Autorenseite

 << zurück weiter >> 

V.

Wochen und Monate waren seitdem verflossen, aber der Zauber der Fontana Trevi wollte noch immer nicht schwinden. Von ihrer Hochzeitsreise längst zurückgekehrt, saß Julie in ihrer neuen, reizend eingerichteten Wohnung und dachte an Rom und das schöne Künstlerfest, von krankhafter Sehnsucht verzehrt.

In ihren Händen hielt sie die Photographien des Festzugs und der dabei betheiligten Künstler, welche der Bildhauer Wrede ihr zum Andenken geschenkt hatte und die sie wie einen kostbaren Schatz in einem geheimen Fach ihres Schreibtisches verwahrte.

So oft sie sich ungestört glaubte, öffnete sie die grüne Juchten-Mappe und überließ sich ihren schmerzlich süßen. Erinnerungen. Vor allem interessirte sie das Bild jenes genialen Malers, den sie nicht mehr vergessen konnte. Während sie seine bekannten energischen Züge betrachtete, durchlebte sie noch einmal im Geist den wunderbaren Abend, im Palazzo Poli, sah sie seine hohe Gestalt, von dem prächtigen Purpurmantel umwallt, hörte sie den verführerischen Ton seiner Stimme: »A rivederci!«

Unwillkürlich entrang sich ein schmerzlicher Seufzer ihrer Brust, und ein düsterer Schatten flog über ihre bleiche Stirn, als der Schall lauter Tritte sie aus diesen gefährlichen Träumen riß. Schnell ergriff sie die Mappe, welche sie in ihren Schreibtisch verschloß, den kleinen Schlüssel an ihrem Busen verbergend.

In der geöffneten Thür erschien ihr Gatte, wie immer ruhig und freundlich, zärtlich und liebevoll, ahnungslos und voll Vertrauen, obgleich ihm ebenso wenig ihre augenblickliche Verwirrung, wie ihre andauernde Verstimmung entging.

In der That zeigte Julie seit, ihrer Rückkehr eine nervöse Reizbarkeit, einen jähen Wechsel ihrer Stimmung, bald eine unerklärliche Schwermuth, bald eine ebenso unmotivirte Heiterkeit, heute eine stürmische Aufregung und morgen eine apathische Gleichgiltigkeit.

Wenn auch Haller diese bedenklichen Symptome nur zu oft bemerkte, so ließ er sich dadurch nicht beunruhigen, da er diese Leiden den veränderten Verhältnissen, der weiblichen Launenhaftigkeit, ihrer Nervosität und einer leichten Hysterie zuschrieb.

Außerdem war er bald nach seiner Ankunft wieder so beschäftigt, daß er diesen ihm ganz unbedeutend scheinenden Zuständen nicht die nöthige Beachtung schenkten konnte. Eine wichtige wissenschaftliche Arbeit, die er wegen seiner Hochzeitsreise unterbrochen hatte, seine ausgebreitete Praxis und. vor allem die von ihm geleitete Klinik nahmen seine ganze Zeit in Anspruch und hinderten ihn auch jetzt, seiner jungen Frau Gesellschaft zu leisten, wie er wünschte und auch sie erwarten mochte.

»Es thut mir leid,« sagte er freundlich, »daß ich Dich bald wieder verlassen muß. Ich habe heute in der Klinik sehr viel zu thun, mehrere schwere Patienten, die meine Gegenwart dringend fordern.«

»Meinetwegen brauchst Du Dich nicht zu geniren, wenn Du nur zur rechten Zeit zurückkommst.«

»Das kann ich Dir nicht mit Gewißheit versprechen, da sich nicht im voraus bestimmen läßt, wie lange ich aufgehalten werde.«

»Du weißt doch, daß Mama uns zum Diner eingeladen hat und ich angenommen habe.«

»Das verwünschte Diner habe ich wirklich ganz vergessen.«

»Ich glaube,« versetzte sie piquirt, »daß Du über Deine Klinik die ganze Welt, selbst Deine Frau vergissest und nicht daran denkst, daß Du der Mama und mir auch einige Rücksichten schuldig bist!«

»Verzeihe!« erwiderte er gutmüthig. »Ein so beschäftigter Arzt kann nicht immer über seine Zeit gebieten und darf seine Kranken nicht warten lassen. Aber ich will mich so sehr als möglich beeilen und werde mich nicht länger aufhalten, als es dringend nöthig ist.«

Mit diesen Worten verabschiedete sich Haller, nachdem er einen zärtlichen Kuß auf ihre Lippen gedrückt, den sie jedoch mehr zu dulden als zu erwidern schien. Sobald er gegangen war, versank Julie von neuem in ihre unterbrochenen Gedanken und Erinnerungen.

