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Zweites Hauptstück. Von der Fähigkeit der Dinge, den Menschen, entsprechend der Freudefähigkeit seiner Natur, glücklich zu machen

Ersten Abschnitt. Genauere Darstellung dessen, was wahre Menschenfreude ist

I. Wahre Freude kann nur das sein, was seiner Natur nach der Würde des Menschen nicht widerstreitet. Alles, was dieser Würde widerstreitet, ist des Geschöpfes, dem diese Würde angeboren ist, unwürdig, eben darum, weil es ein Gegenstand der Reue, ein Stoff zur Scham ist, also keine wahre Freude für dieses Geschöpf. So kann z. B. Rache nie wahre Menschenfreude sein, weil die Rache, als das Werk der herrschenden Sinnlichkeit, der Menschenwürde, die offenbar ohne Beherrschung der Sinnlichkeit nicht gedacht werden kann, notwendig widerstreitet.

Wahre Menschenfreude kann ferner nur das sein, was seiner Natur nach mit der Bestimmung des Menschen vereinbar ist. Alles, was sich mit dem Endzwecke unserer Kräfte und unseres Daseins nicht vereinbaren läßt, ist des Menschen, der diese Bestimmung hat, unwürdig, zweckwidrig, also keine wahre Freude – zu niedrig für ein Wesen, das eine so erhabene Bestimmung hat. So kann Dummheit nie wahre Freude des Menschen werden, weil sie dem Zwecke der Vernunft widerstreitet.

Wahre Menschenfreude kann endlich nur das sein, was auch in Verknüpfung mit seinen gekannten Ursachen, Absichten, Folgen, und in Verbindung mit der ganzen Lage des Menschen, das wirkliche Gutsein des Menschen nicht zerstört oder von demselben nicht weiter abführt. Es ist nicht genug, daß die Freude ihrer Natur nach der Würde und Bestimmung des Menschen nicht widerspreche. Sie muß auch als diese Freude von diesem Menschen, in diesen Umständen, so und so lange genossen, mit dem Gutsein dieses Menschen wenigstens noch vereinbar sein, dasselbe nicht zerstören, wenn es da ist, und nicht weiter entfernen, wenn es mangelt. Sonst wäre sie eben darum als diese Freude wider die Bestimmung und Würde dieses Menschen, also seiner unwürdig, zweckwidrig, falsch.

Eine Reise in ein fremdes Land kann manches an sich unschuldige Vergnügen gewähren – aber dies Vergnügen kann für den Menschen, der es durch fremde Güter im Bewußtsein des Unrechtes veranstaltet, nur ein falsches Vergnügen sein, weil es in Verknüpfung mit dem fremden Gute, in Verknüpfung mit dieser Ursache böse ist.

Freigebigkeit kann manch unschuldiges Vergnügen gewähren, – aber wenn menschenfeindliche Absichten die Freigebigkeit in Bewegung setzen, so kann das Vergnügen, das daraus entsteht, für den Menschen, der böse Absicht hegt, nie ein wahres Vergnügen werden, weil es in Verknüpfung mit den Absichten böse ist. So wenn jemand seinem verzweifelndem Bruder ein Paar Pistolen verehrte, in der Absicht, ihn zum Selbstmorde bestimmen zu helfen, und sich an seiner Hinrichtung weiden zu können, so wäre dieses eine fürchterliche, höchst unerlaubte, falsche Menschen- und wahre Satansfreude.

Friede machen kann allerdings große Freude gewähren, aber wenn die Bemühung, Feinde auszusöhnen, mit der sicheren Voraussetzung verknüpft ist, daß alle Friedenstraktate nur Oel in die Flamme der Verbitterung gössen, so würde dieses »Frieden stiften wollen« nie wahre Freude werden können, weil es in Verknüpfung mit dieser vorgesehenen Folge böse ist.

II. Wahre Menschenfreude kann also nur das werden, was zu den edleren Verrichtungen und höheren Vergnügungen des menschlichen Geistes nicht Kraft, Lust, Gelegenheit und Zeit raubt. Das niedere Wohl, das mich des höheren unfähig macht, das Wohl, das mit dem Guten nicht bestehen kann, ist eben darum ein falsches Wohl für den menschlichen Geist.

Darum kann wahre Menschenfreude nur das sein, was weder durch die Dauer der Vergnügung den Zweck derselben vernichtet, noch durch heftige Bewegung des Gemütes die Sinnlichkeit der Herrschaft der Vernunft entreißt.

Es ist somit wahre Menschenfreude nur jene, die mit gesunder Seele genossen wird. Gesundheit der Seele ist wesentlich bei aller Menschenfreude. So, wie dir beim kranken Körper an Speise und Trank ekelt, und also die Krankheit des Leibes das Vergnügen, das dir sonst Speise und Trank gewährte, ungenießbar macht, so ist die Gesundheit der Seele, d. h. die Zusammenstimmung aller Geisteskräfte zum Zwecke unseres Hierseins, ein unentbehrliches Erfordernis zur wahren Freude.

III. Das vollständige Kriterium einer wahren Menschenfreude ist die vollständige Harmonie derselben mit der Würde und Bestimmung des Menschen. An der wahren Freude muß alles gut sein: Das Wesen der Freude, die Absicht beim Genusse der Freude, der Grad, die Dauer, die erkannten Folgen der Freude, die ganze Handlungsweise des Menschen.

Hier leuchtet ein, 1. warum auch die Freuden, die unschuldig sind, es so selten bleiben. Es fehlt an der Wachsamkeit des Geistes, die die Empfindung in den Grenzen hält.

2. Warum auch die unschuldigen Freuden den Menschen gar oft im Gutsein mehr hindern als fördern. Es fehlt an der lauteren Absicht, ohne die der edelste Zweck der Freude nicht erreicht werden kann.

3. Warum im Jagen nach Wohlsein die meisten Menschen immer noch böser und elender werden, als sie sind. Sie haben nicht Lust und nicht Zeit, den Maßstab der wahren Freude in der Hand zu behalten und zu gebrauchen.

4. Warum die allerwenigsten Menschen einer wahren Freude fähig sind. Die wenigsten haben Gesundheit des Geistes, ohne welche keine Freude Wahrheit und Bestand haben mag. Hier leuchtet

5. Inhalt und Geist der besseren Vernunft- und Sittenlehre ein. Jene beschäftigt sich mit den Merkmalen des Wahren, und diese mit den Merkmalen des Guten. Jene bestimmt die Kriterien des Wahren im Denken, diese die Kriterien des Guten im Wollen und Handeln. Es gibt einen moralischen Schein, wie einen logischen. Es gibt bloß scheinbares Gutsein, wie bloß scheinbare Wahrheit. Es gibt aber auch ein wahres Gutsein, wie es (wenn das Auge den Ausdruck ertragen kann), eine wahre Wahrheit – eine reelle Wahrheit gibt. Wohl dem, der es früh gelernt hat, überall den Schein von der Wahrheit zu unterscheiden, im Denken wie im Wollen, im Forschen wie im Handeln. Hier leuchtet endlich

6. auch ein Unterschied zwischen wahrer Freude und wahrer Freude ein. Eine hat einen größeren Wert als die andere: Eine ist vortrefflicher als die andere, je edler sie ihrer Natur nach, je harmonischer ihr Dasein mit der Würde und Bestimmung des Menschen, je reiner die Absicht, und je reger der Geist der Wachsamkeit beim Genusse derselben ist, oder auch je entbehrlicher ihr Adel – die Wachsamkeit des Geistes macht.

 

Regel

zur richtigen Schätzung der Dinge, die dem Menschen eine Quelle der Freude sein können

Miß alle Dinge von dem Standpunkte deiner Würde und deiner Bestimmung aus: Das Geistige gelte dir mehr als das Sinnliche. Das Unvergängliche mehr als das Vergängliche. Das Gemeinnützige mehr als das bloß Angenehme. Das Notwendige mehr als das bloß Bequeme. Das Gottähnlichere mehr als das Gottunähnlichere. Die Absicht, (die Seele der Handlung) mehr als das äußere Werk (der Leib der Handlung). Die Religionsfreude mehr als jede andere und der gute Wille mehr als alles, was erst durch ihn gut wird. Die Urquelle des Guten mehr als alles Gute, das aus der Urquelle kommt.

Zweiter Abschnitt. Schätzung der Dinge, die dem Menschen eine Quelle der Freude und Glückseligkeit sein können

Die Dinge, die im Verhältnis stehen können zur Freude, zum Gut- und Wohlsein des Menschen, gehören

1. entweder zu den sogenannten Gütern des Leibes, des Glückes, der Ehre, wie Gesundheit, Reichtum, Luxus, Menschenruhm, oder

2. zur Kultur des Verstandes, wie Lektüre, Gelehrsamkeit, Schriftstellerarbeiten, oder

3. zur Kultur des Herzens, wie Empfindsamkeit, Wohlwollen, Freundschaft, oder

4. zur höchsten Vervollkommnung des Menschengeistes, wie Andacht, Tugend, oder

5. zu den allgemeinen Lebensweisen der Menschen, wie das gesellige Leben, Einsamkeit, Stadtleben, Landleben, häusliches Leben, Geschäftsleben, oder

6. zu einigen besonderen Berufsarbeiten, wie Regierung, Lehramt, oder

7. zu dem äußersten, wenigstens scheinbaren Gegenteile alles Menschenwohls, wie Leiden, Trübsal, Mängel aller Arten, und Störungen im Freudengenusse,

8. gar nicht zu den Klassen der Dinge – gehört Gott, die Urquelle alles Gut- und Wohlseins.

Erstes Kapitel. Von der Bedeutung der Gesundheit für die Glückseligkeit des Menschen

I. Die ungehinderte Uebereinstimmung aller körperlichen Kräfte und ihre Verrichtungen zum Zwecke des körperlichen Wohlseins, die Gesundheit, ist eine Bedingung, ohne die sich die übrigen Güter dieses Lebens nicht so froh genießen, und sowohl die Kräfte des Leibes als des Geistes nicht so leicht und unbehindert gebrauchen lassen. Ohne Gesundheit ist Genuß und Gebrauch auf mancherlei Weise gelähmt. Ohne sie ist Reichtum, Ehre, Macht, Gesellschaft, Natur dem Menschen nicht vielmehr, als das Opfer dem Götzen, oder als der gebahnte Weg dem Lahmen. Ohne sie fehlt uns das durchströmende, ganz frohe Gefühl unserer Kräfte, das in Ermangelung der besseren Triebfedern, so oft zum Wohltun treibt. Ohne sie ist Tätigkeit eine Pein, und die körperliche Ruhe eine Plage. Ohne sie wird unsere äußere Gemeinnützigkeit und nicht selten die innere Vervollkommnung gehemmt. Ohne sie wird der gewöhnliche Mut zum Beginnen, die Unverdrossenheit zum Fortführen, die Standhaftigkeit zum Vollenden unserer Berufsgeschäfte erschwert.

Den ganzen Wert der Gesundheit lernen wir oft erst aus dem Verlust derselben kennen. Denn der Verlust der Gesundheit macht uns selbst zur Last, zur Last der Familie, der Gesellschaft, die wir teils betrüben oder zur Ungeduld reizen, teils durch Entziehung unserer Dienste schädigen. Er wird bei vielen ein Hindernis der Vollkommenheit aller Art: der intellektuellen, indem die Kraft zum Nachdenken mit dem Körper welkt; der moralischen, indem mit dem Gesundheitsgefühle die Lust zu wohltätigen Handlungen schwindet; der ökonomischen, indem die erwerbende Hand erkrankt, wenn der Vater nicht gesund ist. Die durch unordentliche Lebensart entnervte Gesundheit der Eltern rächt sich vielfach an ihren Kindern, und so fort an ganzen Geschlechtern bis ins tausendste Glied.

Solche Folgen der zerrütteten Gesundheit können den Wert der unzerrütteten, zumal dann sehr nachdrücklich predigen, wenn der Kranke auf die Gesunden hinsieht, und das Wahre, Gute, Schöne, Edle berechnet, das diese durch ungehinderten Gebrauch ihrer Kräfte kennen lernen, stiften, mitteilen, genießen, erfahren, indes ihm, dem Kranken, nichts als Geduld anheimfällt, und was sich mit ihr dieser erobern läßt.

II. Allein, alle Dinge haben zwei Seiten: und wir müssen uns angewöhnen, auch diese andere Seite der Dinge gegen das Licht zu kehren, damit wir das Verhältnis derselben zum Gut- und Wohlsein des Menschen richtig beurteilen können. Auch die Gesundheit hat eine andere Seite, die deutlich zu verstehen gibt, daß das erste und vornehmste der äußeren Güter kaum des Namens, ein Gut des Menschen zu sein wert ist.

Die beste Gesundheit ist wie das längste Menschenleben dennoch von kurzer Dauer.

Die festeste Gesundheit ist leicht zerstörbar, kann ohne mein Verschulden zerstört werden. Sie ist also ein flüchtiges, gebrechliches Gut.

Die Gesundheit allein, ohne andere Vergnügungen, Verrichtungen, Aussichten, Hoffnungen, bringt kein Gefühl von Freude ins Herz, wie es der gesunde Missetäter im Kerker wohl am besten erfährt.

Die Gesundheit kann ein großes Hindernis des Gut- und Wohlseins werden. Denn die volle Kraft der Gesundheit versucht natürlicherweise leicht zum Leichtsinn, zur Unmäßigkeit, zu Ausschweifungen aller Art. Das Feuer, das in den Adern glüht, wird dadurch, daß es jeden Funken von Leidenschaft, der schon da ist, schnell in Flamme bringt, der Tugend gefährlich. Ein Riese an Kraft kann bald ein Riese an Bosheit werden. Zudem macht uns die Gesundheitsliebe gar oft aufrührerisch gegen höhere Pflichten. Tod für das Vaterland, für die Religion, für das gemeine Beste sind fürchterliche Namen für zu sorgsame Gesundheitspfleger. Wie oft wird der Leib verzärtelt, um ihn gesund zu erhalten, die Kraft ungebraucht gelassen, um sie nicht zu erschöpfen. Daher der unausstehliche Gesundheitspedantismus, auf den die Natur keine Rücksicht nimmt, wenn sie uns Pflichten auferlegt. Schon der Eintritt des Menschen in die Welt ist mit der Lebensgefahr der Mutter verbunden – ein deutlicher Wink, daß die Achtung für Pflicht ein höheres Gesetz anerkenne, als das Interesse der Gesundheit.

Hingegen nötigt manchen der schwächliche Körper anfangs zur sogenannten philosophischen und bringt ihn nach und nach zur wahren Tugend. Der Kranke ist enthaltsam um der Gesundheit willen und wird es am Ende um der Enthaltsamkeit, um des Gesetzes und ihres Urhebers willen. Kränkliche Leute erreichen, eben weil sie in der Sorge für ihre Gesundheit pünktlich vorsichtig sind, nicht selten ein hohes Alter und stiften in dem langen Lebensraume viel Gutes. Auch trifft man bei gesundheitlich Schwachen oft einen feineren Verstand an, der das Reich der Wahrheit erweitern hilft, als bei manchen, die man baumstark und eisenfest nennen darf.

III. Daraus erhellt das wahre Verhältnis der Gesundheit zu unserem Gut- und Wohlsein:

1. Die Gesundheit ist für den Menschen nur insofern ein wahres Gut, als sie zur Erreichung würdiger Zwecke benutzt wird.

2. Die Gesundheitssorge kann vernünftig sein, und ist vernünftig, insofern sie zu würdigen Zwecken angewandt wird.

3. Weil aber Mittel nicht Zweck ist, so muß die Gesundheitssorge der sittlichen Vollkommenheit, der Würde und Bestimmung des Menschen untergeordnet werden, um vernünftig zu sein und zu bleiben.

4. Wenn die Gesundheit schwach wird, so kann man die Schwäche noch als Anlaß zur Beförderung des Gut- und Wohlseins ansehen und dazu gebrauchen.

5. Die blühendste Gesundheit ist, (ohne den guten Gebrauch derselben und zugleich ohne tätige Anwendung der vornehmsten Glückseligkeitsmittel) gar sehr unzulänglich, dem Menschen wahre Freude zu verschaffen.

6. Die Gesundheit ist weder die Glückseligkeit selbst, weil sie nur in Beziehung auf dieselbe gut ist, noch eigentlich ein besonderes Glücksmittel, weil sie nur den freieren Gebrauch der Glückseligkeitsmittel möglich macht; noch kann sie mit dem sittlich Guten in Vergleich kommen, weil sie daran gegeben werden muß, um das sittlich Gute in uns zu erhalten. Wer nicht Mut hat, eher zu sterben als gegen das heilige Gesetz, das er in sich hat, zu handeln, der ist nicht würdig zu leben.

7. Vernünftige Gesundheitspflege und vernünftiger Gesundheitsgebrauch ist ohne Selbstverleugnung, d. i. ohne die Bekämpfung der Sinnlichkeit durch die Vernunft, nicht denkbar.

Wenn jemand zu mir kommt und hasset nicht Vater, Mutter, Weib, Kinder, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein.

Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, und die Seele nicht töten können. Fürchtet euch vielmehr vor dem, der Leib und Seele in der Hölle verderben kann.

Ein guter Hirt läßt sein Leben für seine Schafe. Ich lasse mein Leben für die Schafe.

Niemand hat größere Liebe, als die, daß er sein Leben für seine Freunde läßt.

Zweites Kapitel. Von der Bedeutung des Reichtums für die Glückseligkeit des Menschen

Ueberfluß an Lebensmitteln, Kleidungsstücken, Mitteln der Bequemlichkeit und des Vergnügens, Geld und Geldquellen – der Reichtum – hat in sich (ohne wirklichen Gebrauch zu würdigen Zwecken) keinen Wert.

I. Die würdigen Zwecke, zu deren Erreichung der Reichtum dienen kann, sind die, welche teils mit dem Gut- und Wohlsein des Besitzers, teils mit dem Gut- und Wohlsein der Gesellschaft übereinstimmen.

Der Reichtum kann seinem Besitzer, indem er ihn von übergroßen Sorgen befreit, Zeit, Anlaß und viele Hilfsmittel verschaffen, an der Verbesserung seiner Kenntnisse und Gesinnungen zu arbeiten, und mit guten Menschen ungehinderten Umgang zu pflegen; kann ihm die Versuchungen zum Unrecht, die Versuchung zu schmeicheln, zu kriechen, zu lügen, die aus der Sorge um das tägliche Brot und aus dem peinlichen Gefühle der Dürftigkeit entstehen, ersparen; kann ihm den Mut für die Wahrheit und Gerechtigkeit mit Nachdruck zu sprechen, und der Uebermacht des bewaffneten Lasters zu widerstehen, erleichtern helfen, weil er ihn in eine äußere Unabhängigkeit von den Menschen versetzt; kann ihm das göttliche Vergnügen verschaffen, mit den Gaben, die ihm in den Schoß geworfen, schreiende Bedürfnisse zu stillen, heiße Tränen zu trocknen, Blößen zu decken, die leidende Unschuld vor Versuchung und Verführung zu bewahren, noterfüllte Herzen zu erleichtern, mit überraschenden Wohltaten den Glauben der Witwen und Waisen an Gott zu wecken und zu stärken, den Fleiß der Arbeiter zu spornen, die Zahl der Müßiggänger zu mindern, schlafende Talente zu wecken, wohltätige Unternehmungen zu unterstützen, Kranken- und Armenhäuser, Schulen und ähnliche Anstalten zu gründen und in Blüte zu bringen, – den Reichtum des Einen zur Segensquelle für Tausende zu machen.

II. Aber nicht nur ist von dem Kann bis zum Sein, von der »Brauchbarkeit« des Reichtums bis zum »Gebrauche« schon eine große Kluft, sondern es schafft selbst der Reichtum noch unzählige Reize und Hindernisse, wodurch sein würdiger Gebrauch zur seltenen Erscheinung gemacht wird.

Der Reichtum hindert teils durch die sinnlichen Vergnügungen, die er verschaffen, teils durch die Zerstreuungen, die er gewähren kann, teils durch das falsche Vertrauen auf das Geld und das Ansehen desselben, – das bessere Geschäft, die Ausbildung des Verstandes.

Der Reichtum erkünstelt durch Beihilfe der Vernunft eine Gelegenheit zum Stolze, oder zur Unmäßigkeit und Verschwendung, und zu unzähligen Torheiten, die daraus entstehen.

Der Reichtum versucht seine Besitzer zum Geize oder zu einer Masse entbehrlicher und naturwidriger Neigungen, die unter dem Namen Lüsternheit und Ueppigkeit zusammengefaßt werden, ein Uebel, das alle edleren Triebe im Menschen verdrängt und erstickt und den tiefsten Verfall des menschlichen Willens mit sich bringt. Er wird nur gar zu oft ein Universalmittel, alle schon herrschenden Leidenschaften zu befriedigen. Wollust, Ehrsucht, Rachsucht, Herrschsucht, das Vier der fürchterlichsten Leidenschaften, gebrauchen den Reichtum als Werkzeug, um die ausschweifendsten Bedürfnisse desto glücklicher befriedigen zu können. Die schaudervollsten Unternehmungen sind hauptsächlich durch die Triebfeder des Eigennutzes vollbracht worden – und die Triebfeder des Eigennutzes wird vorzüglich durch Geschenke und Verheißungen, durch erhaltenen oder wenigstens gehofften Reichtum in Bewegung gesetzt.

Die Begierde, reich zu werden hat allerlei Arten von Torheit, Unrecht und Elend in die Welt gebracht, indem sie sich der unschicklichsten oder ungerechtesten Mittel bedient, zum Ziele zu kommen. Derlei Mittel sind die Leichtgläubigkeit zur Geldquelle machen und Betrogene, die sich blind führen lassen, von dem Wenigen, das sie haben, entblößen, Schatzgräberei und Geisterbeschwörerei, Argwohn und Verdacht auf den reicheren Nachbar, Unterlassung des ordentlichen Fleißes, Unglaube an Gott; Hazardspiele, die entweder die Leidenschaften reizen und beschäftigen, oder wenigstens als ein Leichenzug der kostbaren Zeit anzusehen sind; Prozesse, deren Folgen die Fabel schön beschreibt, da sie den Richter die Perle, und jede der streitenden Parteien eine Halbmuschel werden läßt; Betrüge in Handel und Wandel, die die Reste an Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit unter Menschen immer mehr verbannen: Räuberpläne und Räubergesellschaften, welche die zerstreuten Kräfte vereinigen, um schaden zu können, und anderen schaden, um sich ohne Arbeit wohltun zu können; Kriege aus Eroberungssucht, die Menschenblut opfern, um einen Strich Landes mehr zu bekommen.

III. Das Verhältnis des Reichtums zu unserem Wohlsein ist also dieses:

1. Der Reichtum hat für den, der ihn besitzt, und gar nicht gebraucht, keinen positiven Wert, und für den, der ihn gebraucht, und nicht zu würdigen Zwecken gebraucht, positiven Unwert.

2. Der Reichtum schafft selbst seinem würdigen Besitzer die wenigsten, der Gesellschaft, in der er lebt, die meisten zeitlichen Vorteile. Denn sein Vorzug besteht mehr in dem Verdienste, Erwerber, Sammler, Aufseher, Austeiler zu sein, als im Genusse.

3. Der Reiche verdient nicht Achtung, weil er reich ist, sondern nur insofern, als er den Reichtum ohne Entheiligung des Sittengesetzes erworben hat und zu würdigen Zwecken anwendet.

4. Alle Folgen aus dem Erwerbe, Besitze und der Anwendung des Reichtums sind nur insofern für den Besitzer sittlich gut, inwiefern sie vorhergesehen und aus edlen Endabsichten bezweckt sind.

5. Da der Reichtum keinen Wert hat, als den ihm der wirklich gute Gebrauch gibt, da ferner der gute Gebrauch eine sehr schmale Linie ist zwischen tausend Linien von Mißbrauch, so kann man nicht zu behutsam sein in der Begierde nach Reichtum, im Gebrauche des Reichtums.

6. Die Vernunft empfiehlt keine andere Geldquelle als: Arbeitsamkeit, Mäßigkeit, kluge Haushaltung, Genügsamkeit, Vertrauen auf die Urquelle alles Gut- und Wohlseins.

7. Es ist zum zufriedenen Leben gar nicht notwendig, daß man reich sei; aber daß man das, was man hat, zu würdigen Zwecken gebrauche, und sich mit wenigem begnügen lerne, um nicht von der unersättlichen Begierde umhergetrieben zu werden.

8. Ohne Bekämpfung der Sinnlichkeit durch die Vernunft, d. i. ohne Selbstverleugnung wird weder unser Urteil von dem Werte des Reichtums der Wahrheit gemäß, noch die Begierde nach Reichtum und der Gebrauch desselben unserer Würde und Bestimmung untergeordnet sein.

Göttlicher und menschlicher lehrte von dem Reichtum niemand als die Wahrheit, die da sprach:

Die aber (das Wort Gottes) in die Dornen fallen lassen, sind jene, welche das Wort anhören; hernach aber kommen zeitliche Sorgen und die Verblendung des Reichtums: diese ersticken das Wort und machen, daß es ohne Frucht bleibt.

Wahrlich ich sage euch, es ist hart, daß ein Reicher in das Himmelreich eingehe. Und nochmal sage ich euch: es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr durchgehe, als ein Reicher in das Reich der Himmeln eingehe: – wer wird also selig werden? – bei den Menschen ist es unmöglich, bei Gott aber sind alle Dinge möglich.

Es kann niemand zwei Herren dienen – Ihr könnt nicht zugleich Gott dienen und dem Mammon.

Sammelt euch keine Schätze auf Erden, wo Rost und Motte fressen, und Diebe ausgraben und stehlen: Sammelt euch vielmehr Schätze im Himmel, wo weder Rost noch Motte fressen, noch Diebe ausgraben und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.

Suchet also zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit: und dies alles wird euch zugegeben werden.

Die Wahrheit 1. macht also die Menschen auf die Täuschungen des Reichtums aufmerksam, und auf die Hindernisse, die er der Tugend legt, und die an Unmöglichkeit grenzen, und auf die Torheit, das Herz zwischen Gott und dem Reichtum teilen zu wollen; 2. weist die Begierde der Menschen auf ewige, bessere Güter hin, die fähig und würdig sind, unser ganzes Herz auszufüllen.

Drittes Kapitel. Von der Bedeutung des Luxus für die Glückseligkeit des Menschen

Das Urteil über den Wert des Reichtums erleichtert das Urteil über den Luxus.

I. Der Aufwand auf entbehrliche Vergnügungen, die Verwendung der Reichtümer zum Wohlleben und zur Pracht, Ausgaben, die weder die Erziehung der Kinder, noch die Beförderung des fremden Glückes, noch die Aufrechterhaltung der unter den verschiedenen Ständen eingeführten Ordnung zum Zwecke haben – das, was wir Deutsche erst gelernt und nachgeahmt haben müssen, weil wir es wirklich noch mit einem ausländischen Worte bezeichnen, – der Luxus, – hat vielerlei Quellen. An Orten, wo große Ungleichheit des Vermögens und Standes herrscht, wird er durch törichte Nacheiferung allgemein. Wo viele in verschiedenen Graden glänzen, mißt sich jeder mit dem Höheren, jeder will es dem Reicheren oder Höheren nachtun.

