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II.

Da Haller als Mensch und Arzt einen trefflichen Ruf genoß, sich einer höchst einträglichen Praxis erfreute und allgemein für eine glänzende Partie galt, so wurde sein Antrag von den zunächst Betheiligten mit sichtlicher Befriedigung ausgenommen.

Besonders war die Frau Generalkonsul erfreut, da die dauernde Gegenwart der schönen erwachsenen Tochter die lebenslustige Mutter vielfach genirte und in ihrer Freiheit beschränkte. War Julie erst verheirathet, so konnte sie selbst ganz ihrer Neigung leben, große Reisen machen, sich zwanglos bewegen und ihrer egoistischen Sucht nach Zerstreuungen ohne jede Rücksicht nachgeben.

Auch Onkel Heinrich war als Vormund mit Julies Wahl einverstanden. Sympathisirte er auch nicht allzusehr mit dem ernsten Arzt, den er für einen schwerfälligen Pedanten hielt, so erkannte er doch andererseits die Bedeutung und den Charakter desselben im vollsten Maße an, wie er nicht minder die materiellen Vortheile einer solchen Verbindung zu schätzen wußte.

In den befreundeten Kreisen machte natürlich die Verlobung der schönen Julie Eberhard mit dem Professor Haller das größte Aufsehen. In üblicher Weise wurde das Ereigniß lebhaft mit größerem oder geringerem Wohlwollen besprochen, von den einen ebenso passend und günstig, wie von den anderen unbegreiflich und unglücklich gefunden.

Julie selbst war noch nicht zur Besinnung gekommen und hatte kaum Zeit, über den folgenschweren Schritt nachzudenken. In den ersten Tagen nach der Verlobung kamen und gingen die Besuche. Schaaren von Gratulanten, welche ihre Glückwünsche darbrachten und dabei die Mienen des Brautpaares studirten, um sich von seinem Glück zu überzeugen.

Dann mußten die üblichen Gegenbesuche gemacht, unzählige Einladungen erlassen und angenommen werden. Ein Diner folgte dem andern, und die Festlichkeiten wollten zum Leidwesen des vielbeschäftigten und für solche Zerstreuungen wenig empfänglichen Arztes kein Ende nehmen.

»Ich sehe,« klagte er, »meine Braut nur noch in Gesellschaft und komme nicht dazu, mit ihr ein vertrautes Wort zu sprechen.«

»Dazu werden Sie noch hinreichende Zeit haben,« tröstete ihn die Mutter, »wenn Sie erst verheirathet sind.«

»Aber wie sollen wir unser innerstes Leben verstehen lernen, wenn wir keinen Augenblick ungestört bleiben und uns nicht mit einander aussprechen können.«

»Nach der Hochzeit, lieber Sohn! In der Ehe lernt man sich an einem Tage besser kennen, als wenn man Jahre lang verlobt ist.«

Endlich waren die lästigen Visiten abgethan und die unvermeidlichen Einladungen glücklich überstanden, aber die Hoffnung Hallers, einige vertrauliche Stunden an der Seite seiner Braut jetzt zu genießen, erwies sich leider trügerisch, da die Damen von. der Besorgung der nöthigen Ausstattung so sehr in Anspruch genommen wurden, daß er sie nur selten zu Hause traf.

Für die Frau Generalkonsul gab es nämlich kein größeres Vergnügen, als in der Stadt herumzufahren und allerlei Einkäufe zu machen. Julie mußte sie dabei begleiten, und so zogen beide von einem Geschäft zum andern, von dem großen Modebazar in ein renommirtes Wäschelager, vom ersten Schneider zu der beliebtesten Modistin, vom Dekorateur zum Kunsttischler, um ihre Bestellungen aufzugeben.

Wenn dann Haller des Abends, nachdem er seine Vorlesungen gehalten und seine Patienten besucht hatte, ermüdet zu seiner Braut kam, um sich bei ihr von seiner anstrengenden Thätigkeit zu erholen und sich mit ihr bei einer Tasse Thee über seine Liebe und Zukunft auszusprechen, fand er sie abgespannt oder zerstreut, mit der Besichtigung der am Tage eingekauften Waren, der seidenen Roben, Spitzen und Möbelstoffe beschäftigt.

