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Fünftes Buch.
Circeon

 

Sie legte zuerst die Hände auf sein
Herz: es blutete. Sie stellte dann die
Füße auf sein Herz: es schrie. Schließlich
berührte sie den Kopf, und die
Bari fiel. Da verschwand er aus ihren
despotischen Augen; als er ging, ließ
er die Wüste im Herzen der Lästererin.
Voll Angst siechte ihr Herz dahin
und schlug nur noch, um den
Tod zu rufen – der nicht kam.

 

Die Liebkosung der Riazan

Das Manuskript des Rabbi

Der Schwur des Templers

Schweigen der Nacht

Aufforderung zur Heirat

Der Kasten aus Sandelholz

Das Modell

Das letzte Körper an Körper

 

 

1.
Die Liebkosung der Riazan

Die Prinzessin dachte ganz richtig, wenn sie glaubte, die Entwicklung der Sinnlichkeit sei bei einem Enthaltsamen das sichere Mittel, ihn durch die Gewohnheit des Liebesgenusses an sich zu fesseln; und diese Berechnung aller Frauen war Nebo gegenüber noch viel richtiger. Bei dieser List setzte sie die Vornehmheit der Wollüste aufs Spiel; sie sah nicht voraus, daß die Zärtlichkeiten, welche Stärke sie auch annahmen, sich optisch verringern, wenn sie ihren großen Stil ablegen: bei einem Künstler ist das Auge vielleicht anspruchsvoller als die andern Sinne. Sie ließ gleichzeitig sehen, auf welchem Grunde sie ihre Herrschaft zu errichten gedachte: ein zweiter Fehler diesem stolzen Geiste gegenüber, der erst eben Tier geworden war und dessen sinnliche Verweichlichung geheilt werden konnte, da sie noch nicht vollendet war.

Da sie sich vorstellte, Nebo gebrauche besonderen Zauber, um sie zu entzücken, wollte sie auch die Liebesmagie spielen lassen: sie wurde feurig, knechtisch und weiter nichts.

Ein Gedanke, der ihr auf die Lippen stieg, den sie kaum wieder hinunter schlucken konnte, ein Gedanke, der sie besaß, war die Vergangenheit Nebos: der Zorn klopfte in ihren Schläfen und in ihren Handgelenken, wenn sie sich vorstellte, daß andere Arme als ihre sich um diesen verehrten Körper geschlungen hatten.

– Ich möchte, o mein Nebo, eine Liebkosung erfinden, die keine Frau jemals einem Manne erwiesen hat; eine Liebkosung, köstlich wie die Verdunstung des Taues, durchdringend wie eine Prärie nach dem Gewittersturm; eine Liebkosung, bei der die Jungfrau der Buhlerin die Hand reicht; die Quintessenz der Unschuld und der Verderbnis; ich möchte eine Lust durch dich und für dich einführen: ich empöre mich im Geiste gegen diese Grenzen der Wollust, die so genau gezogen sind und welche die Liebe nicht erweitert.

– Einen großartigen Wunsch nährst du, ich liebe dich dafür, aber er ist falsch, meine Prinzessin: nicht diese oder jene Art der körperlichen Begattung öffnet die Flügel eines Wesens. Suche nicht den Wahnsinn: wenn du ihn fändest, würdest du mich verlieren. Seien wir langsam, seien wir ruhig, damit wir uns lange lieben: mehr Fieber, das ist weniger Dauer, vergiß es nicht. Deine Rolle ist vereinfacht, teuere Geliebte: dein Glück hat es gewollt, daß du ein beständiges Wesen liebst, das sich selbst immer gleich bleibt und sich nicht verändern wird. Verändere dich auch nicht, und unser Gefühl wird wie ein tiefer See unter dem himmlischen Blauen bis in die Dämmerung unserer Körper, bis in das Dunkel unserer Seelen grünen.

– Einerlei, ich möchte die Liebkosung der Paula, die Liebkosung der Riazan finden.

– Eine ganz besondere Eitelkeit mischt sich in die Liebe, mit ihrem Eigensinn, wenn diese Zärtlichkeit nur den Zweck hat, mich ins Paradies zu versetzen.

