leben geben könne. Denn man würde am Ende doch gestehen müssen, daß ein Mensch, sich selbst überlassen, aus sich allein das Gutsein sich so wenig geben kann, als er sich das Sein gegeben hat. Es kommt hier darauf an, daß der Mensch keinen Anlaß versäumt, den schon gefaßten Entschluß zu beleben und zu stärken. Und das ist es, was den Trägern spornen und den Schwachen beschämen muß, jenen, daß er sein Verlangen dem Vermögen gleichmache; diesen, weil sein Verlangen noch unter seinem Vermögen ist.

Es ist dies wirklich die tröstendste und unverfänglichste Lehre: Tun, was man kann, um gut zu werden und um es zu tun, es zuerst tun wollen.

Es ist dies die tröstendste Lehre: denn sobald wir uns das unparteiische Zeugnis geben können, daß wir in einem auch kleineren Zeitabschnitte getan haben, was wir konnten, um gut zu werden: so fühlen wir in uns etwas Ruhe, und diese Ruhe ist eine Probe, daß die Lehre wahr und tröstend, und ihre Befolgung Weisheit sei.

Es ist die unverfänglichste Lehre; denn, da kein Mensch das Kraftmaß des anderen so genau bestimmen kann, wie sein eigenes, da dieses Kraftmaß nicht nur in mehreren Menschen, sondern sogar in dem nämlichen Menschen ungleich ist; da die Wenigsten tun, was sie können, weil die Wenigsten wollen, was sie können, so läßt sich keine unzweideutigere Lehre denken, als diese:

Tun, was man kann, um gut zu werden, und um es zu tun, es zuerst tunwollen.

Wie aber die meisten Menschen das Geld, das sie in Händen haben, nicht recht gebrauchen, und zugleich immer mehr Geld in Händen haben möchten: so gebrauchen die meisten Menschen die Kraft, gut zu werden, die sie haben, nicht recht, und möchten doch zugleich immer mehr Kräfte haben. Sie wollen, was sie können, so läßt sich keine unzweideutigere was sie haben. Das ist eine Anklage, die wohl alle Menschen trifft, und nur wer rein ist, darf auch hier wieder den Stein aufheben und auf uns übrige werfen. Wer kennt z. B. unter uns nicht mehr Wahrheit, als er anwendet? Wessen Wille ist so lebendig zum Rechttun, als er sein könnte?

Es ist ein Fehler, wenn man den Menschen größer macht als er ist: aber der größte Fehler ist immer dieser, daß der Mensch nicht so groß sein will, als er wohl sein könnte. Denn wollte er es, so wäre er es auch. Und wenn das Verlangen gut zu werden, demütig sein muß, damit wir nur das wollen, was wir können: so muß es auch großmütig sein, damit wir all das wollen, was wir können, um gut zu werden.

Wahrhaftig es kommt hierin nicht auf Spekulation, die übrigens aller Ehren wert sein mag, es kommt auf das Wollen an, und dieses Wollen folgt der vorangehenden Spekulation nicht so leicht, als etwa die Eisenfeilspähne dem Magnet; wie einem jeden von uns seine eigene Erfahrung und die Natur der Sache dartun kann. Denn es ist zwischen Spekulation, die nur den Gipfel des besseren Landes sehen mag, und zwischen dem Wollen, das den trägen Fuß aufhebt, und über Dörner hinläuft, um das bessere Land zu erreichen, eine große, große Kluft. Wie immer aber diese Kluft ausgefüllt werden mag, so oder anders, das liegt klar am Tag: auf ernstes Wollen, auf großmütiges Verlangen kann nie zu sehr gedrungen werden; zumal wir in allen übrigen Bemühungen wahrnehmen, daß das Wollen Felsen sprenge, Berge abtrage, und zum Ziele durchbreche. Wer sich also prüfen will, der prüfe sein Verlangen, gut zu werden, und wer gut werden will, der lasse keinen Anlaß ungenützt vorbei, dies Wollen zu beleben und zu stärken.

»Selig, die es nach der Gerechtigkeit hungert und dürstet denn sie werden gesättigt werden.

Ringt, daß ihr durch die enge Pforte hindurch kommt. Die mit Gewalt ins Himmelreich eindringen, die reißen es an sich.

Ist's euch unbekannt, daß obgleich in der Laufbahn alle laufen, dennoch nur einer das Kleinod erhält? Laufet demnach so, daß ihr es ergreifet. Jeder, der auf dem Kampfplatze ringt, enthält sich aller anderen Dinge, und dies wegen eines verwelklichen Kranzes; auf uns wartet ein unverwelklicher.

Kämpfe den guten Kampf des Glaubens.

Ein Kämpfer wird nicht gekrönt, wenn er nicht vorschriftsmäßig gekämpft hat.«

Alle diese Bilder, »nach Gerechtigkeit hungrig und durstig sein, sich durch die enge Pforte durchdrängen, die Burg des Himmels mit Gewalt einnehmen, wie im Wettlauf danach ringen, wie auf dem Kampfplatze kämpfen,« – malen das ernste, großmütige, unbezwingliche Verlangen, gut zu werden; sie malen aber nur dies Verlangen, geben können sie es nicht.

Fünftes Kapitel. Vom Werte der Diät, besonders im Anfange des Gutwerdens

Was die Arzneikunde als ein Mittel zur Befestigung und Erhaltung der körperlichen Gesundheit gebeut, das empfiehlt die Moral als eine Bedingung, ohne die die Gesundheit des Geistes nicht wohl bestehen kann.

Sich an eine etwas strengere Diät halten, dem Gaumen versagen können, was mehr zum Vergnügen, als zur Erhaltung der Gesundheit dient, wird bald über, bald unter seinem wahren Werte geschätzt.

Diese Enthaltsamkeit aus Tugend ist zwar nur Enthaltsamkeit von Speise und Trank, ist aber doch Enthaltsamkeit, und Enthaltsamkeit aus einer Absicht, deren sich die Tugend nicht zu schämen hat.

1. Sie ist Enthaltsamkeit, und, insofern es leichter ist den Sinnen gehorsamen als ihnen widerstehen, eine Uebung im Widerstreite gegen die Sinnlichkeit; hat also einen Wert von dem Widerstande, den man sich gebieten muß, um enthaltsam zu sein und sein zu können; hat den Wert der Selbstbeherrschung.

2. Sie ist nur Enthaltsamkeit vom unnötigen Essen und Trinken, also noch nicht von dem Reizendsten, was die Sinnlichkeit hat. Allein wer sich das Minderreizende nicht versagen kann, wie wird er sich das Reizendere versagen können? Wer sich aber in geringeren Kämpfen übt, der bereitet sich zu schweren. Es hat also die Enthaltsamkeit von unnötigem Essen und Trinken einen Wert als Vorübung und Vorbereitung zur Selbstbeherrschung bei Anlässen, die mehr Reize für die Sinnlichkeit mit sich bringen.

3. Es ist überdies zwischen Enthaltsamkeit und Keuschheit ein wesentlicher Zusammenhang, den kein Philosoph übersehen kann, ohne die gröbste Unwissenheit in seinem eigenen Hause zu verraten. Man kann mäßig in Speise und Trank sein, ohne keusch zu sein; aber keusch sein und unmäßig sein in Speise und Trank, das ist ein Widerspruch. Es ist schwer, ein brennendes Feuer zu dämpfen, aber es ist ganz unmöglich, es zu dämpfen, wenn man zu gleicher Zeit ihm neue Nahrung zuführt. Und nicht nur ist Mäßigkeit in Speise und Trank überhaupt notwendig als eine Bedingung, ohne die sich der Geschlechtstrieb nicht beherrschen läßt. Die Mäßigkeit, die die Liebe zur Keuschheit gebeut, ist auch weit höherer Ordnung, als die gerade die Gesundheitsliebe fordert. Es kann der Keuschheit gefährlich werden, was es der Gesundheit gerade nicht ist. Es erhält also die Enthaltsamkeit von Speise und Trank einen neuen Wert von ihrem Zusammenhange mit der Ordnung des Geschlechtstriebes, ohne die kein Gutsein gedacht sein kann und von dem Werte dieser schönen Tugend, des keuschen lautern Sinnes, von dem sie geboten wird.

4. Endlich wird der Geist desto fähiger, übersinnliche Gegenstände zu verfolgen, je weniger ihn der Körper drückt, und der Körper drückt weniger, wenn er von Speise und Trank nicht beladen ist. Je mehr aber der Körper der Speise dient, desto tiefer sinkt der Geist in die Gesellschaft der Tiere hinunter, und verliert nach und nach den Sinn für sein Element.

Was nun den Geist in kleinen Kämpfen übt, und zu größeren stärkt, vorübt, was ihn des keuschen Sinnes fähig, und zu geistigen Arbeiten tüchtig macht – eben die Enthaltsamkeit von unnötigem Essen und Trinken – sollte sich damit von selbst empfehlen.

Sie empfiehlt sich auch selbst. Aber Freunde findet sie wenig, und doch haben wir es so gerne, daß man uns mäßig nennt. Auch wähnt jeder, der nicht besonders unmäßig ist, er sei mäßig genug, weil er etwa noch Unmäßigere kennt, als er sein mag. Zudem täuschen sich die meisten mit dem Wahn, es sei so leicht, mäßig zu sein, und vor lauter Aberglauben an diese Leichtfertigkeit machen sie nie eine Probe an sich. Es mag auch nicht schwer sein, gegen einen Götzen kalt zu bleiben, wenn man einem anderen mit Wärme dient. Aber gar keinen Götzen dienen – das ist die Aufgabe an den menschlichen Willen, mit der er nicht so leicht fertig wird. Freunde! laßt uns treu im Kleinen sein, um es einst im Großen auch zu sein.

»Viele leben als Feinde des Kreuzes Christi, von welchen ich oft zu euch redete, und jetzt zu euch mit weinenden Augen schreibe: ihr Ende ist der Untergang, ihr Gott der Bauch.

Berauschet euch nicht mit Wein, aus welchem Unkeuschheit quillt, sondern werdet voll des heiligen Geistes.

Ihr mögt essen oder trinken, oder was immer tun, tut alles zur Ehre Gottes.

Lasset uns ehrbar wandeln, wie am hellen Tage, nicht in Schwelgerei und Trunkenheit, nicht in den Gemächern der Wollust und Buhlschaft, ohne Zank und Neid. Ja, ziehet den Herrn Jesum Christum an.«

Sechstes Kapitel. Vom Werte des Umganges mit guten Menschen

Es ist schwer an die Tugend zu glauben, bis man einen Tugendhaften gesehen hat. Man glaubt gar oft bloß an das Wort, und nicht an die Sache »Tugend« und wie im Traume hält man den Schein für das Sein. Aus jenem Glauben und aus diesem Traume hilft uns der Umgang mit einem guten Manne heraus.

Es ist nicht so leicht, einen guten Mann zu finden, noch schwerer, mit ihm vertraut zu werden, das Schwerste, im Umgang mit ihm auszuhalten.

Denn sieh! Er trägt sich nicht zur Schau, und will nicht anders scheinen, als er ist; läuft nicht Fremden nach und hat keine Freude daran, daß Fremde ihm nachlaufen; sucht kein Lob, und teilt keines verschwenderisch aus; nimmt keine Schmeicheleien an, und gibt keine zurück; redet mehr durch Gebärde und Tat, als Worte; hat ein wichtigeres Tagewerk, als durch schöne Sprüche zu täuschen und sich täuschen zu lassen; wohnt gern in sich und dringt überall auf die Hauptsache, die Selbstbesserung; kann froh sein mit Frohen und trauern mit Trauernden, will aber nicht dafür angesehen sein, daß er es sei, der die Menschen lieb hat; kennt etwas Besseres als gewöhnliche Gelehrsamkeit, und traut dem Winde nicht, liebt die Wahrheit über alles, glaubt aber nicht, daß er oder ein anderer sie in Pacht habe; tut Gutes ohne Geräusch, und kümmert sich nicht viel um die Urteile der Zeitungen über ihn und andere; wirbt nicht und läßt sich nicht werben zu Parteien; tut den Mund nicht auf und nicht zu mit dem glänzenden Haufen; glaubt nicht leicht was die Journale von Verbesserung der Menschen sagen, weil er weiß, wie viel es kostet, gut zu sein; wandelt für sich auf dem schmalen Pfade, und kann es leiden, daß seine Brüder auf der Heerstraße seiner spotten; beut seine Hand dem Irrenden, prüft aber den Mann, ehe er zu ihm sagt: »Teurer«, und noch mehr, ehe er ihn »Freund« nennt; weiß, daß die meisten Menschen nicht wissen, was sie wollen, traut also auch den gut scheinenden Projekten nicht; baut mit ganzer Seele auf Gott, aber denkt gering von sich und hält keine Wachsamkeit über sich für überflüssig, arbeitet daran, sich und die sich durch ihn retten oder wenigstens warnen lassen, unantastbar von der Pest der Eigenliebe und des Hochmutes und der Anhänglichkeit an alle die niederen Güter und alle die Torheiten, die für Weisheit gehalten werden, und wahrhaft frei von der Herrschaft des Lasters zu machen; hält die Pflichten seines Kreises heilig, glaubt aber, daß das Heiligste, das rechte Reich im Inneren des Menschen sei; haßt übrigens alles Sonderbare, und hat kein graues Haar deswegen, weil ihn die Welt mißkennt, oder vergißt, oder gar für tot hält.

Ein solcher Mann drängt sich nicht auf, und läßt sich durch keinen Wetterhahn fixieren. Wer aber einen solchen Mann gefunden hat, und um ihn und bei ihm sein kann, und gut werden will, der hat eine Perle gefunden.

Es wird ihm bei dem Anblicke des Guten ein Licht aufgehen, was es heißt, gut sein, und die schöne Gestalt der Tugend wird sein Herz rühren, daß es Mut empfängt, ihren Besitz sich zu wünschen und darnach zu streben. Das Bessere, das er an seinem Vorbilde sieht, wird sein Schlechteres aufdecken und strafen. Um dieses strafenden Eindruckes loszuwerden, wird er sich auch gebieten lernen, und zuerst das Gute aus Liebe zu seinem Freund nachahmen, um es dann um des Guten willen lieben zu lernen.

Es ist aber nicht bloß die Kraft des Beispiels, durch die ein guter Mann auf uns wirkt; auch nicht allein die Kraft der Belehrung, die sein Reden und sein Schweigen, sein Leiden und sein Tun auf unseren Verstand ausübt: es ist vorzüglich die praktische Darstellung, daß die Tugend kein leeres Wort, und daß sie die Quelle des Mutes und die Wurzel der Freude sei. Die sichtbare Probe von der Wahrheit und Seligkeit des Gutseins am Beispiele des Guten ist es eigentlich, was auf uns wirkt, und die Kräfte zum Guten spornt.

Beim Anblicke eines wahrhaft guten Mannes schwindet vor unseren Augen die Kluft zwischen Sollen und Wollen, zwischen Wollen und Tun, zwischen Tun und Sein, zwischen Sein und Schein. Er tut, was er will, und will, was er soll, und ist, was er scheint, und noch mehr, als er scheinen kann. Sein Aeußeres ist das Bild seines Inneren, und sein Inneres ist beseelt von der Liebe und Hochachtung gegen die Urquelle alles Guten.

Zu einem solchen Manne in die Schule gehen, und ihm nicht aus der Schule laufen, bis sich die Idee des Guten in uns nach- und ausgebildet hat, bringt dir, lieber Jüngling! (denn dich und dein Los habe ich vor Augen,) mehr Vorteile ein, als wenn du die Welt umsegeltest, so vorteilhaft in anderer Hinsicht dies letztere immer sein mag. – Wer in seinem Leben zwei gute Menschen kennen und im Umgange mit ihnen nicht mehr gelernt hätte, als ihm Büchersaal und Akademie lehren können, für den ist die Tugend nicht, und er nicht für sie.

Wenn du aber in deinem Kreise keinen guten Mann findest? – So wärme dich an dem Beispiele derer, die ehemals gelebt haben. Suche ein Vertrauter des Paulus, Johannes, Nathanaels, Daniels oder anderer guter, heiliger Menschen zu werden, deren glaubwürdige Lebensbeschreibungen auf uns gekommen sind.

Siebtes Kapitel. Vom Werte der Lektüre guter Bücher

Wenn der Anblick eines guten Menschen den Sinn eines guten Buches aufschließt und den erlöschenden Eindruck des guten Menschen der Genius eines guten Buches wieder auffrischt: so helfen der Umgang mit Lebenden und der Umgang mit Toten brüderlich zusammen. Es ist aber nicht das Lesen, es ist das Vertrautsein mit dem Geiste des Buches, was uns stärken und heben kann; und wie man viele Bekannte und wenige Freunde hat, so mag es viele Bücher geben, die wir lesen können, und nur wenige, die es wert sind, unsere Vertraute zu werden.

Es sind auch vermutlich bei der ungeheuren Büchermenge nicht so gar viele Bücher, die von reinen Geistern geschrieben worden: darum sind es auch nicht viele, die den Sinn für reines Gutsein wecken und nähren. Denn es flossen offenbar nicht alle Bücher ihren Verfassern aus dem Herzen, und unter denen, die ein Abdruck ihres Herzens sind, die wenigsten aus lauterem Herzen. Darum bleiben viele ehrliche Leser, bei allem Eifer, zu lesen, sich gleich, wenige werden durch das Lesen besser, nicht wenige schlimmer.

Es läßt sich nicht beschreiben, kaum glauben, wie sehr der befleckte Sinn des Schriftstellers alles, was er schreibt, befleckt, und auch den Leser, der sich ihm überläßt. Die Ausdünstungen aus einem sumpfigen Boden sind ungesund, und es ist eine Gesundheitsregel, sich davor zu hüten: aber die Ausflüsse eines unlauteren Geistes in Worten und Schriften sind ungleich schädlicher und ansteckender. Und es gibt vielleicht kein unzweideutigeres Mittel, den Menschen zu mißbilden, als ihn ohne Wehr und Waffen (ohne Rat und Leitung) dem wilden Lesen zu überantworten.

Wenn nun ein Buch aus gutem lauteren Sinn geschrieben, und ein Buch, mit dem wir vertraut geworden sind, die Liebe zum Guten in uns wecken und nähren kann; wenn es im Grunde nicht so viele Bücher gibt, die von reinen Geistern geschrieben sind; wenn der unreine Sinn des Schriftstellers den Leser, der sich ihm überläßt, verunreinigt: so wird der, welcher gut werden will, es mit den Büchern halten, wie mit der Freundschaft. Er wird wählen, und um recht zu wählen, prüfen, und um recht zu prüfen, den Wink eines guten Mannes um Rat fragen; wird mit keinem unwürdigen Buche sich einlassen; wird mit den wenigen, die zum Guten treiben, immer vertrauter zu werden streben; wird lesen, um gut zu werden; wird sich von der erkannten und geliebten Wahrheit in Besitz nehmen lassen, und seinen Lesefleiß nicht nach der Zahl der Bücher, sondern nach den reifen Früchten des Lesens schätzen. – Den guten Mann kennst du an seinem liebsten Buche und an der Art, wie er liest.

Und Menschen, die sichs viel kosten lassen, um gut zu werden, versichern, daß kein Buch mächtiger auf den Keim des Guten, den sie in sich haben, wirke, als das Neue Testament. Ihr, liebe Freunde, werdet nicht eigensinnig genug sein, um an der Ehrlichkeit dieser Versicherung zu zweifeln, und nicht zu träge, um an euch selbst den Versuch zu machen, ob der Inhalt dieser Versicherung wahr ist.

Achtes Kapitel. Vom Werte der Naturbetrachtung

Es gibt mancherlei Betrachtungen der Natur, die uns zum Guten treiben, und wahr sind.

Man kann die Natur ansehen als Arbeitshaus, in dem die Kräfte der Menschen auf mancherlei Weise geübt, und Speise, Trank, Kleidung bereitet werden; oder als reiche Vorratskammer, darin der große Hausvater seinen Kindern Nahrung aufbehält; als Erziehungschule, darin Sterbliche zur Unsterblichkeit gebildet werden, Böse gezüchtigt, Gute geprüft werden; als Offenbarung der unsichtbaren Gottheit, die wir in ihren Werken wahrnehmen können; als Schauplatz der Vorsehung, die Königreiche gibt und nimmt, und Menschen durch Menschen leitet; als ein Saatfeld, auf dem Weizen und Unkraut der Ernte entgegenreifen, die die große Scheidung des Guten und des Bösen und die erwartete Allvollendung bringen wird; als Bildersaal, in dem sich für unsere sittlichen und religiösen Betrachtungen passende Bilder finden, wie denn überhaupt das Aeußere als ein Bild des Inneren, das Sichtbare als ein Symbol des Unsichtbaren angesehen werden kann; endlich könnte man die Natur einem Lustgarten vergleichen mit vielen Dörnern und Irrgängen, die uns als unentbehrliche Stacheln des Fleißes und der Wachsamkeit darauf hinweisen, daß wir nicht eher das Recht haben, lustzuwandeln, als bis wir gearbeitet und uns der Freude würdig gemacht haben.

Einige Weltweise stoßen sich daran, daß andere die Erde als ein Jammertal ansehen. Allein auf Worte kommt es nicht an, der Jammer ist da, und keine Weltweisheit und keine Wissenschaft hat ihn verhindern können. Dies ist die Sache, das Wort kann man preisgeben. Es kommt ja auch nicht mehr Gutes in diese Welt, wenn du sie ein Eden nennst; der Traum ist bald dahin, und Herzeleid läßt sich durch kein schönes Wort wegschaffen.

