Wilhelm Raabe
Wunnigel
Wilhelm Raabe

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Fünftes Kapitel

Das Haus zum Riedhorn ist eigentlich durchaus nicht mehr für das Übernachten oder gar den längeren Aufenthalt von Reisenden mit Ansprüchen auf modernen Komfort eingerichtet. Früher freilich war die an ihm vorbeiführende Landstraße belebt genug, und damals war's denn auch in dieser Hinsicht damit anders und besser bestellt. Aber das ist lange her. Die Landstraße wurde längst durch die Eisenbahn totgelegt. Das Riedhorn ist nur noch ein Dorfwirtshaus von stattlicherem Äußeren als gewöhnlich und der Hauptsache nach, wie schon gesagt, ein Vergnügungsort der nahe gelegenen Stadt und ihrer Anhängsel.

Wer bei dem Wirt Herrn Nolte einen längeren Aufenthalt nehmen will, der muß sich eben in die Dinge schicken; wer bei ihm krank wird und somit gezwungen, bei ihm liegen zu bleiben, gleichfalls; oder noch mehr.

Raum genug ist vorhanden; aber die Ausstattung der hohen und weiten Gemächer mit ihrem verwitternden, abbröckelnden, verblassenden Zierat an Wänden und Decken beschränkt sich selbstverständlich auf das Notdürftigste. Nur die wenigsten der hohen Fenster sind mit Vorhängen versehen, und Tisch, Bett und Bank stimmen nur selten zu dem Platze, an den sie im Gange der Zeiten und Verlauf der Dinge in dieser vergänglichen, wechselvollen Welt hingeschoben wurden. Es kann nicht jedes Haus es so gut haben und das Seinige so trefflich festhalten wie das Haus Weyland am Schloßberge! Das einzige Tröstliche nur ist auch hier, daß da das Fürstenschloß nicht das geringste vor der Hütte des Bettelmanns voraus hat. Wie ihre Bewohner, und wenn ihr wollt, Herren, sind sie dem allgemeinen Lose der Erscheinungen auf dieser Erde anheimgefallen, was für Festivitäten auch bei der Grundsteinlegung oder Taufe stattgefunden oder nicht stattgefunden haben mögen.

Der Herr Regierungsrat Wunnigel führte seinen Doktor in ein großes Zimmer, in welchem vielleicht Ihro Durchlaucht die Herzogin selber vordem häufig ihre Toilette in Ordnung gebracht, ihr Jagdhabit oder was anderes gewechselt hatte. Die Spuren davon waren noch an den Wänden zu sehen – in verblaßten Amoretten, Nymphen und Satyrn nämlich, welche sich gegenseitig Spiegel vorhielten oder sonst einander beim An- und Auskleiden behilflich waren. Auch die Stukkatur unter der Decke schien auf den früheren Zweck des Gemaches hinzudeuten; sie stellte eine in der Muschel sich kämmende Venus vor, ohne weiter anzugeben, ob Anadyomene wirklich mit einem Kamme in der Hand aus dem Meerschaum entstanden sei oder ob sie denselbigen vielleicht in der Muschel »parat gelegt« gefunden habe.

In die eine Ecke dieses einstigen Prachtgemaches war heute ein sehr einfaches ländliches Bett gerückt; und der Tisch und die Stühle von rot angestrichenem Tannenholz paßten ganz zu den blau-und-weiß-gestreiften Kissen und Decken des Bettes. Nur ein sehr künstlich geschnitzter alter Riesenschrank führte in dem dem Bette entgegengesetzten Winkel eine Existenz für sich allein in der schlechten Gegenwart, stand unbedingt mit den Liebesgöttern und Nymphen in den Blumeneinrahmungen der Wände auf gutem Fuße und hatte sicherlich noch Ihro Durchlaucht, die Prinzessinnen derselben sowie die Oberhofmeisterin und die übrigen Damen der Begleitung persönlich gekannt. Auch des Schrankes Inhalt stimmte mit der guten alten Zeit; denn in ihm hatte der Regierungsrat außer Dienst zusammengehäuft, was ihn einzig und allein nach dem Riedhorn gelockt hatte, – doch davon später; die schlechte, schäbige Gegenwart verlangt eben auch ihr Recht, und zwar aufs dringendste. –

Der Papa Wunnigel führte den Doktor Weyland an das Bett mit den groben, bäuerlichen Kissen und Decken und stellte seine Tochter dem jungen Manne vor.

