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Erstes Hauptstück. Von der Fähigkeit der menschlichen Natur, glücklich zu sein

Erster Abschnitt. Von den Kräften und Trieben der menschlichen Natur

I. Ich bin, und bin ein Mensch – denke, will, handle wie ein Mensch, oft ohne recht zu wissen, was ich will; noch öfter ohne zu wissen, was mich zum Wollen treibt; manchmal auch mit dem hellen Bewußtsein dessen, was ich will und was mich zum Wollen treibt. Wenn ich diese meine Handlungen zergliedere, so komme ich auf Kräfte, die sie hervorbringen und auf Triebe, die die toten Kräfte anregen und beleben, und von dem wozu sie neigen, Neigungen heißen können.

Einige Triebe treiben unmittelbar zum Wohlsein, sei es nun mein eigenes oder fremdes, wahres oder scheinbares, vorübergehendes oder dauerndes, des Körpers oder Geistes; andere treiben unmittelbar zu dem, was mich des Wohlseins erst recht fähig macht, zum Gutsein. Was das wahre Gutsein und Wohlsein meiner Natur sei, ist die eigentliche Aufgabe dieser Untersuchung. Ich will hier nur soviel von beiden sagen, was als ausgemacht angenommen und vorausgesetzt werden darf.

Bei dem Wohlsein denkt sich jeder etwas, was wir in Hinsicht auf den Gegenstand angenehm, in Hinsicht auf die Empfindung Freude, Zufriedenheit, und in Hinsicht auf den Ausdruck des inneren Zustandes, Fröhlichkeit, Frohsinn, nennen. Unter Wohlsein versteht jeder die Befriedigung seiner Wünsche, Neigungen, oder die sichere Hoffnung dazu.

Ueber das, was es heißt: Gutsein, ließe sich mehr sagen. Soviel wird jedoch vorläufig jeder leicht eingestehen: der Mensch hat die Idee von etwas in sich, das wir gut nennen. Dieses Gute wird nicht wirklich ohne Gebrauch des Willens, und nicht ohne Gebrauch des Willens, den wir freitätig nennen – ist also sittlicher Natur. Es erwirbt dem, der es hat, Achtung von jedem, der es kennt und zu schätzen weiß. Man kann sich mit dem, welchem wohl ist, freuen; aber gegen den, der gut ist, hat man Hochachtung. Das Gute gibt dem, der es hat, eine eigene Liebenswürdigkeit in den Augen dessen, der gut genug ist, den Menschen um seines Gutseins willen zu lieben. Das Gute ist für jeden, der es noch nicht hat, ein Soll, das wir Gesetz, Gebot, oder wie immer nennen. Das Gute verschwindet nicht mit der guten Handlung, sondern bleibt eine Eigenschaft des Geistes, ist ein Sein, das zwar zerstört werden kann, aber doch nicht mit der Handlung dahin ist. Das Gute mag mit einer Art des Wohlseins verbunden sein, das dem Guten aus Erfahrung bekannt ist, und dem, der nicht gut ist, nicht beschrieben werden kann, ist aber doch nicht das Angenehme selbst, das fehlen und auch mit dem Gegenteil des Guten verknüpft werden kann. Das Gute ist anfangs schwer zu erringen, wird aber durch Uebung immer leichter. Es ist unzähliger Stufen fähig, kann rein, unrein, reiner, unreiner usw. sein. Es hat die Eigenschaft, daß wir uns dessen nie zu schämen haben, es auch nie bereuen dürfen. – An diesen Kennzeichen läßt sich das Gutsein klar genug erkennen von dem, der es erkennen will.

Insofern die Menschen das Wohlsein dauerhaft und herrschend denken, nennen sie es Glückseligkeit, und insofern sie bei der Glückseligkeit eine Dauer ohne Ende, eine Allgemeinheit in Befriedigung aller Wünsche, und eine solche Größe, die alles Lästige und Mangelhafte ausschließt, denken, nennen sie es Seligkeit. Ähnlich ändert sich auch die Sprache beim Gutsein. Insofern die Menschen ein Gutsein denken, das der reinen Idee des Guten durchaus angemessen ist und weder in Gesinnung noch in Handlung, weder im Genießen noch im Entbehren, weder im Denken noch im Wünschen davon abweicht, nennen sie es Heiligkeit.

II. Weil nun denkende Köpfe beobachtet haben, daß die meisten Menschen mehr ihr Wohlsein als ihr Gutsein suchen, und auch das Gutsein nur um ihres Wohlseins willen, so haben sie dies als wesentlich empfunden, und gelehrt: der Mensch müsse alles um seines Wohlseins willen tun. Und dies sagten sie, sei die Selbstliebe, die notwendig das Triebrad aller menschlichen Handlungen wäre.

Darauf ist zu entgegnen:

Es gibt 1. eine Selbstliebe, die nur das sinnliche Wohlsein herrschen läßt, ohne zu fragen, ob das Wohlsein wahr und dauerhaft sei, und ohne selbst die körperliche Gesundheit und das Leben zu schonen. Diese Selbstliebe will nur Genuß. Diese Selbstliebe weiß ich nicht anders als ganz rohe, blinde, tierische Selbstsucht zu nennen.

Es gibt 2. eine Selbstliebe, die im Genuße eine Mäßigung, eine Beschränkung der Lust, d.h. eine Art Selbstverleugnung gebeut, aber bloß deswegen, damit der Körper um so länger zum Genuße brauchbar bleibt und systematisch den Vergnügungen der Sinne dienen könne. Diese Selbstliebe ist weiter nichts als eine etwas verfeinerte Eigenliebe.

Es gibt 3. eine Selbstliebe, die das Wohlsein der menschlichen Natur ernstlich sucht, und auch nach Gutsein trachtet, aber vorzüglich nur deswegen, weil das Gutsein ein Kapital ist, aus dem reiche Zinsen des Wohlseins fließen. Gutsein ist also dieser Selbstliebe nur Mittel zum Zweck, und dieser Zweck ist das Wohlsein. Dieser feinsten Selbstliebe ist keine Mühe zu peinlich, kein Opfer zu groß, um gut zu handeln, aber es ist doch in einem solchen Menschen mehr die Klugheit, die die Folgen der Handlung berechnet, als das Gutsein schlechthin, was die wirkliche Handlung bestimmt.

Es ist aber noch 4. die Idee eines solchen Gutseins in mir, welches von dem Einfluße auch der feinsten Selbstliebe unabhängig und ein durchaus lauteres Gutsein ist. Es haben sich zwar ehemals die Köpfe über die Möglichkeit eines solchen Gutseins entzweit: aber das liegt außer den Grenzen des Streites: a) Ein einziger Mensch, in dem dies Gutsein existierte, würde allem Streite über die Möglichkeit desselben ein Ende machen. b) Offenbar könnte dieses Gutsein von keinem errungen werden, der sich nicht schon durch heldenmütigen Widerstand gegen alle Regungen der rohen, der feinen und der feinsten Selbstliebe eine Unabhängigkeit von der Uebermacht dieser Regungen erstritten hätte. c) Da sich der Mensch durch Widerstand von den Einflüssen der rohen Selbstliebe losmachen kann: so liegt in dem Gedanken, daß er sich durch fortgesetzten und verstärkten Widerstand auch von den Einflüssen der feinen und feinsten Selbstliebe losmachen könnte, nichts, das seiner Natur widerspricht. Ein solches Gutsein, das von allen Einflüssen aller Selbstliebe rein wäre, müßte als vollkommenes Gutsein bezeichnet werden. d) Insofern ein Mensch in seinem Streben nach Gutsein durch Widerstand gegen alle Einflüsse der Selbstliebe eine solche Vollkommenheit erringen könnte: ließe sich, (wenn man nichts wichtigeres zu tun hätte), ein schönes Paradoxon verteidigen, daß nämlich die Besiegung der Selbstliebe, die Vergessenheit und Nichtachtung aller Folgen des Guten – im Eifer und Bemühen dem Guten allein anzuhängen – die einzige rechte Selbstliebe, das ist, die rechte Vollkommenheitsliebe wäre. Diese Selbstliebe, die in der gelehrten Welt unter diesem Namen garnicht bekannt ist, nannte der göttliche Lehrer mit dem eigentlichen Worte Selbsthaß; weil man eigentlich das Niedere sich versagen, und es praktisch hassen muß, um das Bessere lieben, achten, vollbringen zu können.

Diese Selbstliebe hat keinen Gegenstand und keinen Zweck als vollkommenes Gutsein, und daraus entstehendes Wohlsein: sie ist also in keiner Epoche ihrer Existenz des Menschen würdiger, als in welcher sie ihren würdigsten Zweck erreicht, und die lautere Gesinnung gegen Gott und die Menschen geworden ist, die unser vollkommenes Gutsein, und den Grund unseres würdigsten Wohlseins, ausmacht. Diese lautere Gesinnung heißt von ihrem ersten und würdigsten Gegenstande, von der Urquelle alles Gut- und Wohlseins, aus der ich schöpfe, was ich Gutes habe, Gottesliebe; von meinen vornehmsten Mitgeschöpfen, die mit mir das nämliche Bedürfnis und die nämliche Fähigkeit haben aus dieser Urquelle zu schöpfen, Menschenliebe; von mir selbst als dem Gefäße und Behälter, oder dem Subjekt des Gut- und Wohlseins, das aus dieser Urquelle kommt, Selbstliebe. Für sie sollte schon dies allein uns einnehmen, daß dadurch eine Einheit und Lauterkeit in unser Wesen und in unsere Kräfte gebracht wird, die auf keinem anderen Wege gefunden werden kann.

Wie die Wurzel, der Stamm, die Äste und Zweige eines gesunden Baumes, ein einziges gemeinsames Leben des Baumes ausmachen: so machen Gottes-, Menschen- und Selbstliebe, wenn sie vollkommen sind, ein Streben der menschlichen Natur, Ein lauteres Leben des Menschen aus; und wie die Äste und Zweige ihr gemeinsames Leben von Wurzel und Stamm bekommen: so nehmen die wahre Menschenliebe und die wahre Selbstliebe ihr rechtes Leben von der Gottesliebe als ihrer Wurzel her. Sobald aber ein Zweig vom Baume geschnitten wird, so verdorrt er, weil er ohne den belebenden Saft nicht leben und ihn, von Wurzel und Stamm getrennt, nicht mehr empfangen kann. So wird auch die Selbstliebe, wenn sie sich von der Gottes- und Menschenliebe losreißt, des Menschen unwürdig, verfehlt ihren Zweck, macht den Menschen unvollkommen und elend, indem sie ihn glücklich machen will. Ebenso wird die Menschenliebe, wenn sie sich von der Wurzel und dem Stamm losreißt, parteiisch, eigennützig, und macht den Menschen, in welchem sie lebt, böse und elend, indem sie daran arbeitet, andere glücklich zu machen.

III. Im einzelnen ist nun, nach dieser Darlegung der rechten Selbstliebe, zu sagen: Das sinnliche Vergnügen, das die Befriedigung der Triebe schafft, kann im Grunde nicht als Endzweck derselben angesehen werden. Denn 1. der Mensch ist kein bloßes Sinnengeschöpf. Es hat sich zwar die Vernunft einiger Menschen die unedle Mühe gegeben, zu beweisen, daß die Vernunft nur das Kind der Sinne sei: aber die Mühe etwas zu beweisen, ist noch kein Beweis, und hier ist nicht von dem Ursprung der Vernunft die Rede, sondern von ihrem Dasein. Daß aber doch die Menschen wirklich Vernunft äußern, sich z. B. besinnen, kann, bei allem Reiz zu zweifeln, als augenscheinliches Faktum der menschlichen Natur nicht wohl bezweifelt werden. 2. Der Geist des Menschen, der wenigstens die Idee des Guten in sich hat, und des Gedankens an die Urquelle alles Guten fähig ist, ist zu erhaben, als daß ihn die bloße niedere Sinnenlust sättigen könnte. 3. Die Natur des Menschen macht die Sinnenlust selbst zum Mittel. Denn Speise und Trank, Schlaf, Erholung – stärken wirklich die schwachen Kräfte, daß sie wieder arbeiten können, daß sie Mittel zu einem anderen Zwecke werden. 4. Die Vernunft kann durch Gebrauch der sinnlichen Kräfte sich selbst mancherlei Stoff zu ihren Vorstellungen, dem Willen zu höheren Empfindungen, dem Wohlwollen zum Wohltun verschaffen: es kann also die Sinnenlust nicht Endzweck der Triebe sein, weil aus dem Gebrauch der sinnlichen Kräfte, womit die Sinnenlust verbunden ist, das Vergnügen des Denkens, der höheren Empfindungen, der Wohltätigkeit und der Gottesliebe entstehen kann, ein Vergnügen, das seiner Natur nach edler ist. Wie niemals das Niedere Zweck des Höheren ist, sondern vielmehr das Höhere Zweck des Niedrigen, also auch hier.

IV. Die sinnlichen Triebe haben die Erhaltung des sinnlichen Menschen zum nächsten, und die Entwicklung des geistigen Menschen zum höheren Zweck. Hätten wir nicht den Erhaltungstrieb in uns, so würde uns manches Nahrungsmittel gleichgültig und das Leben des Leibes aus Mangel an Nahrung vor der Zeit zu Ende sein. Und wäre mit der Befriedigung des Nahrungstriebes kein sinnliches Vergnügen verbunden, so würde der Erhaltungstrieb kein hinlänglicher Trieb für den sinnlichen Menschen sein. Es muß also für die Erhaltung des Körpers durch Instinkte gesorgt werden, und nicht durch Begriffe; denn diese kommen erst hinten nach, und wirken als solche wenig. Wenn also die Erhaltung des Leibes auf die Begriffe des Menschen, dessen Leib Nahrung bedarf, warten müßte, so würde es mit der Fortdauer unseres Geschlechtes gerade so stehen, wie mit den meisten Entwürfen der spekulativen Köpfe, die sich zerschlagen, ehe sie zur Ausführung kommen. Wie also das Sein der Grund alles Genusses und Gebrauches ist: so ist die Erhaltung unseres sinnlichen Seins der nächste Zweck aller sinnlichen Triebe. Wer also die Wahrheit liebt, wird nicht sagen dürfen: die sinnlichen Triebe sind da, um die Triebe in Bewegung zu setzen, und die Triebe werden in Bewegung gesetzt, damit die sinnliche Natur erhalten werden kann, sondern die sinnlichen Triebe haben einen höheren Zweck, und dieser Zweck ist nach dem, was im Menschen vorgeht, die fortschreitende Entwicklung des Geistes. Denn es kann dem Körper des Menschen von den arbeitenden Menschenhänden nicht wohl Nahrung und Kleidung verschafft werden, ohne daß die denkende Kraft des Menschen dadurch geweckt und geübt wird. Wer also die sinnlichen Triebe für nichts anderes als bloße Vergnügungsmittel ansieht, der bleibt bei dem kurzen, vorbeifliegenden Genusse stehen; wer sie aber als Entwicklungsmittel der schlummernden Vernunft ansieht, der geht um einen Schritt weiter, und kommt der Wahrheit offenbar näher.

Die sinnlichen Triebe sind also zum Segen der Menschheit da, aber sie werden nicht immer der Segen der Menschen. Denn sie bedürfen einer Leitung und erhalten oft gar keine, oft nicht die rechte, sehr selten eine vollständige. Sie bedürfen einer fremden Leitung, weil sie blind sind und sich nicht selbst leiten können. Sie bedürfen einer Leitung, weil sie ohne Leitung das Gut- und Wohlsein des Menschen zerstören, wenn es da ist, und hindern, wenn es nicht da ist.

a) Die Vernunft kann Leiterin der sinnlichen Triebe werden. Die Vernunft kann gar leicht erkennen, daß dem blinden Triebe folgen, und sein eigen Gut- und Wohlsein hindern, zerstören, Eins sei; kann gar leicht erkennen, daß es in sich gut und schön sei, den Trieb zu beschränken, und ihn dem Gesetze der Vollkommenheit zu unterwerfen; kann gar leicht erkennen, daß es eine eigentliche Würde des menschlichen Willens sei, den Trieb der Vernunft, und nicht die Vernunft dem Triebe, das Niedere dem Höhern, und nicht das Höhere dem Niedern zu unterwerfen; kann gar leicht erkennen, daß, wenn es eine Urquelle des Guten gibt, es ihrem Willen gemäß sei, die blinden Triebe durch das gegebene Licht zu leiten, statt das Licht durch die finstern Triebe verfinstern zu lassen; kann den freitätigen Willen bewegen, daß er, in einigen leichteren Fällen, in denen nämlich die Sinnlichkeit keine überwiegenden Kräfte äußert, die sinnlichen Triebe wirklich beschränke, dem Gesetze der Vollkommenheit wirklich unterwerfe. Daß die Vernunft fähig sei zu jenen Erkenntnissen zu kommen, und den Willen zu dieser Beschränkung der Triebe zu bestimmen, davon kann jeder die Erfahrung an sich machen, und muß sie jeder, der nur einmal als Mensch gehandelt, schon gemacht haben.

b) Was die Vernunft kann, das soll sie auch. Das heißt: es ist der nächste Zweck der Vernunft die sinnlichen Triebe zu leiten. Sie steht mitten inne zwischen Sinnlichkeit und dem freitätigen Willen: wozu stünde sie mitten inne, als den freitätigen Willen zu bewegen, daß er die Triebe dem Gesetze der Vollkommenheit unterwerfe? Die Vernunft kann sehen: wozu sehen, als zunächst in ihrem Gebiete Aufsicht zu halten, ob die Triebe dem Gesetze der Vollkommenheit gehorsamen oder nicht? Die Vernunft kann den Willen bestimmen: wozu, als daß er die Triebe wirklich beschränke, wirklich dem Gesetze der Vollkommenheit unterwerfe? Aber nicht nur der Standpunkt der Vernunft, nicht nur ihr eigentliches Vermögen beweisen den nächsten Zweck ihres Daseins; auch die Folgen, die aus dem Gegenteile entstehen, machen den Zweck der Vernunft anschaulich. Wenn die Vernunft diesen Zweck nicht zu erreichen strebt, nicht die Triebe zu leiten sucht: so läßt sich bei ungeleiteten Trieben gar kein Gutsein, gar kein würdiges Wohlsein des Menschen denken: also ist das Leiten der Triebe der nächste Zweck der Vernunft. Diese oder ähnliche Betrachtungen haben die neueren und älteren besseren Philosophen überzeugt, daß sie einhellig die Vorschrift: Leite die Triebe durch die Vernunft, für eine der wichtigsten und ersten Vorschriften aller Moral gehalten und empfohlen haben; haben vielleicht den neuesten Philosophen vermocht, die alte Wahrheit in seiner neuen Sprache zum Imperativ aller Moral zu machen.

c) Allein so wahr, klar und brauchbar diese Vorschrift: Leite die Triebe durch die Vernunft, immer sein mag, ist sie doch eine, in Absicht auf den ganzen Erfolg, den sie bezweckt und für die Menschen, wie sie sind, äußerst unbehilfliche und zur Gründung des wahren Menschenglückes unkräftige Vorschrift. Denn die Vernunft Ich nehme hier die Vernunft, wie sie subjektiv im Menschen wirklich existiert, nicht wie sie in Büchern gemalt wird: ich nehme sie in concreto, wie sie mit den sinnlichen Trieben, und zerrütteten Neigungen im Menschen zusammengewachsen ist, nicht wie sie in abstracto zur Schau getragen wird. ist in vielen Menschen fast so verdorben, wie die sinnlichen Triebe, und sie verdirbt gar oft die Triebe nur noch mehr. Sie hilft in der Tat dazu. So erfand sie z.B. nach dem Gebote der Sinnlichkeit alle die unzählichen Künste, die den Nahrungsmitteln einen Reiz verschaffen, der die gesättigte Eßlust noch weckt. Die Vernunft erfand die unzähligen Werkzeuge des Luxus, die die sinnlichen Triebe immer mehr über die natürlichen Grenzen ausdehnen, und alles Einfache in Kunst verwandeln; die den kurzen Akt der Selbsterhaltung durch Speise und Trank, zum großen, wichtigen, anhaltenden Geschäfte machen. Die Vernunft ist es, die die leichte Arbeit sich zu kleiden, in ein wichtiges, Zeit und Kraft fressendes, bei vielen in das vornehmste Tagwerk verwandelt.