Wie du aber die Natur auch immer ansehen magst, das Ansehen ist nicht Zweck; es muß eine Empfindung des Dankes gegen das allerbeste Wesen, ein Sehnen nach dem Besseren, ein Gefühl der Unsterblichkeit, und nicht bloß ein Gefühl, es muß ein Sinn, eine Gesinnung, etwas Bleibendes, eine anhaltende Vorliebe für das Bessere, eine gebietende Hochachtung für Gott und sein heiliges Gesetz daraus werden, wenn du selbst gut werden sollst.

»Sehet dort die Vögel in der Luft! sie säen nicht, ernten nicht, und sammeln nicht in die Scheunen, und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Seid ihr denn nicht mehr wert als sie? Sehet da die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen! und doch arbeiten und spinnen sie nicht. Und dennoch sage ich euch: Salomo in all seiner Herrlichkeit war nicht so gut gekleidet, als eine aus ihnen. Wenn nun Gott das Gras auf dem Felde, das heute grünt und morgen in den Dörrofen geworfen wird, so kleidet: wie viel mehr wird ers euch tun, ihr Kleingläubigen!«

Hierher gehören alle Gleichnisse des Evangeliums, deren Stoff aus der Natur genommen ist, besonders die im 13. Kapitel bei Matthäus.

Neuntes Kapitel. Vom hohen sittlichen Werte des Gebetes

Das Gebet, auch wenn man es nicht gleich als Erhörungsmittel betrachtet, trägt viel dazu bei, das Uebergewicht der Sinnlichkeit über die Vernunft zu schwächen.

1. Das Gebet, ein Ausguß des Herzens vor Gott, oder wenn diese Sprache zu sinnlich ist, die Summe von Empfindungen, die der vertraute Gedanke an Gott in einer nach dem Guten ringenden Seele erzeugen kann, übt, als Aufblick des Geistes zu Gott, die Aufmerksamkeit in Festhaltung übersinnlicher Gegenstände, wodurch die Anhänglichkeit an sinnliche geschwächt wird. Ein Vorzug, der dem Menschen vor allen Erdgeschöpfen eigen ist: er kann sich über die Sinnlichkeit, über die Gegenwart, erschwingen und zu Gott erheben!

Eben deshalb ist auch das Gebet die würdigste Uebung des menschlichen Geistes und setzt in einem höheren Grade von Vollkommenheit unzählige Uebungen desselben Geistes voraus. So kann man zwei widersprechende Meinungen vom Gebete gar leicht vereinigen. Wer sagt: das Beten sei eine leichte Sache, hat recht, wenn er jeden leichteren Gedanken an Gott, und jede leichtere Empfindung der Freude an ihm usw. Gebet nennt. Und wer sagt: das Beten sei eine schwere Sache, hat recht, wenn er anhaltende, nur mühsam erkämpfbare Erhebung des menschlichen Geistes über die reizende Sinnlichkeit zum übersinnlichen Gott, Gebet nennt.

Hierher gehört, dem nicht wohl widersprochen werden kann: das Gebet hilft die Herrschaft der Aufmerksamkeit auf übersinnliche Gegenstände gründen. Mit der Herrschaft der Aufmerksamkeit aber wächst die Würde eines denkenden Wesens. Je unbefangener die Aufmerksamkeit in Verfolgung würdiger Gegenstände, desto würdiger der Mensch!

2. Das Gebet als gebietendes Wohlgefallen an einem reinen Verstande, der alle Wahrheiten klar erkennt, ermuntert zum edlen Eifer, die Dinge nicht nach den Eindrücken auf unsere Sinne, nicht nach dem Angenehmen oder Unangenehmen, das mit diesen Eindrücken verknüpft ist, sondern nach dem, was sie in Beziehung auf unser wahres Gut- und Wohlsein, nach ihrem inneren Werte sind, nach der Wahrheit zu schätzen: und diese Schätzung der sinnlichen Dinge nach ihrem inneren Werte müßte die Zauberkraft, mit der dieselben so oft die Herrschaft der Vernunft zu Schanden machen, vermindern helfen. Ein schöner Vorteil des Gebetes: es ist ein Verstand, der alle Dinge nach ihrem Sein würdigt, diesem Verstande will ich mich nach allem meinem Vermögen nähern im Urteil von dem Werte der Dinge. Wäre dieser Vorsatz in irgend einem Menschen herrschend, er würde dem Reiche der Sinne großen Abbruch tun und das Reich der Vernunft kräftig unterstützen.

3. Das Gebet als gebietende Freude an einem Willen, der nur Güte ist, und alles Gute liebt, ermuntert zur schönen Nachahmung des Besten, zum großmütigen Streben, auch gut und gütig zu werden, wie der göttliche Wille ist. Und wenn das Gebet keine anderen Vorteile hätte, als daß es diesen edlen Wetteifer, dieses kühne Verlangen, Gott ähnlich zu werden, in der menschlichen Natur weckte: wer sollte es nicht empfehlen?

4. Das Gebet als gebietendes Gefühl der Hochachtung des Höchsten, das dem Einen vor allen übrigen Dingen den Vorzug gibt, als Wonnegefühl an der erkannten Unabhängigkeit und Allgenügsamkeit Gottes, vereint mit dem innigen Gefühl unserer Dürftigkeit und Abhängigkeit, d. h. das Gebet als Anbetung Gottes, erhebt den Menschen über die ganze Natur und über sein Selbst, daß er, von der Majestät des Allerhöchsten ergriffen, und, gleichsam in die Einheit versenkt, das Mannigfaltige aus dem Sinne verlieren, und neue Kräfte zur Besiegung der Sinnlichkeit gewinnen kann.

5. Das Gebet als ein Gefühl des Erhabenen, wenn wir die unermeßliche Heiligkeit, die unausdenkliche Weisheit, die unbegreifliche Allmacht, die unerforschliche Allvollkommenheit in einem Wesen vereint denken, diese schauerähnliche Empfindung, als eine Fortsetzung oder höhere Stufe der Anbetung, stärkt noch mehr den Sinn für das Unvergängliche und legt ein neues Gewicht auf die Schale der Vernunft gegenüber der Schale der Sinnlichkeit, indem sie die Idee von Gott tiefer in unser Inneres prägt, und ihr mehr Wirksamkeit auf den Willen verschafft.

6. Das Gebet als gebietendes Gefühl des Dankes, als Anerkennung, daß alles Gute, (das wir sind, kennen, lieben, genießen, tun, fördern) Gabe Gottes ist, und als Freude daran, stärkt den Geist des Menschen zum besseren Gebrauch aller empfangenen Kräfte, Gutes zu tun, und zum reineren Genusse alles Guten, der durch einen Blick auf den Geber zu einer religiösen Handlung geweiht wird. Jener bessere Gebrauch und dieser reinere Genuß fördert offenbar die Bändigung der wilden Sinnlichkeit, die nur genießen will, und zwar nur um zu genießen.

7. Das Gebet als Gefühl des Dankes, als Anerkennung, daß alles Gute, (das auch Andere sind, haben, lieben, genießen, tun, fördern) Gottes Gabe ist, und als Freude daran, erweitert das Herz des Menschen zu einer allgemeinen Liebe der Menschen, indem alles Dasein als Wohltat Gottes angesehen wird; und erhöht diese Liebe, indem alle Menschen als Kinder eines Vaters in einer neuen Liebenswürdigkeit erscheinen. Es gibt uns Kraft auch zur Liebe jener Menschen, die uns Böses getan haben, indem auch diesen der Vorzug, Gottes Kinder zu sein, einen Anspruch auf unsere Hochachtung und die Liebe verschafft. Je allgemeiner aber, höher, kräftiger die Triebe der Menschenliebe sind, desto schwächer werden die Triebe der bloßen sinnlichen Liebe, die ihrer Natur nach engkreisig und parteiisch ist.

8. Das Gebet, als stiller, trostreicher, zufriedener Sinn im Glauben an die Leitung eines gütigen, weisen, mächtigen Regenten, nimmt dem Unangenehmen und Drückenden, dem unser Hiersein hingegeben ist, gar oft etwas von seiner Kraft, unsere ganze Aufmerksamkeit an sich zu reißen und die Ausübung unserer Pflichten zu erschweren. Zwei Väter, deren jedem sein einziger Sohn in der Blüte der Jahre dahinstirbt, mögen dies gleiche Leiden mit ungleichem Mute tragen. Wer beten kann, das heißt hier, wer sich durch Gebet in der Unterwerfung seines Willens unter alle Fügungen des göttlichen auf der Basis jeden Trostes gegründet hat, wird den Schlag leichter aushalten als jener, der sich von jedem Stoße von außen hat meistern lassen.

9. Das Gebet als stummes Sehnen nach besseren Welten, treibt den Geist des Menschen, der in den vorübereilenden Gestalten außer sich keine Ruhe finden kann, immer tiefer in sich hinein und nötigt ihn, in sich ein Reich zu suchen, nachdem er es außer sich umsonst gesucht hat. Diese Nötigung ist sehr wohltätig in Hinsicht auf unser rechtes Gut- und Wohlsein, und trägt dazu bei, die Rechte der Vernunft geltend zu machen. Sie kann bestimmter sprechen und findet leichter Gehör.

10. Das Gebet als Selbstanklage und als banges, peinvolles Sehnen nach Vergebung des erkannten Unrechtes, begründet einen männlichen Haß gegen das erkannte Unrecht und stärkt gegen neue Reize dazu.

Wir mögen also das Gebet betrachten wie wir wollen, entweder als Richtung und Erhebung unserer Aufmerksamkeit zu einem übersinnlichen Gegenstande, oder als Freude an einem Verstande, der alles Wahre erkennt, wie es ist, oder als Wohlgefallen an einem rein guten Willen, der alles Gute lieb hat, oder als Gefühl der Anbetung ob eines unabhängigen, unerforschlichen Wesens, oder als Dank gegen die höchste Liebe, oder als stillen, zufriedenen Sinn im Glauben an die Leitung eines gütigen, weisen, mächtigen Regenten, oder als stummes, namenloses, unerklärliches Sehnen nach besseren Welten, nach Vergebung des erkannten Unrechtes usw.: es hat immer Einfluß auf Unterwerfung der Sinnlichkeit unter die Gebote der Vernunft.

»Es kommt die Zeit, und sie ist schon wirklich zugegen, da die wahren Anbeter den Vater im Geiste und in der Wahrheit anbeten werden. Und dies sind die rechten Anbeter, die der Vater haben will. Denn Gott ist ein Geist, und die Ihn anbeten, mühsam Ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten.«

Zehntes Kapitel. Vom Werte des vertrauten Umganges mit Gott

Der Gedanke an Gott ist zunächst Pflicht für alle Wesen, die eine Idee von diesem Wesen in sich haben. Denn der Gedanke an Gott als das höchste Gut in sich und für uns, als das heiligste, seligste und gütigste Wesen, ist an sich der erhabenste, stärkendste, erfreulichste aller Gedanken, deren denkende Wesen fähig sind. Er muß also Pflicht sein für alle, die die Idee von Gott in sich tragen, man mag diese Pflicht von der inneren Schönheit der Handlung oder von den Folgen derselben, oder vom Willen Gottes, oder wo immer herleiten.

Der Gedanke an Gott ist ferner ein Ideal für den Verstand, das wir ohne großen Nachteil nicht außer Acht lassen können, ein Regulativ, wie wir alle übrigen Pflichten auf das Vollkommenste erfüllen können und sollen. Denn der Gedanke an Gott ist der Gedanke an ein Wesen, das die Heiligkeit und Liebe, die Allmacht und Weisheit selbst ist: also ist der Gedanke an Gott ein Gedanke an das vollkommenste Muster der heiligsten, weisesten, tätigen Liebe. Nun liegt in unserer Natur 1. die Fähigkeit, daß wir ein lebendiges Bild Gottes und seiner reinen, weisen, tätigen Liebe werden können; 2. der Nachahmungstrieb, daß wir es, wenigstens zu edleren Zeiten, sein wollen; 3. die Bestimmung, daß wir es sein sollen. Es muß also für uns höchst wichtig sein, das schönste Ideal unserer sittlichen Vollkommenheit nicht aus dem Auge zu lassen. – O Menschen, erniedriget euch nicht selbst! Tragt nicht das Bild des Tieres, das Futter sucht, und verdaut, und stirbt, wo ihr das Bild Gottes und seiner Güte tragen könnt! – Wißt ihr etwas Besseres, als euch hier geraten wird: so sagt es mir, eurem Mitgeschöpfe, und behaltet das Geheimnis nicht für euch selbst. Wißt ihr aber nichts Besseres, so verzeihet euerem Mitgeschöpfe diese redliche Bitte: Menschen, werdet groß, denn ihr könnt es! Werdet groß, denn noch sind wirs nicht!

Der Gedanke an Gott ist weiterhin für den Verstand des Menschen das einzige Mittel, allen seinen Gedanken von der Natur, vom Menschengeschlechte, von Geburt und Sterblichkeit, von Kunst und Wissenschaft, von Schicksalen und Revolutionen, von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, unter sich Einheit und Harmonie zu verschaffen, also der eigentliche Mittelpunkt, von dem Ordnung und Harmonie in alle übrigen Gedanken ausfließt. Ohne den Gedanken an Gott ist mir die ganze Natur, das ganze Geschlecht der Menschen, und ich mir selbst, auch selbst die Idee des Guten, und das Gewissen in mir, ein ewig unauflösliches Rätsel; ohne Gedanken an Gott ist mir das Weltall eine Chiffre, dazu ich den Schlüssel nicht finden kann. Jenes Rätsel und diese Chiffre lösen sich in dem Maße auf, in welchem der Gedanke an Gott Klarheit und Leben gewinnt. Wenn nun aber der Gedanke an Gott allen unseren übrigen Vorstellungen Einheit und Harmonie verschafft: so muß er auch dem Gedanken an unsere Pflichten Einheit und Harmonie verschaffen können. Er verschafft sie auch. Denn unter seinem Einfluß werden alle Pflichten, die Pflichten gegen uns selbst oder Pflichten gegen unsere Mitmenschen genannt werden, Pflichten gegen Gott, der das Menschengeschlecht schuf und dein Gutsein mit dem Gutsein anderer Menschen, und das gemeinsame Gutsein mit der gemeinsamen Seligkeit des Menschengeschlechtes wunderbar verflochten hat.

Der Gedanke an Gott ist das Siegel unserer Würde, unserer Erhabenheit über die körperliche und tierische Natur, und als solcher ehrwürdig allen Geistern. Es haben sich einige sogenannte Philosophen dadurch zu Gegenständen des Mitleids herabgewürdigt, daß sie am Menschen weiter nichts als das Tier gelten lassen wollten. Sie würden sich mehr Ansehen verschafft haben, wenn sie einem einzigen Tiere Ideen von Gott eingepfropft hätten, oder in ihm Spuren dieser Idee hätten aufweisen können. Da sie nun aber keines aus beiden bis auf diese Stunde bewirken konnten, so sprechen sie durch diese auffallende Ohnmacht selbst das Urteil über ihre unglückliche Traumgestalt von der Natur des Menschen.

Der Gedanke an Gott erhebt sodann in uns alle Aussprüche des Gewissens zu Aussprüchen, Offenbarungen, Gesetzgebungen Gottes in uns, und verschafft ihnen eben dadurch ihre Autorität, Stärke gegen die Eingebungen der Eigenliebe, neues Leben gegen die Anfälle der Sinnlichkeit und neue Festigkeit gegenüber den Zweifeln der Sophistik. Denn nun sehe ich nicht bloß was ich tun soll, sondern ich glaube, daß die Gesetzgebung, unter der ich stehe, die Gesetzgebung des allsehenden Verstandes, der reinsten Heiligkeit, des heiligsten Wohlwollens, der unbestechlichsten Gerechtigkeit und der unwiderstehlichsten Allmacht ist. Diese höhere Idee von der Gesetzgebung beruhigt den Verstand, dem es zum Bedürfnisse geworden ist, überall zur ersten Ursache aufzusteigen. Zudem gibt es eine unzählige Menge Menschen, die, noch unfähig, von der inneren Schönheit der Handlungen und der Liebenswürdigkeit Gottes gerührt zu werden, des Zaumes, der Geißel und der Verheißung bedürfen, um in sich die gebietende Lust zum Bösen zu unterdrücken. Und obgleich der Heilige stets mehr auf Pflicht als Belohnung sieht, so kann dennoch auch der Heilige in Umstände geraten, in denen das Gefühl für seine Pflicht durch den Druck der Leiden und durch Verschlossenheit aller Aussichten auf ein dauerhaftes Wohlsein innerhalb der Grenzen dieses Lebens, so geschwächt wird, daß er des Gedankens an sein künftiges besseres Sein nicht entbehren kann, um neuen Mut zur Geduld und zur Erfüllung seiner Pflichten zu finden. Wenn nun dies Bedürfnis, im Gedanken an Gott und Gottes unsterbliches Reich eine Stütze des sinkenden Mutes zu suchen, für den Guten, für den Heiligen, groß und dringend ist, wie groß muß dies Bedürfnis für Schwache, erst nach Gutsein strebende Menschen sein?

Der Gedanke an Gott bietet aber nicht nur von dieser Seite, sondern auch von vielen anderen, mächtige Beweggründe für den menschlichen Willen. Wir wollen sie hier, um den Eindruck derselben zu verstärken, zusammenstellen. Der Gedanke an Gott ist

1. ein Gedanke an das schönste Urbild alles Guten, das den menschlichen Willen zur Nachahmung bewegt, wie es dem Verstande zum Regulativ dient; 2. ein Gedanke an den unsichtbaren, allgegenwärtigen Zeugen all unserer Gedanken, Begierden, Neigungen, Handlungen, dessen Beifall den trägen Willen zum Rechten anspornt, auch im Geheimen, wo kein Menschenblick Zeuge dessen sein kann; 3. ein Gedanke an den Gesetzgeber, dessen höchste Autorität dem Ausspruche des Gewissens nicht etwa bloß neue Sanktion verschafft, sondern ihn eigentlich zum Ausspruche der höchsten Wahrheit und höchsten Heiligkeit selbst macht; 4. ein Gedanke an den Allvergelter, der unparteiisch Gutes vom Bösen sondert, unparteiisch jenes belohnt, dieses straft; der auch den Gedanken sieht und die Begierden wägt; der die guten Handlungen nach den Zwecken, die Zwecke nach ihrer Reinheit richtet, und jedem Menschen nach seinen Werken vergilt; 5. ein Gedanke an den ersten und größten Wohltäter, der des größten Dankes wert ist, und keinen anderen verlangt, als die lebendige Begierde, ihm durch Nachahmung seiner heiligen Liebe zu gefallen und in dieser Nachahmung gut und selig zu werden; 6. ein Gedanke an das liebenswürdigste Wesen, das der höchsten Liebe würdig ist, und die lautere Liebe, die Seele aller übrigen Tugenden, weckt und stärkt; 7. ein Gedanke an das mächtigste und liebevollste, weiseste und menschenfreundlichste Wesen, das unsere Angst kennt, unsere Bitten hört, die Kräfte, die uns zur Vollbringung des Guten mangeln, väterlich milde schenkt und mit den Kräften den Mut dazu.

Lieber Leser, schenkt dir dein Gott, auch wenn du ihn anrufst und die gegebenen Kräfte dankbar gebrauchst, diese höheren Kräfte nicht? – Verzeih, so ist er der Gott nicht, dessen du und wir alle bedürfen – – – der Gott nicht, der sich in unseren Herzen und in unserem Evangelium als »Licht und Liebe« ankündet.

Der lebendige Gedanke an Gott schafft dann ferner die größte, edelste Freude, deren wir hier fähig sind, die Freude Gott von ganzem Herzen zu lieben, und mit seinem Willen eins zu werden; veredelt und erhöht alle übrigen Freuden; mildert alle Leiden, weil wir sie als Fügungen der höchsten Weisheit und Liebe annehmen, und wird durch die Empfindungen und gesegneten Wirkungen, die durch ihn geweckt und hervorgebracht werden, das höchste Glück des Menschen in diesem Leben.

Der Gedanke an Gott knüpft das System der Moral an das System der vollkommenen, reinen, dem künftigen Leben aufbehaltenen Seligkeit zu einem Ganzen. Denn ohne festen unwandelbaren Glauben an Gott läßt sich kein fester, unwandelbarer Glaube an Unsterblichkeit und Allvergeltung und ohne diesen kein Glaube an reine, vollkommene Seligkeit denken. Dadurch erhält auch der Verstand einen neuen, richtigen Maßstab, den Wert dieses Lebens und aller Güter desselben richtig zu beurteilen.

Der Gedanke an Gott endlich begeistert dadurch, daß er den Zufall aus der ganzen Schöpfung bannt und die Natur als das Werk der höchsten Weisheit und Liebe betrachten lehrt, den Verstand und Willen des Menschen zu einer Pflicht, deren Erfüllung nicht nur die menschliche Weisheit weiter bringt, sondern auch unter die edleren und unterhaltendsten Beschäftigungen des Menschen gehört – zum weisen Studium der Natur. Es wird durch die Vermittlung des Gedankens an Gott, das Naturstudium, ohne ihn nur eine Betrachtung der physischen Ursachen und Wirkungen, auch eine Betrachtung der Absichten, die den Ursachen und Wirkungen zu Grunde liegen. Der Erforscher der Ursachen mag des Absichtenforschers noch so sehr spotten: wenn er bei seinen Ursachen stehen bleibt, und nicht bis zu den Absichten in der Natur hinaufgeht, so bleibt er auf halbem Wege stehen. Denn die Absicht ist auch eine Ursache, und in dem Systeme des Glaubens an Gott eine solche Ursache, daß ohne sie alle physischen Ursachen und Wirkungen nichts sind. Ein Philosoph aber, der auf halbem Wege stehen bleibt, kann sich nicht sehr empfehlen.

