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Gott und Natur, Welt und Gemüt

 

 

Soll ich dir die Gegend zeigen,
Mußt du erst das Dach besteigen.

*

Gönnet immer fort und fort
Bakis eure Gnade:
Des Propheten tiefstes Wort
Oft ist's nur Scharade.

 

 

Ich wandle auf weiter bunter Flur
Ursprünglicher Natur,
Ein holder Born, in welchem ich bade,
Ist Überlieferung, ist Gnade.

*

Anschaun, wenn es dir gelingt,
Daß es erst ins Innre dringt,
Dann nach außen wiederkehrt,
Bist am herrlichsten belehrt.

*

Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen,
Als daß sich Gott-Natur Ihm offenbare,
Wie sie das Feste läßt zu Geist verrinnen,
Wie sie das Geisterzeugte fest bewahre.

*

Bewährt den Forscher der Natur
Ein frei und ruhig Schauen,
So folge Meßkunst seiner Spur
Mit Vorsicht und Vertrauen.

Zwar mag in einem Menschenkind
Sich beides auch vereinen,
Doch daß es zwei Gewerbe sind,
Das läßt sich nicht verneinen.

*

Freuet euch des wahren Scheines,
Euch des ernsten Spieles:
Kein Lebend'ges ist ein Eins,
Immer ist's ein Vieles!

*

Willst du dich am Ganzen erquicken,
So mußt du das Ganze im Kleinsten erblicken.

*

Müsset im Naturbetrachten
Immer eins wie alles achten!
Nichts ist drinnen, nichts ist draußen;
Denn was innen, das ist außen,
So ergreifet ohne Säumnis
Heilig öffentlich Geheimnis!

*

»Wir kennen dich, du Schalk!
Du machst nur Possen;
Vor unsrer Nase doch
Ist viel verschlossen.«

Ihr folget falscher Spur,
Denkt nicht, wir scherzen!
Ist nicht der Kern der Natur
Menschen im Herzen?

*

Und so sag' ich zum letzten Male:
Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Du prüfe dich nur allermeist.
Ob du Kern oder Schale seist!

*

So schauet mit bescheidnem Blick
Der ewigen Weberin Meisterstück,
Wie ein Tritt tausend Fäden regt,
Die Schifflein hinüber, herüber schießen,
Die Fäden sich begegnend fließen,
Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt!
Das hat sie nicht zusammengebettelt;
Sie hat's von Ewigkeit angezettelt,
Damit der ewige Meistermann
Getrost den Einschlag werfen kann.

*

Als ich einmal eine Spinne erschlagen,
Dacht' ich, ob ich das wohl gesollt'?
Hat Gott ihr doch wie mir gewollt
Einen Anteil an diesen Tagen!

*

Gott, heißt es, schied die Finsternis vom Licht,
Doch mocht' es ihm nicht ganz gelingen;
Denn wenn das Licht in Farben sich erbricht,
Mußt' es vorher die Finsternis verschlingen.

Die beiden lieben sich gar fein,
Mögen nicht ohne einander sein.
Wie eins im andern sich verliert,
Manch buntes Kind sich ausgebiert.
Betrachte das nur recht mit Lust,
Was Plato von Hell und Dunkel gewußt,
Der, wie uns gegenwärtig klar,
Unter Philosophen keine Katze war.

*

Wer aber das Licht in Farben will spalten,
Den mußt du für einen Affen halten.
Sie sagen's auch nur, weil sie's gelernt,
Das Untersuchen ist weit entfernt.

*

Wenn der Blick an heitern Tagen
Sich zur Himmelsbläue lenkt,
Beim Sirok der Sonnenwagen
Purpurrot sich niedersenkt,
Da gebt der Natur die Ehre,
Froh, an Aug' und Herz gesund,
Und erkennt der Farbenlehre
Allgemeinen ewigen Grund.

*

Die Priester schrien weit und breit,
Es ist, es kommt die letzte Zeit,
Bekehr' dich, sündiges Geschlecht!
Der Jude sprach: mir ist's nicht bang,
Ich hör' vom jüngsten Tag so lang.

*

Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,
Hat auch Religion;
Wer jene beiden nicht besitzt,
Der habe Religion.

*

Wie einer ist, so ist sein Gott,
Darum ward Gott so oft zum Spott.