Die Vernunft ist die Kraft, welche die Triebe, eigene und fremde, noch mehr ausarten macht. So sinnt sie im Erbitterten auf besondere Mittel, Rache zu nehmen, im Wollüstigen auf unnatürliche Lust, und auf besondere Mittel, sie wirklich zu machen, im Eitlen auf neue Werkzeuge der Eitelkeit. Sie macht auch fremde Triebe ausarten, hört z.B. nicht auf, Freiheit, Freiheit zu schreien und ruhet nicht, bis der Freiheitstrieb, der Trieb, keine unnötige Last zu tragen, der uns allen eigen ist, bei einer Familie oder größeren Gesellschaft in einen Trieb zur Ungebundenheit, Gesetz- und Zuchtlosigkeit ausarte; malt das Glück, Selbstherrscher zu sein, so blendend, zeigt die Umkehr der Ordnung in einem so einnehmenden Lichte, daß die Unglücklichen den Traum für Wahrheit und die Zerrüttung für den Aufgang des Heils ansehen.

Die Vernunft ist ferner eine Kraft, die statt die Triebe zu leiten, oft sogar eine Sklavin der Triebe wird. Beweis sind alle Ausbrüche der Sinnlichkeit, alle Apologien, die die mißbrauchte Vernunft dem gebietenden Laster gehalten hat, hält und halten wird. Wo war eine Tyrannei, die nicht an irgendeiner Vernunft ihren Verteidiger gefunden; wo eine Unvernunft, der nicht irgendeine Vernunft den Mantel der Weisheit umgeworfen hat?

d) Wenn nun aber die Vernunft die Triebe erweitert, ausarten macht, zum unnatürlichen Schweigen bringt, und nicht selten eine Sklavin der Triebe wird: so muß sie selbst einer Leitung bedürfen, um Leiterin der Triebe werden zu können. Sie wird sonst recht oft Böses für Gutes und Gutes für Böses, Falsches für Wahres und Wahres für Falsches ausgeben; und diese Gewohnheit unrichtig zu urteilen, wird sie selbst immer unfähiger machen, richtig zu urteilen. Sie ist allerdings ein Arzt, der den Menschen vor vielen Dingen bewahren und einige Krankheiten auch heilen kann. Wenn nun aber der Arzt statt den Kranken zu heilen, das Uebel nur schlimmer macht, wenn er statt die Seuche zu heilen, selbst von der Seuche angesteckt wird, wie etwa die unvorsichtigen Krankenwärter die Krankheiten ihrer Anvertrauten erben: wie wird der kranke Arzt seine Patientin heilen? Und dies ist die Geschichte unserer Vernunft. Sie läßt sich von der Patientin erbitten und bestechen, bis sie am Ende von dem Gifte selbst angegriffen wird.

Zudem, wenn auch der Ausspruch der Vernunft wahr ist, so ist die Leitung der Vernunft doch nur die Leitung eines Begriffes, und als solche viel zu schwach, die irregeleiteten Triebe nach dem Gesetze der Vollkommenheit mit hinreichender Kraft zu leiten und das eingewurzelte Uebel zu heilen. Sie kann das Gesetz darlegen; sie kann die Beweggründe, dies Gesetz zu erfüllen, sammeln, darstellen; sie kann an das Gesetz und die Gründe, es zu erfüllen, erinnern; sie kann den Willen in leichtern Fällen wirklich zur Erfüllung des Gesetzes bewegen. Allein wir haben bis auf diese Stunde in der ganzen Geschichte kein einziges, bekannt gewordenes Beispiel, daß die Vernunft sich selbst überlassen und ohne andere Hilfe vermocht hat, das Gesetz der Vollkommenheit in der menschlichen Natur gegen alle Regungen der widerstreitenden Triebe geltend zu machen. Vielmehr klagen die Besseren und Weiseren des Geschlechtes über die Uebermacht der Asche und über die Ohnmacht des göttlichen Funkens in uns. Das Wort des römischen Dichters: Das Bessere billige ich – dem Schlechteren folge ich, ist zum Sprichwort des gesunden Verstandes geworden; und man müßte ein rechter Fremdling in seinem eigenen Hause sein, wenn man in dem Dichter diesmal nicht den Seher der Wahrheit erkennen wollte. – Es ist zudem kein Verhältnis zwischen der Leitung durch einen Begriff und dem Widerstreit der ganzen Sinnlichkeit. Das Gute, zu dem die Vernunft treibt, ist nur Idee, nur Vorstellung; das Angenehme, das die Sinnlichkeit anbietet, ist ein gewaltsamer Reiz. Dieser Reiz stellt sich wie eine Mauer der befehlenden Vernunft entgegen, die sie noch zuvor übersteigen, – oder wie ein Abgrund, den sie noch zuvor ausfüllen muß, um mit ihrem Befehle durchzudringen. Es ist einem jeden redlichen Menschen, der sich nicht gerne mit Worten täuschen läßt, und wahrhaftig gut werden möchte, wie einem Wanderer, den noch der Abgrund einer tiefen, weiten Kluft von seinem Vaterlande trennt: er steht und schreit: »Wer füllt mir diese Kluft aus, daß ich in mein Vaterland kommen möge!« Mit Idee ist sie allem Anscheine nach unausfüllbar.

Das alles, die Geschichte, die große Kluft zwischen Idee und Tat, zwischen Wollen und Vollbringen; der durch Ideen nach allem Anschein unausfüllbare, große Graben, der uns von dem Lande der Tugend trennt, und den nur der Leichtsinn nicht sehen kann; die täglich eintretende Erfahrung, wie schwer es sei, auch in leichtern Fällen der Idee des Guten nachzuleben; und darüber die Beobachtung, daß es auch bei den mutigsten Kämpfern für das Gute nicht an Fehltritten fehle, – dies alles kann einen redlichen Forscher bei aller Achtung für die Vernunft, geneigt machen, ihr wirkliches Unvermögen als solches anzuerkennen, und mit allem Ernste zu fragen:

e) Wie kann diesem Unvermögen der Vernunft, das Gesetz der Vollkommenheit in dem menschlichen Willen geltend zu machen, abgeholfen werden?

Es lassen sich zwei Wege hierzu denken, deren der eine in, der andere außer dem Kreise der menschlichen Kräfte liegt.

Der Weg, der im Kreise der menschlichen Kräfte liegt, heißt Angewöhnung des noch unmündigen Menschen zur Befolgung der vornehmsten Vernunftaussprüche, ehe in ihm die Vernunft selbst erwachte. Dafür spricht das klare Zeugnis der Erfahrung und die Natur der Sache. Wenn der Wille schon durch Vorübung eine Fertigkeit erlangt hat, das Gute zu achten und zu lieben: so ist es der Vernunft leichter, diese Achtung und Liebe zu gebieten. Hat der Knabe gelernt, dem Winke des Vaters ohne Widerrede zu gehorsamen, – noch ehe seine Vernunft sich entwickelt hat: so wird die Vernunft des Jünglings, die hernach selbst auf Gehorsam dringt, in dem Jüngling weniger Widerstreit finden, weil die Uebung den Gehorsam schon erleichtert, und der Eigensinn und die Lüsternheit schon ihre Beschränkung erhalten haben. Unter allen Angewöhnungen aber, das Gute zu achten und zu lieben, ist keine, die die Achtung und Liebe des Guten mehr erleichterte, als die Angewöhnung, alles Gute als einen Wink Gottes anzusehen, und als solchen Wink zu vollbringen, um nur Gott nicht zu mißfallen – oder kürzer: Die Angewöhnung des jungen Alters, gegen Gott gesinnt zu sein, wie es gegen die geliebten Eltern gesinnt ist. Dieser stille, zarte Kindersinn für alle Winke des Vaters der Menschen heißt in der alten Sprache » Gottesfurcht«. Die Gottesfurcht hilft dem Unvermögen der Vernunft, die sinnlichen Triebe zu leiten, nicht wenig ab, besonders wenn sie eine Angewöhnung geworden ist, ehe noch die sinnlichen Triebe zur Herrschaft, d. i. zur Unbändigkeit gekommen sind. Der Knabe lernt seinen Gott gegenwärtig zu denken, wo seine Eltern nicht befehlen, drohen, strafen können – und dieser ihm stets gegenwärtige Gott legt ihm einen Abscheu vor dem Unrecht in das Herz. Dies ist das so verkannte und vernachlässigte, nicht bloß aus Mißverstand verschrieene, sondern auch bei vielen Familien leider außer Uebung gebrachte »Geheimnis der Erziehung«. – O Freunde, dankt, dankt mit mir, so viel ihr könnt, wenn euch das Beispiel eurer frommen Mutter ein Spiegel der Gottesfurcht war; wenn euch nicht die gelehrte Sprache des Erziehers, sondern die Tat des Vaters die Gottesfurcht angewöhnt hat; wenn eure Erziehung eine wahre Erziehung, d. i. eine Vorübung im Guten, und zum Guten geworden; wenn euer Jugendalter nicht in die Zeiten gefallen ist, in denen man die Erziehung zur Kunst macht, weil man von der Natur zu weit abgekommen ist. Der unsichtbare Vater will, daß ich meinen sichtbaren Eltern gehorche.: ich gehorche also eigentlich Gott, wenn ich meinen Eltern gehorche. Das ist der feine Kindersinn, der Gottesfurcht heißt – und wer diesen verschreien kann, der gebe uns etwas besseres, das in sich edler ist und kräftiger wirkt.

Auf jenem anderen Wege außer uns könnte dem Unvermögen der Vernunft, die sinnlichen Triebe zu leiten, noch mächtiger abgeholfen werden, wenn die Urquelle alles Gut- und Wohlseins so gütig wäre, allen denen, die sich im Ernste bemühen, gut zu werden, und die gegebenen Kräfte zu dem Endzwecke, wozu sie gegeben sind, treu brauchen, höhere Kräfte mitzuteilen. Da ich nun auf der einen Seite das Unvermögen der menschlichen Vernunft die sinnlichen Triebe vollkommen zu leiten, nicht leugnen kann, und auf der andern die Idee von der Urquelle alles Gut- und Wohlseins mich nicht wohl zweifeln läßt, daß sie gütig, mächtig und weise genug sei, diesem Unvermögen der Vernunft abzuhelfen: so werde ich von beiden Seiten gedrungen, nachzusehen, ob sich denn die Urquelle alles Gut- und Wohlseins hierin wirklich unbezeugt gelassen habe.

In diesem ehrlichen Nachforschen fallen mir die Schriften des neuen Testaments in die Hände, und ich finde dreierlei auffallende Aeußerungen darin, an deren Wahrheit ich um so weniger zweifeln kann, je bestimmter sie das Rätsel lösen, und je harmonischer sie dem Wunsche meines Wesens antworten.

Ich finde erstens klare Zeugnisse vom Unvermögen der Vernunft, den alten Zwist zwischen Vernunft und Sinnlichkeit abzutun. Das Klarste ist wohl dieses:

»Ich weiß wohl, daß das Gesetz geistig ist: ich aber bin Fleisch, und unter die Sünde verkauft. Ich weiß nicht recht, was ich tue. Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern ich tue das Böse, das ich hasse. Wenn ich aber das tue, das ich will, so bezeuge ich ja selbst, daß das Gesetz gut sei. Aber jetzt tue nicht ich, was ich tue, sondern die Sünde tuts, die in mir wohnet. Das Gute wohnt nicht in mir, das ist, in meiner Sinnlichkeit. Das Wollen liegt mir an: aber das Vollbringen des Guten finde ich nicht. Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will; das tue ich. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so tue es nicht ich, sondern die Sünde, die in mir wohnet. Ich finde also, daß mir bei allem Willen, das Gute zu tun, doch immer das Böse anliegt. Nach dem inwendigen Menschen habe ich Lust an dem Gesetze Gottes, aber in meinen Gliedern finde ich ein ander Gesetz, das dem Gesetze des Geistes widerstreitet, und macht mich zum Sklaven der Sünde, die wie ein Gesetz in meinen Gliedern herrschet.«

Ich finde zweitens in unseren hl. Schriften klare Zeugnisse von höheren Kräften, die dem Unvermögen der Natur abhelfen, den alten Zwist zwischen Sinnlichkeit und Vernunft abtun und den schönen Frieden in uns herstellen können, in vielen Menschen jenen auch wirklich abgetan und diesen hergestellt haben:

Die Früchte des Geistes sind Liebe, Friede, Freude, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Glaube, Sanftmut, Keuschheit. Die der Geist Gottes treibt, die sind Kinder Gottes. Ihr habt nicht den Geist der Knechtschaft, sondern den Geist der Kindschaft empfangen: Die Liebe Gottes wird durch den hl. Geist in unsern Herzen ausgegossen: Ihr seid nicht fleischlich, sondern geistig gesinnt, wenn anders der Geist Gottes in Euch wohnt. Der Vater gibt den guten Geist denen, die ihn darum bitten: Bittet, so wird Euch gegeben werden«.

Ich finde drittens in unsern heiligen Schriften unzählige Zeugnisse von der Allgemeinheit dieser Verheißungen, und keine einzige auf bestimmte Orte, Zeiten, Geschlechter beschränkt, Verheißungen, welche so allgemein sind, als die Idee von der Urquelle alles Gut- und Wohlseins. Zwar können die Menschen, die dem Lichte widerstreben, durch dieses Widerstreben die Wirkungen des Lichtes beschränken; aber die Quelle des Lichtes beschränkt ihre Ausflüsse nicht. Wo offenes, aufnehmendes Auge, da fehlt es nicht am einfallenden Strahle.

VI. Gottesfurcht und höhere Kräfte, beide im reinsten Sinne des Wortes genommen, sind also die zwei großen Resultate dieser moralischen Untersuchung, sind die zwei wesentlichen Bedingungen, ohne die sich keine vollständige Leitung der sinnlichen Triebe denken läßt. Die Vernunft mag die Leitung der Triebe gebieten, so lange sie will: aber beweisen wird sie nie können, daß eine wirklich vollkommene Leitung der sinnlichen Triebe ohne Gottesfurcht, und ohne höhere Kräfte in irgend einem Menschen wirklich erzielt worden sei.

Steht unsere Vernunft nicht unter der höchsten, so schwankt sie selbst hin und her, steht selbst nicht fest, und kann also auch nicht fest stehen machen. Steht sie aber unter der höchsten Vernunft: dann steht sie fest, dann kann sie auch fest stehen machen. Also laßt uns die unnütze Mühe den Frieden zwischen Vernunft und Sinnlichkeit, durch Vernunft und Sinnlichkeit in uns herstellen zu wollen, aufgeben; denn das Dreieck läßt sich ja unmöglich mit zwei Linien schließen. Es muß eine dritte dazu kommen, dann ist das Dreieck geschlossen. Es muß die Vernunft in uns zuerst durch eine höhere Kraft selbst gebunden sein, ehe sie die Sinnlichkeit sich ganz unterwerfen kann.

VII. Der Gewinn für die Glückseligkeitslehre aus dieser ganzen Abhandlung ist also:

1. Je gebietender und reiner in einem Menschen die Liebe gegen Gott und die Menschen: destomehr Gutsein und Wohlsein im Menschen.

2. Je fester im Menschen die Unterordnung der Sinnlichkeit unter seine Vernunft und seiner Vernunft unter die allerhöchste: Desto mehr Gut- und Wohlsein im Menschen.