Und die Folgen? Wer kurzsichtig genug ist, oder wer mehr auf das Aeußere als das Innere sieht, und die Glückseligkeit mehr in Farbe und Glanz als in das Wohlsein der menschlichen Natur setzt, wird Gründe finden, sich für den Luxus zu entscheiden, wird uns aus der Weltgeschichte beweisen, daß der Luxus Triebfeder der Industrie, Wecker und Begünstiger der Künste und Wissenschaften, Beförderer des Handels und der Verfeinerer der Völker sei.

Allein, wer mehr auf das Interesse der Menschheit, als auf das rauschende Wohlleben in großen Städten sieht; wer mehr für die Zufriedenheit des Herzens, als den Prunk des Lebens sorgt, der wird bekennen müssen, daß der unbeschränkte Luxus

1. das Menschenleben mit vielen Unannehmlichkeiten überlade, von denen wir bei einer einfacheren Lebensart nichts wüßten:

2. die Aufmerksamkeit wichtigeren Angelegenheiten entziehe, und die Sorge für unnütze Kleinigkeiten zum bedeutenden Studium mache;

3. die niederen Bedürfnisse ins Unendliche vermehre;

4. um der Befriedigung dieser Bedürfnisse willen, zur Aufopferung der Unschuld und der Gewissensruhe gewaltsam versuche;

5. das Reich der Sinnlichkeit, dieser alten und ewigen Feindin der Vernunft, erweitere:

6. das ungeschmückte Verdienst noch mehr verdunkle und verdränge, und das Vorurteil immer mehr kanonisiere, als wenn die Kleider Leute machten;

7. die Ehe und die gute Erziehung erschwere;

8. die Nahrungssorgen durch die erhöhten Preise und Abgaben drückender mache:

9. den Staat je länger je mehr in Gefahr setze, zu verarmen, und so fort das äußere Elend beschleunige;

10. die Nation immer mehr entnerve, und eine Pest sei des Wohlseins einzelner Menschen, der Familie, der Staaten, der Nachwelt, der Menschheit.

Religion, lebendiger Glaube an das Dasein Gottes, an die Unsterblichkeit der Seele und die ewigen Folgen der Tugend, du nur kannst, wenn du selbst lebendig bist, dem Menschen volle Kraft geben, daß er in Mitte von Vergnügungen, die ihn locken, in Mitte von Gelegenheiten zu Ausschweifungen und Torheiten, fest stehe, und das, was sich zum Laster wie zur Tugend brauchen läßt, – den Reichtum, – zum Werkzeuge des Gutseins und des wahren Wohlseins mache!

11. Das schrecklichste Verderben richtet der Luxus in der jüngeren Generation an. Denn da in diesem Alter der Hang nach Vergnügungen, und die Begierde zu gefallen, besonders lebhaft ist, so ist diesem Alter der Luxus vor allem willkommen, weil er dem Hang nach Vergnügungen freie Zügel läßt, und der Begierde zu gefallen, in die Hände arbeitet. Wie nun der Hang nach Vergnügungen und die Begierde zu gefallen, herrschend werden, so müssen alle ernsthaften Bemühungen, ohne die das jugendliche Alter nicht gebildet werden kann, demselben doppelt lästig, und alle Vorstellungen von Wahrheit, Gutsein, Selbstverleugnung, Religion fremd und grausam vorkommen, weil dadurch dem unbändigen Triebe zu scheinen, Grenzen gesetzt werden.

Für die Töchter, besonders in den Häusern, die sich über den Bürgerstand erheben, hat der Luxus auch dies ansteckende Uebel, daß sie, um die Gesetze des Luxus beobachten zu können, fast an nichts mehr als an die Werkzeuge des Putzes denken, und keine Arbeit mehr kennen, als die Arbeit, sich zu schmücken, wodurch ihr ganzes Herz zerrüttet wird und alle Fassung für das Wahre und Gute verliert.

III. Da nun der unbegrenzte Luxus gegen das Gut- und Wohlsein des Menschen in offenbaren Widerstreite steht, so ist

1. die Predigt des Luxus, die die profanen Geister so gerne zu ihrem Steckenpferde machen, nicht weniger gegen die Vernunft, als alles Lobreden auf die unbändige, der Herrschaft der Vernunft entrissene, Sinnlichkeit;

2. das Beispiel der Mäßigkeit, die die Ausgaben des Wohlstandes und Vergnügens lieber zu viel als zu wenig einschränkt, ein nötiger Akt der Menschenliebe, um nicht der törichten Nachahmung neue Autorität zu verschaffen; so können

3. die Quellen des Luxus in dem jüngeren Geschlechte, der Hang nach sinnlichen Vergnügungen und die Begierde zu gefallen, nicht zu früh und zu sorgsam bewacht werden; so ist

4. die Liebe zum Luxus, ohne Selbstverleugnung, das heißt ohne Bekämpfung der Sinnlichkeit durch die Vernunft, nicht in Ordnung zu bringen.

Und so stimmt auch hier das Gebot der Vernunft mit dem Evangelium überein, welches 1. den Menschen überall von Schein, Glanz, Zeit, Vergänglichkeit auf wahre, ewige Güter weist, und 2. eine solche Liebe gegen Notleidende gebietet, die, wenn sie ausgeübt wird, dem Luxus notwendig alle Adern abschneidet, und Zeit, Kraft und Lust zu etwas Besserem verwendet.

Viertes Kapitel. Von der Bedeutung der Ehre für die Glückseligkeit des Menschen

Hier stoßen wir auf ein Rätsel in der menschlichen Natur: keine Torheit läßt sich leichter beweisen und anschaulicher machen, als die Torheit des Ehrgeizes, und keine ist schwerer zu vermeiden als diese. Nichts schadet dem menschlichen Gut- und Wohlsein mehr als der Stolz, und nichts sitzt so tief in unserem Wesen, als der Stolz.

I. Die Meinung vieler, daß die Gaben, Talente, Handlungen, Absichten, Umstände eines Menschen ihn eines Vorzugs wert machen, ist das, was man Ehre, und der Ausdruck dieser Meinung durch Wort, Geberde, Handlung ist das, was man Ehrenbezeugung nennt.

Also nichts als Meinung und Ausdruck dieser Meinung wäre – die Ehre? Wo nähme sie denn dann den Zauber für unser Herz her, wenn sie nicht mehr wäre?

Sie ist nicht nur nicht mehr, sie ist nicht einmal soviel. Sie ist oft bloßer Ausdruck ohne Meinung, ohne Dafürhalten, daß wir der Ehre würdig sind, bloßes leeres Zeichen ohne Glauben an unsere Ehrwürdigkeit. Doch hat sie auch eine gute Seite. Die Ehre kann auf wahre Vorzüge gegründet sein; sie kann durch erlaubte Mittel erworben sein; sie kann andere antreiben, das an uns bemerkte Gute nachzuahmen; sie kann uns selbst zur Kultur unserer Geisteskräfte antreiben; sie kann uns zu einem Wirkungskreise, in dem sich große gemeinnützige Taten verrichten lassen, behilflich sein; sie kann uns das Zutrauen, die Liebe und Freundschaft guter, edler Menschen unter den entferntesten Himmelsrichtungen verschaffen; sie kann wirklich zu edlen Zwecken angewandt und edelmütig behauptet werden; sie kann für viele ein mächtiger Sporn zu guten Handlungen sein, ohne den sie gewiß unterblieben, (so heißt es oft in Fällen, wo Vernunft und Religion zu schwach wirken: zum Glück hat dieser Mensch einen »Ehrenpunkt«, der ihn von vielen Ausschweifungen zurückhält); sie ist zur Ausführung wichtiger Unternehmungen, zu gemeinnütziger Erfüllung der Berufspflichten unentbehrlich, wie denn auch die Ehre des Arztes, des Lehrers, des Predigers, des Rates, des Ministers, des Regenten einen mächtigen Einfluß auf die geeignete Erfüllung ihrer Pflichten hat.

Es läßt sich auch ein Ehrgeiz denken, den man vernünftig nennen muß; unter diesen äußerst schweren Bedingungen nämlich, daß die Achtung anderer rechtmäßig erworben, edelmütig behauptet und wohltätig angewandt wird, oder deutlicher: daß wir die Ehre nie um ihretwillen, und nie um unseretwillen suchen, schätzen, annehmen, sondern um fremdes Gut- und Wohlsein ungehindert fördern zu können.

II. Aber nun die andere Seite der Ehre, die wohl nicht zu scharf und zu oft angeblickt werden kann:

Die Ehre ist

A. als Gut betrachtet, sehr gering.

1. Die Ehre ist außer dem Menschen, von dem man sagt, daß er geehrt wird.

2. Die Ehre ist eben darum nicht ganz in unserer Macht.

3. Die Ehre hängt sogar von allem ab, was auf die Urteile der Menschen Einfluß hat, von Laune, Neigung, Leidenschaft, Vorurteil.

4. Die Ehre ist eben darum veränderlich, wie das Urteil der Menschen.

5. Die größte Ehre, die wir uns auf Erden erwerben, schränkt sich gewöhnlich nur auf wenige Punkte der Zeit und auf eine kurze Linie des Raumes ein. Und wenn sie auch in allen Weltteilen ausgebreitet wäre, und durch alle Jahrhunderte fortdauern würde, was gewänne die Ruhe des Herzens dadurch?

6. Wer von vielen geehrt wird, der wird auch von vielen beneidet, gehaßt, verachtet.

7. Niemand ist dem Sturze näher, als der, welcher seinen Thron auf den schwankenden Anbetungen schwacher Menschen erbaut hat; und keines Menschen Sturz ist fürchterlicher, als des angebeteten, der nur von dem Rausche der Anbetung lebte.

8. Die Ehre gibt uns gar nichts: wir sind, was wir sind; die Meinung anderer ändert die Natur und das Sein der Dinge nicht, macht uns nicht besser und nicht schlechter.

9. Die Ehre bringt auch den Fluch der »Berühmtheit« über den Menschen, daß er ein Schauspiel der fremden Neugier werden, und sich bald wie Pferde über alle sieben Hauptmängel muß prüfen, bald aber wie Götzen nach allen vier Wänden anräuchern lassen.

Die Ehre kann

B. als Gegenstand unserer Triebe betrachtet, unserm Gut- und Wohlsein äußerst schädlich werden.

Die Begierde nach Ehre kann gar bald herrschend werden, und wenn sie herrschend geworden ist, so bekommt sie neue Namen, die ihre Kraft zu schaden deutlich genug zu verstehen geben. Sie heißt Ehrgeiz, insofern sie das Mittel zum Zwecke macht, nach Ehre um der Ehre willen strebt, und um diesen selbstgemachten Zweck zu erreichen, Mittel ergreift, die mit dem guten Willen nicht bestehen mögen. Sie heißt Hochmut, insofern sie den Menschen der törichten Selbstgefälligkeit und Einbildung von der Größe seiner Vorzüge und Verdienste übergibt. Sie heißt Stolz, insofern sich Ehrgeiz und Hochmut durch Geberden, Mienen, Gang, Kleidung, Rede, Tat offenbaren. Sie heißt Eitelkeit, insofern sich die Selbstgefälligkeit und Begierde, andern zu gefallen, an Kleinigkeiten heftet und durch Kleinigkeiten äußert.

Diese herrschende Ehrliebe zerstört das wirkliche Gutsein des Menschen; hemmt den Gang unserer Selbstvervollkommnung, indem wir aus Selbstgefälligkeit glauben, der Verbesserung nicht mehr zu bedürfen, unsere Fehler mit den schönen Farben der Tugend übertünchen, und aus Wahn, schon groß zu sein, nicht mehr danach ringen, es zu werden; befleckt auch das Gute, das wir wirklich tun, indem sie uns erniedrigt, nur Menschenlob zu suchen; erzeugt das grobe Laster der Heuchelei, die zuerst andere mit dem Scheine des Guten hintergeht, und uns am Ende selbst betrügt, wodurch das Maß der Selbstverblendung voll werden muß; erzeugt das unnatürliche Laster des Neides, der seiner Natur nach in anderen Augen Splitter richtet, und die Balken im eigenen duldet, ungerecht gegen das Gute an andern, und grausam gegen den Unschuldigen werden kann, bloß weil dessen Größe Schatten auf unsere Kleinheit wirft; entfernt uns immer weiter von der Urquelle alles Guten, und bringt uns nach und nach dahin, daß wir von abgöttischer Verehrung unserer selbst geblendet, in die elende Selbstgenügsamkeit verfallen, als wenn wir Gottes nicht bedürften, und ihn auch sowohl in der sichtbaren Natur, als in uns selbst verlieren und ohne Gott in der Welt leben; führt endlich uns von Abgrund zu Abgrund, daß wir, nachdem wir den höchsten Gesetzgeber aus den Augen verloren, am Ende auch an das heilige Gesetz in unserer Natur ungläubig werden, und so den letzten Faden verlieren, an dessen Handleitung wir zur Urquelle des Guten den Rückweg finden könnten.

Die herrschende Ehrliebe vergiftet dadurch, daß sie unser Gutsein zerstört, alle Quellen des wahren Wohlseins.

Der Hochmut ist an sich schon eine Krankheit des Geistes – die Aufgedunsenheit der Seele, die uns nie recht froh werden läßt. Er macht alle Selbstkenntnis, ohne die kein wahres Wohlsein werden kann, unmöglich. Wir scheuen das Licht, das uns unser Inneres zeigt, und in dieser Lichtscheue halten wir eine falsche Gestalt unseres Seins für die wahre. Der Hochmut macht uns unfähig, uns von Weisen belehren und auf die verlorene Straße des Friedens weisen zu lassen, weil wir nur an die eigene Weisheit glauben, und bei der bloßen Vorstellung, daß es außer der unseren noch eine andere geben soll, schon traurig werden. Er macht uns untauglich zu allen lauteren Freuden der Freundschaft, eben darum, weil wir unser nicht vergessen können, um andere von ganzem Herzen zu lieben. So ist der Hochmut Unordnung und kann als Unordnung nichts anderes als Unruhe erzeugen. Der Mensch kann nur in der Wahrheit ruhen, und ist zu edel, um in der Täuschung Ruhe finden zu können. Der Hochmütige aber läuft nur dem Nichts, dem Gespenst der Einbildungskraft, dem Schein ohne Wesen und Bestand, der Ehre, nach, und will in dem, was falsch ist, Ruhe finden. Statt sich um den Beifall des Gewissens, um den Beifall des höchsten Gesetzgebers zu kümmern, martert er sich nur, um den Menschenbeifall einzuernten, und kann ihn doch nie ungeteilt einernten, und wenn er ihn auch einerntet, nie festhalten, und wenn er ihn auch festhalten könnte, in ihm nie Sättigung finden. Wer die ewige Unruhe aus Erfahrung kennen will, sei nur hochmütig, und er trägt die lebendige Hölle in sich. Menschen, die ihr es für inhuman haltet, an eine Hölle zu glauben: erforschet euer Inneres in der Stunde, in welcher eure Hochmutspläne wie Wasserblasen zerplatzen, und ihr werdet in euch die Hölle finden, die ihr außer euch leugnet.

Weil der Hochmut des Einen nicht der einzige in der Welt ist, so muß er von dem Hochmute seiner Mitmenschen auf mancherlei Weise in seinen krummen Gängen belauscht, gehindert, bedrückt werden. Weil der Hochmut schmeichelt und kriecht, Freunde und Feinde, Lob und Tadel, Wahrheit und Lüge zu Werkzeugen macht, sich Anhänger zu werben, so kann er es nicht immer verhindern, daß seine Verabscheuungswürdigkeit hie und da gegen seinen Willen ans Licht gezogen werde, und ihn zum Scheusal seiner Zeitgenossen mache, der Demütigen, die den Hochmut in anderen nicht loben können, weil sie ihn in sich verabscheuen, und der Hochmütigen, die ihn wenigstens in anderen verabscheuen müssen. Weil der Hochmut sich sogar in die Larve der Demut hüllt, um Verehrung zu erzwingen, und keine Larve Wahrheit ist, und kein Hochmut mehr Schande bringt, als wenn ihm die Larve der Demut abgezogen wird, so stehen dem Hochmütigen die allerbittersten Demütigungen bevor, und er bereitet sich selbst die schrecklichsten Leiden.

Die Ehre kann

C. in Verknüpfung mit unseren Trieben betrachtet, dem fremden Wohlsein äußerst nachteilig werden.

Die herrschende Ehrliebe stört den frohen Lebensgenuß anderer, und kränkt die Rechte anderer, froh zu sein, auf mancherlei Weise. Ein Stolzer plagt alle seine Mitmenschen, die in seine Sphäre kommen, mit Anmaßungen, und fordert Zinsen seiner Verehrung, die ihm nicht gebühren. Die herrschende Ehrliebe verkleinert, verleumdet, lästert, – und Verkleinerung, Verleumdung, Lästerung sind giftige Pfeile, die tief verwunden.

Die meisten Menschen schätzen ihren guten Namen nicht viel geringer als ihr Leben, und mehr als alle zeitliche Habe: nun ist die herrschende Ehrbegierde des Einen ein Angriffskrieg gegen den guten Namen aller derer, die ihm im Lichte oder im Wege stehen. Die herrschende Ehrbegierde arbeitet mit gedruckten Schundschriften, die schneller, ausgebreiteter und dauerhafter wirken, unwiderruflicher sind, und die Gelegenheit den Urheber zur Verantwortung zu ziehen, künstlicher abschneiden, als andere Verkleinerungsversuche. Der Ehrgeiz traf in unseren Tagen öffentliche Anstalten zu verleumden, und schuf Institute, die allen Leidenschaften Gelegenheit geben, sich anonym auszuleeren. Die Trugidee, die sie begünstigt, ist entheiligte Publizität, und das Handwerk, das der Verleumdung in die Hände arbeitet, heißt rastlose Anekdotenhäscherei.

Die herrschende Ehrbegierde erzeugt den Despotismus. Um seinem Namen mehr Anbeter zu verschaffen, will der Fürst, welcher ein Vater seines Volkes sein sollte, ein Eroberer der fremden Völker werden, und drückt sein Volk, um fremde erobern zu können, opfert Menschenleben, um Wind einzuernten.

D. Für die Ehre als Gegenstand der herrschenden Begierde, ist weder in dem gemeinen Menschenverstande, noch in der denkenden Vernunft ein Grund zur Verteidigung ausfindig zu machen.

a. Nicht in dem gemeinen Menschenverstande: denn

1. Nichts bringt uns so schnell um alle Achtung bei unseren Mitmenschen, als wenn sie zu bemerken glauben, daß wir nach Achtung haschen. Im Gegenteil macht uns nichts ehrwürdiger, als die ungezwungene Kälte gegen Menschenehre, vereint mit der lebendigen Begierde, allen Gutes zu tun. Nichts hat eine größere Kraft auf das Menschenherz, und gewinnt uns mehr die Liebe der besten Menschen, als Bescheidenheit, Demut, Nichtachtung unserer eigenen Vorzüge.

2. Auch der Stolzeste kann den Stolz an anderen nicht leiden – und muß wenigstens im Herzen der Demut den Vorrang eingestehen.

3. Es hält es kein Mensch für eine Kunst, oder für etwas Großes, stolz zu sein, aber für etwas sehr Großes, es nicht zu sein.

4. Alle Gleichnisse der alten und neuen Welt vom Stolz beweisen, daß man ihn für nichts gehalten als Selbstbetrug, Lüge, Bettelprahlerei: für Selbstbetrug, weil ich mich für das halte, was ich nicht bin: für Lüge, weil ich es gerne haben möchte, daß mich andere für besser hielten, als ich bin; für Bettelprahlerei, weil ich mit Gegebenem großtue.

b. Nicht in der forschenden Vernunft, denn diese strenge Zuchtmeisterin der menschlichen Eitelkeit spricht sehr dürre:

Alles, worauf die Menschen stolz sein können, sind entweder Naturanlagen, Talente: – und die hat sich der Mensch offenbar nicht gegeben, so wenig als sein Dasein; oder Umstände, Anlässe, Erziehung, Freunde, Bücher, Schicksale – Entwicklungsmittel der gegebenen Anlagen, – und diese sind wiederum gegeben; oder es ist der zweckmäßige Gebrauch sowohl jener Naturanlagen als dieser Entwicklungsmittel: – und dies ist allerdings wenigstens zum Teil des Menschen Sache und macht ihn der Ehre würdig. Allein sobald der Mensch diese Ehre sucht, so ist der Wert seiner Handlung durch die Absicht schon befleckt; und wenn er sich auch nur der Selbstgefälligkeit überläßt, ohne fremde seine eigene Ehre zu suchen, so belohnt er sich schon selbst, und setzt sich der Gefahr aus, größere Torheiten zu begehen, und würde in jedem Auge, das dieser Selbstgefälligkeit Zeuge sein könnte, als Tor und der Ehre unwürdig erscheinen; weswegen er denn diese Selbstgefälligkeit sorgfältig verbirgt, und dadurch gegen sich selbst ein Zeugnis ablegt.

III. Dies sind die zwei Seiten der Ehre; dies ist ihr Verhältnis zum Gut- und Wohlsein des Menschen. Denken wir uns nun einen Menschen, der sich aus diesen Betrachtungen eine Norm seines Verhaltens, und sich selbst nach dieser Norm gebildet hätte, so erhalten wir dies Ideal:

»Die Ehre ist nicht in meiner Gewalt, aber das Vermögen mich der Ehre würdig zu machen; ich will mich also nicht sonderlich um die Ehre kümmern, aber danach will ich streben, der Ehre würdig zu sein.

Nichts macht mich der Ehre würdiger, als Kälte gegen die Meinung der Menschen, vereint mit Wärme, recht- und wohlzutun; ich will also lernen, gut und kalt zu sein, der Ehre wert, und gegen Ehre kalt.

Die Urteile der Menschen sind so veränderlich und einander widersprechend, daß weder ihr Lob noch ihr Tadel entscheidet; ich will also nicht ruhen, bis mein Inneres so geordnet ist, daß wenigstens alle edlen neidlosen Menschen, wenn sie mich in meiner wahren Gestalt erblickten, sich nicht erwehren könnten, mich hochzuschätzen.

Weil einerseits mich das Gefühl für Ehre von manchen Ausschweifungen zurückhalten kann, andererseits aber die Ehre an sich mich nicht besser macht, als ich bin, so will ich alle jene Gleichgültigkeit gegen Menschenehre, die mich kühn zum Unrecht macht, verabscheuen; aber auch lernen, damit zufrieden sein, daß ich mir und meinem Gott bekannt bin.

Die Ruhe meines Gewissens und meines Herzens kann nicht vollkommen werden, so lange ich nicht von allen auch den geheimsten Flecken des Ehrgeizes rein bin: So will ich in Selbstbewachung und -bekämpfung nicht müde werden, bis ich den Störer aller Ruhe, den Feind aller Freundschaft, der mich von der Urquelle alles Guten fortführt, den Ehrgeiz, vollkommen besiegt habe.«

 

Hierher gehörend und äußerst merkwürdig sind die Belehrungen des Christentums:

Gott ist allein gut. Ihm gebührt die Ehre. Gott widersteht dem Hochmütigen. Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt.

Da Er in Gottes Gestalt war – erniedrigte Er sich, und erschien in Knechtsgestalt. Darum erhöhte Ihn auch Gott über alles.

Lernet von mir – demütig von ganzem Herzen zu sein.

Was hast du denn, daß du nicht empfangen: und wenn du es empfangen, was rühmst du dich doch, als wenn du es nicht empfangen hättest?

Die unlautere Begierde nach Ehre macht die Menschen untauglich, die wahren Gesandten der Gottheit, die ihnen die wichtigsten Dinge zu verkünden haben, als solche anzuerkennen. »Wie könnt ihr glauben, da ihr Ehre von einander nehmet?« sprach der Größte von allen Gesandten Gottes.

»Als sie Gott erkannten, gaben sie ihm die Ehre und den Dank nicht, der seiner Gottheit gebührt, sondern wurden eitel in ihren Gedanken, und ihr unerleuchteter Sinn wurde immer finsterer. Sie wähnten sich weise, und wurden Narren, verfälschten die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in Bildnisse vergänglicher Menschengestalten, sogar der Vögel, vierfüßiger Tiere und des Gewürmes. Daher überließ sie Gott den Gelüsten ihres Herzens zur viehischen Unreinigkeit, zur Schändung ihrer eigenen Körper.«

Es kommt einmal ein Tag, wo wir alle in unserer wahren Gestalt erscheinen werden, und alle unsere Gedanken und Werke offenbar werden: also weg mit der Larve!

Fünftes Kapitel. Vom Verhältnis der Lektüre zum Glücklichsein des Menschen

I. Die Lektüre kann die Leere und die Lücken ausfüllen, die der gewöhnliche Kreis des menschlichen Lebens zurückläßt: kann vor Müßiggang und den Versuchungen zum Unrecht, die damit verknüpft sind, bewahren; kann eine Erholung von verdrießlichen oder sehr anstrengenden Arbeiten sein; kann uns mit Begebenheiten der Vorwelt und Mitwelt bekannt machen, und uns eine neue Art von Existenz verschaffen, indem sie uns ein Mittel wird, mit den besseren Menschen aus allen Jahrhunderten und unter allen Himmelsstrichen in Verbindung zu treten, und in diese edle Geisterharmonie einzustimmen; kann Selbst-, Menschen-, Natur- und Gotteskenntnis fördern helfen, Anleitung, Stoff, Anlaß zum klaren Denken und zur Berichtigung unserer Urteile verschaffen; kann das Licht nach und nach in Häuser, Hütten, Winkel, andere Länder bringen helfen; kann Wohlwollen, Zutrauen unter den Menschen immer mehr befestigen; kann den Religionswahrheiten schnelleren Umlauf verschaffen; kann endlich die zerstreuten Kräfte zum Recht- und Wohltun in mehreren Menschen sammeln, und dadurch das menschliche Elend mildern.

Den Einfluß, den das Lesen auf unser Gut- und Wohlsein haben kann, hat es wirklich unter diesen Bedingungen:

1. wenn der Leser die Absicht hat, durch Lektüre weiser und besser zu werden;

2. das Buch Wahrheiten vorträgt, die ihn weiser und besser machen können;

3. das Buch die Wahrheiten so vorträgt, daß sie Eindruck auf ihn machen können;

4. das Lesen zu den wichtigeren Beschäftigungen nicht Zeit und Lust raubt;

5. der Leser sich auch Mühe gibt, all das, was er Gutes gelesen, an seinem Verstande und Herzen sogleich in die Probe zu nehmen, und sein Leben danach einzurichten.