*

O Freund, der Mensch ist nur ein Tor,
Stellt er sich Gott als seinesgleichen vor.

*

Im Innern ist ein Universum auch;
Daher der Völker löblicher Gebrauch,
Daß jeglicher das Beste, was er kennt,
Er Gott, ja seinen Gott benennt,
Ihm Himmel und Erden übergibt,
Ihn fürchtet, und womöglich liebt.

*

Was wär ein Gott, der nur von außen stieße,
Im Kreis das All am Finger laufen ließe!
Ihm ziemt's, die Welt im Innern zu bewegen,
Natur in sich, sich in Natur zu hegen,
So daß, was in Ihm lebt und webt und ist,
Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermißt.

*

Ihr Gläubigen, rühmt nur nicht euren Glauben
Als einzigen: wir glauben auch wie ihr!
Der Forscher läßt sich keineswegs berauben
Des Erbteils, aller Welt gegönnt – und mir.

*

Der Pantheist

Was soll mir euer Hohn
Über das All und Eine?
Der Professor ist eine Person,
Gott ist keine.

*

Wie? Wann? und Wo? – Die Götter bleiben stumm!
Du halte dich ans Weil, und frage nicht Warum?

*

Wofür Ich Allah höchlich danke?
Daß er Leiden und Wissen getrennt,
Verzweifeln müßte jeder Kranke,
Das Übel kennend, wie der Arzt es kennt.

*

»Dunkel ist die Nacht, bei Gott ist Sicht
Warum hat er uns nicht auch so zugericht'?«

*

Wär' nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt' es nie erblicken;
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt' uns Göttliches entzücken?

*

Närrisch, daß jeder in seinem Falle
Seine besondere Meinung preist!
Wenn Islam gottergeben heißt,
Im Islam leben und sterben wir alle.

*

Alle Menschen groß und klein
Spinnen sich ein Gewebe fein,
Wo sie mit ihren Scherenspitzen
Gar zierlich in der Mitte sitzen.
Wenn nun darein ein Besen fährt,
Sagen sie, es sei unerhört,
Man habe den größten Palast zerstört.

*

Wenn im Unendlichen dasselbe
Sich wiederholend ewig fließt,
Das tausendfältige Gewölbe
Sich kräftig ineinander schließt:

Strömt Lebenslust aus allen Dingen,
Dem kleinsten wie dem größten Stern,
Und alles Drängen, alles Ringen
Ist ewige Ruh' in Gott dem Herrn.

*

Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:
Die Luft einziehn, sich ihrer entladen;
Jenes bedrängt, dieses erfrischt;
So wunderbar ist das Leben gemischt.
Du danke Gott, wenn er dich preßt,
Und dank' ihm, wenn er dich wieder entläßt.

*

Du aber bist mystisch rein,
Weil sie dich nicht verstehn,
Der du, ohne fromm zu sein,
Selig bist!
Das wollen sie dir nicht zugestehn.

*

Ich habe nichts gegen die Frömmigkeit,
Sie ist zugleich Bequemlichkeit;
Wer ohne Frömmigkeit will leben,
Muß großer Mühe sich ergeben:
Auf seine eigne Hand zu wandern,
Sich selbst genügen und den andern
Und freilich auch dabei vertrau'n,
Gott werde wohl auf ihn niederschau'n.

*

Das Unser Vater ein schön' Gebet,
Es dient und Hilft in allen Nöten.
Wenn einer auch Vater Unser fleht,
In Gottes Namen, laß ihn beten.

*

Warum uns Gott so wohl gefällt?
Weil er sich uns nie in den Weg stellt.

*

Und wie muß dir's werden, wenn du fühlest,
Daß du alles in dir selbst erzielest;
Freude hast an deiner Frau und Hunden,
Als noch keiner im Elysium gefunden,
Als er da mit Schatten lieblich schweifte,
Und an goldne Gottgestalten streifte.
Nicht in Rom, in Magna Graecia,
Dir im Herzen ist die Wonne da!
Wer mit seiner Mutter, der Natur, sich hält,
Find't im Stengelglas wohl eine Welt.