Zweiter Abschnitt. Von den Bedürfnissen der menschlichen Natur

I. Die Bedürfnisse der Natur unterscheiden sich je nachdem, ob es solche des Körpers oder der Seele sind, die ihn belebt, in niedere und höhere.

a) Die niederen Bedürfnisse der Natur sind allgemein erkannt und keinem Widerstreit unterworfen; sie äußern sich von selbst und lassen sich, meist ohne viel Mühe und mit wenigem, befriedigen. Wir bedürfen alle der Speise, des Trankes, des Schlafes, der Bewegung usw. und für dieses alles ist in der Natur schon so gesorgt, daß diese Bedürfnisse entweder ohne alle unsere Vorbereitung ihre Befriedigung finden, wie das Bedürfnis zu schlafen und Atem zu holen; oder, wie die Bedürfnisse zu essen, zu trinken, sich zu kleiden, bei vorausgesetzter Arbeitsamkeit, Mäßigkeit, Freigebigkeit und Genügsamkeit, ohne zu großen Aufwand von Sorge und Mühe befriedigt werden könnten. Allein eben diese Voraussetzung hat in dem wirklichen Leben der Menschen wenig Platz. Denn obschon für die niederen Bedürfnisse in der Natur Vorrat genug da ist, so ist derselbe doch für die grenzenlose Lust an Besitz und Genuß nicht ausreichend. Und teils hieraus, teils aus anderen Ursachen entstehen in Familien und Ländern nicht selten so große Nöten, daß die Befriedigung der niederen Naturbedürfnisse eine Quelle unzähliger Leiden für den menschlichen Geist und umgekehrt die Errettung aus mancherlei Not ein wahres Bedürfnis des Menschen wird.

b) Den höheren Bedürfnissen ist eigen, daß sie nicht geachtet, längere Zeit unterdrückt, abgestumpft, geleugnet werden können; daß sie mühsamer zu befriedigen sind; daß sie eine Art von Unendlichkeit in sich tragen und eigentlich Bedürfnisse nach dem unendlichen Wesen sind. Ein solches Bedürfnis ist

die Wahrheit.

Was wollen denn die Menschen mit ihrem Hang nach Erkenntnis, mit ihrem ewigen Fragen, Denken anders als die Wahrheit? Dies eine suchen am Ende doch alle Systeme, alle Dispute. Alle Fragen des Kindes und des Weisen, was, warum, woher, wozu, wie, sind Fragen des Bedürfnisses nach Wahrheit. Und zwar ist nicht nur die Wahrheit, wie immer erkannt, sondern die sichere Erkenntnis der Wahrheit, die Gewißheit, ein Bedürfnis unserer Natur. Daher die Bemühung, den Schein aufzudecken, entscheidende Gründe zu suchen, zu widerlegen, zu beweisen; daher die Pein des Zweifels und die Folter der Ungewißheit.

Ein solches höheres Bedürfnis ist das Freisein von aller Selbstanklage, oder wie es wir gemeine Leute sonst nennen, wissen,

die Gewissensruhe.

Die Gewissensbisse, die das Unrecht in mir strafen und die Empfindungen der Reue, wenn ich unrecht getan habe, kann ich aus meiner Natur nicht hinausräsonieren, und wenn ich recht getan habe, nicht hinein. Ich muß sie also für etwas halten, das von Menschenerfindung unabhängig ist.

Ein solches höheres Bedürfnis ist

die sittliche Vollkommenheit,

d. i. die lautere gebietende Liebe gegen Gott und den Nebenmenschen. Die Liebe gegen unseres gleichen, die edle Fertigkeit, sich in die Lage eines anderen hineinzuversetzen und sich in des anderen Wohl und Weh zu vergessen, ist an sich gut, dazu ein Triebrad zu unzähligen guten Handlungen, eine Quelle unzähliger Freuden für dich und andere, also ein Bedürfnis deiner höheren Natur, indem sie ohne Liebe weder gut sein noch froh werden kann. Die lautere, gebietende Liebe gegen Gott ist offenbar ein höheres Bedürfnis der menschlichen Natur, indem ihr ohne diese Liebe sowohl die edelste Gesinnung, als die würdigste Freude fehlt und doch zu beiden die Anlage in uns ist. Um die Unerfahrenen auf dieses Bedürfnis aufmerksam zu machen, sollte man wünschen, daß die menschlichen Gemüter die praktische Auflösung einer höchst wichtigen Aufgabe mit allem Eifer unternähmen, dieser Aufgabe nämlich: Das Prinzip in sich herzustellen, welches als Gut betrachtet, alles sittlich Gute in sich einschließt; als Gesetz betrachtet, alles andere Gute mitgebietet; als Gesetzeserfüllung betrachtet, alle anderen Gebote miterfüllt; als Zweck betrachtet, selbst der Zweck aller andern Gebote ist; als Wohlsein betrachtet, die würdigste Freude ist; als Beschäftigung der Seele betrachtet, das vollkommenste Wesen zum Gegenstande, und die Verherrlichung desselben zum Zielpunkte ihrer Tätigkeit hat; als Gesinnung des Menschen betrachtet, die Natur des Menschen in ihrer höchsten Würde darstellt. Dies Prinzip aber ist eben die gebietende, lautere Liebe gegen Gott, und nur diese Liebe.

Ein solches Bedürfnis ist deswegen

 

die sichere Erkenntnis Gottes.

Dies Bedürfnis ist der denkenden Natur wesentlich. Eben die Vernunft, die überall weiter fragt und alle ihre Kenntnisse auf Einheit bringen will, beweist durch dieses notwendige »Immer weiter« fragen und durch dieses Treiben nach Einheit, daß sie nicht ruhen kann, bis sie dies Eine, das Allhervorbringende, die höchste Intelligenz, gefunden hat.

Ein höheres Bedürfnis ist

 

die Unsterblichkeit

und die Gewißheit derselben. Es ist der Wunsch, ewig zu sein, und die Unauslöschbarkeit dieses Wunsches der einfachste Beweis dieses Bedürfnisses. Die Philosophen teilen sich in Anerkennung dieses Bedürfnisses in zwei Klassen. Einigen ist die Unsterblichkeit unentbehrlich, um die vollkommene Heiligkeit, anderen um die vollständige Glückseligkeit zu erhalten. Ich sehe nicht was im Wege stünde zur Behauptung Unsterblichkeit unseres Wesens ist ein Bedürfnis, um Heiligkeit und Seligkeit zu vollenden.

Zu diesem höheren Bedürfnisse gehört noch

 

das Bedürfnis nach Friede,

nach Freisein von allem, was den Geist drückt, beschwert, plagt, hemmt – im Genüsse der Wahrheit, in Liebe; das Bedürfnis nach dem Besitz alles dessen, was Gutsein und Wohlsein heißen kann.

c) Diese Bedürfnisse haben, um noch einmal darauf zurückzukommen, dies eigen, daß sie recht verstanden, Bedürfnisse nach dem unendlichen Wesen sind. Denn es ist in uns eine so große Empfänglichkeit des Guten, des Wahren, des Friedens, daß uns kein endlich Gut begnügen kann. Bei jedem Genüsse bleibt ein Hunger, bei jeder Fülle eine Leere da. Und diesen Hunger, diese Leere fühlen gerade die am lebhaftesten, welche in Erkenntnis des Wahren, in Liebe zum Guten, und im Streben nach dem Frieden am weitesten voraus sind. Da wir nun einerseits aus Erfahrung lernen, daß unsere Natur, durch endliche Güter unersättlich ist und andererseits die Bedürfnisse nach Wahrheit, nach dem Guten, nach dem Frieden nicht ganz und auf immer zum Schweigen gebracht werden können: so werden wir von unseren eigenen Bedürfnissen gedrungen, die volle Befriedigung derselben von dem allervollkommensten. im reinsten Sinne unendlichen Wesen zu erwarten, und die nämlichen Bedürfnisse, als Bedürfnisse nach einem unendlichen Wesen anzuerkennen.

d) Aber hier geraten wir in einen Abgrund, aus dem uns keine Philosophie retten kann, und den der Philosoph am allerwenigsten verschweigen, oder mit einer leichten Wortdecke verbergen darf, weil das Bekennen seines Unvermögens die allererste Pflicht des Philosophen ist. Es erscheint der Mensch groß, insofern ihn die eigenen Bedürfnisse nötigen, an ein allvollkommenes Wesen zu glauben, und von demselben die volle Befriedigung dieser seiner Bedürfnisse zu erwarten. Aber der nämliche Mensch erscheint klein, insofern er auf die Frage wie, und durch wen das vollkommene Wesen die höhern Bedürfnisse der menschlichen Natur befriedigen könne und wolle, verstummen muß, oder nur ein trauriges »Ich weiß nicht« hervorbringen kann. Ueber die Führung Gottes, wie, und durch wen er die höheren Bedürfnisse unserer Natur befriedige, darüber kann uns die sich selbst überlassene Philosophie keinen Aufschluß geben; und wo sie sich erkühnt, einen solchen geben zu wollen, stürzt sie uns von einem Abgrund in den anderen und täuscht uns mit Anmaßungen, deren eine immer unerweislicher ist, als die andere. Wo uns aber die Philosophie verlassen muß und uns auf der Sandbank des Zweifels liegen läßt, da kommt eine Wohltat höherer Art, – das Christentum, und gibt uns Aufschlüsse, die wir außerhalb desselben umsonst suchen. Dies ist die Ursache, warum die Vernunft stete Rücksicht auf das Christentum nehmen muß, wenn sie nicht ihr Kraftmaß zu hoch ansetzen, und die Finsternis vermehren will. Daß aber das Christentum in der großen Angelegenheit des ganzen menschlichen Geschlechtes, wie nämlich Gott die höhern Bedürfnisse unserer Natur befriedige, Aufschlüsse gebe, läßt sich auch von seinen Gegnern nicht widersprechen. Denn die Gegner können nur sagen: ich kann oder will an das Christentum nicht glauben: aber sie können nicht sagen: Die Urkunden des Christentums geglaubt, – können uns keine Aufschlüsse geben.

Das Christentum gibt uns wirklich die wichtigsten Aufschlüsse:

Es ist 1. die Wahrheit ein Bedürfnis unserer Natur; und sieh! nach den Urkunden des Christentums ist Christus die Wahrheit selbst, und der Lehrer, den wir hören sollen, und der Verheißer und Sender des Wahrheitsgeistes, der uns in alle Wahrheit leitet. Es ist 2. insbesondere die sichere Erkenntnis Gottes, ein Bedürfnis unserer Natur; und sieh! nach den Urkunden des Christentums ist Christus das vollkommenste Ebenbild und der Offenbarer Gottes, das Licht der Welt, der Sohn, der den Vater kennt, und ihn erkennen lehrt. Es ist 3. sittliche Vollkommenheit, die gebietende lautere Liebe gegen Gott und den Nächsten ein Bedürfnis unserer Natur, und sieh! nach den Urkunden des Christentums ist Christus nicht nur der göttliche Lehrer, das würdigste Beispiel der vollendeten Liebe, sondern verheißt und gibt auch überwiegende Kräfte zu dieser Vollkommenheit. Es ist 4. die Gewissensruhe ein Bedürfnis unserer Natur – und sieh! nach den Urkunden des Christentums ist Christus der Sündentilger, in dessen Namen Vergebung aller Sünden angeboten wird und dessen Evangelium so eigentlich eine Freudenbotschaft von den Erbarmungen Gottes ist. Es ist 5. die ewige Fortdauer unseres Geistes ein Bedürfnis unserer Natur – und sieh! nach den Urkunden des Christentums ist Christus das Leben selbst, der Auferwecker von den Toten, der Richter der Welt, der Vergelter alles Guten, der Scheider des Guten von dem Bösen. Es ist 6. der höhere Friede ein Bedürfnis unserer Natur – und sieh! nach den Urkunden des Christentums ist Christus der Eine große Mittler zwischen Gott und dem Menschen, der Wiederhersteller der zerrütteten Geisterharmonie, und der Mitteiler des Friedens, welcher alles Ahnen der Vernunft weit übersteigt, der Erretter aus aller Not, und das Heil der Welt. –

II. Nachdem die höhern Bedürfnisse ausführlich genannt sind: wird es nun leicht sein, zuverlässige Grundsätze anzugeben, die in Befriedigung derselben befolgt werden müssen, wenn das Wohlsein des Menschen dadurch nicht leiden, sondern gewinnen soll.

1. Es ist Torheit, die niederen Bedürfnisse zum Nachteile der höheren zu befriedigen. Denn da die Entwicklung des Höheren Zweck des Niederen ist, so heißt die niederen Bedürfnisse zum Nachteil der höheren befriedigen, soviel als, über dem Gebrauche des Mittels den Zweck versäumen, oder vielmehr das Mittel zum Zwecke machen. Das aber ist offenbar Torheit, so wie es auch Torheit ist, die Rangordnung der Dinge umkehren und das Unedlere vorziehen.

2. Es ist also Weisheit, die Befriedigung der niederen Bedürfnisse so beschränken, daß die höheren nie Nachteil, sondern nur Vorteil davon haben. Denn Weisheit muß es sein, den Zweck nie aus dem Auge zu lassen und ihn praktisch gebieten lassen, daß das, was Mittel sein soll, den Zweck nie hindere, sondern immer fördere.

3. Die Enthaltsamkeit, d. i. die Stärke des Geistes, die in Befriedigung der niederen Bedürfnisse nie gegen und immer für den Vorteil der höheren entscheidet (das, was man Mäßigkeit im allgemeinen Sinne des Wortes nennen kann), ist wahre Weisheit des Menschen.

4. Es gehört zur Mäßigkeit, wie zur Weisheit des Menschen, die niederen Bedürfnisse nicht zu vervielfältigen.

5. Alle Arten von Erziehung und Bildung der Menschen also, die die niederen Bedürfnisse ohne Not vervielfältigen, sind ein neues Uebel, statt daß sie dazu dienen sollten, dem alten abzuhelfen.

6. Es ist also wahre Weisheit, sich zu üben in der großen Kunst zu entbehren und zu leiden. Man muß das Angenehme entbehren können, das die Vervielfältigung, oder die unbeschränkte Befriedigung der niederen Bedürfnisse gewähren könnte; man muß das Unangenehme leiden, das mit Entbehrung des Angenehmen, oder wie immer mit dem Ringen nach Wahrheit, Vollkommenheit, Friede verknüpft ist.

7. Unter allen selbstgemachten Bedürfnissen ist die Gewohnheit, gegen das heilige Gesetz in uns zu handeln, das fürchterlichste und unnatürlichste Bedürfnis. Der fürchterlichste Zustand ist es: »Das Gute kennen und lieben, achten und vollbringen sollen, und ohne das Böse nicht mehr leben können.« Der unnatürlichste Zustand ist es: »für das Gute, das der höhern Natur des Menschen so natürlich sein sollte, wie das Atemholen der sinnlichen Natur, ohnmächtig sein, und in dem Bösen, das unserer höhern Natur fremd sein sollte, wie im eigenen Elemente existieren.«

Die Enthaltsamkeit von dem Laster ist also die unterste, aber notwendigste Stufe der Mäßigkeit und der Weisheit.

III. Unzuverlässig ist der Grundsatz: Dazu fühle ich einen Trieb, das ist mir ein Bedürfnis: also ist es gut. Denn 1. auch die Naturbedürfnisse können ausarten. Es kann mich das Streben nach Freisein, über die Schranken der Vernunft hinauswerfen, kann mir die Ungebundenheit, die Gesetzlosigkeit zum Bedürfnisse machen. Es kann 2. das, was ich für ein Bedürfnis der Natur halte, ein selbstgemachtes sein. So fühlt der Freund des Trinkens auch nach befriedigtem Bedürfnisse der Natur, immer noch einen Trieb zum Trinken, bis seine Gesundheit dahin ist. Es kann 3. die Befriedigung des Naturbedürfnisses gerade in dieser Lage mit den anerkannten Rechten anderer Menschen, und meinen anderen Pflichten in Kollision kommen. Die Decke und ein Dach, das vor Ungemach der Luft schützt, ist offenbar ein Naturbedürfnis; und doch, wenn ich mir ein Haus auf fremdem Grunde gegen den erklärten Willen des Besitzers bauen wollte, so würde dadurch das Recht des Besitzers gekränkt, und meine Pflicht, sein Recht ungekränkt zu lassen, verletzt. Es ist 4. der Eigenliebe sehr leicht, die Versuchungen zum Unrecht in Naturbedürfnisse umzukleiden, und den Ausbrüchen der Bosheit den schönen Titel: meine Natur bedarfs, anzuheften; wie die Eigenliebe des Geizigen ihr Kunststück nicht unterlassen, und was die Leute für Geiz halten, für Sparsamkeit und Vorsicht ausgeben wird.

IV. Wenn wir nun alles, was von den Bedürfnissen gesagt worden, auf die Glückseligkeit des Menschen beziehen: so ist das Resultat dieses:

Der Mensch ist desto glückseliger, je mehr

1. Die höhern Bedürfnisse seiner Natur wirklich befriedigt,

2. Die niedrigen Bedürfnisse seiner Natur nach der Vorschrift der Enthaltsamkeit und Wahrheit beschränkt, und

3. Die selbstgemachten Bedürfnisse abgetan, oder wenigstens den höhern untergeordnet sind.

Je mehr die höheren Bedürfnisse wirklich ihre Befriedigung finden und die höheren das Richtmaß in Befriedigung der niederen und in Beschränkung der selbstgemachten werden: desto glückseliger wird der Mensch, ein Mensch unter Menschen. Laßt uns Menschen werden!

Dritter Abschnitt. Von den Gemütszuständen des Menschen

Der Geist des Menschen hat nicht Schärfe des Blickes genug, alles das, was in seinem Innern vorgeht, auch nur zu bemerken; die Sprache nicht Worte genug, auch nur das Bemerkte zu nennen: so mannigfaltig, so schnell wechseln, so wunderbar wirkend sind die Zustände des menschlichen Gemütes. Das Belehrendste und Zweckmäßigste möchte in Hinsicht auf die Glückseligkeit des Menschen wohl dieses sein, zuerst die zwei äußersten Zustände, der Zustand der Ruhe und den Zustand des Affektes, und dann die Zwischenzustände zwischen diesen beiden Extremen näher zu untersuchen.

1. Es ist offenbar, daß wir von unserer eigenen Natur gedrungen werden, nur in dem Guten und Wahren unsere Befriedigung zu suchen. Deswegen schämen wir uns, wenn wir uns betrogen fühlen, und bekennen müssen, daß wir das Falsche für wahr, das Ungute für gut genommen haben. Deswegen fragen wir immer nach Wahrheit, und deswegen müssen die Gegenstände, denen wir unsere Liebe schenken, wenigstens den Schein des Guten für uns haben.

2. Es ist ferner offenbar, daß wir im Wahren und Guten diese Befriedigung nicht finden können, wenn wir nicht das Wahre und Gute erkennen, und mehr lieben und achten, als alles Unwahre und Nichtgute, und

3. Daß wir, insofern unsere höheren Bedürfnisse eine Art von Unendlichkeit in sich haben, nur in der Urquelle alles Guten und Wahren unsere volle Befriedigung finden können. Wenn nun

4. Der Menschengeist das Wahre und Gute erkennt und mehr liebt und achtet, als alles Nichtgute und Unwahre; wenn diese Liebe und diese Achtung, – um nicht auf halbem Wege oder gar bei dem Scheine stehen zu bleiben, – sich wirklich zur Urquelle alles Guten und Wahren erhoben hat; wenn diese Liebe über alles andere gebietet, dann ist Ruhe im Menschengeiste.