»Da liegt das arme Ding. Na, Anselma, das ist der Doktor! Habe ihn bereits als einen netten, angenehmen Herrn kennengelernt und hoffe, daß er dich im Handumdrehen wieder auf den Beinen haben wird. Tu mir jetzt aber auch den Gefallen, Mädchen, und tu das Deinige dazu. Du weißt, daß ich lange schon hier abgegraset habe.«

Das letzte Wort war von einem Seufzer und einem Blick auf den Rokokoschrank begleitet. –

Mit einer Verbeugung trat der junge Arzt an das Lager der Kranken, und die junge Dame richtete sich auch ein wenig auf, um sodann die Decke desto fester um sich her zusammenzuziehen.

»Mein Fräulein –«

Der junge Doktor brach ab, ehe er angefangen hatte.

»Es ist so sehr freundlich von Ihnen«, sagte das Fräulein kaum vernehmbar; und von diesem Augenblicke durfte der Mann mit dem Flausrock und den Nagelstiefeln, dieser Mensch des kräftigen und nicht zu süßen Getränkes, dieser schnöde Usurpator angestammter Stammgastplätze und Sofaecken, kurz der Herr Regierungsrat Wunnigel so grob und unverschämt sein, wie es ihm beliebte: für den Doktor Heinrich Weyland blieb er ein Mann, auf den man »jedenfalls seiner unleugbaren bedeutenden Kenntnisse und sonst hervorstechenden Eigenschaften wegen immer einige Rücksicht nehmen konnte«, nämlich – seiner Tochter wegen.

»Seiner Tochter wegen!« Es ist ein ganz eigentümliches Etwas, das schon für manchen Erdensohn in diesen drei Worten gelegen hat.

»Seiner Tochter wegen!« Manchmal heißt es auch: »Ihrer Tochter wegen!« Die Tochter hat eine Mutter – und noch dazu eine Mama, und dann ist das besagte Etwas noch viel eigentümlicher und schlägt häufig seine Wurzeln noch tiefer hinunter in das, was man in dieser Welt des Handels und des Gewerbes dann und wann mit in den Kauf zu nehmen hat.

Ein Dritter hätte wahrscheinlich durchaus nichts Außergewöhnliches aus diesem jungen Damengesicht auf den Kissen des Riedhorns herausgelesen; aber es war ein Glück, daß niemand den Doktor Weyland je aufforderte, seine Frau in der Situation zu beschreiben, in der sie ihm zuerst erschien.

Allerliebst in Begleitung eines ziemlich heftigen Fiebers sah sie aus; und damit gehen wir an die äußerste Grenze unserer eigenen Schilderung und Beschreibung und wenden uns sofort wieder zu dem Papa.

»Na, was sagen Sie zu den Zu- und Umständen des Gänschens, Doktor?« fragte der Gute, nachdem der junge, medizinisch auf verschiedenen Universitäten gebildete Mann die gewöhnliche Zeit hindurch die Hand des jungen Fräuleins in der seinigen gehalten und ihr den Puls gefühlt hatte.

»Mein liebes Fräulein«, sprach der Doktor, ich möchte Sie jedenfalls dringend bitten, wenigstens noch einige Tage lang das Bett zu hüten. Sie, Herr Regierungsrat, ersuche ich, augenblicklich nicht in diesem Zimmer zu rauchen. Was die Lektüre anbetrifft, so glaube ich – daß dieselbe auf ein möglichst geringes Maß zu beschränken sei. Vorlesen möchte ich ganz untersagen. Übrigens werde ich unten im Hause etwas aufschreiben und, wenn die Herrschaften erlauben, das Rezept selbst mit nach der Stadt nehmen.«

»Und wann glauben Sie, Doktor, daß wir reisen können?« fragte Wunnigel.

Nach einigem Zögern erwiderte der junge Arzt: »Möglicherweise in vierzehn Tagen.«

Die junge Dame im Bett legte müde die Wange auf den linken Arm; der Papa Wunnigel stand auf, ging zu dem großen Schranke, beroch ihn zärtlich (wir wissen keinen anderen Ausdruck), öffnete ihn, sah hinein – sah tiefer hinein und seufzte auch wahrscheinlich hinein. Dann zog er den Kopf wieder heraus, schloß die Tür, kam zurück zu seinem Platz, setzte sich mit einem grimmigen Stöhnen und sagte:

»Echt! – – Denken Sie, Doktor, einen ganz gleichen kaufte ich im vorigen Jahre, und zwar in einer undenklichen Verwahrlosung. Nämlich er diente auf einem Bauernhofe als Hühnerstall; dicht am Misthaufen fand ich ihn, und Sie können sich also vorstellen, Doktor, wie er aussah, zugerichtet war und roch. Also vierzehn Tage! – Vierzehn Tage?! Anselma, im Grunde kannst du das nicht gegen deinen alten Vater verantworten.«

Da kam zum ersten Male auch die Stimme des jungen Mädchens deutlicher aus den Kissen hervor.