Wenn diese Gründe »von dem Werte des lebendigen Gedankens an Gott in Hinsicht auf das Gut- und Wohlsein der Menschen« überzeugen: so muß der Grund, den ich, wie der Hausvater den besten Wein, zuletzt vorlege, die Ueberzeugung gewiß noch mehr befestigen:

Damit der Mensch gut werden kann, muß er aufhören uneins mit sich zu sein, und anfangen, eins mit sich zu werden. Um eins mit sich zu werden, muß er sich wegen der begangenen Sünden beruhigen können. Diese Beruhigung kann er in sich nicht finden; denn gerade in sich fühlt er eine Zwietracht, den Unfrieden, dem er ein Ende machen möchte. Diese Beruhigung kann er in der körperlichen Natur nicht finden; denn diese geht ihren eisernen Gang, kann den unruhigen Geist noch mehr züchtigen, aber nicht beruhigen. Er findet sie nicht in seinem Mitmenschen, die selbst uneins mit sich sind und Ruhe suchen. Er kann sie also nur in dem Vertrauen auf eine allmächtige, allweise Güte finden, die das erkannte Unrecht verzeihen und die Folgen desselben vergüten kann. – Ich schließe dieses Kapitel mit dem Grundsatz, der nie zu oft wiederholt werden kann:

Wir wollen tun was wir können: Und Gott wird tun was wir alle nicht können.

Elftes Kapitel. Vom Vertrauen auf Gott

 

A. Von den Eigenschaften des wahren Vertrauens auf Gott.

Damit das Vertrauen auf Gott ein rechtes, der Würde und dem Bedürfnisse der menschlichen Natur entsprechendes sei, sind bestimmte Eigenschaften notwendig.

1. Das rechte Vertrauen auf Gott schließt das nüchterne von Selbstgefälligkeit freie, dankbare Gefühl eigener Kräfte nicht aus. Wir haben Kräfte, wir dürfen aber auch fühlen, daß wir sie haben. Nur sollen wir ihnen nicht mehr zutrauen, als sie vermögen, und sie nicht uns, sondern Gott als dem Urheber alles Guten zuschreiben. Unsere Kräfte sind auch Gaben Gottes; also kann das Vertrauen auf den Geber das dankbare Gefühl seiner Gabe neben sich leiden. Ich sage: das nüchterne, dankbare, von Selbstgefälligkeit reine Gefühl. Sobald du nämlich an deinen Kräften mehr auf das Dein als auf die Gabe siehst; sobald du mehr fühlst, was du hast, als was dir noch fehlt; sobald du auf die Kraft trotzest, statt die Gabe dankbar zu gebrauchen: sobald wirst du unruhig und elend, eitel und ein Tor.

2. Das rechte Vertrauen auf Gott hebt die gerechte Wertschätzung der übrigen Dinge nicht auf. Denn obgleich Gesundheit, Ehre, Reichtum, Wissenschaft nicht im Stande sind, alle Wünsche unseres Herzens zu befriedigen, und darum den Wert des höchsten Gutes nicht haben und nicht haben können, so folgt noch lange nicht daraus, daß sie gar keinen Wert haben. Sie haben mehr oder weniger Wert, je nachdem sie mit der Würde des Menschen mehr oder weniger übereinstimmen.

3. Rechtes Vertrauen auf Gott macht den Menschen nicht unbrauchbar für diese Welt, sondern im Gegenteil geschickter zur Förderung auch des zeitlichen Wohlseins unter den Menschen. Ohne Mut fehlt überall das Triebrad der Unternehmungen. Kein fester Mut jedoch ohne Vertrauen, und kein durchaus zuverlässiges Vertrauen als auf Gott. Nichts stählt die Brust so sehr, als das Vertrauen des Rechtschaffenen, und kein Gedanke weckt so viel Vertrauen, als dieser: Gott unser Freund.

4. Rechtes Vertrauen auf Gott schließt die treue Anwendung eigener Kräfte nicht aus, sondern fordert sie oft sogar als Bedingung. Denn das Bewußtsein Unrecht getan zu haben, richtet eine Scheidewand auf zwischen Gott und dem Menschen, und der Blick, der sich sonst mit Zuversicht über die Wolken hob, wird durch die Sünde niedergeschlagen. Es frage sich jeder Redliche: Wann fühlte ich mehr Zuversicht zu Gott? Da mich mein Gewissen strafte, oder da es mich frei sprach? Und er wird sich gestehen müssen: Da mich mein Gewissen frei sprach, war mein Vertrauen auf Gott demütiger und kühner.

5. Das zuverlässigste Merkmal des echten Vertrauens ist die eben genannte Verbindung desselben mit dem unermüdlichen Gebrauche der gegebenen Kräfte, Zeiten, Gelegenheiten zu würdigen Zwecken im Kreise des Berufes. Denn diese Verbindung entfernt Vermessenheit und Trotz, Trägheit und Kopfhängerei, Schwärmerei und Unbrauchbarkeit für dieses sichtbare gegenwärtige Leben. Diese Verbindung hat ein großer Mann so ausgedrückt: »Arbeitet, als wenn ihr alles allein, ohne Gottes Beihilfe, ins Reine bringen müßtet, und vertrauet zugleich so auf Gott, als wenn er allein alles tun würde und ihr nichts ausrichten könntet.« Man kann an dieser Regel allerlei tadeln, wenn man Lust hat zu tadeln und Worte zu klauben; aber Sie, meine Freunde, und ich wollen lieber die schöne Vorschrift befolgen, und ihre ganze Wahrheit aus dem Erfolge erst recht verstehen lernen, als mit kaltem Tadel lästern, was die Erfahrung am sichersten beurteilen kann.

6. Echtes, weises Vertrauen des Rechtschaffenen, also jenes Menschen, dessen Inneres nach dem, was gut, edel, recht ist, neugeschaffen und dessen Aeußeres nach dem inneren Sein umgebildet ist, ist seiner Natur nach allumfassend, wie die Güte, Weisheit und Macht Gottes. Es ist allumfassend in Beziehung auf die eigenen persönlichen Angelegenheiten des Vertrauenden. Wer dieses Vertrauen hat, dem ist der Glaube wie zur Natur geworden, daß sein Eintritt in diese sichtbare Welt, seine Leiden und Freuden, seine Fortschritte und Rückgänge auf dem Wege zu Tugend und Weisheit, seine Arbeiten und Sorgen, seine Gesundheit und Krankheit, seine Kräfte und Schwächen, seine Schicksale diesseits und jenseits des Grabes, bis auf die kleinste Faser derselben, unter der Aufsicht, Ordnung und Leitung der weisen und mächtigen Allgüte stehen. Echtes, weises Vertrauen des Rechtschaffenen ist allumfassend in Beziehung auf die Angelegenheiten anderer, Verwandten, Freunde, Hausgenossen und Nachbarn. Der Gott, der eines Menschen Schicksale leitet, leitet auch die Schicksale aller: also auch ein Vertrauen, das alle deine Bedürfnisse und alle Bedürfnisse der Deinen umfaßt. Echtes, weises Vertrauen des Rechtschaffenen ist allumfassend in Beziehung auf die Angelegenheiten seines Volkes. Er empfiehlt das Gute, das er nach aller angewandten Mühe bei seinem Volke noch nicht durchsetzen konnte, seinem Gott, und im Anblicke der Wahrheit, daß alles seine Zeit habe, stellt er es der Weisheit und Güte des großen Regenten anheim, wann und wie das erwünschte Gute geboren und zur Reife gebracht werden soll. Echtes, weises Vertrauen des Rechtschaffenn ist endlich allumfassend in Beziehung auf die Angelegenheiten des Menschengeschlechtes. Der Gottvertrauende sieht alle Menschen als eine große Familie, und alle Begebenheiten der Welt als Werkzeug in der Hand des regierenden Gottes an, das wahre Wohlsein dieser einen Familie zu fördern.

 

B. Von den Wirkungen des wahren Vertrauens auf Gott.

1. Nur wo das wahre Vertrauen auf Gott herrscht, kann alle Furcht vor künftigen Leiden, mit denen uns die Einbildungskraft, diese Zauberkünstlerin alles Schreckhaften, foltert, verscheucht oder wenigstens besiegt werden. Denn nur das Gemüt, das den Trost in sich hat: »Sieh, es ist dein entschlossener, durch Taten bewährter, und durch Trübsal ungebeugter Wille, auch in Zukunft zu tun, was recht ist, und zu dulden, was unrecht an dir getan wird; da du mit diesem Dulden und jenem Tun Gott gefällst und wenn Gott mit dir, was solltest du fürchten?« kann sich nach und nach über alle Furcht erheben. Weder Erfahrung, noch Geschichte, noch Spekulation wissen ein anderes Mittel zu nennen, die Furcht zu besiegen.

2. Wo dieses Vertrauen herrscht, werden auch die schwersten Pflichten des Menschen, selbst auf den dunkleren Strecken unseres Lebens und den finsteren Wegen der Vorsehung, am zuverlässigsten erfüllt. – Es gibt Zeiten, die uns von einer Seite alle Aussicht auf die Zukunft verschließen, und auf der anderen die Notwendigkeit mit sich führen oder bald an uns heranbringen, zu tun, zu leiten, zu wählen. In diesen Zeiten, die ich nicht anders als die dunklen Punkte unserer Existenz zu nennen weiß, lassen sich wohl keine anderen Pflichten denken, als:

Warte, fasse keinen Entschluß vor der Zeit, damit du der Vorsehung nicht vorgreifst.

Tu das Nächste, das Notwendige, das Unschädliche, damit du der Zukunft Wege bahnst und für sie Kraft behältst.

Bereite dich auf das Aeußerste, damit du das kommende Geringere leichter ertragen kannst.

Lerne tappen und den Fuß nur sehr langsam und nur so weit vorwärts setzen, als du festen Boden findest, denn im Finsteren ist alles Eilen gefährlich.

Trage das Heutige und laß das Morgige für sich sorgen; denn es hat jeder Tag Plage genug.

Tue das Gute, das du vor dir siehst, tue das Beste, das du kannst, um das Bessere, das du noch nicht siehst, noch nicht tun kannst, erwarten und tun zu können.

Setze dein Herz ins Gleichgewicht, damit die Neigung den Ausspruch deines Gewissens nicht verdrehe und den Rat der Vernunft nicht besteche. Wenn dich dein Gewissen anklagt, so demütige dich und reinige dich, damit du das Kommende männlicher ertragen kannst.

Behalte was du hast, und laß dir die Angst das nicht rauben, was dir das Schicksal nicht nimmt.

Diese Pflichten aber wird niemand vollkommener erfüllen, als der, dessen Vertrauen die genannten Erfordernisse hat. Denn dies Vertrauen läßt keine gegebene Kraft ungenützt, und hält sich doch nur an die Urquelle aller Kräfte.

3. Wo dies Vertrauen herrscht, da machen alle Tugenden nur eine aus, und alle werden wie eine nach Maß des herrschenden Vertrauens ausgeübt: »Sorge du nur für deine Pflicht, und laß Gott für dein Glück sorgen.«

 

Von der Unsterblichkeit, von den himmlischen Kräften und von den seligen Wirkungen dieses in Liebe tätigen Glaubens und Trauens auf Gott sind die Schriften des neuen Bundes, nicht nur vollgültige Zeugen, sondern der ganze Geist dieser Schriften und der vornehmste Inhalt derselben löst sich in das lebendige und belebende, aus Glauben geborene und in Liebe wirksame Vertrauen auf.

Statt aller einzelnen Schriftstellen nur die eine: »Jetzt bleiben nur die drei: Glaube, Hoffnung, Liebe; doch ist die größte davon die Liebe.

Zwölftes Kapitel. Unsere Beziehungen zu den Mitmenschen

 

A. Von der Menschlichkeit (Humanität) im allgemeinen.

Der Mensch wird in dem Maße besser, in welchem seine Menschenliebe reiner und tätiger, d. h. heiliger wird.

Die Menschenliebe wird in dem Maße reiner und tätiger, in welchem die anhaltende Selbstverleugnung, die nur dem Gesetze der Heiligkeit dient, und allem Unheiligen widerstreitet, Mut schafft zum

Wohl-Wollen (amor benevolus, bene velle),
Wohl-Denken (amor benignus, bene sentire),
Wohl-Tun (amor beneficus, bene facere).

Unsere Zeitungsblätter tun also eitle Luftstreiche, indem sie immer von der Frucht schwatzen und sich um die Wurzel der Sache nicht kümmern. Wo Eigenliebe, Eigendünkel und sinnliche Lust herrschen, da wird die gerühmte Menschenliebe nicht viel zu gebieten haben. Und Eigenliebe, Eigendünkel und sinnliche Lust behalten das Szepter fest, wenn es ihnen die anhaltende Selbstverleugnung nicht entreißt. Wie werde ich Anderen wohlwollen, wenn mein Wohl der Mittelpunkt ist, um den sich all mein Wollen dreht? Wie werde ich von Anderen wohldenken, wenn ich fremde Ehre für ein Hindernis der meinen, und das Wohldenken von anderen für einen erklärten Krieg gegen mich selbst ansehe? Wie werde ich Anderen wohltun, wenn ich mir selbst nie ganz wohltun kann? Man muß also sein Herz von Eigenliebe, Eigendünkel, Eitelkeit und ähnlichem gereinigt haben, um es der Liebe gegen andere empfänglich zu machen. Man muß selbst gut sein, um gut gegen andere sein zu können. Alles Drängen und Treiben nach Menschenliebe ist eitle Arbeit, wenn die Menschen nicht zuvor zur Bekämpfung und Besiegung der eigenen, selbstsüchtigen Triebe angeleitet werden. Man will den Leichnam der Eigenliebe mit dem Anstrich der Menschenliebe färben; aber färbt und malt so lange ihr wollt, der tote Leib wird nie lebendige Menschenliebe werden, vielmehr wird der Gestank, der von ihm ausgeht, alle gemalten Blümlein von Menschenliebe verpesten und das Elend durch Uebertünchung nur noch größer machen.

Jesus: »Dies gebiete ich euch, daß ihr einander liebet. Ein neu Gebot gebe ich euch, daß ihr einander liebet, wie ich euch geliebt habe. – Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, daß ihr einander liebet.«

Paulus: »Eifert den besten Gaben nach, und ich zeige euch einen Weg, der noch vortrefflicher ist. Ja, wenn ich alle Sprachen der Menschen, ja selbst der Engel spräche, aber die Liebe nicht hätte: so wäre ich doch nur wie ein tönendes Erz oder wie eine klingende Schelle. Hätte ich auch die Gabe zu weissagen: verstände ich alle Geheimnisse; besäße ich alle Wissenschaft und den Glauben in solcher Fülle, daß ich Berge versetzen könnte: so bin ich doch nichts, wenn ich die Liebe nicht besitze. Und gäbe ich auch alle meine Habe um Speise für die Armen hin, und opferte ich meinen Leib auf, so, daß mich das Feuer verzehrte: so nützt mir dies alles nichts, wenn ich die Liebe nicht besitze.«

Johannes: »Meine Kindlein! lasset uns einander lieben, nicht mit Worten und Zunge, sondern in Tat und Wahrheit: wenn wir einander lieben, so bleibt Gott in uns. – Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott in ihm.«

 

B. Vom Urteilen über Menschen im besonderen.

Woher kommen die lieblosen, unbilligen, ungerechten Urteile?

1. Durch den Einfluß des Temperaments auf die Urteilskraft. A. hat ein kaltes trockenes Temperament und ein ruhiges Nervensystem, daher ist kältere Untersuchung sein Element, und ein trockener Ton sein eigener Ton in Schriften und im Umgange. B. hat ein leicht bewegliches Temperament und Nervensystem, daher ist wärmere Empfindung, deren Spuren auch seine Untersuchungen nicht verleugnen, sein Element und sein Ton in Schrift und Umgang. Wenn nun A. von B. urteilte: B. schändet die nüchterne Menschenvernunft, weil alle seine Schriften und Reden von Gefühlen durchtost sind; wenn B. von A. urteilte: A. entehrt das warme Menschenherz, weil alle seine Schriften und Reden sich von jeder Empfindung, wie der Fromme von seiner Sünde, rein halten: so würden beide Urteile an sich lieblos, unbillig und ungerecht sein, weil sie die Farbe des individuellen Temperaments tragen und doch diese gleiche Färbung dem anderen übelnehmen und so gegen das große Naturgesetz verstoßen: Tu anderen nicht was du nicht willst, das man dir tue; unbillig und ungerecht zudem, weil sie, aus Vorliebe für eigene Vollkommenheit, eine fremde antasten, den Wirkungskreis des fremden Talentes verengen, und sich gegen das »Suum cuique« verfehlen.

2. Durch den Einfluß einer Lieblingshypothese. Sobald irgend jemand seine Meinung mit scharf geprägten Ausdrücken vorträgt, mit Rechthaberei behauptet, und nunmehr als seine Sache links und rechts gegen Angriffe verteidigt: so stehen alle, die die nämliche Meinung verwerfen, in Gefahr, als Feinde der guten Sache oder als verdächtig angesehen zu werden. Je mehr eine solche Meinung Interesse für Menschen hat oder zu haben scheint, je mehr ihr Verfechter sich mit den herrschenden Vorurteilen und Lieblingsbegriffen seiner Zeitgenossen in Verbindung zu bringen weiß, um so schauervoller fallen die Brandmale aus, die allen denen, die entgegengesetzter Meinung sind oder scheinen, aufgedrückt werden. Nur ihren Namen nennen, nur irgend ein Werk derselben rühmen, wird schon Zeichen des Komplotts mit den Feinden der guten Sache. Nicht zufrieden, ihnen die Ehre des ordentlichen Denkens streitig gemacht zu haben, macht man auch die Ehrlichkeit ihrer Absichten verdächtig. Und dies alles um einer geliebten Hypothese und Idee willen, die anfangs als Zankapfel in die Welt hinausgeworfen, und deren Nichtannahme und öffentliche Widerlegung jetzt als Anfeindung der öffentlichen Freiheit, Ruhe, Weisheit und Glückseligkeit verurteilt wird. Diese traurige Wahrheit beweisen fast alle gelehrten Streite, die geführt werden; denn sie haben fast alle damit angefangen, daß beide Parteien einander Richtigkeit der Einsicht – und fast alle damit geendet, daß beide einander die Redlichkeit der Absichten absprachen. Gar oft wurden die Absichten, die eine Partei der anderen unterschob, so gefahrvoll gemalt, daß sogar der weltliche Arm zur Hilfe gerufen und Gerichtskammern angefleht werden mußten, dem unseligen Schauspiel der Rechthaberei ein Ende zu machen.

3. Durch den Einfluß der Partei auf die Urteilskraft. Denn wenn die Lieblingsidee eines einzigen Menschen so viele ungerechte Urteile erzeugen kann, wie gesagt worden: so ist es wohl begreiflich, daß die Lieblingsidee einer ganzen Partei die schrecklichsten Abenteuer von Urteilen hervorbringen muß.

Alle Ursachen, die den Einfluß der Partei auf die Urteilskraft so gefährlich machen, liegen in dem nicht ohne Grund verschrienen »Korpsgeist«. Denn a) alles Einschließende schließt seiner Natur nach aus, und man kann nicht wohl irgend einen Menschen für einen »Profanen« im strengen Sinne des Wortes ansehen, ohne eben dadurch über seine Verdienste einen Schleier zu werfen, und ohne ihm jene brüderliche Zuneigung zu entziehen, ohne die sich schwerlich gelinde, das heißt hier, billige Urteile fällen lassen, b) Die Eigenliebe findet bei allem, was man für die Partei denkt, redet, tut, leidet, schreibt, ihr besonderes Interesse. Denn wenn du einen von der Partei lobst, so lobst du dich, weil du auch die Ehre hast, zu solch berühmten Menschen zu gehören. Wenn du jemanden, der außerhalb der Partei steht, tadelst, so lobst du wieder dich, weil dieser tadelnswerte Mann mit dir in gar keiner Verbindung steht, c) Die Macht und der Schutz der Partei schaffen deinen schüchternen Leidenschaften, die den Widerstand der besseren Menschen fürchten müssen, Mut, sich ungescheut auszulassen, und Hoffnung, ungestraft zu bleiben, die sie noch unbändiger macht, d) Bei all deinen schiefen Urteilen, die du fällst, kannst du allemal zuverlässig im Voraus rechnen auf Köpfe, die sich eifrig für deine Meinung erklären; auf Hände, die deinen Urteilen mit devoter Geschäftigkeit Weihrauch streuen, und deine Meinung gehorsam unterschreiben, oft auch auf Fäuste, die deine Anmaßungen unterstützen, e) Gar viele Dinge, die du gern sagen, schreiben, tun möchtest, aber doch mit Aushängung deines Schildes, zu sagen, zu schreiben, zu tun nicht Mut genug hast, kannst du durch die dienstfertigen Federn der Parteifreunde ausführen, f) Nach und nach wird das Wohl der Partei für dich das einzige Kriterium, das die Wahrheit oder Falschheit eines Satzes entscheidet; die Uebereinstimmung eines Menschen mit den Gesinnungen der Partei, das alleinige Kennzeichen der Rechtschaffenheit und das einzige Verdienst, das du kennst, und der Widerstand gegen das Interesse der Partei das einzige Siegel von Verbrechen und Mißverdienst, das du gültig findest, wie andererseits die Partei deinem Charakter reine Absichten und deiner Person stets seltene Talente, und deinen Arbeiten entscheidende Fortgänge andichtet, um durch diesen Betrug, dazu sie sich durch höhere Absichten berechtigt hält, das Glück ihrer Körperschaft zu gründen.

