Fritz Reck-Malleczewen
Bomben auf Monte Carlo
Fritz Reck-Malleczewen

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IV.

An Bord erwartete ihn der Funker Bengtson mit einem zweiten Telegramm. Es war (wohl des Inkognitos wegen!) schlicht mit »Mary« unterzeichnet. Es verbat sich für morgen nochmals alle besonderen Vorbereitungen und war vor zwei Stunden in Mailand aufgegeben. Und der Kapitän konnte es natürlich nicht wissen, daß im Auftrage der unternehmungslustigen Hoheit von Labrador der Mailänder Konsul dieses Telegramm aufgegeben hatte . . . daß man ihn düpieren und in völlige Sicherheit wiegen wollte! Er zerriß es in siebenunddreißig Fetzen und sprach zunächst einmal mit dem Chefingenieur. Der Chefingenieur Pavlicek erklärte, daß mit den noch in den Bunkern zu findenden Kohlen allenfalls ein armer Mann einen mäßigen Osterkuchen backen, die »Persimon« aber unmöglich weiter als allenfalls bis Cap d'Antibes kommen 85 könne. Keine gute Auskunft. Er sah, daß ihm das Messer doch ziemlich dicht an der Kehle saß. Da ging er denn in seine Kabine und schloß sich ein.

Für seine Privatschatulle, soweit er sie nicht in der Westentasche bei sich trug, hatte der lange Cradock neuerdings ein ganz originelles System der Geldaufbewahrung eingeführt, das er in Südafrika von einem dorthin verwehten russischen Offizier gelernt hatte: man wechselte die jeweilige Monatsgage in einzelne Pfundstücke ein, man nahm die Hand voll Goldmünzen und schleuderte sie auf gut Glück gegen die Decke der Kabine. Man behielt auf diese Weise nur ganz wenig in der Tasche zurück, man kam sich als armer Mann vor und gab nicht (was sonst unfehlbar geschehen wäre!) alles gleich am ersten Tage aus. Man hatte einen grundehrlichen Waliser zum Burschen, und man suchte, wenn man Geld brauchte, das Notwendige auf Schränken, in Dielenritzen und unter dem Bette sich zusammen: auch in den verzweifeltsten Situationen fand sich dann immer noch etwas . . .

86 Im vorliegenden Falle fanden sich (am Letzten des Monats, wollen Sie gütigst bedenken) noch sieben Pfund. Die sieben Pfund ergänzten den Inhalt der linken (privaten) Westentasche auf rund achtzehn Pfund. In der rechten (staatlichen) Westentasche befanden sich, nachdem man zweitausend für ein Perlenhalsband hatte ausgeben müssen, noch vierhundert Pfund Regierungsgelder. Vierhundert Pfund Regierungsgelder wanderten jetzt aus der staatlichen in die private Westentasche, wurden dadurch bis auf weiteres Cradocksche Privatgelder und ergänzten das Betriebskapital in willkommener Weise auf vierhundertachtzehn Pfund. Dieser Kassasturz (wofern ich mir diesen alten k. u. k. österreichischen Fachausdruck für »Bilanz« zu eigen machen darf) ergab also ein »Haben« von vierhundertachtzehn Pfund und ein »Soll« von zweitausendvierhundert Pfund, die binnen vierundzwanzig Stunden ersetzt und demgemäß in den zehn Stunden dieser Nacht an der Roulette verdient werden mußten, wofern nicht wirklich die Hoheit von Labrador zu Fuß nach 87 Ägypten pilgern sollte. Die Situation war ernst. Die Pistole auf dem Tisch sah den langen Cradock an mit einem bösen schwarzen Auge, und das böse schwarze Auge sagte, daß nach altem ehrwürdigem Kodex ein Gentleman sich totzuschießen habe, wenn er der Defraudation von Staatsgeldern überführt worden sei. Da aber der Gedanke an den Tod ein Kommißgedanke für romantische Fähnriche war, so schickte man den Gedanken an den Tod zum Teufel und ging zur Tat über. Man depeschierte also an jenen einzigen noch vorhandenen Cradock-Onkel in Mergentheim, daß man sofort zweitausendfünfhundert Pfund brauche (eigentlich nur der Form halber und ohne die mindeste Hoffnung auf Erfolg, da dieser Mergentheimer Onkel geiziger als der reiche Mann im Evangelium war). Dann aber, als das Telegramm expediert war, tat der Cradock das, was an seiner Stelle alle Spieler von Ruf und Erfahrung getan hätten; er stellte für die heutige Nacht sich ein Spielsystem zusammen. –

Die Roulette nämlich, wollen Sie bedenken, 88 ist nur scheinbar ein aus Galalith, Zelluloid und Messing zusammengesetztes totes Ding – die Roulette hat, wie alle scheinbar toten Dinge, ihren geheimen Rhythmus und ihre geheimen Gesetze, die man eben zu ergründen und zu berücksichtigen hat. Es ist in Monte Carlo vor drei Jahren passiert, daß die Kugel siebzehnmal hintereinander auf der Zahl Null haltmachte. Und in demselben Monte Carlo hatte – das war kurz vor dem Krieg – ein Herr hundert Gulden auf elf gesetzt, gewann den fünfunddreißigfachen Betrag, ließ ihn stehen, gewann wieder das Fünfunddreißigfache, ließ (er verhielt sich seit der dritten Volte auffallend still), ohne ein Wort zu sagen, den ungeheuer angewachsenen Betrag zum zweitenmal auf elf stehen, gewann auf elf noch fünfmal, und erst vor der sechsten Volte wurde festgestellt, daß er – inzwischen einen Herzschlag erlitten hatte und tot war. Die Roulette hat ihre geheimen Gesetze, und es war einfach selbstverständlich, daß der Cradock seinen Kriegsplan sich zusammenstellte. Als er aber erst mit seinen 89 Berechnungen fertig war, da war er auch, wie in solchem Falle alle Spieler, einfach nicht mehr zu erschüttern in der Überzeugung, daß diese Schlacht gut ausgehen werde. Elf Uhr war es, als er das Kasino wieder erreichte. –

Zwischen den beiden Damen hatte es während seiner Abwesenheit eine ziemlich erregte Auseinandersetzung gegeben. »Man unterschlägt keine Staatsgelder«, hatte die alte Violet gesagt. Da hatte ihre Herrin erwidert, daß es ja nicht eigentliche Staatsgelder, sondern, zum größten Teile wenigstens, Mittel aus ihrer eigenen Privatschatulle seien. »Man unterschlägt überhaupt keine Gelder«, hatte die alte Dame gesagt. Da hatte die kleine Mary erwidert, daß es ein Riesenunterschied sei, ob man die unterschlagenen Gelder in die eigene Tasche stecken oder damit eine schöne Frau beschenken wolle. – »Du bist frivol!« hatte die alte Violet gescholten. »Heute ist Karneval«, hatte die regierende Fürstin-Witwe von Labrador erwidert. Und da ihre Hofdame und einstige Lehrerin alle die anderen Geschütze der Überredungskunst schon 90 abgefeuert hatte, so versuchte sie es mit der letzten großkalibrigen Kanone. Daß diesem schrecklichen Cradock alles zuzutrauen sei, und daß er das verbriefte Recht habe, ohne Hosen bei ihr zu erscheinen und sie in diesem Zustande um Gnade zu bitten und . . .