Unwillkürlich drängte sich ihr dabei der Vergleich zwischen dem ruhigen, nüchternen, nur für seinen Beruf und seine Studien lebenden Arzt und dem feurigen, phantasievollen, liebenswürdigen Künstler auf, in dem sie das Ideal eines vollkommenen Mannes erblickte; neben ihm mußte ihr Haller wie die trockene Prosa neben der blühendsten Poesie erscheinen.

Um den peinlichen Betrachtungen zu entfliehen, setzte sie sich an das Klavier und vertiefte sich in eine neue Komposition von Wagner, aber auch die Musik mit ihrem berauschenden Zauber vermochte sie nicht zu zerstreuen und vermehrte nur noch ihre nervöse Reizbarkeit, bis ein heißer Thränenstrom ihr das gepreßte Herz erleichterte.

Unbekannt mit diesen gefährlichen Seelenkämpfen und inneren Leiden seiner Frau widmete sich Haller unterdessen in der Klinik mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit der Behandlung seiner Patienten, wobei ihm sein bewährter Assistent und Freund, Doktor Jung, und die neue Oberin zur Seite standen.

In kurzer Zeit war es Hedwig wirklich gelungen, sich die Liebe und das Vertrauen der Kranken, wie die Achtung des Wärterpersonals und der Aerzte zu erwerben. Sie sorgte nicht nur mit liebevollem Eifer für die Pflege und das Wohlbefinden der Patienten, für die Ordnung und Sauberkeit des Hauses, sondern unterstützte auch Haller bei seinen wissenschaftlichen Beobachtungen und Untersuchungen, für die sie ein besonderes Interesse und Verständniß zeigte.

So oft er seine Klinik besuchte und Hedwig in ihrem jetzigen Wirkungskreise beobachtete, mußte er immer wieder ihre gleichmäßige Ruhe, ihre erprobte Zuverlässigkeit, ihre klare Umsicht und ihre selbstlose, freudige Hingebung anerkennen.

In seiner günstigen Meinung von ihren überraschenden Leistungen wurde er noch durch das Zeugniß des Doktor Jung bestärkt, der von der neuen Oberin mit wahrem Enthusiasmus sprach und nicht müde wurde, ihre Pflichttreue, Herzensgüte und persönliche Liebenswürdigkeit zu rühmen.

Der begabte und ehrenwerthe junge Assistenzarzt hatte in der That für Hedwig eine ernste Neigung gefaßt und den lebhaften Wunsch, sich um ihre Hand zu bewerben, obgleich sie ihn durch ihr zwar freundliches, aber zurückhaltendes Benehmen keineswegs zu einem solchen Antrag ermuthigte oder eine Erwiderung seiner Liebe hoffen ließ.

Aus diesem Grunde hatte sich Doktor Jung gerade heute vorgenommen, mit Haller offen zu sprechen und ihm seine Absichten anzuvertrauen. Zugleich beabsichtigte er, sich den Rath und die Vermittelung des Freundes zu erbitten, den auch Hedwig, wie er wußte, ganz besonders verehrte und hochschätzte.

Mit verzeihlicher Ungeduld erwartete daher der Assistenzarzt das Ende der Krankenvisite, so sehr er sich auch sonst für diese lehrreichen Untersuchungen interessirte. Nachdem Haller die nöthigen Anordnungen getroffen und Hedwig das Sprechzimmer verlassen hatte, um ihren häuslichen Beschäftigungen nachzugehen, benutzte Doktor Jung die willkommene Gelegenheit, dem Freunde seine Wünsche in diskreter Weise mitzutheilen.

