Auguste Rodin
Die Kunst
Auguste Rodin

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Zweites Kapitel

Für den Künstler ist in der Natur alles schön.

Als ich ein andermal Rodin in seinem großen Atelier in Meudon besuchte, sah ich einen Abguß der sogenannten Vieille Heaulmière. Zu dieser Statuette, worin die Häßlichkeit ganz prachtvoll zum Ausdruck gebracht ist, wurde der Künstler durch das Gedicht Villons über die »schöne Helmschmiedin« angeregt.

Die einst strahlend junge und anmutige Kurtisane wirkt jetzt in ihrem Verfall abstoßend. So stolz sie einst auf ihre Reize war, so sehr schämt sie sich jetzt ihrer Häßlichkeit. 46

Was stelltest du so früh dich ein
du Greisenalter hart und trübe?
Wer will mein Trost und Retter sein,
daß ich an mir nicht Selbstmord übe?

                            (Deutsch von K. L. Ammer.)

Der Bildhauer ist dem Dichter Schritt für Schritt gefolgt. Die alte, mehr als mumienhaft zusammengeschrumpfte Dirne klagt laut über ihren körperlichen Verfall.

Vieille Heaulmière von A. Rodin.

Gebeugt, zusammengekauert hockt sie da; der verzweifelte Blick wandert über ihre jammervoll schlaffen Brüste, ihren scheußlich faltigen Leib und über ihre Arme und Beine, die dürrer und kantiger als Rebenstöcke geworden sind.

Wenn ich dran denke, wie ich war
und was ich ward in all den Jahren,
wenn ich mich nackt im Spiegel schau,
Vertrocknet, mager, dürr und grau –
Und muß mich so verändert sehen
so will ich fast vor Wut vergehen.

.   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .

Die Stirn gefurcht, das Haar ergraut,
die hellen Augen eingesunken,
die einst so lachend dreingeschaut,
die einst so vielen zugewunken,
die Nase krumm und schönheitbar,
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Der Blick erloschen, tot und wirr,
die Ohren schlaff und voller Haar,
das Kinn gespitzt, die Lippen dürr.

Die Schultern bucklig, welk die Hand,
die Brüstchen ledern, eingefallen,
die Arme schlapp und abgespannt,
das blieb mir übrig von dem allen.
Mein süßes Ding! O pfui, o Schmach!
Der Garten struppig wie 'ne Bürste,
die einst so prallen Beine schwach
und runzlig wie zwei alte Würste.

                            (Deutsch von K. L. Ammer.)

Der Bildhauer ist nicht hinter dem Dichter zurückgeblieben. Im Gegenteil, dieses Werk, das Entsetzen einflößt, ist vielleicht noch ausdrucksvoller als die grimmige Ballade Meister Villons. Die Haut liegt schlaff herabhängend auf dem hervortretenden Knochengerüst, das sich an allen Ecken und Enden kenntlich macht. Man hat das Gefühl, daß sie sich bei der geringsten Bewegung hin- und herschiebt und haltlos zusammenschrumpft.

Eine unendliche Traurigkeit geht von diesem grotesken und erschütternden Werke aus.

Denn was man sieht, ist die unsagbare Not einer armen, verirrten Seele, die, leidenschaftlich der Jugend 50 und Schönheit hingegeben, beim Anblick der eigenen garstigen Hülle nichts anderes als heillose Ohnmacht empfinden muß. Es ist der Gegensatz des Geistes, den es nach endloser Lust verlangt, und des Leibes, der dahinschwindet, sich auflöst und der Vernichtung anheimfällt. Die Wirklichkeit hat nicht Bestand, und das Fleisch stirbt ab; aber Traum und Sehnsucht sind unsterblich.

Das hat uns Rodin begreiflich machen wollen. Und ich wüßte keinen Künstler, der jemals das Alter mit so furchtbarer Grausamkeit heraufbeschworen hätte.

Die heilige Magdalena von Donatello; Holzstatue im Baptisterium zu Florenz.

Oder doch! Auf einem Altar des Baptisteriums in Florenz sieht man eine merkwürdige Statue Donatellos, ein altes Weib, ganz nackt oder wenigstens nur mit dem langen spärlichen Haupthaar bedeckt, das in filzigen Strähnen an dem verfallenen Körper herunterhängt. Es ist die heilige Magdalena in der Wüste. In hohem Alter hat sie zu Gottes Ehre ihren Leib grausamen Kasteiungen 51 unterworfen, um ihn für die sündigen Gelüste zu bestrafen, die sie einst schrankenlos befriedigt.