*

Ich bin nur durch die Welt gerannt;
Ein jed' Gelüst ergriff ich bei den Haaren,
Was nicht genügte, ließ ich fahren,
Was mir entwischte, ließ ich ziehn.
Ich habe nur begehrt und nur vollbracht,
Und abermals gewünscht und so mit Macht
Mein Leben durchgestürmt; erst groß und mächtig,
Nun aber geht es weise, geht bedächtig,
Der Erdenkreis ist mir genug bekannt.
Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt;
Tor, wer dorthin die Augen blinzelnd richtet,
Sich über Wolken seinesgleichen dichtet!
Er stehe fest und sehe hier sich um;
Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm.

Welch eine bunte Gemeinde!
An Gottes Tisch sitzen Freund' und Feinde.

*

Der Teufel hol' das Menschengeschlecht!
Man möchte rasend werden!
Da nehm' ich mir so eifrig vor:
Will niemand weiter sehen,
Will all das Volk Gott und sich selbst
Und dem Teufel überlassen!
Und kaum seh' ich ein Menschengesicht,
So hab' ich's wieder lieb.

*

Die Bösen soll man nimmer schelten:
Sie werden zur Seite der Guten gelten;
Die Guten aber werden wissen,
Vor wem sie sich sorglich hüten müssen.

*

Efeu und ein zärtlich Gemüt
Heftet sich an und grünt und blüht.
Kann es weder Stamm noch Mauer finden,
Es muß verdorren, es muß verschwinden.

*

Zierlich Denken und süß Erinnern
Ist das Leben im tiefsten Innern.

*

Die Welt Ist ein Sardellen-Salat:
Er schmeckt uns früh, er schmeckt uns spat:
Zitronen-Scheibchen rings umher,
Dann Fischlein, Würstlein, und was noch mehr
In Essig und Öl zusammenrinnt,
Kapern, so künftige Blumen sind –
Man schluckt sie zusammen wie ein Gesind.

*

»O Welt! wie schamlos und boshaft du bist!
Du nährst und erziehest und tötest zugleich!« –
Nur wer von Allah begünstiget ist,
Der nährt sich, erzieht sich, lebendig und reich.

*

»Du hast Unsterblichkeit im Sinn;
Kannst du uns deine Gründe nennen?«
Gar wohl! Der Hauptgrund liegt darin,
Daß wir sie nicht entbehren können.

*

Ein Sadduzäer will ich bleiben!
Das könnte mich zur Verzweiflung treiben,
Wenn von dem Volk, das hier mich bedrängt,
Auch würde die Ewigkeit eingeengt;
Das wäre doch nur der alte Patsch,
Droben gäb's nur verklärten Klatsch.

»Sei nicht so heftig, sei nicht so dumm!
Da drüben bildet sich alles um.«

*

Und wer durch alle die Elemente,
Feuer, Lust, Wasser und Erde rennte,
Der wird zuletzt sich überzeugen,
Es sei kein Wesen ihresgleichen.

*

»Mich ängstigt das Verfängliche
Im widrigen Geschwätz,
Wo nichts verharret, alles flieht,
Wo schon verschwunden, was man sieht;
Und mich umfängt das bängliche,
Das graugestrickte Netz.«
Getrost! Das Unvergängliche,
Es ist das ewige Gesetz,
Wonach die Ros' und Lilie blüht.

*

Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen?
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten,
So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

*

Unmöglich ist's, den Tag dem Tag zu zeigen,
Der nur Verworrnes im Verworrnen spiegelt,
Und jeder selbst sich fühlt als recht und eigen,
Statt sich zu zügeln, nur am andern zügelt;
Da ist's den Lippen besser, daß sie schweigen,
Indes der Geist sich fort und fort beflügelt.
Aus Gestern wird nicht Heute; doch Äonen,
Sie werben wechselnd sinken, werden thronen.

*

Im Namen dessen, der sich selbst erschuf,
Von Ewigkeit in schaffendem Beruf;
In Seinem Namen, der den Glauben schafft,
Vertrauen, Liebe, Tätigkeit und Kraft;
In Jenes Namen, der, so oft genannt,
Dem Wesen nach blieb immer unbekannt.

So weit das Ohr, so weit das Auge reicht,
Du findest nur Bekanntes, das ihm gleicht,
Und deines Geistes höchster Feuerflug
Hat schon am Gleichnis, hat am Bild genug;
Es zieht dich an, es reißt dich heiter fort,
Und wo du wandelst, schmückt sich Weg und Ort.
Du zählst nicht mehr, berechnest keine Zeit,
Und jeder Schritt ist Unermeßlichkeit.

 

Ende


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