Fritz Reck-Malleczewen
Bomben auf Monte Carlo
Fritz Reck-Malleczewen

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V.

Ein einziges einsames Licht brannte in dieser Nacht in den Steinmassen des Kasinos: das Licht brannte im Zimmer des Direktors Samanon.

Ich für mein Teil glaube (und die weiteren Ereignisse geben diesem Glauben recht), daß die Bank klug daran getan hätte, zum bösen Spiel des Kapitäns Cradock gute Miene zu machen und ihm zweitausend Pfund auszuhändigen und diese zweitausend Pfund auf das Reklamekonto der Bank zu buchen: ganz Europa hätte (was es dann später sowieso tat) gelacht. Ganz Europa hätte sich bei der einschlägigen Nachricht daran erinnert, daß neben Cannes und Nizza und Ventimiglia noch immer das einmal hochberühmte, jetzt aber ein wenig vergessene Monte Carlo existiert . . . alle alten Aventuriers hätten eingesehen, daß Monte Carlo gar nicht so verstaubt sein 129 konnte wie sein Ruf. Daß heute noch so berühmte Spieler wie der große Cradock an seinen Tischen säßen. Daß auch heute Monte Carlo noch seinen großen Tag haben könnte.

So wäre es gewesen, wenn die Bank klug gehandelt hätte. Die Bank handelte nicht klug. Die Bank handelte ausgesprochen töricht. Der von Westen her über den Ozean flutende Puritanismus bringt es wohl mit sich, daß man in einer so weltmännisch-weitblickenden Handlung und einer so klugen Verbuchung von zweitausend Pfund so etwas wie eine Störung kosmischer Gesetze erblickt: eher könnte man durch ein Trinkgeld von sechs Pence den vor dem Paradies Posten stehenden Cherub zur Wiederaufnahme des Menschengeschlechtes in das bekannte Gartenetablissement bewegen . . . eher könnte die Hölle gefrieren und eher ein Schweizer Eidgenosse seinem Lieblingssohn Geld ohne Zinsen leihen, ehe die Bank von Monte Carlo zur Rückgabe eines Spielgewinnes bereit gewesen wäre. In dem Zimmer, wo noch so lange in jener 130 unvergeßlich schönen Frühlingsnacht Licht brannte, saß jener schöne, vollbärtige Herr: Jean Baptiste Samanon, amtierender und bevollmächtigter Direktor der Bank von Monte Carlo, brütete über schlimmer Rache. Jean Baptiste Samanon schrieb ein Telegramm an die französische Flottenstation in Cap d'Antibes. Daß die Bank von einem frechen Erpresser bedroht werde, daß die Menschenrechte in Gefahr seien, daß man um allerschnellste Hilfe bäte: das telegraphierte in dieser Stunde der Direktor Samanon nach Cap d'Antibes.

Ich bin, wie gesagt, nicht der Ansicht, daß dieses Telegramm mit den Grundsätzen der Diplomatie und der geschäftlichen Klugheit in Einklang zu bringen war. –

In Cap d'Antibes nämlich lag zur Stunde mit auseinandergenommener Backbordmaschine und einem neulich beim Einlaufen gesetzten Defekt an dem Ruderapparat der französische Kreuzer »Sadi Carnot«. Die Offiziere des »Sadi Carnot« tanzten (es war Karneval, wollen Sie gütigst bedenken!) an diesem Abend 131 in Cannes, der Kommandant Constance lag mit einem vom allzu jähen Frühlingseinbruch gesetzten Gichtanfall stöhnend in seiner Kabine. Als der Kommandant Constance um etwa drei Uhr nachts durch das eben eingetroffene Telegramm aus dem ersten unruhigen Schlafe geweckt wurde und die seltsame Nachricht von der Bedrohung des Kasinos in Monte Carlo gelesen hatte, da hielt er begreiflicherweise die Nachricht zunächst für einen unpassenden Karnevalsscherz und warf brummend das Papier auf die Erde.

Allein geblieben, dachte der alte Herr dann freilich doch daran, daß seit dem Kriegsende allerlei Dinge möglich waren, deren ernsthafte Erörterung früher einen Mann ins Irrenhaus gebracht hätte. Dachte dann doch wieder an seine auseinandergenommene Backbordmaschine, an seine in Cannes tanzenden Herren und dachte auch daran, daß man sich mit einem Ernstnehmen dieses Telegrammes unsterblich blamieren konnte. Von allen diesen Bedenken und Rücksichten wurde er sozusagen ebenso geplagt wie von der Gicht, und 132 so beschloß er endlich, auf jeden Fall die Rückkehr seines Ersten Offiziers zu erwarten. Ich werde später zu berichten haben, was der Panzerkreuzer »Sadi Carnot« dem Direktor Samanon für eine Antwort gab. –