Die Gräfin Hensbarrow rang die Hände. »Kein europäischer Thron würde heute diese Hosenlosigkeit überstehen«, jammerte die alte Dame. Da rang bei der Vorstellung, daß der Cradock ohne Hosen und im Frack (womöglich hier, im Palmensaal des Kasinos) einen Fußfall tun könne, die kleine Mary vor Lachen nach Luft. »Ich sehe deinen Thron wanken«, schluchzte die alte pathetische Dame und erreichte damit doch nur, daß die böse kleine Hoheit sich übermütig hin und her warf in ihrem Sessel und erklärte, daß dieser hier eigentlich noch ganz fest stünde. Da war es zuviel, und da bekam ihre Hofdame einen roten Kopf. »Ich bitte Ew. Hoheit um die Erlaubnis, mich zurückziehen zu dürfen«, sagte in tiefer Verbeugung und in tiefgekränktem Ton die Gräfin Hensbarrow. Wogegen die 91 kleine Mary absolut nichts einzuwenden hatte, und woraufhin die alte Dame schwerbeleidigt aus dem Saal gerauscht war. Fast im selben Augenblick war Cradock eingetreten. –

Die Bar, in der er vorher haltgemacht hatte, zu einer letzten Vorbereitung aufs Gefecht, war überfüllt gewesen. Wie Tiere am Trog drängten sich, Ellbogen an Ellbogen, mit geröteten Gesichtern und feisten Rücken diese Gäste . . . bleiche, übernächtige Mixer musterten geringschätzig dieses etwas provinzielle Publikum, verteilten hochmütig, als spendeten sie Libationen, die Geister der tausend auf den Regalen aufmarschierten Flaschen: den »Sol y Sombra«, den die Brasilianer eingeschleppt haben in Europa . . ., Bambus-Cocktail und den »Blenton« der englischen Kriegsmarine, und seltenen bitteren »Gibson« mit seiner kleinen weißen Zwiebel. Ventilatoren summten, halbe und Vierteleleganz machten sich breit . . . Glatzen spiegelten sanft die Lampen wider, und an den Tischen lösten zwischen Glas und Glas behäbige 92 Smokingbesitzer unbeschwert die großen Probleme des Erdballes: die Verschuldung Europas und die Nöte des mittelenglischen Industriestreiks und die Gefahren, die sich aus der Sowjetpropaganda in Südafrika ergaben. –

Er, der Kapitän Cradock, ehrfurchtsvoll begrüßt von diesen Kellnern, die ihn aus dem Londoner »Ritz« und aus San Sebastian und von Ostende her kannten . . . er saß zusammen mit Williams, abseits an einem kleinen Tisch, trank einen Schwedenpunsch, schickte, um die brennende Alkoholwunde zu besänftigen, einen sanfteren »Chocolate« hinterdrein. Dann stand er brüsk auf. Er ärgerte sich über das Geschwätz der fetten Spießer ringsum, und zum ersten Male geschah es hier, daß ein ganz toller Gedanke durch sein Hirn fuhr: dieses ganze gräßliche Kasino vom Erdboden fortzuradieren, irgendeinen unausdenklichen Schrecken zu jagen über diese selbstzufriedenen Bourgeois, sich zu weiden an dem Einsturz ihrer Philisterwelt . . .

Das war vorderhand ein ganz momentanes Aufzucken, und ich glaube nicht, daß diese 93 Idee schon in jener Bar-Viertelstunde feste Formen annahm im Hirn des langen Cradock. Immerhin nahm er sich, als er schon an der Tür des Spielsaales stand, den Leutnant Williams beim Rockknopf und gab ihm einen letzten Befehl: dreißig Mann von der »Persimon« waren sofort hierher zu beordern, hatten sich (Zivil, ohne Waffen und natürlich ganz unauffällig) hier vor dem Kasino einzufinden und nebenan im Café de Paris Weiteres zu erwarten. Ein etwas dunkler, in seinen Zielen rätselhafter Befehl, den der Kapitän, schon mit dem Türdrücker in der Hand, erteilte. Irgendwelche Aufklärungen gab er jedenfalls nicht. Er hatte Eile. Er verabschiedete den Leutnant Williams mit einem flüchtigen Kopfnicken und trat ein. Und da saß also . . . dieses Mal ohne die in seinen Augen völlig überflüssige Altdamenbegleitung . . . unter der Palmengruppe der Domino.

»Kapitän Cradock . . .«

Dieses Mal aber, als er von ihr mit seinem Namen angeredet wurde, stutzte er. »Sie kennen mich, Madame, woher?«

94 Da lachte sie sehr übermütig. »Wer kennt Ihren Namen denn nicht, Sie Baldrianeur heiliger Tempelkatzen, Banksprenger von San Sebastian, Held aller Ozeane, Brecher aller Frauenherzen, Abenteurer, berüchtigter Seeräuber . . .«

Das klang spöttisch, kokett, ließ natürlich die Vermutung zu, daß hinter dem Domino (obwohl der Kapitän sich ganz vergeblich den Kopf zerbrach) irgendeine Londoner oder Kapstädter Bekannte versteckt war. »Wer sind Sie, Madame?« Und dieses Mal versuchte er, der Mann des schnellen Angriffes, der Maske sich zu bemächtigen, und mußte es doch erleben, daß sie lachend hinter den Stuhl flüchtete und ihm entkam . . .