»Seitdem Fräulein Bauer,« begann er mit geheuchelter Unbefangenheit, »die Pflege der Kranken übernommen hat, herrscht in unserer Klinik ein anderer, besserer Geist, die Patienten vergöttern sie, und die Wärter gehorchen ihr aufs Wort. Es ist eine Freude, sie am Krankenbett zu sehen und mit ihr zu thun zu haben.«

»Das ist wahr,« versetzte Haller beistimmend. »Sie ist ein wahrer Schatz für uns, wie geschaffen für diese Stellung. In kurzer Zeit hat sie sich mir unentbehrlich zu machen gewußt, und ich werde sie schwer vermissen, wenn sie einmal gehen sollte.«

»Wie?« rief Doktor Jung bestürzt. »Sie glauben doch nicht, daß Fräulein Bauer uns verlassen will?«

»Wohl möglich, so unangenehm es mir auch wäre. Hedwig ist noch jung, erst vierundzwanzig Jahre alt. Wie ich weiß, fehlt es ihr auch nicht an vortheilhaften Anträgen, die sie allerdings bis jetzt zurückgewiesen hat.«

»Aber aus welchem Grunde? Sollte sie vielleicht eine heimliche Neigung, eine unglückliche Liebe –«

»Dafür scheint sie mir zu ruhig, zu verständig zu sein. Sie ist eine viel zu gesunde Natur, um sich einer hoffnungslosen Neigung zu überlassen. Eher möchte ich annehmen, daß sie noch keinen ihrer würdigen Mann gefunden hat und mit Recht mehr beansprucht, als eine bloße Altersversorgung.«

»Sie halten es demnach nicht für unwahrscheinlich,« forschte der junge Arzt fast ängstlich, »daß Fräulein Bauer früher oder später sich zu einer Heirath entschließen würde, wenn es einem Mann gelingen sollte, mit der Zeit ihre Achtung und Liebe zu gewinnen?«

»Daran zweifle ich kaum,« erwiderte Haller lächelnd und mit einem forschenden Blick auf seinen Assistenten. »Ich selbst würde mich freuen, da ich mich für das treffliche Mädchen lebhaft interessire und von Herzen wünsche, daß sie eine recht gute Partie macht und so glücklich wird, wie sie es verdient.«

Durch diese Worte ermuthigt und in seinen Absichten bestärkt, zögerte Doktor Jung nicht länger, dem Freunde seinen Vorsatz offen mitzutheilen und ihn um seinen Beistand in dieser wichtigen Angelegenheit zu bitten.

»Ich liebe Hedwig,« sagte er bewegt, »schon seit längerer Zeit, aber ich wagte nicht, um sie anzuhalten, weil ich mich nicht einer möglichen Abweisung aussetzen wollte. Sie kennen mich und meine Verhältnisse; mit meinem Gehalt und den Zinsen meines Vermögens kann ich nicht nur bequem leben, sondern auch einer Frau eine gesicherte, sorgenlose Zukunft bieten. Wenn Sie mit Hedwig sprechen und ein gutes Wort einlegen wollen, so wird sie vielleicht eher geneigt sein, meine Wünsche zu erfüllen, da Sie ihr ganzes Vertrauen besitzen und den größten Einfluß auf ihre Entschlüsse üben. Deshalb hielt ich es auch für besser, mich zuerst an Sie zu wenden und Ihre Ansicht über einen so wichtigen Schritt zu hören, den ich ohne Ihr Wissen und Ihre Zustimmung nicht thun mochte.«

»Ich danke Ihnen, lieber Jung,« versetzte Haller, ihm die Hand reichend, »für diesen neuen Beweis Ihres Vertrauens und bin gern bereit, in dieser Angelegenheit alles für Sie zu thun, was in meiner Macht steht. Nur möchte ich Ihnen rathen, sich noch einige Zeit zu gedulden, da Hedwig jetzt um ihre verstorbene Mutter trauert und Ihr Antrag sie in ihrer gegenwärtigen Stimmung leicht verletzen dürfte. Unterdessen findet sich wohl eine passende Gelegenheit, sie auszuforschen und mit Ihren Wünschen bekannt zu machen. Es versteht sich ganz von selbst, daß Sie dabei auf meinen Beistand und meine Diskretion rechnen können. Jetzt aber bitte ich Sie, mich zu entschuldigen, wenn ich Sie verlassen muß, da ich mit meiner Frau zum Diner bei meiner Schwiegermutter erwartet werde. Ich möchte Sie nur noch ersuchen, auf die beiden neuen Patienten, besonders auf Frau von Giersdorf, ein wachsames Auge zu haben, weil ich bei ihrer hochgradigen Exaltation einen Wuthanfall oder selbst einen Selbstmordversuch befürchte. Sollte etwas Besonderes Vorkommen, so benachrichtigen Sie mich sofort. Sie wissen ja, wo ich zu finden bin.«