»O Papa, es tut mir auch so leid, so sehr leid. Ich kann es dir gar nicht sagen, wie leid es mir tut, daß ich dich hier aufhalte und so lange noch aufhalten muß. Aber vielleicht ist der Herr Doktor so gut –«

»Und entläßt dich früher aus den Federn? Keine Idee! Sieh dir das Gesicht an, welches dieser junge Äskulapius zieht. Ich habe die Doktorengesichter am Bette deiner seligen Mama kennengelernt, Anselmachen. Nämlich sie starb an der Schwindsucht, Doktor, oder vielmehr siechte so ein zehn Jahre daran hin, bis wir sie leider verloren.«

Das kranke Fräulein im Bett legte wiederum den Arm über die Augen; der Doktor Heinrich Weyland war noch an keinem Krankenlager der zärtlichen Verwandtschaft gegenüber so ratlos gewesen wie hier bei der neuen Praxis im Riedhorn.

Die zärtliche Verwandtschaft, in diesem gegebenen Falle bestehend aus dem Herrn Regierungsrat a. D. Wunnigel, enthob ihn aber wenigstens einmal noch der Mühe, selber das Wort zu ergreifen und die Situation dadurch ins Behaglichere herüberzuziehen.

»Wir geben Ihnen wohl einigen Grund zur Verwunderung, Doktor?« sagte Wunnigel. »Ich für mein Teil bin ein Mann, der überall gern frei Feld vor und um sich hat; und da wir also jedenfalls noch vierzehn Tage lang aufeinander angewiesen sind, ich, Sie und mein närrisches Ding da zwischen den Kissen, so stehe ich nicht an, mich Ihnen sofort persönlich näherzurücken. Sonderbares Volk das! werden Sie sagen, haben Sie vielleicht bereits gesagt und die andere Frage dann dazu gesellt: wie schneien mir die Leute in diese Dorfwirtschaft? Meine guten Freunde, die verehrten Herren aus der Stadt drunten in der Wirtsstube, haben sich ebenfalls darüber den Kopf zerbrochen, bis sie es herausgehabt haben. Würden Sie wohl die Güte haben, Doktor, einen Augenblick mit mir in den Schrank da zu gucken?«

Selbstverständlich hatte der Doktor die Güte, und zwar mit sehr gerechtfertigter Spannung.

Der Regierungsrat öffnete von neuem beide Klappen des riesigen Rokokobehälters, und mit ihm steckte diesmal Herr Heinrich Weyland den Kopf hinein.

»Sehen Sie«, rief Wunnigel stolz, »ich habe eine Nase für dergleichen! Wo ein Aas ist, versammeln sich die Adler; wo irgendein Monplaisir, Belvedere, Sanssouci, eine Solitude, Eremitage oder derartiges verfällt, da komme ich und frage nach, was die Bauern gestohlen oder sonst billig an sich gebracht haben. Ich sage Ihnen, in soliden alten Familien, auch auf dem Lande, erhält sich mancherlei, wenn nicht nachgefragt und kein Preis dafür geboten wird. Was sagen Sie zu diesem Haufen von Ruderibus, den ich aus den einfachen arkadischen Hütten rund um dieses fürstliche Haus zum Riedhorn zusammengeschleppt habe? Sehen Sie dieses Türschloß! Bitte, betrachten Sie dieses Pulverhorn! Französisch – 1667 – Vive le Roy et ses chasseurs! – Was sagen Sie zu diesem Krug:

Verzeiht dem Adam, ihr verächter,
Daß Even er gefolget hat.
Denn was er für die mutter that,
Das thun wir täglich für die Töchter.