Dies sind die einleuchtenden Gründe, die alle guten und denkenden Menschen vom blinden Parteiwerben und vom blinden Beitritt zu irgend einer Partei zurückhalten, und die zugleich die Einflüsse des Parteigeistes auf die Urteile der Menschen namhaft machen. Wohl dem, den die Wahrheit selbst von allem Partei- und Sektenwesen freigemacht hat!

4. Eine andere Quelle liebloser und ungerechter Urteile ist eine Art Rezensentenlaune. Es gibt Menschen, die sich Kritiker nennen, die an einem meisterhaften Gemälde zuerst eine Verzeichnung an der Zehe des Helden wahrnehmen, und ehe sie sich noch dem Eindrucke, den das Ganze auf sie machen könnte, überlassen haben, so breitmäulig »rezensieren«, als wenn die verzeichnete Zehe Hauptsache und an dem ganzen Gemälde kein meisterhafter Zug zu sehen wäre. Sie können über das Gemälde nicht anders, als hart und ungerecht urteilen, weil sie vom Fehlerhaften ausgehen, und vor Freude, das Fehlerhafte entdeckt zu haben, auch das Gute hinter dem Fehlerhaften verstecken. Diese Quelle schiefer Urteile ist allgemeiner, als man glaubt, und allemal reichhaltiger, wenn sie von den geheimen Zuflüssen des Neides und der Eifersucht verstärkt wird.

Daraus läßt sich erklären, warum der Prophet in seinem Vaterlande nicht angesehen sei; denn die Augen seiner meisten Landesgenossen werden von der Eifersucht zu sehr gehalten, als daß sie an dessen wohltätigen Unternehmungen keinen Splitter sehen, und von Eigenliebe zu sehr geblendet, als daß sie diesen Splitter nicht für einen Balken halten sollten. Daraus läßt sich wenigstens zum Teil erklären, warum von vielen, die die alten und neuen Schriftsteller nicht gelesen haben, dennoch ohne Ausnahme die alten erhoben, und die neuen verachtet werden. Natürlich die Ehre der Toten schadet diesen Richtern nicht: aber die Ehre ihrer Mitlebenden könnte hier ihren Stolz demütigen, da ihr Einkommen schmälern, dort ihre Hoffnungen töten. Sie haben also Ursache die Ehre ihrer Zeitgenossen nicht zu hoch steigen zu lassen. Daraus läßt sich's auch erklären, warum gewöhnlich Amtsgenossen von Amtsgenossen, Räte von Räten in dem nämlichen Lande, Aerzte von Aerzten in der nämlichen Stadt, Lehrer von Lehrern an der nämlichen Universität und in der nämlichen Fakultät, Mitschüler von Mitschülern in der nämlichen Klasse, Künstler von Künstlern im nämlichen Lande und Fache, Kaufleute von Kaufleuten in der nämlichen Gattung von Waren und in ähnlichem Kredite, und so fort auf allen Gebieten, härter beurteilt werden, als etwa der Rat vom Arzte, der Arzt vom Lehrer, der Lehrer vom Künstler, der Künstler vom Kaufmann und umgekehrt urteilen. Denn Neid und Eifersucht treiben ihr Spiel da am lebhaftesten, wo gegenseitige Interessen zusammenstoßen.

5. Eine weitere Quelle ungerechter und liebloser Urteile ist gar oft der Eifer für die beste Sache. Denn der Eifer für die beste Sache kann gar leicht der Leitung der Vernunft entschlüpfen und so zur Leidenschaft werden und alle Verwüstungen im Verstande anrichten, die irgend eine Leidenschaft anrichten kann. Gibt es eine bessere Sache, als Eifer für die Religion? Und wie bald ist dieser Eifer der Aufsicht der Vernunft entzogen? Ferner: Der Eifer für die beste Sache kann gerade für die redlichsten Menschen am meisten verführend werden, weil er nicht nur den Schein des Guten immer für sich behalten, sondern auch mit diesem blendenden Schein den Schimmer der Vernunft gar leicht verdunkeln kann. Der Eifer für die gute Sache kann sodann den giftigsten Leidenschaften des Neides, des Ehrgeizes, der Rachsucht, einen breiten Mantel umhängen und unter diesem Mantel die schrecklichsten Taten ausüben. Ward, um nur ein Beispiel zu nennen, nicht Jesus von dem Eifer für die gute Sache der mosaischen Religion ans Kreuz geschlagen? Der Eifer für die gute Sache ist endlich, wenn es ihm an Liebe gebricht, sehr argwöhnisch und wittert Böses, wo es nicht ist; richtet scharf und verdammt Absichten, wo die Taten unsträflich sind; ist leichtgläubig und hält die Meinung der Gleichgesinnten für sichere Wahrheit; ist furchtsam, und ahnt Umsturz der Religion von solchen Seiten, von denen keine zu fürchten ist; ist sophistisch und schafft durch Konsequenzen Meinungen, an die der Verfasser nicht gedacht hat, und kann so blind, so grausam werden, daß er Menschen das Leben nimmt, um Gott einen Gefallen zu tun.

6. Eine Quelle ungerechter und liebloser Urteile ist ferner oft Mangel an Menschenkenntnis, Unkenntnis, Beschränktheit. Nur zu leicht macht ein beschränkter Kopf seine Einsicht, ohne eine Gefahr des Irrtums zu ahnen, zum Richtmaß fremder Einsichten, hält die Grenzen seiner Kenntnisse für die Grenzen aller Kenntnisse, beurteilt aus dem geringen Vorrate seiner Begriffe alles übrige, worüber er zu urteilen Anlaß hat, und handelt durchaus nach dem Grundsatz: Wenn die ganze übrige Welt recht denken will, so muß sie denken wie ich. Daher soviele harte Urteile über Menschen, Bücher, Institute, Absichten, Gebräuche, von denen der Urteilende keine Kenntnis hat. Setzen wir den Fall, ein Mensch säße im Tale und wäre so unsinnig zu sprechen: »So weit mein Gesichtskreis reicht, so groß ist die Welt; außer meinem Gesichtskreis ist nichts mehr: die Länder, Städte, Dörfer, Flüsse, Berge, die ich nicht sehe und von denen die Bücher sagen, daß sie existieren, existieren nicht, weil ich sie nicht sehe«: was dächten wir von diesem Menschen? Dieser Mann aber sind wir alle, so oft wir aus unserem Kreise nicht herausgehen und doch von Dingen in fremden Kreisen sprechen. Dieser Mann sind wir alle, so oft wir an unseren Kenntnissen und Tugenden, Werken und Büchern, eigenliebig hängen bleiben und fremde Kräfte, Kenntnisse und Tugenden, Bücher und Schicksale, verachten, weil wir sie nicht kennen. Dieser Mann sind wir alle, so lange wir den Schornstein unserer Hütte nicht nur für den besten in allen fünf Weltteilen halten, sondern auch alle übrigen verachten, weil sie nicht die Ehre haben, den Rauch von unserem Herde aufzufangen. – O, die breitmäulige Tadelsucht! Liebe Freunde, wir wollen lieber schweigen als Ungekanntes tadeln, lieber nüchtern urteilen und um unseres nüchternen Urteils willen für Ignoranten gehalten werden, als durch Absprechen beweisen, daß wir Ignoranten sind.

7. Endlich sind die Vorurteile unserer Zeitgenossen oft genug eine Quelle liebloser und ungerechter Urteile. Denn, wie die Gärung in der körperlichen Natur die Teile heftig durcheinander wirft: so werden in der sittlichen Welt durch mächtige Gärungsmittel, d. h. durch Vorurteile der Zeiten, als die kräftigsten Fermente, die Absichten, Kräfte, Urteile, Neigungen der Menschen wunderbar durcheinander geworfen; und wie die Gärung zwar ein Mittel ist, den Wein trinkbar zu machen, aber doch so lange sie währt, den Wein nicht lauter werden läßt: so mögen die Vorurteile der Zeitgenossen zwar auch unsere Denkart läutern helfen, aber sie sind es auch, die den Verstand zu allerlei unüberlegten, scharfen und unbilligen Urteilen irreführen oder gewaltsam fortreißen. Die Geschichte aller Zeiten gibt dafür eben so unangenehme als entscheidende Beweise. Waren es nicht gerade die Vorurteile der Zeitgenossen Jesu, welche unter dem Volke die größte Gärung hervorgebracht und gegen ihn die unbilligsten Urteile erzeugt haben? Die Prädikate: Sabbatschänder, Moseslästerer, Tempelzerstörer, die unter dem Volke, das blind an Tempel, Sabbat und Moses hing, die lebhaftesten Bewegungen erregt hatten, mußten eben dadurch die ungerechten Urteile über Jesus allgemein verbreiten, und die Verdammung bewirken helfen. – Es waren zu allen Zeiten immer wieder ein paar Worte, die die Köpfe in Brand steckten, und wenn sie einmal brannten, zu allerlei Urteilen, sie mochten noch so hart sein, anfeuerten. So zu seiner Zeit das Wort: Reformation; so in unseren Tagen das Wort: Aufklärung. Ich will meinen Freunden ihre gute Laune nicht verderben durch Schilderungen aller der unbilligen Urteile, der sich beidemale beide Parteien für und wider erlaubt haben und erlauben. Diese Ungerechtigkeit des Urteils ist denn auch gar oft zugleich der Undank der Zeitgenossen, von dem ein Schriftsteller sagt, daß er am schwersten zu tragen sei, da der Undank der Vorwelt nur durch das Ideal der Geschichte auf uns wirkt, und der Undank der Nachwelt nur durch das Gemälde der Einbildungskraft, wo hingegen der Undank unserer Zeiten nicht durch Ideale, nicht durch Gemälde, sondern wirklich durch sein Dasein auf unsere Empfindung wirkt, den Kreis unserer Existenz vergiftet, die Hände zum Wohltun lähmt und der Lästerung einen tief verwundenden Akzent gibt, der in unserem Kreise wieder tönt und sich ins Herz gräbt.

 

C. Von der Pflicht der Menschenliebe in Beurteilung anderer.

Die Pflicht der Menschenliebe in Beurteilung anderer läßt sich so ausdrücken:

1. Urteile nie von Personen, Werken, Meinungen, Absichten, bis du, nach genauer Prüfung deiner selbst, dir das Zeugnis geben kannst, daß weder dein Temperament, noch deine Lieblingsidee, weder der Geist der Partei, noch Rezensentenlaune, weder Unkenntnis noch blinder Eifer für eine noch so gute Sache, weder Vorurteil der Zeitgenossen, noch irgend eine Leidenschaft, auch nicht insgeheim, dein Urteil bestimmen helfen.

2. Urteile nie von Personen, Werken, Meinungen, Absichten, bis du nach genauer Prüfung dessen, worüber du urteilen willst, und der Gründe, die dein Urteil bestimmen, dir das Zeugnis geben darfst, daß du die Gründe, die deinen Verstand zum Urteil vermögen, klar einsiehst, alle zusammen für zureichend erkennst und ihnen die Kraft zutraust, jeden denkenden, unvoreingenommenen Kopf zum nämlichen Urteile zu bestimmen.

3. Urteile nie, bis du die Plätze gewechselt, das heißt, dir die Frage vorgelegt hast: Wenn du dich genau in dem Falle befändest, in welchem sich der befindet, von dem du urteilen willst, und er über dich urteilte, wie du über ihn zu urteilen im Begriff bist: würdest du dies sein Urteil wahr, billig, gerecht finden?

4. Urteile nie von Personen, Werken, Meinungen und Absichten, bis du nach Vergleichung aller Umstände miteinander, unter deren Zusammenfluß du dein Urteil fällst, und nach Wägung aller erkennbaren Folgen, die dein Urteil haben kann, dich wirst überzeugen können: »Sei was immer sei, geschehe was geschehe, ich werde nie bereuen können, geurteilt und so geurteilt zu haben.«

»Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. – Wie siehst du aber im Auge deines Bruders den Splitter, und in deinem Auge den Balken nicht? Und wie sprichst du zu deinem Bruder: Halt, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und sieh! in deinem Auge steckt dir ein Balken! Gleisner! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und dann magst du darauf ausgehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders zu ziehen.«

 

D. Vom Edelmut gegen Feinde.

I. Die reine Moral kennt, so viel ich weiß, viererlei Pflichten in Hinsicht auf Feinde, deren Erfüllung »Edelmut« heißen darf.

1. Sei ungläubig, oder wenigstens schwergläubig, Feinde zu haben. 2. Sei schonend, mäßig, bescheiden, in deinem Kreise stille fortarbeitend, um nicht ohne Not Feinde zu machen, oder ihre Zahl zu vermehren.

3. Liebe den Feind, den du wirklich hast.

4. Widersteh dem schädlichen Einfluß deines Gegners auf Tugend, Ruhe, Weisheit, Glück der Menschen, ohne Haß seiner Person, ohne im Glauben an die Schädlichkeit seines Einflusses voreilig zu sein, und nur insofern dir dein redlich gefragtes Gewissen den Widerstand zur Pflicht macht, und insofern du, nach unterdrückter Eigenliebe, und nach siebenfach geläuterten Begriffen fähig bist, über deinen Feind ein richtiges Urteil zu fällen.

Wer so leicht glaubt, Feinde zu haben, oder viele zu haben, legt ein zu großes Gewicht auf seine Talente, hält sich für bedeutender als er ist, sieht Feinde außer sich, die es nicht sind, und sieht den größten Feind, den er im Busen trägt, sich, seine Eitelkeit nicht. Das ist also das Kennzeichen des edlen Mannes. Er hält sich nicht leicht für wichtig genug, Feinde, oder viele Feinde zu haben. Er fühlt seine Schwächen immer mehr und bemerkt die Schwächen seiner Mitmenschen immer weniger. Wer sich durch wilden Trotz, mutwilligen Angriff, unzeitigen Tadel, unnötigen Widerstand, beruflose Selbstankündigung überall hervordrängt, der ruft selbst seinen Feinden zu, daß sie gegen ihn zu Wehr und Waffen greifen, weckt Neid und Eifersucht und schafft sich Feinde ohne Not. Der edle Mann breitet vielmehr einen Schleier über seine Vorzüge, wägt als Mensch und als Schriftsteller sein Wort, um nicht zu beleidigen, stellt sich nirgends an die Spitze einer Partei oder in den Nachtrab derselben, läßt die schreienden Haufen schreien und arbeitet still und emsig auf seinem Felde. Dadurch entwaffnet er ein Dutzend seiner wirklichen Feinde und hält ein anderes Dutzend zurück, die Partei der erklärten Feinde zu verstärken. So ist Demut die glücklichste Ableiterin mancher Donnerwolken, die über deinem Haupte schweben.

Wer kühn beleidigen will und stark hassen kann, der hat alle Gaben, ein Abenteurer von Unversöhnlichkeit zu werden und die ersten Beleidigungen, denen man die Entschuldigung der unüberlegten Hitze könnte angedeihen lassen, durch überlegtes Wiederholen der ersten Angriffe schmerzender und schwer verzeihlicher zu machen. Nicht so der edle Mann: er bietet zuerst die Hand zur Aussöhnung, und kann auch nach zurückgewiesener Hand seinen Feind noch lieben. Aber diese Liebe der Person verbietet nicht allen Widerstand gegen die Angriffe; sie verbietet nur den unnötigen und wacht, daß auch nötiger, milder Widerstand immer Widerstand ohne Haß bleibt.

II. Unter den Gesetzen der menschlichen Natur ist auch dieses Gesetz: Der Mensch kann, wenn der Eindruck nicht zu heftig oder die Ueberraschung schon vorüber ist, den Blick wegwenden von dem, was ihm wehe tut und hinwenden zu dem, was ihm wohltut. Nun sind an meinem Feinde zwei Seiten, die des Menschen und die des Feindes, deren jene mir wohl, diese wehe tut. Also kann ich den Blick von der Seite des Feindes wegwenden und auf die Seite des Menschen hinheften.

Wenn man genau untersucht, wie die Menschen zu handeln pflegen, so wird man sich überzeugen können, daß auch der böse Mensch, der böse genug ist, sogar Schadenfreude an dem Unglück zu haben, das er angerichtet hat, wohl nicht aus reiner Bosheit handle, das heißt, ohne alle Uebereilung, oder Unkenntnis, oder Irrung, oder Vorurteil, oder Leidenschaft, ohne allen Schein eines Grundes oder Rechtes, bloß um wehe zu tun. Je mehr man mit den Triebfedern menschlicher Handlungen und den Situationen handelnder Menschen bekannt zu werden Gelegenheit hat, und dieselben wohl benützt, desto gewisser findet man den Satz: Kein Verbrecher weiß, was er tut. Also kann die Vernunft in der Handlung des erklärten Bösewichts noch einen Grund zur Verzeihung finden, kann sagen: O des armen Mannes, er wußte doch nicht, was er tat! So konnte Jesus an den Feinden seines Lebens, die wilde Schadenfreude an seinem Sterben bezeugten, noch Stoff und Grund zur Verzeihung finden: Vater, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.

Nicht nur verzeihlich ist die Tat des Feindes, sondern auch die Person des Feindes kann Mitleid in dem Beleidigten erregen. Der Zustand der Unkenntnis, der Leidenschaft, des Vorurteils, des Hasses, der Blindheit, ist fähig, Mitleid zu erregen gegen einen Menschen, der seiner Würde vergessen und gegen seine Vernunft handeln konnte. Ferner kann zu diesem Mitleid mit dem Feinde der Gedanke anregen, daß das menschliche Herz im Unrecht nie Ruhe findet, sondern Haß und Gram wie eine eigene Hölle in sich trägt. – Das Mitleid verdoppelt sich, wenn der Feind aus eigener Schuld elend ist und sein Elend nicht erkennt. Denn das verschuldete Elend ist größer als jedes andere und jenes, das man als solches nicht erkennt, unheilbarer. Kann ich aber meinen Feind bemitleiden, so kann ich ihm auch wohlwollen. Denn wohlwollen kann ich jedem, dem nach meiner Erkenntnis irgend ein Wohlsein fehlt, und dem ich dieses Wohlsein zu wünschen, überwiegende Antriebe finden kann. Wenn ich meinem Feinde wohlwollen kann, so kann ich ihm auch wohltun, vorausgesetzt, daß es mir an Mitteln und Gelegenheiten dazu nicht fehlt. Denn Wohltun ist nichts anderes als kräftiges, lebendiges, in die Tat übergehendes Wohlwollen. Wenn ich meinem Feinde aber wohlwollen und wohltun kann, so werde ich ihn nach und nach wieder lieben und zwar wahrhaft und von Herzen lieben können, das heißt, nach und nach ohne Widerstand des Herzens, ohne Haß, ohne Bitterkeit an ihn denken, herzliche Freude an seinem Wohlergehen haben, alles Wohlsein ihm aufrichtig gönnen, mit bereitwilligem, zuvorkommenden Herzen ihm dienen, brüderlich für ihn zu Gott bitten, und durchaus so gegen ihn gesinnt sein können, als wenn er mir kein Unrecht erwiesen hätte. Denn wenigstens nach vorhergegangenen Uebungen des Mitleidens, Wohlwollens, Wohltuns, wobei noch etwas Bitterkeit und Widerstand des Herzens mitunterlaufen mag, werde ich meinen Feind, mich und unseren gemeinschaftlichen Schöpfer von dem rechten Gesichtspunkte aus betrachten und zu mir selbst sagen können: Sieh! Dieser Mensch, der dir Unrecht getan hat, ist doch Mensch, ist Bild Gottes, wie du; ist fähig wieder gut und edel zu werden, und besser und edler als alle deine Freunde; ist unsterblich wie du, kann ein Freund der Tugend und Mitgenosse ewiger Freude werden; wird vielleicht durch nichts mehr angetrieben werden, zur Tugend zurückzukehren, als wenn du ihm dein Herz wieder schenkst; wird geliebt von seinem und deinem Gott: und du solltest ihn nicht lieben?

Es ist ein Gesetz der Natur, alle Menschen zu lieben, und das Unrecht, das dir widerfahren ist, kann das Band der Liebe nicht auflösen. Also bleibt es Pflicht, deinen Feind zu lieben: und du könntest diese Pflicht übertreten und nicht lieben? – Das Wohl dieses Menschen, der dir Unrecht getan hat, ist der Mitendzweck der Schöpfung: und du solltest ihn nicht lieben? – Es ist kein schönerer Triumph, als den lieben, der dir wehe getan hat: und du solltest dir diesen Triumph versagen? – Freunde lieben ist nichts großes, aber deinen Feind lieben, das ist groß: und dir sollte diese Größe zu groß sein? – Die und die könnten ihre Feinde lieben: und du könntest nicht, was so viele andere konnten? Läßt doch Gott auch seine Sonne scheinen über Gute und Böse: und du solltest gegen das Beispiel deines Gottes kalt bleiben?

Wer verzeiht wie Gott, ist Gottes Kind.

Christus betete für die, welche ihn an das Kreuz brachten: und du wolltest kleine Vergehungen unverzeihlich finden?

Gott läßt dir deine Schuld nach, wie du deinen Mitknechten die ihrige nachlässest: und du wolltest unbarmherzig gegen deine Mitknechte sein?

Durch diese und ähnliche Betrachtungen, wenn sie lebendig genug sind, wird sich mein Gemüt nach und nach über sich selbst ergeben, und nach vielen Kämpfen und Siegen den Feind lieben können. Nach und nach wird diese Liebe reiner werden.