»Wegen der Kranken können Sie ganz unbesorgt sein. Ich habe der Wärterin strengen Befehl gegeben, die Patientin keinen Augenblick allein zu lassen und sie sorgfältig zu bewachen. Frau von Giersdorf ist auch weit ruhiger geworden, seitdem Fräulein Hedwig sie in der Wirtschaft beschäftigt und sie unter ihrer speziellen Aufsicht im Garten arbeiten läßt. Es ist wirklich unbegreiflich, welche Macht unsere Oberin über das Gemüth der Kranken besitzt; ihre bloße Gegenwart genügt schon, die aufgeregtesten zu bändigen.«

Durch die Sorge um seine Patienten und die unerwartete Unterredung mit dem Assistenzarzt aufgehalten, kam Haller noch später zu dem Diner, als er gehofft hatte. Die Gesellschaft, unter der sich Onkel Heinrich, Herr und Frau Doktor Stern, Fräulein von Rinow und der famose Tannhäuser befanden, saß bereits am Tisch, an dem Haller, mit vorwurfsvollen Blicken und Worten von Julie und besonders von der Frau Generalkonsul empfangen, jetzt Platz nahm.

»Die Herrschaften,« sagte er ruhig, »müssen mich schon entschuldigen. Es war mir wirklich nicht möglich, früher zu kommen, da es in der Klinik mehr zu thun gab, als ich glaubte.«

»Gewiß wieder ein interessanter Fall,« spottete Onkel Heinrich, »eine überspannte Dame oder ein alter Hypochonder.«

»Daran fehlt es nicht bei uns. Leider nimmt die Zahl der Geisteskranken in höchst bedenklicher Weise zu.«

»Ich möchte nur wissen, woran das liegt?«

»An den gesteigerten Ansprüchen unseres Lebens,« entgegnete Haller ernst, »an der ganzen materiellen Richtung der Zen, an der wilden Jagd nach dem Glück und der noch wilderen Genußsucht, die alle körperlichen und geistigen Kräfte auf das Höchste anspannen und aufreiben. Dazu kommt noch der Mangel jedes sittlichen Halts und der nöthigen Widerstandsfähigkeit in Folge einer verkehrten Erziehung, die ebenso unzureichende Herrschaft über die Leidenschaften und Begierden, der maßlose Egoismus der neuen Generation und die ererbte, meist durch die Sünden der Eltern verschuldete Anlage –«

»Und die Liebe,« ergänzte Frau Livia Stern mit feurigen Blicken. »Sie vergessen die Götter und Menschen beherrschende dämonische Macht.«

»Allerdings nimmt auch die Liebe unter den Gelegenheitsursachen der Geistesstörungen, besonders bei dem weiblichen Geschlecht, eine hervorragende Stelle ein und liefert eine bedeutende Anzahl solcher Patienten. Gerade in diesem Augenblick befindet sich in meiner Klinik eine Dame aus den besten Ständen, die im eigentlichen Sinne ein bedauernswerthes Opfer der modernen Liebe ist.«

»Moderne Liebe!« rief Frau Livia befremdet. »Was soll das heißen? Ist die Liebe nicht ewig zu allen Zeiten die gleiche Leidenschaft, unwandelbar wie Mond und Sterne?«