II. Aber diese Bedingungen sind in der Ideenwelt leicht zu nennen, und in der wirklichen schwer zu erfüllen, und eben deswegen ist zwischen dem, was das Lesen wirkt und zwischen dem, was es wirken kann, ein so großer Abstand. Schon die Leseseuche, ist als Seuche so schädlich wie nur eine; schädlich der Gesundheit, trocknet die Säfte auf und spannt die Nerven ab; schädlich dem Verstande, füllt ihn mit unbestimmten, aus der Luft gegriffenen, zerrüttenden Vorstellungen, macht wichtige Wahrheiten verdächtig, Märchen, Gespenster glaubwürdig; schädlich dem Herzen, macht ihm die Berufsarbeiten und die Religionsübungen immer ekelhafter, und das gelehrte Nichtstun immer notdürftiger; schädlich der frohen Laune, erzeugt vielfach Mißmutigkeit, wie denn die Physiognomien der Büchermotten recht kräftig gegen das wütende Lesen zeugen; schädlich dem Wohlstande der Familie, führt einen literarischen Luxus ein, und verbannt den Geist des Ernstes, des Fleißes aus den Arbeitsstuben. Wenn die Menschen zu früh das Lesefieber bekommen, ehe ihre Gesundheit, Denkart, Charakter einige Festigkeit erhalten, so ist es doppelt schädlich. Es entmannt den Jüngling an Leib und Seele, wie aller Luxus.

Wenn wir die Alltagsgeschichte fragen, so sagt sie uns, daß Viele nur lesen, um ihre Neugierde zu befriedigen; um in Gesellschaften mit dem Gelesenen zu glänzen; um dem Kitzel der Schriftstellerei Nahrung zu verschaffen; um an witzigen Beschimpfungen, die irgend ein bekannter Mann erfahren, Schadenfreude zu haben; um an den Bildern der Wollust Weide ihrer Leidenschaft zu finden. Von den Letzteren ein besonderes Wort:

Das allervergiftendste Lesen, besonders für die Jugend, ist das Lesen solcher Schriften, worin anstößige Gemälde von Wollust und Liebe vorkommen. Es wird dadurch die Einbildungskraft erhitzt und mit Bildern angefüllt, die zuerst die Sünde erraten lehren, hernach dazu reizen, und endlich das Vergnügen derselben, je länger, je unentbehrlicher, machen.

Das Lesen der Romane, (nur die allerwenigsten ausgenommen) richtet besonders unter jungen Lesern einen Greuel der Verwüstung an. Sie verbreiten die Seuche der Empfindlichkeit und überspannen die Gefühle. Sie täuschen mit Idealen übermenschlich guter Personen, die du unter dem Monde nicht findest; mit Traumbildern von Schönheiten, die nur im Hirne des Dichters existieren; mit Freudenszenen, die nie werden, am allerwenigsten da, wo man sie gewöhnlich sucht. Sie malen nur die kurzen Wonnestunden des Lebens, lügen Reize hinzu, die nicht sind, und schweigen von Leiden, Plagen, Schwächen, die nie ausbleiben. Sie begeistern für eine sinnliche Welt, die nicht ist, und machen unbrauchbar für die, welche ist. Sie wecken den Trieb, dem die weisere Natur eine spätere Zeit zum Erwachen bestimmt hat, vor der Zeit, da der Geist noch nicht stark genug ist, ihn zu lenken. Sie bringen ein Feuer in die Adern, das sehr oft nur mit Aufopferung der Gesundheit, Tugend und Religion gedämpft – nicht gedämpft, nur noch mehr angeflammt wird, und nicht auslischt, bis alle Lebenskraft verzehrt ist. Sie bringen das jüngere Alter um seine schönsten Zierden: Unschuld, Lenksamkeit, Hochachtung gegen das höhere Alter, und setzen an ihre Stelle: wilde Lust, wilden Trotz und wilde Verachtung alles dessen, was Ordnung heißt.

Das Lesen kann besonders Mädchen gefährlich werden, sodaß sie besser in ein Zeitungsbüro als in eine Haushaltung taugen. Was würde aus der Welt werden, wenn die Bürgersfrau lieber einen Musenalmanach als die Spindel, das Modenjournal statt den Kochlöffel in die Hand nähme, und einen gelehrten Aufsatz machte, wo sie ihr Kind waschen und kämmen sollte? Sollte sich noch die Eitelkeit, belesen, philosophisch heißen, zu der Eitelkeit und Idololatrie der Schönheit gesellen, so würde das Geschlecht, das mit einem Feinde genug zu tun hätte, von zweien noch schrecklicher tyrannisiert werden.

Endlich verfallen die Fürsten der Lesewelt gar leicht in den Traum, als wenn Gott außer den Wörtern der Menschensprache, und den Lettern, die die Menschenhände aneinanderreihen, keine anderen Wege hätte, die Köpfe und Herzen der Menschen zu bilden, welches Zeitvorurteil allein mehr Gutes hindert, als vielleicht das Lesen stiften kann.

III. Da nun die Lektüre Wahrheit und Irrtum verbreitet, eine Schule des Guten und des Bösen werden kann, das Wohl und Wehe des Menschen fördern kann, da die Lektüre selbst, als ein Gebrauch des Auges und der Aufmerksamkeit, wie jeder andere Sinnengebrauch, sittlich gut und böse sein kann; da die Absicht, die Wahl, die Weise, die Anwendung die bedeutendsten Unterschiede zwischen Lektüre und Lektüre machen, so ist es unwidersprechlich, daß ohne Selbstverleugnung, d. h. ohne Bekämpfung der Sinnlichkeit durch die Vernunft, und ohne Aufsicht edler, weiser Männer, die die Auswahl der Bücher bestimmen, und den jungen Leser leiten, die Lektüre ein Gift für die Gesundheit des Leibes und des Geistes werden kann.

Sechstes Kapitel. Vom Verhältnis der Gelehrsamkeit zum Glücklichsein des Menschen

Es gibt nach Pascals feiner Bemerkung zweierlei Klassen von Menschen, die von dem Werte der Wissenschaft gering urteilen, die eine, weil sie sie nicht kennen, die andere, weil sie wirklich den Kelch des menschlichen Wissens bis auf die Hefe geleert haben. Jene brüsten sich mit der Unwissenheit, die ihnen angeboren ist, diese erobern nach durchlaufenem Lande des menschlichen Wissens die Unwissenheit des Weisen. Wenn jene gering von den Wissenschaften denken und reden, so mag es bloß eine geheime Apologie ihrer Selbstliebe auf ihre Unwissenheit sein. Wenn aber diese nach vollendetem Kursus der Gelehrsamkeit von ihrem Werte mäßig urteilen, so sollten wir übrige uns daran ein Beispiel nehmen, und unseren Rausch der Bewunderung sich an fremder Nüchternheit abkühlen lassen.

I. Es ist unwidersprochen, daß der Umfang menschlicher Kenntnisse, die durch angestrengten Fleiß erworben werden, die nicht unmittelbar zur Befriedigung der sinnlichen Bedürfnisse gehören, und die mehr gewissen Klassen von Menschen als dem Menschen eigen sind, das ist, was man unter Gelehrsamkeit versteht. Es ist auch soviel als unwidersprochen, daß alle Gelehrsamkeit nur insofern einen Wert habe, als sie ein Mittel zu edleren Zwecken ist, d. h. auf die Spur der Wahrheit führt, die Gesinnungen der Menschen veredelt, wahres Wohlsein fördert u. s. w. Sie ist nur als Gerüst zum Tempelbau der menschlichen Glückseligkeit schätzbar.

Es kann, wenigstens mit Vernunft, nicht widersprochen werden, daß die Gelehrsamkeit desto größeren Wert habe, je solider und umfassender die Erkenntnis, je anwendbarer der Inhalt zur Beglückung der Menschen, je genauer die Vorstellung, je deutlicher die Darstellung und je inniger die Vorzüge der Erkenntnis mit dem Adel des Gemütes, mit Wahrheits- und Menschenliebe, Bescheidenheit und Großmut verknüpft sind. Denn je mehr jene Vorzüge der Erkenntnis mit dem Adel des Gemütes vereint sind, desto tüchtiger ist der Gelehrte, den Zweck aller Gelehrsamkeit zu erreichen, das Gut- und Wohlsein, eigenes und fremdes, zu fördern. Und gerade diese Tüchtigkeit bestimmt den ganzen Wert der Gelehrsamkeit.

Ich denke mir als Ideal eines wahren Gelehrten einen Mann, der nur Wahrheit zu finden oder zu verbreiten sucht; der bei irgend einer Wahrheit nicht zu fragen vergißt: was nützest du?; der mit jedem Fortschritte des Erkennens sein eigen Herz edler, besser zu machen strebt; der aus keiner Wahrheit mehr oder weniger macht, als sie zu bedeuten hat; der ohne Stolz und ohne Neid redlich mitteilt, was er hat, der der Erkenntnis des Notwendigen und des Nützlicheren durchaus den Vorzug gibt; der in Wertschätzung des menschlichen Wissens nie einseitig zu Werke geht, sondern Körper und Geist, Verstand und Willen, Gegenwart und Zukunft, Zeit und Ewigkeit zusammenfaßt; einen Mann, der die Reinigung der Herzen als ein wesentliches Vorbereitungsmittel zur wahren Gelehrsamkeit ansieht, weil man ein reines Herz haben muß, um einen hellen Kopf tragen zu können; und der nicht bloß das Reich der Vernunft predigt, das im Wissen, in klaren Begriffen besteht, sondern auch zugleich als Hauptsache jenes Reich des Herzens mehr mit Beispiel als durch sein Wort verkündet, das in Beherrschung der Sinnlichkeit besteht; der nie vergißt, daß das menschliche Wissen mit Trug und Wahn verknüpft ist, daß man den Schein so leicht mit der Sache verwechseln kann, daß es in der gelehrten Welt unzählige Blendideen, Irrlichter gibt, daß es in der literarischen Welt allerlei Erscheinungen des Luxus, der Mode, der Tyrannei gibt, die den Laut der Wahrheit unhörbar machen, daß des Menschen Eigensinn, Stolz und alle die hunderttausend Angelegenheiten seines Herzens das Finden der naheliegenden Wahrheit so schwer machen, daß es praktische Irrtümer gibt, die von einem verderbten Willen aufsteigen; einen Mann, der das Bedürfnis lebhaft fühlt, die Weisheit in der Urquelle aufzusuchen, sie wirklich sucht und wirklich findet, und von der gefundenen Weisheit geleitet – der Urquelle an Gesinnung und Heiterkeit, an Reinheit des Willens und Festigkeit des Friedens immer näher kommt. Solcher Gelehrter kann es gewiß nie zu viele geben, solche können nie zu freigebig gepriesen werden. Indeß, bis solche gefunden werden, wollen wir mit denen vorlieb nehmen, die diesem Ideal mutig nachstreben.

II. Die wahre Gelehrsamkeit hat mancherlei Einflüsse auf das Menschenwohl, insofern sie

1. die Erkenntniskraft des Menschen entwickelt, daß er nicht nur die Wahrheiten, die auch dem gemeinen Blicke als solche einleuchten, im helleren Lichte ersehen, sondern auch ihre Gründe, ihren Zusammenhang mit anderen Begriffen, und ihre Einflüsse auf Empfindungen und Handlungen der Menschen, betrachten kann;

2. uns zum Respekt gegen den Verstand des Menschen und zu Ahnungen von seiner Würde behilflich ist;

3. den Glauben an Gott, an die Freiheit und Unsterblichkeit des Menschengeistes nicht selber erschüttert, sondern gegen die Angriffe der falschen Gelehrsamkeit als Schutzwehre sichert;

4. den Aberglauben und den Unglauben beschränkt, dadurch daß sie hier der ungeübten Vernunft nachhilft, und dort die Flügel der üppigen beschneidet;

5. die Urkunden der göttlichen Offenbarungen und die Trümmer verschiedener Völkergeschichten aufbewahrt;

6. den Staub und die Spingewebe, die teils die anmaßende, teils die ungebildete Vernunft, teils der ungeordnete Wille gewebt haben, von der Religion abwischt;

7. durch eine unparteiische Geschichte des menschlichen Verstandes und Herzens, die Eitelkeit aller menschlichen Bemühungen, die außer der Urquelle alles Guten und Wahren dauerhafte Freuden suchen, anschaulich macht;

8. den allgemeinen zeitlichen Wohlstand der Menschen befördern, und dadurch den mit Nahrungssorgen und anderen Plagen gedrückten Geist aufrichten hilft;

9. dem Menschen, der schon gut geworden ist, ein Mittel wird, andere durch Erfahrungsbegriffe und Darstellung derselben auf dem kürzesten Wege zum Gutwerden anzuweisen, und dem Verirrten die Zauberbinde aufzulösen;

10. selbst dem, dem die Urquelle alles Guten höhere Offenbarungen mitteilte, oder der auch nur an die Geschichte dieser Erkenntnisse glaubte, ein Mittel wird, den Inhalt derselben seinen Zeitgenossen mitzuteilen.

III. Diese Einflüsse der wahren Gelehrsamkeit auf das Wohl der Menschen werden auf mancherlei Weise beschränkt, teils durch die Grenzen und die Natur menschlicher Kenntnisse, teils durch ihre Verknüpfung mit der scheinbaren oder falschen Gelehrsamkeit, teils durch ihre Vermischung mit dem Gange der menschlichen Leidenschaften.

1. Alles, auch das beste menschliche Wissen ist nur Stückwerk. Stückwerk sind unsere Erfahrungen, Stückwerk unsere Begriffe, Stückwerk unsere Systeme, wir mögen sie über Nacht zusammenschlagen oder zwanzig Jahre darüber brüten. Alle sogenannten Endergebnisse der menschlichen Wissenschaften sind Bruchstücke in Hinsicht auf das, was wir nicht erkennen.

2. Alles menschliche Wissen hienieden ist kein Schauen der Wahrheit von Angesicht zu Angesicht, sondern nur ein Erkennen durch Gestalten der Dinge, die uns wie in einem Spiegel gegeben werden.

3. Alles, auch das beste menschliche Wissen ist ein Einstweilen der hiesigen Erziehungsanstalt, und teils ein Spielwerk der Kindheitsjahre unseres Geistes, teils ein notwendiger Behelf in dieser Vorbereitungszeit, bis wir in einem anderen Lande aus der Unmündigkeit des Geistes treten und zur Vollendung reifen.

Diese Unvollkommenheit des menschlichen Erkennens, die teils aus dem unerschöpflichen Inhalt, teils aus der Erkenntnisart, teils aus der Bestimmung dieses Lebens, teils aus der unvermeidlichen Beimischung selbstgemachter Vorstellungen entsteht, und allen menschlichen Kenntnissen, auch den besten, anklebt, sollte allerdings die Anmaßung der gelehrten Welt herunterstimmen. Noch mehr Stoff zur Demütigung des gelehrten Stolzes bietet die Gelehrsamkeit konkret betrachtet. Die Entdeckungen, die wir auf diesem Wege machen, und die sich nicht leugnen lassen, sind niederschlagend genug:

Das menschliche Erkennen ist

1. Gar viel Wort- und gar wenig Sacherkennen. So viele Bibliotheken – und so wenig Wahrheit; so wenig Kraftspeise und so mancherlei Brühen.

2. Unter dem Erkennen, das den Titel Gelehrsamkeit führt, ist gar vieles eitel Gedächtnisgelehrsamkeit, eitel Journalisten- und Kataloggelehrsamkeit, eitel Flitter-, Tändelei-, Schaugelehrsamkeit.

3. Bei dem menschlichen Wissen ist äußerst viel Charlatanerie, Windmacherei, Angeln nach Beifall, das durch und durch befleckt; und der Magister, der bei Claudius sagt: »Das Ding, daß n' Student kein Rinoceros, sondern n' Student wäre, sei eine Hauptstütze der ganzen Philosophie, und die Magisters könnten den Rücken nicht genug gegenstemmen, daß sie nicht umkippe; – und an dem Axioma vom zureichenden Grund hängt alles in der Welt, und wenn einer's umstößt, so geht alles drüber und drunter etc.«, dieser Magister, der sich mit seinem Wissen so fürchterlich breit macht, ist ein Sinnbild aller Charlatane und Windmacher, alter und neuer, sie mögen nun den zureichenden Grund, oder andere Formen des menschlichen Kopfes zu ihrem leidigen Windspiele machen. Charlatanerie ist eigentlich Prahlerei von Macht und Kraft – vereint mit wirklicher Unbehilflichkeit und Ohnmacht. Wer an ihr kränkelt, kennt sich nicht, bis ihn menschliches Elend oder der Tod eines Geliebten seine Ohnmacht fühlen läßt. Aber wenn die Trübsal wie ein Strom einbricht, und alle Künste und Wissenschaften und Gelehrte keine Aushilfe schaffen können, da fallen die Schuppen vom Auge des Gelehrten, und er fühlt – den Reichtum an Worten und Ideen, und seine Armut an Kraft und Leben.

4. Man darf es auch nicht verschweigen, wie sehr die Abstraktionen der Gelehrten die Kraft der Seele, von der wirklichen Natur geführt zu werden, schwächen oder vielmehr lähmen, ein Uebel, das krebsartiger ist als mancher meint, der daran leidet. »Die Herren Philosophen, die von Allgemeinheiten gehört haben, die tief in der Natur liegen sollen, und durch Hebammenkünste zur Welt gebracht werden müßten, abstrahieren der Natur das Fell über die Ohren, und geben ihre nackten Gespenster für jene Allgemeinheiten aus; und ihre Zuhörer, die an diese Gespenster gewöhnt werden, verlieren nach und nach die Gabe, Eindrücke von einer Welt zu empfangen, in der sie sind. Alle Haken ihrer Seele, die an die Eindrücke der wirklichen Natur anpacken sollten, werden abgeschliffen, und alle Bilder fallen ihnen nur perspektivisch und dioptrisch in Aug und Herz.«

5. Traurig bei allem menschlichen Erkennen ist dieses, daß bei den gerade entgegengesetzten Meinungen der Gelehrten, doch jeder die seinige aus der Vernunft beweist und herleitet, und jeder redliche Zuschauer bei all dem Gewirre von Meinungen an das Faß denken muß, daraus der Wirt alle Arten von Wein zapft, die gefordert werden. Noch trauriger, daß das menschliche Erkennen gar sehr oft weiter nichts als der Sklave und Executor des letzten Willens der Leidenschaft ist. Sie, die Gelehrten, geißeln einander mit Skorpionen, und stoßen zugleich in die Trompete der Duldung. Traurig, daß man so oft das Bessere wissen will und das Schlimmere tut. Und doch verdient nur das Tun des Besseren gegen den Reiz zum Schlechteren die Bewunderung – nicht das Wissen des Besseren. Aber auch das klarste, das aufgeklärteste Wissen kann durch sich allein den Streit zwischen Sinnlichkeit und Vernunft in uns nicht beilegen, den Frieden in unserem Innern nicht gründen. Das allertraurigste aber ist dieses: daß uns die Gelehrsamkeit gerade da verläßt, wo der unrechte Ort ist, verlassen zu werden. Sie, (wenigstens die gewöhnliche Gelehrsamkeit) kann dem Menschen auf mancherlei Weise lieb und wert sein, nachdem sie mehr oder weniger Stückwerk ist; aber sie kann ihm nicht genügen. Wie könnte sie das, da es die Natur selbst nicht kann, und sie ihn auf dem halben Weg verläßt, und wenn er weggetragen wird, auf seiner Studierstube zurückbleibt, wie sein Globus und seine Elektrisiermaschine?

III. Durch diese Betrachtungen gelangen wir nun leicht zu folgenden Resultaten:

1. Wahre Gelehrsamkeit hindert also wenigstens das Gutsein nicht, und fördert offenbar das Wohlsein; das falsche hindert jenes, und fördert dieses nicht.

2. Auch wahre Gelehrsamkeit gibt seinem Besitzer Stoff genug zur Nüchternheit, und diese Nüchternheit ist sogar ihr wesentlicher Charakter.

3. Ein Gelehrter ohne Selbstverleugnung, d. i. ohne Bekämpfung der Sinnlichkeit durch Vernunft, kann eine fürchterliche Geißel des wahren Menschenwohls werden, besonders wenn Macht, Ansehen, Preßfreiheit, Verbindung mit Gleichgesinnten, mißbrauchte Publizität, Energie des Stils, die Ausbrüche seiner zerrütteten Phantasie begünstigen.

4. Was von dem Werte und Unwerte der Gelehrsamkeit gesagt worden ist, das gilt ohne Einschränkung von den Schriftstellerarbeiten, die nichts anderes sind, als Produkte der wahren oder angemaßten, der gründlichen oder seichten Gelehrsamkeit.

Noch tiefer gehen die Winke aus unsern heiligen Schriften:

Wenn das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß muß wohl die Finsternis sein?

Ich danke dir, Vater des Himmels und der Erde, Herr, daß du dies vor den Klugen und Weisen geheim gehalten und vor den Kleinen offenbart hast.

Ihr habt das Gebot Gottes durch eure Menschenlehren kraftlos gemacht.

O ihr blinden Führer, die ihr Mücken seiht und Kamele verschlingt!

Was sie nicht verstehen, das lästern sie, und wovon sie einen natürlichen Begriff haben, darin verderben sie sich.

Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! ihr verschließt das Himmelreich vor den Menschen, geht selbst nicht hinein, und lasset auch andere nicht hinein.

Das Wissen bläht auf, die Liebe aber baut auf.

Wenn das Vollkommene kommt, dann wird das Stückwerk abgetan. Da ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, und hatte kindische Anschläge. Seitdem ich aber ein Mann bin, habe ich alle kindischen Angelegenheiten fahren lassen. Noch sehen wir durch geschliffene Gläser und müssen es halb erraten: danach aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist unser Wissen nur Stückwerk, dann werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.

Hat jemand unter euch Mangel an Weisheit, der begehre sie von Gott, der jedermann reichlich mitteilt und nicht aufrückt, und es wird ihm gegeben werden.

Wer diese meine Reden hört und danach tut, den werde ich mit einem weisen Manne vergleichen, der sein Haus auf einen Felsen baut. Es fiel ein Platzregen, das Gewässer lief an, die Winde stürmten und stießen an das Haus, und das Haus fiel nicht, denn es hatte Felsen-Fundament.

Siebentes Kapitel. Von dem Verhältnisse der Empfindsamkeit, des Wohlwollens, der Freundschaft, der Tugend und der Andacht zum Wohlsein des Menschen

Empfindsamkeit ist im Nervensysteme und im Menschengeiste zugleich gegründet; das Wohlwollen im Menschengeiste allein; das Wohlwollen bezieht sich auf alles, was Mensch ist, die Freundschaft auf die Menschen, die mit uns in den wichtigsten Angelegenheiten eins sind; Wohlwollen ist eine Tugend, die Tugend ist der Inbegriff alles Guten; die Tugend ist das Gutsein des Menschen nach allen Verhältnissen, die Andacht das Gutsein des Menschen in Beziehung auf die Urquelle alles Guten. Obgleich sich die Begriffe von Empfindsamkeit, Freundschaft, Wohlwollen, Andacht, Tugend also teils schneiden, teils ineinander enthalten sind, so halte ich es doch der Wichtigkeit der Sache willen für nicht unwichtig, ihr Verhältnis zum Gut- und Wohlsein einzeln zu betrachten.

 

A. Von der Empfindsamkeit.

I. Die Fähigkeit des Menschen, das, was recht oder unrecht ist, gut oder böse, edel oder unedel, schicklich oder unschicklich, schön oder häßlich, fein oder roh, anziehend oder zurückstoßend, an Dingen, Personen, Taten, Ereignissen, schnell und leicht zu bemerken, und zu Empfindungen der Freude, der Traurigkeit, der Liebe, des Hasses u. s. w. schnell und leicht gestimmt zu werden – die Empfindsamkeit – ist, wie alle Gaben der Natur, wenn sie unter der Aufsicht der Vernunft und unter der Herrschaft des guten Willens steht, ein wahres Gut des Menschen; wenn sie aber nicht unter der Aufsicht der Vernunft und unter der Herrschaft des guten Willens steht, ein fürchterliches Uebel des Menschen. Sie bedarf vorzüglich der Aufsicht der Vernunft und einer starken Herrschaft des guten Willens; denn je leicht beweglicher das Nervensystem, je reizbarer der Menschengeist, desto schneller reißen ihn die Eindrücke mit sich fort, und wie ihn das Gute schneller und leichter berührt, so auch das Böse; ja dieses noch mehr als jenes, weil das Böse seiner Natur nach sinnlich-reizende Vergnügungen gewähren kann.

II. Das untrügliche Kennzeichen, daß die Empfindung des Menschen wirklich unter der Aufsicht der Vernunft und der Herrschaft des guten Willens steht, ist dieses, daß sie auf Wahrheit, Gutsein und auf das wahre Wohlsein, das daraus entsteht, gerichtet ist, und zweitens sich nicht mit vorüberfliegenden Empfindungen begnügt, sondern geradeaus zum Guten treibt. Auch diesen Baum kennt man aus den Früchten, und was in gerader Richtung zum Guten treibt, kann nicht anders als gut sein.

Wenn die Empfindsamkeit unter der Aufsicht der Vernunft und der Herrschaft des guten Willens steht, so kann sie die Sitten milder, den Ton sanfter, den Umgang menschlicher, das Elend durch zuvorkommendes Mitleid erträglicher und durch tätiges Mitleid minder machen, kann den Freund, den Mitmenschen, die Gesellschaft mit unschuldigen, ungeahnten Vergnügungen überraschen, ohne die Achtung für Wahrheit und Gutsein zu schwächen.

Wenn sie aber nicht unter der Aufsicht der Vernunft und der Herrschaft des guten Willens steht, so richtet sie all die Lust- und Trauerspiele an, die sie teils in ihrer Lächerlichkeit, teils in ihrer Erbärmlichkeit, teils auch in ihrer ganzen Abscheulichkeit darstellen. Lächerlich ist die Empfindsamkeit, wenn sie ihr Reich entweder in Kleinigkeiten sucht, oder Empfindungen vorgibt, die sie gar nicht hat, oder nicht in dem Grade der Lebhaftigkeit hat, in dem sie sie äußert. Dieser Fehler ist dem jüngeren Alter und den Schriftstellern in ihrer ersten Epoche sehr natürlich. Sie freuen sich nicht, sondern sind entzückt; sie werden nicht gerührt, sondern schmelzen in Tränen; sie danken nicht, sondern sind ganz Dankgefühl, sie ziehen keine Folgerungen, sondern lauter wichtige Resultate. Kurz: dies Alter und dies Geschlecht ist ein Superlativen-Alter und -Geschlecht. Bemitleidenswert ist die Empfindsamkeit, wenn sie uns eine Welt erträumen hilft, die nicht ist, und überall Paradiese finden macht, wo nur Spitäler sind – und Geschöpfe bildet, die nicht in dieses Arbeitshaus, die Erde, taugen, sondern, die nach dem Dichter, »mit dem Scheitel die Sterne berühren, nirgend haften dann die unsicheren Sohlen, und mit ihnen spielen Wolken und Winde.« Verabscheuenswert ist die Empfindsamkeit, wenn sie uns dem heftigen Ausdrucke jeder Lust oder Unlust hingibt, daß wir darüber die Kraft zur Besinnung verlieren, oder wenn sie uns wie immer für unser wirkliches Tagewerk ganz untüchtig und für den künftigen Beruf unbrauchbar macht, oder tief in die sinnliche Region versenkt, daß wir darüber den Aufblick zur sinnlichen nicht nur verlieren, sondern auch an anderen lästern und für Schwärmerei ausrufen, weil fremde Augen sehen, was die unseren jetzt nimmer sehen können, weil sie ehemals nicht sehen wollten.