5. Daß die Gewissensruhe ein wesentlicher Bestandteil der hier beschriebenen Seelenruhe ist, bedarf keiner Erwähnung. Auch ist aus dem gegebenen Begriffe klar, daß sich dieser Zustand mit der Unabhängigkeit des Geistes von Sinnlichkeit und niederen Neigungen deckt, also eben das ist, was seine wahre Freiheit ausmacht. Diese Freiheit könnte als der rechte Maßstab der Größe des Menschen angesehen werden. Je unabhängiger, desto freier, und je freier, desto größer.

6. Daß die rechte Größe des Menschen und die Ruhe seines Geistes in einem bestimmten Verhältnis zu einander stehen, erhellt auch daraus, daß, in diesem Zustand der Geist des Menschen geschickter ist, als in jedem anderen

a) über Wahrheit und Falschheit der Begriffe nachzudenken:

b) über Recht und Unrecht zu entscheiden;

c) bedeutende Entschlüsse zu fassen;

d) Pläne zur Beglückung anderer zu entwerfen und auszuführen;

e) um des Wahren und Guten willen große Leiden zu ertragen.

7. Diese Geschicklichkeit hat in sich einen ewigen, und bei allen Kennern anerkannten Wert der Größe. Also muß auch die Quelle dieser Geschicklichkeit, die Ruhe des Geistes, wahre, des Menschen würdige Größe sein.

II. Diese Größe verliert dadurch nichts, daß sie so selten ist, und daß die Affekte den Menschen so allgemein in seiner Niedrigkeit darstellen.

So bald irgend eine Vorstellung den Verstand, und irgendeine Neigung den Willen des Menschen gefangen nimmt, so, daß dadurch die Herrschaft der Vernunft angegriffen oder gar überwältigt wird; dann ist die Seele im Zustande des Affektes, (wie hier das Wort im engeren Sinn und im Gegensatz zur Seelenruhe gebraucht wird.) – Es ist ein Gesetz in uns, das keine Vernunft leugnen kann, das Gesetz nämlich: Sieh überall auf das Wahre, Gute, liebe, achte und tue es.

Die Sinnlichkeit handelt nun oft gegen dieses Gesetz und das ist es, was die Alten sehr schön und wahr: Empörung, Aufruhr der Sinnlichkeit gegen die Vernunft nannten.

Von der ersten Regung des Affektes an bis zum vollen Ausbruche, und noch mehr bis zu den größten Verheerungen, die er anrichten kann, sind unzählige Grade und Steigerungen denkbar, etwa in folgender Stufenleiter:

Affekt
Leidenschaft
gebietende Leidenschaft
verkehrende Leidenschaft
zerrüttende Leidenschaft.

1. Die Kraft des Affektes ist die zusammengesetzte Kraft aller der einzelnen Vorstellungen und Neigungen, die die Sinnlichkeit, die Einbildungskraft, das Gedächtnis, die mißbrauchte Vernunft, und das geweckte Begehrungsvermögen nach dem Gebote des Affektes in Eins zusammendrängen. Der Affekt spannt die Kräfte, und sammelt sie auf Einen Punkt, und vermehrt sie dadurch, daß er sie spannt, und auf Einen Punkt sammelt. Jeder Affekt hat seinen Brennpunkt, von dem die innere Wirksamkeit ausgeht, und sich auf äußere Gegenstände fortleitet.

Diese Kraft des Affektes steigert die Gewohnheit, sich demselben hinzugeben und von demselben meistern zu lassen. Jede Gewohnheit ist Herrscherin in ihrem Gebiete; aber die Gewohnheit, sich von einem Affekte meistern zu lassen, ist in dem nämlichen Menschen stärker als seine übrigen Angewöhnungen. Daher kann man, der menschlichen Freiheit unbeschadet, nicht selten vorhersagen, was gewisse Menschen, die sich in Zuständen gewisser Affekte befinden, tun werden. Das Zünglein der Wage neigt sich eben nach der Schale, in der das große Gewicht der Gewohnheit liegt.

Dem Affekt als Aufruhr der Sinnlichkeit gegen die Vernunft ist eigen, daß er seiner Natur nach

a) lichtscheu macht,

b) nie unfruchtbar ist,

c) schnell und unmerklich vom Kleinsten zum Höchsten forteilt, wenn ihn keine fremde Kraft hindert und beschränkt.

a) Er macht lichtscheu, weil das Licht die Blöße entdeckt, und die entdeckte Blöße den Genuß verbittert. Er macht lichtscheu, weil er keinen Sinn für Belehrung hat, und den Sinn für Belehrung, der sonst im Menschen ist, verschließt, um ungehindert wirken zu können. Er macht lichtscheu, weil sein Wesen Aufruhr gegen das Licht, und Finsternis sein Element ist.

b) Er ist nicht unfruchtbar, denn der Affekt ist keine tote Idee, kein lahmes Wollen, sondern ein lebendiges Streben, aus vielerlei Kraft zusammengesetzt, die nach allen Richtungen wirkt.

c) Er eilt schnell und unmerklich vom Kleinsten zum Höchsten. Man hat noch keinen Maßstab gefunden, um die kleine Zeitlinie zu messen, die zwischen dem Worte, das zum Zorne reizt – und zwischen dem glühenden Auge, dem sich aufstellenden Haare, der donnernden Zunge und der mordenden Faust in der Mitte liegt, – indeß das Arbeiten der Vernunft so langsamen Schrittes zu sein scheint, daß man meint, sie ginge zurück.

Am hellsten zeigt sich die Natur des Affektes, wenn wir das menschliche Herz in den drei Zeiten, vor, in, und nach Befriedigung des Affektes betrachten.

a) Vor der Befriedigung des Affektes bemerken wir im Menschen Mangel an zureichender Ueberlegung, festen Glauben an Trug- und Blendideen, eine Uebereilung des Verstandes und Herzens, eine Bestimmung zu Urteil und Wahl, die nicht in voller Ansicht des Wahren und Guten, und nicht aus dieser vollen Ansicht entstand. Diese Uebereilung bemerkt aber der, welcher sich übereilen läßt, erst nach der Uebereilung, und so ist das Wort »Uebereilung« das rechte Wort, das genau den Zustand eines Menschen ausdrückt, der einem Affekte dient. Dies gilt auch von den ältesten Verbrechern. Wenn sie alle Umstände und Folgen, noch so genau überlegt zu haben glauben: so erscheint es doch, oft bald nach der Tat, daß sie blind gehandelt haben.

b) In Befriedigung des Affektes ist der Mensch vor Lust blind und taub, kann und will die Vernunft nicht hören und ist so recht der Ball dunkler Gefühle, oder trägt vielmehr das schmähliche Joch der Begierde.

c) Nach Befriedigung des Affektes bemerkt er in sich: Unruhe, Scham, Gefühl des Betrogenseins, Reue, Furcht, elende Untätigkeit, Kraftlosigkeit zum Rechttun. – Das sind unmittelbare Folgen des befriedigten Affektes, so lange der Affekt die Stimme der Wahrheit in uns noch nicht unhörbar gemacht; und sind noch Wohltaten für den Menschen, indem sie als Folgen des Bösen auf das Gute, das er verlassen, und als Wehen auf das Wohl, das er verloren, zurückweisen. Unruhe, dieser Zwist mit sich selbst, ist ein Fingerzeig auf das Gute, das uns ruhig und heiter macht, und eins mit uns selbst sein läßt; Scham auf das Gute, dessen wir uns nie zu schämen haben; Reue auf das Gute, dessen es uns nie gereuen kann; Gefühl des Betrogenseins auf das Gute, das nicht nur gut scheint, sondern auch ist, und dessen eigentlicher Schein immer Wahrheit ist; Furcht auf das Gute, das uns der Belohnung würdig macht, und auch im Leiden tröstet; elende Untätigkeit auf das Gute, das den Geist mit Freude tränkt, und dadurch auch den Körper belebt; Kraftlosigkeit zum Rechttun auf das Gute, das Mut und Lust zum Rechttun in die Seele legt.

2. Je nach der Stärke der Affekte und ihrer Vermischung untereinander, ändert ihr Name. So heißt Freude Entzücken, wenn sie einen höheren Grad erreicht; Schrecken Betäubung, wenn das Bewußtsein zu schwinden beginnt; der Zorn Wut, wenn die Vernunft vollends zum Schweigen gebracht ist und die Sinnlichkeit gewaltsam ausbricht. So heißt anhaltende Betrübnis Kummer, anhaltender Verdruß über sich Gram. So heißt Verlangen mit Erwartung Hoffnung; Freude am Genuß des Guten, mit Furcht des Verlustes, Eifersucht. So heißt Zorn, wenn er im Innern verschlossen bleibt und anhält. Groll: und wenn er zugleich einen recht großen Grad erreicht hat, Ingrimm.

3. Wenn der Affekt jenen Grad von Lebhaftigkeit erreicht hat, in dem die Vernunft sich leidend verhält: so nennt man den Affekt Leidenschaft, weil der bessere Teil in uns leidet unter dem Drucke, oder dem Despotismus des schlechtem. Zwar wirkt die Vernunft auch in einem leidenschaftlichen Menschen, aber nicht nach ihrem Gesetze, sondern nach dem Befehle der Leidenschaft für die Leidenschaft. Und nur in dem Sinn hält sie sich bei der Leidenschaft passiv, daß sie nicht gegen das, was unrecht ist, mit Nachdruck spricht.

Wenn die Leidenschaft nicht gehemmt, oder unterdrückt wird, so wird sie nach und nach gebietend, herrschend, Lieblingsleidenschaft, und als solche ist sie, ihrer Natur nach, verkehrend. Weil sie herrscht, so beherrscht sie, und weil sie beherrscht, so verkehrt sie. Sie verkehrt die Urteile und die Neigungen. Denn sie macht, daß der Verstand nicht für gut hält, was ihm sonst als wahr und gut einleuchtet, oder einleuchten könnte; sondern was der Leidenschaft daranliegt, für wahr und gut auszugeben. Sie macht, daß der Wille nicht mehr das für gut und wahr achte und liebe, was wahr und gut ist; sondern was die Leidenschaft gebeut. Im Grunde sind die Urteile der Leidenschaft, wie das Kopfnicken der Drahtpuppen. Die Köpfe nicken, wie sie gezogen werden, und die Leidenschaften ziehen.

III. Die Leidenschaft, wenn sie herrschend und verkehrend geworden ist, wirkt nach und nach zerrüttend

im Erkenntnisvermögen,
im Begehrungsvermögen,
im Leibe,
im ganzen Wirkungskreise des Menschen.

 

Zerrüttungen der Leidenschaft im Erkenntnisvermögen

1. Sie zieht die Aufmerksamkeit von dem Wahren, Guten, Edlen, Wichtigen, Notwendigen ab und beschäftigt sich nur mit dem, was scheinbar, gleißend, tändelnd, nichtig ist, und dazu den Menschen böse und elend macht. Die Aufmerksamkeit aus ihrem Elemente, dem Wahren und Guten, herausgerissen, und in ein fremdes Element, in das Element der Leidenschaft hineingeworfen, handelt mehr nach dem Gesetze des blinden Instinktes, als nach dem Gesetze der freien Ueberlegung; arbeitet immer nur nach dem einen Plan, Lust wirklich zu machen, und Unlust zu entfernen; hat sich also aus dem hohen Königsberufe, der Leidenschaft Gesetze vorzuschreiben, verdrängen, und zu dem Sklavenberuf, ihr zu gehorsamen, erniedrigen lassen.

2. Sie erzeugt und unterhält die unrichtigsten Vorstellungen von der Natur der Dinge, eben deswegen, weil die Urteilskraft nicht mehr das, was mit den ewigen Gesetzen des Verstandes übereinstimmt, sondern das, was mit dem Zwecke der Leidenschaft übereinstimmt, für wahr halten muß. Die Leidenschaften erkennen kein anderes Interesse als zu herrschen, und keine andere Wahrheit als die Uebereinstimmung der Dinge mit ihrem Interesse. Ihre ganze Staatskunst besteht darin, dieses ihr allerhöchstes Interesse geltend zu machen. Daher geschieht es denn, daß die abenteuerlichsten und unnatürlichsten Vorstellungen nur in dem Zustande der Leidenschaft ausgebrütet und gepflegt werden, deren wir uns bei ungeänderter Gemütsstimmung schämen müssen. So ist in dem Blicke des Neides das Weiße wirklich schwarz, das Gute, das der Nachbar an sich hat, böse, das Meisterstück, das er hervorgebracht, fehlerhaft, die Freude, die ein glücklicher Mitstreiter um Ehre und Brot genießt, eine Quelle der Traurigkeit und die Jammerstunde des Bruders ein Freudenfest.

3. Blendet die Leidenschaft das Auge, daß es wirklich das Mittel als Zweck ansieht, und wird dadurch eine Quelle mancher Torheiten. So macht der Geiz, die Anhäufung und den Besitz des Geldes, welches nur Mittel zu unserem zeitlichen Wohlstand ist, zum Endzweck alles Strebens und zum Mittelpunkt aller Wünsche. So macht der Hochmut die Ehrenbezeugungen, die nur Mittel zur festeren Verbindung der Menschen untereinander und zur Erhaltung der Ordnung zwischen den Ständen sein sollen, – so der ausschweifende Hang nach sinnlichen Vergnügungen, das Essen, Trinken, Spielen, was alles nur Mittel teils zur Erhaltung der Gesundheit, teils zur Erheiterung des Gemütes, teils zur Ergänzung der verlorenen Kräfte sein soll, zum Endzweck des Lebens.

4. Die Leidenschaft erzeugt den Wahnsinn oder um den mildesten Ausdruck zu gebrauchen, den wahnsinn-ähnlichen Zustand, daß man glaubt, durch wiederholte Befriedigung der Leidenschaft zur Zufriedenheit kommen zu können, da man doch durch jede wiederholte Befriedigung der Leidenschaft gerade noch tiefer in das Meer der Unzufriedenheit versenkt wird. Dem Leidenschaftlichen geht es wie den Knaben in der Fabel, die so geschäftig einen Schneemann wälzten. Durch jede Umwälzung ward er größer, immer größer, bis sie ihn auf die naheliegende Anhöhe hinaufgetrieben. Da ward er ihnen zu mächtig: sie konnten ihn nimmer halten; der Schneemann, den die Kinder so groß gemacht, der Gegenstand ihres Spieles, das Werk ihrer Freude und ihrer Hände – fing zu laufen an, und zerdrückte die armen Knaben! – So spielen wir mit unsern Neigungen, bis sie Leidenschaft, und durch jede Befriedigung mächtiger, und endlich übermächtig werden, und in ihrer fürchterlichen Uebermacht die gesunde Vernunft zerdrücken – den Menschen, der durch sie die Seligkeit zu finden glaubte, unglücklich machen.

 

Zerrüttungen der Leidenschaft im Begehrungsvermögen

Diese Zerrüttungen werden uns anschaulicher, wenn wir die zwei Gemälde, der Ordnung und der Unordnung, nebeneinander stellen.

1. Wenn die Willenskraft des Menschen geordnet ist: so ist der Wille in einer Richtung gegen das Gute und Böse, die seiner Natur gemäß die rechte ist. Diese schöne Richtung ist eben die, welche das Gesetz der Vollkommenheit, oder deutlicher, das Gesetz der Ordnung gebeut. Wo aber die Leidenschaft herrscht, da ist der Wille außer der rechten geraden Richtung. Denn dann ist nicht gut, was wirklich gut, nicht böse, was wirklich böse; sondern nur was in das Reich der Leidenschaft taugt, das ist gut, und was in das Reich nicht taugt, das ist böse.

2. Wenn die Willenskraft des Menschen geordnet ist, so ist der Wille in dem Besitze des Trostes recht getan zu haben, und in dem Besitze einer Kraft, noch ferner recht zu tun. Das Gute, das man achtet und liebt, das vollbringt man willig, und das Gute, das man willig vollbringt, das läßt uns nie ganz leer an Wohlsein ausgehen; und – sowohl die Uebung im Guten als die Freude aus dem Guten, salbt mit neuer Kraft, das Gute zu vollbringen. Wo aber Leidenschaft herrscht, da kann die Zuversicht recht getan zu haben, nicht Stelle finden; und das Herz mag sich noch so sehr vor dem strafenden Blicke der Wahrheit verbergen: es kann ihm doch nicht ausweichen, es wird oft in Mitte der rauschenden Vergnügungen durch die Peitschenschläge des tadelnden Gewissens, (so lange es noch nicht zum unnatürlichen Schweigen gebracht ist), scharf gezüchtigt, und bleibt doch dabei lahm zu allem, was wahrhaft gut ist und dessen Ausübung ein Opfer der nämlichen Leidenschaft forderte.

3. Wenn die Willenskraft des Menschen geordnet ist, so ist der Wille in der rechten Fassung, unzählige andere Freuden zu genießen, die ihm bald die Schönheiten der Natur, in denen sich die Menschenfreundlichkeit Gottes und seine Weisheit malen, bald die edlen Handlungen anderer, bald die vortrefflichen Werke der Kunst darbieten. Wo aber Leidenschaft herrscht, da erscheint nur der Gegenstand dieser Leidenschaft, und was mit ihr übereinkommt, oder ihr in die Hand arbeitet, schön und gut. Für alles übrige Gute und Schöne hat die Leidenschaft keinen Sinn, und es ist, als wenn es nicht da wäre. Die Leidenschaft verstimmt den Menschen, daß er im Durste nach Freuden, die ihn elend machen, die Freuden, die ihm so nahe liegen, und ihn wahrhaft erquicken, nicht sieht und nicht genießt.

