Fritz Reck-Malleczewen
Bomben auf Monte Carlo
Fritz Reck-Malleczewen

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II.

Was aber den Kapitän Cradock angeht, so war er, wie schon berichtet, sofort auf dieses ärmliche Konsulat gegangen, hatte dort sein Geld zur Wiederauffüllung der leeren Kohlenbunker und der leeren Schiffskasse behoben, hatte in der verräucherten Office das Bild seiner Herrin gesehen, hatte nichts . . . aber auch gar nichts über den mysteriösen Grund dieser mysteriösen Order erfahren und war wieder gegangen.

Im Kasino, wohin er ganz automatisch sich begeben hatte, war es offensichtlich noch zu früh: müßige Saaldiener rekelten sich herum in ihren olivgrünen Uniformen . . . ein schlanker älterer Herr in etwas abgeschabtem Dreß überzählte in einem Winkel mit sorgenvollem Gesicht seine Barschaft . . . in einem der Säle handhabten gähnende Croupiers vor dicken Pfahlbürgern aus dem Limousin zum 43 Einsatz von drei Gulden die Roulette. Das Ganze machte den gespenstischen und übernächtigen Eindruck eines Nachtcafés, das man zu früh betritt – der Kapitän Cradock ging wieder.

Er ging die Rue de la Paix entlang. Nun, nach dem Verebben des offiziellen Faschingszuges und in der hereinbrechenden Dämmerung war es ganz und gar der Karneval der kleinen Leute geworden: Arbeiter aus den Marmorbrüchen und den Ölpressen waren erschienen . . . Fischer und ältliche Kokotten, Marseiller Spießer und italienische Schiffsjungen mit wiegenden Hüften und unheiligen Lastern in den übergroßen Samtaugen . . . wieder angetrunkene Matrosen, und vor allem in ihren zerlumpten Uniformen die entlassenen Negersoldaten des französischen Heeres: hellhäutige Marokkaner und Madagassen und massige Senegalesen mit blinkendem Raubtiergebiß im Fleischtrichter der Wulstlippen und den tieftraurigen Augen gefangener Affen. Dieser johlende, kichernde, singende Zug also trieb durch die Rue de la Paix, wo 44 rechts und links in blinkenden Vitrinen Kleider von Poiret und Handschuhe von Roguin & ses fils und Geschmeide und Seidenfetzen und Schminkbüchsen und verliebte Niedlichkeiten für den Gebrauch von New-Yorker Shopkeeper-Töchtern ausgestellt waren. Dort aber, wo die Firma Lebas die schwarze Samtfläche ihrer Auslagen mit nichts als einem einzigen, ganz erlesenen Perlenkollier bedacht hatte: dort begann dann das, was in den nächsten vierundzwanzig Stunden die Menschen dieser Geschichte in einem ziemlich tollen Wirbel durcheinanderhetzen sollte . . .

Was dort lag, war wirklich nichts anderes als ein einziger Schmuck. Müde Farben spielten über das livide Weiß der Perlen, küßten und umwarben einander, bis es, schmächtiger werdend, wie Frauentränen sich verlor in den schwarzen Samtfalten. Ein Preis war wohlweislich nicht angegeben, ein Zettel verkündete, daß das Kollier aus dem Besitz der kaiserlich russischen Familie stamme, daß es von den Bolschewiken ausgeboten und in Paris von Lebas ersteigert sei: der Kapitän Cradock aber 45 wurde, als er diesen Zettel las, aufgeschreckt von einem heftigen trockenen Frauenhusten. Als er dann aufsah, stand neben ihm in schwarzem Domino und schwarzer Maske ein weibliches Wesen, das, ohne weitere Notiz von ihm zu nehmen, gleich ihm den Schmuck besah.