In den großen Hotels in Monte Carlo aber war man in dieser Nacht etwas früher aufgestanden, als man es sonst zu tun pflegt an dieser paradiesischen Küste. Wer einen eigenen Wagen stehen hatte in den Garagen des Hotel de Paris und des Hotels Savoy, der hatte schon um Mitternacht gepackt und war noch vor der ersten Frühdämmerung davongebraust auf den Straßen nach Nizza und Ventimiglia. Was aber keinen Wagen besaß, das raste nun wie besessen die Treppen auf und ab, kniete auf Koffern, die sich nicht schließen lassen wollten, brüllte kleine übernächtige Hotelpagen an, weil Madames Hutschachtel von Zimmer Nummer dreihundertsiebenundsechzig noch immer nicht in die Halle heruntergebracht war; konstatierte zum zehnten Male, daß der erste Zug wirklich erst um neun Uhr dreiunddreißig ging. Brachte den Manager mit 133 Fragen zur Verzweiflung und sah dann und wann in die spiegelglatte Bucht hinunter zu dem silbergrauen Schiff, dessen zierliche Kanönchen nun schon deutlich erkennbar waren in der grauen Dämmerung. Um vier Uhr waren siebzig Prozent sämtlicher Hotelzimmer in Monte Carlo gekündigt, um fünf Uhr waren sämtliche Portiers und Direktoren sanatoriumsreif: viel klüger wäre es gewesen, wenn die Bank die von dem Kapitän Cradock verlangte Summe gezahlt und auf ihr Reklame- oder wenigstens auf ihr Verlustkonto gebucht hätte.

Grundsätze der Schicklichkeit und der Diskretion verbieten es mir, zu sagen, wo an diesem Morgen der lange Cradock Abschied nahm von Madame. Er tat das unter erstickenden Küssen und im Gefühl eines Seehelden, der nun die Schlacht bei Abukir vor sich hatte, hatte sie auch, da ja womöglich schon in einer Stunde Pech und Schwefel auf Monte Carlo fallen konnten, dringend gebeten, den Ort sofort nach ihrer Rückkehr ins Hotel zu verlassen. Versprochen hatte sie wirklich, daß sie 134 sofort ihren Wagen anschirren lassen, und nach Cannes abreisen werde, und dann, in der letzten Viertelstunde, als es schon grau zu werden begann über den Bergen im Osten, da hatte sie sich wieder die Maske aufgesetzt. Der Cradock aber mußte sich mißmutig eingestehen, daß er ihr Gesicht eigentlich überhaupt nicht gesehen hatte.

Dreißig Minuten vor fünf war es, als er, etwas übernächtig, nebenbei gesagt, das Fallreep seines Schiffes hinaufkletterte. Sein erster Gang galt der Kabine des Funkers, der ja auch etwaige Telephonate des Kasinos registriert haben mußte. Der übernächtige Funker Bengtson suchte in seinen Papieren herum, der Kapitän Cradock, draußen in seinem Frack wartend, fröstelte in der Morgenluft. Antwort weder aus Mergentheim noch aus dem Kasino von Monte Carlo. Geld weder aus dem Kasino von Monte Carlo noch von Onkel James aus Mergentheim. Weder Geld noch Antwort. Der Cradock warf achselzuckend die Zigarette fort und ging. Für die dort drüben war er seit gestern abend ja doch nichts anderes als ein 135 Erpresser . . . einem Erpresser antwortete man nicht, und man selbst hatte ein Fähnlein aufgesteckt, das nun, wohl oder übel, fröhlich weiterflattern mußte im Winde. Er stellte sich unter die Brause und trank einen männlichen Kognak. Er ließ Williams und den Chefingenieur Pavlicek wecken und schloß sich mit beiden Herren zu einer Besprechung von zwanzig Minuten Dauer ein. Um fünf Uhr aber schmetterten Hornsignale über die Bucht, und unter Pfeifentrillern wurde die Mannschaft geweckt mit der Nachricht, daß das Schiff gefechtsklar zu machen sei. Ernst wurde es. Ganz erschrecklicher Ernst . . .