Die unerbittliche Aufrichtigkeit des Florentiner Meisters wird von Rodin sicher nicht übertroffen. Trotzdem weicht der Gefühlsinhalt der beiden Werke voneinander ab. Da die heilige Magdalena ganz bewußt Verzicht leistet, erscheint sie freudig verklärt über ihre abschreckend häßliche Gestalt; die alte Frau bei Rodin dagegen ist entsetzt, sich einem Leichnam ähnlich zu finden.

Die moderne Skulptur übt also eine tragischere Wirkung aus als die alte.

Nachdem ich das wunderbare Bild des Schreckens eine Zeit lang schweigend betrachtet hatte, sagte ich zu Rodin:

Verehrter Meister, niemand kann diese erstaunliche künstlerische Leistung mehr als ich bewundern; aber Sie zürnen mir hoffentlich nicht, wenn ich Sie bitte, sich die Wirkung vorzustellen, die dieses Werk im Luxembourgmuseum auf viele Besucher und besonders Besucherinnen ausübt.

 

Ich bin Ihnen dankbar, wenn Sie mir die Wirkung nennen. 52

 

Nun, im allgemeinen wendet sich das Publikum mit Ausdrücken des Abscheus davon ab.

Ich habe auch oft Frauen beobachten können, die sich die Hände vor die Augen hielten, um sich diesem Anblick zu entziehen.

Rodin fing an, herzlich zu lachen. Dann sagte er:

 

– Man könnte glauben, mein Werk sei beredt, wenn es so lebendige Eindrücke hervorzurufen vermag; und die von Ihnen erwähnten Personen haben zweifellos eine Scheu vor den rücksichtslosen philosophischen Wahrheiten.

Für mich jedoch hat einzig und allein die Meinung der Kunstverständigen Bedeutung, und diese haben zu meiner großen Freude vor meiner Skulptur mit ihrem Beifall nicht gekargt. Ich bin wie jene römische Sängerin, die auf das Hohngelächter der großen Menge antwortete: »Equitibus cano! Ich singe nur für die Kavaliere«, das heißt für die Kenner.

Der gemeine Mann bildet sich gern ein, daß das, was er in der Wirklichkeit für häßlich hält, kein Stoff für den Künstler sein könne, und möchte uns die Darstellung dessen, was ihn in der Natur beleidigt und was ihm mißfällt, untersagen.

Er befindet sich da in einem großen Irrtum. 53

Was man in der Natur landläufig mit »häßlich« bezeichnet, kann in der Kunst etwas sehr Schönes werden.

In der Reihenfolge der wirklichen Dinge nennt man »häßlich« alles, was mißgestaltet und ungesund ist, die Vorstellung einer Krankheit, einer Schwäche und eines Leidens veranlaßt, alles was der Regelmäßigkeit, dem Zeichen und der Bedingung von Gesundheit und Kraft, entgegengesetzt ist; ein Buckliger ist »häßlich«, ein Krummbeiniger ist »häßlich«, das Elend in Lumpen ist »häßlich«.

»Häßlich« sind ferner die Seele und der Lebenswandel des unsittlichen Menschen, des Wüstlings und des Verbrechers, des anormalen Geschöpfes, das der Gesellschaft schadet; »häßlich« ist die Seele des Vatermörders, des Verräters, des skrupellos Ehrgeizigen.

Und es ist durchaus gerecht, Wesen und Dinge, von denen man nur Schlechtes erwarten kann, mit einem hassenswerten Namen zu bezeichnen.

Sobald jedoch ein großer Künstler oder ein großer Dichter der einen oder der anderen dieser »Häßlichkeiten« sich bemächtigt, verwandelt er sie augenblicklich; wie durch die Berührung mit einem Zauberstab hüllt er sie in Schönheit: das ist wahrhaftig Alchimie und Zauberei.

Zwerg Sebastian, Hofnarr Philipps IV, von Velasquez. Pradomuseum, Madrid.

Als Velasquez den Zwerg Sebastian malte, gab 54 er ihm einen so ergreifenden Blick, daß wir darin sofort das peinigende Geheimnis dieses Ärmsten lesen, der gezwungen ist, um nur sein Leben zu fristen seine Menschenwürde abzutun, ein Spielzeug, ein leibhaftiger Hanswurst zu werden. Und je schmerzlicher das Martyrium der in dem mißgestalteten Körper wohnenden Seele zum Ausdruck kommt, um so schöner ist das Werk des Künstlers.

Der Mann mit der Hacke von François Millet.

Wenn François Millet einen armen Bauern darstellt, der, auf den Stil seiner Hacke gestützt, sich einen Augenblick verschnauft, einen von harter Arbeit zerschundenen, von der Sonne verbrannten Menschen, der stumpf wie ein krumm und lahm geschlagenes Lasttier geworden ist, so hat er in den Ausdruck dieses Verdammten nur die Ergebung in die vom Schicksal verfügte Strafe zu legen, damit dieses Schreckbild des 57 Jammers ein wunderbares Symbol der ganzen Menschheit werde.