Bei jedem Manne aber gibt es Erinnerungen an allererste Liebesabenteuer, die oft nach Jahrzehnten erst an unsere Tür pochen und dann meist um so gröberen Unfug anrichten in unserem Leben. Als Midshipman hatte vor siebzehn Jahren der lange Cradock in Port Said sich in ein kleines Arabermädchen namens Kaina verliebt. Geschichten, die in Port Said spielen, sind immer mehr oder minder unpassend, und ich will von dieser nicht mehr erzählen, als daß sie begonnen und geendet hatte, wie solch exotische Liebschaften immer enden. Daß das Schiff eines Tages weitergefahren und daß eines Tages alles zu Ende gewesen war. Das aber, was nun hier vor dem Schaufenster von Lebas den Kapitän Cradock befiel, das war eben die rein bildmäßige 46 Erinnerung an jenes Arabermädchen Kaina. Derselbe überschlanke, fast knabenhafte Wuchs. Dieselben Bewegungen und vor allem derselbe adlige, blütenstengelzarte und kühne Nacken. Und das, was in diesem Augenblicke jäh hervorbrechender Jugenderinnerungen ihm durch den Kopf schoß, das war der Gedanke, daß zu diesem adligen Nacken unter allen Umständen dieses Kollier gehöre. Im gleichen Augenblick aber, als er es gedacht hatte, da hatte der Domino sich abgewandt. Da er aber ein ihm geltendes Lächeln bemerkt zu haben glaubte, so hielt er sich für berechtigt, in gemessenem Abstande zu folgen. Durch das Faschingsgejohle des Boulevard du cinquième avril zur Place du commerce, und von dort weiter bis über das Institut für Meeresforschung hinaus. Bis er sie dann überraschenderweise verschwinden sah in jenem Stadtteil, der von der einheimischen Fischerbevölkerung »Marina« genannt wird.

Es gibt dort hinten so ein Ur-Monte Carlo, das im Bädecker nicht besonders verzeichnet ist, und das die Bewohner der großen Hotels kaum zu sehen bekommen. Ein paar Gassen, 47 eng wie Flintenrohre und steil wie Hühnerstiegen . . . alles aus der Zeit, wo es noch keine Hotels und kein Kasino und keine Rouletteeinnahmen hier gab und das fürstliche Haus von Monaco sich noch nicht für Tiefseeforschungen, sondern für den ehedem hier blühenden Fisch- und Ölhandel interessierte. Zu bemerken ist, daß es in diesen Gassen durchaus nicht nach den Parfümen von Houbigant riecht, und daß ihre Bewohnerinnen sich nicht von Poiret kleiden lassen und ihren Schmuck auch nicht bei Lebas & ses fils beziehen. Ich glaube nicht einmal, daß es vereinbar mit den Geboten der Schicklichkeit wäre, nach dem jetzigen Zwecke der hier stehenden, in rosa, bleu, picasso- und pfefferminzschnapsgrün gemalten Häuser zu fragen. Ich glaube auch nicht, daß eine distinguierte Dame guttut, just diesen Ortsteil für ihre Abendpromenade zu wählen, weiß aber andererseits, daß distinguierte Damen oft recht seltsame Launen haben, und daß diese ganze tolle Geschichte nun einmal, auf solch seltsame Einfälle gestellt ist: genug, es war dieser ungehörige Ortsteil, 48 in den der Kapitän Cradock jenen Domino verschwinden sah . . .

Er war nun doch etwas überrascht. Er hatte sie vorhin vor dem Schaufenster wohl beobachtet. Da zwischen Maske und schwarzer Kappe ein rotblonder Schopf hervorgelugt hatte, so war sie keine jener kleinen Negressen, die jetzt, nach dem Kriege, von Marseille aus die Mittelmeerstädte überschwemmten. Da sie beim Gang durch das Karnevalsgejohle immerhin die Bewegungen und die Haltung der Dame gezeigt hatte, so war sie erst recht keine Bewohnerin jener rosenfarben und pfefferminzschnapsgrün gestrichenen Häuser. Und da sie nicht in diesen verrufenen Stadtteil gehörte, so hatte sie sich eben verirrt, und da sie sich verirrt hatte, so war es ein simples Gebot der Ritterlichkeit, sie gut im Auge zu behalten: der Kapitän Cradock hatte somit doppelt ernsthafte Gründe, dem Domino in den Stadtteil Marina zu folgen.