4. Wenn die Willenskraft geordnet ist, so ist der Wille im Besitze der wahren Freiheit. Nur der ist wahrhaft frei, welcher dem Gesetze der Vollkommenheit dient. Nur der, welcher will, was er soll – darf, was er will. Gutsein ist also die Wurzel der wahren Freiheit. Dies ist auch das Glaubensbekenntnis aller besseren Philosophie, die nicht den frei spricht, der tut was er will, sondern den allein, der nichts will, als was er wollen darf. Wo aber Leidenschaft herrscht, da ist Sklaverei des Geistes. Der Geist folgt dem eisernen Szepter der Leidenschaft, und tut nicht das, was er seiner Natur nach tun soll, oder auch will, sondern was die niederen Neigungen ungestüm fordern. Das Edle gehorcht dem Niederen, und der Diener meistert seinen Herrn. Und je mehr sich der Herr von dem Diener meistern läßt, desto tiefer sinkt er von seiner Würde herab. Es ist schrecklich, wie der Mensch durch Befriedigung der Leidenschaft seine Freiheit beschädigt. Immer schwerer, immer schwerer wird ihm das Rechttun; bald scheint es ihm ganz unmöglich. Er schmiedet sich selbst in Bande, und die Bande immer fester, daß er sie nimmer zerbrechen kann und am Ende wird ihm das Böse zur Notwendigkeit, nachdem er demselben lange genug freiwillig gedient hat.

 

Zerrüttung der Leidenschaft im Leibe

1. Die Leidenschaft zerstört nicht nur die Harmonie der Seelenkräfte, sondern sie zerstört auch in ihren Auswirkungen auf den Leib die Harmonie der körperlichen Kräfte. Diese traurige Wahrheit, die Aerzte und Krankenlager, Spitäler und Kirchhöfe laut genug predigen, wird durch die Natur des Menschen klar bewiesen. Alle heftigen Gemütsbewegungen sind mit heftigen Bewegungen im Körper verknüpft; alle heftigen Bewegungen im Körper sind heftige Anspannungen der Nerven, Fibern, Fasern usw. Alles aber was heftig anspannt, das spannt nach und nach ab, schwächt, lähmt, tötet: also sind alle heftigen Affekte ihrer Natur nach Zerstörer des körperlichen Wohlseins. Und sie zerstören gerade desto ungehinderter, je unmerklicher sie insgeheim arbeiten und ungesehen untergraben, und je mehr sie an der Eigenliebe eine treue Sachhalterin finden, die aus dem nicht wahrgenommenen Schaden auf die Nichtschädlichkeit des Schädlichen schließt.

2. Neben dieser zerstörenden Kraft, die nach und nach tötet, haben die Affekte noch eine andere. »Jeder Affekt, der plötzlich trifft, kann plötzlich töten.« Daher werden bei Nachrichten von Begebenheiten, die große Freude oder großen Schmerz erregen können, Vorbereitungen gemacht, damit teilnehmende Herzen dem Eindrucke nicht erliegen. So ist die Mäßigung nicht nur eine unentbehrliche Bedingung zum Wohlsein des Geistes, sondern auch des Körpers. Daher ist die frühe Angewöhnung zur Ueberlegung so wichtig, weil sich ohne Achtsamkeit auf sich, ohne Besinnung, keine Mäßigung denken läßt.

3. Die zerstörenden Kräfte des Affekts greifen nicht bloß die Gesundheit, die innere Harmonie der körperlichen Teile an, sondern auch die äußere Bildung des Menschen. Besonders leicht entweihen, verunstalten und verwüsten sie sein Antlitz und drücken ihm die häßliche Gestalt der Sünde ein. Kann doch der ausgetretene Strom nicht in sein Ufer zurücktreten ohne Spuren der Ueberschwemmung zurückzulassen: wie wollte das Feuer der Leidenschaft sich in den reizbaren Teilen des Angesichtes ausgießen können, ohne Spuren ihrer verzehrenden Kraft zurückzulassen? Ist doch alle Wirkung der Ursache ähnlich, und durch die Aehnlichkeit ein Bild der Ursache: wie wollte die häßliche Leidenschaft, die zuerst den Geist verwüstet, und dann die Gesundheit des Leibes zerstört, nicht auch einen häßlichen Eindruck, den Charakter ihres Wesens, im Angesichte des Menschen zurücklassen? – Was macht uns die Kinder so lieb, als die Unschuld, die aus ihrem Angesichte leuchtet? Und was ist die Gestalt der Unschuld anders, als ein lieblich Bild, daran die Leidenschaften noch nichts verderbt haben? Und der Rat des Sokrates an Schöngebildete: »Erhalte durch Tugend, was die Natur dir gab«; und an Mißgebildete: »Bring auf dem Wege der Tugend herein, was dir die Natur versagt«, wie gerne möchte er den Zerrüttungen zuvorkommen, die die Leidenschaften anrichten?

 

Zerrüttung der Leidenschaft im ganzen Wirkungskreise des Menschen

Wie die wütende Flamme nicht inne hält bis sie das Haus, in dem sie erzeugt worden, verschlungen hat, sondern durch den Raub genährt, alles, was ihre Kraft erreichen kann, ergreift, was sie in Flamme verwandeln kann, verwandelt, und was sie zerstören kann, zerstört: so setzt die Leidenschaft ihren Verwüstungen, die sie in dem Geiste und in dem Leibe des Menschen, als in ihrer Geburts- und Wohnstätte, angerichtet, keine Grenzen, sondern verwüstet auch außer dem Menschen, was sie verwüsten kann. Sehen wir die Leidenschaft als einen Punkt und ihre zerstörende Kraft als einen Radius an, der sich um den Mittelpunkt bewegt und eine Kreislinie beschreibt, so haben wir an der beschriebenen Kreislinie das rechte Bild von dem Wirkungskreise der Leidenschaft. Alles was in diesen Kreis kommt, erfährt die Wirkung der Leidenschaft. Stelle jeder aus uns seine Leidenschaft nur einmal in den Mittelpunkt hinein, und sehe jeder auf den Zirkel, den die verwüstende Kraft seiner Lieblingsleidenschaft beschreibt, dann möchte es uns schwer werden, nicht über uns zu erröten.

IV. Wenn wir nun den Zustand der Seelenruhe, und den Zustand des Affektes mit dem Wohlsein des Menschen vergleichen: so ergeben sich nachstehende Resultate:

1. Befriedigung der herrschenden Leidenschaft kann den Menschen nicht glücklich machen. Denn die Befriedigung der herrschenden Leidenschaft zerrüttet ja die edelsten Kräfte des Menschen, Verstand und Wille; zerstört überdies die Harmonie unter den körperlichen Kräften; gräbt auch in das Aeußere des Menschen die Züge der inneren Unordnung ein; und richtet schreckliche Verwüstungen in dem ganzen Wirkungskreise des Menschen an. Sie, die Leidenschaft, wirft uns aus der Richtung zum Guten, aus der Fähigkeit zur Freude, aus dem Besitze der Zuversicht und der wahren Freiheit heraus, oder läßt uns nie hineinkommen, wenn wir noch nie darin gewesen sind: macht uns immer unfähiger das Wahre und Gute zu erkennen, zu achten, zu lieben; verkehrt immer mehr die Urteile über Mittel und Zweck; läßt nichts als Unruhe zurück, und raubt am Ende auch die Unruhe, die uns noch zum Guten zurückführen könnte; macht immer kälter gegen das Gute – und am Ende ungläubig an dasselbe, also unfähig, gut und froh zu sein, – und damit elend und unglücklich.

2. Die unmittelbaren Folgen der Leidenschaften sind die Glückseligkeiten des Menschen nicht. Die Unruhe, das Gefühl des Betrogenseins, die Scham, die Reue können zwar den Menschen wieder zur Glückseligkeit zurückweisen, und auch zurückführen helfen. Aber ein Wegweiser, der mir die rechte Straße zeigt, oder ein Stab, der mich auf der Reise begleitet und stützt, oder auch der Weg selbst, sind nicht das Ziel. Unruhe ist die Folge der Unordnung, und so wie Unordnung nicht das Gutsein, so ist Unruhe kein Wohlsein des Menschen. Auch sind Reue und Scham mit der unangenehmen Selbstanklage verbunden, und wo diese Selbstanklage, da keine Gewissensruhe. Die elende Untätigkeit und Kraftlosigkeit zum Guten hat weder das Gepräge des Guten, noch des Angenehmen.

3. Zwischenzustände zwischen der Seelenruhe und den Affekten wie Untätigkeit, mehr körperliche als geistige Ruhe, Gleichgültigkeit, Kälte, Gefühllosigkeit, Langeweile, düstere Laune können keine Glückseligkeit des Menschengeistes sein, und kein Mittel dazu. Denn sie sind an sich nicht sittlich gut, und machen nicht gut; sie sind an sich keine Freude, schaffen keine Freude, und machen auch nicht freudefähig, sind mehr Stillstand und Lähmung der Menschenkräfte als eigentliches Leben des Menschen. Die Langeweile und düstere Laune sind noch darüber hinaus eine wahre Plage des Menschen.

4. Die Seelenruhe hingegen muß von jedem Kenner der menschlichen Natur entweder als die Glückseligkeit des menschlichen Geistes selbst, oder als ein unentbehrlicher Bestandteil derselben angesehen werden. Denn wer diese Ruhe hat, der hat in dem Wahren und Guten und in der Urquelle des Wahren und Guten Befriedigung gefunden. Er ist also in seinem Elemente. Er hat Freude, und sie ist ihrer würdig, weil er die Urquelle alles Guten und Wahren über alles achtet und liebt, also selbst gut, und dem Besten ähnlich ist. Es ist ferner die Quelle der Unruhe, die Leidenschaft, in ihm besiegt, und die Liebe und Achtung des Guten und Wahren herrschend geworden: also ist das Wohlsein anhaltend. Anhaltendes, würdiges Wohlsein aber gilt überall für Glückseligkeit oder als Bestandteil derselben.

5. Kampf wider die Reize zum Unrecht und für das heilige Gesetz in uns ist ein notwendiges Mittel zur Seelenruhe, und damit zur wahren Glückseligkeit des Menschengeistes. Es läßt sich im Menschen keine wahre, würdige Glückseligkeit denken ohne besiegte Sinnlichkeit; keine besiegte Sinnlichkeit, ohne siegende Achtung und Liebe für das Gute und ohne Widerstand gegen alle Reize zum Bösen – ohne Kampf; also keine Seelenruhe ohne Kampf.

6. So wie der Kampf zur Seelenruhe nötig ist, so zu diesem Kampfe einige Erkenntnis der Affekte und ihrer zerstörenden Kräfte. Wer sich nicht kennt, kann in sich nicht bekämpfen, was dem Guten widerstrebt; und wer es nicht bekämpft, kann sich nicht beherrschen; und wer sich nicht beherrscht, kann nicht ruhig werden und ruhig bleiben. Schnell und unmerklich werden die Affekte Leidenschaften, und die Leidenschaften erzeugen andere, und verkehren und zerrütten alles in und außer dem Menschen; schrecklich ist das Reich der Einbildungskraft und der Gewohnheit; künstlich verlarvt die Eigenliebe die Affekte in uns; einen ganz anderen Weg nimmt das Menschenherz vor Befriedigung des Affektes, und einen anderen nachher, es ist, als wenn uns vor dem Laster die Scham genommen, und nach demselben wiedergegeben würde. Wer nun den Blick nicht in sich kehrt und in seinem eigenen Hause nicht zu Hause ist: wie kann der die Gefahren der Unordnung und des Elendes wahrnehmen, wie kämpfen, siegen und ruhig werden? Anmerkung. Da das Wahre und Gute in einem Menschen nicht gebieten kann, ohne daß sich die Sinnlichkeit und Torheit dagegen empört, und jede Empörung Unruhe macht: so gibt es eine Art Unruhe, die als eine Geburtswehe des Besseren und als ein Vorbote der Glückseligkeit angesehen werden kann.

7. Das Wichtigste aus dieser Abhandlung in Hinsicht auf die Glückseligkeit des Menschen ist also dieses:

I. Je höher die Ruhe, je fester die Heiterkeit des Geistes: desto glückseliger der Menschengeist.

II. Laßt uns also ruhig und heiter werden, denn ohne Seelenruhe und Heiterkeit – keine Glückseligkeit.

III. Laßt uns also gut werden; denn ohne Gutsein – keine Seelenruhe.

IV. Laßt uns mutig und anhaltend wider alles, was nicht gut ist, kämpfen; denn ohne Kampf – kein Gutsein, keine Ruhe, keine Glückseligkeit.

Das ist das Geheimnis aller Moral; zwar nicht so fast ein solches der Erkenntnis – denn diese ist ziemlich allgemein – aber gewiß ein solches der Anwendung, denn diese ist selten genug.

Vierter Abschnitt. Von der Würde des Menschen

Wir sind in den vorangehenden Untersuchungen schon auf mancherlei Spuren der Würde des Menschen gekommen: hier wollen wir diese, und etwa noch andere, die sich noch ausfindig machen lassen, sammeln, in ein Ganzes bringen, um daraus die Freudefähigkeit des Menschen noch anschaulicher zu machen.

Die Würde des Menschen begreift in sich alle Eigenschaften, Fälligkeiten, Anlagen, Kräfte, Uebungen, Geschicklichkeiten, Hoffnungen, Aussichten, Rechte und Ansprüche, die ihm einen Vorzug vor den übrigen, uns bekannten, Erdgeschöpfen geben. Sie ist teils angeboren, teils erworben.

 

A. Von der angeborenen Würde des Menschen

I. Die Würde des Menschen offenbart sich schon in der Betrachtung des Menschenleibes, insofern dieser Hülle und Werkzeug des Menschengeistes ist.

Die Gestalt des Menschen ist 1. aufrecht. Der Mensch ist nicht nur hierin einzig auf Erden, wie es die Naturgeschichte lehrt, sondern der aufrechte Gang ist ihm auch einzig natürlich, wie es der Bau des Körpers beweist. »Der Fuß des Menschen fest und breit: seine Ferse zum Fußblatte gezogen: die Wade vergrößert: das Becken zurück: die Hüfte auseinander: Schlüsselbeine und Schultern für den aufrechten Gang geformt: die Finger feinfühlend: der Kopf auf den Muskeln des Halses zur Krone des Gebäudes erhoben.« Diese Spur der Menschenwürde strahlte den Beobachtern früh genug ins Auge. Die Griechen nannten deshalb den Menschen ἄ;νϑρωπος, ein über sich hinauf schauendes Geschöpf. Auch gehört nicht viel Scharfsinn dazu, das Symbolische, das Bedeutende der aufrechten Gestalt zu dolmetschen: »Der Geist schaue dorthin, wohin das Antlitz des Menschen, – gen Himmel, und der Sinn des Menschen sei gerade und aufrecht, wie sein Gang.«

Der Körper des Menschen ist 2. zur Sprache gebaut. Er allein unter allen Erdgeschöpfen kann reden, d. i. seine Gedanken durch hörbare Zeichen in die Seele seiner Mitmenschen hineinlegen. Er kann denken, wo die Tiere nur empfinden, und reden, wo die Tiere nur Laute von sich geben. Das Wort eines Menschen ist ein Ausdruck seines Verstandes; und wie der Verstand dem Tiere fehlt, so fehlt ihm auch das Wort. Die Rede eines Menschen weckt die Vernunft eines andern, verknüpft Menschen mit Menschen, Weltteile mit Weltteilen, und beweist so durch ihre Wirkungen den Vorzug des Menschen.

Der Körper des Menschen ist 3. zur Kunst gebaut. Das Tier hat Hufe, Klauen u. s. f., der Mensch freie Hände, Werkzeuge an Auge und Ohr, die vornehmsten Organe zu mancherlei feinen Künsten und Handhabungen. Zwar haben auch die Tiere ihre natürlichen Künste, aber diese sind nicht so fast Künste als Gesetze, die sie nicht übertreten können, und Instinkte, denen sie folgen müssen. Wie nun der Mensch des Nachdenkens fähig ist, so ist auch nur er der eigentlichen Kunst, und solcher Uebungen fähig, die durch Nachdenken gelernt werden können.

Die Gestalt des Menschen (und auch seine Gebärde) ist 4. ausdrucksamer, hat mehr Bedeutungskraft, als die bloße Tiergestalt. Darüber mögen die Gelehrten streiten so lange sie wollen, ob und wie sie die Seelenschrift im Angesichte des Menschen lesen können: aber darüber können sie nicht streiten, daß im Angesichte des Menschen wirklich mancherlei geschrieben sei, das in der bloßen Tiergestalt nicht geschrieben ist. Was geschrieben ist, das ist geschrieben, gilt auch hier, wenn gleich ich und du nicht lesen, und ein Dritter nicht einmal buchstabieren kann. Aber in gewissen Augenblicken verstehen alle etwas von dem im Antlitze des Menschen Geschriebenen, auch solche, die sonst keine andere Schrift lesen können. Die Tugend hat eine andere Physiognomie als das Laster. Und es würde die ganze Welt den Maler mit Verachtung strafen, der dem Mörder Barabbas und der gegenüberstehenden Unschuld eine Gestalt gäbe.

Der Körper ist 5. recht dazu geeignet, der feinen Menschlichkeit des Geistes zu entsprechen. Das Fibergebäude des Menschen ist zart und fein genug, sich in jede Lage eines lebenden Geschöpfes zu versetzen. Durch Gesicht und Gehör wird das Mitgefühl rege. Der ausgestoßene Seufzer eines Leidenden weckt Sympathie. Und wenn das Mitgefühl geweckt ist, so drückt es sich durch Miene, Sprache, Gebärde, Träne aus. Auch fehlen dem Menschen Klauen und Zähne zum Angriff: »er sollte nicht Menschenfresser sein.«

Die Entwicklungsart des menschlichen Körpers gibt uns 6. zu verstehen, daß er zur festen Gesundheit und längeren Dauer auf Erden, zu fortdauerndem Dankgefühl gegen die Eltern und zur Geselligkeit gebaut sei. Der Mensch wächst langsam, um lange zu dauern. Das Kind bedarf sehr und lang der Elternhilfe: dadurch wird das Band zwischen Eltern und Kindern so fest geknüpft. Das junge Tier bedarf der Eltern nicht sehr und nicht lange: daher keine bleibende Verbindung zwischen den jungen und den alten Tieren: daher an ihnen keine Spur jener eigentlichen Geselligkeit, die wir unter Menschen bemerken.