»Defraudant labradorischer Schiffskassen . . ,« Dieses Mal war's zuviel, und auf der Stirn Cradocks war eine steile Falte zu sehen. Sagte sie »Defraudant labradorischer Schiffskassen«, so war es klar, daß sie vorhin die ganze Auseinandersetzung mit dem alten Crofts mitangehört hatte. Daß sie um das Perlenhalsband wußte, daß sie ihm die Freude 95 verdorben hatte, daß sie auch wußte, womit der Schmuck bezahlt worden war . . .

»Sie haben gelauscht, Madame?«

»Da ich vorhin zeitig und pünktlich am verabredeten Orte zur Stelle war!«

»Und wissen jetzt natürlich alle meine Geheimnisse.«

»Da diese Geheimnisse vorhin nicht gerade leise besprochen wurden!«

Da lachte er bitter . . .

»Während Sie im sicheren Versteck sitzenblieben und lauschten!« Sein Gesicht war noch finsterer geworden, er begann erregt auf und ab zu gehen.

Eine Weile sprachen sie beide nicht. Drei Saaldiener kamen, rückten Stühle zurecht, verschwanden; ein Croupier kam, machte sich an der Roulette zu schaffen, ordnete Jetons, rechnete, bemühte sich, im Saale nichts zu sehen außer seinem Handwerkszeug. Erste Spieler fanden sich ein . . . drei ältere Französinnen, ein ägyptischer Baumwollhändler, ein sehr alter russischer Staatsrat: drückten sich im leeren Raum herum, empfanden es 96 peinlich, die Ersten zu sein, lorgnettierten nach den beiden unter den Palmen hinüber . . .

Der lange Cradock war schließlich stehengeblieben. Da Madame es für gut befunden habe, zu lauschen, so habe er seinerseits nicht den mindesten Grund, etwas zu verheimlichen. Die Schiffskasse geplündert: Madame zuliebe. Fremde Gelder defraudiert: für Madame. Ein Halsband gekauft, um Madame zu erfreuen: mit gestohlenen Geldern . . .

»Mit Geldern«, sagte vorwurfsvoll der Domino, »mit denen Ihre arme kranke Fürstin nach Ägypten fahren wollte!« Da sagte der Cradock, daß eine abwesende Frau ein Gespenst sei, und daß eine anwesende Frau alles verlangen könne; daß er folglich das Gespenst bestohlen und die anwesende Frau – übrigens unter erheblicher Gefahr für seinen eigenen Hals – beschenkt habe . . .

»Und wenn nun morgen«, sagte der Domino, »ich nicht mehr da bin und Ihre . . . übrigens immer noch sehr schöne Landesherrin anwesend sein wird?«

Dann werde er, sagte gleichmütig der 97 Cradock, selbstverständlich gegen die anwesende schöne Hoheit galant sein und Madame, da sie ja nicht mehr anwesend sein werde, vergessen haben. »Ungetüm!« klagte angesichts dieser unfaßlichen Philosophie der Domino und meinte mit »Ungetüm« den langen Cradock. Ob sie die Perlen nun annehmen wolle oder nicht? fragte der Cradock und hatte die Miene eines Ambassadeurs, der ein Ultimatum überbringt. Da wußte sie, daß sie vor der Wahl stand, diesem Abenteuer endgültig ein Ende zu machen und wieder zu ihrer alten Violet hinaufzugehen; oder mit diesem gefährlichen Partner ein nicht ganz ungefährliches Spiel weiterzuspielen: so oder so mußte das Ding jetzt zur Entscheidung kommen.

Der Saal füllte sich: zwei zweifelhafte Großfürsten, ein englischer Kokainhändler, ein Heldenbariton von der Kottbusser Oper, ein Zwickauer Kinderwagenfabrikant . . . drei abgetakelte Kokotten aus Brüssel . . . ein alter polnischer Jude mit weißem Vollbart und tieftraurigen Ahasveraugen. Sie hielt unschlüssig das Halsband der Romanows in den Händen.

98 Die Glastür wurde geöffnet, ein kalter Luftzug traf ihre nackten Schultern – sie fröstelte. Ein Geiger von der Barkapelle, ein offensichtlich todkranker Mensch mit abgezehrtem Schädel kam vorbei, blieb einen Augenblick stehen, sah sie an mit den leeren Augen: da schauderte sie zusammen. Die Perlen, die sie in den Händen hielt, hatten einmal einer unglücklichen Fürstin gehört, die Perlen schienen eiskalt. Der Mann aber, der vor ihr stand und ihr ein Ultimatum stellte, war ein Desperado, der um Kopf und Kragen spielte und sie selbst hineinreißen konnte in den Strudel seines Lebens . . . »Ich habe doch Angst, Cradock«, sagte die kleine Mary.

Er zuckte die Achseln.

»Sie wollen, um alles zu ersetzen, spielen?«

Er zuckte, als gäbe es auf solche Selbstverständlichkeiten keine Antwort, abermals.

»Und wenn Sie verlieren?«

»Ich verliere nie.«

»Und wenn Sie trotzdem verlieren.«

»Dann breche ich mir das Genick, und Sie, Madame, brechen das Ihre mit mir. Und Sie 99 kommen in den Himmel und ich in die Hölle. Und Sie, Madame, singen zur Harmoniumbegleitung heilige Lieder und werden ein Cherub mit silbernen Flügeln. Und ich brate in heißem Öl und mache nur manchmal in den Himmel hinein einen kleinen Vorstoß und reiße Ihnen eine Schwanzfeder aus.« Sie lachte. Er blieb hartnäckig. Ambassadeur, der ein Ultimatum überbringt. »Ja oder nein?« fragte der Cradock.

Da sah sie ihn an und dachte an das herbstliche Buchenlaub im Park von Hampton und an den Oktobermorgen von damals und an die Küsse dieses ein wenig frechen, noch immer knabenhaften Mundes. War dieser ein Rasta, so war er jedenfalls ein Rasta, dem man nicht widerstehen konnte; und wenn man zusammen mit ihm das Genick brach, so war dieser Bruch jedenfalls immer noch besser als schicksalsloses Vertrocknen.

»Ja«, sagte die kleine Mary.

»Kameraden auf Gedeih und Verderb?« fragte der Cradock.