Einiges verdient noch besonders angezeigt zu werden. Die Empfindsamkeit wirft uns in viele Freundschaften, Bekanntschaften hinein, die wir ohne Schmerz, Schande und Schaden wohl nicht mehr los werden können, sie verführt uns zu Versprechen, die wir nicht halten können, und deren Nichthalten uns große Leiden zuzieht; sie gibt Leuten, die unseres Umgangs gar nicht würdig sind, Mut sich an uns zu hängen, und uns mit Aufträgen zu beladen, deren Vollbringung uns sehr viele, auch peinliche Mühe macht; sie zerteilt unsere Kraft in tausend Aeste, daß sie nichts Großes wirken kann; sie nötigt zu Verschwendungen; sie macht diejenigen, die ein Recht auf unsere Hilfe haben, derselben verlustig; wir wollen allen helfen, und helfen am Ende keinem; sie foltert endlich das Herz nicht selten auf eine eigene Weise: die empfindsamen Menschen sind eben darum, weil sie empfindsam sind, zur Furcht, Angst, Bangigkeit, Kummer, Schrecken ungleich reizbarer, leichtbeweglicher als andere.

III. Da auf einer Seite die Empfindsamkeit unter Aufsicht der Vernunft und unter der Herrschaft des guten Willens, eine Quelle wahrer Menschenfreuden, und außer jener Leitung und dieser Herrschaft eine Quelle vieler Torheiten, Fehltritte, Leiden werden kann; und auf der anderen Seite wir uns das Nervensystem nicht selbst geflochten haben, so ist uns Selbstverleugnung, Bekämpfung der Sinnlichkeit durch die Vernunft notwendig, teils um der Reizbarkeit zum Bösen und der Allgewalt zu widerstehen, teils um den Grad der Empfindlichkeit, das Temperament, das uns gegeben ist, wohl anzuwenden, und durch gebietende Achtung und Liebe gegen die Urquelle alles Guten zu verbessern. Ohne diese Selbstverleugnung klagen wir unnütz über das, was uns gegeben ist, oder verbessern wenigstens nicht, was sich verbessern ließe.

 

B. Vom Wohlwollen.

I. Allem, was Mensch ist, Gutes gönnen, wenn er es hat, wünschen, wenn er es nicht hat, mitteilen, wenn wir Kraft dazu haben, heißt Wohlwollen gegen andere haben. Soll dieses Wohlwollen dem Gesetze von der Vollkommenheit des menschlichen Willens entsprechen und den Einfluß haben, den es nach seiner Lage haben kann, so müßte es

1. von der gebietenden, lauteren Liebe gegen Gott beherrscht und belebt,

2. Von der Vernunft geleitet, und

3. mit steter Selbstverleugnung und fortschreitender Selbstvervollkommnung verknüpft sein.

Würde das Wohlwollen nicht von der lauteren Liebe zu Gott beherrscht, so fehlte es dem Beweggrunde zum Wohlwollen und somit diesem selbst an Reinheit und Kraft; es würde also entweder dem Wohlwollenden nicht die edelste Freude schaffen, wenn es nicht rein, oder zur Milderung des fremden Jammers nicht Opfer genug bringen, wenn es unkräftig wäre. Es könnte bei den gewaltsam eindringenden Versuchungen dann leicht zur Eitelkeit, eine bloße Schau-Güte, und ein Haschen nach Menschenlob, bei den Reizungen des Eigennutzes, der sinnlichen Lust ein kraftloses Streben, ein lahmes Halbwollen werden.

Würde das Wohlwollen nicht von der Vernunft geleitet, so könnte die reine Absicht wohlzutun blind zu Werke gehen, und dem Unwürdigen vor dem Würdigen, dem Geizigen vor dem Dürftigen, dem scheinbaren Elend vor dem wahren zu Hilfe kommen.

Wäre das Wohlwollen gegen andere nicht mit Selbstverleugnung und steter Selbstvervollkommnung verknüpft, so könnte teils das Wohlwollen selbst schwach oder unrein, teils in dem Streben andern wohlzutun, das eigene Gutsein des Wohlwollenden gehemmt und zerstört werden.

Wenn aber das Wohlwollen die Liebe gegen Gott zum gebietenden und belebenden Prinzip, die Vernunft zur Leiterin, und die Selbstverleugnung und Selbstvervollkommnung zu steten Gefährtinnen hat, so heißt es mit Recht vollkommnes Wohlwollen.

Die ganze Achtungswürdigkeit dieses Wohlwollens besteht darin, daß es selbst Bild der höchsten Güte ist, den Menschen durch Nachahmung der Menschenfreundlichkeit Gottes immer dem Urbilde noch ähnlicher macht, und ihn unter anderen Menschen als einen Repräsentanten der göttlichen Milde hier auf dieser Erde darstellt.

Vollkommenes Wohlwollen ist nicht nur für den Wohlwollenden eine nie versiegende Quelle des edelsten Wohlseins, sondern hat auch das größte Verdienst um das Wohl anderer Menschen; weil es der stets rüstige, unermüdliche Wille ist, Licht, Rat, Warnung, Trost, Nahrung und Hilfe aller Art den Dürftigen aller Art mitzuteilen; weil es als Liebe erfinderisch im Wohltun, als lebendige Liebe unermüdlich zum Wohltun, als religiöse Liebe wohltuend auf die würdigste Weise, und als vernünftige Liebe wohltuend nach den dringenderen Bedürfnissen und begründeten Erwartungen der Elenden ist.

II. Da das unvollkommene Wohlwollen nur in dem Maße vollkommen werden kann, in welchem es rein und tätig wird, und weder die Reinheit der Absicht noch die Tätigkeit des Willens, ohne Selbstverleugnung, ohne Bekämpfung der Sinnlichkeit durch die Vernunft, gedacht werden kann: diese Selbstverleugnung aber als ein Widerstand gegen die sinnliche Natur, nicht anders als mühsam und unangenehm sein kann, so liegt es wieder am Tage, was nie zu oft, nie zu freimütig und nie zu nachdrücklich gesagt werden kann: warum die Menschen so gerne vollkommenes Wohlwollen predigen und so ungerne in Taten lebendig darstellen. Es ist mit dem vollkommenen Wohlwollen wie mit der künftigen Kornernte auf einem Moosgrunde, der sich in einen fruchtbaren Acker verwandeln ließe. Die schöne Ernte schläft jetzt noch im Reiche der Möglichkeit – und würde bald zum Vorschein kommen, wenn sie wirklich gesät wäre. Aber das Austrocknen ist mühsam, das Bearbeiten unangenehm, und dennoch vor dieser Arbeit alle Aussaat unnütz. Ich möchte aber nicht gern die Träume derer unterhalten, die die Ernte schon sehen, wo noch Sumpf und Morast ist, sondern will geradezu Sumpf und Morast nennen, was Sumpf und Morast ist, damit wir nicht etwa arm – und dabei stolz auf eingebildeten Reichtum bleiben, sondern unsere Armut fühlen, und nach Besitz trachten.

 

C. Von der Freundschaft.

I. Im alltäglichen Leben nennt man vieles Freundschaft, das man im Herzen nicht dafür hält und das des schönen Namens nicht wert ist. Der Name »Freundschaft« wird oft der feinen Sitte, der Höflichkeit, dem Tauschkrame gegenseitiger Vorteile, den mancherlei Verbindungen zwischen Amts- und Handelsgenossen, irgend einer verfliegenden Neigung zu irgend einer Person beigelegt. Der Name »Freundschaft« ist gar oft der Deckmantel des künstlichen Betruges.

Wahre, des Namens ganz werte, Freundschaft ist nicht weniger und nicht mehr als vollkommene Harmonie der Herzen und feste Harmonie der Denkarten zwischen zwei oder mehreren Personen in den wichtigsten Angelegenheiten des Menschen. Wahre Freundschaft ist Harmonie, weil ohne Einigung zwischen zwei Menschen, zwei immer zwei, d. i. getrennt bleiben. Wenn die Denkarten zwischen zwei Menschen auseinanderlaufen, und zwar in allem, was einem Menschen wert und wichtig ist, so werden die zwei Herzen nie einander so nahe kommen, nie so fest an einander halten, daß Freundschaft werden kann. Lieben kann ich als Bruder, als Menschen jeden anders Denkenden. Aber diese Liebe kann nicht Freundschaft werden, wenn unsere Denkarten nicht wenigstens in einigen Punkten zusammentreffen.

Wahre Freundschaft ist feste Harmonie in den wichtigsten Angelegenheiten des Menschen. Wenn die Grundsätze in den wichtigsten Angelegenheiten widersprechen, so werden sie die Herzen nie einander so nahe kommen, oder die Einigung nie dauerhaft genug werden lassen. Uebrigens kann zum Bestand der wahren Freundschaft keine allgemeine Harmonie gefordert werden, nicht bloß deswegen, weil in zwei Köpfen ein alles Nein ausschließendes Ja in allem, was urteilen heißt, unmöglich ist, sondern auch, weil die Freundschaft in Grundsätzen immer mehr einigt, je älter und bewährter sie wird. Zudem gehört mit zur Ehrfurcht für den Geist des Menschen, daß der Freund kein Despot der Meinungen seines Freundes sein darf.

Wahre Freundschaft ist vollkommene Harmonie der Herzen, so daß jeder seiner selbst vergessen kann, um an das Wohlsein seines Freundes zu denken. Vielleicht scheint manchem mit vollkommener Harmonie zuviel gefordert zu sein. Allein daraus folgt höchstens, daß wahre Freundschaft äußerst selten, und die wenigsten Menschen der Freundschaft fähig sind; und daß auch in dem, was man Freundschaft nennt, es unzählige Täuschungen geben kann, was beides die Erfahrung täglich bestätigt.

 

II. Die wahre Freundschaft hat nur zwei Gesetze:

Erstens, daß einer des anderen Freund sei;
Zweitens, daß er's von ganzem Herzen sei.

Diese Gesetze sind nicht erdichtet, sie sind im Wesen der Freundschaft gegründet.

Sie sind es zumal dann, wenn sich ihnen die Gottesfurcht zugesellt, d. i. der kindlich zarte und männlich feste Sinn für alle, wie immer gegebene und dafür erkannte Winke Gottes. Er ist wesentlich aller wahren Freundschaft. Denn es läßt sich

1. nicht begreifen, wie eine wahre Freundschaft ohne Gottesfurcht gegründet werden kann, denn sie ist undenkbar ohne Reinigung von Eigennutz, von Eigendünkel, von Selbstgenügsamkeit, weil nichts mehr die Freundschaft, d. i. die Einigung der Geister hindert, als Eigennutz, Eigendünkel, Selbstgenügsamkeit, die ihrer Natur nach nur auf Trennung ausgehen, und sich, wie das Interesse der Personen, durchkreuzen. Nun wo ist der Mensch, der ohne Gottesfurcht diese Reinigung von Eigennutz, Eigendünkel, Selbstgenügsamkeit, Eigenlust zustande gebracht hat? Es läßt sich

2. nicht begreifen, wie die wahre Freundschaft ohne Gottesfurcht ihre, des Menschen würdigste, Beschäftigung finden könne. Ohne Gottesfurcht kennt die Freundschaft die edelste Unterhaltung mit Gott und gottähnlichen Geistern nicht, sie hat keinen Sinn für die Unsterblichkeit. Es ist aber eine große Lücke in der Freundschaft, wenn sie der vertraute, gemeinschaftliche Gedanke an Gott nicht ausfüllt, und es fehlt zweien Freunden immer ein wesentliches Stück der Freundschaft, wenn sie die große Angelegenheit, immer gottähnlicher zu werden, nicht mit gemeinsamem Eifer betreiben. Zweien Freunden fehlt immer das unentbehrlichste, wenn sie nicht glauben können und nicht hoffen dürfen, daß Gott ihr dritter ist. Es läßt sich

3. nicht begreifen, wie ohne Gottesfurcht der würdigste Zweck der Freundschaft erreicht werden könne. Dieser ist wohl kein anderer, als daß zwei oder mehrere Freunde auf dem Wege zur Bestimmung des Menschen, durch gemeinschaftliches Ermuntern und Warnen, Belehren und Trösten, Mittragen der Lasten und Mitgenießen der Freuden, durch wechselweise Selbstaufopferung für das gegenseitige Wohl einander forthelfen. Dazu gehört eine Großmut, für die ich außer der unwandelbaren Achtung gegen den Willen Gottes keine Geburtsstätte oder wenigstens keinen Halt zu finden weiß. Es läßt sich

4. nicht begreifen, wie die wahre Freundschaft, ohne Gottesfurcht, sich in ihrer Lauterkeit erhalten könne, so, daß sie weder dem Wohlwollen gegen alle Menschen, noch der Liebe gegen den, der seinem Bedürfnisse und meinem Vermögen nach wirklich mein Nächster ist, noch den Forderungen, die mein Vaterland, oder die Gemeinde, in der ich lebe, oder die Verwandtschaft machen kann, zu nahe tritt.

III. Die Freundschaft, die keine bloße Namenfreundschaft ist, sondern in der Einigung der Herzen und Denkarten besteht, nach den zwei Grundsätzen aller freundschaftlichen Liebe eingerichtet ist, und durch Gottesfurcht gegründet und unterstützt wird, ist ein großes Gut für die Menschen. Diese Freundschaft ist die innigste Seelenvereinigung, eine wirkliche Ehe der Geister, dadurch die mancherlei Arten menschlichen Daseins auf mancherlei Weise erhöht werden; eine an sich vollkommene Gemeinschaft aller Freuden und Leiden, wodurch jene versüßt, und diese erleichtert werden; eine vollkommene Gemeinschaft der Güter, der Talente, der Erkenntnisse, wodurch die Schwächen des einen ergänzt, und die Mängel des anderen ersetzt werden; ein edler Menschengenuß, indem sich die Seelen gegeneinander ohne Rückhalt öffnen und einander ins Innerste hineinsehen lassen, wodurch die verlorene Aufrichtigkeit wieder hergestellt und die unergründliche Falschheit menschlicher Tugenden, und die so allgemeine wie schädliche Heuchelei abgetan wird; eine Quelle des Muts, der Zuversicht, der Ruhe, da der Freund in jedem Falle auf die Teilnahme seines Freundes rechnen kann, frei von Argwohn und fern von Zweifel: eine Zuflucht in den Stunden der Angst, des Zweifels, der Verlegenheit, der Ohnmacht: der Freund hilft die Last tragen, reicht die Hand, um aus dem Dunkel herauszuführen und hat ein offenes Ohr für die Stimme des Bedrängten (es ist eine große Wohltat um ein Ohr, dem wir alle unsere Gedanken, Empfindungen, Schwächen, alle, auch die geheimsten Leiden, anvertrauen können); die Freundschaft ist oft das einzige Mittel, wodurch gewisse, höchst wichtige, uns zunächst angehende Wahrheiten mit edler Freimütigkeit uns mitgeteilt werden: es gibt Fehler, Angewöhnungen, Irrgänge, Irrtümer, Vorurteile, Fallstricke der Eigenliebe, auf die uns nur Freunde (oder hitzige Feinde) aufmerksam machen können; eine stets uneigennützige, stets sinnreiche und stets unermüdliche Liebe, die tausend unerwartete Freuden macht, und Dienste tut, die nur sie tun kann.

Dies wahre und große Gut des Menschen kann offenbar ohne Selbstverleugnung, ohne Bekämpfung der Sinnlichkeit durch die Vernunft, weder gegründet, noch erhalten, noch vervollkommnet werden. Ohne diese Selbstverleugnung ist alle Freundschaft, die unter Menschen geknüpft wird, wie sie Claudius schön und wahr beschreibt, entweder Hollunder-Freundschaft, die wie die Hollunder-Zweige feinstämmig aussieht, aber inwendig hohl ist, und nur ein trocken, schwammig Wesen in sich hat, oder bloß körperliche Freundschaft, nach der auch zwei Pferde, die eine Zeit lang beisammenstehen, Freunde werden und eins des anderen nicht entbehren kann, oder ein Schelmenbündnis gegen Wahrheit und Gerechtigkeit.

 

D. Von der Tugend.

I. Was die Tugend nach dem Gefühle und Urteile aller Edlen offenbar nicht ist.

Die Tugend ist offenbar nicht bloßer Anstand, feine Sitte. Der Tugendhafte kann feine Sitte haben, aber die feine Sitte ist nicht die Tugend selbst, die Einfassung nicht der Demant. Tugend ist auch nicht die eigennützige Klugheit, die nur darauf ausgeht, ihre Handlungen zur Bank zu machen, aus der man große Zinsen und Gewinne zieht. Sie ist nicht eine vorüberfliegende sittlich gute Empfindung des Mitleids, der Mitfreude, sondern etwas bleibendes, feuerfestes.

Die Tugend ist ferner nicht irgend eine einzelne gute Handlung. Tugendhaft mag man die Handlung nennen, aber die Tugend selbst, kann nicht eine einzelne, von der fortdauernden Gemütsverfassung des Menschen losgerissene Handlung sein. Die Tugend ist auch nicht eine einzelne fortdauernde, gute Gesinnung, z. B. des Mitleids gegen die Dürftigen, wenn das Herz anderen Leidenschaften, z. B. der Wollust nachhängt. Wo sie ist, da ist ein Ganzes; der ganze Wille ist gut.

II. Man kann die Tugend betrachten entweder als das Ziel unserer Bemühungen, oder als Bemühung nach dem Ziele.

Wird sie im ersten Sinne betrachtet, so ist die Tugend die Vollkommenheit des menschlichen Willens, kraft welcher er selbst gut ist, ruhig und heiter, und der vollständigen Seligkeit würdig.

Wird sie im zweiten Sinne genommen, so ist die Tugend das Ringen nach der Vollkommenheit des menschlichen Willens.

Die Tugend im ersteren Sinne ist das, was wir sein sollen. Die Tugend im zweiten Sinne ist das, was wenigstens die besseren Menschen wirklich sind. Zum Unterschiede nenne ich jene vollkommene, vollendete, diese unvollkommene, unvollendete Tugend, oder kürzer, jene die Tugend, diese eine Tugend. Von jener und dieser gilt, was längst so wahr und tief bemerkt worden: Die Tugend ist die Stärke eines Wesens, das von Natur schwach und nun, nicht ohne Selbstübung, stark geworden ist.

Kurze Wiederholung dessen, was uns den Begriff der Tugend recht klar macht.

1. Die menschliche Vernunft kann kein reineres, kein würdigeres Gesetz von der Vollkommenheit des menschlichen Willens denken, als jenes, das Moses und Christus gelehrt haben: Du sollst Gott deinen Herrn aus deinem ganzen Herzen, und mit deiner ganzen Seele, und aus deinem ganzen Gemüte lieben; dies ist das größte und erste Gebot: das zweite aber ist diesem gleich: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

2. Die menschliche Vernunft kann keine Vollkommenheit denken, die achtungswürdiger wäre, und den Menschen mehr in seiner Würde darstellte, als die, welche in genauer Erfüllung dieses Gesetzes besteht.

3. Die menschliche Vernunft kann keine festere Heiterkeit, noch eine edlere Freiheit, noch eine würdigere Größe des Menschen denken, als die mit der Erfüllung dieses Gesetzes verknüpft ist.

4. Die menschliche Vernunft kann sich keinen menschlichen Willen der vollständigen Seligkeit würdiger und fähiger denken, als einen solchen, der sich durch Erfüllung dieses Gesetzes die edelsten höchsten Freuden dieses Lebens schon genießbar gemacht hätte.

In Summa: der menschliche Wille kann nicht besser, nicht ruhiger, nicht freier, nicht seligkeitsfähiger werden, als durch die Erfüllung dieses Gesetzes: Liebe Gott über alles, den Nächsten wie dich selbst.

IV. Begriff der Tugend, die die wahre, die vollkommene, die Tugend ist.

Die Tugend ist die lautere, allgemeinherrschende, volltätige Liebe Gottes über alles andere, und die daraus quillende Nächsten- und Menschenliebe, der Selbstliebe gleich.

Die Tugend ist Liebe: wo nähme sie auch ihren milden, heitern Blick her, als von dem geheimen Anhängen an ein Gut, das der Liebe würdig ist, und was ist dies Anhängen anders als Liebe? Nur sie, die Liebe, wird nicht so leicht müde, zu tun, was gut ist; sie tut willig und gern, was sie tut; sie findet auch die größten Aufopferungen gering; sie kann leiden, entbehren, was ohne sie unerträglich, unentbehrlich scheint; sie belebt den ganzen Menschen; sie ist das lieblichste Bild Gottes, der nicht lieblicher gedacht werden kann, als daß er ist »die Liebe selbst«.

Die Tugend ist Gottesliebe: einen würdigeren Gegenstand als den allerwürdigsten kann sie nicht finden. Sie ist lautere Gottesliebe: Gott ist nicht nur ihr Gegenstand, sondern auch der Beweggrund – sie liebt Gott um seinetwillen. Die Tugend ist die Liebe Gottes über alles andere: Das Liebenswürdigste muß doch mehr als alles andere geliebt sein: dies ist die rechte Ordnung, jedes Lieben nach dem Maße der Liebenswürdigkeit, also das Würdigste über alles. Die Tugend ist allgemein gebietende Liebe: wie wäre sie sonst die Seele aller überlegten Begierden, Gedanken, Handlungen des Menschen? Und wenn sie nicht die Seele aller seiner Begierden, Gedanken, Handlungen wäre, wie würde durch sie der ganze Mensch gut? Die Tugend ist wohltätige Gottesliebe: eine tote Liebe ist soviel als keine, und ein halbes Leben kann ja nicht den ganzen Menschen beleben, beseelen.

Die Tugend ist Menschenliebe: ohne Wohlwollen gegen alles, was Mensch ist, kann doch kein Menschenherz gut und in dem peinvollen Gefühle des Menschenhasses, des Neides, keines froh sein, keines der wahren Freude würdig. Die Tugend ist Nächstenliebe: denn was müßte das für ein lahmes Wohlwollen gegen alle sein, das gegen den Einen, dem es helfen könnte und sollte, nicht wohltätig wäre?

Die Tugend ist Menschenliebe und Nächstenliebe, der Selbstliebe gleich: hier erscheint der Adel der Liebe. Es ist nichts leichter als an diesem Maßstabe zu prüfen, was die Liebe soll, und nichts schwerer als nach diesem Maßstabe zu handeln. Wenn ich ohne Brot, ohne Obdach, ohne Rat, hilflos daläge, was wünschte ich von dem Vorübergehenden zu empfangen? Brot, Obdach, Rat, Hilfe. Was du nun willst, das dir andere sein möchten, das sei du ihnen.

Die Tugend ist lautere, aus Gottesliebe quillende Menschen- und Nächstenliebe: wie könnte sie sonst so rein, so großmütig, so unermüdsam, – und dabei so göttlich milde sein.

Sollte es einem Leser noch fremd scheinen können, daß hier die vollkommene Tugend des Menschen und die allgemeingebietende Gottesliebe für eine und die nämliche Sache gehalten werden, der dürfte nur noch einen zusammenfassenden Blick auf die Gründe tun, die in den voraufgegangenen Betrachtungen deutlich genug dargelegt worden sind, und die wenigstens jedem nüchternen Kenner der menschlichen Natur zu diesem Begriffe führen können:

Vollkommene Tugend des Menschen kann doch nur jene heißen, die

1. der Würde des Menschen angemessen ist. Nun gehört es offenbar zur Würde des Menschen, daß er als Ebenbild Gottes, als ein religionsfähiges Wesen, als König und Priester der Natur handle. Kann er aber als Ebenbild Gottes nach seiner Anlage zur Religion, als ein nach Gott fragendes, und über sich zu ihm aufschauendes Wesen, als ein König und Priester der Natur handeln, wenn ihm nicht der Aufblick zu seinem Urbilde, und die Liebe gegen die Urquelle alles Guten natürlich geworden ist? Vollkommene Tugend des Menschen kann nur jene heißen, die

2. der Bestimmung des Menschen angemessen ist. Nun ist die Bestimmung des Menschen keine andere, als daß er zum Genusse der edelsten Freuden dieses Lebens entwickelt, und zu den höchsten vorbereitet werde. Wie läßt sich aber jene Entwicklung und diese Vorbereitung denken ohne gebietende Liebe gegen das liebenswürdigste Wesen? Vollkommene Tugend kann doch nur in dem Menschen gefunden werden, in dem

3. die Reize der Sinnlichkeit der Vernunft unterworfen sind. Nun sind diese Reize so mannigfaltig, so allgemein, so überwiegend, daß sich ohne Unterwürfigkeit gegen die höchste Vernunft keine standhafte Besiegung derselben denken läßt. Was wäre dann aber alle die Unterwürfigkeit des menschlichen Willens gegen die höchste Vernunft ohne gebietende Liebe gegen das liebenswürdigste Wesen? Wo nähme der Mensch ein Uebergewicht gegen die Sinnlichkeit her, wenn er sie in dieser Liebe nicht fände? Vollkommen Tugend kann

4. nur die heißen, die vollkommenes Wohlwollen in sich begreift. Nun denn, gerade das Wohlwollen gewinnt dadurch, daß es von der gebietenden Liebe gegen Gott beherrscht wird, eine Tätigkeit, eine Großmut, eine Reinheit, eine Allgemeinheit, eine Würde, eine Ruhe, die es nur auf diesem Wege gewinnen kann. Wer Gott als den Vater der Menschen von ganzem Herzen liebt, der kann alle Menschen, ohne Ausnahme, Freunde wie Feinde, Hohe wie Niedere, Gute wie Böse, von ganzem Herzen lieben; denn seine Regel: »Liebe alle Menschen; es ist deines Gottes Wille, daß du alle Menschen liebst«, ist allgemein, schließt keinen Menschen, zu keiner Zeit und an keinem Orte aus. Sein Gott als Vater der Menschen läßt auch über alle Menschen, Gute und Böse, Dankbare und Undankbare, Reiche und Arme, seine Sonne scheinen; sein Gott ist ihm das Muster der Menschenliebe, und dieses Muster ist allgemein wie die Regel: »Gottes Wille.« Wer Gott als den Vater der Menschen von ganzem Herzen liebt, der kann nicht nur alle Menschen lieben, sondern auch da, wo sein Vermögen zu helfen zu Ende ist, noch Ruhe und Heiterkeit behaupten; denn sein Gott hat die Herzen der Menschen in der Hand, und kann trösten und segnen, wo der beste Wille eines Menschen nicht trösten und nicht segnen kann. Die Weisheit und die Güte Gottes ist also ein Trost- und Beruhigungsgrund, wenn sein Wollen nicht Tat werden kann.