He, Doktor?! Und der Hirsch, der dieses Geweihe trug, wurde am 10. Octobris 1705 von Durchlaucht Emanuel Karl erleget, wie Sie hier auf der Metallplatte lesen können. Dieser Türgriff verschloß in seiner Jugend auch nicht den Schweinestall, von dem ich ihn in seinem Alter neulich abgenommen habe. – Augsburger Kunstgewerbe unstreitig! Und kann heute noch jeden Salon zieren und jeden modernen Schimpansen zur gnädigen Frau 'rein lassen. Sie haben genug; schließen wir die Klappe; der Schrank selber ist nicht mein Eigentum, er war mir diesmal zu schwer und leider nicht transportabel genug; aber Sie sehen, ich bin nicht umsonst, und zwar von München aus, auf das Riedhorn aufmerksam gemacht worden. Wunnigel ist mein Name, bei der Regierung zu Königsberg war ich angestellt, das Mädchen dort im Bett ist mein einziges Kind (wüßte beiläufig gesagt auch nicht, was ich mit mehreren anfangen sollte!), ihr Name ist Anselma, wie Sie bereits bemerkt haben werden. Vor einigen Jahren ließ ich mich pensionieren, da mir – sagen wir, da mir meine Liebhabereien über den Kopf wuchsen. Daß ich Sie noch näher in meine Verhältnisse hineinblicken lasse, können Sie augenblicklich wohl noch nicht verlangen. Ich reise auf Antiquitäten jeglicher Art und gehe den verfallenen Schlössern nach. Noch nie ist mir ein Dorf zu lümmelhaft, zu stinkig und zu abgelegen gewesen, wenn ich daselbst irgendwelche Funde witterte. Das Kind da ist neunzehn Jahre alt, hat einiges von mir, doch mehr von seiner seligen Mutter, was ich als vormaliger Bräutigam, nachheriger Gatte und jetziger Witwer und zugleich Vater nicht tadeln will. Meine selige Frau hielt mich selbstverständlich zu einer mehr den gewöhnlichen Lebensanschauungen konformen Lebensweise an; wir reisen erst seit ihrem Tode. Das Kind konnte ich doch nicht sein ganzes Leben lang in der französischen Schweiz in der Pension belassen; ich nahm es also mit auf die Landstraße, und es befindet sich wohl dabei. Nicht wahr, Anselmchen? Ich sage Ihnen, Doktor, meiner Meinung nach geht gar nichts über eine Erziehung, die sich auf der Eisenbahn, dem Dampfschiff oder in der Postkutsche vollendet. Sprich du nun, Mädchen; bildest du dich nicht ganz wunderbar bei dem Leben, das wir jetzo führen? Bist du nicht einverstanden damit, he?«

Es kam ein mattes, müdes Stimmchen von dem bäuerlichen Lager her:

»Gewiß, Papa! Solange du zufrieden und glücklich bist!«

»Dies kann mich nun wirklich ärgern!« schnarrte der Regierungsrat, sich wieder an den Doktor Weyland wendend. »Ich glücklich? Ich zufrieden? Ich zufrieden und glücklich?! Nun höre einer den Kindskopf! Ich mit meinen Nerven glücklich und zufrieden? Dummes Zeug! Gesund, gut und gescheit zu sein, ist mein Streben, und dich glücklich zu machen, Kind, mein Gedanke bei Tag und Nacht. Langweile also mich und den Doktor nicht durch sentimentale Velleitäten und Redensarten, liege so still als möglich und schwitze, da ich unbedingt annehme, daß dir dieser junge, kühle Medikus drunten in der Honoratiorenstube ein Sudorificum, nichts als ein Sudorificum verschreiben wird. Geben Sie mir Ihren Arm, Doktor; steigen wir wieder hinab in des Hauses untere Regionen. Daß Sie meiner Vaterzärtlichkeit den langen Weg durch den unfreundlichen Herbstnachmittag verzeihen werden, nehme ich gleichfalls als sicher an. Sie haben jedenfalls ein mir sympathisches Gesicht; genießen wir also noch etwas Warmes miteinander. Ihre Mixtur schicken Sie mir dann wohl gütigst durch einen Boten heraus. Kommen Sie; werden wir vertrauter miteinander; vielleicht verlohnt sich das von beiden Seiten der Mühe, wenn Sie sich so ausdrücken wollen.«

Herr Heinrich Weyland trat noch einmal an das Bett mit den blaugestreiften Kissen und Decken und sagte leise:

»Ich werde jedenfalls bald wieder nachsehen, mein Fräulein, und bitte, sich nicht zu ängstigen.«

Es schlich sich ein heißes Händchen schämig unter dem Deckbett hervor, und der Doktor nahm das Händchen nochmals am Gelenk und fühlte nochmals nach dem Puls seiner neuen Patientin.

Die junge Dame lächelte, und es war ein braves, tapferes Lächeln, wenn auch von einem Seufzer begleitet.

Sie tat Herrn Heinrich Weyland leid; und er merkte sich ihren Namen: Anselma Wunnigel hieß sie. Aber der Papa Wunnigel wurde bereits ungeduldig an der Tür, und so folgte ihm der Doktor wieder hinab in die Honoratiorenstube.

Hier fanden sie den Tabaksrauch verstärkt vor und die Gesellschaft infolge der Ankunft einiger neuen Gäste vermehrt. Den Platz in der Sofaecke, sowie die Stühle um den runden Tisch fanden sie nicht mehr leer. Sowie der Regierungsrat den Rücken gewendet hatte, hatte ein jeglicher der Stammgäste seine Tasse oder sein Glas genommen und, in der anderen Hand die Pfeife oder Zigarre, von seinem Platz wieder Besitz ergriffen.

»Das wußte ich wohl!« sprach der gute Wunnigel, »da weiß ich Bescheid! Aber dort am Fenster sind zwei Stühle frei geworden.«


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