»Auf Gedeih und Verderb«, sagte die kleine 100 Mary. »Bis morgen«, sagte die kleine Mary. Da war der Pakt besiegelt, und da gingen sie zum Spieltisch. –

Das Publikum aber, das sich inzwischen eingefunden hatte, es war womöglich noch unerträglicher als das in der Bar. Eine ganz seltene amerikanische Sekte war erschienen mit ihrem Prediger, um an Ort und Stelle das Roulettelaster von Monte Carlo zu studieren . . . Frau Senator Harms aus Bremen wollte eben nur mal sehen, nöch, was die S–p–ieler für Gesichter machten, wenn sie ihr ganzes Geld verlören . . . ein vollblütiger Agrarier aus dem Kreise Treptow an der Rega klagte einem Berufsgenossen, daß seit der Revolution aller Respekt beim Teufel sei, und daß neulich eine seiner Kartoffelgräberinnen bei einem Schäferstündchen ihn sogar geduzt habe . . . eine ältere Dame aus Boston mit Hornbrille, Pferdegebiß und der Stimme einer wildgewordenen Steppenstute schrie nach einem Maraschino . . . ein Patrizier aus Basel war fest entschlossen, höchstens zwei Francs fünfundsiebzig Centimes zu verlieren, und trug durch den 101 Saal die Haarwand eines zahnbürstenfarbenen Vollbartes, in dem man, wofern es schon Hochsommer gewesen wäre, die Bienen hätte summen hören können. Was sonst da war, war eigentlich nur Komparserie für diese spießige Korrektheit: ein sehr junger Hochstapler aus Madrid, ein Bordellbesitzer aus Smyrna, ein junger, auffallend schöner Maler aus München. Sonst noch ein Dutzend niedergebrochener Offiziere aus den unterschiedlichen Armeen des Weltkrieges. –

Hinter ihnen her flüsterte es. Ein alter Major vom Coldstreamregiment meinte, daß die Dame an Cradocks Seite bestimmt eine Nichte des Londoner Vanderbilt sei, und daß Cradock selbst sich seit seinen Londoner Tagen in den seither verstrichenen zehn Jahren überhaupt nicht verändert habe. Ein Pariser Frauenarzt, der den Kapitän in San Sebastian hatte spielen sehen, wollte wissen, daß Cradock das damals gewonnene Geld zum größten Teil in zwei Wochen . . . so gewissermaßen aus der Hosentasche heraus . . . an die ersten besten Bettler, Kriegskrüppel, Landstreicher und 102 niedergebrochenen Abenteurer verschleudert habe. Alle aber waren sie sich, als sie den großen Sturmvogel Cradock auftauchen sahen, darüber einig, daß dieses ein wenig eingeschlafene Monte Carlo nun doch noch einmal einen großen Tag haben werde . . .

Elf Uhr war's. Er hatte sie nun doch gebeten, ihn eine Viertelstunde allein zu lassen – er hatte zunächst mit seinen Spielexperimenten und dem Ertasten der besten Phase zu tun. Die Jetons waren eingehandelt, die Armee (vierhundertundachtzehn Pfund) noch einmal gemustert; er saß, das altmodische, breitschienige Monokel eingeklemmt, setzte minimale Beträge, verlor dreimal, setzte wieder, schrieb lange Zahlenkolonnen auf einen Zettel, rechnete . . .

Die einfachen Chancen zuerst . . . Pair und Impair mit minimalen Beträgen: er verlor. Er stieg höher zu »Kolonne von zwölf Nummern« (ein noch ganz kleinliches Spiel mit doppelter Gewinnchance): er verlor. Pfund um Pfund wurden seine Avantgarden geschlagen. Er rechnete. Er setzte wieder. »Transversale von 103 sechs Nummern«, ein immerhin nicht mehr ganz niedriges Spiel: drei weitere Pfunde wanderten hinüber zum Croupier, und wenn es so weiterging . . .

Er stand auf, gönnte sich eine Zigarette, sah den Domino hinter sich stehen . . . blaß, erregt, in dem bekannten Zustande des Laien, der zum ersten Male ein Spiel sieht. »Sie verlieren?« fragte sie. »Bitte Sie aufrichtig, mir nicht auf die Finger zu sehen beim Spiel«, sagte Cradock. Dann konnte man ihn sehen, wie er ging, um neue Jetons zu kaufen: das Glück blieb aus, und üble Sterne schienen aufgegangen zu sein über diesem Abend . . .

Weiter. »Kolonne zu vier«, ein Spiel schon von beträchtlichem Wagnis und achtfachem Gewinn: Verlust, Gewinst, Verlust. Wieder rechnete er. Wenn das Glück nämlich nicht hier, in den hohen Gängen des Spieles zu finden war, so war es heute für ihn überhaupt nicht zu sprechen. Und wenn es heute für ihn nicht zu sprechen war, so gab es ein »Morgen« für ihn nicht mehr. Dann war er überführt der Unterschlagung fremder Gelder, war so 104 deklassiert, daß kein Straßenköter mehr ein Wurstbrot annahm aus seiner Hand! Er atmete tief und trank einen sehr großen Kognak, ging in die Bar hinaus, hörte von Williams, daß die Leute vollzählig drüben im Café de Paris säßen, wurde bei der Rückkehr in den Spielsaal noch zwischen Tür und Angel aufgehalten von dem alten Crofts. Daß er selbst nun bei Lebas gewesen, daß Lebas bereit sei, mit zwanzig Prozent Abstandssumme das Halsband zurückzunehmen, sagte der Doktor. Daß er sich in die Hölle scheren solle, sagte kurz und nicht unfreundlich Cradock und ging, ohne sich nach Madame umzusehen, wieder an die Arbeit.

Was jetzt kam, erregte schon einiges Aufsehen bei diesen Leuten, die mit ihren Einsätzen von zehn Gulden sich schon als große Spieler vorkamen. »A cheval« nämlich hieß das nächsthöhere Spiel . . . à cheval bietet bei einer Gewinnwahrscheinlichkeit von fünf Prozent die Gewinnchance des siebzehnfachen Einsatzes. »A cheval«, mit den letzten zwei Pfunden seiner Avantgarde besetzt, gewann 105 einmal, verlor, gewann beim dritten Male, gewann nach Abzug von vierhundertundsechzig verlorenen Schilling insgesamt sechsundsiebzig auf die Haben-Seite zu schreibende Pfund: bei »à cheval« saß das Glück . . . das Glück verlangte das größere Wagnis von ihm. Da verließ er, Madame zu holen, den Kreis der Spieler.