Damit übereinstimmende Begriffe sind: Die Tugend ist wohlgeordnetes und zweckerreichendes Streben der menschlichen Natur, – ist lebendiger, allgemeiner, freudiger Gehorsam gegen alle Winke Gottes, – ist stete Folgsamkeit des menschlichen Geistes gegen alle Aussprüche des Gewissens, d. h. Gewissenhaftigkeit – ist herrschende Gottesfurcht, das lautere Streben, in allen Handlungen des Beifalls Gottes, als des Vaters der Menschen, wert zu sein, – ist vollständige Freude an allem Guten, und Zufriedenheit in allem Widrigen, aus Achtung gegen die allordnende Vorsehung, – ist der gute reine Wille, dessen Leitung alle Handlungen gut macht, – ist tätige Vollkommenheitsliebe nach dem Muster der höchsten Vollkommenheit, – ist zweckmäßiger Gebrauch aller Kräfte, Fähigkeiten, Gaben, nach dem Willen des großen Gebers, – ist Behauptung der Menschenwürde, – ist Selbstbeherrschung aus Achtung gegen das heilige Gesetz unserer Natur, – ist Zusammenstimmung aller menschlichen Kräfte zum Endzwecke unseres Hierseins, – ist immerwährender Fortschritt in allem Guten, – ist die würdigste Vorbereitung des Menschengeistes auf den kommenden Zustand jenseits des Grabes.

 

V. Vom Wert der Tugend – als Schlußfolgerung aus dem Gesagten.

1. Die Tugend des Menschen ist also ein Ganzes, und es gibt nur eine Einzige, die wert ist, die wahre, vollkommene Tugend des Menschen zu heißen.

Die Tugend ist Ein Ganzes. Wie die Gesundheit des Leibes nicht in dem gesunden Auge besteht, nicht in der gesunden Hand, sondern im Beisammensein und in ungehinderter Zusammenstimmung aller körperlichen Kräfte zum Zwecke des körperlichen Wohlseins: so ist die Tugend, als die Gesundheit der Seele, als Zusammenstimmung aller menschlichen Kräfte zum Endzwecke unseres Hierseins, Ein Ganzes.

Die Tugend ist Eine Einzige. Alle einzelnen sogenannten Tugenden sind Aeste eines Baumes, oder Funken einer Flamme. Die Tugend ist immer Eine, und trägt nur verschiedene Namen nach ihren verschiedenen Wirkungen, Aeußerungen, Gegenständen und Graden. Sie heißt Geduld (Standhaftigkeit), insofern sie im Tragen aller Lasten unerschüttert ausharrt; Enthaltsamkeit, Nüchternheit, Mäßigkeit, Keuschheit, insofern sie die Triebe zu sinnlichen Vergnügungen, und unter diesen vorzüglich den Geschlechtstrieb in Ordnung hält; Demut, insofern sie den Trieb nach Ehre beherrscht, und ein züchtiges Gefühl eigner Fehler und Schwächen in allen Handlungen durchblicken läßt; Freigebigkeit, insofern sie ihr Wohlwollen gegen Dürftige durch Geben beweist; Andacht (im eingeschränkten Sinn), insofern sie würdige Empfindungen gegen Gott hegt und offenbart; Gerechtigkeit, insofern sie jedem das Seine gibt, erhält und bewahrt; Sanftmut, insofern sie nicht erbittert, und sich nicht erbittern läßt, nicht beleidigt, und die empfangenen Beleidigungen vergißt und verzeiht; Heldenmut, insofern sie kühn und unerschrocken gegen die noch so fürchterlichen Feinde des eigenen oder fremden Gut- und Wohlseins kämpft, keine Gefahr und kein Leiden scheut, große Unternehmungen beginnt und durchsetzt.

2. Die Tugend des Menschen hat einen unbedingten, unveränderlichen, – den höchsten – Wert unter allen (endlichen) Gütern des Menschen.

Sie hat einen unbedingten Wert; Reichtum ist gut, wenn er recht gebraucht wird; Ehre, wenn sie gut gebraucht wird; Verstandeskraft, wenn sie gut gebraucht wird; die Tugend ist selbst teils der gute Gebrauch dieses alles, teils der gute Wille und die sittliche Kraft, dies alles gut zu gebrauchen.

Sie hat einen unveränderlichen Wert; ihr Wert hängt nicht ab von dem Urteile der Menschen, wie die Ehre, nicht von den zeitlichen Bedürfnissen, wie der Wert der Speise, auch nicht von der Uebereinkunft der Menschen, wie die Bedeutung der Ordensbänder oder der Wert des Geldes. Ihr Wert ist der Wert des guten Willens, der seiner Natur nach gut und gottähnlich ist.

Sie hat den höchsten Wert unter allen endlichen Gütern der Menschen; denn sie hat einen Wert in sich, und gibt allen übrigen Gütern, wie Gesundheit, Ehre, Reichtum, Wissenschaft erst durch guten Gebrauch ihren rechten Wert. Wer sie nicht hat, kleidet sich in ihren Mantel, und legt dadurch Zeugnis ab von ihrer Unentbehrlichkeit.

3. Der einzigartige Wert der Tugend zeigt sich auch in ihrem Verhältnisse zum Wohlsein des Menschen.

Die Tugend allein schafft dem Tugendhaften das alleredelste Vergnügen, dessen die menschliche Natur fähig ist, und macht ihn des allerhöchsten Wohlseins im anderen Leben fähig und würdig; würzt, veredelt, erhöht alle übrigen Freuden und erleichtert, versüßt alle Leiden.

Die Tugend ist allein nicht nur das unentbehrlichte Gut für den Tugendhaften, sie ist auch das nützlichste, weil sie die Quelle des allgemeinsten, reinsten, großmütigsten, tätigsten Wohlwollens ist. Sie vollendet also die Bestimmung des Menschengeistes für dieses Leben, und macht ihn würdig und fähig, die Bestimmung seines ganzen Daseins im kommenden Leben zu erreichen.

Die heiligen Schriften enthalten von der Tugend des Menschen höchst wichtige Belehrungen z. B.

»Wer liebt, ist aus Gott geboren; wer nicht liebt, kennt Gott nicht, denn Gott ist die Liebe. Wenn uns Gott so geliebt, so müssen wir auch einander lieben; laßt uns Gott lieben, weil er uns zuvor geliebt.

Dies ist die Liebe Gottes, daß wir seine Gebote halten.

Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott.

Wer aus Gott geboren ist, sündigt nicht, denn der Same Gottes ist in ihm.

Daran erkannten wir die Liebe Gottes, daß Er sein Leben für uns gelassen; wir müssen also auch das Leben für unsere Brüder lassen.

Wer recht tut, der ist aus Gott geboren. Die Furcht ist nicht in der Liebe, vollkommene Liebe jagt die Furcht hinaus.

Wer sagt: ich liebe Gott und haßt seine Brüder, ist ein Lügner, denn wenn er seinen Bruder, den er sieht, nicht liebt, wie wird er Gott lieben, den er nicht sieht?«

Was sonst noch von der Tugend gelehrt wird, besteht kurz darin:

Gott ist allein gut. Den Gottesgeist gut macht, der ist gut. Wer gut ist, wirkt Gutes. Wer gut ist und Gutes wirkt, hat das ewige Leben in sich. Die Reinen werden Gott schauen. Oder im Bilde: Der heilige Geist wird Quelle der Liebe in uns, diese Liebe ist der lebendige Brunnen, aus dem hernach alle einzelnen Begierden, Gedanken, Handlungen fließen.

 

E. Von der Andacht.

I. Andacht ist, wie das Wort sagt, Gedanke an Gott. Wenn nun dieser Gedanke an Gott nach unzähligen Mühen endlich soviel Leben gewonnen hat, daß sich der Wille des Menschen in der Richtung zu Gott erhalten kann, und in dieser fortdauernden Richtung die vorkommenden Reize zum Unrecht großmütig verachtet, die kleinlichen Sorgen dieser Erde der Einen großen Sorge rechtzutun, unterordnet, die Leiden mutig trägt, und das ganze Leben des Menschen nach dem heiligen Gesetze in uns gebildet wird, so ist die Andacht des Menschen, der sie hat, und Gottes, zu dem er sich erhoben, würdig – kann die wahre, vollkommene Andacht heißen.

Wo diese Andacht ist, da ist Stärke des menschlichen Geistes, der sich über die ganze Sichtbarkeit und über sich selbst erheben, und mit dem Unsichtbaren vertraut unterhalten, und in dieser vertrauten Unterhaltung beharren kann. Da ist Glaube an die Urquelle alles Guten, Ehrfurcht vor ihr, und Liebe, wodurch Gedanke und Begierde, Wort und Tat, Inneres und Aeußeres – der ganze Mensch – zur Befolgung ihres heiligen Willens geweiht wird (Devotio); da ist die Gabe, schnell und leicht von religiösen Vorstellungen ergriffen und belebt zu werden, so, daß aus Vorstellungen Empfindungen, aus Empfindungen Handlungen, und aus allen diesen religiöse Gesinnungen werden, die hinwiederum den Grund religiöser Vorstellungen bereichern.

II. Die wahre Andacht verträgt sich nicht mit dem Mechanismus und der seelenlosen Geberde der Andacht. Denn die wahre Andacht ist nicht gebunden an Ort, Zeit, Formel, wie etwa ein Körper, ein Götzenbild, das an diesem Orte steht, zu dieser Zeit gezeigt wird, diese Gestalt hat; sie ist überall, wie ihr Gott, ist im Allerinnersten, im Heiligtume des Menschen, daheim und wirkt von innen heraus. Wo der Mensch immer ist da findet er seinen Gott, und trägt er seinen Altar, das Herz, mit sich und opfert das gottgefälligste Opfer, seinen Eigendünkel, der höchsten Weisheit, seinen Eigenwollen (die Eigenliebe), dem heiligsten Willen. Wenn nun der menschliche Wille gut ist – und gut muß der Wille sein, der sich mit dem Heiligsten einigt – wenn er nur liebt und achtet, was die Heiligkeit gebietet, so kann man nicht zweifeln, daß ein heiliger Wandel von der wahren Andacht so untrennbar sei, wie das Leuchten vom Lichte, der Ausfluß von der überfließenden Quelle. Die wahre Andacht ist kein Bruchstück unseres Lebens, etwa wie das Essen und Schlafen, sondern sie ist die Lebenskraft, die das ganze Leben wohltätig durchfließt, und das Aeußere nach dem Innern, und das Innere nach dem Göttlichen ordnet.

Die wahre Andacht verträgt sich nicht mit vorgetäuschter Innerlichkeit. Es gibt Menschen, die sich und andere mit ihrer angeblichen Herzensandacht täuschen, die sie so geheim halten, daß ihre beispielbedürftigten Nebenmenschen nichts davon merken können. Wahre Andacht kann sich nicht unbezeugt lassen, sondern hat ihren natürlichen Ausdruck. Wahre Andacht bedarf einer Nahrung, und diese Nahrung sucht sie in mancherlei Uebungen, die teils die lebendige Andacht bezeugen, teils die ohnmächtige neu beleben. Gleich wie das körperliche Leben durch Speise und Trank erhalten werden muß, so kann auch das geistige Leben, die Andacht, ohne Nahrung nicht bestehen. Wie aber Speise und Trank nicht die Gesundheit selbst sind, so ist auch das Nahrungsmittel der Andacht nicht die Andacht selbst. Endlich, weil wahre Andacht nichts ist als Liebe gegen Gott, und diese Liebe nie ohne Nächstenliebe sein kann, so hat sie einen neuen Grund sich nach außen kund zu tun und zu bezeugen, nämlich diesen: in die sterbende Andachtsflamme des Nachbars neues Leben zu gießen. So wenig also die wahre Andacht das Aeußere ohne Inneres, den Buchstaben ohne Geist – den Mechanismus – billigen kann, so wenig kann sie die sogenannte Innerlichkeit ohne alles Aeußere als Wahrheit anerkennen.

Die wahre Andacht verträgt sich nicht mit einem gänzlichen Ausgießen der Seele in die äußere Tätigkeit ohne innere Salbung. Wozu Andacht, denken einige. Arbeiten ist besser als Andacht, und ist die rechte Andacht. Allein, wer so sprechen kann, vergißt über dem Tun das Sein, vor Zerstreuung außer sich die Sammlung in sich, und im Drange für andere zu arbeiten, sich selbst zu vervollkommnen. Er nimmt, um die Torheit im Bilde zu zeigen, sich nicht Zeit, die nötige Speise zu genießen, um nur mehr arbeiten zu können, und wähnt, die Arbeit selbst nähre ihn.

Die wahre Andacht verträgt sich aber auch nicht mit Arbeitsscheu, um den süßen Empfindungen der Andacht obliegen zu können. Wir sind nicht bloß Geist; der Geist lebt im Leibe, in einer sinnlichen Region, und neben uns leben andere, die unserer Hilfe bedürfen. Auch kann der Geist ohne Arbeit, ohne Uebung, nicht zu seiner Entwicklung kommen. Es ist uns also durch die Natur unseres Wesens und die Bedürfnisse anderer, Arbeit auferlegt. Da nun die Liebe gegen Gott alles, was uns zu tun obliegt, als den Willen dieses ihres Gottes ansieht, und die wahre Andacht Liebe ist, so kann sie nie eine Arbeitsscheu gebieten, oder auch nur dulden, wo uns unsere oder fremde Bedürfnisse zur Arbeit rufen. Vielmehr lehrt sie uns, auch bei der Arbeit das Herz in der vertrauten Richtung zu Gott zu erhalten, und es ist ihr Spruch geworden: man muß Gott um Gotteswillen verlassen, d. h. wirkliche, eigentliche Andachtsübung unterbrechen, um dem Nächsten zu Hilfe zu kommen oder eine Berufsarbeit zu verrichten.

III. Wenn die wahre vollkommene Andacht gebietende Liebe gegen Gott ist, so ist ihr Wert dem Wesen nach eins mit der Tugend. Weil sie aber gebietende Liebe gegen Gott ist, insofern diese mit Gott wirklich vertrauten Umgang pflegt oder dazu vorbereitet, so läßt sich ihr Wert auf eigene Weise dartun:

1. Die Andacht zeigt die menschliche Natur vorzüglich in ihrer Würde und Erhabenheit. Sie zeigt die Verwandtschaft zwischen Gott und dem Menschen in dem schönsten Akt, in dem Umgange des menschlichen Geistes mit dem göttlichen. Darin liegt ein starker Grund gegen den Atheismus, denn wer Gottes Dasein leugnet, vernichtet den Adel des menschlichen Geschlechtes.

2. Die Andacht macht den Menschen höchst verehrungswürdig allen, die den Wert eines Menschen zu fühlen imstande sind. Wahre Größe erweckt das Gefühl der Größe bei allen, die nicht äußerst verwahrlost sind. Nun ist aber Andacht wahre Größe des Menschen, ist Herrschaft über die sinnliche Natur, und was noch mehr ist, über sich selbst.

3. Die wahre Andacht fördert am meisten die Nachahmung Gottes. Denn der Umgang mit Gott macht gottähnlich, und der immer hellere Blick auf die Urquelle alles Guten begeistert zur Nachahmung derselben. Die Freundschaft macht die Freunde immer einander ähnlicher, also auch die Andacht: ihr höchster Grad ist eben Harmonie zwischen dem Willen Gottes und dem Willen des Menschen – das aber heißt Freundschaft.

4. Nichts macht darum den Menschen menschenfreundlicher als die wahre Andacht. Sie befördert ja die Nachahmung Gottes, Gott aber ist das menschenfreundlichste Wesen. Im Umgange mit der höchsten Liebe kann der Mensch nicht anders als liebevoll werden.

5. Die Andacht gibt allen Handlungen des Menschen, die in ihrem Geiste verrichtet werden, den Wert einer religiösen Handlung. Der Mann, der wahre Andacht hat, tut auch die gewöhnlichsten Handlungen mit dem Aufblick zu Gott und aus der herrschenden Absicht, den Willen Gottes zu vollbringen. Diese Absicht adelt die gewöhnlichsten Verrichtungen und macht sie zu religiösen Handlungen; aber die Andacht muß selbst leben, um beleben zu können, und Nahrung bekommen, um nicht zu sterben.

6. Die Andacht ist der würdigste Gebrauch, den wir von der sinnlichen Natur machen können. Durch sie wird uns die ganze Natur zum Tempel Gottes. Der Andächtige findet Gott überall und allzeit, im Rauschen des Stromes, im Brausen des Windes, im Säuseln der Luft, im Lichte des Blitzes, im Schalle des Donners, im Gusse des Regens, in den Reden, Taten, Blicken der Menschen, in jedem Winkel wie auf dem öffentlichen Platze, in der Mitternachtsstunde wie am hellen Mittag.

7. Die wahre Andacht verschafft dem Menschen neuen Mut und neue Kraft, die nur sie ihm verschaffen kann. – Der Mensch ist wie das, was ihm seinen Mut gibt. Der Reiche holt ihn vom Gelde, der Gelehrte von seinem Wissen, der Berühmte von seinem Ruhm, der Andächtige von seinem Gott. Und dieser Gott bleibt ewig, also auch die Zuversicht seines Freundes. Andacht, wenn sie dich kannten, wie würden sie dich lästern können?

8. Die Andacht verschafft den stärksten Trost in den Leiden dieses Lebens, und hebt die schwersten Sorgenlasten von unserm Herzen hinweg. Die Urquelle alles Guten wird einst das Gegenwärtige und die Zukunft, die Zeit und die Ewigkeit, das Leiden und das Wohlsein, die Tugend und die Glückseligkeit in den schönsten Zusammenhang bringen, und kann auch jetzt Hilfe senden, wo sonst keine Aussicht offen ist.

9. Die wahre Andacht ist aber nicht deswegen gut, weil sie Kraft gibt zur Vollendung edler Handlungen, sondern umgekehrt: weil sie in sich gut ist, kann sie zum Rechttun Kraft verleihen. Die wahre Andacht ist, unabhängig von ihren segensvollen Wirkungen, die würdigste Beschäftigung des Menschengeistes. Der Andächtige kann nicht immer Nackte kleiden, Hungrige speisen, Tränen trocknen; aber es bedarf dessen auch nicht, wahre Andacht ist in sich gut und groß. Oder ist es nichts Großes, daß ein Mensch, der auch aus Fleisch und Blut besteht wie die übrigen, in Mitte unzähliger Menschen, die den Sinnen dienen, oder nur Ideen haschen, sich über den Tumult der sinnlichen, und über die Blendungen der Ideenwelt erheben, und mit der Wahrheit selbst, mit der Heiligkeit selbst, Umgang haben kann? Oder kann etwa der Arme, der nichts hat, was er geben kann, und nur von fremden Gaben lebt, nicht wahre Andacht haben, weil er nicht helfen kann? Kann der Kranke nicht wahre Andacht haben, weil er nicht arbeiten kann? Oder hätte diese Andacht keinen Wert, weil er keinen neuen Warenartikel auf die Frankfurter Messe liefern kann? Man hat hier zwei sehr verschiedene Dinge miteinander verwechselt. Ein anderes ist: die wahre Andacht macht mich tüchtig, mit willigem Fleiße zu arbeiten, und großmütig wohlzutun, und: – also hat die Andacht ihren ganzen Wert von der Arbeit, von dem Wohltun. Und so haben hier die Sittenlehrer den nämlichen Fehlschuß gemacht, den die Politiker nicht vermieden. Weil diese sahen, daß die religiösen Leute gute Bürger sind, so schlossen sie, die Religion sei nur Mittel zur äußeren Ruhe des Staates; weil jene bemerkt, daß die wahrhaft Andächtigen die fleißigsten Arbeiter und die tätigsten Menschenfreunde sind, so schlossen sie, die Andacht sei nur Mittel zur äußeren Tätigkeit – und haben nicht gesehen, daß die wahre Andacht, als gebietende Liebe gegen Gott, der Adel des menschlichen Gemütes, und, unabhängig von allen wohltätigen Folgen, der würdigste Zweck des menschlichen Strebens sei.

10. Die wahre vollkommene Andacht ist nicht nur als der würdigste Gebrauch der menschlichen Kräfte in sich gut, – eins mit dem, was wir die Tugend oder den rein-guten Willen nannten, – sondern ist auch als Freude, die edelste dieses Lebens, der eigentliche Inbegriff aller Religionsfreuden, ein Vorgenuß der Seligkeit, die einem besseren Lande aufbehalten ist.

IV. Was übrigens von der Tugend, das gilt auch von der Andacht:

1. Sie kann ohne Selbstverleugnung, d. i. ohne Bekämpfung der Sinnlichkeit durch die Vernunft nicht gegründet, nicht erhalten, nicht vervollkommnet werden.

2. Die Gebrechlichkeit der menschlichen Natur darf nie außer Acht gelassen werden:

Hieraus sind die zwei großen Wahrheiten erkennbar: erstens, daß weder die wahre Tugend noch die wahre Andacht ohne höhere Kraft erreichbar sei; zweitens, daß der Mensch, so lange er diese körperliche Hülle trägt, wohl nie ohne alle Fehltritte sein werde.

Alle gute Gabe, alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichtes.

Ein Geist ist Gott, und wer ihn anbetet, muß es im Geiste und mit Wahrheit tun.

Betet ohne Unterlaß!

Wer bittet, der empfängt.

Wer mich liebt, der hält sich an mein Wort; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Herberge nehmen.

Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst.

Kindlein – sündiget nicht. Wenn aber jemand sündiget, so haben wir einen, der bei dem Vater ein gut Wort für uns einlegt, Jesum Christum, den Gerechten.

Achtes Kapitel. Vom Verhältnis der Lebensweisen zum Gut- und Wohlsein des Menschen.

 

A. Vom gesellschaftlichen Leben im allgemeinen.

Das Leben mehrerer Menschen, die verschiedene Bedürfnisse und Absichten, Mängel und Kräfte näher miteinander verbinden, daß sie beisammen wohnen, einander geben und von einander empfangen, einander dienen und beherrschen, miteinander arbeiten und handeln, ist das gesellige, gesellschaftliche Leben.

I. Wie die Gesellschaft (als Verbindung zwischen Mann und Weib) das Mittel ist, durch das dem Menschen die Tür in dieses Leben aufgetan wird, so ist auch die Gesellschafft (als geselliges Leben betrachtet), für uns eine ununterbrochene Wohltat, von der Empfängnis an bis zum letzten Atemzuge, indem der Mensch, sich allein gelassen, seine Bedürfnisse teils gar nicht, teils nicht so leicht und nicht so vollkommen befriedigen könnte.

Die Gesellschaft ist also (ohne auf den Eintritt des Menschen in die Welt zu sehen), das erste und allgemeinste Entwicklungsmittel der körperlichen und geistigen Kräfte des Menschen, der körperlichen, weil sich ein unmündig Kind die Nahrung und körperliche Pflege so wenig schaffen könnte als das Dasein; der geistigen, weil die ganze körperliche Natur uns, mit allen ihren unzähligen Eindrücken auf unsere Sinne, ohne die Beihilfe der Gesellschaft, die Sprach- und Vernunftfähigkeit des Menschen nicht entwickeln könnte, und ohne entwickelte Sprach- und Vernunftfähigkeit, der Mensch wild umherirrte, ein Tier wie andere wäre und kein Mensch.

II. So wie die Gesellschaft als erstes und allgemeinstes Entwicklungsmittel der Kräfte des Menschen angesehen werden muß, so ist die Gesellschaft der guten Menschen, denen das heilige Gesetz ihrer Natur heilig ist, sowohl für das unmündige Alter, als für jedes Alter, das kräftigste Förderungsmittel des menschlichen Gut- und Wohlseins.

Die Gesellschaft der Guten ist eine praktische Schule des Guten, weil sie durch Handlungen das Gute lebendig darstellt, durch übereinstimmenden Eindruck den Nachahmungstrieb zur Nachahmung des Guten weckt, und durch Worte das Gute verdolmetscht, daß es durch Auge und Ohr in die Seele dringt; ist das rechte sittliche Richteramt, das seine Gewalt ohne Widerspruch ausübt, weil es ohne Anmaßung, nur durch Gutestun, Gutes gebietet; ist das Asyl der wankenden Unschuld, die an dem Blicke der bewährten Tugend einen warnenden Freund, und in ihrem Schoße Rettung findet.

Die Gesellschaft der Guten ist aber auch eine Quelle unschuldiger Freuden; denn in ihrem Kreise findet sich

1. nicht der Zwang, der in den sogenannten feinen Zusammenkünften herrscht und eine drückende Atmosphäre bildet. Es erscheinen hier keine Tonangeber, die allein reden und allein recht haben wollen; keine Wächter des Zeremoniells, die über Komplimente, über Manieren zu sitzen, aufzustehen, ein- und auszugehen, Aufsicht halten, und von den Gesetzen des eisernen Wohlanstandes kein Tüpflein unerfüllt lassen; keine Schmeichelredner, die ihre Schmeicheleien dem Tone der Bescheidenheit opfern. Es findet sich in ihrem Kreise

2. keine Zügellosigkeit: hier wird keine freche Stirn gesehen, kein faules Wort gehört, keine wollustatmende Handlung oder Gebärde erblickt. Dagegen wohnt

3. in ihrem Kreise das edle Wohlwollen, das offen gegen jedermann ohne Ziererei, fröhlich ohne Ausgelassenheit, gesprächig ohne Schwatzhaftigkeit, und zuvorkommend ohne Empfindelei sein kann; ein reines Wohlwollen, das die Feinde des geselligen Lebens verbannt: den Neid, der nicht loben und fremdes Lob nicht hören kann, die Kälte, die das Gute nicht bemerkt und nicht Freude daran hat, den Stolz, der nur sich zur Schau trägt, den Geldgeiz, der nicht geben und nicht erfreuen kann, die Wollust, die nur tierische Angelegenheiten betreibt.

III. Nicht nur die Gesellschaft der Guten, sondern auch die gemischte Gesellschaft, die aus Guten und Bösen, Schwachen und Starken, Weisen und Toren besteht, hat noch gesegnete Einflüsse auf das Menschenwohl. Denn eine solche Gesellschaft ist

1. eine Offenbarung der menschlichen Natur, wie sie ist, voll Widersprüche mit sich und mit anderen Wesen, im Kampfe bald mit dem Lichte, bald mit den Finsternissen, unendlich in ihren Bedürfnissen und beschränkt in ihren Kräften, nicht genießend, was da ist, und anstrebend das, was nicht da ist, getäuscht und täuschend, unersättlich und träge, stets höher als irdische Wesen, und doch in dem Niedern das höchste Gut suchend. Welch ein Schauspiel gibt nicht der »Antagonismus der Leidenschaften«, jene Menschen, die von Leidenschaften gedrückt und gereizt, befriedigt und gestört werden? Wie oft hält auch in der sittlichen Welt, wie in der politischen, ein Schwert das andere in der Scheide? Die Gesellschaft zeigt den Menschen in allen seinen Schwächen, wenn ihn die Bücher nur in seiner Stärke malen. Zwar nimmt der Mensch meistenteils eine Larve, wenn er in die Gesellschaft tritt: aber diese Larve wird ihm von fremder Eigenliebe bald abgerissen, wie sie ihm von der eigenen angeheftet ward. Eben diese gemischte Gesellschaft ist

2. ein Erweiterungs- und Läuterungsmittel all unserer wirklichen Kenntnisse, indem wir von fremden Erfahrungen unterstützt, die nämliche Sache von mehreren Seiten ansehen lernen; der Sauerteig, der in die Charakteure, Neigungen einzelner Menschen geworfen, sie nach und nach durchsäuert, zwar nicht immer zur Ehre der Sittlichkeit, aber doch oft zur Aufnahme derselben. Auch eine gemischte Gesellschaft bietet uns so viel Anlaß zum Mitteilen, zum Mitleiden, zur Mitfreude, zur Teilnahme am Guten, schafft uns so viele Erinnerungen, daß unser sittliches Gefühl dessen, was gut und böse ist, dadurch geschärft und die Antriebe zum Rechttun verstärkt werden können.