– Und welch andern? rief sie.

– Nun, dann höre mich! Ein mehr oder weniger überraschendes Stakkato ist nur eine Wunderlichkeit in der Musik, eine Abweichung in der Lust. Erkenne die Erregung, die niemals den ermüdet, der sie erfährt; lerne die Liebkosung, die selten dauert: die Achtung deines Liebhabers. Ich weiß, daß dieser Ausdruck dir zu einfach erscheint, doch enthält er die höchste Kunst, die Männer beständig zu machen. Die Frau, die man niemals verläßt, Paula, das ist die Frau, die uns nicht zurückhält; die Unwiderstehliche ist nicht die, welche uns eine große Idee von sich selbst beibringt, sondern die, welche uns die höchste Idee von uns gibt. Eine Frau, die liebt, will nichts anderes als der gefällige Spiegel für all die Torheiten sein, aus denen der Geliebte besteht. Lobe seine Wirkung, verbirg seine Schwächen; freue dich über alles, was er sagt, über alles, was er tut; über den Rest beunruhige dich nicht. Gib ihm den Eindruck einer Liebe, die so blind ist, daß du an seine Lügen glauben; so demütig, daß du ihm seine Unbeständigkeit verzeihen; so ergeben, daß du von ihm nur das nimmst, was er gibt. Das ist das große Geheimnis: bediene dich dessen gegen mich, und es wird das Pfand des dauernden Sieges sein, die Liebkosung der Paula, die Liebkosung der Riazan!

– Damit ich sehe, mein schöner Herr, wie ich dir genau gefallen kann, sage mir, wodurch die andern Frauen deinen Traum getäuscht haben und was ich davon verwirkliche.

– Ich werde dir mein erstes Kompliment wiederholen: wie eine Sonne ziehst du meine Seele an, und alle Sterne wie der schmachtende Mond verschwinden trübe und matt vor deinem Strahlen.

– Ich möchte so gern wissen, was dich gewöhnlich frei gemacht hat.

– Man fesselte mich, oder versuchte es wenigstens, und gerade dieser Punkt ist der einzig unverzeihliche in meinen Augen. Die Untreue, die Abreise: in einigen Tagen hatte ich die eine vergessen und lehnte die andere ab.

– Du liebtest also nicht?

– Ich liebte nicht tief; aber ich liebte hier einen Körper, dort eine Seele.

– Das waren nicht deine Ergänzungen, Nebo!

– Zu dieser Zeit sah ich auch nicht so weit; ich kannte nur die Liebe zum Schönen, ich erhob mich nicht zu den platonischen Begriffen.

– Wieviel Frauen hast du geküßt, Nebo?

– Frage mich, wieviel Blumen ich eingeatmet habe, als ich in Wohlgerüchen und im Freien lebte. Frage mich, wieviel Träume ich gehabt habe, bevor ich einen verwirklichte. Frage mich, wieviel Landschaften ich bewundert, in wieviel Kirchen ich gebetet, wieviel Becher ich geleert, wieviel Bücher ich gelesen habe …

– Nicht die Zahl der geküßten Frauen zu wissen … Wahrhaftig, das Geschlecht macht einen seltsamen Unterschied in diesem Kapitel: wenn ich nicht die Zahl der Liebhaber wüßte, würde ich eine Dirne sein.

– Liebe, die Frau erscheint idealer als der Mann, weil sie, außer der Religion, nur einen einzigen Kanevas hat, den sie poetisch besticken kann: eine Frau gilt nur durch den, der sie liebt. Wählt sie niedrig, ist alles gesagt. Wenn ich ein Leno wäre: wie würden Sie sich, in das Haus Ihrer Tante zurückkehrend, vom Schmutze reinigen? Wenn Sie ein Dienstmädchen wären, würde ich, nachdem ich Sie verlassen, Stunden damit verbringen, über einen alten Text nachzudenken, und dieses Nachdenken gleicht die vorausgegangene Entartung wieder aus. Wenn der Mann seinem Körper und seinem Herzen Böses angetan, bleibt ihm sein Gehirn, dessen Erhebung kämpft und rettet; der schlecht gepaarten Frau bleibt nur Reue oder Rückfall.

