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I.

I In ihren stilvoll dekorirten und hell erleuchteten Räumen empfing heute die verwittwete Frau Generalkonsul Eberhard die zahlreiche Gesellschaft, welche sich während des Winters an bestimmten Abenden bei ihr einzufinden pflegte.

Um die noch immer schöne und lebenslustige Wittwe versammelte sich ein interessanter Kreis hervorragender Männer und Frauen, die sogenannte Elite der Residenz; da waren namhafte Abgeordnete und höhere Beamte, Industrielle und Bankiers mit ihren Damen, Schriftsteller und Künstler, besonders viele Musiker, welche ebenso sehr von der Liebenswürdigkeit der gastfreien Wirthin, wie von der Schönheit ihrer einzigen Tochter angezogen wurden.

In der That konnte man nicht leicht eine reizendere Erscheinung sehen, als Julie Eberhard. Wie von Flügeln getragen, schwebte die zarte, fast kindliche Elfengestalt durch den Saal. Das Gesicht, der schlanke Hals, die Büste und die schönen Arme zeigten die edle Blässe des parischen Marmors. Um die Schläfen schmiegte sich das seidenweiche Haar in bläulicher Schwärze; dunkel gewölbte Brauen hoben sich von der weißen Stirn ab, die tiefblauen Augen strahlten, und in ihren Zügen lag jene unbewußte Melancholie, wie sie den antiken Bildwerken eigen ist, welche um die Vergänglichkeit alles irdischen Glückes gleichsam zu trauern scheinen.

So stand jetzt Julie im einfachen weißen Kleide neben der eleganten, üppigen Mutter, wie die weiße Rosenknospe neben der voll erblühten Centifolie. Anmuthig begrüßte sie die Eintretenden, jedem mit gleicher Liebenswürdigkeit die schmale Kinderhand entgegenstreckend.

Nur bei einigen Gästen wich die gleichmütige Freundlichkeit des Empfangs einem herzlicheren Gefühl. Wie ein Sonnenstrahl flog es dann über das bleiche Gesicht und ihre Augen glänzten.

Zu den so Begrüßten zählten vor allen zwei Herren, welche zusammen eintraten. Der ältere von beiden, ein angehender Fünfziger, rollte seine kleine, starke Gestalt mit äußerster Beweglichkeit in den Saal. Mit dem kahlen Scheitel, den rosigen glatten Wangen, den klug unter dem goldenen Kneifer blinzelnden Augen und dem sinnlichen Mund, um den ein halb spöttisches, halb gutmüthiges Lächeln spielte, bot er das Bild eines geistreichen Lebemanns und heiteren alten Junggesellen.

Er war der Onkel und Vormund Juliens, der Doktor der Philosophie Heinrich Eberhard, ein allgemein bekannter Privatgelehrter, der seine durch ein großes Vermögen gesicherte Muße zwischen ernsten volkswirtschaftlichen Studien und seinem Vergnügen theilte.

Sein jüngerer Begleiter, der außerordentliche Professor an der Universität und praktische Arzt Eduard Haller, verrieth schon in der hohen Stirn und den scharf geprägten Zügen den tiefen Denker und ernsten Charakter. Wegen seiner glücklichen Kuren und bedeutenden wissenschaftlichen Arbeiten genoß er einen ausgezeichneten Ruf in der medizinischen Welt und das größte Vertrauen seiner zahlreichen Patienten, zu denen auch die Frau Generalkonsul zählte.

Nur widerstrebend hatte sich Haller heute von dem ihm befreundeten Doktor Eberhard bereden lassen, demselben in den bunten Kreis zu folgen. Der hier herrschende freie und leichte Ton sagte dem etwas schwerfälligen und für seine Jahre allzu ernsten Arzt nicht sonderlich zu; nie fühlte er sich einsamer, als mitten in dem Wogen und Treiben der großen Gesellschaft.

Gerade weil Julie ihren unwiderstehlichen Zauber auf ihn stärker und nachhaltiger übte, als aus irgend einen der übrigen Gäste, mochte er sie hier nicht sehen und ihren Anblick nicht mit so vielen theilen, die ihm entweder gleichgiltig oder zuwider waren.

Trotzdem hellten sich seine ernsten Züge bald wieder auf, als Julie mit reizendem Lächeln ihm entgegenkam und mit strahlenden Blicken seinen Gruß erwiderte.