IV. Je böser die Menschen, in deren Kreis wir treten, je größer die Zahl, je fester ihre Verknüpfung, je gebildeter ihr Kopf, je feiner ihr Aeußeres, je bedeutender ihr Einfluß auf die Leitung anderer: desto schädlicher kann und wird diese böse Gesellschaft unserem Gut- und Wohlsein werden, wenn wir ihren seucheartigen Ausflüssen durch Annäherung oder vertrauten Umgang Tür und Tor öffnen, und uns davon verpesten lassen.

 

B. Vom Leben in den Großstädten.

I. Die Kraft des gesellschaftlichen Lebens zeigt sich vor allem in volkreichen Städten. Denn, obgleich durch die Verbindung einer größeren Zahl Menschen in großen Städten auf einer Seite die Kräfte zu gemeinnützigen Unternehmungen verstärkt, Handel, Gewerbe, Künste, Wissenschaften befördert, durch Umgang mit vielen Menschen von verschiedenen Denkarten viele Fähigkeiten der Menschen schneller, leichter und in höherem Grade entwickelt, die Nacheiferung in mancherlei guten Handlungen gelockt, die Sitten verfeinert, die Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten des Lebens vermehrt, die Mittel und Gelegenheiten zum gesellschaftlichen Vergnügen vervielfältigt werden, so läßt es sich doch auf der anderen Seite nicht leugnen, – und die Geschichte schreit es zu laut –, daß die bösen Beispiele in großen Städten ansteckender, die Verführungen zu Torheit und Laster gewaltsamer, die Herrschaft der Mode tyrannischer, und die blinde Nachahmung der Großen sklavischer, der Zwang der eingeführten Sitten und Gebräuche niederdrückender sind, die Aufrichtigkeit von der Verstellung geschwinder verbannt, die Natur allgemeiner von der Kunst erstickt, und die Unschuld als kindische Einfalt verlacht, und durch Luxus, Ausschweifung und Irreligion, die in großen Städten je länger je fürchterlicher um sich greifen, die Nationen schneller entnervt und herabgewürdigt werden.

Auch darf hier nicht außer acht gelassen werden, daß alles, was von den Blendungen der Ehre, von den Täuschungen des Reichtums, von der zerstörenden Allgewalt des Luxus, von den Verwüstungen der falschen Gelehrsamkeit, und überhaupt von den Zerrüttungen der Leidenschaften in dieser Abhandlung gelehrt worden, sich in volkreichen Städten augenscheinlich und vorzugsweise als wahr dartut und diese Wahrheit wie im Triumphe zur Schau herumführt. Dies ist so gewiß wahr, daß allemal das Verderben von der Hauptstadt in die Provinzstädte, und von da in die Dörfer ausgeht, und wie ein Strom, der über die Ufer bricht, die Gegenden verheert.

II. Hier ist besonders auch des Einflusses zu gedenken, den der Handel auf das Wohl und Wehe der Völker ausübt. Im einzelnen ist zu sagen:

Der Handel setzt die Menschen in eine größere, mannigfaltigere Tätigkeit, fördert die Betriebsamkeit, weckt die Erfindungskraft, vervielfältigt die Nahrungszweige u. s. f.

Aber eben der Handel ist es, der den Eigennutz und die Gewinnsucht der Menschen unterhält, nährt, vergrößert.

Der Handel verbindet die Menschen mehr mit einander, bringt sie einander näher, und läßt sie ihre Abhängigkeit von einander stärker empfinden. So wie der Kaufmann der Arbeit, der Treue, der mechanischen und geistigen Kräfte, der Dienste und Hilfeleistungen vieler Menschen bedarf: so bedürfen diese hinwieder seines Vorschusses, seines Beistandes, seiner Ermunterung, seiner Belohnung. Der Handel bahnt den Menschen Wege zu ihren Brüdern durch Wüsten, Gebirge, Flüsse, Meere.

Aber eben der Handel ist es auch, der den Menschen viele Anlässe, Reize, Kräfte zur Ungerechtigkeit gegen ihre nächsten und fernsten Brüder und zur Unterdrückung derselben verschafft.

Der Handel erleichtert den Menschen die Mitteilungen ihrer Einsichten, ihrer Erfindungen, ihrer Güter und Vorzüge. Er gibt Anlaß zu wohltätigen Gesinnungen der Menschen gegen Menschen. Er verursacht einen beständigen Umlauf und Umtausch aller Dinge; aller Segen eines Landes, der Landwirtschaft, der schönen Künste, der höheren Wissenschaften, der Religionsbegriffe werden durch den Handel nach und nach ein Gemeingut aller Weltteile.

Aber eben der Handel ist es, der die Fehler, Schwachheiten, Trugideen, Torheiten, Laster einzelner Völker in Umlauf bringen, und zu Torheiten der Weltteile machen kann.

Der Handel verschafft tausend Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten im menschlichen Leben. Durch ihn bleibt keine Frucht der Erde, kein Werk der Kunst und des Fleißes einem Land ausschließlich eigen.

Aber eben der Handel ist es, der die Eitelkeit, die Modesucht, den Luxus befördern hilft.

Der Handel trägt dazu bei, daß die Sitten des Menschen milder, gefälliger, duldsamer werden.

Aber eben der Handel ist es, der die niedere, harte, menschenfeindliche, ungeistige und unfreie Denkart, die ich den argen Handelsgeist nennen möchte, allgemeiner macht.

 

C. Vom Geschäfts- und Berufsleben.

Die Vorteile des gesellschaftlichen Lebens zeigen sich insbesondere durch die Geschäfte und Arbeiten, die gewissen Ständen und Aemtern wesentlich sind, und das Geschäftsleben ausmachen. Diese Vorteile sind sowohl in Hinsicht auf das Gutsein als auf das Wohlsein der Menschen groß.

I. Die Vorteile sind zunächst negativ. Dadurch, daß der Mensch kraft seines Amtes und Standes seinen bestimmten Arbeitskreis, und jeder Tag sein Tagewerk, und jede Schulter ihre eigene Last hat, werden wir vor Langeweile und Müßiggang, und vor vielen Torheiten und Ausschweifungen regelloser Sinnlichkeit und ungeordneter Ehrliebe bewahrt, zu denen der beschäftigungslose Mensch nicht sowohl verführt als von Müßiggang und Langeweile gestoßen wird, bloß, weil er so viele Lücken seines Lebens auszufüllen, und noch darüber die Wahl hat, sie mit Torheiten und Laster auszufüllen. Es ist für die meisten Menschen ein großes Glück, daß sie nicht viel zu wählen haben, indem sie in den meisten Wahlakten das Schlechtere statt des Besseren wählen würden. Nun beschränkt das Geschäftsleben die Wahl des Menschen, und was das Wählen schrecklich macht, die Willkür: es ist für ihn das Los schon gezogen, er darf nur dem Lose folgen.

Hier leuchtet uns auch eine Ursache ein, warum in den menschlichen Ständen aufwärts, fast durchgehends mehr Elend, Torheit und Unrecht zu finden ist als in den Ständen abwärts. Denn je weiter wir aufwärts kommen, desto weniger eigentliche Arbeit finden wir: Geschäftigkeit genug, aber nicht die peinlichen Arbeiten, die den Stachel der Torheit, Eitelkeit, Wollust stumpf machen. Es haben die Mütter in den vornehmen Häusern, und in denen, die sich über den Bürgerstand erheben, ein schrecklich Gericht über ihre Familie beschlossen, seitdem sie sich von der Erziehung der Kinder, von der Führung der Haushaltung, und von der Aufsicht über die Hausgenossen entfernt, und an die Stelle dieser wesentlichen Arbeiten bloß die zufälligen, wie Visiten zu geben und anzunehmen, haben treten lassen. Je mehr sich der Mensch von der Mutter Natur entfernt, – und diese Mutter Natur lehrt nichts anderes als: arbeite, um der Ruhe würdig zu sein – je tiefer verwickelt er sich in die Labyrinthe einer törichten Tätigkeit, die kein Heil schaffen kann, oder einer eben so törichten Untätigkeit, die nicht vor Elend bewahren kann.

II. Die positiven Vorteile des Geschäftslebens sind diese zwei, daß dadurch die Kräfte des Menschen würdig geübt, um anderen nützlich werden zu können, und würdig angewandt werden, um nützlich zu sein. Sowohl jene Uebung, als diese Anwendung der Kräfte schafft uns das tröstende und stärkende Bewußtsein, unser Tagewerk vollendet zu haben, und der Achtung der Menschen, der Ruhe und Erholung, und selbst der Belohnung nicht unwürdig zu sein.

III. Aber diese Vorteile des geschäftigen Lebens sind nur eine Seite desselben und heben die unzähligen Wehen nicht auf, die nach dem gewöhnlichen Gange der Dinge damit verknüpft sind.

Unzählige Wehen entstehen

1. daraus, daß viele Menschen Geschäfte übernehmen, die ihren Kräften nicht angemessen sind, entweder weil die Kräfte an sich zu schwach sind, oder wenigstens durch Mangel an Vorbereitung die nötige Geschicklichkeit nicht erhalten haben. Es ist sehr komisch, oder lieber tragisch, zu sehen, wie die Kandidaten Aemter suchen. Sie wollen Versorgung, Ansehen, politischen Charakter haben: dies ist der Zweck. Um diesen Zweck zu erreichen, bieten sie sich zu allen Aemtern, Diensten, Geschäften an, die sie durch Geld, Empfehlung oder auf anderen Wegen erhalten können, ohne ihre Kräfte zu fragen, und dieselben mit den Amtspflichten zu vergleichen. Nun liegt das Amt mit allen seinen Lasten auf den ungeübten und zu schwachen Schultern. Was sich durch andere tun läßt, läßt der neue Geschäftsmann durch andere tun, aber alles kann er nicht durch andere tun lassen; er muß selbst handeln. Er verbirgt anfangs seine Unfähigkeit durch ein steifes Amtsgesicht, durch schmetternde Befehle usw. Aber diese Krücken des Ansehens brechen bald, und mit ihnen das Ansehen des neuen Geschäftsmannes. Das Geschäftsleben ist bereits ein Marterleben für ihn. Die Unwissenheit, was zu tun sei, die Zweifel, wie es zu tun sei, verwirren ihn; das Gefühl seines Unvermögens ängstigt ihn; die Wahrnehmung, daß er gefehlt habe, und die Schande, die ihm seine Fehltritte zuziehen, kreuzigen ihn. – Zu den hundert Verlegenheiten in Amtsverrichtungen und zu den öffentlichen Demütigungen von außen, gesellt sich von innen die Gewissensangst, Menschen schlecht behandelt, oder ihr Wohlsein wie immer zerstört zu haben. Unzählige Wehen entstehen

2. daraus, daß Geschäftsleute sich in Unternehmungen verwickeln oder zu Geschäftsmanipulationen verleiten lassen, die mit dem heiligen Gesetze unserer Natur nicht vereinigt werden können und nie ohne Widerspruch des unbestochenen Gewissens geschehen. Solchen fehlt es am ehrlichen guten Willen. Und wo dieser fehlt, da wird der Kaufmann ein Betrüger, der Rat ein Gesetzverdreher, der Advokat ein Schelm, der Richter ein Schikanenschmied, der Prediger eine Schmeichelkatze der Großen oder des Volkes und der Theologe ein Hahn auf dem Dache, der vom stärkeren Winde getrieben wird. Unzählige Leiden entstehen

3. daraus, daß in den öffentlichen und Privatgeschäften nicht Ordnung gehalten wird, nicht an jedem Tage, zu jeder Stunde das Notwendige und das Nächste getan, und so der Verwirrung, die aus Versäumnis und Anhäufung der Geschäfte entsteht, nicht vorgebeugt wird. Ohne den Geist der Ordnung, das heißt: ohne Erkenntnis dessen, was im Großen und im Kleinen zu tun ist, und ohne Selbstverleugnung, die alle Hindernisse überwindet, welche der Genauigkeit in Beobachtung der Amtspflichten im Wege stehen, wird das Geschäftsleben zur Quelle der Unruhe und der Zerrüttungen, des Unrechts und des Elends. Außer diesem Leid, das Nichtgebrauch oder Mißbrauch der Freiheit voraussetzt, gibt es

4. noch unzählige Leiden, die auch der beste Wille nicht verhindern, der schärfste Blick nicht voraussehen kann. Nur die Erfahrung lehrt, wie tief das sittliche Verderben ist, das die menschliche Natur befleckt, wie groß das Elend, das sie drückt, und wie gering die Kraft, die uns gegeben ist, jenes Verderben zu heilen und dieses Elend zu mindern. Wer übrigens nie den Dornenpfad des geschäftigen Lebens ging, kann sich kaum einen Begriff machen, wie die Maler lügen, die nur den Glanz und die Lust des tätigen Lebens malen. Doch sie lügen nicht immer, sie täuschen oft nur, weil sie selbst getäuscht sind.

 

D. Vom häuslichen Leben.

Die nämliche Bemerkung bestätigt sich in Betrachtung des häuslichen Lebens.

Vereinigte das häusliche Leben die Vorzüge, deren es fähig ist, die Vorzüge der Freundschaft, die Vorzüge des geselligen und geschäftigen Lebens, und die Vorzüge der Andacht und Tugend, so würde es der Würde der Menschennatur und dem offenbaren Zwecke der Familie angemessen und dadurch eine segensvolle Quelle des Wohlseins für das menschliche Geschlecht sein.

Allein das Wohlsein der Familie ist wie das der Menschen, und die Menschen sind, wie sie sind, selten, und die wenigsten, wie sie sein sollten. Nehmen wir die Menschen wie sie sind und damit das häusliche Leben, wie es ist, so werden wir inne werden, daß

1. der Geschlechtstrieb, wenn er nicht geordnet ist, notwendig ein Zerstörer des häuslichen Glückes ist. Nun ist vielfach aber dieser Trieb durch den Ehestand zwar beschränkt, aber dadurch nicht geordnet. Wenn aber der Geschlechtstrieb nicht in Ordnung gebracht und in Ordnung gehalten wird, so ist kein Unrecht, zu dem er nicht versuchen, und keine Zerrüttung, die er nicht anrichten kann. Die Geschichte aller Völker sagt es uns, daß diesem ungebändigten Triebe kein Band des Blutes, der Ehe, des Eides, des Gesetzes heilig ist. Er durchbricht alle Dämme gegen das Laster, er erstickt alle Warnungsstimmen des Gewissens, löst alle Bande der Geselligkeit und Freundschaft, richtet alle Verwüstungen an, die eine herrschende Leidenschaft nur anrichten kann, und opfert Reichtum, Ehre, Gesundheit, Ruhe, Leben, Tugend, alles der Befriedigung seiner selbst. Wir werden

2. inne werden, daß auch die übrigen Leidenschaften, die Ruhmsucht, der Neid, die Geldliebe, der unbezähmte Hang zu Ergötzungen aller Art, keine geringen Feinde der häuslichen Ruhe, Eintracht, Zufriedenheit, und diese nicht selten sind. Wir werden

3. inne werden, daß besonders die Eifersucht zu den Geißeln gehört, die alle wahre Freude aus den Familien hinauspeitschen, und daß diese Geißel nicht selten ist. Wir werden

4. inne werden, daß ohne Sinn für Unschuld und Güte, ohne Geschmack an Redlichkeit, an Einfalt des Herzens, an prachtloser Reinlichkeit u. ä. sich keine dauerhafte häusliche Freude denken läßt, und daß dieser Sinn nicht allgemein ist. Wir werden

5. inne werden, daß die drückenden Wohnungs- und Nahrungssorgen einen großen Teil Menschen das häusliche Glück nie recht schmecken lassen, und daß auch diese drückenden Sorgen nicht selten sind.

Von dem ersten Zerstörer des häuslichen Glückes muß ich, um unseres Zeitalters willen, die höchst traurige und ganz wahre Bemerkung, hier nach- oder wiederholen, daß nichts an sich das häusliche Glück so sehr hindert, als die frühe und die zügellose Wollust, die in volkreicheren und dem Luxus hingegebenen Städten und Ländern immer allgemeiner wird und werden muß: die frühe Wollust, die das Geschlecht zur Ehe untüchtig macht, und die unbändige Wollust, die die heilsame Fessel der Ehe nicht mehr tragen kann, und die wohltätigste Beschränkung als ein tyrannisches Joch abschüttelt und verschreit! – – Nur noch den Wunsch habe ich, daß mich die nächste Generation in diesem Punkte widerlegen möchte!

 

E. Vom einsamen Leben.

Teils die Erfahrungen von den Lasten des geselligen Lebens, teils der Trieb nach dem Besseren, teils andere Bedürfnisse unserer Natur, haben zu allen Zeiten Menschen der Einsamkeit gewonnen.

I. Die Einsamkeit ist

1. eine Freistätte des ruhigen, ungestörten Nachdenkens. Sie kann uns gesellig mit uns und vertraut mit dem wahren Werte der Dinge machen. Die Gedanken, von denen man sagt, daß sie zollfrei seien, sind doch nirgends zollfreier als in der Einsamkeit. Abgeschieden von anderen, können wir unsere Kräfte und Schwächen, unsere Selbstbetrüge und Fehltritte an unserem geistigen Auge vorüberziehen lassen. Zurückgetreten aus dem Getümmel, können wir das Leere der Welttorheiten, die sie Plaisiers nennen, fühlen und die Probe machen, daß unser wahres Glück von uns, in uns gefunden werden kann, wenn wir es am rechten Orte suchen, und daß es uns nur an Mut fehle »mit Gott in uns« zu leben. Wenn wir in einsamen Stunden die prächtigen Hoffnungen, außer uns Freude zu finden, mit dem Gefundenen vergleichen, so lernen wir die Traumgestalten der Dinge als solche kennen und es hat die Einsamkeit für uns etwas von dem Verdienste, das Claudius dem Tode mit Recht ausschließlich zuschreibt: Sie zieht den Dingen die Regenbogenhaut ab. – Es gedeihen auch in der Einsamkeit alle Arbeiten, die Nachdenken fordern, besser. Die Seele, entlastet von den Gegenständen des Lebens-Marktes, tut schärfere Blicke in das Gebiet des Menschen, der Wissenschaften, der Künste, der Religion. Die Einsamkeit ist

2. dem Andächtigen ein Tempel des Gebetes. Die durchwachten Nächte der einsamen Weisen sind mindestens so berühmt als die durchschwärmten Nächte der Toren. Man muß die Kräfte zuerst in sich sammeln, um sie zur Urquelle alles Guten erheben zu können; man muß bei sich selbst wohnen, um sich dem Allerhöchsten zu weihen. Dieses Sammeln der zerstreuten und dieses Festhalten der gesammelten Kräfte, kann uns durch die Einsamkeit wenigstens erleichtert werden. Die Einsamkeit ist

3. wie ein Heiligtum der Freundschaft zur freieren Ergießung des Herzens. – Die wahre Liebe ist züchtig und scheut den müßigen Zuschauer. Die Einsamkeit ist

4. ein Labsal, und oft das einzige des Leidenden, weil sie ihm Gelegenheit schafft, sich ausweinen, dem gepreßten Herzen Luft zu machen, und unbemerkt Hilfe über den Sternen suchen zu können. Die Einsamkeit ist

5. dem, der tugendhaft werden möchte, ein wichtiges, unentbehrliches Noviziat, eine Uebungsanstalt, die alle Weisen zu allen Zeiten empfohlen haben. Man muß der Freuden des Umgangs entbehren, und die Zerstreuungen der Gesellschaft sich versagen lernen, um einen Vorgeschmack jener Unabhängigkeit zu bekommen, ohne die der menschliche Geist nie lebendig fühlen kann, daß er lebe; indem ihn sonst die äußeren Gegenstände oder die Wünsche seines Herzens ohne Unterlaß beherrschen. Die Einsamkeit ist

6. ein vielfaches Bedürfnis des durch gesellschaftliche und geschäftliche Verpflichtungen beschwerten Menschen. Er sucht Einsamkeit, um sich vor dem Mißmut, diesem natürlichen Kinde der Gesellschaft, zu bewahren; um die abgelaufene Uhr wieder aufzuziehen; er sucht Einsamkeit, um das Gemüt von Ueberdruß und Ekel zu heilen, der im Gewirre der Gesellschaft kaum zu vermeiden ist; er sucht Einsamkeit, und entfernt sich vom Schauplatze, um sich in die Rolle, die er spielen muß, hineinzudenken und würdiger aufzutreten, die Entwürfe zu ordnen, die öffentlich ausgeführt werden müssen; er sucht Einsamkeit, um seinem Charakter die Eigentümlichkeit wiederzugeben, die ihm die fremden Gestalten und die törichte Nachahmung geraubt haben; er sucht Einsamkeit, um sich gegen die Eindrücke des Bösen und des Unangenehmen, denen die Gesellschaft ihn preisgibt, abzuhärten, und die Grundsätze sich noch tiefer einzugraben, die seine unsichtbare Wagenburg auf dem Kampfplatze der menschlichen Leidenschaften sein müssen.

Hieraus läßt sich erklären, warum alle großen Männer Freunde der Einsamkeit waren, und daß man auf die Naturstimme: »Ich will allein sein«, mehr zu achten habe, als auf das Gesumme der Schmetterlinge, die nie zu hoch kommen, weil sie immer außer sich umher fliegen.

II. Aber diese Vorteile gewährt die Einsamkeit nur denen, die von ihr guten Gebrauch machen; denn sie ist es ja eben, die durch Greueltaten entweiht, durch Ausbrütung der schwärzesten Absichten und der abscheulichsten Gedanken mißbraucht werden kann, und leider mißbraucht wird.

Wohl dem, der die Einsamkeit nie sucht, als um der Wahrheit willen, und in der Einsamkeit sich stets so beträgt, daß er vor den Augen des Allsehenden nie erröten muß, allein gewesen zu sein, – und die Einsamkeit nie verläßt, ohne irgend einen guten Gedanken, eine edle Empfindung, einen kräftigen Trost, einen menschenwürdigen Vorsatz in die Gesellschaft mitzunehmen. Das heißt gewiß: die Einsamkeit gut gebrauchen.

 

F. Vom Landleben.

An die Einsamkeit grenzt das Landleben, das für die eigentlichen Landleute und für die Freunde des Landlebens sehr wohltätig werden könnte, wenn die Menschen ihrem eigenen Wohlsein nicht so hartnäckig im Wege stünden.

I. Doch gibt es einen Segen des Landlebens für die Landleute, der nicht sonderlich von ihrer Mitarbeit abhängt. Das Landleben erhält die Arbeitenden bei einer einfacheren, kunstloseren und natürlicheren Lebensart, und in dem glücklichen Mangel an so vielen unnatürlichen, erkünstelten, vervielfältigten Bedürfnissen der Städter. Auf diese Weise bleiben sie verschont von all dem Unrat, mit dem der Luxus in Buchstabenkenntnis, Kleidung, Nahrung, Ergötzung usw. die großen Städte überschwemmt.

Andere Vorteile gewährt das Landleben nur denen, die Sinn für diesen »praktischen Lehrer der Weisheit« haben. Dieser praktische Lehrer erinnert uns

1. an unseren Gott. Die ganze Natur trägt Spuren Gottes. Aber wenn man unter Kornfeldern dahergeht, da trifft man, wie der glückliche Bauer singt: »Gott gleichsam auf der Tat mit Segen in der Hand und siehts vor Augen wie er frisch die volle Hand ausstreckt und wie er einen großen Tisch für alle Wesen deckt.« Unseres Gottes Allmacht und Liebe leuchtet in allen seinen Werken hervor; aber die Aecker und Weinberge sind doch ein besonderer Schauplatz seiner Fürsorge, wo er seine Gaben hervorbringt, und für uns Tisch und Becher füllt. Dieser praktische Lehrer erinnert uns

2. an die Unentbehrlichkeit dessen, was tausende für entbehrlich halten, und an die Entbehrlichkeit dessen, was andere in ihren Träumen für unentbehrlich zum wahren Wohlsein halten; widerlegt die krassen Vorurteile von menschlicher Glückseligkeit, denen wir in unseren Städten dienen. Wer den Wert der Arbeit noch nicht kennt, der gehe auf das Land und lerne, was der Mensch tun muß, damit Brot auf unseren Tisch komme, oder aus dem Flachs eine Decke für unseren Leib bereitet werde. Und gerade diese Menschenklasse, die uns die Unentbehrlichkeit der Arbeit so anschaulich macht, beweist uns andererseits die Entbehrlichkeit so mancher Dinge, die wir Toren für unentbehrlich halten. Wenn wir auf dem Lande Menschen sehen, die in keinen Palästen wohnen, sich nicht in Gold und Seide kleiden, mit gewöhnlicher Speise zufrieden sind, mit Wasser und anderen wohlfeilen Getränken den Durst stillen, den ganzen Tag mit harten, rauhen Arbeiten zubringen, und bei alledem gesund, wohltätig, treu, gottesfürchtig, froh und munter sind, so muß es uns in den Augenblicken des stillen Nachdenkens wohl oft durch den Sinn fahren: Sieh, das Glück, das du suchst, liegt nicht in geschmückten Wohnungen, kostbaren Kleidern, wohlgedeckten Tafeln, berauschenden Getränken, gelehrten Disputen, glänzenden Gesellschaften. Sieh, der Mensch braucht sehr wenig, um vergnügt zu sein, braucht nur treu zu sein dem Winke seines Gottes, und er ist so glücklich, als ein Mensch hier sein kann. Sieh, die wohlfeilsten Vergnügungen sind dem Arbeiter ungleich schmackhafter, als die kostbarsten dem Weltmanne sind. Dieser praktische Lehrer erinnert uns

3. an ein Land, wo der Arbeit Ruhe, der Tugend Genuß, der Geduld Errettung und dem unersättlichen Durste nach Glückseligkeit die wahre Glückseligkeit aufbehalten ist. Viel Elend und kein erträumtes, sondern wirkliches Elend drückt oft auch die treuen und frommen Landleute. Wenn man aber bedenkt, wie sie manchmal nach blutiger Arbeit von Hagel, Wild, Soldaten, Junkern, Jägern ihr sauer Erarbeitetes zerstört sehen müssen, wie sie für ihre Abgaben, die sie entrichten, oft wenig von all den wohltätigen Schutzwehren, Unterstützungen und Beihilfen, die von guten Beamten, Seelsorgern, Schullehrern, Aerzten den Untertanen zufließen könnten, für ihre Gesundheit, Ehre, Vermögen, Weiber, Kinder erhalten, wenn man oft das namenlose Elend in den Hütten mancher Landarbeiter ansehen muß und nicht Hilfe schaffen kann, so wird man sich kaum erwehren können zu glauben: der Mensch ist doch für etwas Besseres erschaffen, als daß er die Erdschollen zerschlagen, mit Pflug, Sichel und Dreschflegel sich plagen und dann, ganz wie er ist, modern sollte.