»Doch nicht! Meiner Ansicht nach hat jedes Jahrhundert, jedes Volk und jedes Land seine eigentümliche Anschauung und Auffassung von dem, was wir gewöhnlich Liebe nennen. Ein Römer oder Grieche fühlte und dachte darüber ganz anders, wie ein Franzose unter Ludwig dem Vierzehnten, wie der Deutsche in der Wertherperiode oder wie wir heutigen Epigonen. Auch die Liebe kann sich nicht den Einflüssen der Zeit, der nationalen Bildung, Sitte und Gewohnheit entstehen und unterliegt, wie alles menschliche Denken und Empfinden, einem fortwährenden Umwandlungsprozeß, unbeschadet ihres unvergänglichen Kerns und ihrer göttlichen Idee.«

»Da bin ich doch wirklich neugierig, von Ihnen zu hören, was Sie unter moderner Liebe verstehen?«

»Jene charakteristische Mischung,« versetzte Haller mit absichtlich starker Betonung, »von Sinnlichkeit und Sentimentalität, von rohen: Materialismus und überschwänglicher Romantik, von maßloser Eitelkeit und raffinirter Genußsucht, von nervöser Reizbarkeit und moralischer Schlaffheit, die immer mehr um sich greift und jedes wahre, echte Gefühl, die reine, ideale Liebe zu verdrängen droht.«

Haller hatte laut und bestimmt gesprochen; wie ein schriller Mahnruf klangen seine Worte in die frivolen Tischgespräche hinein. Es war still in dem Zimmer geworden und alle blickten verlegen vor sich hin. Selbst Onkel Heinrich nippte bedenklich an seinem Glase und murmelte nur etwas von dem ›Prediger in der Wüste‹ seiner Nachbarin zu.

Mit finsterer Stirn, ein halb spöttisches, halb schmerzliches Zucken um die zusammengepreßten Lippen, den düstern Blick fast zornig auf ihn gerichtet, saß Julie da in peinlicher Aufregung, welche sie kaum zu verbergen vermochte.

»Sie müssen wirklich,« sagte Frau Livia nach einer längeren Pause höhnisch, »recht angenehme Erfahrungen gemacht haben, Herr Professor. Und was sagen Sie,« fügte sie boshaft zu Julie gewendet hinzu, »zu den schönen Ansichten Ihres Herrn Gemahls?«

»Ich interessire mich,« entgegnete diese im gereizten Ton, »ebenso wenig für diese Paradoxen wie für die ewigen Erzählungen von seinen Kranken, die mich aufs höchste langweilen.«

»Dann,« erwiderte Haller mit einer ihm sonst fremden Schärfe, »hättest Du nicht die Frau eines Arztes werden sollen.«

Obgleich er schon im nächsten Augenblick seine Heftigkeit bereute und bemüht war, sie durch verdoppelte Freundlichkeit wieder gut zu machen, konnte ihm Julie seine unbedachte Rede nicht verzeihen. Absichtlich, nur um ihn zu kränken, unterhielt sie sich mit dem ihr sonst gleichgiltigen Tannhäuser in höchst auffallender Weise und sang mit ihm nach dem Diner mehrere Liebeslieder, trotzdem Haller, wie sie wußte, eine derartige Vertraulichkeit mit dem verrufenen Sänger nicht liebte.

Geflissentlich wich sie jeder Erklärung aus und ging stumm neben ihm her, ohne ihm zu antworten. Nur zu gern hätte er sein Unrecht eingestanden und wieder gut gemacht, aber ihr eigensinniges Schweigen und abweisendes Benehmen beleidigte ihn so sehr, daß auch er jeden ferneren Versuch, sie zu versöhnen, als seiner männlichen Würde zuwider unterließ.

Vielleicht hätte noch ein gutes Wort, ein freundliches Entgegenkommen den gestörten Frieden wiederherstellen und das gelockerte Band von neuem befestigen können, da Julie noch keineswegs der Leidenschaft für den berühmten Künstler unrettbar verfallen war und, schwankend zwischen Pflicht und Liebe, gegen die an sie herantretende Versuchung ernstlich kämpfte.

Aber das heilkräftige, versöhnende Wort wurde nicht zur rechten Zeit gesprochen; ihr Trotz verschloß ihm den Mund, und Jein Stolz bestärkte sie nur in ihrem Widerstande. So verging der günstige Augenblick und beide trennten sich mit bitteren Gefühlen und erkalteten Herzen.


 << zurück weiter >>