Zuerst waren es nur furchtbare Rauchwolken, die, mit dem letzten zusammengekehrten Kohlenschutt gespeist, aus den beiden Schornsteinen der »Persimon« aufstiegen und Gottes reine Morgenluft auf das entsetzlichste verpesteten. Dann aber begann es zu laufen und zu wimmeln auf den sauberen Decks, und Aufzüge rasselten, und Maate fluchten in sämtlichen Sprachen Europas und des Balkans. Dann flogen Mündungsdeckel von den 136 Kanonen, und blinkende Messingkartuschen und schreckliche Fünfzollgranaten wurden herbeigetragen in ihren Körben. Im Lazarett sogar begann es auf das furchtbarste nach Jodoform und Karbol zu riechen, und dann pochte die Kriegsfurie sogar an die Tür des Doktor Crofts. Der Doktor hatte gestern aus Gram über seinen Kapitän nicht allzuwenig getrunken, der Doktor wollte schlafen. Die Kriegsfurie aber in Gestalt des Kammerstewards Matteo Bardulescu klopfte an die Tür und sagte, daß Krieg ausgebrochen sei zwischen Labrador und Monte Carlo und daß der Doktor unbedingt aufstehen müsse. Da hatte der Doktor Crofts zurückgebrüllt, daß er weder selbst verrückt noch Irrenarzt sei und daß er auch keine Lust habe, Theater zu spielen. Damit hatte er sich auf die andere Seite gedreht.

Der Kapitän Cradock aber lief nervös auf der Brücke auf und ab. Es war dreißig Minuten vor sieben Uhr, er sah mit dem Glase nach dem Kasino hinüber: nichts. Kein Boot, kein Signal . . . nichts. Die Bank schwieg. Die Bank verhandelte nicht einmal. Die Bank 137 glaubte wohl nicht einmal, daß man Ernst machen werde . . .

Dreiviertel sieben. Er hatte inzwischen mit den Offizieren geredet: Abenteurer aus allen Staaten Europas . . . Landsknechte, die alles taten, was er mit seiner Verantwortung deckte. Dann hatte er auch die Mannschaft zusammenrufen lassen und eine mehr zündende als völkerrechtlich korrekte Ansprache gehalten: kein Zweifel, daß diese daheim von Strandraub und Fischdiebstahl lebenden Levantiner schießen würden. Fünf Minuten vor sieben Uhr . . . Artilleristen an den gerichteten und geladenen Geschützen, Donner und Blitz im Rohr, das Schiff gefechtsbereit auf allen Stationen: der Kapitän Cradock lief auf der Brücke auf und ab wie ein eben erst eingefangener Menagerietiger, und es ist zu verzeichnen, daß ihm nicht so übermäßig wohl zumute war.

Er sah nach der Stadt hinüber. Über den grauen Morgenhimmel kam von Marseille her der Morgenflieger, auf der großen Straße nach Nizza sausten . . . brennende 138 Scheinwerfer noch in fahler Dämmerung . . . die großen Limousinen, am Bahnhof die Aufzüge gingen nun schon: die europäische Zivilisation, die er, der Abenteurer, grimmig haßte und von der er doch ein Teil und mit der er in Konflikt geraten war . . .

Er sah seine Kanonen, deren Rohre sich so pathetisch in den Morgenhimmel bohrten: Operettenkanonen, die beim dritten Schuß wahrscheinlich auseinanderfliegen würden. Er sah die Artilleristen: uniformierte levantinische Hammeldiebe, denen zur Operette nur noch die rote Schärpe und eine rote Hutfeder fehlten. Operette waren die Offiziere, Operette schien ihm sein ganzes altes wackliges Schiff, Operette war die Ordonnanz, die (nackte Füße und zerrissene Hosen) ihm den zweiten Kognak reichte. Das Glas ansetzend, sah er in der Scheibe des Kompaßgehäuses sein Spiegelbild: mit Ringen unter den Augen und scharfen Falten zwischen Mund und Nase, ein nicht mehr ganz junger Abenteurer, der mit der europäischen Zivilisation angebunden und nun alle Aussicht hatte, binnen einer 139 Woche ins Zuchthaus zu wandern. Da goß er das Glas herunter. Für die da drüben war er seit gestern ja doch gezeichnet und geächtet, und ein Zurück gab es nicht mehr. Drei Minuten fehlten noch an sieben Uhr, und die Artilleristen hatten schon den Zündstrick in der Hand: da geschah etwas, was zum Heile aller Beteiligten den Dingen eine ganz andere Wendung gab.

Der Kapitän Cradock, beschäftigt mit moralischem Katzenjammer, mit Reflexionen und Kognak, hatte es übersehen – der kleine Williams, der achtern die Geschütze kommandieren sollte, hatte es sofort bemerkt. Ein kleines weißes Motorboot, das vor einer Minute erst sich losgelöst hatte vom Kai und nun wie ein Strich vor großen Kielwellen durchs Wasser preschte. Pfeilgerade auf die »Persimon« zu. Eine weiße Flagge sogar wurde geschwenkt, und als der Kapitän Cradock es entdeckt hatte, da war es schon beinahe am Fallreep. Genugtuung war gekommen. Der Direktor Samanon war gekommen. Die Bank verhandelte. –

