Johann Christoph Rost
Schäfererzälungen
Johann Christoph Rost

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Die bezauberte Fillis.

        Ein Kluger zeigt sich nie bei der Gefar verzagt:
Hier hilft nur guter Rat, hier hilft nicht daß man klagt.

Dort, in den reizenden so oft beschriebnen Gründen,
Wo man kein fremdes Volk und wenig Laster kennt;
Wo man den Witz Verstand, die Einfalt Tugend nennt;
Wo sich die Herzen noch aus Zärtlichkeit verbinden,
Dort ist das schöne Land, das nur die Dichter finden.
In diesen Gegenden pflanzt sich durch jeden Ort,
Mit den Geschlechten noch ein altes Märchen fort.
Ich halte zwar nicht viel von erblichen Geschichten,
Jedoch, ich will davon, was ich gehört, berichten.

Die junge Fillis wuchs heran.
Sie war bereits in den so schönen Jaren,
Wo sie sonst Lieb und Wunsch den Herzen offenbaren.
Allein, ihr sah man noch der Jugend Unschuld an.
Ihr Auge war noch one List;
Ihr Putz ein Hirtenkleid das one Schleifen ist.
Kein Band durchflocht ihr braunes Har,
Worauf der Zierrat nur ein kleiner Strohhut war.
Noch sang sie wenig Hirtenlieder,
Und stimmte sie zuweilen eines an,
So wars ein Loblied auf den Pan,
Dieß sang sie oft aus frommer Andacht wieder.
Sie tanzte gern, doch one Kunst;
Sie suchte keines Schäfers Gunst
Durch ihre Stellung zu erlangen.
Zu reizen war ihr unbewußt;
Sie hatte nur zu ihrer Lust
Den Tanz mit andren angefangen.

Jedoch dieß ist die Art der Liebe,
Zuweilen mischt sie sich nicht gleich in unsre Triebe.
Sie zeigt sich nie den Herzen nah;
Wenn man sie spürt ist sie schon da.
Sie weiß uns zeitig gnug zu finden,
Drum eilt sie nicht uns zu entzünden.

So gings der jungen Fillis auch.
Die Schäfer hatten den Gebrauch,
Nach der Gewonheit ihrer Alten
Der Pales alle Jar ein Freudenfest zu halten.
Hierbei war es geschehn
Daß sie das erstemal den Licidas gesehn.
Durch diesen Anblick fiel der jungen Schäferinn,
Ruh, Freiheit und was mer? der Unschuld Hälfte hinn.
Hier sah sie einen Schäfer an;
Dieß hatte sie sonst auch getan:
Allein, hier tat sie es mit unverwandten Blicken,
Hier that sie es mit heimlichem Entzücken,
Hier tat sie es, warum? Man hat sie nicht gefragt,
Sonst hätte sie wol selbst, sie wüßt es nicht, gesagt.

Ihr schönen Mädchen helft mir dieses offenbaren:
Was Fillis nicht gewußt, habt ihr vielleicht erfaren.

So oft der Schäfer mit ihr sprach,
So schlug sie erst die Augen nieder
Und denn erhob sie nur dieselben furchtsam wieder,
Die Worte folgten langsam nach.

Der Schäfer war zu wild dieß deutlich zu verstehen,
Drum ließ er sie,
Mit leichter Müh,
Als eine spröde Nimfe gehen.

Kaum war dieß Fest vorbei,
So fülte Fillis erst die nie gefülten Triebe.
Sie fülte zwar nichts mer als nur die erste Liebe,
Doch dieß Empfinden war für sie noch viel zu neu.
Die fremde Glut, die ihren Körper brannte,
Die Regung, die sie Marter nannte,
Die Wünsche, die sie noch nicht kannte,
Die machten ihr anitzt die sonst vergnügte Zeit
Zur ungewonten Qual, zur größten Bangigkeit.

Ihr Mund verschwendete die Klagen,
Und konnte nie sein Unglück sagen.
Kein Ort war ihr mer angenem;
Kein Fleck zur Weide mer bequem.
Oft ging sie nach den külen Schatten,
Doch da sie Sonn und Luft hier nicht erhitzet hatten,
So war es auch für sie im Schatten noch zu heiß.
Ihr unverdroßner Fleiß
War bei den Schafen itz nicht mer wie sonst geschäftig.
Sie ließ die Herde vor sich gehn,
Wenn diese stund, so blieb sie stehn;
Wenn diese ging, so ging sie mit.
Man konnte keinen muntern Schritt
An dieser jungen Nimfe spüren;
Sie ließ sich von der Herde füren.
Sie wünschte sich nur stets, und was?
Den Hirten Licidas.
Was aber wollte sie mit diesem Schäfer machen?
Dieß waren damals ihr,
Wie mir
Vor ziemlich langer Zeit, noch unbekannte Sachen.
Kein Licidas erscheint,
Dieß hoffet sie auch nicht, sie klaget nur und weint.
Sie weint aus Unzufriedenheit,
Sie klagt, was klagt sie denn? Ein Herz voll Bangigkeit.
Doch mußte noch bei diesem allen
Die Schuld von ihrer Angst auf diesen Schäfer fallen.
Ach, spricht sie, Licidas quält mich durch Zauberei!
Sie sprichts, die Qual bleibt da, sie schweigt und weint dabei.
So ist bei Nacht und Tage
Ihr erst und letztes Wort die jämmerlichste Klage.

O! Fillis, stelle doch die leeren Seufzer ein,
Der Schmerz muß nicht beweint, dir muß geholfen sein.

Die Angst nam täglich überhand.
Ihr Herz geriet so stark in Brand,
Daß ihre Tränen schon der Schönheit Abbruch taten.
Deswegen war es hohe Zeit,
Der Nimfe mit Behutsamkeit,
Ein Mittel für die Qual zu rathen.

Sie klagte Silvien, die ihre Freundinn war,
Des jungen Schäfers Zaubereien.
Die Freundinn schrieh: Hier ist Gefar!
Kein Mensch kann dich davon befreien,
Als Licidas, der dir den Streich getan,
Drum höre meinen Vorschlag an:
Du mußt zu diesem Schäfer gehen,
Erst nur um seinen Rat und denn um Hülfe flehen.
Doch sprich kein Wort bei ihm von seiner Zauberei,
Er macht dich sonst aus Furcht nicht von der Marter frei.
Wirst du die Qual ihm nur bescheiden klagen,
So hilft er dir gewiß, du wirst mirs wieder sagen.

Gut, Fillis ging zum Schäfer hinn,
Und, wo ich recht berichtet bin,
So hat sie ihm kein Stück von ihrer Angst verschwiegen.
Doch, welcher Kranke wird auch seinen Arzt belügen?
Er war zum Helfen gleich bereit.
Ein Schäfer läßt sich leicht erbitten.
Er sah und prüfete der Fillis Bangigkeit,
Und merkte gleich, was sie gelitten.
Drum nam er sie mit sich in seine Schäferhütte.
Hier wiederholte sie nun noch einmal die Bitte.
Er fing die Mittel an; Allein ob die Gefar
Durch seine Kunst gehoben war,
Hat Fillis Silvien niemals bekennen wollen.

Ihr Mädchen, sagt einmal hierbei,
Was hat man von der Zauberei
Und ihrem Mittel denken sollen?

 


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