– Eine schöne Lehre des Mannes, und eine gemeine.

– Das ist keine Lehre, das ist eine Bestimmung, meine Denkerin; ich verteidige weder noch entschuldige ich, ich erkläre … Besser wäre es, wir schwiegen, als daß wir ein Kapitel fortsetzen, bei dem wir einander verletzen: ich, deine Eifersucht; du, meine alte Gewohnheit, nicht zu erlauben, daß man mich richtet, sobald man mich liebt.

– Wir werden uns nicht verletzen, ich versichere dir … Hast du Andenken an Frauen aufgehoben … Liebesbriefe?

– Ja, antwortete Nebo freimütig.

– Oh, du wirst sie mir zeigen.

– Nein, du würdest diese Reliquien zerreißen, und man darf nicht, im Namen des wahren Gottes, die Gottheiten kränken, selbst nicht die falschen; noch die ungeweihten Gefühle entweihen, wenn sie echt waren.

– Reliquien, Entweihung? Träume ich?

– Du träumst nicht: ich achte mich in der Erinnerung derer, die mich geliebt haben.

– Ich weiß, warum du diese Briefe nicht zeigen willst: sie wimmeln von Fehlern.

Nebo zuckte die Achseln.

– Ist es wahr, daß Frau von X dich geliebt hat? Ist es wahr, daß ihr beinahe überrascht worden seid? Ist sie deine Geliebte gewesen, ja oder nein?

– Prinzessin, ich bin ein galanter Mann! Weißt du, was ein galanter Mann ist? Der das Geheimnis des Schlafzimmers wahrt, wie der Priester ein Beichtgeheimnis. Ich liebe dich mit meinem ganzen Wesen, und doch werde ich dir nicht antworten; weder über die Namenlosen ohne Rechtschreibung, weil diese Demütigen sich meinem Stolze geweiht haben: ich würde tief stehen, wenn ich dich über ihre linkische Liebe lachen ließe; noch über die Frauen, die einen Namen haben: meine Seele begräbt, was darin stirbt und erlaubt nicht einmal der Königin, die Gräber zu entweihen, wo die Asche der toten Flammen ruht, die vor mir verbrannten … Wenn ich an einer Quelle getrunken habe, werfe ich beim Fortgehen keinen Stein hinein, um sie zu trüben; deine zurückblickende Eifersucht würde den klaren Strahl der Erinnerung verschlammen.

Sie rief:

– So formulierst du dir ruhig deine Religion der getrockneten Blumen, der eingeschrumpften Handschuhe, der Photographien mit Widmungen, der Briefpäckchen, blau gebunden für die Braunen, rosa für die Blonden! Es gibt also Geister in deinem Gedanken: ein Don Juan durch die Erinnerung, beschwörst du in meinen Armen den dekorativen Chor deiner alten Geliebten! Und du behauptest, sanftmütig und barmherzig zu sein, weil deine Grausamkeit lächelt und du Unrecht tust, ohne zornig zu werden.

– Es ist ein großes Verdienst von dir, nicht weiter darüber zu sprechen, Paula; ich weiß dir Dank für diese schöne Anstrengung.

– Wie muß ich dich lieben, um nicht bei solchen Gesprächen zu heulen, um dich nicht …

– Sprich es nicht aus, unterbrach Nebo sie, ich würde dir zürnen …

– Du, mir zürnen? Oh, du wirst mich verrückt machen …

– Nein, weise! Komm, umarme mich.

Schluchzend warf sie sich in seine Arme; lange wiegte er sie zärtlich, als hätte er den Kummer einer Schwester eingeschläfert.

 

2.
Das Manuskript des Rabbi

Als sie an diesem Abend eintrat, gefiel ihr Nebo nicht.