140 Die Sache war einfach so, daß einerseits die Franzosen noch nicht geantwortet hatten und daß andererseits das Ultimatum abgelaufen und diesem berüchtigten Cradock doch nun einmal alles zuzutrauen war. Ratsam war es erschienen, im letzten Augenblick diesen rabiaten Menschen auf das bevorstehende Eintreffen der Hilfe und auf die Unmöglichkeit jedes Widerstandes aufmerksam zu machen. Zahlen wollte man natürlich so ohne weiteres nicht, und Schiffsgranaten wollte man erst recht nicht: da wollte man Zeit gewinnen und hatte in letzter Minute zum Unterhandeln den Direktor Samanon geschickt. Mit zweitausend Pfund in der Tasche, die aber nur im alleräußersten Notfall gezahlt werden sollten. Trotz dieser zweitausend Pfund war es eine unangenehme Mission. Die Mission eines Mannes, der einer bißbereiten Kobra unter Hinweis auf eine soeben in London telegraphisch bestellte Flinte das Beißen ausreden will: der Direktor Samanon war ziemlich blaß, als er das Fallreep hinankletterte.

Oben stand der Doktor Crofts, der, um die 141 schlimmsten Dummheiten seines Kapitäns zu verhindern, nun doch aufgestanden war. »Gott zum Gruß!« sagte der Doktor mit der Höflichkeit eines Henkers, der am elektrischen Stuhl den Delinquenten fragt, ob er nicht gütigst Platz nehmen wolle. »God save the queen«, sagte der Direktor Samanon und hatte wohl die Vorstellung, daß man auf einem Kriegsschiff, dessen Herrin eine gebürtige britische Prinzessin war, so und nicht anders sagen müsse . . .

»Da ich selbst mütterlicherseits Brite von Geburt bin«, fügte der Direktor Samanon hinzu.

»Da die Samoaner«, sagte freundlich der Doktor Crofts, »ebenfalls Briten von Blut sind, seit ihre Vorfahren vor hundertfünfzig Jahren den Kapitän Cook aufgefressen haben.« So waren die Begrüßungszeremonien, nach deren Erledigung der Direktor Samanon vor den Kapitän geführt wurde.

Da also standen sich die feindlichen Parteien gegenüber, und es kam in diesem Augenblick nun auch dem Direktor Samanon so vor, 142 als sei dieser Cradock heute um mindestens einen Fuß länger als in der vergangenen Nacht . . .

»Mein Kapitän«, sagte Herr Samanon und tat so, als wolle er eine Kammerrede halten.

»Geld?« fragte lakonisch der Cradock.

»Zu meinem Bedauern – nein«, sagte der Direktor Samanon und war, da das Gesicht seines Partners sich verfinstert hatte, einen Schritt zurückgetreten. Nach dieser Eröffnung, mit beteuernd aufs Herz gelegten und beschwörend in die Luft gestreckten Händen, begann er etwas, was an Rhetorik und Pathos wirklich an eine Kammerrede erinnerte.

Er, für sein Teil, sagte Herr Samanon, habe heute nacht sich auf das lebhafteste für die Rückgabe des Geldes eingesetzt . . . er sei leider auf den lebhaftesten Widerstand der Bank und deren eherne Grundsätze (»ehern«, sagte Herr Samanon) gestoßen. Sogar an eine Erlegung des Betrages aus eigenen Mitteln hätte er angesichts des unheilvollen Konfliktes gedacht, wenn eben nicht unglückseligerweise seine Pflichten als Familienvater ihm diese 143 Ausgabe verboten hätten. Die Bank aber sei inzwischen leider zu anderen Entschlüssen gekommen. Zu Entschlüssen von ganz außerordentlicher Tragweite, die mitzuteilen er jetzt die Ehre haben werde und für deren Übermittelung er die Unverletzbarkeit des Parlamentärs . . .

»Wollen Sie mich mit Redensarten hinhalten?« schrie der Cradock.

»Bin gekommen, Sie, mein Kapitän, im letzten Augenblick vor unheilvollen Entschlüssen zu bewahren und . . .«

»Kein Baby, Sir!« schrie der Cradock.

»Und mit freudigem Einsatz meines Lebens diesen paradiesischen Ort zu schützen«, vollendete der Direktor Samanon. Eine kleine Treppe führte auf das Kompaßdeck hinauf, und dieser überhöhte und wenigstens etwas gesicherte Ort erschien für den gefährlichsten Teil seiner Mission als der geeignetste. Was er nun noch sagte, wurde nicht mehr im Tone einer Kammerrede vorgetragen.

Daß die Bank leider die Franzosen in Cap d'Antibes um Hilfe gebeten habe und daß der 144 »Sadi Carnot« unterwegs sei, stotterte der Direktor Samanon.

Daß der »Sadi Carnot« die dreifache Bestückung habe und daß jeder Widerstand unmöglich sein werde . . .