7. Selbst dies, daß der Mensch in gewissen körperlichen und instinktartigen Fähigkeiten unter den Tieren steht, ist eine Spur seines Vorzuges über die Tiere. Denn es stritte mit seinem Wesen, und mit dem Zwecke seiner Vernunft, daß er tasten sollte wie eine Spinne, bauen wie eine Biene, saugen wie der Schmetterling. Was wäre der Mensch mit der Muskelkraft des Löwen, dem Rüssel des Elefanten, der Kunstfertigkeit des Bibers? Wie würde sich seine Vernunft entwickeln und üben können, wenn alle diese Fertigkeiten sie entweder entbehrlich, oder ihre Entwicklung unmöglich machten?

8. Es gehört mit zur Würde des Menschen, daß seine Sinne nicht feiner und nicht gröber seien, als sie gewöhnlich sind. Denn wenn z. B. sein Ohr so fein wäre, daß er den Flügelschlag der Grille in größeren Entfernungen vernähme; wenn sein Geruchsinn so fein wäre, daß er die Ausdünstungen der Tiere und Menschen nach Art der Hunde röche: wie könnte sich seine Denkkraft üben, und ihm der Trieb zur Geselligkeit zur Freude werden? – Wenn im Gegenteile sein Ohr so stumpf wäre, daß es den ordentlichen, vertrauten Ton der Menschenstimme nicht verstünde, und etwa nur den Laut eines Pistolenschusses vernähme, welcher Körperbau würde dazu erfordert, um vernehmlich zu reden?

2. Die Würde des Menschen offenbart sich noch deutlicher und recht eigentlich in Betrachtung des Menschengeistes. Sie besteht:

1. In seiner Erkenntniskraft.

Er kann das, was er außer sich und in sich wahrnimmt, bedenken, untereinander und miteinander vergleichen, seine Ideen und Gedanken von sich, und sich von allem, was er nicht ist, unterscheiden; kann Mannigfaltiges unter Begriffe, und Begriffe unter eine Einheit bringen; kann das Mancherlei auf mancherlei Weise ordnen; kann das Gegebene zergliedern, und Einzelnes zusammensetzen; kann Aehnlichkeit und Unähnlichkeit bemerken; kann über Verhältnisse urteilen; kann nach Ursachen, Wirkungen, Absichten forschen; kann Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft betrachten; kann vom Bekannten aufs Unbekannte schließen; kann sich über sich erheben und höhere Wesen ahnen, glauben; kann Zeugnisse prüfen, Zeugnisse verwerfen, annehmen; kann Gedankenreihen abschneiden, fortsetzen, vermehren; kann beobachten, Versuche machen; kann dichten, Systeme bauen und einreihen; kann erfinden, Erfundenes verbessern u. s. f.

Niemand leugnet, daß wir mit der sinnlichen Welt durch sinnliche Wahrnehmungen und mit der vernünftigen Welt durch Idee und Sprache in Verkehr stehen und Umgang haben.

Die Würde des Menschen offenbart sich:

2. In der Freitätigkeit des Willens.

Wer die Freitätigkeit des menschlichen Willens in ihrer wahren Gestalt erkennt, der erkennt folgende unumstößliche Wahrheiten:

Der Mensch hat die Idee des Guten in sich, und mit dieser Idee die Keime der Gerechtigkeit und der Ordnung. Nach dieser Idee beurteilt er wenigstens seines gleichen, und wenn er die Eigenliebe bezwungen hat, auch sich. Mit der Idee des Guten hat er auch das Gesetz des Guten in sich, die Pflicht dem Guten nachzustreben. Ueber den Ursprung und die Auslegung und die Vollbringung des Gesetzes mag man streiten, aber darüber, daß der Mensch Gutes tun, Böses meiden soll, wird nicht leicht ein gesitteter Mensch öffentlich streiten. So wie der Mensch die Idee des Guten in sich hat, so hat er auch etwas, das man praktische Vernunft oder Gewissen, oder wie immer nennen mag, eine Stimme, die ihm sagt: »Das ist gut, das ist böse, achte und tue jenes, verabscheue und meide dieses;« – und die das Rechttun billigt, und das Unrechttun straft. So ist denn auch der Mensch unter allen Erdgeschöpfen ganz allein dasjenige, das man für rechenschaftsfähig hält, oder des Lobes oder Tadels, der Belohnung oder Strafe würdig erklärt, wie ganz allein dasjenige, das nicht durch Stoß, wie die körperlichen Maschinen, nicht durch Anziehung und Abstoßen, wie die himmlischen Körper (nach dem Ausdruck der Physik), und nicht durch bloßen Instinkt, wie das Tier, getrieben wird, sondern durch vernünftige Beweggründe lenkbar ist. Es ist endlich der Mensch unter allen Geschöpfen das einzige, das mit jedem Augenblicke schlimmer, unedler, törichter, elender werden kann; – indessen das Tier-, Pflanzen- und Steinreich notwendig in seinen angewiesenen Grenzen bleibt.

Soviel man also in bloßer Ideenzergliederung gegen die Freiheit des Menschen einwenden kann, so wenig kann man die praktischen Beweise derselben entkräften, die so allgemein sind als die Natur des Menschen, und so alltäglich wie Morgen und Abend, und so fest und unaustilgbar als die Idee des Guten in uns. Und wenn man die Freitätigkeit nach den praktischen Beweisen derselben erklären wollte, so könnte und müßte man sagen: Dasjenige, was den Menschen der Ueberlegung, der Sittlichkeit, des Gesetzes, der Pflicht, des Gewissens, der Selbstbilligung, des Verdienstes um fremdes Wohlsein, der Rechenschaft und Verantwortung, des Lobes und Tadels, der Belohnung und Bestrafung, der Leitung durch Beweggründe, der Unabhängigkeit von sinnlichen Trieben, der Vervollkommnung und Verschlimmerung fähig macht, das ist das bestrittene und mißbrauchte Ding, das man Freiheit nennt. Was also die spekulative Vernunft nicht erklären kann, das kann Gott Lob! die gemeine Vernunft nicht bezweifeln. Wohl dem, der sich von dem Unvermögen der erstem nicht zum Ungehorsam gegen die andere verleiten läßt!

Die Würde des Menschen offenbart sich

3. In seiner Religionsfähigkeit.

Wir haben die Idee von Gott in uns; sind des Gedankens an das allerhöchste, beste Wesen fähig; können Ehrfurcht vor diesem höchsten Wesen empfinden; können dieses höchste Wesen als Gesetzgeber anerkennen, Ihm gehorsamen; können Liebe gegen dieses beste Wesen in uns haben und nähren; können die Idee, den Gedanken von diesem Wesen, die Ehrfurcht vor ihm, den Gehorsam und die Liebe zu ihm ausdrücken und anderen mitteilen, im Geiste dieser Liebe, dieses Gehorsams, dieser Ehrfurcht handeln. –

Menschen können allerdings irren in Hinsicht auf die Natur des höchsten Wesens, aber die Achtung vor ihm und der Zug zu ihm ist dem Menschen natürlich und entschieden. Die Opfer, die Altäre, die Religionen aller Zeiten und Orte, die Gebete, die Eidschwüre, selbst die Irrtümer der Religion beweisen die Religionsfähigkeit des Menschen. Die Idee von Gott ist so allgemein, so immerwährend, so von Klima und Organisation unabhängig, so alt als der Mensch, und so tief in sein Inwendiges geschrieben, daß es einem denkenden Kopfe schwer wird, an der Wahrheit dieser Idee zu zweifeln. Selbst die Atheisten können die Idee von Gott in sich nicht austilgen, und wenn sie beweisen wollen, daß es keinen Gott gibt, so beweisen sie es aus der Idee von Gott. Durch die Idee von Gott, dem Keim aller Religion ist der Mensch – ein Mensch. Das Sein hat er mit allen Wesen, das Wachstum mit den Pflanzen, die Sinnlichkeit und selbst eine gewisse Vernunftfähigkeit mit den Tieren gemein: die Religionsfähigkeit ist ihm allein eigen. Diese eigenste Eigenheit des Menschen kann kein Mensch, der seine Würde fühlt, übersehen. Und erst die anerkannte Religionsfähigkeit des Menschen gibt uns einen Aufschluß über die Idee des Guten, und ist weit genauer mit dieser verwebt, als die trennenden Köpfe ahnen können. Die Spekulation kann sie allerdings trennen: aber die Natur vereint auch hier. Und sie hat so fest vereint, daß die Vernunft den Begriff, was es heiße ein recht menschlicher Mensch sein, nicht wohl vollenden kann, ohne von der Idee des Guten auf die Idee des Allerbesten zu kommen. Es ist eine schöne Kette hier, und der Ring, Menschlichkeit, hat keinen Halt, wenn er nicht an die Erkenntnis des Vaters der Menschen reicht.

Die Würde des Menschen offenbart sich

4. In der Unsterblichkeit seines höheren Wesens. Daß »Unsterblichkeit« der Wunsch der Menschheit, die Hoffnung des besseren Menschen, der Trost aller leidenden Unschuld, eine notwendige Bedingung zur Vollendung der Glückseligkeit, der Schrecken des verwegenen Missetäters, die Ehrenkrone des vollbrachten, heiligen Gesetzes in uns, und ein Glaubensartikel der gesunden Vernunft sei, wird von den nüchternen Weltweisen ziemlich allgemein eingestanden. Daß sie aber Wahrheit ist, und von allen, die wahrhaft gut und glückselig werden wollen, als Wahrheit geglaubt, und als Wahrheit zur Richtschnur ihres Wandeins gemacht werden sollte, ist wenigstens für Christen, und unter ihnen entschieden.

Die Würde des Menschen offenbart sich

5. Im Ebenbildsein der Gottheit.

Alle Begriffe von Gott vereinigen sich darin, daß Er die höchste Weisheit, die höchste Liebe, die höchste Macht sei. Nun mag man die Kräfte des Menschen so zerrüttet denken, wie man will: sie sind doch noch ein Bild der Gottheit im Systeme des Glaubens an Gott. Der Mensch kann doch noch – erkennen, lieben, handeln; man muß aber die Erkenntniskraft des Menschen als einen Strahl der Allwissenheit und Weisheit Gottes, den Menschenwillen, und besonders seine Fähigkeit zu lieben, als einen Funken der Alliebe Gottes, und die Menschenkraft, das eigentliche Vermögen zu wirken, als ein Bild seiner Allmacht ansehen. Verstand, Güte, Allmacht, machen das Wesen Gottes aus, soviel wir von ihm stammeln können. Und dieses ganze Wesen spiegelt sich in jedem Menschen, wie die Sonne im Tautropfen: der Mensch denkt, will, handelt. Vieles andere, das hier nahe liegt, sei der Betrachtung des Lesers, der seine Würde fühlt, überlassen!

Aber eins darf nicht unbeachtet gelassen werden. Ein merkwürdiger Zug im Menschen als Ebenbild Gottes ist sein Verhältnis zu den übrigen Geschöpfen. Er ist (jetzt noch bei allen Zeichen der Schmach und des Sklavenstandes), König der Schöpfung. Denn er allein steht unter allen Erdgeschöpfen da, voll Selbstgefühls. Er allein ordnet die Dinge und sich. Er allein ist Priester der Natur – sieht die Dinge in Bezug auf sich, Gott und andere Dinge. (Deswegen hat ihn der Schöpfer erst in die Welt gesetzt, nachdem seine Burg, die Erde, schon zubereitet, und für den Gast und Herrn ausgeziert war.)

Groß ist also der Mensch, wenn man ihn nach seiner Natur betrachtet. Kleiner aber erscheint er uns, wenn wir seinen jetzigen Zustand mit dem vergleichen, was uns die Urkunden des Christentums von seinem Ursprunge ahnen lassen.

Auf einem dreifachen Wege lernen wir den Menschen in seinem Ursprünge kennen. Einmal wenn wir nach Mosis Wink betrachten, wie der erste Mensch beschaffen gewesen sein muß, da er unmittelbar aus der Hand Gottes kam, und Gottes Bild, nachdem er geschaffen war, an sich trug, also so gut, so weise, so mächtig, so selig war, daß Gottes Güte, Weisheit, Macht, Seligkeit im Menschen als einem, dem Original gleichen, Ebenbilde zurückstrahlte.

Hernach, wenn wir das Bild betrachten, von dem es heißt: Ziehe den neuen Menschen an, der nach Gott erschaffen ist, in Gerechtigkeit und wahrer Heiligkeit. Der neue Mensch trug also das Bild wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit in sich.

Endlich, wenn wir Jesum Christum, der als Gottes Ebenbild auf Erden erschien, genau betrachten, und daraus schließen, wie der Mensch in seinem Ursprünge beschaffen gewesen sein mag.

Wie eine Statue im Garten, die von den Zerstörungen der Zeit sehr vieles gelitten hat, klein erscheint gegen die Statue, die aus des Künstlers Hand kam, und davon die treue Beschreibung noch im Archiv liegt: so der Mensch, wie er jetzt ist, gegen das Original, das aus der Hand des Schöpfers kam. So groß und so klein ist der Mensch. – Aber ganz groß und lieblich würde uns sein Bild wieder werden, wenn es uns gegeben wäre, ihn im Zustand seiner Wiederherstellung, dazu die nämlichen Belehrungen Hoffnungen machen, anzublicken. Nach dem klaren Inhalte dieser Belehrungen kam der Sohn des Vaters in der Gestalt unseres Elendes zu uns; ward Fleisch von unserem Fleische, um in uns das verfallene Bild der Gottheit wieder zu erneuern; erteilte uns die Vollmacht, Gottes Kinder zu heißen und zu sein, und gab sich für uns in den Tod, um unsere Erlösung von Sünde, Irrtum, Elend, Tod zu vollenden. Seid Erben Gottes – seiner Heiligkeit und Seligkeit: dahin treibt seine Lehre: darauf weist sein Beispiel: dazu sind seine Anstalten: dazu hilft sein allbelebender Geist.

 

B

 

Von der erworbenen Würde des Menschen

Dem Menschen legen wir erworbene Würde bei, wenn sich die Anlagen zum Guten, die seine angeborene Würde ausmachen, in Fertigkeiten zum Guten verwandelt haben. So ist z. B. Vernunftfähigkeit angeborene Menschenwürde, diese geht in erworbene über, wenn der Mensch wirklich vernünftig denkt und handelt. Welch ein Abstand zwischen Vernunftfähigkeit und ausgebildeter Vernunft!

Die einzige Bedingung, ohne die sich kein Erwerb der Menschenwürde denken läßt, ist für den Menschen diese: Von seiner Freitätigkeit in und außer sich den Gebrauch zu machen, den er bei jedem gegebenen Anlasse nach dem vorrätigen Kraftmaße machen kann, und den er auch machen muß, um seiner ganzen angeborenen Würde zu entsprechen.

Wer sich also Menschenwürde erwerben will, sucht zunächst inne zu werden, was mit seiner angeborenen Würde übereinstimmt oder derselben widerstreitet, und strebt dann danach, seine Gesinnungen und Handlungen dem zu nähern, was mit der angeborenen Würde übereinstimmt, und von dem zu reinigen, oder vor dem zu bewahren, was derselben widerstreitet – d. h. zu tun, was seiner höheren Natur würdig ist, wegzuräumen, was derselben unwürdig ist.

I. Da wir Verstand und Vernunft haben, und diese Erkenntniskräfte ein Vorzug des Menschen vor dem Tiere sind: so stimmt es mit diesem angeborenen Vorzuge überein, sie selbst teils so zu bilden, teils so zu gebrauchen, daß wir uns immer mehr über das Tier erheben; dagegen streitet es mit diesem Vorzuge, die Erkenntniskräfte entweder nicht so zu bilden, oder nicht so zu gebrauchen, daß wir dadurch über das Tier immer mehr erhoben werden. Deswegen muß man

1. fleißig untersuchen, was Wahrheit, Irrtum, Trug, Schein sei; nach Ursachen, Wirkungen, Absichten fragen, um nicht wie mit verbundenen Augen durch die Welt zu tappen; – aber nicht gleichgültig sein gegen Wahrheit und Irrtum, Schein und Trug, oder bei dem, was man empfindet, stehen, und von den Eindrücken der Sinne abhängig bleiben.

2. Die Stille, Einsamkeit suchen und in sich unterhalten, die uns zum Nachdenken geschickt macht – nicht aber in einer immerwährenden, alles Nachdenken tötenden Zerstreuung dahinleben.

3. Sich selbst streng und standhaft erforschen, seiner Handlungen und ihrer Absicht sich bewußt werden, und bewußt sein – nicht aber ein Fremdling in seinem Hause sein, und den Blick selten in sich kehren, oder wenigstens nie durch den Nebel der Selbsttäuschungen bis auf die wirkliche Gestalt des Gemütes durchdringen.

4. In allen wichtigen Unternehmungen die Gegenwart mit der Zukunft und mit der Vergangenheit in Anschlag bringen – nicht aber die Vergangenheit aus dem Andenken verlieren, und die Zukunft aus dem ahnenden Gemüte kommen lassen.

5. Die ernsten Betrachtungen über Gott und Unsterblichkeit, über Gutsein und Wohlsein, über das heilige Gesetz in uns und dessen Erfüllung, als die wichtigsten ansehen, and zu Bestimmungsgründen unseres Verhaltens werden lassen.

6. Immer nach höheren Erkenntnissen streben, den schädlichen Blendungen der Irrlichter immer männlicher entgegenarbeiten, und nicht sich immer in dem engen Kreise der verjährten Torheit herumdrehen, und das: »Immer so gewesen sein« zum einzigen Gesetz seines Denkens und Lebens machen, oder nie aus der Unmündigkeit des Verstandes heraustreten wollen.

II. Da wir Freiheit haben, und diese Freiheit unter die Vorzüge des Menschen gehört, so unvollkommen sie immer sein mag: so stimmt es offenbar mit diesem angeborenen Vorzuge überein, sie so zu gebrauchen, daß wir immer freier, d. i. unabhängiger von der Uebermacht der Sinnlichkeit und der niederen Neigungen werden. Darum heißt es:

1. Den Eindrücken der Sinne und ihren Reizen, wider das heilige Gesetz zu handeln, widerstehen, wie ein festgewurzelter Baum den tobenden Winden widersteht, – nicht aber sich den Eindrücken der Sinne und ihren Reizen von außen hingeben, wie ein Schilfrohr sich dem Winde hingibt, und sich ohne Unterlaß von den Gestalten der Dinge meistern lassen.