»Lieber Professor!« sagte sie vertraulich. »Ich bin Ihnen noch vielen Dank schuldig; die Pulver, die Sie mir neulich verordneten, haben Wunder gethan. Meine Kopfschmerzen sind wie fortgeweht.«

»Das freut mich. Sie müssen sich nur künftig mehr schonen, vor allem nicht so viel Musik treiben, damit der Anfall nicht wiederkehrt.«

»Können Sie so grausam sein und mir meine einzige Freude verbieten?«

»Nicht verbieten, nur beschränken. Die Musik, besonders die Wagners, macht Sie nervös.«

»Aber sie ist entzückend, himmlisch, berauschend –«

»Wie Opium; erst aufregend, dann betäubend und im Uebermaß genossen ein gefährliches Gift.«

»Was liegt daran? Lieber ein schneller und schöner Tod, als ein langes, trauriges Leben. Unser Dasein ist ohnehin kaum der Mühe werth.«

»Das ist nicht Ihr Ernst und darf nicht Ihr Ernst sein,« sagte der Professor erregt. »Das Leben ist so schön, wie wir es uns gestalten. Und vor allem Sie, ein Sonnenkind –«

»Sie irren sich. Was ich bisher von der Welt gesehen und kennen gelernt habe, kann mich nicht reizen. Alle wahren Philosophen verachten das Leben und sehnen sich nach der erlösenden Nirwana.«

»Bravo! Bravissimo!« lachte Onkel Heinrich. »Der kleine Schopenhauer in der Westentasche, der Pessimismus im Ballkleid. Komm her, mein Kind, und gieb mir einen Kuß, damit ich wenigstens etwas von dem jammervollen Leben habe.«

Innerlich verstimmt, unterdrückte Haller nur mit Mühe eine scharfe Aeußerung über den Beifall des frivolen Lebemannes. Sein Unmuth steigerte sich noch, als in diesem Augenblick ein unter dem Namen »Tannhäuser« bekannter Opernsänger, der ebenso sehr wegen seiner prächtigen Stimme gefeiert, wie wegen seines wüsten Lebens berüchtigt war, Julie ansprach.

Derselbe bat sie im Namen der Gesellschaft, mit ihm das berühmte Liebesduett zwischen Siegmund und Sieglinde aus Wagners Walküre zu singen. Trotz der leisen Abmahnung des Arztes erklärte sich Julie sofort bereit, dem Wunsche zu entsprechen.

Während die Gäste sich um die Sänger schaarten und entzückt dem feurigen, berauschenden Duett lauschten, überließ sich Haller in einer Nische des Musikzimmers seinen ernsten, fast schmerzlichen Gedanken.

Er liebte Julie nur um so tiefer und leidenschaftlicher, je später und überraschender diese Neigung ihn ergriffen hatte. Sein scharfer Verstand und seine reiche Erfahrung warnten ihn vor einem Schritt, dessen Bedenklichkeit er sich nicht verschweigen konnte, da er nur zu genau die Verhältnisse kannte, in denen Julie aufgewachsen war und lebte.

Ihr verstorbener Vater, der »schöne Eberhard«, war ein kühner Spekulant und leichtfertiger Roué gewesen, ihre Mutter eine genußsüchtige Kokette, die Ehe beider nichts weniger als musterhaft, obgleich sie sich aus Liebe geheirathet hatten und später wenigstens den äußeren Anstand zu wahren wußten. Dazu kam noch Juliens Erziehung, das Beispiel ihrer Umgebung, der Einfluß des Vormundes, der trotz seiner Jahre nicht gerade den erbaulichsten Lebenswandel führte, der ganze Troß der Hausfreunde, welche das schöne Mädchen umschwärmten und verdarben.

Er kannte sie alle, alle, diese Männer ohne Treu' und Glauben, diese Frauen ohne Zucht und Sitte, mit ihren entblößten Schultern und leichtfertigen Herzen, mit den geschminkten Wangen und dem gefälschten Geist, diese ganze hohle, charakterlose Gesellschaft, deren Bildung, Talent, Geist und Wissen ihm in seinem Unmuth nur wie die trügerischen Blüthen eines giftigen Sumpfes erschienen; wie widriges Gemisch von äußerem Schimmer und innerer Fäulniß, von Moderduft und Patchouli.

Und zu diesen Menschen sollte Julie herabsinken, Julie, die sich so rein und edel bewahrt hatte, sie, die er liebte, wie kein anderes Wesen auf Erden. Nein, nein! Das konnte und durfte er nicht dulden. War er ein Arzt, wenn er einen Menschen zu retten vermochte und es aus Feigheit unterließ? War er ein Mann, wenn er ein Kind am Abgrund spielen sah und sich scheute, es mit Gefahr seines Lebens zu bewahren?

Wie sie dort stand in ihrer ganzen Holdseligkeit, die Wangen von der Erregung des Gesanges leicht geröthet, den Kopf ein wenig gesenkt, – auf seinen Armen hätte er sie forttragen mögen aus dieser giftgeschwängerten Luft, sie retten in die reinere Sphäre seiner Liebe.