II. Das Landleben kann aber nur dieser praktische Lehrer für uns werden, kann uns nur an Gott, an unser wahres Wohlsein erinnern. Und auch das nur wenigen.

Denn die meisten Stadtleute, die nur etliche Monate von der Landluft, wie sie sagen, profitieren, profitieren sehr wenig von dem praktischen Lehramt des Landlebens, bringen gewöhnlich den Stadtton in ihre Landhäuser und Schlösser mit und haben, teils um sich die Langeweile zu ersparen, teils um den Wohlstand nicht zu beleidigen, teils um ihre Neigungen zu befriedigen, soviele Besuche zu geben und anzunehmen, daß sie auf dem Lande so wenig zu sich kommen als in den Städten. Die Gelehrten stecken großenteils zu tief in den Büchern, als daß sie sich dem Eindruck des blauen Himmels und der Ahnung dessen, was über den Sternen ist, frei überlassen könnten. Viele scheinen auch sich für zu weise zu halten, als daß sie zur Ameise, oder dem Feldhirten oder der Hausmutter noch in die Schule gehen sollten.

Die eigentlichen Landleute, die vom Ackerbau oder Weinbau oder von der Viehzucht oder von allen dreien leben, genießen wohl auch nur einen geringen Teil von dem Glücke, dessen sie ihr Beruf empfänglich machen könnte. Roheit und Unwissenheit, tiefgewurzelter Haß gegen alle Verbesserungen ihres Zustandes, Nachahmung der Stadtsitten, Mechanismus ihrer Religionsbegriffe und Religionsübungen, starrer Eigensinn und beispielloser Eigennutz, der um Kleinigkeiten willen große Prozesse führt, lassen einen großen Teil des Landvolkes nicht zu einer Fassung des Gemütes kommen, ohne die kein Mensch gut und dauerhaft froh werden kann.

 

G. Schlußbemerkungen zum achten Kapitel Anmerkung. Sailer kommt auf das Los der Industriearbeiter und alles das, was uns heute das Proletariat ist und bedeutet deswegen nicht eigens zu sprechen, weil ihm und seinen Zeitgenossen dieses Problem als solches nicht bekannt war. Es ist aber kein Zweifel, wie er sich dazu stellen würde.

Wenn wir nun alle diese gewiß parteilosen Betrachtungen über geselliges und einsames, Stadt- und Land-, Geschäfts- und häusliches Leben zusammenfassen, so lernen wir daraus, daß weder Gesellschaft noch Einsamkeit, weder Stadt- noch Landleben, weder Geschäfts- noch häusliches Leben durch sich selbst gut oder wahrhaft froh machen kann, sondern daß es überall in allen diesen Verhältnissen

1. Auf den Blick des Menschen ankommt, ob er die Einflüsse, den diese Lebensweisen auf sein oder fremdes Gut- und Wohlsein, Böse- und Elendsein haben können, richtig bemerke;

2. Auf den Mut des Menschen, ob er groß und edel genug sei, um sich von Torheit, Laster, und selbstgemachtem Elend zu bewahren, und die Anlässe zum Recht- und Wohltun standhaft zu benutzen;

3. Auf den Blick und Willen seiner Mitmenschen, ob sie ihm das Gut- und Wohlsein erschweren oder erleichtern mögen,

4. Auf eine höhere, über die Menschen erhabene Macht, die wir sonst die Urquelle alles Guten nennen, die die Keime der Dinge sowohl als die Zügel der Begebenheiten vor unserem Blicke verbirgt und die wir in ihrem unerforschlichen Gange anbeten, aber nicht erklären können.

Wir lernen ferner daraus, daß weder das gesellige noch einsame, weder das Stadt- noch Land-, weder das Geschäfts- noch häusliche Leben ohne Selbstverleugnung, ohne Bekämpfung der Sinnlichkeit durch die Vernunft unser Gut- und Wohlsein fördern kann. – – –

»Lasset euer Licht leuchten vor den Menschen, damit die eure guten Werke sehen, und euren Vater, der in den Himmeln ist, preisen.

Eure Rede sei Ja, ja, Nein, nein.

Seid einfältig wie die Tauben, und klug wie die Schlangen.

Ihr seid das Salz der Erde; wenn nun das Salz schal wird, womit soll man es wiedersalzen?

Meidet allen bösen Schein.

Seht, daß eure Freiheit nicht dem Schwachen zum Anstoße werde.

Niemand suche, was sein ist, sondern ein jeder suche, was des andern ist.

Es müssen Aergernisse kommen, aber wehe den, durch den sie kommen.

Jesus ward von dem Geiste in die Einöde getrieben.

Wenn du betest, so geh in deine Kammer, und schließ die Tür zu, und bete zu deinem Vater im Verborgenen, und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dirs vergelten.

Jesus entließ das Volk, und ging allein auf den Berg, um da zu beten, und am Abende war er allein da.

Von dem häuslichen und ländlichen Leben nahm Jesus seine meisten Gleichnisse, teils um seine göttlichen Gedanken in ein Gefäß zu legen, teils um uns auch einen Wink zu geben, wie unsere Betrachtungen bei ähnlichen Anlässen beschaffen sein könnten und sollten.

Neuntes Kapitel. Von dem Verhältnis besonderer Berufsarten und Aemter zum Glücklichsein der Menschen

 

A. Vom Regierungsamte.

Regierung, bürgerliche Verfassung, Gesetzgebung – ein willkommenes Feld für flache Köpfe, um in das Blaue hinaus zu urteilen, zu reden, zu schreiben – und ein würdiger Gegenstand zur Betrachtung für Menschen, die klare Köpfe und reine Herzen haben.

Um das Verhältnis der Regierung zum Gut- und Wohlsein der Menschen genau bestimmen zu können, will ich zuerst einen Mann von dem Wesen aller bürgerlichen Verfassungen sprechen lassen, der rein und weise genug war, die Wahrheit richtig zu sehen und nüchtern vorzutragen, und der es wert ist, besonders in unseren Tagen gehört zu werden, weil er sie vorausgesagt hat.

I. Fenelons, des Weisen und des Guten, Grundsätze. Alle Nationen der Erde sind weiter nichts als verschiedene Familien, die eine Republik ausmachen, und Gott als gemeinsamen Vater haben. Das natürliche, allgemeine Gesetz, nach dem der Vater jede Familie will regiert wissen, ist dieses: Das allgemeine Beste muß dem Privatbesten vorgezogen werden. Wenn die Menschen diesem natürlichen Gesetze genau nachlebten, so würde jeder aus Grundsätzen der Vernunft und Freundschaft das sein, was er jetzt nur aus Furcht oder Eigennutz ist. Aber die Leidenschaften verblenden uns unglücklicherweise, verderben und hindern uns, daß wir dieses große weise Gesetz nicht klar genug erkennen, und nicht von ganzem Herzen achten und vollbringen. Und so entstand die Notwendigkeit dies allgemeine, natürliche Gesetz durch bürgerliche Gesetze zu erklären und zu vollstrecken. Es mußte also eine höchste Autorität festgestellt werden, eine Vollmacht, die den letzten entscheidenden Ausspruch tut, und zu der, als der Quelle der politischen Einheit und der bürgerlichen Ordnung, alle Menschen einer Gesellschaft Zuflucht nehmen können. Sonst gäbe es so viel willkürliche Regimente als Köpfe.

Die Liebe zum Volke, das gemeine Beste, das allgemeine Interesse der Gesellschaft ist also das unveränderliche und allumfassende Gesetz aller Herrscher. Dieses Gesetz ist älter als alle Verträge, ist gegründet in der Natur selbst. Dieses Gesetz ist die Quelle und die sichere Regel aller anderen Gesetze. Wer die Vollmacht zu gebieten hat, der muß der erste und der gehorsamste Untertan dieses ersten Gesetzes sein. Er hat Vollmacht über sein ganzes Volk, aber dieses Gesetz muß die Vollmacht über ihn haben. Der gemeinsame Vater der großen Familie hat ihm seine Kinder aus keiner anderen Absicht anvertraut, als um sie glücklich zu machen. Er will, daß ein Mensch durch seine Weisheit der Glückseligkeit so vieler Menschen dienen soll, will aber nicht, daß so viele Menschen durch ihr Elend weiter zu nichts anderem dienen sollen, als dem Hochmut eines einzigen zu schmeicheln. Gott macht Einen zum Herrscher, aber nicht um des Einen willen. Dieser Eine ist Herrscher, um es für das Volk zu sein, und er ist der obersten Gewalt nicht wert, außer insofern er seiner wahrhaft vergessen kann, um für das gemeine Beste zu sorgen. Der tyrannische Despotismus der Herrscher ist ein Eingriff in die Rechte der menschlichen Brüderschaft, ist ein Wagstück, das große und weise Naturgesetz umzustürzen, das sie doch aufrecht halten sollten. Der Despotismus des Volkes ist eine blinde und törichte Macht, die gegen sich selbst angeht. Und ein Volk, durch zügellose Freiheitsliebe verdorben, ist der unerträglichste Tyrann aus allen Tyrannen.

Die Weisheit aller Regierung besteht also darin, daß man das Mittel zwischen diesen zwei schrecklichen Extremen (dem Despotismus der Regenten und der Tyrannei des Volkes) ausfindig mache und dies Mittel heißt:

» Freiheit, gemäßigt durch die Autorität der Gesetze«. Aber die Menschen, blind und ihre eigenen Feinde, konnten sich auf dieser schönen Mittelbahn zwischen Abgrund und Abgrund nicht festhalten. Trauriger Zustand der menschlichen Natur! Die Regenten, eifersüchtig auf ihre Autorität, wollen die Grenzen, die dieselbe beschränken, immer weiter hinausrücken, und die Völker, blind eingenommen für ihre Freiheit, wollen den Zaun, der ihre Freiheit beschränkt, immer weiter machen. Es ist indes ohne Vergleich besser, gewisse, in allen noch so gut eingerichteten Staaten unvermeidliche, Uebel aus Liebe zur Ordnung zu tragen, als das Joch aller Autorität abzuschütteln, und sich dadurch den unzähligen Ausbrüchen der Volkswut hinzugeben, die kein Maß und kein Gesetz kennt. Ist also einmal die höchste Autorität durch die Grundgesetze festgestellt, sei sie nachher auch einem, oder wenigen, oder mehreren in die Hände gegeben, so muß man die Mißbräuche der höchsten Gewalt dulden, wenn man ihnen nicht anders abhelfen kann, als auf Wegen, die mit der Ordnung nimmer vereinbar sind. Alle Regierungsformen sind notwendig unvollkommen, weil man die Autorität nur Menschen anvertrauen kann, und alle Regierungsformen sind gut, wenn die, welche regieren, das große Gesetz des allgemeinen Besten als einzige Richtschnur nehmen. In der Ideenwelt scheinen gewisse Regierungsformen besser als andere, aber hier unter dem Monde, in der wirklichen Welt, sind alle fast einander gleich, haben über kurz oder lang, mit den gleichen Uebeln zu kämpfen, weil es eben überall auf den Menschen ankommt, und diese, an Schwäche und Verderbnis einander ziemlich gleich, den nämlichen Leidenschaften unterworfen sind. Es sind doch nur zwei oder drei Köpfe, die den Monarchen oder Staat ziehen, wohin sie wollen. Man wird also das Wohl des Menschengeschlechtes nicht in Aenderung oder Umwerfung der festgesetzten Regierungsformen finden, sondern dadurch wird man es fördern, daß man den Regenten die Ueberzeugung ins Herz legt: Die Sicherheit ihrer Autorität hänge von dem Wohlsein ihrer Untertanen ab – und den Völkern: Ihr wahres Wohlsein fordere unumgänglich Unterwerfung.

Freiheit ohne Ordnung ist Zügellosigkeit, die den Despotismus nach sich zieht. Ordnung ohne Freiheit ist Sklaverei, die sich in Anarchie auflöst.

Auf der einen Seite muß man die Inhaber der höchsten Regierungsgewalt belehren, daß eine Macht ohne Grenzen weiter nichts sei, als eine Fieberwut, die ihre eigene Autorität zu Grunde richtet. Wenn sie sich daran gewöhnen, kein anderes Gesetz als ihren Willen zu erfüllen, so untergraben sie selbst die Grundsätze ihrer Macht; es wird schnell und gewaltsam eine Staatsumwälzung kommen, die, statt das Uebermaß ihrer Autorität zu begrenzen, sie, die Autorität selbst, ohne Rettung zertrümmern wird. Auf der anderen Seite muß man die Völker belehren, daß die Regenten dem Haß, der Eifersucht und den unfreiwilligen Mißgriffen, die schreckliche aber unvorhergesehene Folgen haben, Preis gegeben seien, und man sie also bedauern und entschuldigen müsse. Die Menschen sind unglücklich, daß sie regiert werden von Einem, der auch nur ein Mensch ist wie sie. Aber die Inhaber der höchsten Regierungsgewalt sind nicht weniger unglücklich, daß sie, indem sie nur Menschen sind, d. h. schwache und unvollkommene Geschöpfe, eine unzählige Menge Menschen regieren müssen, die mehr oder weniger verdorben sind.

Durch diese Grundsätze, die sich auf alle Staaten anwenden lassen, kann man die Freiheit des Volkes mit dem schuldigen Gehorsam gegen seine Regenten vereinigen und die Menschen zugleich zu guten Bürgern und treuen Untertanen machen, die Untertan sind, ohne Sklaven, und frei ohne zügellos zu sein.

Die reine Liebe zur Ordnung ist also die Quelle aller Tugenden, sowohl der politischen als der göttlichen.« II. Die Anwendung dieser Grundsätze.

Nach diesen Grundsätzen, die von dem heiligen Gesetze unserer Natur ausgehen und auf Handhabung desselben abzielen, läßt sich das Verhältnis der Regierung zu unserem Gut- und Wohlsein in vier Sätzen bestimmen.

1. Die schlechteste Regierung ist noch besser als gar keine. Denn auch die schlechteste Regierung muß, wenigstens um sich erhalten zu können, den Bürgern noch einige Vorteile gewähren, die ohne Regierung wegfallen würden. Dergleichen Vorteile sind: Einige Sicherheit des Eigentums, der Personen; einige Rechtspflege in den vorfallenden Streitigkeiten unter den Bürgern; einige Rücksicht auf Fähigkeiten in Verteilung der Aemter; einige Regungen des Patriotismus; einige Begünstigungen der bürgerlichen Freiheit.

Denke man sich Menschen ohne alle bürgerliche Verfassung, und vergleiche sie mit den Menschen, die Bürger sind, so wird man finden, daß auch die schlechteste Regierung noch eine Wohltat für die Menschen ist. Es ist traurig, daß die Untertanen ihrer Regierung manchmal den Schweiß ihres Angesichtes unter Form einer Abgabe darbringen müssen, aber wären wir denn glücklicher daran, wenn wir einsam lebten und unser sauererworbenes Vermögen dem Faustrechte des Mächtigeren zur Beute würde? Es ist traurig, daß der Soldat manchmal die letzten Pfennige des Nährstandes aufzehrt, aber wären wir denn glücklicher daran, wenn wir wie wehrlose Schafe herumirrten, und unser Gut und Blut dem wilderen Nachbar zum Opfer würde? Es ist traurig, daß die Aemter manchmal an die Meistbietenden verkauft werden, aber wären wir denn glücklicher daran, wenn wir ohne öffentliches Recht und Gesetz, ohne Schutz und Unterstützung dahinleben müßten? Es ist traurig, daß manchmal die Prozeßsucht der Bürger, manchmal die Geldsucht der Advokaten, manchmal die Parteilichkeit der Richter die unschuldigen Bürger für schuldig erklärt und die Reichen arm macht, aber wären wir denn glücklicher daran, wenn jeder Selbstrache nehmen, und der Wildere, Stärkere, Grausamere unter dem Titel der Selbstverteidigung oder ohne alle Titel, alle jene Greuel an uns ausüben dürfte, die die versunkenste Obrigkeit sich nicht erlaubte?

2. Je schlechter die Regierung, desto näher ihre Zertrümmerung. Denn je weiter sie sich selbst von dem Gesetze der Ordnung, das aller Regierung wesentlich ist, entfernt, desto schneller und allgemeiner lösen sich in den übrigen Teilen des Staates die Bande, die den ganzen Körper binden, und wenn diese Bande gelöst sind, so ist die politische Einigung dahin. Je weiter die Regierung von der Ordnung abweicht, desto mehr Verachtung wälzt sie auf sich; je mehr Verachtung auf der Autorität liegt, desto ohnmächtiger wird sie; und nach immer größeren Ohnmächten folgt endlich der Tod.

3. Je besser die Regierung, desto wohltätiger für den ganzen Körper, und desto dauerhafter. Je mehr die, die an der Regierung teil haben, sich selbst an das Gesetz der Ordnung halten, desto besser sind sie, und je besser sie sind, desto fester verknüpft sich in den übrigen Gliedern der Gehorsam mit der bürgerlichen Freiheit, und die Freiheit mit der Ordnung, und je fester diese Verknüpfung, desto weniger Druck für die Gehorchenden und desto mehr Achtung für die Befehlenden. Jenes macht die Wohltätigkeit, dieses die Dauer der Regierung aus. Wenn auch eine versunkene Regierung, als Regierung, noch etwas Gutes schaffen kann und muß, was könnte eine Regierung wirken, die wäre, was sie sein sollte? Welcher Segen für die Menschen, wenn der Inhaber der höchsten Regierungsgewalt der erste Repräsentant der Milde und Weisheit Gottes, die Minister die nächsten Organe solchen Sinnes, und die Unterbeamten treue Vollzieher der höchsten Befehle wären?

4. Auch die allerbeste Regierung kann die Religion, den stillen reinen Sinn für Gott und Unsterblichkeit, nicht entbehrlich machen. Unter die giftigsten Vorurteile gehört dieses: »Wozu Religion? Gesetzgebung, Politik, 600 000 Mann auf den Beinen wirken mehr als alle Religion.« Ich habe allen Respekte vor 600 000 Mann und vor der Gesetzgebung und Politik, aber die Religion wird dadurch nicht entbehrlich. Denn, was kann die Regierung und was kann sie nicht?

a) Sie kann das Volk reich und sicher machen, wenn sie will, und die Untertanen wollen, und der Eine große Weltregent will. Aber der Mensch bedarf zu seinem ganzen Glücke etwas mehr, als reich und sicher zu sein. Der Mensch hat ein Herz im Leibe, das Leidenschaften tyrannisieren, Furcht vor der Zukunft martern, der Selbsttadel des Gewissens foltern, allerlei Wünsche kreuzigen können. Ohne ruhiges, heiteres Gemüt, ohne innere Freude oder Hoffnung besserer Freuden, gibt es kein wahres Glück auf Erden. Das ist unleugbar. Die Ruhe des Herzens aber können 600 000 Mann auf den Beinen mir nicht geben. Den Feind von den Grenzen des Vaterlandes können sie vertreiben, aber den Feind, den jeder in seinem Herzen trägt, die Leidenschaft, sie nicht besiegen. Die dauerhafte Heiterkeit des Geistes können mir alle Goldminen und Fabriken und Münzstätten nicht geben. Und wenn man mich in allen fünf Weltteilen als unschuldig ausschreiben ließe, und ich wäre es nicht, mein Gewissen wäre dadurch nicht beruhigt. Der Mensch muß gutgesinnt sein, um glücklich zu sein, und diese gute Gesinnung kann ihm kein Korporalstock hineinschlagen, kein Zepter hineingebieten, diese gute Gesinnung kommt aus einer anderen Quelle, sie ist nur da, wo die Religion lebt und herrscht.

b) Der Mensch hat mit vielem Jammer, von innen und von außen, zu kämpfen, und am Ende legt er sich nieder und stirbt, und ehe er stirbt, tötet ihn die Todesfurcht, Welches Elend! Könnten nun alle Kriegsarmeen in Europa, wenn sie sich um das Sterbelager des Hartröchelnden versammelten, ihm das harte Röcheln leichter machen? Könnten ihm alle Gesetzbücher der Welt mit ihren Executoren, wenn sie um das Bett herumgestellt würden, könnte ihm aller Perlenschmuck, wenn er dem sterbenden Auge vorgehalten würde, den Abzug aus dieser Sichtbarkeit leichter machen? Ach, das Auge kann den Perlenschmuck nimmer sehen, und das Ohr nimmer hören den Buchstaben des Gesetzbuches. Nur lebendiger Glaube an Gott und Unsterblichkeit mag da trösten, wo alles Sterbliche stirbt, oder wenigstens für den Sterbenden seinen Wert verloren hat.

c) Mehr noch, man kann mit aller Schärfe des Begriffs und des Ausdrucks sagen: Der Mensch ist in der Ordnung der Natur eher Mensch als Bürger. Und wenn man das auch nicht sagen könnte, so bleibt es doch unwiderleglich, daß der Staat nur aus einzelnen Menschen besteht. Was also den Menschen als Menschen nicht glücklich machen kann, das kann ihn auch als Bürger niemals glücklich machen. Deswegen können Reichtum und sicherer Genuß den Menschen nicht glücklich machen, wenn er nicht Weisheit und Güte hat, den Reichtum recht zu gebrauchen, Festigkeit des Sinnes, der hinfälligen Güter entbehren zu können, und Religion, um in der Urquelle alles Guten die rechte, ewige Ruhe zu suchen und zu finden. Diese Weisheit, diese Güte, diese Festigkeit des Sinnes, diese lebendige Religion, die der Mensch bedarf, bedarf ebenso der Bürger, um glücklich zu sein; denn der Bürger und der Mensch sind Eine Person; der Staat als solcher aber kann sie ihm nicht geben.

d) Ich habe gesagt: die Regierung kann die Bürger reich und sicher machen, wenn sie will. Aber daß sie wolle, dazu bedarf sie selbst der Religion. Denn da sie die höchste Gewalt in ihrer Hand hat, da sie auf Erden keine anerkennt, vor der sie sich zu verantworten hätte, was kann Zaum für sie sein, wenn es die Religion nicht ist? Der Regent kann Vater seiner Untertanen sein – aber auch Tyrann; er kann den verdienstvollen Mann belohnen – aber auch den schwarzen Verbrecher; er kann den Schweiß der Untertanen zur Sicherheit des Landes verwenden – aber auch zur Schwelgerei; er kann die Bürger wie Kinder ansehen – aber auch wie eine Herde Schafe, die zu seinem Gebote stehen; er kann ein weiser Beherrscher seines Staates sein – aber auch ein Sklave seiner Leidenschaften. Was kann nun den Mann, der die höchste Gewalt in seiner Hand hat, in Zaum halten, daß er Vater ist und nicht Tyrann, Abgabe nimmt und nicht Blut fordert, die Treue belohnt und nicht das Verbrechen, erster Diener der Ordnung ist und nicht seiner Gelüste Knecht? Nichts, nichts als praktischer Glaube an eine höhere unsichtbare Gewalt, der auch Könige Untertan sind, an einen Herrn, dessen Knechte auch Fürsten sind. Ohne Religion wird gar bald der Grundsatz allgemein: Was den Fürsten gelüstet, das ist recht – und wenn dieser Grundsatz gilt: dann wehe den Untertanen, und wehe den Herrschern!

e) die Regierung kann endlich durch Gesetzgebung, Aufsicht und Bestrafung nur einige größere Aeußerungen der Leidenschaft hemmen, und dadurch die Besseren bewahren, aber die Bösen nicht selbst gut und die Besseren nicht selbst noch besser machen.

III. Schlußfolgerungen.

1. Alle Vorteile, die eine Regierung bringen kann, bestehen darin, daß das, was außer dem Menschen, um den Menschen ist, still, ruhig, sicher wird, und daß einige gröbere Ausbrüche der Leidenschaften aus Furcht zeitlicher Strafen unterbleiben; aber das, was inwendig im Menschen ist, den Willen, kann sie nicht gut und nicht ruhig machen: also ist sie ein Mittel nicht sowohl zur inneren Ruhe des Menschen als zur äußeren Stille um den Menschen.

2. Wenn man auch sagt, es sei erster Grundsatz einer weisen Regierung, daß sie für die lebendige Religion der Bürger sorge, so bleibt es doch wahr, daß es eigentlich und unmittelbar nicht die Regierung, sondern die Religion ist, die das Inwendige des Menschen, den Geist, gut und ruhig macht.

3. Die Lasten, die auch mit einer guten Regierung notwendig verbunden sind, machen die Selbstverleugnung auch von der Seite notwendig, insofern jede neue Last ohne Selbstverleugnung, sowohl die Achtung für das heilige Gesetz in uns erschwert, als das Wohlsein stört.

Jesus: Mein Reich ist nicht von dieser Welt: Gebet dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist.

Paulus: Es ist keine Obrigkeit als von Gott: Gott hat alle Obrigkeit, die ist, verordnet, wer sich also der Obrigkeit widersetzt, der hat sich wider Gottes Verordnung empört. Die Obrigkeit ist eine Dienerin Gottes zum Besten des Menschen.

Petrus: Achtet alle, liebet die Brüder, fürchtet Gott, ehrt den König.

 

B. Vom Lehramte.

I. Wie die bürgerliche Gesetzgebung durch Autorität, so hat das Lehramt durch Ueberzeugung Einfluß auf das Wohl der Menschen. Dadurch, daß mehrere Männer zur ferneren Bildung der heranwachsenden Generation aufgestellt und besoldet werden, durch die Anstalten der niederen und hohen Schulen, Akademien, Universitäten usw., wird öffentliche Erziehung wirklich und allgemein. Diese aber ist eine große Wohltat für das Menschengeschlecht. Es wird Wetteifer unter den Mitlehrern und Nacheiferung unter den Lernenden rege; viel guter Same in die jungen Herzen ausgesät; nicht selten Zucht und Beispiel mit dem Worte verbunden; den Eltern ein Teil von der Last der häuslichen Erziehung abgenommen; dem Staate Anlaß gegeben, die besseren Talente der jungen Bürger kennen zu lernen; die nötige Einförmigkeit der Nationaldenkart in wichtigen Gegenständen leichter erzielt; dem künftigen Arzte, Seelsorger, Beamten, Landwirtschaftler, Staatsbeamten der Weg gebahnt, sich selbst zu bilden; die Barbarei aus einer Nation verbannt, oder wenigstens ihre Wiederkehr erschwert.