Wenn Baudelaire ein schmutziges, von Würmern zerfressenes Aas beschreibt und unter diesem furchtbaren Anblick seine angebetete Geliebte sich vorstellt, so gibt es kaum etwas Glänzenderes als diese gewaltige Gegenüberstellung der Schönheit, der man eine ewige Dauer wünscht und der unerbittlich grausamen Zersetzung, die sie erwartet:

Weißt du, mein Herz, noch, was im lichten Morgenscheine
    Wir jenen Sommertag entdeckt:
Ein schändlich Aas, nicht weit vom schmalen Wegesraine,
    Auf Kieselsteinen hingestreckt.

Die Beine in der Luft, wie liederliche Frauen,
    Vom Strome glühender Gifte voll,
Ließ es voll Lässigkeit und ohne Scham uns schauen
    Den Leib, dem ein Gestank entquoll.

Die Sonne strahlte auf die ekle Fäulnis nieder,
    Die ihre Glut zu kochen schien,
Als gäbe hundertfach sie der Natur das wieder,
    Dem einst sie eine Form verliehn.

Der Himmel schaute nach dem wundersamen Aase,
    Wie es sich blütengleich erschloß
So fürchterlich war der Geruch, daß auf dem Grase
    Fast eine Ohnmacht dich umfloß. 58

Die Fliegen summten um die modernden Atome,
    Indes gedrängt und schauerlich
Der Larven ekle Schar, in schwerem, schwarzem Strome,
    Durch die lebendigen Fetzen schlich.

Das alles senkte sich und knisterte verquellend
    Und stieg, wie sich die Woge hebt,
Man meinte beinah, daß von frechem Hauche schwellend
    Der Leib vervielfacht aufgelebt.

Und dieser Welt entrann ein Tönen, seltsam klingend,
    Wie Wind und Wasser es erregt,
Gleichwie von Körnern, die der Landmann rhythmisch schwingend
    Im Siebe schüttelt und bewegt.

Die Form verwischte sich zu einem Traum, der fahler
    Als eine flüchtge Skizze war,
Die auf vergeßnem Blatt ergänzt wird, die dem Maler
    Aus der Erinnerung sich gebar.

Und eine Hündin sah aus felsigem Geklippe
    Unruhig, mit erzürntem Blick,
Nur die Gelegenheit erspähend, vom Gerippe
    Zu reißen sich ein neues Stück.

Und dennoch wirst du gleich der eklen Fäulnis werden.
    Ganz so zerstört und grauenhaft,
Du meiner Augen Stern, du Sonne mir auf Erden,
    Mein Engel, meine Leidenschaft! 59

So wirst du aussehn, wenn, o Königin holder Güte,
    Du nach der letzten Ölung gehst
Dorthin, wo unter üppigem Kraut und reicher Blüte
    Bei den Gerippen du verwest.

Dann, meine Schöne, sprich zum Wurm, der dich erlesen
    Und dem dein Leib zum Küssen lieb,
Daß prangende Gestalt und unvergänglich Wesen
    Mir von entstellter Liebe blieb!
                            (Deutsch von Wolf Graf Kalckreuth.)

Und ebenso wird, wenn Shakespeare einen Jago oder einen Richard III. schafft, wenn Racine einen Nero und Narciß schildert, die von so klaren und eindringlichen Köpfen interpretierte seelische Häßlichkeit ein wunderbares Schönheitsthema.

So ist denn in der Kunst tatsächlich einzig und allein das schön, was »Charakter« hat.

»Charakter« heißt die große innere Wahrheit eines jeden schönen oder häßlichen Naturschauspiels: ja, man könnte hier sogar von einer »doppelten Wahrheit« sprechen, denn es handelt sich um eine innere, die durch eine äußere zum Ausdruck gebracht wird. Seele, Gefühl, Ideen gelangen durch die Gesichtszüge, Gebärden und Handlungen eines Menschen, durch die Färbungen eines Himmels, die Linie eines Horizontes zum Ausdruck. 60

Dem großen Künstler verrät also in der Natur alles einen Charakter: denn die unerbittliche Schärfe seiner Beobachtung dringt in den geheimsten Sinn aller Dinge.

Was in der Natur für häßlich gilt, zeigt oft mehr »Charakter« als das, was man für schön hält, weil in dem nervösen Spiel einer krankhaften Physiognomie, in den tiefen Spuren einer lasterhaften Maske, in jeglicher Mißbildung, in jedem Brandmal die innere Wahrheit viel leichter aufblitzt, als auf regelmäßigen und gesunden Zügen.

Und da einzig die Macht des »Charakters« die künstlerische Schönheit bedingt, so geschieht es häufig, daß ein in der Natur äußerst häßliches Wesen in der Kunst nur um so schöner wird.