 

E. Von der Höflichkeit, die aus echter Menschenliebe hervorgeht.

Der Verfasser des Telemach unterscheidet zwei Arten von Höflichkeit: »Eine ist die feine Manier des Menschen, welcher keine andere Absicht hat, als sich zum Idole seiner Mitmenschen, und sie zu Götzenknechten seines Interesses zu machen. Die andere ist ein edles Vergessen seiner selbst, um sich anderen zu schenken, damit sie auch gut und glücklich werden; eine Opferung des Eigenwillens, um fremden Leidenschaften zuvorzukommen oder sie zu stillen; eine Art von Gottesdienst, von Verehrung, die man den Ebenbildern Gottes erweist.«

In einer Anmerkung zu diesem Abschnitt betont Sailer, daß seine Darlegungen nur die Vereinbarkeit dieser Heldentugend mit den Gesetzen der menschlichen Natur und ihre Möglichkeit dartun. »Denn daß der Mensch ein neues Geschöpf sein müsse, um seine Feinde von ganzem Herzen zu lieben, will ich schon garnicht leugnen. Ein Anderes ist: Die menschliche Natur ist dieses Edelmuts fähig, und ein Anderes: Der Mensch kann sich selbst überlassen, in sich selbst diesen edlen Sinn erschaffen.«]

Man bedarf keines Scharfsinnes um zu bemerken, daß die Höflichkeit der ersten Art die Eigenliebe, die der zweiten Art wahre Gottes- und Menschenliebe zur Quelle hat. Man wird auch leicht die Entdeckung machen können, daß es zwischen diesen Extremen von Höflichkeit noch eine andere gibt, die gleichsam in der Mitte liegt, nämlich die Höflichkeit der erlaubten Klugheit, die gerade nicht das Wohl des Menschen bezweckt, aber auch nicht ihren Schaden; die zwar eigenes Wohl, aber nicht auf Kosten des fremden, erstrebt; die die Menschen für sich braucht, aber nie gegen sie; die zwar nicht von der Liebe befohlen, aber doch von der Gerechtigkeit im Zaume gehalten wird.

Der gute Mann wird die Höflichkeit der Eigenliebe verabscheuen, die der Klugheit nur zur Notdurft anwenden, mit der Entschlossenheit, eher einen Schaden zu dulden als fremden anzurichten, und die Höflichkeit der Tugend mehr mit Beispiel als mit Worten empfehlen. Wahre Tugend oder was dasselbe ist, wahre Gottes- und Nächstenliebe, ist mit Höflichkeit nicht unverträglich; vielmehr macht sie dieselbe des Menschen wert, und für andere liebens- und ehrwürdiger, einnehmender und gebietender.

1. Wahre Tugend macht die Höflichkeit des Menschen wert, d. i. menschenwürdig. Denn, da der Mensch den Beruf hat, für sich gut, und gegen andere wohltätig zu sein, so ist jede Höflichkeit, die nicht mit dem Gutsein des Menschen und mit seinem Berufe, ein Wohltäter seiner Mitmenschen zu werden, bestehen kann, der erhabenen Natur und großen Bestimmung des Menschen unwert. Es ziemt dem Menschen nicht, daß sein Aeußeres entweder ein Sendling der Eitelkeit, oder ein Werkzeug des Eigennutzes, oder ein Knecht der Wollust werde, und eines aus diesen Dreien muß es sein, so oft die Eigenliebe Höflichkeit gebeut. –

Diese Grundsätze der forschenden Vernunft kann jeder Redliche an dem Ausspruche seines Gewissens prüfen und rechtfertigen. Denn das Gewissen kann die Höflichkeit, die nur eine Götzendienerin der Eitelkeit, oder der Wollust, oder des Eigennutzes ist, nie billigen, muß sie immer mißbilligen. Die Höflichkeit der Klugheit, insofern sie innerhalb der Schranken der Gerechtigkeit bleibt, kann das Gewissen zwar nicht verdammen, aber auch nicht sonderlich empfehlen, sondern nur erlauben. Hingegen den Charakter der Höflichkeit, die von wahrer Tugend abstammt, kann das Gewissen nicht verdammen, muß ihn vielmehr billigen, empfehlen, und mit seinem Beifalle belohnen.

2. Wahre Tugend verschönert die Höflichkeit und macht sie liebens- und ehrwürdiger, einnehmender und gebietender für andere Menschen. Ich darf nur das Bild dieser Höflichkeit ausmalen und dann die Stimmen der Leser zur Ehre der Tugend entscheiden lassen. Die Höflichkeit, die von der Tugend beseelt wird, fällt nicht etwa bloß auf durch feine Manieren, sondern vorzüglich durch die Güte des Herzens, die durch dieses Aeußere scheint: empfiehlt sich nicht bloß durch eine angenehme Miene, Gebärde, Stellung, Wendung, sondern weckt Ehrfurcht durch den Adel der Absichten, welche der angenehmen Miene, Stellung, Gebärde, Wendung eine eigene Würde gibt; nimmt nicht bloß ein durch das Natürliche, Ungezwungene, Leichte, sondern gibt dem Natürlichen, Ungezwungenen, Leichten das Gepräge des Wohlwollens, das zur Liebe nötigt, und das Gepräge der Selbständigkeit, die Achtung und zwar von Rechtswegen, gebeut. Diese Höflichkeit, die von dem Reichtum des Wohlwollens und von der Ordnung des Inneren hervorgebracht wird, kann nur von Wohlwollen und Ordnung zeugen; trägt keine Spur der Verstellung und kein Zeichen der Anmaßung; tut nicht wehe durch das Steife des Stolzes und drückt nicht durch das wegschreckende Großseinwollen; erregt nie den Verdacht einer Schwachheit, die alles erschmeicheln oder einer falschen Stärke, die alles ertrotzen, oder der feinen Ränke, die nur durch Umwege zum Ziele kommen will. Diese Höflichkeit artet nie in die niedere Politesse aus, die um Geld, Ehre oder sinnliche Vergnügen bettelt, drückt nie auf andere durch Hervorkehren der Ueberlegenheit an persönlichen Gaben oder äußeren Gütern; angelt nie durch Verheißungen oder Geschenke nach Vertrauen, die sie nicht glücklich machen kann, oder nicht darf. Kurz, diese Höflichkeit kann mit jedem in seiner Sprache reden, ohne die Rechte der Wahrheit und Gerechtigkeit zu kränken; kann sich in alle Formen gießen, ohne die wesentliche Form der Tugend zu verlieren.

Wo wäre der Mensch, der einem solchen Bilde von Höflichkeit seine Liebe und Achtung entziehen könnte? Aber, was jetzt in unseren Kalendern und Gesellschaften unter dem Titel Höflichkeit gerühmt wird, ist oft nur das Gespenst derselben, das mit dem Schatten der Tugend umherschleicht, oder eine Larve der Höflichkeit, die das Aas der Eigenliebe verdeckt.

Zweiter Abschnitt. Vom Frohsein des Menschen

Erstes Kapitel. Von der Quelle des wahren Frohseins

Nach den Erfahrungen der redlichsten Menschen ist das Gutsein die Wurzel des Wohlseins. Die redlichsten Menschen gestanden und gestehen noch, daß die edelsten Augenblicke ihres Seins auch die frühesten waren.

Dies Geständnis kann man nicht für unbedeutend ausgeben, ohne sich selbst zu verurteilen; man kann aber auch den ganzen Wert dieses Geständnisses nicht fühlen, außer wenn man die schönen Bemühungen, selbst gut zu werden, schon aus Erfahrung kennen gelernt und so in dem Streben, gut zu werden, einen Vorgeschmack des Wohlseins empfunden hat.

Jenes Geständnis und diese Erfahrung sind begründet in einem offenbaren Gesetz der menschlichen Natur, welches lautet: Wer in sich friedlos, mit sich selbst uneins ist, wird nicht von außen, sondern durch sich selbst gehindert im Freudengenusse. Die Realität dieses Gesetzes können wir in der Natur jeder Leidenschaft kennen lernen.

Wer nicht neidlos ist, wird vom Neide gehindert, sich an fremder Freude mitzufreuen. Und ohne Neidlossein, kein Gutsein. Wer nicht frei von Eitelkeit ist, wird von dem Verlangen, sein Ich gepriesen zu sehen, gehindert, an allem Guten, Wahren, Schönen Freude zu haben, das in seinen Wahrnehmungskreis kommt. Und ohne Freisein von Eitelkeit, kein Gutsein. Wer der Geldliebe dient, wird von ihr gehindert, ein Vater der Armen zu sein und die Freude nicht kosten zu können, sich Abbruch zu tun, um anderen wohlzutun. Und ohne Wohltätigkeit kein Gutsein u. s. f.

Wir haben noch einen anderen Weg, dies Gesetz unserer Natur kennen zu lernen: wir dürfen nur vergangene Gemütszustände mit unseren jetzigen vergleichen. So war mein Urteil ganz anders, so lang ich den Keim des Widerwillens gegen meinen Nachbar in mir trug, als es jetzt ist, da ich mich mit ihm ausgesöhnt habe.

O, daß wir dem Faden, den uns unsere Erfahrungen ohne Unterlaß darreichen, fleißiger nachgingen; er leitet uns auf den Mittelpunkt alles Frohseins, auf das Gesetz unserer Natur: Sei gut, um der Freude fähig zu werden. Wie nun aber der Gartenfreund töricht handelt, der die Früchte haben will, ehe er die Wurzeln in die Erde gesenkt, wie der Landwirt töricht handelt, der vor der Aussaat ernten will, wie der Bildhauer töricht ist, der aus einem Holze, das keiner feinen Form empfänglich ist, einen Apollo bilden will, wie der Baumeister töricht ist, der, statt den Grund zu legen, immer nur auf den Dachstuhl achtet: gerade so töricht handeln wir täglich, wenn wir Freude suchen, ehe wir uns derselben empfänglich gemacht, und ernten wollen, ehe wir ausgesät haben.

Zweites Kapitel. Vom ersten Gesetze alles Frohseins

Daher ist das erste Gesetz alles Freudengenusses: Um Freude zu haben, mache dich zuerst der Freude fähig. Oder: Sei gut, um der Freude empfänglich zu werden.

Dies ist so wahr, daß das nämliche Gut, welches dem Guten dauerhafte Freude gewähren kann, weil er der Freude fähig ist, jedem, der nur Genuß haben will und sich um das Gutsein nicht kümmert, leer ausgehen läßt. Der Gute freut sich der häuslichen Freude seines Bruders und findet seinen Himmel in fremdem Glücke; der eigennützige, neidvolle Nachbar sieht die Freudenernte seines Nachbars nicht ohne Kummer an, und findet im fremden Glücke seine Hölle. Der Diener Gottes freut sich bei dem Untergange der Sonne, und preist den Schöpfer der Sonne in seinem Geschöpfe. Der Rachsüchtige bemerkt vor lauter Drang, Rache zu nehmen, nicht einmal den Untergang der Sonne, und wünscht bei dem letzten Widerschein der großen Wohltäterin seinem Feinde den Tod u. s. f.

Man beginnt der Freude wert und empfänglich zu werden, wenn sich die Liebe und Achtung für das Gute von jedem Eigennutz und aller Selbstsucht zu reinigen anfängt. Man wird der Freude würdiger, wenn die Liebe und Achtung für das Gute reiner, d. h. edler wird. Der Freude ganz würdig ist, wer das Allerbeste um seinetwillen über alles andere und alles, was ihm ähnlich ist und ähnlich macht, um seinetwillen nach dem Maße dieser Aehnlichkeit achtet und liebt.

Daß wir tatsächlich der besten Freude nicht recht fähig werden können, ohne derselben nach dem Maße des gegebenen Vermögens würdig zu werden, erhellt schon daraus, daß uns der freie Wille aus keiner anderen Ursache gegeben sein kann, als durch selbsttätige und uneigennützige Liebe und Achtung für alles Gute, der Freude zunächst würdig zu werden. Ferner daraus: so lange wir nicht mit aller uns gegebenen Kraft streben, der Freude würdig zu werden, so lange wird uns unser unbestochenes Gewissen tadeln und strafen, oder wenigstens, durch Entziehung der vollkommenen Billigung, etwas Bitterkeit in unser Wohlsein legen. Je mehr wir aber nach Würdigsein und je weniger wir nach Freudigsein trachten, desto dauerhafter und reiner wird die Freude, desto mehr unser Gewissen den Genuß der Freude billigen.

Vielleicht ist es einigen Lesern nicht unangenehm, durch einen einfacheren Gedankengang zur festen Ueberzeugung dieser Wahrheit zu kommen. Hier ist er:

Der Mensch ist – wie sein Wille. Des Menschen Wille ist – wie seine Liebe. Die Liebe des Menschen ist – wie ihr Gegenstand, und wie die Lauterkeit des Beweggrundes.

Liebt er das Gutsein, und damit letzthin das Gottähnlichsein, das Urbild und die Urquelle alles Guten, so wird seine Liebe, und durch diese er selbst, gut und damit der Freude würdig.

Ich sehe nicht, was die Vernunft in dieser Reihe: Menschsein, Gutsein, der Freude wert sein, tadeln könnte.

Drittes Kapitel. Vom zweiten Gesetze alles Frohseins

Nicht nur greifen die Menschen die Sache am unrechten Ende an, suchen das, was sie zuletzt suchen sollten, zuerst, und was sie zuerst suchen sollten, schon gar nicht oder nur halb, und verkehren so die Ordnung der Natur, die jeder Aufmerksame in sich wahrnehmen kann, sondern sie suchen das Wohlsein auch in Dingen, die nicht nur keins gewähren, sondern darüber hinaus noch alle Anlagen des Wohlseins zerstören. Sie suchen Wohlsein im regellosen Streben, in ungebändigten Leidenschaften und ihrer Befriedigung und verstoßen so wieder gegen ein Gesetz aller wahren Freude, das unserer Natur gegeben ist, und das am allerwenigsten die Uebertreter derselben verkennen sollten. Denn die großen, fürchterlichen Zerrüttungen, die täglich aus ungebändigten Leidenschaften und ihrer Befriedigung entstehen, die Zerrüttungen im Verstande, im Willen, im Leibe, und im ganzen Wirkungskreise des Menschen, weisen jeden auf dieses ewige Gesetz unserer Natur hin. Es ist doch so klar, als nur etwas klar sein kann: Was alle Kraft, froh zu sein, zerrüttet, kann nicht froh machen; wo keine Bändigung der zerrütteten Leidenschaften, da keine Ordnung unseres Strebens; und wo keine Ordnung des Strebens, da keine Empfänglichkeit für dauerhafte, wahre Freude. In dem, was die Anlage aller wahren Freude zerstört, ist keine Freude zu finden.

Daher die durchaus praktische Vorschrift: Um die wahre Freude zu finden, suche sie nicht in dem, was alle Anlagen zur wahren Freude zerstört, in den Leidenschaften und ihrer Befriedigung.

Diese Vorschrift ist gewiß so alt, als die Versuchung, sie zu übertreten. Sie bleibt aber so lange ohnmächtig oder wenigstens sehr wirkungsschwach, bis der Mensch ein höheres Vergnügen, als die Leidenschaft gewährt, gekostet hat, und, im Gefühle und Besitze des Besseren, das Geringe standhaft verachtet.

Viertes Kapitel. Vom dritten Gesetze alles Frohseins

Dauerhafte, und des Menschen ganz würdige, die allerwürdigste Freude, soll nur gesucht und kann nur gefunden werden in der Quelle alles Gutseins, und aller Seligkeit, d. h. in Gott.

I. Sie soll nur in dieser Quelle gesucht werden: denn der Mensch trägt in sich 1. das Bild, die Idee von Gott, 2. unverkennbare Spuren der Güte, Wahrheit und Gerechtigkeit. Oder warum loben wir übereinstimmend gewisse Handlungen und tadeln andere? – Der Mensch ist 3. seiner Natur nach fähig, Gottes Dasein zu ahnen, ihn zu erkennen, ihn zu verehren und ihn zu lieben, Gott ähnlich zu handeln. – Wie wären sonst Gottes Erkenntnis, Gottes Liebe, Gottes Verehrung, gottähnliche Handlungen in die Menschenwelt gekommen, wenn die Natur des Menschen dieser Vorzüge unempfänglich wäre? Es ist 4. Bedürfnis für den Menschen, nach dieser Gotteserkenntnis, Gottesverehrung und Liebe, dieser Gottähnlichkeit zu streben; denn wozu alle Philosophie, Theologie, Religionsstreite, Schulen, Kirchen, wenn es nicht Bedürfnis für den Menschen ist, über diese Angelegenheit, die Religion, Aufschlüsse zu suchen, zu geben, zu vermehren? Es ist 5. für den Menschengeist, außer Gott, kein Halt seiner Hoffnungen, kein Befriedigungsmittel seines Strebens nach Vollkommenheit und Seligkeit, wie es die vollständige Unersättlichkeit des menschlichen Strebens klar beweist; es ist 6. die Bestimmung des Menschen, die reinste Freude in Gott zu suchen und zu finden; denn wozu hätte er die Religionsfähigkeit, die Idee von Gott, die Kräfte ihn zu kennen, zu verehren, zu lieben, ihm ähnlich zu werden, als um die reinste Freude im reinsten Gute zu finden, und um sie zu finden, sie zuerst zu suchen? Also soll er in der Quelle des Guten seine Freude suchen; denn das soll ich offenbar, wozu meine geistige Natur, meine höheren Fähigkeiten, meine höheren Bedürfnisse, das unauslöschliche Streben nach Vollkommenheit und Seligkeit, meine Bestimmung mich treiben.

II. Diese Freude kann nur in Gott gefunden werden. Denn einerseits sind alle übrigen Güter entweder gebrechlich und vorüberfliegend, wie Menschenehre, oder niedrig und gebrechlich zugleich, wie Sinnenlust, oder wenigstens unfähig, den Durst nach reiner Seligkeit zu löschen, wie eigene Vollkommenheit und eigenes Bewußtsein derselben; und andererseits hat die Menschennatur einen Trieb nach dem Besitze und Genusse eines unzerstörlichen, höheren, reinen Gutes. Dieses aber ist außer Gott nirgends.

Daher also die höchst wichtige Regel, die nur kurzsichtige, oder in ihren eigenen Ideen verbohrte, oder ihre Würde verkennende Geister mißverstehen können, die Regel nämlich: Freuden, die deiner höheren Natur würdig, die allerwürdigsten, die ewig sind, suche nur in Gott.

III. Wie soll ich aber Freude in Gott suchen? Die Antwort darauf ist leicht zu geben, aber schwer zu befolgen:

Suche nur der Freude in Gott fähig und würdig zu werden, dann kommt sie von selbst.

Das ist eben der Vorzug der wahren Freude: es gehört keine eigene Kunst dazu, sie zu finden. Wer ihrer fähig und würdig ist, hat sie schon gefunden.

Wie kann ich aber dieser Freude fähig und würdig werden? Auch diese Antwort ist leicht zu geben, und schwer zu befolgen.

Frage deine höhere Natur, dein Gewissen, und benütze alle Belehrungen, die dir offen stehen, um das Gute, d. h. den Willen deines Gottes zu erkennen, und räume alles weg, was diesem Guten, d. h. dem erkannten Willen deines Gottes zuwider ist. Und du wirst der ewigen Freude, die nur in Gott zu finden, fähig und wert. Oder mit anderen Worten: brauche die Kräfte, die du hast, und suche neue, um der Freude in Gott fähig und würdig zu werden. Daher die alte, sinnvolle, so oft mißdeutete und noch öfter unbefolgte Regel:

Um des Menschen wahre Freude in Gott wirklich zu finden, erforsche genau seinen Willen, wende alle Kräfte an, die du hast, um ihn zu erfüllen, und flehe um jene, die du nicht besitzest.

Allein, wo ist der Mensch, der sich in Erforschung und Erfüllung des erkannten Willens Gottes nie eine Schuld zukommen läßt? – Ich kenne keinen. Darum ist es auch in dieser Hinsicht eine wesentliche Aufgabe der besseren Moral, die Menschen, statt sie durch sich allein ganz gut machen zu wollen, an Gott zu weisen. Ohne ihn, den großmütigen Vater der Menschen, der unsere täglichen Fehler verzeihen kann und will, ist keine standhafte Beruhigung denkbar sowohl wegen der vergangenen und täglichen Fehltritte, deren wir uns nicht wohl erwehren können, als wegen der nahen Gefahren, in Zukunft wieder zu fehlen. Und ohne diese Beruhigung keine dauerhafte Freude und keine Empfänglichkeit dafür.

Deshalb ist mir das Evangelium so willkommen, weil es jeden, der an etwas Besseres glauben und wegen des Schlimmeren Buße tun will, vollkommene Vergebung aller Sünden durch die grenzenlose Erbarmung des Vaters in seinem Sohne verheißt. Und ich muß es nur geradeheraus sagen: ich kenne keine genugtuende Philosophie, ich kenne nur die Genugtuung des Evangeliums und die mit ihr eines Geistes ist. Sie allein führt den Menschen zuerst in sich hinein, macht ihn in seinen Augen gering und lehrt ihn in seinem Herzen die tägliche Probe dieser Wahrheit suchen und finden, daß er gering, noch nicht gut, noch krank und einer Heilung bedürftig sei. Ist so der Mensch zuerst gering in seinen Augen geworden, und zur Selbsterkenntnis durchgedrungen: dann führt sie ihn zur Quelle alles Guten, und lehrt ihn, durch Vertrauen auf sie und durch Selbstverleugnung, des Besseren fähig, empfänglich und teilhaftig zu werden. Jede andere Philosophie muß den Menschen nur noch elender machen, da sie ihn entweder so blind macht, daß er seinen Zustand nicht erkennt und sich für gut hält, ehe er's ist; oder wenn sie ihm die Augen über seinen eigenen Zustand öffnen sollte, ihn doch in Ansehung der Quelle, woraus allein Beruhigung und Erneuerung des alten, verdorbenen Sinnes kommen kann, blind macht, oder blind sein läßt.