Für diese Volte kamen sie gerade noch zur Zeit. »Faites vot' jeu« hatte, bei schon laufender Kugel der Croupier eben gesagt, und »Rien ne va plus« wollte er eben sagen und sah dann im letzten Augenblick noch einmal fragend zu Cradock hinüber. »Hundert à cheval, zwölf zu dreizehn« sagte, über die Köpfe der Zuschauer hinweg, der Cradock. »Machen Sie's halbwäje!« sagte halblaut ein sächsischer Herr . . . der Pariser Gynäkologe flüsterte dem Coldstreammajor zu, daß Cradock nun doch endlich in Bewegung käme. Sie, die beiden Kampfgenossen dieses Gefechtes, standen in dieser Minute ein wenig abseits an der Peripherie des Spielerkreises. So, daß sie das Spiel selbst nicht übersehen konnten.

106 So aber ist es nun einmal, daß wir alle, je mehr unser tägliches Leben umgeht mit toten Mechanismen, immer abhängiger werden von jenen Dämonen, die unsichtbar wohnen in Maschinen, Zahlen und – Rouletten. Techniker sind in Berufsdingen bekanntlich abergläubischer als Marseiller Fischweiber, große Architekten sind nun schon längst so weit, daß sie die Sterne befragen, ehe sie in das Eisengebälk eines Wolkenkratzers die erste Niete schlagen lassen.

Der Cradock, während die Kugel schon gegen die Nägel des Roulettetellers prallte, tat etwas, was er im Vorpostengefecht sich aufgespart haben mochte für die entscheidende Stunde der Schlacht.

Er nahm seine Brieftasche. Aus der Brieftasche ein Päckchen Seidenpapier. Aus dem Seidenpapier einen kleinen Fetzen Tüll mit eingewebten Silberfäden, die nun schon ganz rot angelaufen waren. Ein Ding, das der Fetzen eines Schleiers sein mochte. Ein Ding, das man einmal getragen hatte als lebensfrisches, junges Geschöpf und zum Andenken 107 verschenkt hatte an einen leider etwas vergeßlichen Gefährten . . .

»Glückstalisman?« fragte die kleine Mary, fühlte, daß etwas in ihre Augen wollte, was in dieser Stunde in die Augen nicht gehörte.

»Glückstalisman«, sagte gleichmütig der Cradock und steckte das Ding in den linken Schuh. Da aber hatte es sich in dem Kreise dieser gaffenden, flirtenden, médisanten Menschen entschieden, das Spiel . . .

»Dreizehn«, sagte auf seinem überhöhten Stuhl der Croupier. »Dreizehn für Sie«, sagte, sich zu Cradock umdrehend, freundlich der Coldstreammajor. Gewonnen siebzehnhundert Pfund. Getuschel, Geflüster, Bewegung ringsum. Das Geld nahm er in tadelloser Haltung. Wohl aber, was ihr nicht entging, mit Händen, deren Finger doch ein wenig zitterten. Dann, wie es nach einem größeren Coup zu gehen pflegt, war er umgeben von fremden Menschen. Von den alten Habitués der europäischen Spielsäle, von niedergebrochenen Kameraden, von Roués, die sich anzüglich nach 108 ihr . . . nach dem Domino erkundigten. Sie ging allein zu der Palmengruppe zurück.

Hier war es still, und man war allein. Die Tränen, die kamen nun erst recht, und sie wütete gegen sich selbst und ihren Kummer. Ein Fetzen Seidentüll war ja schließlich nicht mehr als eben ein Fetzen Seidentüll, und eingerichtet war es doch nun einmal so, daß Männergedächtnis kürzer reicht als Frauenliebe. Aber daß es wehe tut, wenn man selbst eine Liebe bewahrt, und der andere vergißt es – das war nebst Weibertränen und verletzter Eitelkeit nun einmal ebenfalls vorgesehen im Plane der Weltenschöpfung. Ja, sie weinte wirklich. Sie bot natürlich die letzte Selbstbeherrschung auf und trocknete rasch die Tränen und setzte die Maske wieder auf. Da aber hatte er sie schon wieder aufgespürt in ihrem Versteck . . .

»Was, Madame, haben Sie eigentlich?«

Keine Antwort. Da wollte er ernstlich wissen, was ihr fehle . . .

Sie bat um eine Zigarette. Ihre Haltung hatte sie wieder. »Ihr Talisman?« fragte die kleine Mary und wies auf seinen linken Schuh.

109 »Er bewährt sich, denke ich.«

»Brautschleier?«

»Brautschleier«, nickte Cradock.

»Von wem?«

»Die Roulette, Cradock, geht nicht ohne Sie«, rief von drüben ein Herr. »Faites vot' jeu«, sagte von drüben der Croupier und sah fragend zu Cradock herüber. »Hundert à cheval, zwölf zu dreizehn«, rief der Cradock zurück. »Das Glück, Madame«, sagte er und hatte noch immer ihre Frage nicht beantwortet, »das Glück ist eine große Dame, die man nicht antichambrieren lassen darf.« »Rien ne va plus«, sagte der Croupier. »Madame . . .«, sagte der Cradock und reichte ihr den Arm. Da war es, das serienweise kommende und serienweise sich versagende Glück, das ihnen begegnete, ohne daß sie sein eigentliches Spielen auch nur gesehen hatten.

Die kleine Kugel aus Galalith nämlich, sie hat auch in der Dauer ihres Tanzes ihre Launen – sie kann in einem Anlauf das Fach wählen, sie kann, die Nerven marternd, ein scheinbar schon gewähltes Fach verlassen, 110 zurücktaumeln, das Spiel mit den Prellnägeln noch einmal beginnen und zum Schluß eine Nummer beglücken, an die niemand mehr gedacht hat . . .

Dies hier, die zweite große Volte, war ein rascher Schuß . . . »Espagnol«, wie's die Croupiers nennen. »Dreizehn.« Die Glücksnummer kam ihnen, während sie auf den Spieltisch zugingen, gewissermaßen entgegengelaufen. »Tausendsiebenhundert für Cradock.« In Pfundnoten, in Holländergulden, in plumpen, seltenen Hundertdollarstücken. Mit dem Ergebnis der ersten Volte zusammen dreitausendvierhundert Pfund. Mit dem Rest des Betriebskapitals zusammen fast dreitausendsechshundert. Genug, um die Hoheit von Labrador zweimal nach Ägypten zu schicken. Genug beinahe, um zweimal das Loch in der Schiffskasse zu flicken. Schon lange nicht war er so reich gewesen.