2. Sowohl wider die Tyrannei der Mode, und wider die Macht des Beispiels, als wider den Despotismus der Gewohnheit, durch feste Anhänglichkeit an das Gesetz des Willens, für dieses Gesetz kämpfen.

3. Sich die höhere Ruhe des Gemütes nicht durch die Zufälle und Veränderungen des Körpers, der Witterung, der Gesellschaft und unserer ganzen äußeren Lage rauben lassen.

4. Der Veränderlichkeit unseres eigenen Herzens, eigener Begierden, durch Anhalten an das unveränderliche, heilige Gesetz in uns, entgegenarbeiten, statt ein Sklave seiner Laune sein, und keinen festen Ruhepunkt im Guten finden können.

5. Nach einer edlen Selbständigkeit im Denken, Wollen, Reden, Handeln ringen, und sich durchaus als ein Wesen betragen, das der Besonnenheit, der Ueberlegung fähig ist, und den Kopf über die niederen Neigungen aufrecht tragen kann, – nicht aber sich von fremden Grundsätzen, Drohungen, Schmeicheleien, Lob-, Tadelsprüchen, drehen und wenden lassen, oder denken, wollen, reden, handeln, wie man von Erscheinungen außer uns, und den Neigungen in uns gestoßen wird.

6. Unablässig an der Selbstvervollkommnung arbeiten, und deshalb mit dem bereits errungenen Grade des Gutseins nie zufrieden sein, sondern immer vorwärts streben zum Unvergleichbaren und Einzigen. Verkehrt wäre es, sich immer für gut genug halten, ohne die Tiefen des Bösen in sich auszuforschen; immer größere Fehler an anderen ausspüren, um sich in seinen geringeren noch Wohlgefallen zu können.

III. Da unser Geist religionsfähig, unsterblich und als Gottes Ebenbild geschaffen ist: so stimmt es offenbar mit diesem angeerbten Adel der menschlichen Natur überein, ihn lebendig darzustellen; dagegen widerstreitet es diesem Adel, eine solche edle Fähigkeit der gebietenden Sinnlichkeit sklavisch dienen zu lassen. Somit ist es gut,

1. seine Gedanken und Gesinnungen über den Kreis der zeitlichen Angelegenheiten erheben, die Urquelle des Gut- und Wohlseins um ihretwillen achten und lieben und in Liebe und Heiligkeit ein gleiches Bild, ein sichtbarer Stellvertreter der unsichtbaren Güte und Weisheit sein;

2. sich als einen Bürger der unsterblichen Welt schon in dieser sterblichen Welt betrachten und den Wert und Unwert aller Dinge aus dem Gesichtspunkte der Unsterblichkeit messen und auf Gräbern und unter Verwesungen wandelnd – den Maßstab der Unsterblichkeit nie aus der Hand verlieren;

3. das Königsrecht der Schöpfung treu ausüben, d. h. nie dienen dem, was unter dem unsterblichen Geiste ist; nie die körperliche Natur und die Mitmenschen zu Befriedigungsmitteln der Leidenschaft machen; stets ein Pfleger und Vormund dessen sein, was Mensch und schwach ist; überall dem höchsten Wesen huldigen, in dessen Namen wohltun, und dessen Willen mit Bewußtsein und freiem Sinn vollbringen, wie ihn die körperliche Natur, unbewußt, und unfähig zu widerstehen, vollbringt, nicht aber dem Egoismus, d. h. der Eigenehre, der Eigenlust und dem Eigennutz huldigen und überall Dokumente des Aufruhrs gegen den Willen des höchsten Wesens zurücklassen;

4. das Aeußere (das Antlitz) ein treues Bild des Inneren, und das Innere ein Ebenbild des Göttlichen werden lassen; Wahrheit und Liebe im Aeußeren sprechen und im Inneren gebieten lassen; um die Verwüstung und Zerstörung des Körpers durch Leidenschaften zu verhüten, sie im Geiste nie zur anhaltenden Herrschaft kommen, die aufrechte Gestalt immer einen Abdruck des geraden Sinnes sein lassen, nie unedel sein und edel scheinen zu wollen, oder vor anderen das Aeußere zum Widerspruche des Inneren nötigen, insgeheim dagegen das Aeußere mit dem Inneren in Vollbringung und Ausdruck des Bösen einstimmen lassen, noch auch die festere Gesundheit als Signal und Ruf der Natur zu entehrenden Ausschweifungen ansehen.

Somit kann als reine Wahrheit hinsichtlich der Glückseligkeit des Menschen als Ergebnis aus diesem Abschnitte beiseite gelegt werden:

I. was der angeborenen Menschenwürde widerstreitet, kann nicht die Glückseligkeit des Menschengeistes sein, noch dieselbe unmittelbar fördern.

II. Je mehr sich die angeborene Menschenwürde, die eine bloße Fähigkeit ist, in ein wirkliches Leben des Menschengeistes verwandelt, desto glückseliger ist der Menschengeist. Und unter die wahrsten Worte, die je ein Mensch aussprach, gehört dieses: »Jetzt ist der Mensch noch nicht groß, aber in der Fähigkeit es zu werden.«

III. Das würdigste Wohlsein des Menschen ist jenes, welches mit der höheren Erkenntniskraft, Freitätigkeit, Religionsfähigkeit, Unsterblichkeit, und dem Ebenbilde Gottes im Menschengeiste, am meisten übereinstimmt.

Fünfter Abschnitt. Von der Bestimmung des Menschen

 

A. Was die Bestimmung des Menschen nicht ist

I. Die Vergnügungen der Sinne machen die Bestimmung des Menschen offenbar nicht aus. Denn

1. der unmäßige Genuß macht uns äußerst böse und elend, widerspricht also zugleich dem Triebe nach Vollkommenheit und dem Triebe nach Glückseligkeit.

2. Auch der mäßige Genuß macht uns nicht dauerhaft und nicht ganz froh; weil der Mensch nicht bloß Sinn ist, weil höhere Bedürfnisse da sind und durch die Sinne nicht befriedigt werden können; weil der mäßige Genuß, um mäßig zu sein, auf einen kurzen Zeitraum eingeschränkt sein muß; weil die sinnlichen Vergnügungen für den Geist des Menschen zu niedrig sind, also notwendig eine Leere zurücklassen müssen, und die Fähigkeit des ganzen Menschen nicht ausfüllen können.

3. Sinnlicher Genuß ist seiner Natur nach nur Mittel, wie die ganze Sinnlichkeit, also nicht Endzweck, nicht Bestimmung des Menschen.

4. Der Glückseligkeitstrieb kann seinen Zweck nicht erreichen, wenn er nicht geordnet ist. Das Gesetz der Ordnung aber besteht darin, daß die ganze Sinnlichkeit der Vernunft und diese der Allerhöchsten untergeordnet ist. Anmerkung. Dies Gesetz der Ordnung heißt von seinem Endzwecke, den Willen des Menschen zur Heiligkeit zu leiten, das heilige Gesetz, im Gegensatz zu physischen Naturhandlungen das Gesetz der Sittlichkeit, und im Gegensatze zu willkürlichen Gesetzen, Naturgesetz. Was nun erst geordnet werden muß, um den Zweck unseres Strebens, das Gutsein und Wohlsein nicht zu hindern, das kann nicht selbst Zweck sein.

II. Die Vergnügungen des Geistes (des Verstandes), sowohl an der wirklichen Erkenntnis und ihrer Richtigkeit, Mannigfaltigkeit, Ordnung, Fruchtbarkeit, als an den Gegenständen und Früchten der Erkenntnis, den Werken der Natur und der Kunst usw. sind zwar ihrer Natur nach edlere Vergnügungen, aber auch sie machen offenbar die Bestimmung des Menschen nicht aus. Denn durch diese Vergnügungen, die immer dem Gesetze der Zeit unterworfen bleiben, und sehr beschränkt sind, können

1. die höheren Bedürfnisse unserer Natur nicht vollständig befriedigt werden, eben deswegen, weil diese Bedürfnisse eine Art Unendlichkeit in sich haben, und eigentlich Bedürfnisse nach dem unendlichen Wesen sind. Durch diese Vergnügungen kann

2. insbesondere die Ordnung der Sinnlichkeit und des ganzen menschlichen Herzens schon gar nicht hergestellt werden, weil sie selbst einer Ordnung bedürfen, und dem Leitbande der Vernunft entrissen, den Menschen von Gutsein und Wohlsein so weit entfernen können, als die sinnlichen Vergnügungen, wie es die Gelehrtengeschichte nur zu deutlich beweist. Ebensowenig kann

3. durch diese Vergnügungen der Menschengeist mit vollständiger Duldungskraft gegen die widrigen Eindrücke der Körperwelt und unseres eigenen Körpers und des unmoralischen Verhaltens der anderen gegen uns bewaffnet werden. Man kann sich zwar hie und da ein Wölkchen von der Stirne weglesen, aber die großen Leidensstürme lassen sich nicht durch literarische Unterhaltungen bändigen. Die gelehrte Apathie taugt allerdings zur Parade in den Tagen der Freude, aber, wenn die Trübsal den Lehrstuhl des Gelehrten erschüttert, und ihn selbst packt – dann zeigt es sich, daß es zweierlei Dinge sind: ein Ideenreich und das Reich des Friedens in sich tragen. Wie die Vergnügungen der Sinne die Bestimmung des Menschen nicht ausmachen können, weil der Mensch nicht bloß Sinn ist, so können die Vergnügungen des Verstandes die Bestimmung des Menschen nicht ausmachen, weil der Mensch nicht bloß Kopf ist; weil er einen Willen hat, der ausgebildet sein muß, der das Gute lieben, achten muß, um selbst gut und der Freude würdig zu werden.

III. Die Vergnügungen des Herzens (allein und ohne die Vergnügungen der Religion betrachtet) sind ihrer Natur noch höher, edler als die Vergnügungen der Sinne und des Verstandes, machen aber doch die ganze Bestimmung des Menschen nicht aus. Denn sie können

1. den Trieb nach Vollkommenheit nicht befriedigen; da wir eine Religionsfähigkeit in uns haben, und diese Religionsfähigkeit geübt, gebildet sein muß, damit der Mensch das beste Wesen über alles lieben, und aus dieser gebietenden Liebe Ordnung in die Vergnügungen des Herzens, des Verstandes, der Sinne ausgehen und das Bild des besten Wesens in uns lebendig werden kann. Diese Vergnügungen können

2. den Trieb nach Glückseligkeit nicht befriedigen; indem sie, statt die Bitterkeit des Lebens erträglicher zu machen, gar oft durch die Leiden so geschwächt werden, daß sie kaum mehr Vergnügungen heißen können, und die Zufriedenheit des menschlichen Herzens so wenig gründen, als sie vermögend sind, die Menschenkraft in die würdigste Tätigkeit zu versetzen, oder der Uebermacht der Natur zu widerstehen.

IV. Die Vergnügungen der Religion sind an sich die höchsten, d. h. edelsten und wohltätigsten, deren der Mensch hienieden fähig ist.

Unter den Vergnügungen der Religion verstehe ich die Freuden des Glaubens an die Urquelle alles Gut- und Wohlseins, die alle Dinge schafft, erhält, ordnet, lenkt; an dem ewigen Sein des Menschengeistes, an die ewigen Folgen des Gutseins, – die Freuden der Hoffnung, daß die Urquelle alles Gut- und Wohlseins die Bedürfnisse unserer höheren Natur einst alle befriedigen könne, wolle, und, inwiefern unser Eigenwille dieselbe nicht hindert, auch befriedigen werde; – die Freuden der gebietenden Liebe gegen dieses liebenswürdigste Wesen, und des vertrauten Umgangs mit ihm; – die Freuden der Nächsten- und Menschenliebe, die aus der Liebe an die Urquelle alles Guten Kraft und Leben nimmt; – und endlich die Freuden an Selbstveredlung, oder, um der Eitelkeit in der besten Sache keinen Spielraum zu lassen, an Befolgung des heiligen Gesetzes aus gebietender Liebe und Achtung gegen die Urquelle alles Guten.

Diese Vergnügungen sind die edelsten und wohltätigsten dieses Lebens; die edelsten, weil sie den Menschen zur höchsten Vollkommenheit führen, deren er fähig ist, weil sie die Vergnügungen der Sinne, des Verstandes, des Herzens veredeln, menschenwürdig machen, und aller Unordnung in Befriedigung der niedrigen Bedürfnisse wehren; – die wohltätigsten, weil sie Ruhe und Heiterkeit des Geistes und die wahre Freiheit des Menschen im Menschen herstellen; weil sie den Menschen der reinsten Freuden in der Zukunft und in der Ewigkeit empfänglich und würdig machen, und also Gegenwart und Zukunft, Zeit und Ewigkeit für ihn in eine schöne, dem Hoffnungstrieb entsprechende Verbindung bringen, und durch diese Verbindung allen Drangsalen das Unerträgliche, und dem Tode selbst das Erschreckende rauben, d. h. eine immerwährende Zufriedenheit des Herzens möglich und wirklich machen.

Obgleich sie aber die höchsten Vergnügungen dieses Lebens sind, so machen sie doch nicht die ganze Bestimmung des Menschen aus. Denn auch die höchsten Vergnügungen dieses Lebens befriedigen noch nicht den ganzen Durst des Menschengeistes nach dem reinsten, d. h. ungetrübten, steten, von aller Plage freien Wohlsein. Wir haben in uns nicht nur einen Trieb nach Glückseligkeit, sondern nach Seligkeit schlechthin, einem Wohlsein ohne Mangel und ohne Ende, und kraft dieses Triebes reichen wir über dieses Leben hinaus, da wir einerseits in dem Bezirke dieses Lebens das reinste Wohlsein nicht finden können, und andererseits den Trieb nach dem reinsten Wohlsein nicht aus unserer Natur reißen können.

Die Religion, d. h. der lebendige Glaube an – die lebendige Hoffnung auf – und die lebendige Liebe gegen die Urquelle alles Guten, kann diesen Trieb nicht ganz befriedigen; denn bei allen Freuden, die sie schafft, und schaffen kann, ist sie doch nicht die Leitung des Universums, kann also nicht alles, was den Geist drückt, wegheben und das frohe Herz, das sie schafft, nicht von aller unangenehmen Empfindung erlösen.

Die Religionsfreuden, die höchsten dieses Lebens, mögen allerdings eine Bestimmung, sie können aber nicht die Bestimmung, die ganze Bestimmung des Menschengeistes sein.

 

B. Was die ganze Bestimmung des Menschen ausmacht

I. Wenn die Vergnügungen der Religion höher, edler, menschenwürdiger sind, als die Vergnügungen des Herzens, des Geistes, der Sinne: so kann man der Religionskraft den Vorzug vor den Sinnes- und den sich selbstüberlassenen, noch nicht geordneten Verstandes- und Willenskräften nicht streitig machen. Denn wie die Vergnügungen, so die Kräfte, sich dieselben zu verschaffen. – Unter der Religionskraft verstehe ich das vollkommene Vermögen, sich die Vergnügungen der Religion zu verschaffen.

Wenn die Religionskraft in irgend einem Menschen herrscht, so sind in dem nämlichen Menschen eben deswegen alle seine Kräfte so geordnet, so entwickelt, gestärkt und erhöht, daß er seiner Würde gemäß handeln kann und handeln wird. Denn eben dadurch ist in diesen Menschen die Liebe gegen die Urquelle alles Guten und Wohlseins gebietend geworden. Die vollständige Religionskraft ist ja nichts anderes, als das vollständige Vermögen an diese Urquelle zu glauben, auf sie zu vertrauen, sie über alles, und um ihretwillen alles andere Gute, zu lieben. Wo also die Kraft, die Urquelle alles Guten über alles zu lieben, herrscht, da herrscht eben darum die Liebe gegen diese Urquelle. Wenn man aber die Liebe gegen diese Urquelle alles Gut- und Wohlseins und gegen die Menschen, in einem Menschen herrschend geworden ist, so müssen eben darum die höheren Kräfte so entwickelt, gestärkt und erhöht sein, daß sie herrschen, und die niederen den höheren so untergeordnet sein, daß jene von diesen beherrscht werden können.

Sind nun aber die niederen Kräfte so geordnet und die höheren so entwickelt, daß die Liebe gegen Gott und die Menschen wirklich gebietende Gesinnung geworden ist, so sind die niederen Kräfte eben deswegen so geordnet, und die höheren so entwickelt, gestärkt und erhöht, daß der Mensch seiner Würde gemäß handeln kann und handeln wird. Denn wer das höchste Wesen über alles und seine Mitmenschen um des höchsten Wesen willen liebt, der vollbringt das heilige Gesetz, das seiner Natur gegeben ist; der kann und wird also als ein Vernunftgeschöpf mit Besonnenheit und Freiheit, als ein religionsfähiges Wesen mit Aufblick zur Urquelle alles Gut- und Wohlseins, als seines Gottes Bild und Stellvertreter mit Güte und Weisheit, als ein Bürger der Unsterblichen mit dem hohen Sinne für das Unsterbliche handeln, das heißt, die Vorzüge, die ihm angeboren sind, behaupten.

Es lobt selbst die Welt, wenigstens in ihren Zeitungen, die Großmut, die Gerechtigkeit, die Milde guter Menschen. Allein darin tut sie Unrecht, daß sie die Früchte lobt, und die unsichtbare Wurzel und den festen Stamm, ohne die solche Früchte nicht gedeihen, nicht anerkennen, oder wenigstens sich darum nicht umsehen mag. Sie möchte gemeinnützige Menschen haben, die sich für sie aufopferten; aber, was die Menschen gutmacht, damit sie gemeinnützig sein können, die Religion, und besonders die lebendige Religion, die nicht Wort und Idee, sondern Kraft und Wesen ist, diese kann bei der Welt nimmermehr ihr Glück machen, (wodurch die Wahrheit nichts, die Welt aber desto mehr verliert).

Nur dann, wenn der Menschengeist durchaus seiner Würde gemäß handelt, kann er die höchsten Freuden dieses Lebens genießen. Das Tier im Menschen ist keiner Religionsfreude fähig: also auch der Geist des Menschen nicht, so lange er sich dem tierischen Triebe hingibt. Also wird er nur dadurch der Religionsfreuden fähig, daß er die tierischen Triebe der Vernunft und die Vernunft dem heiligen Gesetz unterwirft; dadurch, daß er sich über die tierischen Neigungen zur Urquelle des Guten erhebt, dadurch, daß er nach seiner Würde lebt.

