Johann Christoph Rost
Schäfererzälungen
Johann Christoph Rost

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Der verliebte Alte.

                Palemon war kein junger Schäfer mer.
Es fiel bereits den steifen Füssen schwer,
Den alten Körper fortzutragen.
Ein welkes Haupt, worauf das dünne Har
So weiß als Schnee und fast noch weisser war,
Bewegte sich für Schwachheit hinn und wieder,
Und senkte sich bis auf die Brust hernieder.
Palemon war ein abgelebter Mann,
Wie uns die Malerei den Winter bilden kann.

Allein was meint ihr wol, ihr Schönen?
Er sollte sich nach einem sanften Tode senen,
Und sente sich, so war ich hierzu jünger binn,
Nach Cintien, der schönsten Schäferinn.
Die Liebe die oft Wunder tut,
Begeisterte des alten Schäfers Blut.
Er wünschte wieder jung zu werden,
Drum zwang er sich zu munteren Geberden.
So alt und schwächlich als er war,
So glaubt er doch, er sähe klar,
Daß ihn der Götter Gunst an Kräften stärker machte,
Und Reiz und Anmut noch aus seinen Augen lachte.
Genug er war verliebt, und auch noch reich dabei,
Drum, dacht er, stünd es ihm, gleich jungen Hirten, frei,
Von seiner Zärtlichkeit den Nimfen zu erzälen,
Und sich die schönste zu erwälen.
Die Wal traf, wie gesagt, die junge Cintia.
Er liebte sie, so bald er sie nur sah,
Und sah sie kaum, als er ihr schon entdeckte,
Daß sie den stärksten Trieb in seiner Brust erweckte.
Die Herd, auf die er gleich mit seinem Finger wies,
Bevor er Cintien zur Antwort kommen ließ,
Sprach dieser schlaue Greis, soll halb die deine sein,
Wenn du mich liebst; hier fiel die Furcht dem Alten ein,
Drum setzt er noch hinnzu: Jedoch mich ganz allein.
Was sollte Cintie dem alten Schäfer sagen?
Ihr Schönen seid gerecht, und helft mir sie beklagen:
Drei Ziegen und ein Schaf, hieraus bestund ihr Vieh,
Und mehr besaß sie nicht, und hiervon lebte sie.
Er schenkt dir, dachte sie, die halbe Herde gleich,
Dieß galt bey Cintien ein halbes Königreich.
Welch freies Mädchen wird sich lange noch bedenken,
Aus Hofnung reich zu sein, sein Armut wegzuschenken.
Sie gab dem Nutzen nach, doch sagte sie dabei:
Ich fürchte daß dein Herz zu kalt zur Liebe sei.
Palemon aber schwur zu seines Alters Ere,
Sie sollte sehn, wie jung er in der Liebe wäre.
Palemon schwur nicht falsch: Zu jung und auch zu alt;
In beiden ist man noch zur Liebe viel zu kalt.

Ein jeder Stand hat seine Pflichten,
Und ein Verliebter hat die schwersten zu entrichten.

Dieß stellte sich der Alte selber vor,
Vielleicht daß er den Mut und auch die Lust verlor?
O nein! Er meint die Kunst zu wissen,
Die durch der schlauen Männer List
Erfunden, oft versucht, doch nie bewäret ist:
Mit Worten und mit leeren Küssen
Der Zärtlichkeit genug zu tun;
Bei seiner Cintie, durch scherzen und durch spielen,
Sich zu erwärmen nicht zu külen,
Und unverdient in ihren Armen auszuruhn;
Die schönste Nimfe zu besitzen;
Die Perl zu haben, nicht zu nützen.

So denkt der Greis, jedoch die junge Schöne nicht
Woran ein Mädchen stets vor seiner Hochzeit denket;
Wovon es oft verblümt mit seiner Freundinn spricht;
Warum der Männer Tod die treuen Weiber kränket;
Kurz, was ihr Schönen schätzt und kennt,
Wenns auch kein Maler malt, und auch kein Dichter nennt,
Dieß fiel der Nimfe stündlich ein,
Und darum suchte sie der Alte zu betrügen.
Doch konnte dieses möglich sein?
Erfarung und Natur und Liebe müßten lügen.
Hier sag ich öffentlich, zu eurer Ere, nein.

Sie geben sich den Handschlag sich zu lieben,
Und beider Name wird in einen Baum geschrieben.
Die Schäferinn verert den Greis,
An dem sie nichts zu lieben weiß,
Doch schade, dacht er für die Ere,
Wenn ich kein zärtlich Wort aus ihrem Munde höre.
Allein er hört es zeitig gnug.
Einst küßt er sie, und dacht, er küßte sie recht klug;
Ser stark, ser langsam, ser bedächtig,
Denn dieß zu tun ist auch das Alter mächtig.
Er nam sie zärtlich in den Arm,
Sie ward erhitzt und er kaum warm.
Jedoch ein Kuß, ein Druck, mer war ihr nicht beschieden;
Und damit suchte sie der Alte zu ermüden.
Allein ihr Weiber sagt, womit seid ihr zufrieden?
So zärtlich auch der Greis sie küßt und drückt und spricht,
So sagte Cintia doch stets: Du liebst mich nicht.
Er schwört, ihr Glaube fodert Zeichen,
Den weder Kuß, noch Druck noch Worte gleichen.
Was sprach er willst du mer?
Dieß zu bekennen fiel den jungen Lippen schwer.
In ihrem Auge wars zu lesen.
O! wär ich doch für ihn bei ihr gewesen,
Wie hätte mich die Schöne nicht gerürt.
Wie hurtig hätte mich ihr Auge nicht verfürt!
Wie emsig hätt ich nicht darinnen buchstabiert!
Doch wer nichts merken will, dem muß mans deutlich sagen.
Ihm sagt es ihre lose Hand,
Und wie? das ist mir zwar bekannt,
Doch ihr könnt auch einmal etwas zu raten wagen.

Der Alte, welcher nur für Angst erröten kann,
Spricht augenblick: horch! mich dünckt, Melanp schlägt an;
Es ist mir immer so, als hört ich etwas bellen.
Das Zeichen ist nicht gut, wenn mir die Oren gällen.
Und hierauf eilet er zu seiner Herde hinn,
Und spricht auch nicht: komm mit, zu seiner Schäferinn.
Sie konnte sich nicht besser rächen,
Als ihrer Liebe Bündniß brechen.
Sie sprach, mit zärtlicher Gewalt:
Was hilft mir deine halbe Herde,
Wenn ich dafür nur halb von dir geliebet werde?
Verliebter Alter, deine List,
Zeigt, daß du zu der Lust zu alt,
Doch aber noch zu jung mich zu betrügen bist.

So bald sie dieß gesagt, verließ sie gleich den Ort,
Und trieb vergnügt und frei die kleine Herde fort.
Der alte Schäfer ward verspottet und verlacht,
Und einmal trug man in der Nacht,
Ihm einen Strohmann vor die Türe,
O wenn doch, wer ihm gleicht, auch seinen Schimpf erfüre!


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