Daß er im Interesse der Bank und auch im Interesse des Kapitäns und unter Preisgabe der eigenen Sicherheit gekommen sei, um im letzten Augenblick eine Katastrophe zu verhüten. An dieser Stelle aber wurde er rauh und unsanft unterbrochen. Der Kapitän nämlich hatte – untrügliches Sturmzeichen schlimmsten Grades – seine Mütze auf den Boden geworfen, hatte (wahrscheinlich eine Erinnerung an afrikanische Boxerlebnisse) die Ärmel aufgeschlagen und war – fünf Stufen auf einmal – die Treppe hinaufgesprungen. Da war denn der Parlamentär der Bank von Monte Carlo entflohen. –

Augenzeugen dieser Szene stimmen durchaus darin überein, daß die Jagd, die sich aus dieser Flucht und diesem Angriffe ergab, etwas an sich hatte, was man nur als »gespenstisch« bezeichnen kann. Bemerkt muß 145 werden, daß sie beide . . . der eine in seiner Angst und der andere in seinem Zorn . . . schwiegen; daß sie beide ganz leichte Schuhe trugen und somit fast geräuschlos liefen und daß von den Unbeteiligten (teils aus grenzenloser Neugierde und teils aus Sportinteresse an der Leistung des Herrn Samanon) niemand intervenierte. Die Jagd aber, sie führte auf der anderen Seite des Kompaßdecks wieder zur Brücke hinunter, sie führte von der Brücke aufs Hauptdeck, sie führte endlich (mit Achill, Hektor und den Mauern von Troja verhielt es sich bekanntlich ganz genau so!) dreimal um das Haus der Rudermaschine herum. Von dort blieb dem Verfolgten nur noch der Weg zur Brücke hinauf, und es geschah hier, daß sein Schicksal sich doch noch vollendete: der Direktor Samanon hatte eine der dort liegenden Kabelleitungen übersehen, er war gestolpert. Und da hatte sich denn, da an ein Aufstehen nicht mehr zu denken war, die Jagd in der dritten Minute zugunsten des Verfolgers entschieden.

Bei dem Kapitän Cradock aber war der 146 erste große Wutparoxismus (in dem Schlimmes sich hätte ereignen können!) längst verraucht, und der erste Zorn hatte sich verwandelt in einen mit Sadismus leicht versetzten Galgenhumor. »Ganz außerordentlich betrübt, Sie echauffiert zu haben«, sagte der Cradock und half seinem Opfer beim Aufstehen. »Schätze, daß Sie der Ruhe bedürfen, Herr«, sagte der Cradock und winkte den Quartermeister Jackson heran und hatte sich auch schon einen Racheplan erdacht: eine nette liebe kleine Rache im Cradockstil.

Ganz in der Nähe gab es da im Deck einen Bunkerdeckel . . . eigentlich war der darunterliegende Raum kein Kohlenbunker, sondern ein enger und dunkler Aufbewahrungsraum für die Eimer und Besen der Storekeeper: es war dieser enge, dunkle Raum, an den der Kapitän sofort gedacht hatte. Wenn nämlich die Bank um dieser elenden zweitausend Pfund willen den Franzosen alarmiert hatte, so war der internationale Skandal da, und man war verloren. War man verloren, so mußte man mit Glanz untergehen, mußte sich mit dem 147 dreimal so starken »Sadi Carnot« herumschießen und in Splitter gehen. Ging man aber in Splitter, so sollte dieser häßliche Bürger da die Fahrt zur Hölle mitmachen . . . »Schätze, Herr, daß hier bald dicke Luft sein wird«, sagte der Cradock, »schätze, daß das Gefecht mit dem Franzosen Sie interessieren wird . . .«

»Gnade!« schrie Herr Samanon.

»Und daß Sie es gern an Bord meines Schiffes mitmachen.« Der Bunkerdeckel flog auf, der Quartermeister Jackson half nach. Der Direktor Samanon war bis auf weiteres außerstande, seiner diplomatischen Mission im Auftrage der Bank nachzukommen . . .

Er, der Cradock, ging auf die Brücke und suchte mit dem Glase den Horizont ab, suchte, runzelte die Stirn. »Sehen Sie etwas, Williams?« Jawohl, auch der Leutnant Williams konnte es nun sehen. Dampfersmok im Südwesten. Dampfersmok scheinbar aus drei Schornsteinen. Drei Schornsteine hatte der »Sadi Carnot«. Der Cradock spie aus und legte das Glas in den Kasten zurück.