Ich muß es noch bestimmter sagen: Ich kenne keine vollkommenere, menschlichere und göttlichere Sittenlehre als die in dem Sendschreiben des Mannes, den unser Herr lieb hatte, enthalten ist:

»Kinder, sündiget nicht!«

(Dies ist der erste Teil aller Moral.)

»Wenn ihr aber gesündigt habt: so habt ihr einen Fürsprecher beim Vater.«

(Dies ist der zweite Teil der Moral.)

Da nun die Weisen dieser Welt auf die Buße so selten zu reden kommen, und einige auch sogar von Gott nichts wissen wollen, gerade da, wo sie den Menschen zum guten Menschen machen wollen, so ist es offenbar, daß sie weder die Schwächen der menschlichen Natur, das, was geheilt werden soll, noch die Kraft ihnen abzuhelfen, das was Heilmittel werden sollte, noch den Geist aller Moral, der nur in Erneuerung und Umschaffung des alten verdorbenen Sinnes bestehen kann, kennen gelernt haben. Ohne Erkenntnis jener Schwächen, und dieser Kraft, ohne den Geist der Moral zu kennen und zu besitzen, ist aber alle Systembauerei von Verbesserung des Menschengeschlechtes entweder eine politische Verheimlichung des inneren Schadens, oder eine Aufflickung einiger scheinbarer Tugendlappen, oder ein Gewebe von gelehrten Worten, das so lange dauert, bis der müde Kopf aus dem Ideenkreise herunter, und in den Erfahrungskreis eintritt, oder höchstens eine schöne Anweisung auf den dornichten Pfad des Gutwerdens, ohne Kraft, darauf zu wandeln.

Um also zu wahren, dauerhaften Freuden zu gelangen, dürfen wir nie müde werden, die Reihen unserer Gedanken und Wünsche, Handlungen und Leiden streng zu untersuchen, sie mit dem Ideal des Guten, das wir in uns haben, genau zu vergleichen, jede Abweichung von den Gesetzen unserer geistigen Natur uns selbst redlich zu gestehen und mit gerechtem Selbsttadel zu strafen, Vergebung derselben bei der Quelle alles Guten mit Vertrauen zu suchen, alle gegenwärtige Kraft zur Verbesserung des erkannten Fehlers treu anzuwenden, und um neue zu flehen. Daher die Regel:

Um der Freude fähig und würdig zu werden, prüfe den Unwert deiner Gedanken, Wünsche, Handlungen und dich selbst genau, und laß dich nie von der Ueberzeugung abbringen, daß du ohne Buße, ohne Sinnesänderung nie wahrer Freude fähig und würdig werden kannst.

Tut Buße, um in das Reich des Gutseins und Wohlseins einzugehen, ist also ein Kanon der besseren Philosophie, wie der höheren Weisheit. Und wenn die Philosophie den Menschen, die erst gut werden sollen, etwas Wichtigeres zu predigen hat, als: »Tut Buße«, so ist es bestimmt nicht die rechte Philosophie. Sie kann Vorbeugungsmittel geben, aber das rechte Heilmittel kennt sie nicht. Oder sie mag vielleicht doch, als Vernunftmoral, wie sie soll, den Bußprediger Johannes machen, und rufen: Tut Buße; aber wenn der nicht nachkommt, »der mit dem heiligen Geiste tauft«, so wird es bei dem Ringen nach Tugend bleiben, und die Wassertaufe unserer Vorsätze wird uns nur beweisen, wie schwach wir seien.

Es fehlt nicht an Menschen, die von Religionsfreuden reden und schreiben; aber daran fehlt es, daß wir ernten wollen, ehe wir Distel und Dornen und Unkraut von dem Acker weggeräumt, ehe wir Buße getan haben.

IV. Auf eben diesem Wege werden

1. die stillen Freuden eines guten Gewissens bereitet und gefunden. Denn, wer nach dem Guten, d. h. nach dem Willen des Allerbesten, redlich forscht, und ihn zu erfüllen sich unermüdlich bestrebt, und, wenn er sich eine Schuld hat beikommen lassen, sie durch doppelten Fleiß gut zu machen sucht: der hat das Zeugnis des guten Gewissens. Auf eben diesem Wege werden

2. die Freuden der Andacht bereitet und gefunden. Man muß sich manche niedere Lust versagt, man muß der Eigenliebe nicht bloß hie und da einen Abbruch getan, sondern standhaft ihrer Eingebung widerstanden haben, man muß sich des vertrauten Umganges mit Gott erst fähig und wert gemacht haben, um in ihm sein höchstes Gut zu finden.

Bis dahin ist alles, was man Freude der Andacht nennt, wenn es das Beste ist, was es sein kann, doch nur Ringen nach Andacht. Auf dem Wege dorthin liegt eine weite Strecke von Hindernissen, die nur die wenigsten Menschen wegzuräumen Großmut und Unverdrossenheit genug haben. Und doch müssen diese Hindernisse weggeräumt sein, ehe Andacht Freude, und höchste Freude des Menschen werden kann. – Bis dahin kann man, wie ich sagte, höchstens von einem Ringen nach Andacht sprechen. Denn bei dem nicht denkenden Haufen ist es gar oft nur Mechanik der Gebärden, und bei dem denkenden nur Entwicklung der Begriffe, was sie Andacht nennen, und Andacht ist doch so wenig Analyse der Begriffe, und so wenig eine Mechanik der Gebärde, als Gott eine bloße Idee, und der Mensch eine bloße Maschine ist. Damit nun die so genannte Andacht, das, was bei Denkenden gar oft ein bloßes »exercitium scholasticum«, eine Denkübung, und bei Nichtdenkenden ein »exercitium corporale«, eine körperliche Uebung ist, ein wirklicher Schwung des ganzen menschlichen Geistes zum höchsten Geiste, durch Glauben an ihn und Liebe zu ihm, werden kann, muß zuvor der gewaltsame Hang zu sinnlichen Gütern, wodurch die Geisteskräfte gelähmt werden, unterdrückt, d. i. der Geist des geringeren Gutes entwöhnt, und der besseren fähig gemacht werden.

3. Auf eben diesem Wege werden die Freuden der Freundschaft bereitet und gefunden.

Wir wissen: wahre Freundschaft ist dauerhaftes Einssein ähnlicher Geister; dauerhaftes Einssein zweier Geister ist unmöglich, wenn nicht jeder eins mit sich ist; kein menschlicher Geist aber kann eins mit sich sein, wenn nicht in ihm die Sinnlichkeit der Vernunft gehorcht, und die menschliche Vernunft der allerhöchsten. Es bleiben uns also nach diesen Voraussetzungen die besten Freuden der Freundschaft versagt, bis wir derselben, durch Einigung unserer Absichten mit den Absichten des allerhöchsten Wesens, fähig und würdig werden. Daher kennt die Moral keine andere Kunst, Freunde zu suchen, als die: gut zu werden. Denn stille, bescheiden, demütig, verschwiegen, freigebig, uneigennützig, wohlwollend sein, alles Erfordernisse zur wahren Freundschaft, ist nichts anderes als Gutsein.

Eigentlich soll man auch Freundschaft nicht suchen. Aehnliche Geister finden sich ungesucht. Die Gleichgesinnten ziehen an, und die Ungleichgesinnten stoßen ab. Wer an diese feine Anziehungskraft der Geister nicht glaubt, den macht dieser Unglaube schon aller wahren Freundschaft unfähig. Wer aber daran glaubt, und sich von diesem Glauben bestimmen läßt, der wird streben, gut zu werden, um so mit dem Guten im Guten zu harmonieren – und diese Harmonie ist Freundschaft.

Das Streben gut zu sein, erspart uns also all den gelehrten Apparat, wodurch die Gemüter auf die Schraube gesetzt werden, um das Phänomen der Freundschaft hervorzubringen; erspart uns das elende Freundewerben, und alle die unedlen Werbekünste, die nur auf unheiligem Boden getrieben werden. Freundschaft hat weder Schürze noch Fahne; sie ist stille wie die Wahrheit, und nüchtern wie die Tugend, und in sich gekehrt wie die Selbstverleugnung, und lauter wie die Liebe, und heiter wie die Unschuld. Man muß also – gut zu werden streben, um Freunde zu finden.

4. Auf eben diesem Wege werden die unschuldigen Freuden des Lebens vorbereitet.

Wer sagt, die Tugend sei eine Feindin der unschuldigen Freuden, der kennt entweder die Tugend nicht oder unschuldige Freuden nicht. Denn wie könnte der, den die Tugend wirklich mit wahrem Wohlsein tränkt, die Quelle des Wohlseins eine Feindin derselben nennen? Oder wie könnte der, welcher gut und durch sein Gutsein froh geworden ist, seinesgleichen eine unschuldige Freude verbieten wollen? Im Gegenteil, das wird jeder Gute kühn behaupten: »Liebe Mitmenschen, werdet nicht müde, gute Menschen werden zu wollen. Denn erst das Ringen nach Gutsein und das errungene Gutsein macht euch auch der unschuldigen Freuden, die, als ein Unterpfand besserer Freuden, diesem Leben gelassen sind, ganz fähig und wert.« »Nicht jede Freude ist unschuldig, und die unschuldigste fordert, um für dich zur Freude zu werden, ein freudefähiges Herz, und freudefähig ist jedes Herz, das gut ist, oder im edlen Streben sucht, es zu werden.«

Die Betrachtung der Natur z. B. kann uns viele unschuldigen Freuden gewähren, aber keinem gewährt sie mehr reinere und dauerhaftere Freuden als dem, der gut ist, der ruhig, heiter, eins mit sich ist. Siehst du den Jüngling mit gesenktem Blicke, in sich verschlossen, durch die segenvollen Kornfelder gehen? Nicht rührt ihn der Sonnenschein, nicht der Gesang der Vögel, nicht die fruchttragende Erde, deren Reichtum sein Kleid streift. Grobe, sinnliche Liebe hält ihn gefangen und führt ihn blind und taub gegen alle Gestalten und Stimmen der Natur durch sie hindurch, indeß das Kind mit Blumen spielt, die Sonne freundlich grüßt, und vor Freude hüpft. Zwischen diesem Kinde, das sich freut, ohne die Freude zu kennen, und zwischen jenem Jünglinge, dem der Trieb nach einer groben Freude die unschuldigen ungenießbar macht, geht der Mann, der, wie Franziskus, ruhig in sich Freude hat, und seine Freude kennt, Gottes Güte im Strohhalm und in der Blume sieht, ihn anbetend, sich des Lobgesanges und des lauten Dankes nicht erwehren kann. Ihm ist die ganze Natur ein Buch der heiligen Lehre und ein Gefäß reiner Freuden. Allerdings, bis die Natur für viele dies Buch der Freude ward, gingen heiße Kämpfe mit der sinnlichen Natur voraus. Diese unschuldige Freude ist durch manches bittere »Abstine« und »Sustine«, durch manches Versagen und Ertragen ihnen vorbereitet worden. Das gilt von allen unschuldigen Freuden. Der dauerhafte Geschmack daran ist das Werk der Tugend. Selbst die Freude an Kunst und Wissenschaft wird durch Gutsein vorbereitet. Es gehört eben zum Wesen jeder unschuldigen und reinen Freude, daß sie wahre Freude sei und bleibe. Beides ist sie aber für unser Herz nur dann, wenn dieses gut ist, oder nach Gutsein ringt. Hier liegt auch der eigentliche Unterschied zwischen dem »Weisen«, dessen höchstes Gut das allerbeste Wesen ist und dem bloß »Gelehrten«, dem die Wissenschaft, die vergängliche, höchstes Gut ist.

5. Auf diesem Wege werden ganz neue unschuldige Freuden bereitet, die nur der gute Wille aus Erfahrung kennt, und jeder andere unglaublich findet. Der gute Wille ist ein wohlgeschliffener Spiegel, in dem sich tausend Wahrheiten und Schönheiten spiegeln, die den ungebildeten, roh-sinnlichen Willen nicht berühren.

Der Bessere wird an diesem Satze nicht zweifeln können, der Mindergute nicht zweifeln wollen, um seine Hoffnung nicht selbst zu beschneiden. Der Verfasser kann nur wünschen, daß er und seine Leser die Wahrheit dieses Satzes in sich tragen und erfahren möchten.

So ist die frohe, heitere und aufheiternde Laune doch nur der Nachhall guter Handlungen, die ein Wohlsein in uns gründen, unschuldiger Freuden, die sich durch Erinnerung wieder genießen lassen, großer Hoffnungen, deren nur Gute, oder wenigstens nach Gutsein ringende Seelen empfänglich sind. Sie ist der Zustand des Gemütes, in dem unsere Geisteskräfte weder durch Leidenschaften gespannt, noch durch Untätigkeit gebunden, noch durch heißen Kampf gegen die Sinnlichkeit ermüdet, noch durch unvermutete Leiden oder anhaltende peinliche Arbeiten zu sehr gedrückt sind, sondern wo sie von dem stillen Bewußtsein, recht getan zu haben, von ruhigen Erwartungen des Besseren, von sanften Nachempfindungen der Freude belebt, tüchtig und fertig sind, Wahres zu bemerken, Schickliches zu reden, Gutes zu tun, an Freuden teilzunehmen und Freuden mitzuteilen, dem Ueberdruß zu wehren und den Gram zu verscheuchen.

Dieser glückliche Zustand, wenn er dauerhaft ist, ist nicht das Werk der Arzneien und kostbarer Heilmittel. Denn wenn auch der Arzt dadurch, daß er die Gefäße stärkt, und dem Blute leichtern Umlauf verschafft, die schwarze Laune, welche aus dem Körper aufsteigt, tilgen kann, und also unseres Dankes wert ist: so kann er doch die allerschwärzeste Laune, die aus dem verderbten Willen kommt und uns die frohe Laune raubt, nicht tilgen. – Dieser glückliche, dauerhafte Zustand ist nicht die Frucht der Luftveränderungen und Reisen. Denn so viel Sorgen die veränderte Luft auch von uns wegwehen und dem Geist sein Tagewerk erleichtern mag, so nimmt der Mensch sich selbst doch überall auf Reisen mit. Wenn also das Ich ein Siecher ist und dadurch der Sitz des Uebels ungebessert bleibt, so können alle übrigen Kuren nur das Uebel verdecken, aber nicht heilen. – Dieser glückliche dauerhafte Zustand ist nicht die Frucht des Umganges mit frohen und munteren Gesellschaftern. Denn sieh, wenn dich gleich ein munteres Gesicht, ein leichter Scherz auf etliche Momente zur Freude elektrisiert, so wird doch dein nächster, ewiger Gesellschafter, das trübe Du, dich bald wieder zum Trübsinn umstimmen, wenn der Grund der Freude nicht tief und fest genug gelegt ist. – Dieser glückliche dauerhafte Zustand ist nicht die Frucht der Lektüre, der Musik, der Aufklärung, des Verstandes. Man kann sich allerdings manche Grille weglesen oder wegsingen, und mit der Unwissenheit verschwinden auch viele Bangigkeiten und Angstzustände. Aber, wenn der Wille nicht gebessert ist, so werden aus dem ungesunden Boden Nebel aufsteigen, die kein Buch, kein Konzert, kein Verstandesbegriff wegschaffen kann.

Dauerhaft-frohe Laune ist eben nur da, wo der Wille sich von dem, was ihn mit sich entzweit, durch anhaltende Selbstverleugnung rein, und des Vertrauens auf eine allmächtige, weise Güte fähig gemacht hat. Dieser gute, und auf das allerbeste Wesen vertrauende Wille ist die einzige Quelle der dauerhaft frohen Laune. Gut muß er sein, damit ihn die eigenen Kräfte, vertrauend auf die Quelle alles Guten, damit ihn fremde Kräfte nicht unruhig machen. Wo beides fehlt, da fehlt auch die dauerhaft-frohe Laune. A. hat eine eigensinnige Laune, tadelt den Redenden und den Schweigenden, und will alles anders haben, als es ist. Wäre er gut genug um seinen eigenen Sinn der Pflicht, und seine Träume der höheren Weisheit, die das Kleinste wie das Größte leitet, zu opfern: so würde er mit sich zufrieden und frohen Sinnes sein. B. hat eine kindisch fürchtende und töricht argwöhnische Laune, steht vom Tische auf, wenn dreizehn daran sitzen, und sucht hinter jedem offenen Gesicht seinen Feind. Wäre er so glücklich, sich und seinen Gott zu kennen, fähig, sich zu verleugnen und ihn zu lieben, so würde er ohne Furcht und Argwohn, und stets guter Dinge sein. – C. hat eine fromm-ängstige und stets seufzende Laune, sieht nur die Finsternis und nie das Licht, das mit ihr im Streite liegt. Wäre er gut genug, das Bessere zu hoffen und sich desselben fähig zu machen, er würde auch in der Wüste der Leiden einen Pfad in das gelobte Land entdecken und mutig darauf fortwandelnd frohen Mutes sein.

6. Hier ist der Ort, ein Wort über die wohlfeilsten und kräftigsten Erholungen zu sagen, die ebenfalls auf diesem Wege uns bereitet werden.

Diese wohlfeilsten und kräftigsten Erholungen sind, außer einem einfachen Mahle und leichtem Schlafe, ein freundliches Gespräch, ein Spaziergang auf freiem offenem Lande und unter heiterem Himmel, eine kurze Lektüre, die uns nicht in Worte und nicht in uns verwickelt, sondern durch ein liebliches Gemälde der Wahrheit erquickt, ein zwangloses, kurzes, aus dem Herzen quellendes Gebet, eine leichte, stärkende Betrachtung der Natur u. ähnl.

Aber bis der Mensch fähig wird, an diesen Erholungen Geschmack zu finden und sich damit zu begnügen, muß er einen großen Aufwand von Selbstverleugnung gemacht haben. Und in dieser Hinsicht kann man die wohlfeilsten Erholungen auch die teuersten nennen. Doch sind sie dieses Aufwandes wert. Denn sie sind eigentliche Erholungen, holen wirklich die verlorenen Menschenkräfte wieder heim; sie sind würdige Erholungen, lassen keine Nachreue zurück: ja sie sind mehr als Erholungen, sind wirkliche Uebungen des höheren Sinnes der Einfalt, Unschuld, Ordnung, Selbstbeherrschung, und belohnen mit neuer Kraft, die Lasten des Lebens zu tragen, und die schweren Pflichten standhaft zu erfüllen.

Man kann sagen: Wie der Mensch, so seine Erholungen. Oder: der Gute ist es auch in seinen Erholungen. Denn man muß wirklich schon mehr als auf halbem Wege vorwärts gekommen sein, um sich das Unerlaubte nie unter dem Titel einer Erholung zu erlauben, und die erlaubten Erholungen nie zu oft zu gebrauchen, nie zu lange fortzusetzen, und nie zu hitzig danach zu streben. Man muß sich gebieten gelernt haben, um die besseren Erholungen männlich zu wählen, um die gewählten zweckmäßig zu gebrauchen, und im wirklichen Gebrauche derselben sich von keiner Begierde die Herrschaft des Geistes rauben zu lassen.

7. Auf diesem Wege wird ein souveränes Mittel gegen Ueberdruß und Langeweile bereitet. Eben das, was in uns eine dauerhaft heitere Laune gründen kann, das kann uns auch vor Ueberdruß und Langeweile bewahren. Eben das, was in uns den Sinn für unschuldige Erholung befestigt, öffnet uns eine Zuflucht in uns. Wir haben immer etwas Wichtiges zu tun – an unserer Besserung zu arbeiten – können immer mit dem Allerbesten Umgang pflegen, dürfen immer hoffen, wo wir nicht sehen, bitten, wo wir nichts vermögen. Zwar wird es auch in der Region des besten Menschen, und auch in seinem Innersten, im Kämmerlein des Herzens nie lange an Wolken, Leiden, Angriffen, Niederlagen fehlen können. Denn auch der beste Mensch – ist ein Mensch, und niemand fühlt es mehr als der gute Mensch, was es heißt, Mensch sein. Und wer sich zu einer ganz reinen Seligkeit in diesem Leben Hoffnung machen kann, der träumt, ohne es zu wissen, oder schreibt einen Roman.

Fünftes Kapitel. Von der Kunst unschuldige Freuden würdig zu genießen

Die unschuldigen Freuden werden würdig genossen, wenn

1. der Genuß nicht nur unschuldig ist, wie die Freude, sondern

2. die Freude im Genüsse veredelt wird und

3. den Menschen selbst veredeln hilft.

Unschuldig ist der Genuß der Freude, wenn uns die Begierde, froh zu sein, nicht über das rechte Maß (sowohl was den Grad der Begierde selbst, als die Art und Dauer der Vergnügen betrifft) hinausführen kann.

Veredelt wird die Freude im Genüsse, wenn wir die Freude, die uns wird, als Gabe Gottes ansehen, und als solche mit frohem Dank an Ihn genießen, daß der sog. Freudengenuß in eine Gott verehrende Handlung verwandelt wird.

Veredelt wird der Mensch durch den Freudengenuß, wenn er, seine Würde fühlend, mehr des Gebers als der Gabe sich freuen kann, und durch diese Freude neuen Mut empfängt um der Tugend, oder was ja dasselbe ist, um des Allerbesten willen, Angenehmes zu missen, Unangenehmes zu dulden, Schweres zu unternehmen.