Dreitausendvierhundert Pfund. Gratulanten und Schmarotzer. Kokotten, die das Geld witterten, und angebliche alte Bekannte, die man nie gesehen hatte, und die nach einigem 111 Stottern einen kleinen Anleiheversuch starteten. Er schob alles beiseite. Für heute hatte er genug von dieser Atmosphäre von Talmieleganz und Niederbruch und Spießertum. Unter keinen Umständen wollte er weiterspielen. Er reichte ihr den Arm. »Und nun, Madame?«

Da übersah sie seinen Arm: »Sie sind mir eine Antwort schuldig.«

»Ich stehe zur Verfügung.«

»Von wem haben Sie den Fetzen?«

Da lachte er. »Eifersüchtig auf Vorgängerinnen?« höhnte der Cradock.

»Von wem der Talisman?«

»Wenn Sie's wissen wollen – von der freudlosen Witwe . . .«

»Freudlosen Witwe . . .«

»Von der Hoheit und freudlosen Witwe von Labrador.« Und so erzählte er in aller Kürze seine Geschichte. Daß in London einmal eine kleine Prinzessin einem kleinen Flottenleutnant gut gewesen sei und ihm auf ihrer Hochzeit dann einen Fetzen ihres Brautschleiers geschenkt habe. Die Prinzessin von damals, das sei nun die regierende Fürstin-Witwe von 112 Labrador . . . dieselbe, die morgen komme. Der Flottenleutnant aber . . .«

»Was aus dem Flottenleutnant geworden ist, will ich Ihnen sagen, Cradock! Der Flottenleutnant von damals ist ein herzloser Bursche, der Frauenliebe schmäht, indem er ihre Andenken mit Füßen tritt. Der Flottenleutnant von damals ist nun ein Rasta mit gefrorenem Herzen . . .«

»Vielleicht . . .«

»Ein vereinsamender böser Abenteurer . . .«

»Vielleicht . . .«

»Der undankbar empfangene Liebe vergißt . . .«

»Das Leben, Madame, geht weiter!«

»Ein alternder Desperado, ein alternder professioneller Spieler, dessen Herz keinen unberührten Winkel hat, der sich an fremdem Gelde vergreift . . .«

»Madame!«

»Und dessen Hände nun schon zu zittern beginnen, wenn er, um seine Defraudationen zu cachieren, sich an den Spieltisch setzt!«

Da sprang er auf . . .

113 »Dann werden Sie sich also davon überzeugen, wie sehr Sie mir Unrecht getan haben! Mehr als Unrecht! Daß Sie nach einem Grunde suchten, mich zu verletzen, daß Sie um einen dürftigen Vorwand besorgt sind, mich wieder an der Roulette zu sehen! Ich werde spielen, Madame . . .«

»So spielen Sie also!«

Da riß er aus der Tasche seine ganze Barschaft. Dreitausendsechshundert Pfund . . . abgegriffene Pfundnoten, Holländergulden, klobige Hundertdollarstücke: aber der Gegenwert für Ehre und Existenz eines Mannes. »Spiel mit dem ganzen Einsatz, Madame! Spiel bis zum Genickbruch, da Sie es so wünschen! Es gibt ein Spiel, heißt Paroli . . .«

»Es gibt ein Spiel, heißt Genickbruch . . .«

»Und man verliert alles und hat die gleiche Aussicht auf Gewinn, wie ein Londoner Liftboy auf den Posten des Vizekönigs von Indien. Ein Spiel um Kopf und Ehre . . .«

»So spielen Sie es doch!«

»Und wenn man verliert . . .«

»So wagen Sie es also!«

114 Da nimmt er ihre Hand. »Was habe ich Ihnen getan?« Sie zuckt die Achsel und schweigt, hängt sich in den gebotenen Arm, läßt sich an den Spieltisch führen. Empörung im Herzen, verletzte Frauenliebe, verletzte Eitelkeit. Blinder Haß, der ihn gedemütigt sehen, und heimliche Reue, die am liebsten in der letzten Sekunde noch alles rückgängig machen möchte. So steht's in dieser Stunde um die kleine Mary. Die Vorgänge der nächsten entscheidenden Minuten werden zu einem Nebel, aus dem wie Inseln einzelne Bilder ragen. –

Ganz leise Geigen, eine Uhr, die Mitternacht schlägt, ein Dampfer, der unten im Hafen mit seiner Sirene heult, Menschen, die hinter ihnen eifrig tuscheln, zwei Saaldiener, die sich tief verbeugen . . .

Erster Coup. »Faites vot' jeu!« sagt der Croupier und sieht, wie eigentlich alles ringsum, auf den Kapitän Cradock . . . der Heldenbariton, der eben sechshundert Pfund verloren hat, findet keine Aufmerksamkeit mehr. »Dreitausendvierhundert auf dreizehn«, sagte 115 Cradock . . . »Dreitausendvierhundert auf dreizehn«, wiederholt der Croupier und dreht.

Kugel tanzt, Kugel wird müde, prallt gegen die Nägel und schießt . . . dieses Mal mit der Unbeirrbarkeit eines Projektils . . . auf dreizehn.

Bleibt. Steht. Bewegung ringsum. »Dreizehn«, dienert höflich der Croupier. »Dreizehn«, tuschelt's im Raum ringsum. Fünfunddreißigmal dreitausendvierhundert. Nicht mehr auszudenken. Der Croupier bedauert, nicht gleich zahlen zu können, wird aber sofort die Bank anweisen . . . »Madame?« sagt mit leichter Verbeugung und einiger Ironie in der Stimme der Cradock. »Und was weiter?« gibt sie ebenso blasiert zurück und möchte doch dabei so gerne heraus aus ihrer Bitterkeit. Möchte. Kann nicht. Muß ihn weiterhetzen, bis er das Genick bricht. Zweiter Coup . . .

Zunächst wird ein Scheck präsentiert. Zwei Pariser Journalisten hat man aus der Bar herbeigerufen, ein gerade anwesender Illustrator von »Harpers Magazin« skizziert die Szene . . . zwei junge Amerikanerinnen starren, 116 während der Scheck übergeben wird, den langen Cradock an mit einer Indiskretion, zu der nachgerade noch ein Fernrohr mit Stativ fehlt. »Hundertundneunzehntausend bleiben stehen«, sagt leise und freundlich der Cradock. »Hundertundneunzehntausend bleiben stehen«, notiert der Croupier. »Wahnsinn«, sagt hinten jemand. »Bei dem rappelt's wohl«, sagt der Kinderwagenfabrikant aus Zwickau. »Wird ohne einen Cent in der Tasche den Saal verlassen«, bedauert der Coldstreammajor. »Rien ne va plus«, sagt der Croupier. Da schwirrt wieder die Kugel.