II. Diese Wohltaten sind aber nicht reines Gold, nicht ohne Beischlag. Wo viele Lehrer, da viele Beweise, daß Menschen Menschen sind. Dies Menschliche heißt: Handwerksneid zwischen Lehrer und Lehrer; eine Art von Privilegium: Irrtum und Wahrheit, nach Maß der Unwissenheit, Launen, Leidenschaften, Talente des Lehrers – miteinander zu vertauschen, und gleich tief in die auffassenden Herzen einzugraben; Verteilung des Einen Erkenntnisfaches in so viele Fächer – woraus Zeitverlust, Unordnung, Widerspruch zwischen Lehrer und Lehrer entsteht; Lehrerstolz, der hindert, daß man keinen Schritt weiter tut, weil man glaubt, schon alles zu wissen; Druck auf weniger fähige Lehrer durch unfähigere, schlechtere; Verewigung des Pedantischen, des Hergebrachten und Auflehnung gegen das Bessere; Spaltungen unter den Schülern; Verlassen der gemeinverständlichen Sprache, und Erfindung einer unverständlichen, die die Erkenntnis zum Privatgut einiger wenigen macht und die klare Weisheitslehre in Wortnebel hüllt; Greuel der mündlichen und schriftlichen Schulgezänke; autorisierter Kampf des Lichtes mit der Finsternis; ewiges Reiben der Vertreter neuer Ideen an den Altgesinnten, wechselseitiges Verdammen und Verketzern; (das Wichtigste nicht zu vergessen) Verwebung widersinniger Ideen in die Religion; Unbelehrbarkeit, falscher Eifer der Schulgelehrten, (wenn sie auch keine Lehrer werden), Verachtung der Ungelehrten und Verschreiung des gesunden Menschenverstandes.

III. Wenn das Lehramt Menschen anvertraut wird, die gegen die Wahrheit, die Urquelle alles Guten, und, abgöttisch in sich verliebt, ihre Ideen für Gegenstände halten, und die Ideen nach ihren Neigungen schnitzeln, so verbreiten sie ein Vorurteil, das an Torheit oben ansteht und, praktisch ausgeführt, die Reste des Adels der Menschennatur vollständig zerstört in dem Sinne: »Wenn einmal eine bessere Erziehung die Menschen wird besser gemacht haben, werden wir der Religion (des Sinnes für Gott und Unsterblichkeit) wohl entbehren können.« Das heißt: wenn die Menschen einmal keine Menschen mehr sein werden, dann sind sie keine Menschen mehr. Es gehört zur Natur des Menschen, daß er der Religion zu seinem Glücke so wenig entbehren kann, als des gesunden Fußes zum Gehen. Wie also die gesunden Füße zum geraden ungehinderten Menschengange erforderlich sind, und durch keine Erziehung überflüssig gemacht werden können, so wenig kann die Religion durch Erziehung überflüssig gemacht werden. Und so wenig der Schüler der Tanzkunst seiner Füße alsdann entbehren kann, wenn er einmal Tanzen gelernt hat, so wenig können gut erzogene Menschen der Religion entbehren, weil sie grade in dem Maße gut sind, in dem sie das allerbeste Wesen um seinetwillen achten und lieben, d. h. Religion haben. Die beste Erziehung kann nur Entwicklung der natürlichen Anlagen sein. Also darf sie diese Anlagen nicht vernichten. Nun aber findet sich unter den Anlagen der Menschennatur auch eine Anlage zur Religion, wie es die Geschichte aller Völker und aller Religionen bezeugt, d. h. der Mensch ist so gewiß zur Religion geschaffen, als er zur Gemeinschaft geschaffen ist. So wie der Mensch anderer Menschen bedarf, die ihm geben, was er nicht hat, und ihm das leichter finden helfen, was er sucht, so bedarf er des Glaubens an den Schöpfer der Menschen, um gut zu werden, und auch da noch ruhig und heiter sein zu können, wo ihn die Natur und alle Menschen verlassen. Wenn also eine Erziehung diese Anlage vernichten sollte, anstatt sie zu entwickeln, so wäre dies nicht weniger gefehlt, als wenn der Erzieher seine Zöglinge keine Sprache lehren wollte, und sich damit entschuldigte: »wenn er gut erzogen ist, so bedarf er der Sprache nicht.« Denn die Erlernung der Sprache ist ein unentbehrliches Stück der guten Erziehung, wie gerade der Guterzogene die Sprache recht gebrauchen wird und ihrer nie entbehren kann. So hilft auch die Religion den Jüngling bilden, ist selbst die erste Angelegenheit der besseren Erziehung, so daß gerade der Guterzogene es vorzüglich durch die Religion geworden sein wird, und ihrer nicht entbehren kann. So wie der Mensch Sprachorgane hat, so hat er auch Religionsorgane (wenn ich den kühnen Ausdruck brauchen darf), einen Verstand, Gott zu erkennen, und einen Willen, ihn zu lieben und zu verehren.

IV. Das Lehramt ist also

1. teils um des großen Zweckes willen, (Bildung der Menschennatur), teils wegen der Beihilfe zur Erreichung dieses Zweckes, achtungswürdig, und verdient die Unterstützung aller kleinen und großen Vormünder der Unmündigen. Weil aber

2. aus dem Lehramt allerlei nachteilige Folgen für die Wahrheit, das Gutsein und Wohlsein entstehen können, weil das Lehramt selbst viele Gelegenheiten bietet und viele Versuchungen mit sich führt, dem Fortkommen der Wahrheit, des Gut- und Wohlseins neue Hindernisse zu setzen, so ist Selbstverleugnung, d. h. Bekämpfung der Sinnlichkeit durch die Vernunft nötig; einmal, um sich zum Lehramte vorzubereiten, dann um es zweckmäßig zu versehen, und endlich, um aus dem Lehramte die größeren Vorteile zu ziehen und die größeren Nachteile, die daraus entstehen können, zu hindern.

Hier offenbart sich ganz besonders das Verdienst des Christentums um das Wohl der Menschen. Christus war der Einzige, der ein ewiges Lehramt errichtet, durch welches soviel Wahrheit und Segen unter den Menschen in allen Weltteilen seit achtzehn Jahrhunderten verbreitet worden; der Einzige, der ein ewiges Lehramt als Religionsamt festgestellt; der Einzige, der versprechen konnte, den Seinen den Geist der Wahrheit zu senden.

Zehntes Kapitel. Vom Verhältnis der Leiden zum Glücklichsein des Menschen

Ueber keinen Gegenstand haben die alten und neueren Moralisten schärfere und richtigere Bemerkungen gemacht, als über die Vorteile der Leiden. Es gehört wesentlich in den Plan einer Glückseligkeitslehre, alle diese Vorteile zu sammeln und wenn es möglich wäre, mit neuen, bisher nicht bemerkten zu vermehren. Denn was ist der Mensch der sich nicht trösten, d. h. der sich seine Leiden nicht zu nutze machen weis, für ein unglückliches Geschöpf? Freilich kommt es hier am allerwenigsten auf Worte an: es ist keine größere Kluft, als zwischen Geduldpredigen und – Geduldüben, zwischen Trostworten und – innerer Zufriedenheit. Aber es ist doch Pflicht für den Lehrer, die gesunden Grundsätze, die die guten Menschen durch Taten verkünden, durch Worte namhaft zu machen.

Ueberall sind Sinne und Einbildungskraft die unzuverlässigsten Richter von dem Werte der Dinge: aber, wenn vom Werte der Leiden die Rede ist, haben sie gar keine Stimme. Was angenehm oder unangenehm, bitter oder süß ist, mögen sie entscheiden: aber was gut oder böse ist, kann uns nur das Nachdenken, geschärft durch Erfahrung und Geschichte, sagen.

I. Daß die Leiden als Leiden, als Endzweck keinen Wert haben, daß Schmerz Schmerz ist, es mag noch so viel Gutes daraus entstehen; daß schwarz schwarz ist, wenngleich die schwarze Gewitterwolke Segen für die durstige Erde ist, bedarf keiner Beweise mehr. Allen Wert, den die Leiden haben können, geben ihnen somit teils ihre innere Schicklichkeit gute, wohltätige Folgen zu veranlassen, teils die Folgen selbst, die darauf entstehen. Daß wohltätige Folgen aus den Leiden entstehen können, hängt von dem Gebrauche ab, den die Menschen davon machen und von der Leitung der Vorsehung, die das Böse zur Quelle des Guten zu machen weiß.

1. Die Leiden machen uns auf den Wert der irdischen Dinge aufmerksam. Die Vernunft urteilt freier, wenn das Herz nicht an den Genuß gefesselt ist. Das Zerbrechliche des Rohrstabes, an dem wir uns bisher gehalten haben, fühlen wir wohl am besten, wenn wir am Boden und seine Trümmer neben uns liegen. Der Verlust berichtigt die Urteile, die Besitz und Genuß irre geleitet haben.

Die Leiden machen uns aufmerksam auf die natürlichen Folgen unserer Handlungen und warnen uns dadurch vor größeren Leiden. Sie sind oft Wirkungen unserer Trägheit, unserer Unbesonnenheit, unseres Eigensinnes, unseres blinden Hanges nach Vergnügungen. Diese Wirkungen sind schmerzhafte Empfindungen. Sie können uns also leicht auf ihre Ursachen, auf unser sittliches Betragen aufmerksam machen. Wer sich die Fingerspitzen verbrannt hat, wird Achtsamkeit gelernt haben, die Hand vor dem Verbrennen durch die Flamme zu bewahren.

Ferner machen uns die Leiden auf den Zustand unseres Gewissens aufmerksam. Wenn wir die Leiden als vorhergesehene Folgen eigener Fehltritte ansehen, so erklären wir uns dadurch als schuldig, gestehen es uns selbst, daß wir das Leiden uns selbst zuzuschreiben haben. Wenn die Leiden auch keine Folgen unserer Handlungen sind, so können sie uns dennoch zum Nachdenken veranlassen, wie unser Wandel beschaffen ist. Eben darum, weil wir außer uns keinen Trost finden, sehen wir uns genötigt, ihn in unserem innersten Bewußtsein zu suchen.

2. Die Leiden machen uns vertraut mit uns selbst, mit allen unsern Schwächen und Gaben, Tugenden und Fehlern, Mängeln und Kräften. Sie schaffen eine Stille um uns her, indem sie uns entweder außer den gewöhnlichen Zusammenhang mit anderen Menschen, Geschäften, Arbeiten usw. setzen, wie Krankheiten, öffentliche Demütigungen, oder uns die Einsamkeit als Zufluchtsstätte, in der wir unsere Schmerzen vor Gott und den vertrautesten Freunden ausschütten können, suchenswert machen. In dieser Stille decken sich unsere verborgensten Fehler, Neigungen, Kräfte, die wir sonst nie bemerkt haben, dem nachforschenden Blick auf. Es fällt der Zauber der Eigenliebe von unseren Handlungen hinweg, wir stehen in unserer Blöße vor uns da. Das »Lerne dich selbst erkennen«, wird uns von der Trübsal unaufhörlich zugerufen. Das sich selbst Erforschen wird uns von der Trübsal erleichtert, und zur glücklichen Notwendigkeit gemacht.

Durch Leiden werden wir geschickt, die Geisteskräfte zu spannen, zu entwickeln, zu bilden, zu vervolkommnen. Die Armut z. B. nötigt den dürftigen Jüngling zum Fleiße in Erlernung der Künste und Wissenschaften, während der Reichtum dem Sohne des vermögenden Bürgers den Sporn zur Selbstbildung raubt. Die größten Männer sind es durch Leiden geworden.

3. Die Leiden machen uns die Freuden des Lebens schmackhaft, wie denn das Gefühl der Gesundheit nach einer langwierigen Krankheit weit belebender ist, und das Andenken an überstandene Lebensgefahr das Gefühl der Sicherheit erhöht.

Oft sind sie im Laufe der Dinge und im Plane der Vorsehung die unentbehrliche und unersetzliche Veranlassung und Beförderung auch zum zeitlichen Glücke. Sie sind sehr oft das Mittel, einem größeren Unglück zu entgehen; sie sind nicht selten auch die unmittelbaren Wege zum größeren Glück. Die Lebensgeschichte der berühmtesten Männer geben unleugbare Beweise davon. Fand nicht z. B. Josef aus dem Kerker einen Weg zum Throne, und hätte er ihn außer dem Kerker gefunden? Damit sind

4. die Leiden geschickt, uns auf die Regierung des unsichtbaren Gottes aufmerksam zu machen. Es ist leicht, die Hand des Gebers in guten Tagen zu übersehen. Die Freude beschäftigt zu sehr mit sich selbst: es ist kein Bedürfnis da, an die Quelle zu denken. Aber in trüben Stunden, da möchte man des Kummers loswerden; die Gedanken gehen aus in alle Welt, Hilfe zu suchen: was Wunder, daß sie nach Gott fragen. Nach und nach beweisen die Leiden ihre wohltätigen Kräfte an uns: neue Freuden, die sie veranlaßt haben, bessere Schicksale, die sie angebahnt haben, weisen auf den Unsichtbaren, der alles lenkt und aus Uebeln Gutes schafft.

Die Leiden lassen uns unsere Abhängigkeit von Gott recht fühlbar werden, und machen dadurch das Zutrauen auf seine Vorsehung zur Notwendigkeit. So lange unsere Unternehmungen glücklich und unsere Schicksale blühend sind, frönen wir gern dem Vorurteil, uns für die einzigen Baumeister unseres Glückes anzusehen. Aber wenn unvermutete Leiden kommen, die den Lauf unserer Bemühungen unterbrechen und uns den Druck der Dinge, den Widerstand der Hindernisse von allen Seiten fühlen lassen, dann suchen wir eine unsichtbare Macht, die größer ist als alle Hindernisse, die unsere Absichten gegen allen Widerstand der Dinge hinausführen kann, und die alle Schicksale lenkt. An diese Macht lehnen wir uns an, und gründen uns immer mehr in der Ueberzeugung, daß unsere Ohnmacht von dieser Allmacht am besten unterstützt werden kann. Es wird uns zum Bedürfnis, auf diese unsichtbare Macht unser ganzes Vertrauen zu setzen, weil wir erfahren, daß unsere Ruhe in diesem Vertrauen besteht.

Die Leiden sind das sicherste Mittel, uns die Unzulänglichkeit aller irdischen Güter, aller Reichtümer, Ehren, Künste, Wissenschaften, zur vollkommenen Befriedigung des Glückseligkeitstriebes, durch lautere Erfahrung zu beweisen. Wer an die Unzulänglichkeit des Irdischen zur Menschenbeseligung glaubt, der wird sich nach etwas Besserem umsehen, wodurch dieser Glaube für den Menschen von äußerster Wichtigkeit ist.

Die Leiden erheben damit unseren Geist über das Irdische zu höheren Erwartungen und zum Gedanken an seine Bestimmung. »Es kann mein Glück nicht bestehen in dem, was so leicht geraubt, so bald zerstört werden kann.« »Was nach dem Genuß martert, was ohne mein Verschulden dahin sein kann, das kann nicht meine Bestimmung sein.« »Es muß etwas Besseres für den Menschen geben als Leiden und am Ende der Leiden modern.« Zu diesen Betrachtungen geben die Leiden Anlaß, Stoff, Mut.

Die Leiden sind eben darum geschickt, uns den Glauben an die Unsterblichkeit, an unsere bessere Zukunft, an die Allvergeltung, unentbehrlich zu machen. Nachdem sich der menschliche Geist in dem, was vergänglich ist, müde gearbeitet und die erhoffte Ruhe nicht gefunden hat, so wird er aus eigenem Schaden klug und heftet sich an das Unvergängliche. Er wird das Bessere nimmer entbehren wollen, nachdem ihn das Schlechtere so lange getäuscht hat und eben die Leiden ihm die Täuschung fühlbar machten. Die Leiden können somit in uns eine völlige Aenderung unseres Sinnes wecken. Die praktischen Beweise, die sie uns verschaffen, daß mit der bisherigen Gesinnung kein wahres, dauerhaftes Frohsein vereinbar ist, werden uns nach und nach den Entschluß abnötigen: Also will ich die bisherige Gesinnung umzuändern suchen, um des wahren, dauerhaften Frohseins empfänglich zu werden.

5. Die Leiden sind geeignet, uns die Menschen kennen zu lernen, wie sie sind, und die bereits erworbene Menschenkenntnis zu erweitern. Wir trauen gewöhnlich den Menschen zu viel und zu wenig, weil das Vertrauen auf einige und das Mißtrauen auf andere mehr das Werk des Vorurteils als der geprüften Einsicht ist. Die Leiden, die uns treffen, helfen uns zu dieser Einsicht. Sie offenbaren die verborgenen Gesinnungen der Menschen um uns her, offenbaren die ungeglaubte Treue des einen, und die ungeglaubte Untreue des anderen.

Andererseits schulen uns die Leiden zu mitleidigen und erfahrenen Helfern in fremden Drangsalen. Sie sind eine Schule der Menschlichkeit, die helfen will und eine Schule der Geschicklichkeit, die helfen kann. Das Leiden macht mitleidig. Wer an sich selbst erfahren hat, wie leicht die besten Absichten vereitelt werden können, der urteilt sanfter, rät klüger und hilft williger. Das Leiden schleift das Rohe, Harte von dem Menschen ab, und macht ihn beugsam, daß er sich in alle Lagen hineinpassen und mit allen Leidenden mitfühlen kann.

6. Die Leiden geben uns eine Erfahrungsweisheit und allgemeinbrauchbare Erfahrungsklugheit, wie sie kein Buch, kein Freund, kein anderes als durch Leiden veranlaßtes Nachdenken uns verschaffen kann. Der Mensch bleibt ein Fremdling in der Welt, in seinem Hause, in seiner Seele, bis er sich durch Leiden orientiert hat. Der geprüfte Dulder hat eine Weisheit, die er nur auf dem Wege der schmerzhaften Erfahrung gesammelt hat; seine Weisheit ist, wenn der Ausdruck nicht zu kühn ist, ein Schmerzenskind und deswegen seinem Verstande und seinem Herzen so teuer.

Der hohe Sinn oft gelesener, gehörter, überdachter und nicht verstandener Wahrheiten wird uns durch Leiden anschaulich gemacht. Die wichtigsten Wahrheiten bleiben für die meisten Menschen Chiffreschriften, bis die Trübsal den Schlüssel dazu gibt. Die Leiden lösen uns die größten Rätsel.

7. Die Leiden prüfen die Feuerfestigkeit unserer guten Entschlüsse und reinigen uns immer mehr von den Schlacken der Eigenliebe. Man hält sich oft für fromm aus innerster Herzensangelegenheit, da man in Wahrheit nur nicht böse ist aus Mangel an Gelegenheit. Man hält sich für menschenfreundlich da, wo diese Freundlichkeit weiter nichts ist als Eigenliebe. Man traut seinem Vorsatze Stärke zu da, wo es nur Menschenansehen war, das uns in den Schranken der Mäßigung hielt. Die Leiden offenbaren den Grund unserer Frömmigkeit, die Ränke unserer Eigenliebe, und die Schwäche unserer Vorsätze. – Sie üben uns in der Selbstverleugnung, dieser wesentlichen Bedingung zu aller Tugend, in der Selbstbeherrschung, Heiterkeit und Glückseligkeit. Denn die Trübsale versetzen uns in den Zustand der Notwendigkeit, entweder den Stachel der Leiden zu schärfen, oder unsere Empfindlichkeit abzustumpfen, entweder Selbstverleugnung zu üben, oder neue größere Leiden zu tragen – da gibt es keinen Ausweg.

Die Leiden sind uns so ein steter Sporn zur Wachsamkeit des Geistes und zum untadelhaften Wandel.

8. Die Leiden lassen die Begierde nach Gottes Wohlgefallen in uns immer lebendiger und das Gebet, den Umgang mit Ihm, uns immer angenehmer werden. Wenn uns die ungerechten Urteile der Menschen verdammen, und unser Innerstes die ganze Bitterkeit der Verleumdung empfindet, wenn wir die Unmöglichkeit, die Lügen des Parteigeistes außer Kurs zu setzen, deutlich einsehen: dann eifern wir, vor Gottes Auge immer reiner zu werden, damit wir Kraft haben, die harten Urteile der Menschen mit unbewegtem Sinn auszuhalten.

9. Endlich sind die Leiden geeignet, uns eine ungestüme, aber heilsame Erinnerung an den Tod zu verschaffen. Die Bitterkeiten dieses Lebens erinnern an eine, die man für die größte hält, an die Bitterkeit des Sterbens. Die letzte Stunde, die man in guten Tagen immer weiter hinausschiebt, bringen uns die Leiden näher. Sie stärken uns aber auch, nachdem sie uns durch Uebungen in der Geduld zum unerschütterlichen Duldersinn befähigt haben, dem Tode, dem Fürchterlichsten was die Natur hat, mit Heiterkeit entgegenzusehen und mit Ruhe entgegenzugehen. Jedes Leiden hat eine todesähnliche Gestalt. Je mehr wir uns mit dieser Gestalt befreunden, desto erträglicher wird sein Anblick, wenn er kommt. Ja, die Leiden rufen sogar einerseits das lebhafteste Verlangen nach dem Zustand jenseits des Grabes in uns hervor und andererseits die zuversichtlichste Erwartung desselben. Das Dulden weckt Verlangen nach der Freude und das Dulden nach dem Willen des Schöpfers weckt Hoffnung, daß die Freude nicht ausbleiben werde. Jenes Verlangen und dieses Hoffen weicht mit der Größe der Leiden, und wie der Edelmut, mit dem man sie trägt.

10. Die Leiden, mit Edelmut erduldet, sind nach dem Buchstaben und dem Geiste der Offenbarung das sicherste Unterpfand und die beste Vorbereitung zur unvergleichbaren Beseligung und Verherrlichung des Menschen jenseits des Grabes.

II. Dies sind die Vorteile aus den Leiden für die einzelnen Leidenden selbst. Es gibt auch solche für die Gemeinschaft der Menschen.

1. Das Leiden eines Einzelnen kann Warnung sein für viele und dadurch viel Böses verhindern. Wenn der aufbrausende Jüngling die Früchte der ungebändigten Wollust an den geschändeten und entnervten Körpern seiner mit der Lustseuche behafteten Mitmenschen sehen könnte, der Entschluß sich für die Tugend zu entschließen würde ihm auf dem Scheidewege des Guten und Bösen um vieles leichter sein. Das Klugwerden aus fremden Schaden, ein schönes Teil der menschlichen Weisheit, setzt fremden Schaden, fremde Leiden voraus.

2. Die Leiden mit Großmut erduldet sind sehr geeignet, in unseren Nebenmenschen die Ehrfurcht gegen alles Gute und den Abscheu gegen alles Böse zu wecken. Einer der innigsten Wünsche meines Herzens ist, irgend einen Tugendfreund mit stillem, großen Vertrauen aus der Welt gehen zu sehen, das nur die reinste Frömmigkeit gewähren kann. Gewiß, so ein Scheiden von der Welt müßte auf alle Umstehenden einen tiefen Eindruck machen, die über alle Kräfte der Beredsamkeit geht.

3. Leiden, Mängel, Trübsal sind ein Bedürfnis für die Welt, damit die Nächstenliebe, das Mitleiden, das Wohlwollen, die Großmut und andere Tugenden Anlässe und Gegenstände bekommen, sich zu entfalten.

Elftes Kapitel. Vom Verhältnis Gottes zum Glücklichsein des Menschen

Wenn Gott der Urquell alles Gut- und Wohlseins ist, wenn er die Heiligkeit, Seligkeit und Liebe selbst ist, wie es alle Begriffe von Gott, und alle Bedürfnisse nach Gott ahnen lassen: so dürfen wir uns nicht wundern, daß die alten Weisen, die ihre Weisheit aus der Urquelle schöpften und eben darum kein Wort gescheut, und keinen Begriff geflohen haben, sich recht bestimmt auszudrücken glaubten, indem sie lehrten: daß Gott die Glückseligkeit des Menschen auch hienieden sei. Man mag diese Glückseligkeit mit Einigen in dem Gutsein setzen, das uns des Wohlseins würdig macht, oder im Wohlsein, das dem Guten wirklich zuteil wird, oder in beiden zugleich: so ist es klar, daß man auf dem halben Wege stehen bleiben müßte, wenn man nicht die Wurzel der Glückseligkeit in der Urquelle alles Gut- und Wohlseins aufsuchte.

Das große, erhabene, und unaussprechliche Verhältnis Gottes zur Glückseligkeit des Menschen auch hienieden besteht darin, daß (nach der Idee der menschlichen Vernunft, nach dem Bedürfnisse des menschlichen Herzens, nach den Urkunden der Offenbarung) Gott ist:

1. die Urquelle der Geister- und Körperwelt, aller Verstandes- und Willenskräfte, aller Freudefähigkeiten, die im Menschen und in der Natur liegen.

2. Das Urbild aller Güte und Weisheit, deren Spur die ganze Natur, als ihr Werk, an sich trägt, und die vorzüglich aus dem Menschen, als ihrem Ebenbilde, hervorleuchtet.

3. Das Ideal aller wahren Glückseligkeit, aller reinen Freude und Seligkeit.

4. Der erhabenste und ewig unerschöpfliche Gegenstand des besten Nachdenkens aller Geister und des Schauens aller reinen Seelen.

5. Der Gegenstand des edelsten, reinsten Wohlgefallens dessen die Menschenseele fähig ist, und der eigentlich den Himmel auf Erden ausmacht.

6. Das Muster der reinsten und allgemeinsten Menschenliebe, deren Gefühle und Taten dem Menschenherzen so viele und so große Freude machen. – Ein Gott der seine Sonne über Dankbare und Undankbare scheinen läßt, ist so recht ein Gott für das Menschenherz, das gemacht ist, Freunde und Feinde zu lieben.

7. Der Mittelpunkt, in dem alle Gottesverehrungen, Andachten, Gebete, Wünsche, Erwartungen, Bemühungen der besten Menschen ohne Unterlaß zusammentreffen.

8. Der Lenker aller menschlichen Schicksale, eine höchst weise, alliebende, heilige Macht, die alle Begebenheiten zum Besten der Menschen zu lenken weiß, lenken will und lenken kann, das heißt, eine unerschütterliche, ewig feststehende Stütze, an der sich der Mut des Menschengeistes in den trübsten Stunden, auch in dem Momente des Todes, festhalten kann.

9. Der erste und höchste Gesetzgeber aller Vernunftwesen, dessen Gebote die guten Menschen in den Aussprüchen ihres Gewissens verehren, dessen belohnende und warnende Güte sie in den Folgen ihrer Handlungen mit dankbarer Freude anerkennen.

10. Der unsichtbare, allgegenwärtige Zeuge all unserer geheimsten Gedanken, Begierden, Einflüsse, Neigungen, Taten, der stets und allgegenwärtige Anreger zum untadelhaften Wandel vor seinem Blicke.

11. Der gerechte Allvergelter jenseits des Grabes, der die Sittlichkeit und Glückseligkeit in den schönsten Zusammenhang bringt, und durch den Glauben an eine vollkommene Allvergeltung nach diesem Leben, zu den schmerzhaftesten Selbstverleugnungen, die uns die Tugend kostet, stärkt.

12. Das menschenfreundliche Wesen, das sich mit den Menschen so innig vereinigt, daß diese, neugeborene Menschen, neue Kreaturen, Tempel Gottes, Kinder Gottes, Erben Gottes, Miterben Jesu Christi, Teilnehmer an der göttlichen Natur genannt werden können.


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