»Findest Du nicht auch,« fragte Julie ihn, einen soeben angekommenen Karton öffnend, »den blauen Sammethut prächtig?«

»Ich glaube, daß er sehr schön ist,« entgegnete Haller, kaum hinsehend, »und Dir gut stehen wird.«

»Und wie gefällt Dir der rothe Atlas mit den goldenen Arabesken?«

»Etwas auffallend und, wie mir scheint, für unsere Verhältnisse zu kostbar.«

»Das verstehen Sie nicht, lieber Sohn!« bemerkte die Mutter. »Die neueste Pariser Mode: mit einer solchen Robe hat die russische Botschafterin auf dem letzten Hofball die größte Sensation gemacht.«

Haller schwieg verdrießlich und bezwang nur mit Mühe seinen Unmuth, im Stillen die ganze Ausstattung verwünschend. Als aber Julie zum Abschied seine Hand zärtlich drückte und ihm mit bezauberndem Lächeln die süßen Lippen zum Kusse bot, verzieh er ihr die kleine weibliche Schwäche und vergaß seinen Groll, mehr als je von ihrer Schönheit und Liebenswürdigkeit entzückt.

Auch sonst fehlte es nicht an jenen leichten Trübungen und unbedeutenden Zwistigkeiten, wie sie nicht selten bei Liebenden und Verlobten, welche sich gewöhnlich in reizbarer Stimmung befinden, vorzukommen pflegen, aber gewöhnlich wieder schnell vorüberziehen, wie Gewitter im Frühling, nach denen der Himmel nur um so heiterer lacht und die Sonne um so heller scheint.

Nur einmal drohte ein ernstes Zerwürfniß zwischen beiden, als Haller eines Abends zur gewohnten Theestunde bei seiner Braut erschien und außer dem Onkel Heinrich noch zwei Damen in ihrer Gesellschaft fand, deren Vertrautheit mit Julie ihm aus guten Gründen nicht angenehm war.

Die altere dieser Freundinnen, eine interessante Brünette mit jugendlichem schwarzen Tituskopf und feurigen Augen, war die Frau Doktor Livia Stern, die Gattin eines durch glänzenden Geist und Witz ausgezeichneten Feuilletonisten.

Sie selbst, eine nicht unbegabte, wenn auch etwas excentrische Schriftstellerin, kämpfte für die Rechte der Frauen und stand an der Spitze eines Vereins für die Freiheit und Selbstständigkeit des weiblichen Geschlechts. Hier entfaltete sie eine so lebhafte Thätigkeit, daß sie nicht im Stande war, sich um ihr Hauswesen und die Erziehung ihrer Kinder genügend zu kümmern.

Wie böse Zungen behaupteten, war Onkel Heinrich der begünstigte Anbeter der geistvollen und noch immer begehrenswerthen Frau, während ihr überaus gutmüthiger und toleranter Gatte sich mit den Damen des Theaters und anderen Schönen schadlos hielt.

Ihre um mehrere Jahre jüngere Begleiterin, Fräulein Lilli von Rinow, eine hagere, schmachtende Blondine, welcher die kurze rothe Blouse und das tief in die Stirn gekämmte Haar ein unwirsches, knabenhaftes Aussehen gab, schwärmte für Kunst und Literatur und klammerte sich mit krampfhaftem Enthusiasmus an alle sensationellen Persönlichkeiten und Berühmtheiten des Tages an denen sie wie ein Schatten folgte.

Höchst empfänglich für alle neuen Eindrücke, frei und überschwänglich in ihren Anschauungen und ihrem Wesen, befand sich Fräulein Lilli dauernd in einer unnatürlichen Aufregung. Selbstverständlich war sie eine enragirte Wagnerianerin, Spiritistin, Vegetarianerin und Anhängerin der Schopenhauer'schen Philosophie.