Kugel schwirrt, tanzt um Ehre und Leben des langen Cradock, Kugel prallt an Hohlkehle und Prellnagel . . . man kann's nun nicht mehr ansehen . . . schließt die Augen . . .

Wenn man so die Augen geschlossen hält, möchte man wieder gut zu ihm sein und ihn um Verzeihung bitten. Wenn man aber die Augen öffnet, steht da so ein provozierend überlegenes männliches Ungetüm . . . eine Mannsherrlichkeit, die man erniedrigt und auf den Knien sehen möchte. Und dann endlich 117 hört man seine hochmütige Stimme, wie er, während um Leben und Ehre des Kapitän Cradock die Kugel schnurrt, nebenan den französischen General mit dem weißen Vercingetorix-Schnauzbart nach dem Schicksal des Polo-Ponys »Ponsonby« (von Bellorophon aus der Astarte) fragt. Da kocht ihr vor dieser betonten Sicherheit das Blut: man kann, wenn man ihn so sprechen hört, auf keinen Fall gut und zart mit ihm sein . . . man muß ihn demütigen und auf den Knien sehen. Wieder schließt sie die Augen. Da geschieht etwas Seltsames . . .

Ganz nahe, begleitet vom Surren und Prellen der Kugel, hört sie Geigenmusik . . . ein aufdringliches Fiedeln, das an den Nerven zerrt. Als sie die Augen öffnet, sieht sie dicht hinter dem Kapitän Cradock den Geiger von vorhin stehen.

Der Geiger ist ein armer Teufel mit Magenkrebs oder sonstigem Marasmus, hält sich am Ende noch mühselig, um seinen Leuten noch eine letzte Monatsgage zusammenzufiedeln, mit Morphium aufrecht. Fiedelt Rigoletto. Hat 118 ein Gesicht, das abgemagert ist wie das einer Mumie . . . grünliche Bartstoppeln beginnen die Haut zu durchbohren. »Cradock« sagt, tief erschrocken, die kleine Mary und faßt seine Hand. Der Cradock, auf das Gefiedel aufmerksam geworden, dreht sich um, sieht den Geiger, zuckt die Achseln, bläst ihm den Rauch seiner Zigarette ins Gesicht. Im selben Augenblick steht auf dem Rouletteteller die Kugel stille. »Null«, sagt freundlich der Croupier. »Pech«, sagt leise der Franzose mit dem weißen Vercingetorix-Bart. Verloren. –

Verloren, bis auf ein paar Pfund, alles. Rechte und linke Westentasche, Cradock- und Regierungskasse, Existenz und Ehre. »Fatum«, sagt der Pariser Doktor. »Hab's kommen sehen«, sagt der Major. »Mußte leider so kommen«, sagt der Franzose mit dem Gallierbart, geht seufzend einen Vermouth trinken. Im Saal zuerst das große Schweigen, das immer den großen Spielkatastrophen folgt. Dann erst halblaute Bemerkungen . . . bedauernd, mokant, schadenfroh. Und endlich, . . . noch ehe man überall weiß, was 119 eigentlich geschehen ist . . . der lange Cradock, der mit einer wortlosen Handbewegung den Croupier von seinem Stuhle herunternötigt, auf den Stuhl klettert und um Ruhe bittet.

Da also steht er. Ohne Spur von Erregung. Verbindlich lächelnd. Braucht nicht erst um Aufmerksamkeit zu bitten . . . der Saal ist still wie eine Kathedrale. Da fängt er denn an.

Tausendvierhundert Pfund habe er aus eigenen Mitteln verloren – auf die verzichte er selbstverständlich gerne. Die restlichen zweitausend Pfund aber (und nur hier hob er ein wenig die Stimme) . . . die restlichen zweitausend Pfund also könne er beim allerbesten Willen und bei jedwedem Verständnis für die Interessen der Bank nicht entbehren. Müsse die Bank bitten, die erwähnten zweitausend Pfund bis morgen früh um sieben Uhr an Bord seines Schiffes zurückzuerstatten . . . müsse sie bis spätestens sieben Uhr unbedingt haben, widrigenfalls . . .

Bei diesem Worte »widrigenfalls« scheint der lange Cradock plötzlich länger zu werden, 120 auf »widrigenfalls« kommen aus dem Kreise der Zuhörer die ersten Reaktionen . . .

»Aha«, sagt ein Hamburger Herr, setzt sich, um den Kapitän besser zu sehen, den Klemmer auf die Nase.

»Wollen wir doch erst mal sehen«, sagt der Kinderwagenfabrikant und schiebt drohend den Bauch vor.

»A moi«, sagt eine reif erblühte Pariser Dame und fällt in Ohnmacht.

Widrigenfalls er zu seinem tiefen Bedauern gezwungen sei, das Feuer seiner Artillerie morgen Punkt sieben Uhr auf das Kasino im besonderen und auf diesen paradiesischen Ort im allgemeinen zu richten, sagt freundlich und bestimmt der lange Cradock, verläßt seelenruhig seinen Rednerstuhl, geht mit wiegendem Seemannsschritt nach der Bar, öffnet die Tür. »Williams«, sagt, in der Tür stehend, der Kapitän. »Kannst jetzt die Leute kommen lassen«, sagt der Cradock und nickt freundlich und wendet sich wieder dem Saale zu. Die Lage hatte sich kompliziert in seiner Abwesenheit.

An jedem Spieltisch in Monte Carlo gibt es 121 einen verborgenen Glockenkontakt, er ist ein Überbleibsel aus jenen Zeiten, wo das inzwischen etwas provinziell gewordene Monte Carlo noch öfters seinen großen Tag – einen echten Verzweiflungsausbruch, eine Kollision mit den Croupiers, gar einen Selbstmord bei währendem Spiel mit Blitz und Knall und Gehirnspritzern auf Damenkleidern zu verzeichnen hatte. Diesen Kontakt, der Alarm läutet und den amtierenden Direktor herbeiruft, hatte bereits vor dem Worte »widrigenfalls« der Croupier en chef gehandhabt, die Glocke hatte den Direktor Samanon in der Lektüre des »Méridional« aufgestört: da war der Direktor, um nach dem Rechten zu sehen, sofort aufgebrochen mit drei Saaldienern. Der Cradock aber, der von der Bar auf das eigentliche Schlachtfeld zurückkehrte, sah sich drei schütteren alten Männchen in Uniform und einem stattlichen, fleischigen Herrn mit braunbierfarbenem Vollbart gegenüber. Lachte dem bärtigen Herrn ins Gesicht, schob die alten Männchen beiseite und stieg wieder auf seinen Stuhl. –

122 Daß er in diesem fröhlichen Herrn (und er weist auf den Direktor Samanon) den Vertreter der Bank vermuten dürfe, sagt der Cradock. Daß er ihm noch einmal seine außerordentlich bescheidenen Forderungen – zweitausend bis morgen früh um sieben Uhr – ans Herz lege und im übrigen auf das Elfzentimeter-Kaliber der »Persimon« verweisen müsse.