Noch heute wollte er sich Gewißheit verschaffen, noch heute ihr seine Liebe gestehen und um ihre Hand anhalten.

Ein donnernder Beifallssturm unterbrach seine Gedanken und verkündete den Schluß des Duetts. Die begeisterten Herren drängten sich um die reizende Sängerin und überhäuften mit Artigkeiten; die entzücken Damen dagegen bestürmten mit feurigen Blicken und schwärmerischen Worten den berühmten Heldentenor, obgleich dieser nur für Julie Ohren und Augen zu haben schien und sich ihr in so auffallendem Weise näherte, daß Haller eine Anwandlung schmerzlicher Eifersucht empfand und wieder in seinem Entschluß schwankte.

Um so angenehmer war er daher überrascht, als Julie dem gefeierten Sänger und dem Schwarm ihrer Verehrer plötzlich entfloh und zu dem einsamen Arzt in seinem verlassenen Winkel eilte, als ob sie bei ihm Schutz suchen wollte.

»Lieber Professor!« sagte sie sichtlich erregt. »Da Sie nicht zu mir kommen und mir kein Wort über meinen Gesang sagen, so mache ich es, wie Mahomed mit dem eigensinnigen Berg, und komme zu Ihnen. Gewiß sind Sie böse, weil ich Ihren Rath nicht befolgt habe.«

»Sie haben einen großen Triumph erlangt. Wie ich darüber denke, wird Ihnen wohl ziemlich gleichgiltig sein.«

Sie sah ihn lange an; dann reichte sie ihm ihre Hand.

»Wozu die Bitterkeit? Sie wissen doch, daß ein Wort von Ihnen mir lieber ist, als all' die abgeschmackten Redensarten. Ich habe übrigens noch eine Bitte an Sie zu richten.«

»Wenn ihre Gewährung in meiner Macht steht –«

»Ich hoffe, daß sie Ihnen nicht zu schwer fallen wird. Sie sollen mich nur zu Tische führen; oder sind Sie schon versagt?«

»Gott sei Dank, nein! Hätte ich nur ahnen können, daß Sie noch nicht –«

»Oh! So schlimm steht es nicht mit mir. Ich hätte schon noch einen Herrn bekommen können, aber dieser zudringliche Tannhäuser wollte durchaus mein Nachbar sein, und um ihn los zu werden, sagte ich, daß Sie mich schon früher engagirt hätten. Der unverschämte Mensch ist mir so zuwider und verfolgt mich dabei mit seinen Schmeicheleien.«

»Dann begreife ich nicht, daß Sie ihn trotzdem dulden und zu Ihren Gesellschaften einladen.«

»Mein Gott, was soll ich thun? Onkel Heinrich ist mit ihm befreundet. Die Mama schwärmt für ihn, alle Damen beten ihn an. Außerdem, so wenig ich ihn mag, ein großer Sänger und ein genialer Künstler ist er doch, und man muß darum auch mit seinen Unarten und Schwächen Nachsicht haben.«

»Das seh' ich nicht ein. Das Genie hat kein Privilegium, unverschämt zu sein und die Gesetze der guten Sitte ungestraft zu verletzen. Auch für den Künstler gilt der schöne Spruch: Noblesse oblige! Meiner Ueberzeugung nach überschätzt man die Verdienste dieser Sänger und Virtuosen und bestärkt man sie nur durch eine unvernünftige Vergötterung in ihrem Wahn, sich alles erlauben zu dürfen.«

»Ich glaube,« erwiderte Julie etwas empfindlich, »daß Sie zu streng urtheilen. Der Künstler mit seinen ungewöhnlichen Leistungen darf auch nicht mit dem gewöhnlichen Maßstab gemessen werden und nimmt mit Recht im Leben und in der Gesellschaft eine Ausnahmestellung ein.«

Obschon Haller diese Ansicht keineswegs theilte, wollte er Julie durch fortgesetzten Widerspruch nicht reizen. Sie war aus dem Kreise ihrer Verehrer zu ihm geeilt, hatte ihn zu ihrem Tischnachbar erwählt – und er sollte ihr unfreundlich begegnen?

Jetzt oder nie schien ihm auch der günstige Augenblick gekommen, ihr seine Liebe zu gestehen und sie zu fragen, ob sie ihm angehören wollte für alle Zeit. Dennoch zögerte er, das entscheidende Wort zu sprechen, wie von einer unsichtbaren Macht zurückgehalten.

Auch Julie blickte mit einer ihr sonst fremden Befangenheit um sich, als ahnte sie seine geheime Absicht. Die Gäste hatten sich in die anderen Räume vertheilt; beide waren allein in dem verlassenen Musikzimmer.