Bei dem unerwarteten Anblick der ihm unsympathischen Damen konnte Haller sich nicht einer leichten Verstimmung erwehren. Noch weniger behagte ihm die freie Unterhaltung, die er verdrießlich schweigend mit anhörte, ohne sich daran zu betheiligen.

Man besprach da die neuesten Romane von Zola, den jüngsten Erfolg eines bekannten Lustspieldichters, die musikalischen Triumphe eines berühmten Klaviervirtuosen, die Bilder der letzten Kunstausstellung, mit mehr Geist als Wissen und mit mehr Witz als wahrem Verständniß, offenbar bemüht, sein Licht leuchten zu lassen und durch paradoxe Urtheile zu glänzen.

Damit wechselten allerlei Tagesneuigkeiten, Skandalgeschichten aus den höheren Gesellschaftskreisen, Theaterklatsch und pikante Anekdoten, welche dicht an die Grenzen des Schicklichen streiften und trotzdem mit sichtlichem Behagen erzählt und ausgenommen wurden.

»Haben Sie schon gehört,« fragte Frau Livia, »daß die Gräfin Ada Neuberg ihren Mann verlassen hat?«

»Mit wem?« fragte Onkel Heinrich, cynisch lächelnd.

»Natürlich mit ihrem Geliebten, dem genialen Hans Werner. Sie haben doch seine Bacchantin im Künstlerverein gesehen? Ich stelle sie dem besten Tizian an die Seite.«

»Aber die Geschichte ist ja höchst interessant. Erzählen Sie doch mehr davon, verehrte Frau! Sie sind mit der Gräfin so lange befreundet und gewiß in alles eingeweiht gewesen.«

»Ich habe diesen Schritt täglich erwartet,« versetzte Frau Livia. »Die Gräfin ist eine groß angelegte Natur, eine geniale Frau voll Geist und Poesie. Der Graf hat sie nie verstanden. Schön und begabt wie die fürstlichen Frauen der Renaissance, war sie wie diese berufen, den Genius zu lieben und zu beglücken.«

»Und Hans Werner ist ein Genius,« seufzte Fräulein von Rinow, »ein Künstler des Cinquecento, unser Tizian, unser neuer Rafael.«

»Wir alle haben aufgejubelt,« fuhr Frau Livia fort, »daß die verwandten Seelen sich endlich gefunden haben, daß es einmal zwei exklusive Menschen wagten, die engherzigen Bande unserer heuchlerischen Gesellschaft zu sprengen. Ada ist unaussprechlich glücklich, sie hat eine hohe Mission zu erfüllen. Jetzt lebt sie in Rom mit ihm einzig ihrer Liebe, und ich muß gestehen, ich bewundere und beneide sie.«

Diese offene Verherrlichung eines in seinen Augen sträflichen Verhältnisses, noch dazu in Gegenwart seiner Braut, empörte Haller so sehr, daß er seine Entrüstung nicht länger zu beherrschen vermochte.

»Es thut mir leid,« sagte er ernst, »daß ich die Bewunderung der Frau Doktor Stern für diese Frau, die ihre Mission durch Verlassen ihres Mannes zu erfüllen glaubt, nicht theilen und noch weniger die Apotheose einer so schweren sittlichen Verirrung, wie sie hier vorliegt, billigen kann.«

»Eine sittliche Verirrung!« rief diese in gereiztem Ton. »Ich bitte doch zu beachten, daß es sich hier um eine Dame der besten Gesellschaft, um meine verehrte Freundin handelt.«

»Um so schlimmer!«

»Was berechtigt Sie zu einem so schweren Vorwurf?«

»An Gründen,« entgegnete Haller ruhig, »dürfte es mir nicht fehlen. Die von Ihnen selbst angeführten Thatsachen genügen, um die Gräfin zu verurtheilen.«

»Ich bedauere, daß Sie solche Naturen nicht zu würdigen vermögen, welche dem Genius alles zu opfern fähig sind.«

»Ich werde diesen Mangel mit Geduld zu tragen wissen. Jedenfalls aber gestatten Sie mir, gnädige Frau, ein Gespräch abzubrechen, dessen Fortsetzung mir der der Verschiedenheit unserer ethischen Anschauungen ebenso unfruchtbar, wie in Gegenwart meiner Braut unpassend erscheinen muß.«

Tief beleidigt und roth vor Zorn erhob sich Frau Livia, mit wüthenden Blicken und verächtlichen Mienen; ohne den beschränkten Menschen noch eines Wortes zu würdigen, empfahl sie sich den Damen des Hauses, gefolgt von ihrer unzertrennlichen Begleiterin und dem ihr ergebenen Onkel Heinrich.