Daß er den Herrn Direktor freundlichst bitte, ihn jetzt nicht zu unterbrechen. Daß er jeden Widerstand für unzweckmäßig halte, daß er sich um ein zuvorkommendes, rücksichtsvolles Verhandeln bemühe, daß er aber für alle Fälle doch vorgesorgt habe . . . in diesem Augenblick betritt mit seinen Leuten der kleine Williams den Saal.

Die aber, die hinter dem Leutnant Williams hereinkommen, das sind keine schütteren Greise – herrliche Burschen aus allen europäischen Ländern sind es – Preisboxer und Ringkämpfer von Weltruf . . . Albanesen und levantinische Fischer und Inselgriechen und ein paar Neger sogar und sonst noch alles, was 123 seine Muskeln und sein Fell dem Staate Labrador verkauft hat für drei Lei am Tage. Solch herrliche Kolosse kommen zur Tür herein, hübsch manierlich und beinahe feierlich und jedenfalls ohne jede Rüpelei. Der Direktor Samanon versucht zu reden, kommt nicht zu Wort. Ein paar Damen bewahren beste Haltung und lachen, ein paar Herren bewahren weniger gute Haltung und retirieren durch die Glastür ins Freie. Der Herr aus Sachsen schreit durch den Saal, daß er sich beim deutschen Konsul beschweren werde.

Ruhig, verbindlich, höflich bleibt der Cradock. Daß er dringend bitte, nicht zu erschrecken, und daß keinem aus dieser erlesenen Gesellschaft auch nur das Allergeringste geschehen werde, sagt der Cradock. Daß andererseits im Falle des ja hoffentlich überflüssigen Bombardements doch immerhin mit einer möglichen Beschädigung der Hotels gerechnet werden müsse, daß der erste Zug diesen schönen Fleck Erde leider erst morgen früh um neun Uhr und dreiunddreißig Minuten verlasse, daß mithin die unterschiedlichen 124 Herrschaften nur eigene Interessen wahren würden, wenn sie, gegebenenfalls durch eine Deputation bei der Bank, seine außerordentlich bescheidenen Forderungen unterstützen wollten.

Das also sagt der Kapitän. Läßt die Flügeltür öffnen und sagt, daß es nun wohl das beste sei, wenn alle friedlich und ruhig den Saal verlassen und zu Hause sich noch besonders seine letzten Worte – Unterstützung seiner Forderung bei der Bank – recht genau überlegen wollten. Dann winkt er dem Leutnant Williams, und damit rücken die Leute – Hand in Hand wie bei einem Broadway-Krawall eine New-Yorker Polizistenkette – langsam auf die Saaltür zu. Alles vollzieht sich in bester Ordnung . . . hie und da lacht man sogar . . . ein paar junge Franzosen sprechen, an das heutige Datum erinnernd, sogar von einem Karnevalsscherz.

Alles wickelt sich ab, wie diese Cradocksche Rede gewesen ist: ruhig, sauber, ohne Flegelei. Draußen auf der Terrasse beginnen die Damen mit den Matrosen zu scherzen, und der 125 einzige, der protestiert und noch immer eine Rede zu halten versucht, ist der Direktor Samanon. »Tragt den Herrn hinaus«, sagt der Cradock. »Wir werden Sie hinaustragen«, sagen die Matrosen und nehmen (ganz behutsam und beinahe vorsorglich) den Direktor Samanon auf den Arm und tragen ihn in sein Büro zurück. Die Saaldiener gehen voran und zeigen den Weg. Der Saal ist leer, die Terrasse draußen ist leer: keine zehn Minuten sind vergangen seit dem letzten Spiel. –

Alles, was geschehen ist, hat sie von der Bank unter den Palmen mitangesehen. Die Empörung, die Bitterkeit . . . alles das ist nun nicht mehr da. Da steht Cradock plötzlich vor ihr.

»Sind Sie zufrieden, Madame?« fragt der Cradock.

Sie schweigt.

»Belieben Sie zu antworten?« fragt der Cradock.

Da steht sie auf. »Augen zu!« kommandiert sie. »Sind zu«, sagt der Cradock. »Auf Ehre?« fragt sie. »Habe keine mehr«, brummt der 126 Cradock. Da nimmt sie die Maske ab und küßt ihn.

Eigentlich genau so wie vor zehn Jahren. So mit der ganzen mädchenhaften Inbrunst der kleinen Mary von damals, und wenn es nicht so ein vergeßliches und undankbares Mannsbild wäre: er müßte sie nun eigentlich an diesen Mädchenküssen erkennen. Jawohl, an diesen für ihn, den alten Sünder aufgesparten Mädchenküssen.

Er erkennt sie nicht. Ein alter Sünder ist er. Ein schlimmer Abenteurer ohne Gedächtnis.

Die Tür ist aufgeblieben.

»Wo gehen wir hin?« fragt der lange Cradock, und er denkt, daß er in diesem Lande ja nun wohl geächtet und verbannt ist aus der Gemeinschaft der Menschen.

»Müssen ja nicht wissen, wohin«, sagt die kleine Mary und denkt an die alte Märchenweisheit, daß man die ganz großen Wunder immer nur entdeckt, wenn man nicht weiß, wohin man geht.

So also gehen sie denn hinaus. Eng 127 aneinandergeschmiegt und völlig losgelöst von allen Wirrnissen.

Es gibt, wenn man den häßlichen Ort erst hinter sich hat und nach der Corniche zu geht, verschwiegene Wege in Monte Carlo.

Von dieser Nacht aber kann ich bezeugen, daß sie die erste sanfte und ganz gelinde Frühlingsnacht jenes Jahres war. Voll verbuhlter Süßigkeit und behangen mit ganz großen frühlingshellen Sternen.

Der rötliche Arkturus brannte und Spika mit dem blauen Feuer . . . der böse Aldebaran und Vega, von der man sagt, daß sie ein mildes Auge wirft auf heimatlose Liebespaare. 128

 


 


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