»Wollen wir nicht zu den Anderen gehen?« fragte sie beklommen. »Geben Sie mir Ihren Arm.«

»Noch einen Augenblick!« bat er, sie sanft zurückhaltend. »Ich möchte zuvor eine Frage an Sie richten, von deren Beantwortung vielleicht Ihr und mein Lebensglück abhängt.«

»Mein Gott!« rief sie mit gezwungenem Lächeln. »Sie erschrecken mich. Erklären Sie mir –«

»Julie!« versetzte er tiefbewegt, fast feierlich, »Sie wissen, wie lieb Sie mir sind, daß Sie keinen besseren, reinen treueren Freund besitzen, als mich –«

»Daran zweifle ich nicht,« erwiderte sie, mit den Stäben ihres Fächers spielend. »Ich begreife nur nicht, weshalb Sie –«

»Länger,« fuhr er leidenschaftlich fort, ohne ihre sichtliche Verwirrung zu beachten, »kann ich Ihnen nicht verschweigen, daß ich Sie über alles liebe, daß ich seit Wochen und Monaten keinen anderen Gedanken, keinen sehnlicheren Wunsch habe, als Sie für immer mein zu nennen.«

Stumm und bleich vernahm Julie das unerwartete Geständniß, starrte sie den vor ihr stehenden Arzt mit halb überraschten, halb furchtsamen Blicken an wie ein erschrockenes Kind, von den widersprechendsten Gefühlen, von Hoffnung und Zweifel, von unbestimmtem Verlangen und banger Scheu erfüllt, unschlüssig, ob sie seinen Antrag annehmen oder zurückweisen sollte.

»Wie?« rief Haller bestürzt nach einer längeren Pause. »Julie, Sie schweigen? Warum antworten Sie mir nicht?«

»Weil,« stotterte sie erröthend, »weil ich mich fürchte.«

»Vor wem fürchten Sie sich?« fragte er verwundert. »Doch nicht vor mir?«

»Vor – vor der Ehe. Ich habe nur zu viel unglückliche Frauen gesehen, die sich verleiten ließen –«

»Glauben Sie, daß ich Sie unglücklich machen kann? Sehe ich aus wie ein Glücksjäger, wie ein verlebter Wüstling, vor denen Sie mit Recht zurückschrecken? Was habe ich gethan, daß Sie mich so bitter kränken? Ich hoffte, daß Sie mich besser kennen.«

»Verzeihen Sie mir!« bat sie, ihm die Hand reichend. »Ich achte und schätze Sie, wie Sie es verdienen. Ich kenne keinen andern Mann, dem ich mehr vertraue und der mir lieber wäre, als Sie. Wenn ich mich jemals zum Heirathen entschließen könnte, so würde ich nur Sie wählen, Sie allein –«

»Das kann ich nicht fassen. Sie wollen nicht heirathen? Haben Sie einen vernünftigen Grund für diesen Entschluß oder ist es eine Laune, ein Geheimniß, das Sie abhält, meine Hand anzunehmen?«

»Nein, nein!« erwiderte sie, mit sich kämpfend. »Ich bin weder launenhaft, noch habe ich vor Ihnen ein Geheimniß. Aber ich liebe meine Freiheit zu sehr, um sie dem problematischen Glück der Ehe zu opfern, welches nach allem, was ich sehe und höre, im besten Falle hinter unseren Erwartungen zurückbleibt und gewöhnlich früher oder später mit einer schmerzlichen Enttäuschung endet, die ich Ihnen und auch mir ersparen möchte.«

So wenig ermuthigend auch diese Antwort klang, so ließ sich Haller davon nicht zurückschrecken, da er derselben keine tiefere Bedeutung beimaß und die ausgesprochenen Ansichten lediglich dem Einflusse der Gesellschaft und jener pessimistischen Geistesrichtung zuschrieb, deren eifrige Anhängerin auch Julie war. Immer dringender und heißer wurden seine Vorstellungen und Bitten. Mit der ganzen Beredsamkeit einer wahren Leidenschaft bekämpfte er ihre Vorurtheile, suchte er sie von der Größe und Innigkeit seiner Liebe, von dem Glück einer auf gegenseitiger Neigung und Achtung beruhenden Ehe zu überzeugen.

Immer tiefer neigte sie den schönen Kopf, immer glänzender strahlten ihre Augen, als er mit einer ihm sonst fremden Wärme und Erregung sprach, die sein strenges Gesicht zu verklären und zu adeln schien. Seine ergreifende Stimme rührte sie unwillkürlich und sprach zu ihrem Herzen.

Leise schloß sie ihre Augen; er ergriff ihre Hand, die sie ihm nicht mehr zu entziehen wagte. Inniger und glühender klangen seine Worte. Sanft und doch mit unwiderstehlicher Gewalt zog er sie an seine Brust, an der sie einen Augenblick wie ein schlummerndes Kind in süßer Vergessenheit ruhte.


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