Aber auch Julie und ihre Mutter waren offenbar unzufrieden mit dem strengen Sittenrichter und mißbilligten sein herbes Urtheil über die Gräfin und sein rücksichtsloses Benehmen gegen die mit ihnen befreundete Schriftstellerin.

»Mein Gott!« sagte die Frau Generalkonsul ärgerlich, »was hat denn die gute Livia Ihnen gethan, daß Sie ihr so harte Dinge sagen und sie absichtlich beleidigen?«

»Verzeihen Sie, liebe Mama!« erwidere Haller, »aber derartige Aeußerungen verdienen die schärfste Rüge. Ich kann und darf es nicht dulden, daß in Gegenwart meiner Braut so bedenkliche Verhältnisse nicht nur öffentlich besprochen, sondern als etwas Großes und Schönes gerühmt und verherrlicht werden. Deshalb hielt ich mich für berechtigt und verpflichtet, eine so verkehrte Ansicht nach Gebühr zurückzuweisen.«

»Sie vergessen nur,« erwiderte sie piquirt, »daß Frau Doktor Stern und Fräulein von Rinow unsere Freundinnen sind, denen auch Sie deshalb gewisse Rücksichten schulden. Unmöglich können Sie von uns verlangen, daß wir unseren Verkehr mit den uns werthen Damen aufgeben sollen, weil sie Ihnen nicht gefallen und Ihr, wie ich glaube, allzu strenges Urtheil über die Gräfin Neuberg und den berühmten Künstler nicht gutheißen.«

»Es fällt mir auch nicht im entferntesten ein, Ihnen, verehrte Mama, Vorschriften über Ihren Umgang zu machen. Selbstverständlich können Sie in Ihrem Hause empfangen, wen Sie wollen, nur wünsche ich nicht, daß Julie –«

»Auch ich,« unterbrach ihn diese heftig, »denke nicht daran, mich in der Wahl meiner Freundinnen von Dir beschränken zu lassen.«

»Davon kann nicht die Rede sein,« versetzte er ruhig. »Ich wollte Dich nur warnen, Dich bewahren –«

»Ich bin kein Kind mehr und bedarf weder Deiner Ermahnungen, noch Deines Schutzes.«

So sehr sich auch Haller durch die Worte seiner verwöhnten Braut verletzt fühlte, so besaß er doch, wie die meisten Aerzte, jene unentbehrliche Geduld und Nachsicht mit den ihm nur zu gut bekannten Schwächen und Launen des schönen Geschlechts.

Zugleich hoffte er, daß Julie, wenn sie erst seine Frau geworden, ihre Fehler einsehen und ablegen würde. Auch Haller hegte, wie so mancher gute und ehrenwerthe Mann, den Wunsch und Glauben, seine künftige Gattin erziehen, ihren empfänglichen Geist nach seinen Anschauungen bilden, ihr noch weiches Herz formen und ihr seine Grundsätze einprägen zu können, wozu er sich die nöthige Kraft und ihr die erforderliche Fähigkeit zutraute.

Deshalb war er auch jetzt gern bereit, ihren Eigensinn zu entschuldigen, ihren Trotz zu verzeihen und ihr wieder zuerst die Hand zur Versöhnung zu reichen, so daß beide im besten Einvernehmen blieben und das drohende Zerwürfniß ohne weitere ernste Folgen vorüberging, da auch Julie zu gutmüthig und zu leichtlebig war, um ihm seine Strenge nachzutragen.


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