Er berechnete die Entfernung. Gut und gern 148 noch fünfundzwanzig Meilen. Da der »Sadi Carnot« dreißig in der Stunde lief, so hatte man noch fünfzig Minuten bis zur Katzbalgerei, und da sein kleines Schiff dem großen Franzosen und seinem Zehnzollkaliber ja doch nichts anhaben konnte, so waren diese fünfzig Minuten eigentlich identisch mit derjenigen Frist, die ihn noch vom Tode trennte. Er lächelte: Todesfurcht war das wohl nicht . . . das Leben hatte reichgedeckte Tafeln präsentiert, und man hatte sich sattgegessen mit gutem Appetit. Todesfurcht war es eigentlich nicht – es war wohl mehr Überraschung und Erstaunen . . .

Erstaunen, daß ihm, dem glückhaften Abenteurer, dieses herrliche Leben überhaupt einmal in den Händen zerbrechen konnte. Erstaunen, weil das Verhängnis doch gestern noch gar nicht dagewesen war, und weil es nun so urplötzlich daherkam aus einer unbeachteten Ecke. Erstaunen, weil der Tod nun ihm, dem hundertprozentigen Manne, von einer Frau kommen mußte. Von einer Frau, die er vor vierundzwanzig Stunden noch gar nicht 149 gekannt, von der er heute nacht im Dunkeln eben nur erraten hatte, daß sie schön gewesen, und von ihr nichts geblieben war, als an dem ominösen Tüllfetzen in seiner Rocktasche ein leichter Duft ihres Parfüms. Er nahm noch einmal das Glas, suchte noch einmal den Westhimmel ab. Drei feine Rauchsäulen und darunter mit Zehnzollkanonen und Pikringranaten der Tod. Er pfiff durch die Zähne: sollte denn nun einmal gestorben sein, so sollte er dem satten Europa wenigstens in die Ohren gellen, der Trauersalut für den langen Cradock. Er sah nach der Uhr, fand, daß es allerhöchste Zeit war, und ging zu seinen Kanonen . . .

Er ging zu dem Elfzentimeter, das, mühselig erbettelt vom Labradorer Parlament, das einzig halbwegs brauchbare Geschütz seines Schiffes darstellte. Er schob die Artilleristen beiseite, die nun schon seit einer Stunde da herumstanden. Morgensonne beschien schon die spiegelglatte Bucht und dieses Monte Carlo, das mit den weißen Häusern und den harten Schlagschatten wie ein totes Korallenriff 150 aussah. Diesseits also war mit kühlem Metall und der sauberen Sachlichkeit von Kammer, Verschluß und Richtmaschine das Geschütz . . . jenseits mit Erkern und Erkerchen, mit Türmen und Türmchen und Stuckorgien und erlogenem Rokoko und der aufgeblähten Kuppel das Kasino: da regte sich in dem langen Cradock, als er dieses einem schlechten Öldruck nicht unähnliche Bild sah, erst recht ein knabenhafter und von mir keineswegs gebilligter Zerstörertrieb . . .

Denn so ist es doch nun einmal mit Kindern, Barbaren und Negern: sieht ein Sechsjähriger im Walde das Wunder eines schönen neugeborenen Fliegenpilzes, so wird er ihn köpfen . . . kommt an einen recht schönen klaren Quell ein Barbar, so wird er im günstigsten Falle hineinspucken . . . tritt ein mit sieben Schnäpsen im Leibe fröhlich von der Arbeit heimkehrender Landmann vor einen großen Kristallspiegel, so wird er (wofern er ein unverbildeter, von Okkultismus, Theosophie und Psychoanalyse unbeschwerter fröhlicher Landmann ist) den Trieb fühlen, mitten in diesen 151 Kristallspiegel hinein leere Bierflaschen zu werfen. Was, bitte, erwarten Sie von einem Manne, wie der lange Cradock einer war? Es mußte in diesem Falle gerade die aufgeblähte Renaissancekuppel seinen Zorn erregen und seine Zerstörerinstinkte nur noch steigern: da lud er selbst und richtete.

Sechshundert Meter und Aufschlagzünder. Als er dann den Zündstrick schon in der Hand hielt und eben abziehen wollte, da griff das Schicksal zum zweiten Male ein. Der Leutnant Kries (jener von mir schon erwähnte Ostpreuße, der Tischkanten abbeißen und Fünfschillingstücke zerbrechen konnte): item, der Leutnant Kries kam gelaufen und riß seinem Kapitän in der letzten Sekunde noch den Strick aus der Hand. –