Wer möchte nicht Menschen kennen, die sich so freuen? Es gab solche Menschen und es gibt sie noch. Wir übrigen, wenn wir gleich nicht in diese Reihe gehören, wollen uns wenigstens durch das Gesetz der Sinne nicht so weit blenden lassen, daß wir an dieser Größe ungläubig werden, weil wir uns zu klein fühlen, dieselbe zu erreichen; noch weniger wollen wir uns von den sinnlichen Lüsten so schrecklich erniedrigen lassen, daß wir diese Größe als Unsinn lästern und das ehrliche Ringen danach unter die törichten und überwundenen Altertümer setzen. Wir wollen wenigstens gerecht sein, wenn wir nicht Lust genug haben edel und groß werden zu wollen, und jene nicht lästern, die diesen Weg beschreiten, wenn wir selbst zu träge sind ihn zu betreten; wir wollen gerecht sein und es wenigstens im Urteilen über diesen Weg mit der Wahrheit halten. Die Wahrheit aber urteilt von ihm so: Dieser Weg ist:

1. nicht neu. Henoch kannte ihn. »Er wandelte vor Gott.«

2. wie die Tugend, im Anfang unangenehm und dann erfreuend. Das ist denn auch Prüfstein der wahren Moral und der falschen. Die wahre Moral weist anfangs hin auf Dornen, Selbstverleugnung, bewahrt aber am Ende auf Rosen, Kronen, Seligkeiten; die falsche winkt zur Lust, und bewahrt im Hinterhalte Jammer.

3. Diesen Weg können Arme und Reiche, Gelehrte und Ungelehrte, Hohe und Niedere, Gesunde und Kranke gehen, wenn auch nur wenige ihn gehen. Das ist wiederum ein Kennzeichen der wahren Tugendlehre; sie ist nach ihrem Inhalte zu urteilen, eine Lehre für alle; und nach ihrer Befolgung, eine Lehre für Wenige. Sprach nicht auch der Weiseste von einem schmalen Weg?

4. Dieser Weg könnte als gangbar nur von denen gründlich widerlegt werden, die mit aller Großmut ihn betreten, mit ausharrendem Mut darauf gewandelt und ihn dennoch unrichtig befunden hätten.

5. Dieser Weg kann dadurch nichts von seiner Zuverlässigkeit verlieren, daß ihn andere anders nennen, oder aus Unverstand lästern. Denn Worte sind Worte, und entscheiden nichts.

Sechstes Kapitel. Von den Leiden – als Quelle der Freuden

 

A. Von der Kunst und der Kraft, Leiden zu ertragen und ihre Last zu mildern.

I. Wer keine Leiden dichtet, wo keine sind, wer ferner das, was die vergrößernde Einbildungskraft gewöhnlich zu den wirklichen Leiden hinzutut, von ihrer Summe wieder wegstreichen kann, der hat seine Leiden schon sehr vermindert und ihre Last erleichtert.

Es gibt Leute, die, wenn sie hören, ihr Nachbar habe von ihnen ein entehrendes Wort gesprochen, sogleich aus dem einfachen Worte, durch Hilfe der vergrößernden Vorstellungskraft, ein Heer von Lästerungen bilden, die Folgen der Entehrung ins Große multiplizieren, für ihre Kinder und Kindeskinder zittern, und jeden Bürger für ihren stillen Feind ansehen, so daß sich die geschehene Entehrung zur eingebildeten verhält, wie 1 zu 100 000. Wer nun gelernt hat, jede Rechnung der Einbildungskraft streng zu überprüfen und diese fünf Nullen wegzustreichen, wer gelernt hat, ein entehrendes Wort für ein Zittern der dem Munde des Redenden nahen Luft anzusehen, wer glauben gelernt hat, daß der Mensch durch kein Wort entehrt werden kann, eben darum, weil er durch Worte nicht besser und nicht schlechter gemacht wird, wer endlich durch erduldete Mißdeutung gelernt hat, seine Handlungen ruhig mißdeuten zu lassen: der hat sich das geheime Leiden, das aus der Lästerung zu entstehen pflegt, schon sehr erleichtert.

Daher die Regel: Dichte kein Leiden, wo keins ist; und dichte dir kein Leiden größer, als es ist.

Wir dichten uns Leiden, wo gar keine sind, wenn wir die Güter, die wir haben, ungebraucht lassen und auf die Güter, die wir nicht haben, Jagd machen. So wähnt sich der, welcher sein hinlängliches Auskommen in der Welt hat, elend, weil er nur immer hinsieht auf die Reize des Reichtums, der ihm noch fehlt. So fühlt sich der Niedere elend, weil er nur immer hinsieht auf die erträumten Seligkeiten der Höheren, die ihm fehlen.

Wir dichten unsere Leiden größer als sie sind, wenn wir nicht die Vernunft, sondern die Empfindung, über die Größe der Leiden urteilen lassen. – Wie aber die Schwere eines Körpers auf keiner noch so gerechten Wage richtig bestimmt werden kann, wenn nicht die zufällig dem Körper anhängenden Gewichte aus der Wagschale weggenommen werden, so kann auch die Größe des wirklichen Leidens nicht genau bestimmt werden, wenn du es durch das falsche Gewicht der durch die Einbildung noch vergrößerten Empfindung abwägen willst. Wer fernerhin alles das, was die Vorstellung von der künftigen Dauer oder Steigerung eines Leidens zur Größe des gegenwärtigen hinzutut, von der Summe seiner Leiden abzieht, indem er die Last des heutigen Tages mutig angreift, und den morgigen für sich sorgen läßt: erleichtert sich sein Tagewerk und all seine Leiden. – Ein Zeitpunkt ist doch schließlich nur ein Zeitpunkt, ihn hat man auszufüllen und zu tragen, und die Zahl sechs ist heute nicht größer als sechs, mag auch vielleicht morgen aus dieser sechs eine zwölf werden. Wer also die Gegenwart tragen lernt, ohne auf sie das Gewicht der Zukunft zu wälzen: hat die Last seiner Leiden schon merklich vermindert.

Daher die Regel: Dichte dem Leiden keine Dauer an, die es noch nicht hat, und keinen Grad, den es vielleicht nie erreichen wird. Sieh vielmehr möglichst ab von der Dauer und von dem Grade, die noch im Dunkeln liegen, und trage nur, was heute ist, und wie es heute ist.

II. Wer bei den schmerzhaften Eindrücken der Gegenwart den Geist von denselben wegwenden, und mit stärkenden Betrachtungen beschäftigen kann: der hat sich sein Leiden leichter gemacht. Genau wie das Leiden dadurch drückender wird, daß wir uns ihm mit ganzer Einbildungs- und Empfindungskraft hingeben, genau so muß es von seinem Drucke in dem Maße verlieren, in welchem die Kraft zu tragen stärker wird. Dies aber geschieht

1. durch den erneuten Entschluß: ich will leiden wie ein Mann, weil leiden meine Pflicht ist.

Der Mann im Gefühle des männlichen Entschlusses ist ungleich stärker, als im Zustande der Unentschlossenheit. Ja man kann sagen: Unentschlossenheit macht aus Männern Weiber, Entschlossenheit aus Weibern Männer.

Ein entschlossenes Weib wird Leiden ausstehen, die kein unentschlossener Mann tragen kann. Eine gespannte Muskel kann tragen, was keine schlaffe halten kann. Und der Entschluß hält die Muskeln. Dieser Entschluß ist nicht der verbissene Schmerz des Stoikers; er ist der feste Sinn des treuen Freundes seiner Pflicht: Ich will leiden, weil es Pflicht ist zu leiden. Die Kraft zu tragen wird stärker

2. durch Warten, durch Nichtvorwärtsschreiten, durch Zusammenhalten der Kraft, durch Stillesein. Wer nicht tätig sein will, wo er nur leiden soll, der kann leiden. Wer handelt, wo er stille halten soll, der wird sein Leiden nur vergrößern, und die Kraft, zu handeln und zu leiden nur zersplittern. Wer in Schmerz und Leid einen Entschluß faßt und handelt, wo er warten und still sein sollte im Leiden, wird des öfteren einen Entschluß fassen oder ausführen, der ihn erst recht unglücklich macht. Du leidest z. B. darunter, daß dein vertrauter Freund dich gelästert hat. Im Zorn, statt zu leiden, handelst du, und kündest ihm die Freundschaft auf. Jetzt gerät er in Wut, und rächt sich an dir durch eine Offenbarung jener Geheimnisse, die du ihm anvertraut, und die dich in neues Elend stürzt.

Die Kraft zu leiden wird geschwächt durch Klagen und wehleidiges Reden über unsere Leiden. Um ganz davon zu schweigen, daß wir durch rednerische und ausmalende Beschreibungen unserer Schicksale andern nur lästig werden, und uns ihres Mitleides nur unwürdig machen, so gräbt sich der Stachel unserer Leiden nur desto tiefer in unser Inneres, je mehr wir davon reden und seine Schärfe beschreiben. Darum ist die Geduld ihrer Natur nach haushälterisch, stillschweigend, und vertändelt sich nicht durch Beredsamkeit. Schweige, um leiden zu können, spricht die Vernunft; rede, um leiden zu können, spricht die ungeduldige Empfindung.

Die Kraft Leiden zu ertragen wird stärker

3. durch das Andenken an alles Gute, das man während des schlimmen Zustandes, in dem man sich befindet, doch noch genießt, und durch Gebrauch aller der Glückseligkeitsmittel, die uns trotz des Verlustes einiger oft doch noch bleiben.

Wie der arme Wanderer, dessen Füße sich am Sandpfade oder am Dornenwege blutig gelaufen haben, wieder mutiger fortschreitet, wenn er sich bei einer frischen Quelle gelabt hat, so stärkt sich in uns der Mut zum Leiden durch das Gute, das uns noch offen steht, und daran wir uns laben können. – Es wird z. B. mein Nachbar an der Ehre gekränkt: nun vergißt er im Gefühle seiner Kränkung alles Gute, das ihm ungekränkt geblieben ist. Er hat einen gesunden Verstand, hat ein gutes Gewissen, einen großen Wirkungskreis und läßt von Schmerz betäubt alle diese Freudenquellen ungenützt. Lieber Mann! schöpfe doch noch aus diesen Quellen, wenn die zweideutige Quelle, die Ehre heißt, vertrocknet ist. Lerne Weisheit vom schwer geprüften Kranken. Wenn er ein paar Stündchen ruhig geschlafen, so fühlt er diese Wohltat und sagt: Nun will ich gern wieder leiden, weil ich nur schlafen konnte. Je dankbarer wir das Gute anerkennen, das uns noch gelassen ist, desto leichter tragen wir den Verlust des Guten, das uns entzogen worden. Die Kraft zu tragen wird stärker

4. durch die eigene Erfahrung, die man gesammelt und durch den Glauben an fremde, die beide sagen, daß die Leiden durch stilles Tragen ertragbarer, durch Unruhe aber und Unzufriedenheit, – durch Nichttragenwollen – nur noch drückender, ja unerträglich werden.

Die Leiden machen uns nach und nach weise, daß wir nicht mehr mit dem Kopf gegen die Wand rennen, die wir so doch nicht durchstoßen können. Die Notwendigkeit ist auch hierin unsere beste Lehrerin, und wohltätiger als die Freiheit, die die wenigsten Menschen brauchen können. Denn wiche das Leiden nach dem Wunsche des Leidenden sogleich von ihm, so würde er immer der empfindliche, leidensunkundige Tor bleiben. Aber, weil das Leiden bleibt, so nötigt es ihn, leiden zu lernen, nachzudenken, sich in die Lage fügen und ungekannte Kräfte hervorzusuchen. Leiden lernt man nur durch Leiden. Die Kraft zu tragen wird stärker

5. durch lebhafte Vergegenwärtigung leuchtender Beispiele einer erhabenen Geduld, die aus den vergangenen oder gegenwärtigen Zeiten uns bekannt sind.

Es ist ein Nachahmungstrieb in uns – und ein beschämendes Vorbild, das uns nahe vor Augen gestellt ist, weckt ihn, daß er aufwacht und aufsteht und mit Kraft wirkt. Wie, wenn der Feldherr an der Spitze seines Heeres des Todes nicht achtet, dem gemeinen Mann neuer Mut ins Herz kommt, so stärkt das Beispiel, das vor Augen schwebt. Unter den Beispielen, die am meisten in dieser Hinsicht wirken, sind Abraham, der seinen Sohn in den Tod führt, und Jesus, der selbst in den Tod geht. Sein Ruf: »Vater, dein Wille geschehe,« der von seinem Eintritte in die Welt bis zu seinem Austritte – vom »das Wort ist Fleisch geworden« bis zum »Es ist vollbracht!« – immerdar als Tat und Leben in ihm wirkte, hat unzähligen Menschen in ihren größten Leiden, selbst in der Angst des Sterbelagers Mut und Zuversicht, und einen Himmel von Entzücken in das Herz gelegt. »So mußte Er leiden, und dadurch in seine Herrlichkeit eingehen«; das ist die kurze Lebensgeschichte Christi und eines jeden wahren Christen. – Die Kraft zu tragen wird stärker

6. durch den festen treuen Aufblick zu Gott, zur weisen, heiligen, mächtigen Güte, die auch bei den Leiden der Menschen ihre Hand im Spiele hat.

Wer alle Begebenheiten, als ebensoviele Fäden im großen Weltregiment, gezählt, gewogen und gelenkt von einer unsichtbaren Hand, und die höchste Güte, Weisheit und Macht als die höchste Führerin der Weltleitung denken kann, dessen Blick wird auch jedes Leiden als solchen Faden ansehen, und ihn verfolgend, die Hand suchen, die ihn hält, und die als höchste Lenkerin seines Schicksals finden und anerkennen, die auch das ganze Weltall lenkt und ordnet. Wer sich als Zögling und Sohn der Vorsehung ansehen gelernt, der wird auch das Leiden als eine Aufgabe zur Prüfung und Vervollkommnung seiner Kraft dankbar annehmen und leichter tragen. – Die Kraft zu tragen wird stärker

7. durch das standhafte Hinausblicken auf die wohltätigen Folgen, die die weise, mächtige Güte mit den Leiden der Menschen verknüpft hat, und die teils innerhalb ihres Lebensabschnittes liegen, teils über die Grenze desselben hinausreichen.

Diese Hoffnung, über die wir im ersten Teile eingehender gesprochen haben, ist recht eigentlich Stütze der sinkenden Kraft, der Geduld. Wer durch sie die Tugend entehrt glaubt, der bedenkt nicht, daß nur deshalb einige Strahlen aus der Ewigkeit herüberschimmern in dieses Erdental, um das Auge des Pilgers darauf aufmerksam und, durch die Ahnung des Besseren, das Ringen darnach lebendiger zu machen. – Die Kraft zu tragen wird endlich stärker

8. durch das Gebet um Stärke zu dem, der die Quelle aller Kraft und Stärke ist.

Ich bin kein Philosoph in dem Sinne, daß ich Glück in der Welt mache, ich liebe, will's Gott, nur die Wahrheit. Wenn ich aber ein Philosoph wäre, oder wenn gar die Philosophie darin bestünde, daß wir nur die Wahrheit suchten und sie über alles liebten, so würde ich sagen: Ich glaube als Philosoph an keinen anderen Gott, als an den ich als Christ glaube. Dieser Gott aber hält es nicht unter seiner Würde, auf unsere Bitten zu merken, und uns Schwache zu stärken. Ich kenne darum kein kräftigeres Stärkungsmittel im Leiden als das aus dem Herzen dringende Gebet. Wer es aber für Unvernunft hält, zu Gott zu bitten, der muß die Natur des Menschen ändern, die ohne das Urteil des nicht betenden Philosophen abzuwarten, in jeder großen Not zum Himmel schreit. Mir beweist diese einfache, ungekünstelte, nicht verabredete, allgemeine, eindeutige Erscheinung mehr für das Gebet, als die tiefsinnigsten Beweise wider das Gebet, die ich ehrlich gelesen, und darin ich nichts gefunden habe, als daß die Natur und diese Philosophie anders sprechen. Weil es aber ein Gesetz der Weisheit ist, in dem Falle, wo Natur und Philosophie sich entzweien, mit jener, der ältern, und nicht mit dieser, der jüngeren, zu halten, so halte ich es getrost auch hierin mit der Natur und bleibe bei meiner Ueberzeugung, daß Beten im Leiden den Leidenden zum Leiden stärkt.

Wer so die Kräfte, die Leiden zu tragen, gesammelt, vermehrt, und wohl angewendet hat, dem bleibt nichts mehr übrig, als die Leiden zu Quellen des Segens für sich und andere zu machen, und aus ihnen die Vorteile zu ziehen, die ihm sein Gewissen gebeut oder erlaubt.

 

B. Von der Würde der Leiden.

Wer nun diese Vorteile aus seinem Leiden ziehen will, der sucht bei jedem Elend, das ihn trifft, zunächst zu erforschen, zu welch würdigen Zwecken es sich benutzen läßt.

Um diese zu erforschen, muß der Mensch sehen

a) auf die Bedürfnisse seines Verstandes und Herzens,

b) auf die Beschaffenheit der ganzen Lage, in der er sich befindet, und des Wirkungskreises, der vor ihm offen liegt, und

c) auf die Schicklichkeit der Leiden, hiernach eine Freuden- und Segensquelle für ihn zu werden.

I. Ist das Leiden die Folge eines geheimen Verbrechens, so ist es Zweck des Leidens, auf die Strafwürdigkeit der Handlung aufmerksam zu machen, und durch die Folge der verlassenen Rechtschaffenheit auf den Weg zu ihr zurückzuweisen.

Ist das Leiden die Folge eines öffentlichen Verbrechens, so ist es Zweck des Leidens, mich nicht nur zur geheimen Umänderung des bösen Sinnes zu treiben, sondern mich auch für andere, durch Standhaftigkeit in Erduldung der verdienten Strafe zum Beispiele der Pflichterfüllung zu machen, so wie ich durch ein öffentliches Verbrechen ein Beispiel des Unrechtes geworden bin.

Ist das Leiden nicht so fast die Folge eines sittlichen Verbrechens, als bloß die Wirkung des Mangels an Aufmerksamkeit, Vorsichtigkeit, Wachsamkeit, Ueberlegung: so hat das Leiden den Zweck, mich zur Abstellung dieses Mangels zu bewegen. Steht aber das wirkliche Leiden mit keinem erforschbaren Nichtgebrauche oder Mißbrauche meiner Freiheit im Zusammenhange, so werde ich dennoch im Bewußtsein meiner Unschuld noch eine Art von Trost finden können, und dadurch die Trostquelle, die der Sinn für Pflicht und Rechttun in uns stets offen halten kann, noch mehr schätzen lernen.

II. Leiden, daran kein persönliches Vergehen irgendwie schuld ist, haben zum Zweck, den Lauf der Welt, das Los der Menschheit und den geringen Wert der zeitlichen Güter, die alle Augenblicke durch unverdiente Leiden zerstört werden können, aus Erfahrung kennen zu lernen; durch diese bitteren Erfahrungen zur Mäßigung der Begierden nach dem Vergänglichen und zur Hochschätzung unvergänglicher Güter anzuspornen, sowie zum Festhalten an einer Güte und Weisheit, die auch durch Leiden regiert, und in allen Regierungsarten ihren Freunden gleich liebenswürdig und über alles Fehlgreifen erhaben ist. Vor allem auch sollen wir durch solche Leiden im Entbehren, im Nichtgenießen, im Dulden geübt werden, und dadurch einen Vorteil erringen, der vielleicht der größte von allen ist, die uns das Leiden gewährt. Ferner durch anhaltende Empfindung des Schmerzes zum Mitleiden gegen Leidende aller Art und zur edlen Wissenschaft, Trostbedürftige zu trösten, bereit und erfahren werden.

Endlich dadurch zum fleißigeren Gebrauche der Glückseligkeitsmittel, die in uns liegen, ermuntert, und durch Mangel an äußeren Tröstungen zur Erkenntnis und Liebe des höchsten Gutes, das allein wahrhaft trösten kann, angeleitet werden.

 

C. Von der Geduld im Leiden.

Was uns nun das Leiden verringern, was die Kraft zu tragen vergrößern hilft, was ferner uns aus den Leiden alle die Vorteile ziehen lehrt, die für uns und andere, nach der Würde und Bestimmung der Natur des Menschen, daraus dürfen und sollen gezogen werden, das ist die rechte Geduld, die einen großen Teil der wahren Weisheit ausmacht. Wenn von dieser Geduld ein Begriff gefordert würde, so könnte vielleicht keiner gegeben werden, der mehr Wahrheit und Klarheit in sich hätte als dieser: die Geduld ist die Gabe des Menschen sich die wirklichen Lasten und Leiden zu erleichtern, die Kräfte zu ihrer Ertragung zu sammeln, zu vermehren, anzuwenden und alle die Vorteile aus den Leiden für sich und andere zu ziehen, die mit der Achtung für die Würde und Bestimmung der Menschen daraus können und dürfen gezogen werden. Sie ist der Teil der wahren Weisheit, der sich auf die Leiden bezieht. Die Weisheit, sich Leiden zu ersparen, ist uns so notwendig, wie jene, die vorhandenen zu tragen.

Wer die Quellen der Leiden genau kennt, der wird bald inne werden, welche Leiden sich ersparen lassen und wie er sie sich selber ersparen kann.