Nach allem, was unsere Vernunft von der Urquelle des Guten ahnen und stammeln kann, findet sie sich genötigt, als wahr anzunehmen: »Es ist der Wille Gottes, daß die Menschheit zum Genusse der höchsten Freuden dieses Lebens, der Religionsfreuden, entwickelt werde.« Die Vernunft findet im Menschen die Fähigkeit, die höchsten Freuden dieses Lebens, die Religionsfreuden, zu genießen, und muß diese Fähigkeit, als das eigenste Unterscheidungszeichen des Menschen, anerkennen. Diese Fähigkeit kann die Vernunft nicht anders als von der Urquelle alles Guten ableiten. In der Urquelle alles Guten kann sie keine andere als die höchste Güte denken. Mit der höchsten Güte, die diese Freudefähigkeit in den Menschen gelegt, kann sie keine andere Ansicht vereinigen, als daß diese Fähigkeit gebildet, und die Menschennatur zum Genusse der höchsten Freuden, deren sie in diesem Leben fähig ist, entwickelt werde.

Dieses ist der natürliche Gang der Vernunft, sich über die Bestimmung des Menschen zu orientieren; sie geht von dem Menschen aus und endet bei der Urquelle alles Guten. Es läßt sich gegen diesen Gang vieles einwenden, aber nichts beweisen, wenigstens denen, die aus Erfahrung diese Religionsfreuden kennen, und also die Gründe der erfahrungslosen Vernunft oder Unvernunft gegen wirkliche Erfahrung sehr unbedeutend finden.

II. Aber die höchsten Freuden dieses Lebens sind nicht die reinsten und können nicht die reinsten sein. Denn die reinste Freude, jene nämlich, die keinem Wechsel unterworfen, und weder Ekel noch Plage, weder Kampf noch Furcht vor dem Ende, weder Mangel noch Gefahr eines Mangels mit sich führt, und ihrer Größe und Dauer nach das ganze Streben des Menschengeistes ausfüllt, kann gar nicht das Los dieses Lebens sein. Kann es deswegen nicht, weil die höchste Freude dieses Lebens, ohne bitteren Wettstreit gegen die Sinnlichkeit, nicht erstritten werden kann; wenn sie da ist, nicht immer erhalten werden kann; noch auch durch sie weder die übrigen Leiden und Plagen dieses Lebens, noch die Finsternisse und Schwächen, die ihr selbst anhaften, getilgt werden können, und so also der Durst nach reiner Freude so lange unbefriedigt bleiben muß, als der Geist diese Hülle trägt, und in dieser Entfernung von der Urquelle alles Guten lebt. So ist die Menschennatur nicht dazu geschaffen, daß sie hier schon die reinste Freude genieße. Was aber in diesem Leben unerreichbar ist, das kann die Bestimmung des Menschen in diesem Leben nicht sein.

Wenn gleich aber die reinste Freude in diesem Leben unerreichbar ist, so ist es doch wahr,

1. daß der Trieb nach der reinsten Freude in der menschlichen Natur wirklich und tätig ist;

2. daß die Vernunft, die an die Urquelle alles Guten glaubt, und um sich zu beruhigen daran glauben muß, eben aus dem Triebe nach reinster Seligkeit zu schließen genötigt ist: die Urquelle alles Guten habe den Trieb nach reinster Freude (Seligkeit), nicht umsonst in unsere Natur gelegt, und es sei ihre Absicht, daß er einst befriedigt werde,

3. daß in der menschlichen Natur der Begriff und das Sehnen nach Unsterblichkeit liegt – nach einem Leben, in dem der Trieb nach der reinsten Freude wirklich befriedigt wird;

4. daß die Religionsfreuden, mögen sie auch nicht die reinsten sein, dennoch uns der reinsten Freude fähig und würdig machen können, indem durch sie die menschliche Natur immer mehr vervollkommnet, freudefähiger und freudewürdiger werden muß;

5. daß der Menschengeist auf keinem anderen Wege zum Genüsse der reinsten Freude vorbereitet wird, als daß er seiner Würde gemäß handeln lernt.

Wenn gleich also die Menschennatur nicht dazu bestimmt ist, daß sie in diesem Leben die reinste Freude genießt, so hat doch die Vernunft (wenn sie auf dem unauslöschlichen Trieb nach dem reinsten Wohlsein, auf die Idee von der Urquelle alles Guten, von der Unsterblichkeit, auf die Religionsfreuden, die uns des reinsten Wohlseins fähig und würdig machen, auf die Beschaffenheit dieses Lebens, und endlich auf die Würde der menschlichen Natur sieht), Gründe genug, die sie nötigen, zu glauben und zu behaupten, daß die Menschennatur bestimmt sei, in diesem Leben zum Genusse der reinsten Freuden vorbereitet, und nach diesem Leben in den Genuß derselben wirklich versetzt zu werden.

III. Das Gesetz der Vorbereitung zu den reinsten Freuden ist uns bekannt. Es ist kein anderes als das Gesetz des stufenweisen Fortschreitens in der Liebe und Achtung des Guten, und so auch in der Liebe und Achtung des Allerbesten. Denn dies ist das unabänderliche Gesetz für die Vollkommenheit des menschlichen Willens, die nur stufenweise erreicht werden kann, daß jeder errungene Grad des Guten die Möglichkeit eines höheren Grades in sich trägt, und so die Entwicklung der menschlichen Kräfte durchaus an einen stufenweisen Fortschritt gebunden ist.

Das Gesetz, nach dem sich im kommenden Leben der Genuß des reinsten Wohlseins richtet, ist der menschlichen Vernunft unbekannt. Es schadet aber diese Unwissenheit nicht, weil wir nicht hier sind, um das reinste Wohlsein zu genießen, sondern nur, um darauf vorbereitet zu werden.

Die Bestimmung der menschlichen Natur ist also nach allem, was die menschliche Vernunft davon glauben muß, und hoffen darf, diese:

1. Daß der Mensch in dem ersten Abschnitte seines Lebens, der von der Geburt bis zum Grabe reicht, lerne, seiner Würde gemäß zu handeln, und die edelste Freude dieses Lebens zu genießen;

2. daß er in eben diesem ersten Abschnitte durch stufenweises Fortschreiten im Guten zum zweiten Abschnitte seines Lebens, der vom Grabe anfängt und kein Ende mehr hat, zum Genusse des allerreinsten Wohlseins vorbereitet werde;

3. daß er in dem zweiten, endlosen Abschnitte seines Lebens wirklich in den Zustand des allerreinsten Wohlseins versetzt werde.

Diese Bestimmung der menschlichen Natur bliebe unangefochten, wenn gleich dieser oder jener Mensch die Bestimmung seiner Natur nicht erreichen sollte. Denn es sind hier Tiefen, die kein menschlicher Blick ergründen kann. Wer nüchtern denken gelernt, wird sich mit einem Beispiele aus der Nachbarschaft leicht beruhigen können, nämlich mit diesem: Die Vernunft hat offenbar die Bestimmung, die sinnlichen Triebe zu leiten, und diese Bestimmung bleibt unbestritten, wenn gleich meine oder deine Vernunft diese ihre Bestimmung nicht erreicht. Dies heißt aber im Grunde nicht die Schwierigkeit lösen, sondern nur bekennen, daß es noch nähere gibt, die nicht beachtet werden, und daß man keiner Beruhigung mehr bedürfte, wenn man den hellen Anblick der Wahrheit hätte.

IV. Was die Vernunft teils aus der erkannten Fähigkeit des Menschen, teils aus dem gegebenen Begriffe von Gott ahnt, und, um den Willen und sich selbst einen Ruhepunkt zu verschaffen, als wahr annehmen muß: davon sprechen die Urkunden des Christentums laut und göttlich milde:

»Dies ist das ewige Leben, daß sie Dich, den einen wahren Gott erkennen, und den Du gesandt hast.

Wer mich liebt, der wird meine Lehre in Erfüllung bringen, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Herberge bei ihm nehmen.

Und ich werde den Vater bitten, und Er wird euch einen anderen Tröster geben, daß er ewig bei euch bleibe.

Dies habe ich zu euch geredet, damit meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde.

Bittet, und ihr werdet empfangen, damit eure Freude vollkommen werde.

So hat Gott die Welt geliebt, daß Er seinen Eingeborenen gegeben, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern ewiges Leben haben.

Ich bitte nicht allein für sie, sondern auch für die, welche durch ihr Wort an mich glauben werden, daß sie alle Eins seien – so Eins seien mit uns, wie Du, Vater, mit Mir, und ich mit Dir Eins bin.

Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die Du mir gabst, damit sie ganz Eins seien, wie wir Eins sind: Ich in ihnen und Du in mir.

Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.

Die Gerechten werden leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich.

Kommt, ihr Gesegnete meines Vaters, und nehmet das Reich in Besitz, das euch vom Weltbeginn bestimmt ist.

Wohl dem, der an diese höchste Güte, die uns das Beste anbietet, glauben kann, und dies Angebot der höchsten Liebe nicht von sich stößt!«

 

Schluß des ersten Hauptstücks: Ausführliche Darstellung der Idee von der Freudefähigkeit des Menschen

Nachdem die Triebe, die Bedürfnisse, die Gemütszustände, die Würde und die Bestimmung des Menschen hinlänglich entwickelt sind, so ist es sehr leicht »die Freudefähigkeit des Menschen« darzulegen.

Der Mensch ist 1. sinnlicher Vergnügungen fähig, eben weil er Sinne hat und sinnliche Triebe. Dies ist offenbar die unterste Stufe der Freudefähigkeit.

Aber der nämliche Mensch ist auch sinnlicher Leiden fähig, eben weil er Mensch ist, weil die Gesundheit zerstörbar, die Teile des Körpers verletzbar sind, weil er und seine Mitmenschen freitätig sind, weil er ein unumschränkter Herr der Natur ist, weil er dem Drucke des Universums nicht hinlänglich widerstehen kann.

Der Mensch ist 2. vieler Vergnügungen der Erfahrung fähig, weil er ein Zuschauer vieler Begebenheiten in sich, und außer sich, ein Zeuge der Natur- und Menschenhandlungen sein kann.

Aber eben weil er dieser Vergnügungen fähig ist, so ist er auch der Bitterkeit fähig, und der Mißmutigkeit, die in dem Kelche der Erfahrungen liegen. Der erfahrene Mann schaut ganz anders als der unbewährte Jüngling, und die süßen Träume der Seligkeiten werden ihm durch bittere Erfahrungen gar bald widerlegt werden. Unter allen bitteren Erfahrungen ist aber keine bitterer, als die allmähliche Entdeckung, daß uns die Eigenliebe so schrecklich und so lange hintergangen hat, daß wir töricht und böse, elend und die Ursache des Elends sind, und doch im Wahne standen, als wären wir weise, gut, glückselig und Schöpfer der Seligkeit.

Der Mensch ist 3. vieler Vergnügungen der Einbildungs- und Erinnerungskraft fähig; die Erinnerung kann ihm genossene Freuden wieder genießbar machen, die Hoffnung mit lieblichen Erwartungen die Gegenwart versüßen: auch kann die bloße Dichtergabe nicht selten – einige Freudenauftritte in das düstere Schauspiel des wirklichen Zustandes hineinweben.

Aber eben die Einbildungskraft wird für den Menschen eine Mutter unzähliger Leiden, indem sie ihn mit Angst über die Vergangenheit, mit Furcht vor der Zukunft, mit falscher Ansicht der Gegenwart martert; durch große Erwartungen und Entwürfe, die fehlschlagen und zertrümmert werden, durch Argwohn, der keinen Grund hat, durch Bitterkeiten, die bloß erträumt sind, durch Vergrößerung des Bösen und Verkleinerung des Guten, und durch ihre unnennbar vielen und unbestimmbar großen Einflüsse auf Bedürfnis, Gewohnheit, Leidenschaft usw. foltert

Der Mensch ist 4. vieler Vergnügungen fähig, die ihm sein Denken, die Vernunft, schaffen können.

Aber eben dies, das wohlgeordnet belebt und zur Freude stimmt, kann eine Quelle vieler Leiden werden, indem es ein Werkzeug der Beleidigung, Verleumdung, der Spottsucht wird, und für Verleumdung und Spott sich nach eingerütteltem Maße der Vergeltung muß bezahlen lassen.

Das geübte Denken läßt uns den Vorzug des Menschen vor dem Tiere empfinden, führt uns durch alle Welten und in alle Jahrhunderte zurück und in alle Zukunft hinaus, erleichtert uns die Geschäfte des Berufs und des Umgangs. Aber eben dieses Denken kann den Menschen von dem Kreise seiner Mitmenschen zu weit entfernen, daß er unachtsam auf seine nächsten Bedürfnisse, und unbrauchbar für die wirkliche Welt wird, weil er zu sehr in der Ideenwelt existiert. Daher denn auch die Gelehrtheit zum Sprichworte der Unbehilflichkeit im gemeinen Leben geworden. Eben dies angestrengtere Denken kann uns auch betören, daß wir die schön gezimmerten Begriffe für die Sache selbst halten, und nach dem Schatten greifend – leer an Wahrheit ausgehen.

Die nämliche Vernunft, die uns das Vergnügen schafft, aus gegebenen Kenntnissen neue zu finden oder mehrere in einen Zusammenhang zu bringen, und von Begriff zu Begriff immer höher zu steigen, macht uns auch des äußersten Verfalls fähig. Die größten Bösewichter sind es durch die mißbrauchte Vernunft geworden. Die größten Vernunfttalente werden täglich zu den fürchterlichsten Greueltaten angewandt. Die größten Vernunfttalente haben es schon bewiesen, daß nicht leicht jemand geschickter ist als sie, in den Abgrund des entschiedenen Atheismus zu stürzen. Gerade sie besitzen oft die traurige Geschicklichkeit in vorzüglichem Grade, ihre Träume als Wahrheit zu stempeln, sie der übrigen Welt als neue Glaubensartikel vorzulegen und noch mehr Zwietracht und Jammer unter die Menschen zu bringen.

Der Mensch ist 5. großer Vergnügungen fähig, die ihm die Glaubens- und Belehrungsfähigkeit gewähren kann. Was wären uns die Geschichten der Vorwelt, die meisten Begebenheiten der Mitwelt und insbesondere die Urkunden der Offenbarung ohne Glaubensfähigkeit?

Aber eben diese Glaubensfähigkeit hat soviel Aberglauben und Leichtgläubigkeit und alle die Schwärmereien des Aberglaubens und der Leichtgläubigkeit, und alle Leiden, die daraus kommen, in die Welt gebracht.

Der Mensch ist 6. vieler Vergnügungen des Herzens fähig, die ihm Wohlwollen, Wohltun, Freundschaft, Liebe schaffen können.

Aber, wer in diesen Vergnügungen das Edle vom Unedlen, die Träume von Wahrheit und das Büchergeschwätz von Wirklichkeit unterscheidet, der wird bald inne werden, wie diese edlen Empfindungen des Menschen entweder mit Schmerzen verbunden, oder mit Schmerzen vergolten werden, oder an Leiden als ferneren Folgen fruchtbar sind. Er wird auch inne werden, daß das Losungswort, Menschenfreundlichkeit, mit dem die Menschen einander räuchern und einander zu hintergehen angefangen haben, ein unkräftig Pflaster auf die tiefen Wunden der Menschheit ist, indem die wahre Menschenfreundlichkeit ihre Unfähigkeit bekennen muß, dieselben zu heilen.

Der Mensch ist 7. der Vergnügungen der Religion fähig, die die höchsten dieses Lebens sind.

Aber eben diese höchsten Vergnügungen setzen die heißesten Kämpfe gegen alles Unrecht voraus, können auch, wenn sie da sind, sich selbst nicht immer erhalten, noch auch die volle Glückseligkeit dem Menschen jetzt schon verschaffen. So ist es mit den Freuden dieses Lebens wie mit dem Aufsteigen auf einem Berge. Je höher du steigst, desto reiner wird die Luft, desto schöner die Aussicht: aber das Steigen wird immer mühsamer – und der höchste Gipfel, von dem aus man in das gelobte Land sieht, ist noch nicht das gelobte Land selbst. Unten im Tale wachsen die sinnlichen Freuden, unter denen die meisten ihre Hütten aufschlagen, und am Ende auch sterben und modern. Nahe am Tale wachsen die Freuden der gewöhnlichen Wissenschaften, unter Dornstrauch und Unkraut, und Wermut und Zankapfel. Etliche Stufen höher keimen die Freuden des Herzens, Liebe, Wohlwollen, Großmut, Milde, Freundschaft auf, und mitunter reifet sie Tränenernte, die die wohltätigsten Seelen aus unzähligen Erfahrungen am besten kennen. Noch weiter hinauf sprossen die Freuden der Religion, immer reiner und reiner bis an den Gipfel hin, Freuden, von denen Leben und Kraft auf die tieferliegenden Pflanzen träufelt.

Also: (Lieber Leser, laß es Dich nicht verdrießen, dieses Also recht scharf anzublicken, und das Licht, das Dir in dieser Betrachtung über alles, was Mensch heißt, aufgehen mag, in Dein Gemüt einzulassen ... Also:)

I. Wenn man das, was Freudefähigkeit ist, Freudenquelle nennen darf, so sind alle Freudenquellen im Menschen, eben darum, weil die Empfänglichkeit der Freude in dem, der sie genießt, sein muß, um sie genießen zu können.

II. Alle diese Freudenquellen können Quellen der Leiden werden, oder setzen Leiden voraus oder sind wenigstens mit Leiden (Not, Mangel, Plage) verbunden.

III. Das allerreinste Wohlsein innerhalb der Grenze dieses Lebens, (eine Seligkeit ohne Leiden, Schmerz, Kampf, Plage, Furcht, Ende, Mangel) ist also ein Traum ohne Wahrheit, eine Idee ohne Inhalt.

IV. Alle Glückseligkeitslehren also, die eine solche Seligkeit mehr oder weniger auf diesem unserem Planeten verheißen, sind Romane der Einbildungskraft oder falsche Propheten, die in das Land der Verwirrung einführen, und in das Land der Wahrheit einzuführen vorgeben – wie die, welche nur tierische Lust zum Paradiese machen.


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