Mit dieser Intervention aber hatte es folgende Bewandtnis: in seiner Kammer oben hatte der Funker Bengtson, während sein Kapitän mit dem Tode zuerst und dann mit dem Kasino von Monte Carlo in der geschilderten Weise kokettierte, zuerst ein Telegramm und dann ein Telephonat des fürstlich 152 labradorischen Konsulates in Monte Carlo aufgenommen. Beide Nachrichten waren einerseits dringlich, andererseits waren sie so, daß jede von ihnen den Kapitän (der doch schon seit fünf Uhr früh mit zehn Atmosphären Überdruck herumlief) zur Explosion bringen mußte. Mit einem Wort: der Funker Bengtson (ein kleiner schwächlicher Schwede aus Halmstatt) hatte es nicht gewagt, die beiden Telegramme seinem Kapitän persönlich zu überbringen. Er hatte den Leutnant Kries gebeten, diese Mission zu übernehmen – da war der Leutnant Kries gerade noch zur rechten Zeit gekommen. Maria, Fürstin-Witwe von Labrador, kam nicht erst heute abend, sondern schon heute früh an Bord: das stand im Telegramm. Maria, Fürstin-Witwe von Labrador stand zur Stunde nebst Hofdame, Zofe und Lederkoffern auf der Landungsbrücke, war im Begriff, ins Motorboot zu steigen, würde in längstens zehn Minuten an Bord sein: das war der Inhalt des vom Konsul übermittelten Telephonates. Der lange Cradock hätte, wenn der Leutnant Kries nicht zur Zeit gekommen wäre, 153 zugleich mit dem Kasino seine ehemalige Tänzerin, Reitkameradin und jetzige Landesherrin beschossen. –

Löwen, die einmal vorbeigesprungen sind, werden bekanntlich unsicher. Löwen, die zum zweiten Male vorbeispringen, bekommen (so wenigstens stelle ich's mir vor!) entweder schwere Depressionszustände oder hüllen sich in die stoische Würde eines Löwen, gegen den sich endgültig das Schicksal erklärt hat. Die Reaktion des Kapitäns, der sich zum zweiten Male gehemmt sah in seiner Schießfreudigkeit, war weit weniger stark, als Bengtson befürchtet hatte. Der Cradock las die beiden Zettel, steckte sie in den Ärmel und pfiff leise vor sich hin. Er für sein Teil wußte ganz genau, was hier noch zu tun war: da es dieser Witwe von Labrador nun einmal gefiel, zwölf Stunden früher an Bord zu kommen, so konnte man nicht schießen, mußte ohne Donner, Blitz und Herostratenruhm als simpler Defraudant ins Zuchthaus marschieren. Marschierte man aber ins Zuchthaus, so wollte man es nicht als armer Sünder tun. Sondern so, daß ganz 154 Europa über den Zuchthäusler Cradock lachte. Kurz und gut: der Kapitän, der sich für diesen Fall seinen ganz bestimmten Plan zurechtgelegt hatte, tobte nicht, sondern begann den Sussexmarsch zu pfeifen. Dann sagte er dem Leutnant Kries, daß er Williams rufen solle. –

Der Leutnant Williams, der die ganze Zeit auf der Brücke gestanden und die drei Rauchsäulen im Westen beobachtet hatte, wollte eben seinem Kapitän melden, daß es tatsächlich der Franzose sei. Der kleine Williams, der auf diese Weise schon von Donner und Blitz, von Heldengröße und Nelsontod geträumt hatte, fiel aus allen Himmeln, als er vor seinem Kapitän stand. Nach dem »Sadi Carnot« nämlich fragte der Cradock überhaupt nicht mehr – er sagte nur, daß Ihre Hoheit, die Fürstin-Witwe, nebst Gräfin Hensbarrow und Zofe Susan schon heute früh an Bord käme. Der kleine Williams ließ den Kopf hängen. Kein Heldentod und kein Nelsonruhm! Sondern nur drei Weiber und fünf Lederkoffer. »Bitte Sie sehr«, sagte der Cradock, »die Damen am Fallreep zu empfangen.« »Werden 155 wir«, sagte der Cradock, »dafür sorgen, daß von der Mannschaft, wenn die Damen kommen, niemand an Deck ist.« Und mit diesem Befehl (der noch zweimal wiederholt wurde und somit wohl sehr wichtig war) drehte sich der Kapitän um und ging, Hände in den Taschen und noch immer den Sussexmarsch pfeifend, in sein Logis. Er, der lange Cradock, wußte natürlich sehr genau, weswegen er auf alles pfiff, und was er sonst noch tat. Den armen Williams aber ließ er jedenfalls als gebrochenen Mann und in dem festen Glauben zurück, daß der Kapitän plötzlich in geistige Umnachtung versunken sei . . .