I. Gebietende Leidenschaften sind offenbar eine Quelle vieler und großer, ja der größten Leiden für die Menschheit. Wer also seine Neigungen ordnen könnte und sich keiner Leidenschaft hingäbe, wer sich beherrschen kann, der ersparte sich viele Leiden.

Wer sich also vor Neid bewahren kann, der erspart sich alles geheime Uebelsein, das den Geist finster macht, und die Kraft des Körpers frißt; erspart sich die Marter, den glücklich sehen zu müssen, den man so gern unglücklich sähe. – Wer sich vor Geldgeiz bewahren kann, der erspart sich alle Leiden, die aus einem unersättlichen Durst nach dem Immermehr, das nicht da ist, ohne Genuß dessen, was da ist, entstehen; erspart sich die Angst aus der Unwissenheit, ob nicht eine unglückliche Nacht das mühsam Gesammelte auf einmal zerstören werde und den herzzerreißenden Abschied vom Gelde in jener bitteren Stunde, die kein Geld versüßen kann. – Wer sich vor Wollust bewahren kann, der erspart sich die zahl- und namenlosen Leiden, mit denen sich immer herrschende Lust an dem ganzen Menschen, ihrem Sklaven, rächt, da sie Geist und Leib entnervt, häßlich und zum Zwecke unseres Hierseins unbrauchbar macht, die Werkzeuge unschuldiger Freuden zerstört, den Sinn für das Bessere tötet. – Wer sich vor Unmäßigkeit in allem, was auch unschuldiges Vergnügen heißt, bewahren kann, der erspart sich alle Leiden, die die Früchte des überschrittenen Maßes aller Art sind: selbstgemachte Krankheiten, Schande schuldvoll zugezogener Armut, das Brandmal, ein Schuldner aus Leichtsinn, und am Ende ein Betrüger aus Not geworden zu sein, frühes Verwelken oder ehrloses Alter u. s. f. – Wer sich vor der Tyrannei des Zornes, und der ihr benachbarten Torheit der Rache bewahren kann, der erspart sich alle Leiden der Nachreue, die Unschuld mißhandelt, die Ehre guter Menschen gekränkt, sich selbst durch Torheiten lächerlich gemacht, und Unrecht auf Unrecht gehäuft zu haben. – Wer den Eingebungen der Eigenliebe (welche die Mutter aller Leidenschaften ist) früh stets zu widerstehen gelernt hat, der erspart sich alle Leiden, die daraus entstehen müssen, daß die Eigenliebe ihr Reich immer erweitern will, und es doch von fremder Eigenliebe muß beschränken lassen, daß sie alles ausschließlich auf das eigene Ich beziehen will und doch von jedem fremden Ich in ihrer Selbstsucht sich gehindert sehen muß.

II. Nicht nur die herrschende Leidenschaft, sondern jede Untreue gegen das redlich gefragte und bestimmt antwortende Gewissen kann eine Quelle vieler Leiden werden, da sie nicht nur mit Scham, Unruhe, Furcht, Ahnung usw. den Sünder züchtigt, sondern auch größere Vergehungen und damit größere Leiden anbahnt.

Wer also Gewissenstreue als Hauptsache ansieht und bewahrt, der kann sich alle Leiden ersparen, die aus Untreue gegen die Ansprüche des Gewissens unmittelbar oder mittelbar entstehen. Vor allem also jene, die die größten, weil selbst verschuldete, sind. Denn bei den unverschuldeten Leiden habe ich noch immer die eine Trostquelle in mir: »Ich hab's nicht verdient, ich leide unschuldig.« Aber bei den verschuldeten Leiden legt der Gedanke: »Ich bin selbst Urheber meines Elendes,« ein neues und schweres Gewicht auf die Schale der Leiden.

Der Mangel an sorgfältiger Gewissenstreue ist noch von einer anderen Seite betrachtet Quelle vieler Leiden. Denn wer nicht eine gewisse edle Feinheit in allen Gewissensangelegenheiten besitzt, bleibt auf dem Wege der Selbstverleugnung weit zurück, wodurch sich die Leidens-Empfänglichkeit, die in unserer inneren Empfindlichkeit liegt, sehr erweitert.

Es ist dieser Gedanke vielleicht einer Erläuterung nicht unwert. Wer sich immerdar nach dem Gebote des Gewissens im Selbstverleugnen geübt hat, auf den werden manche sonst äußerst drückende Erscheinungen einen viel schwächeren Eindruck machen als auf ein Gemüt, das noch nicht gelernt hat, durch Selbstverleugnung den Eindrücken von außen zu widerstehen. Wenn z. B. in einer Gesellschaft ein dritter die Ehre zweier Menschen lästert, so wird die nämliche Lästerung den Ersten, der durch Selbstverleugnung, Sanftmut und Geistesgegenwart gelernt hat, nicht nur nicht aus der Fassung bringen, sondern auch nicht halb so tief verwunden, wie den Zweiten, der aus Mangel an Selbstverleugnung sich ganz von der Lästerung hinreißen läßt, und durch seine, der Beleidigung restlos hingegebene Empfindlichkeit dem Pfeile Zeit und Raum gönnt, tief in das Herz zu dringen.

Die Leidens-Empfänglichkeit ist aber nicht nur in zwei Menschen sehr verschieden: sie ist es auch in einem und demselben. Das Leiden, das mich heute kränkt, geduldig ertragen, stärkt in mir die Kraft zu dulden so sehr, daß das nämliche Leiden, wenn es wiederkehrt, erträglicher und nach öfterem Wiederkommen kaum mehr merkbar ist. Dagegen wächst die Empfänglichkeit für Leiden im nämlichen Menschen nach dem Verhältnisse, in welchem er sich dem unangenehmen Eindrucke mehr oder weniger überläßt, und der Eindruck öfter wiederkommt. Wenn ich z. B. über die Lästerung nachdenke, sie durch Hilfe der Einbildungskraft vergrößere und sie noch dazu unter allerlei neuen Gestalten auftritt, bald als Kritik, bald als Anklage, bald als Anekdote, so wird dieselbe Lästerung mir bei jedem Wiederkommen eine schmerzende Wunde schlagen. Am Ende mag es so weit kommen, daß mir der bloße Name des Lästerers, den ich lese oder höre, oder auch nur der Anfangsbuchstabe desselben, wenn er etwas größer gedruckt ist, den ganzen Widerwillen meines Herzens gegen die Lästerung und ihren Urheber rege macht und immer mehr verstärkt. Wie also dadurch, daß man den Eindruck in sich graben läßt, so tief er kann, und ihm noch durch die geschäftige Einbildungskraft nachhilft, die Empfänglichkeit immer größer wird, so wird sie durch Uebung im Selbstverleugnen immer geringer und schwächer werden.

Und das ist die bleibende Frucht der Selbstverleugnung, oder was mit ihr eins ist, der standhaften Gewissenstreue, daß sie die innere Empfänglichkeit, durch Kränkungen, Trübsal und Leiden verwundet zu werden, schwächt und mindert. Daraus folgt wieder, wie sehr man durch Leiden – leiden lerne, und wie viele Leiden sich durch Vertrautsein mit Leiden ersparen lassen.

Liebe Freunde! Wir wollen doch nicht zu früh aus der Schule der Weisheit gehen, die uns durch Leiden leiden lehrt. Denn, was wir verlieren, ist wenig, was wir gewinnen, alles.

III. Wie die innere Empfindlichkeit, so ist auch die äußere eine Quelle vieler Leiden.

Der nämliche Grad von Kälte, dessen der Dorfjunge spottet, macht dem jungen Herren, der von den Händen der Wärterin in die des Hofmeisters gekommen ist, in der Stube groß wurde, als wenn die Welt ein mäßig geheiztes Wohnzimmer wäre, die größten Beschwerden. Somit kann die Abhärtung viele Leiden ersparen, denen uns eine weichliche Erziehung preisgibt. Darum werde der Knabe zeitig gewöhnt, zu entbehren und zu leiden. Und man achte darauf, daß der Strom des sittlichen Verderbens, der mit dem Luxus und der weichlichen Lebensart und Erziehung in die Welt kommt, notwendig auch ein Strom des physischen Verderbens ist.

IV. Wenn schon die innere und äußere Empfindlichkeit eine Quelle vieler Leiden ist, so muß es die Einbildungskraft noch viel reichhaltiger sein. Sie wird es besonders dadurch, daß sie uns von der gegenwärtigen Pflicht und der wirklichen Welt, mit denen uns eine weise Vorsehung verbunden hat, weglenkt, und in eine erträumte Zukunft und eine Idealwelt hineinzaubert. Wir brauchen nicht, was wir jetzt haben, tun nicht, was wir jetzt können, sammeln nicht, was vor uns liegt, vor ewigem Wünschen, Hoffen, Suchen nach etwas, das, wenn es kommt, von uns so wenig benutzt wird, als das, was wir jetzt haben und auch nicht benutzen.

Diese unnatürliche Spannung unserer Kräfte, diese Ablenkung des Geistes von der Gegenwart, dieses Leben in einem Traumreiche der Möglichkeit schafft unzählige Leiden, Verlegenheiten, Mißvergnügen, die daraus entstehen müssen, daß wir halb tun oder verschieben, was jetzt getan werden soll, und mit Unlust tun, was nur willig getan, zur Reife gedeihen kann.

Zumal für Jünglinge, die die Jahre der Bildung versäumen, und damit sich zu dem, was sie einst werden und leisten sollen, nicht vorbereiten, müssen daraus mancherlei Uebel entstehen. So kommt es, daß einige ganz berufslos leben, ohne Tagewerk, das sie beschäftigte. Ihrer Unfähigkeit willen kann ihnen die Gesellschaft kein Amt anvertrauen und aus der gleichen Ursache können sie selbst sich keinen Beruf geben. Damit verfallen sie dem Müßiggang, der Langeweile, der Dürftigkeit, und allen Vergehen, wozu Müßiggang und Brotlosigkeit versuchen. – Andere drängen sich in einen Wirkungskreis hinein, der ihre Kraft weit übersteigt. Die sich bald offenbarende Unfähigkeit, den Forderungen des Berufes genug zu tun, oft verbunden mit Stolz, der sie verbergen will, deckt sie mit Schande und häuft Elend auf Elend, dem sie nicht entgehen können. – Wieder andere leben für ihren Beruf, der ihren Gaben angemessen ist, nur halb, weil sie nie das sein und zu tun gelernt haben, was sie sein und tun sollten.

Ich wiederhole: Willst du dir recht viele Leiden ersparen, so sei, was du in deinem Alter, Berufe, Stande, Gewerbe, Fache, sein kannst und sollst, ganz, und um es zu sein, versäume keine Gelegenheit, in deinem Fache dir die vorzüglichsten Kenntnisse und Fertigkeiten zu erwerben.

V. Wie die Einbildungskraft eine Quelle vieler Leiden werden kann: so auch der Nichtgebrauch oder Mißbrauch des Verstandes und Willens.

Obwohl die Einflüsse dieser beiden Fähigkeiten aufeinander und ihr Verhältnis zum Wohlsein der Menschen schon im zweiten Hauptstück ausführlich gezeigt worden sind, so will ich doch noch einige Regeln von dem Gebrauche des Verstandes und des Willens, die weniger gekannt oder geachtet sind, hier kurz anführen:

Es gibt eine Unwissenheit, die Leiden schafft, und eine andere, die Leiden erspart. Nicht wissen wollen, was man wissen könnte und sollte, schafft Leiden. Wissen wollen, was man nicht wissen kann, und eben darum nicht wissen soll, erspart Leiden.

Damit du dir also viele Leiden, die aus Unwissenheit und Irrtum entstehen, ersparst, so gewöhne dich frühzeitig daran, von allem, was du liest oder hörst, klare Begriffe zu bilden. Diese subjektive Klarheit tut uns im gewöhnlichen Leben gar oft bessere Dienste, als schulgerechte Erklärungen, die nur so lange im Ansehen bleiben, bis ein schärferer Kopf daran zum Ritter wird, und beweist, daß ihr Erfinder nicht so weit, wie er, gesehen habe.

Ferner, um dir viele peinliche Leiden zu ersparen, bedenke: Weisheit ist's, die Grenzen des Verstandes kennen, und das benützen, was innerhalb dieser Grenzen liegt. Klugheit ists, der Verfolgung nicht ohne Not auf das Pferd helfen. Ich sage: ohne Not, d. h. ohne der Pflicht, das geringste zu vergeben, für Wahrheit und Pflicht zu reden, zu handeln, zu leiden und zu sterben.

 

D. Von den Beziehungen der Menschen zueinander als einer Quelle und einem Heilmittel vieler Leiden.

I. Menschenkenntnis erspart viele Leiden. Darum halte dich an die Bedingungen, ohne die sich kein weises Menschenstudium denken läßt. (Besonders wichtig für Reisende und Journalisten.)

1. Wenn du Menschen kennen lernen willst, so traue nicht blind den Berichten anderer. Denn dieser blinde Glaube entehrt nicht nur deine Vernunft, die überall selbst sehen will, sondern kann dich zu den ungerechtesten Urteilen verleiten. Bedenke immer, ob nicht der Mann, auf den du angewiesen bist, die anderen, auch nur von Hörensagen kennt, und also zuverlässige Aufschlüsse zu geben unfähig ist; oder ob du nicht seine richtige Darlegung aus Mangel an näherer Kenntnis der Sachlage unrichtig auffaßtest.

2. Wenn du Menschen beurteilen willst, so suche sie selbst kennen zu lernen. Denn sieh, wenn du ein Buch über den Regenbogen schreiben wolltest, und dich begnügtest, ihn aus einem alten Gemälde, das seine Erscheinung nach der Sündflut vorstellt, kennen zu lernen, und zu bequem wärest, ans Fenster zu treten und seine lebende Herrlichkeit am Himmel zu schauen: was würden die Leser von deiner Gabe, die Natur zu forschen, denken müssen? Und was ist ein Regenbogen gegen das Menschenherz mit seinen unzähligen Reizen, Trieben und Kräften, darüber du Endurteile aussprichst, ehe du das Angesicht des Menschen gesehen? Und auch wenn du einen Menschen gesehen, gesprochen und beobachtet hast, so erlaube du dir dennoch nicht gleich ein Urteil über ihn. Du bist von Jugend auf dein innigster erster Freund gewesen, und weißt doch oft nicht recht, was du aus dir machen sollst; wie sollst du es da wagen, über einen anderen zu schnell zu urteilen?

3. Wenn du aber auch glaubst, einen Menschen gut kennen gelernt zu haben, so erlaube dirs dennoch nicht leicht, das Urteil auszusprechen. So lange das Ja oder Nein nur das Ja oder Nein deines Verstandes ist, so lange hast du noch Herrschaft darüber. Nicht nur kannst du den nachteiligen Folgen deines Urteils noch zuvorkommen, die es für dich und andere haben könnte, es wird dir auch ungleich leichter sein, dein Urteil zurückzunehmen, wenn du die Falschheit dessen erkennen solltest. Wie oft lehrt uns der Abend, daß wir uns am Morgen, der Monat Mai, daß wir uns im April, das folgende Jahr, daß wir uns im vorigen betrogen haben? Was schadet es, das Urteil zurückzuhalten, bis es reifer geworden? Lerne warten. Ein alter Wein, ein alter Freund und ein altes Urteil sind immer die drei besten Dinge unter ihres Gleichen.

4. Wenn du dir nun über einen Menschen nur nach langer Besinnung und scharfer Abwägung ein Urteil erlauben, und nur nach schärferer Prüfung dies Urteil aussprechen darfst, so magst du daraus den Schluß ziehen, wie gewissenhaft du in Beurteilung fremder Absichten sein mußt, die am allerschwersten zu beurteilen, und zugleich das Entscheidenste am Menschen und für Menschen sind.

5. Wenn du Menschen kennen lernen willst, so habe zuerst dein eigenes Innere studiert und ins Reine gebracht. Denn wenn du ein Fremdling in deinem Hause bist, was willst du die Geheimnisse des Hauses anderer Menschen ausforschen? Warum immer das Letzte vor dem Ersten?

II. Das weder zuviel noch zuwenig den Menschen Glauben und Nichtglauben erspart viele Leiden.

Die Fähigkeit und Willigkeit sich belehren zu lassen, die dem Menschen natürlich ist, und, wohl gebraucht, ein schöner Ersatz mancher vortrefflicher Gaben, die uns jetzt fehlen, werden kann, wird gar oft eine Quelle vieler Leiden, indem die unglücklichen Menschen, bald von Wißbegierde und Unerfahrenheit beredet, Irrwische für Wahrheit und Schein für Wesen halten, also glauben, wo sie nicht glauben sollten, bald von der lichtlosen Gewalt getäuschter und täuschender Tonangeber in Sümpfe mit fortgerissen, mitschreien, wo sie schweigen und den Anbruch des Tages abwarten sollten; bald vom verkehrten Willen geblendet und verhärtet, die stillen Freunde des Wahren bedrücken und lästern, weil diese dem Lichte glauben.

Wer also diese allerfeinste Linie zwischen dem Zuviel und Zuwenig sowohl im Glauben als im Nichtglauben treffen und einhalten kann, der erspart sich ohne Zweifel große Leiden. Allein wie das können?

Ich könnte vielleicht sagen, was tausend gute und schlechte Schriftsteller sagen: Prüfe, ehe du glaubst. Allein unter zwanzig Lesern, die diese Regel lesen, sind vielleicht nicht fünf, die prüfen können, und unter diesen fünf nicht zwei, die den Umfang der Regel im gegebenen Falle einsehen und prüfen wollen.

Daher kommt es denn auch, daß je mehr Anleitungen, desto mehr Mißleitungen auch gewöhnlich gegeben werden und daß der Zuwachs der Bibliotheken vielfach nur ein Zuwachs der Verwirrungen ist.

Wenn aber nun hier kein Heil zu finden ist, wo sollen wir denn Rettung suchen? Die Antwort hierauf bildet zugleich das Resultat und den

 

Schluß des ganzen Abschnittes.

»Nicht so fast die Bücher mit ihren Anleitungen und Regeln, als vielmehr die wundervollen, unbemerkt in einander übergehenden Führungen und Fügungen der all-leitenden Weisheit sind es, die dem Menschen Leiden ersparen.«

Zwar weiß diese erhabene Weisheit auch Bücher und Regeln zum Besten der Menschen zu gebrauchen, aber gar oft nicht im Sinne der Verfasser und nicht selten gegen ihre Absicht. Ich glaube demütig an diese Weisheit und habe gelernt, daß ein menschlicher Ratgeber nie zu wenig Gewicht auf seine Anleitungen legen kann, und wäre er weiser als Salomon; daß er vielmehr immer der Anleitung der unsichtbaren Weisheit am meisten zutrauen und die zeitlichen Bemühungen seiner Zeitgenossen immer in Harmonie mit dem unerforschlichen Walten der ewigen Weisheit bringen muß.

Und so sind denn ihrer Natur nach, und nach den Erfahrungen der besten und frohesten Menschen die kräftigsten Ersparungsmittel der Leiden in folgenden Regeln enthalten:

1. Um dir viele peinliche Leiden zu ersparen, bete vor jeder bedeutenden Unternehmung, aus der dir früher oder später Freuden wie Leiden werden können, zur unsichtbaren Weisheit, dass sie deine Schritte leite, und deine Arbeiten mit den Mitteln aller wahren Glückseligkeit in Verbindung bringe.

2. Um dir viele peinliche Leiden zu ersparen, forsche vor jeder bedeutenden Unternehmung in deinem Herzen, ob nicht eine geheime Eigenliebe, geheime Eitelkeit, oder eine andere unerlaubte Absicht die Triebfeder deiner Handlung sei: und wenn du eine solche wahrnimmst, so bekenne sie dir und der unsichtbaren Weisheit, werde gering in deinen Augen, und handle nur in diesem Gefühl, und du wirst dir tausend Torheiten, Verlegenheiten, Fehltritte, Ausschweifungen, Verirrungen ersparen.

3. Um dir viele peinliche Leiden zu ersparen, ruhe nicht, bis du durch fortgesetztes, nie müde werdendes Selbstverleugnen mutig widerstanden hast allem, was dem Gesetz deiner Natur zuwider ist, das Gute nach dem Maße des Gutseins zu lieben und zu ehren. Von diesem Augenblicke an wirst du Friede mit dir selbst und Friede mit der ganzen Umwelt haben.

4. Wer sich viele Leiden ersparen will, der prüfe genau, was er zu glauben, zu hoffen, zu tun, zu unterlassen habe, vergesse aber nicht, daß ohne Gebet, ohne Demut, ohne entschlossenes Widerstehen gegen alles erkannte Unrecht keine Prüfungsgabe, geschweige ein stets rechter Gebrauch derselben möglich sei.

5. Wer sich viele Leiden ersparen will, der suche endlich sich eines vertrauten, freundschaftlichen Umganges mit einem guten, weisen Manne fähig und würdig zu machen.

Denn wo dein Auge dunkel sieht, da kann vielleicht das Auge deines Freundes heller sehen; und wo dich deine Eigenliebe in einen Abgrund stürzen würde, da mag dich der Genius der Freundschaft, die freimütigste und zärtlichste Liebe deines zweiten Ichs, retten.

– – – Auf diese Weise ließen sich viele Leiden ersparen. Aber wie soll man die Kinder der Freude auf diese Ersparungsmittel aufmerksam machen? Der du so fragst, sieh! du kannst schon darauf aufmerksam sein. So sei es denn auch, und wenn du dir auf diese Weise viele Leiden wirst erspart haben: so werden es durch dich auch andere lernen. Und am Ende, wo unser Rat nicht hinreicht, da reicht der Finger Gottes hin, der die Herzen berühren kann.


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