Hier, in diesem Fuchsbau, hatte er sie zunächst aus den Augen verloren. Die Gasse, eng wie eine Dachsröhre, wand sich in steiler 49 Krümmung bergan – die Häuser, finster wie Burgen, ließen oben nur ein karges Streifchen Himmel frei. Es roch, wie es immer riecht in alten Mittelmeersiedlungen – nach Katzen, nach Gorgonzola, nach Baldrian, nach gotischem Unrat. Am Eingange dieses Schlauches wurde aus einer Osteria mit Fußtritten und frommen Segenswünschen ein Betrunkener auf den Kehricht geworfen, mit monotonem Weinen saß auf einer Schwelle ein zerlumptes Kind, ein Fuhrmann prügelte mit eisenbeschlagenem Stock seinen Maultierkarren die steile Gasse hinan. Oben, wo der Lärm einer Kneipe zu hören war und eine alte Öllaterne quer über die Straße hing, sah er sie, wie sie stand und mit aller Ratlosigkeit den Weg zu suchen schien. Dann war sie wieder verschwunden. Als er, ziemlich atemlos, oben angekommen war, stellte er fest, daß die Straße als finsterer Sack vor einem zerbröckelnden, lichtlosen Palazzo endete, und daß sie in eine Seitengasse abgebogen sein mußte. Und so, als er sich nach rechts wandte, wo aus der Kneipe die blutrünstigen Septimakkorde eines 50 elektrischen Klaviers zu hören waren: so fand er sie endlich. Dicht vor der Kneipe stand sie. Nicht allein, sondern mit irgendeinem männlichen Wesen. Dem männlichen Wesen aber war eine seidene Dame aus der Oberwelt der großen Hotels gerade recht gekommen. Das männliche Wesen hatte den Domino am Arm gefaßt. Das männliche Wesen erwies sich als ein Farbiger in zerrissenem französischem Waffenrock: es war Zeit, daß die Division Cradock das Schlachtfeld erreichte . . .

Die Präliminarien zwischen beiden Parteien aber, sie waren knapp und erinnerten nur wenig an die Formen der europäischen Diplomatie. »Let her go, nigger!« sagte der lange Cradock, und »shut up!« brüllte die Gegenpartei und streifte sich schon die Ärmel hoch. »Shut up!« aber heißt bekanntlich »Halt's Maul!« und ließ im vorliegenden Falle durchaus darauf schließen, daß die Gegenpartei nicht gewillt war, gutwillig ihre Frauenbeute herauszugeben. Da lagen sie sich im nächsten Augenblick denn auch schon in den Haaren.

Boxen ist an sich eine wunderschöne Kunst 51 – Voraussetzung ist eben nur (weil man sonst furchtbare Prügel bekommt), daß auch der Gegner boxen kann und zu boxen gewillt ist. Der Kapitän Cradock war kein Dilettant in solch schweren Raufereien und wußte, daß man sich in diesem Falle nicht auf legitime Kampfmittel versteifen durfte. Er wählte somit eine Technik, mit der er einmal in Saigon einen amerikanischen Klipperkapitän seinen schwer betrunkenen »Ersten« hatte erledigen sehen: hebe den Gegner hoch, mein Junge, dreh' ihn um und laß ihn fallen und laß für alles weitere die Pflastersteine sorgen.

Er hatte Untergriff. Als er den anderen hoch hob, sah er unter der Hundestirn zwei traurige Tieraugen, und in diesem Augenblick tat dem Cradock das schwarze Tier eigentlich leid. Dann, als er ihn so hielt, begann das Tier zu grölen, und er sah ein breites, höchst ordinäres Marseiller Matrosenmesser über sich gezückt. Da drehte Cradock das schwarze Tier nach unten und ließ es fallen. Es gab einen dumpfen Laut, und da rührte sich das Tier bis auf weiteres nicht mehr.

52 Hart sind die Schädel der Senegalleute, und zerbrechlich im Vergleich zu diesen Schädeln die Trottoirplatten der europäischen Städte. »Lassen Sie den Unsinn!« schrie der Cradock den Domino an, der sich karitativ mit dem Nigger zu beschäftigen gedachte. Dann machten sie, daß sie herauskamen aus der Rue Solferino, in der länger zu verweilen nicht sehr ratsam war. Ziemlich schnell vollzog sich dieser Rückzug. Vorüber an Dirnen, an Krüppeln mit sagenhaft verunstalteten Fratzen . . . vorbei an dem Fuhrmann, der seine Mula nun endlich auf den Gipfel der Gasse geprügelt hatte, und vorüber an dem Betrunkenen, der nun ganz zufrieden auf dem Kehricht saß und von dort aus ein fröhliches, aber männlich-starkes und nicht unter allen Umständen für die Ohren seidener Dominos bestimmtes Lied in die Frühlingsnacht hinaussandte. Und dann, etwas echauffiert und zwischen guter und schlechter Laune, standen sie wieder auf der Rue du commerce.

»Promenieren Sie immer in solchen Straßen?« knurrte böse der Cradock. »Immer, 53 wenn der Kapitän Cradock mein Begleiter ist«, wollte sie eigentlich sagen und ließ es dann doch lieber bleiben und sagte dann nur, daß sie auf dem kürzesten Wege ins Hotel zurückgewollt und sich schmählich verlaufen habe. Da nahm der Cradock, während sie schon die Rue du cinquième avril hinabgingen, ihren Arm und begann, ihr eine scharfe Predigt zu halten.