Die nächsten Minuten aber, sie fielen geradezu grausam her über die Nerven des armen Williams. Von Backbord kam der »Sadi Carnot«, von Steuerbord kam die »grundgütige Landesmutter«, in der Mitte war ein Schiff, dessen Kapitän plötzlich geisteskrank geworden, dessen Mannschaft um fünf Uhr mit Krieg und Kriegsgeschrei aus dem Bett geholt war und nun begreiflicherweise nicht wußte, was das alles eigentlich sollte. Inzwischen und 156 ringsum pfiff, fluchte, schrie und fragte es. Auf der Back maulten sie, daß sie, die nun zwei Stunden herumgestanden waren und sich schon auf ein schönes Scharfschießen gefreut hatten, nun mit einem Mal unter Deck hinter verblendete Fenster sollten. Achtern gab es dieser Frage wegen zwischen dem Maat Scott und den Leuten eine regelrechte Keilerei, auf dem Batteriedeck waren sie im Begriffe, die Kartuschen verkehrt zu verstauen, und als er eben diesem Unfug ein Ende gemacht hatte, da kam zu ihm auf die Brücke eine Ordonnanz gelaufen und meldete, daß der Direktor Samanon in seinem Gefängnis zu ersticken drohe und zu toben anfange. Der Leutnant Williams (äußerlich noch ziemlich in Form, innerlich schon sanatoriumsreif) machte kurzen Prozeß und ließ dem Direktor Samanon bestellen, daß er ihn sofort in die Kesselfeuer werde stecken lassen, wenn er nicht Ruhe gäbe. Und als auch dieser Zwischenfall erledigt war, da kam etwas, was dem armen Jungen den Rest gab . . .

Der Doktor Crofts kam auf die Brücke. Der Doktor hatte auch jetzt, in diesem 157 Irrenhausmilieu, die »Times« in der Hand und war überhaupt ein Mann, der sich für diesen Hexenkessel nur so ganz beiläufig interessierte. Ganz beiläufig sagte der Doktor, daß außenbords schon das Boot mit Ihrer Hoheit zu sehen sei, und daß es in spätestens drei Minuten unten am Fallreep sein werde. Da war der kleine Williams fertig, und da lief er vor das Logis des Kapitäns und trommelte gegen die Tür und schrie, daß er noch verrückt werde auf diesem Schiff und dringend um Ablösung bitte. Da ging die Tür auf, und der Cradock kam heraus.

Daß der Kapitän wirklich verrückt geworden war, daran konnte nun leider nicht mehr gezweifelt werden. Der Kapitän trug jetzt oben den ihm zukommenden goldbetreßten Galazweispitz und unten die gleichfalls zum Parade-Anzug gehörenden hohen Lackstiefel. Was aber in der Mitte saß, das war ein bis zu den Knien reichender alter Gummimantel; und was gleich unter diesem Gummimantel zu sehen war, als ein indiskreter Windstoß ihn lüftete, das war einfach unfaßbar. Kopfschuß 158 und Katastrophe war es, und der Leutnant Williams, selbst schwer erschüttert in seinem Gleichgewicht, wußte nicht, ob er darüber lachen oder weinen sollte. In diesem Augenblick konnte man unten am Fallreep schon den Motor des anlegenden Bootes rumoren hören.

Der Cradock aber tat nun wirklich auch alles, um die Diagnose »plötzlich verrückt geworden« sicherzustellen. »Schätze«, schrie der Cradock, »daß Sie, Williams, über alles unterrichtet sind . . . hoffe, Sie verstehen, daß mir jetzt alles gleichgültig ist, und daß Europa wenigstens lachen soll.« Das schrie der Cradock.

Setzte wohl voraus, daß der Leutnant Williams die Privilegien der Cradocks kannte . . .

Nichts kannte der Leutnant Williams. War über nichts unterrichtet. Wußte nur, daß der Kapitän verrückt geworden war, hörte nun schon (und das hatte gerade noch gefehlt!) unten auf dem Fallreep eine Frauenstimme, lugte über die Reling und sah eine einzelne Dame im Reisekleid heraufkommen.

159 Maria, regierende Fürstin-Witwe von Labrador. Da beschloß er, zu retirieren.

Wie er sich aber umdrehte, da sah er noch den Kapitän zum Fallreep gehen, und wie der Cradock dort sich aufstellte, war er schuld, daß der arme Williams in seinem Kampf zwischen Lachen und einer anderen Gefühlsäußerung endgültig sich für einen Lachkrampf entschied.

Der Kapitän nämlich, wie er da am Fallreep stand, hatte nun den Gummimantel fallen lassen. Er stand und hatte oben einen goldbetreßten Schiffhut. Und unten lange Lackstiefel. Und in der Mitte nichts, als einen dunkelblau- und weißgestreiften Badeanzug.

Und über dem Badeanzug um den Leib einen langen Schleppsäbel.

Der kleine Williams wußte wirklich nichts von dem alten, einst im Kampfe mit der Jungfrau von Orleans erworbenen Privileg der Cradocks. Er wußte nichts davon und saß nun hinter der Hütte auf einer Schlauchwinde und lachte.

160 Einen entsetzlichen Lachkrampf, der gar kein Ende nehmen wollte.

Der Schleppsäbel zum Badeanzug: das war das Allerschlimmste gewesen . . . 161

 


 


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