Häßlich ist in der Kunst das, was keinen Charakter, das heißt weder eine äußere noch eine innere Wahrheit besitzt, ferner das, was falsch und künstlich ist, was, anstatt ausdrucksvoll zu sein, einnehmend oder schön sein möchte, was gekünstelt und gesucht ist, was ohne Grund lächelt, was ohne Ursache sich aufdrängt und sich spreizt, alles, was ohne Seele und Wahrheit ist, was sich nur mit Schönheit oder Anmut brüstet, alles, was lügt.

Wenn ein Künstler in der Absicht die Natur zu verschönern die Wirkung des Frühlings mit grünen, 61 der Morgenröte mit rosigen und die jugendfrischer Lippen mit purpurnen Tönen übertreibt, so schafft er etwas Häßliches, weil er lügt.

Wenn er schmerzverzerrte Züge, die Senilität des Alters, die Scheußlichkeit der Perversität im Ausdruck mildert, wenn er die Natur verbessert, wichtige Dinge in ihr umnebelt, verhüllt, mäßigt, um der unwissenden Menge zu gefallen, so kann nur etwas Häßliches dabei herauskommen, weil er Furcht vor der Wahrheit hat.

Für den, der den Namen Künstler verdient, ist in der Natur alles schön, weil seine jede äußere Wahrheit unerschrocken aufnehmenden Augen darin, wie in einem offenen Buch, mühelos jede innere Wahrheit zu lesen vermögen.

Er braucht nur ein Gesicht aufmerksam zu betrachten, um die Seele zu enträtseln; kein Zug wird ihn täuschen, die Heuchelei ist für ihn ebenso durchsichtig wie die Aufrichtigkeit. Die Wölbung und der Neigungswinkel einer Stirn, das geringste Runzeln der Brauen, ein scheuer Blick, enthüllt ihm die Geheimnisse eines Herzens.

Auch den verborgenen Trieb des Tieres erforscht er. Regungen von Gefühlen oder Gedanken, eine sich dumpf äußernde Intelligenz, erwachende 62 Zärtlichkeiten, das ganze niedere Seelenleben des Tieres nimmt er in seinen Blicken und Bewegungen wahr.

Ebenso ist er der Vertraute der empfindungslosen Natur. Die Bäume und Pflanzen sprechen zu ihm wie Freunde.

Die alten, knorrigen Eichen versichern ihn ihres Wohlwollens für die Menschheit, die sie mit ihren ausgebreiteten Ästen beschirmen.

Die Blumen pflegen Zwiesprache mit ihm durch das anmutige Neigen ihres Stiles, durch die harmonisch abgetönten Nuancen ihrer Blüten. Jede Blume im Grase ist ein herzliches Wort, das die Natur an ihn richtet.

Für ihn ist das Leben ein unaufhörlicher Genuß, ein dauerndes Entzücken, eine berauschende Wonne.

Nun erscheint ihm jedoch keineswegs alles schön und gut, denn das Leiden, das so oft ihn selbst und die, die er lieb hat, überfällt, würde diesen Optimismus grausam Lügen strafen.

Für ihn ist deshalb alles schön, weil er beständig im Lichte der geistigen Wahrheit wandelt. So findet der große Künstler, und ich meine mit diesem Wort den Dichter ebenso wie den Maler oder den Bildhauer, selbst im Leiden, in dem Tode geliebter Wesen, ja sogar im Verrat eines Freundes die tragische Lust der Bewunderung. 63

Sein Herz steht bisweilen Folterqualen aus, aber weit stärker als die Qualen empfindet er die herbe Freude zu verstehen und zu gestalten. In allem, was er sieht, begreift er klar den Willen des Schicksals. Auf seine eigenen Nöte, auf die schlimmsten Kränkungen, richtet er den begeisterten Blick eines Menschen, der die Ratschlüsse der höheren Mächte geahnt hat. Von einem geliebten Wesen getäuscht, wankt er zunächst, wie unter einem Schlage, dann jedoch, wenn er sich erholt hat, betrachtet er den Treulosen als ein schönes Beispiel von Niedertracht und er begrüßt die Undankbarkeit als eine Erfahrung, um die seine Seele reicher geworden ist. Seine Ekstase kann bisweilen furchtbar sein, aber das ist ein Glück, weil darin die unentwegte Verehrung der Wahrheit liegt.

Wenn er sieht, wie alles einander bekämpft und vernichtet, wie jede Jugend verblüht, jede Kraft verschwindet, jegliches Genie erlischt, wenn er dem Willen ins Auge sieht, der so viele unverständliche Gesetze erläßt, so freut er sich mehr denn je ein Wissender zu sein und fühlt sich, mit Wahrheit gesättigt, unendlich glücklich.

 


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