Daß sich in Kairo dicht beim Fischmarkt eine ganz ähnliche Geschichte ereignet habe mit der Gattin des französischen Konsuls, und erst nach Wochen sei Madame Lagrange aufgetaucht in Alexandria. An einem wenig repräsentablen Orte, in einem wenig repräsentablen Zustand und mit einem wohltätigen Gedächtnisverlust für alles, was sich inzwischen ereignet hatte mit Madame. Daß diese alten Teile der Mittelmeerstädte schlimme Menschenfallen seien, und daß gar ein Senegalneger wie der Oger aus dem Märchen kleine schwarzseidene Dominos mit Haut und Haaren verspeise. So schwadronierte er im üblichen Überseejargon und war ihr dabei, 54 ohne daß sie dabei einen nennenswerten Widerstand leistete, nähergerückt und holte sich dann (das war schon unter den dunklen Arkaden kurz vor dem Café Flamingo) seinen Retterlohn.

Indem er sie nämlich ohne alles Federlesen auf den Nacken küßte.

Zwei- oder dreimal. Was er übrigens für sein gutes Recht hielt, und was sie sich selbst gefallen ließ mit einem etwas verlegenen Lächeln.

Dann, an der Ecke der Rue de la Paix, wo in der Auslage des Hauses Lebas auf schwarzem Samt der Schmuck des Hauses Romanow leuchtete, fragte er sie, wo und wann sie sich im Kasino treffen würden . . .

Daß er heute noch im Kasino spielen würde, war für ihn, da er nun einmal hier war, eine Selbstverständlichkeit, und ebenso selbstverständlich erschien es ihm, daß für den Rest dieses Abends dieser Domino ihm gehörte. Da sagte denn der seidene Domino, daß sie ihn um neun Uhr abends im Palmensaal des Kasinos erwarte, und dann trennten sie sich, und 55 der Cradock sah ihr nach, wie sie ihren Nacken durch das Gewühl der Rue de la Paix trug. Einen königlichen Nacken . . . blütenstengelzart und kühn und anmutig zugleich . . . eine Herrlichkeit unter den Nacken der Shopkeepertöchter von New York und Chicago: es war selbstverständlich, daß auf diesen Nacken und nur auf diesen die Perlen des Hauses Lebas gehörten. Da beeilte er sich denn, noch zur rechten Zeit zu kommen . . .

Bei Lebas freilich wollten sie schon schließen – man war schon im Aufbruch und wurde erst höflich, als der verspätete Käufer nach dem Perlenkollier in der Auslage fragte. Der Cradock ließ die Perlen, die einmal einer Kaiserin gehört hatten, ziemlich nachlässig durch die Hand gleiten und befahl dann, ohne nach dem Preise zu fragen, daß man ihm den Schmuck um neun Uhr abends in den Palmensaal des Kasinos schicken solle, wo auch der Betrag zu erheben sei. Der spitzbärtige Verkäufer, zusammenklappend wie ein Rasiermesser, wollte etwas sagen, wurde aber dahin beschieden, daß der Schmuck fest gekauft sei, 56 und daß er, der Kapitän Cradock, pünktlichste Ausführung seines Auftrages erwarte und es im übrigen sehr eilig habe. Dann ging er.

Eine halbe Stunde später, als er in seiner Kabine vor dem Spiegel seine Krawatte knüpfte, fiel es ihm wohl ein, daß er ja keine Ahnung von dem Preise habe. Gleich darauf dachte er schon an ganz andere Dinge: seit wann fragte denn auch ein Kavalier nach dem Preise, wenn er eine schöne Frau beschenken konnte, und wozu gab es für einen alten Hasardeur, wenn er wirklich Geld brauchen sollte, Rouletten in Monte Carlo?

An die Preisfrage, wie gesagt, dachte er nicht mehr und beendete, die Rigolettoarie pfeifend, seine Toilette und konstatierte befriedigt, daß die Taille noch mehr als tadellos war, und daß sich auch noch kein graues Haar finden ließ an den Schläfen. Durch das Kabinenfenster schienen aber nun schon längst wie schöne helle Diademe die Lichter des Kasinos, und das »Ascenseur« der Liftboys beim Elevator am Bahnhof kam durch die laue Nacht.

57 Auf der zweiten Silbe betont . . . ascénseur . . . kapriziös und lockend. Und der Cradock trieb die Bootsgäste zu rascherer Fahrt an, als er sich übersetzen ließ nach Monte Carlo. 58

 


 


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