Das Aussehen vernachlässigt, die Früchte einer summarischen Mahlzeit neben sich, beugte sich der junge Mann über ein Palimpsest Palimpsest, nach Tilgung der früheren Schrift wieder beschriebenes Pergament: palin, griech., wieder. und entzifferte es mit der Lupe.

Sie sah, daß er seit mehreren Stunden, statt an sie zu denken, sich in dieses Manuskript vertiefte, und der Zorn überfiel sie bei diesen Worten:

– Liebe Seele, bewillige mir eine Stunde, um diese Lektüre zu beenden: ich kann dieses unschätzbare Pergament des Rabbi Jehou ben Guilëad nur bis morgen behalten, und du bist zu sehr Androgyn, um nicht zu begreifen …

– Daß ich dich störe! Es ist das erste Mal, Nebo … gut, ich gehe wieder …

– Du erlaubst nicht, daß ich uns eine Stunde stehle, um meinen Geist zu erheben? Uns bleibt doch die Nacht! Es ist lange her, daß ich nachgedacht habe: ich entwöhne mich der hohen Forschungen.

– Sage mir doch, daß ich dich dumm mache.

– Du machst mir heute Kummer.

– Und du, glaubst du, es macht mir Spaß, mich von einem alten Schmöker ausstechen zu lassen?

– Man muß die Wut der Eifersucht haben, um so die Lektüre eines Augenblicks zu schmähen.

– Alles, was mir deinen Schoß versperrt, ist mir feindlich, wäre es auch eine Minute.

– Dann nimm dich vor deiner Laune in acht, meine Prinzessin.

Sie ging ins rote Zimmer, entkleidete sich dort und legte sich ins Bett, um zu warten.

Nach einer ganzen Weile hustete sie und rief sehr sanft:

– Nebo, kommst du nicht?

– Noch einen Augenblick, liebe Seele, antwortete der Platoniker und vertiefte sich wieder in seine Lektüre.

Die Prinzessin schwieg.

»Wenn sie einschlafen könnte,« dachte er.

Bald aber hörte er, wie sie weinte.

Er erhob sich und ging zu ihr. Indem er sie küßte und koste, beruhigte er sie und kehrte wieder zu seinem Pergament zurück.

Kein Geräusch störte sein Studium. Nebo vergaß Paula. Er murmelte, er stieß Ausrufe aus, indem er mit lauter Stimme seinen Tadel oder seine Begeisterung äußerte. Ein Wort hielt ihn auf: er ging ins nächste Zimmer, um ein Wörterbuch zu holen.

Als er zurückkam, war das Pergament vom Tisch verschwunden.

– Suche nicht, rief die Prinzessin, es liegt unter meinen Lenden: komm und lies es durch mich hindurch, oder ich zerschneide es in Stücke.

Und sie ließ die Schenkel der Schere zusammenstoßen.

Ein Kampf wäre grotesk gewesen, er sah seine Niederlage voraus. Er ging also zu Bett, wie sie befohlen, indem er sagte:

– Paula, es ist deiner nicht würdig, durch Zwang zu gewinnen: nimmst du alle Folgen deiner Mißachtung auf dich?

– Ich nehme sie auf mich.

– Es sei! sagte Nebo.

Seitdem mischte sich etwas Haß in seine Liebe.

 

3.
Der Schwur des Templers

Durch den Vorhang rief der Diener.

– Sind Sie verrückt, Benoit?

– Herr, hier ist ein grüner Brief.

– Grün? rief Nebo, riß sich aus Paulas Armen und stürzte hin, um das Schreiben, das unter die Tür geschoben war, aufzuheben.

Fieberhaft öffnete er, las begierig und blieb ernst.

Die Prinzessin, zuerst bestürzt, wurde bald beleidigt von dieser brüsken Art, ihre Umarmung wegen eines Briefes zu verlassen, wäre er auch grüner als ein Daubigny Daubigny, Die Felder im Frühling, 1859..

– Verzeih mir, sagte er, dies ist die Pflicht.

– Du hast eine andere Pflicht, als mich zu lieben? Du hast eine Pflicht außer mir?

Mit fliegenden Haaren richtete sie sich katzenartig zwischen den purpurnen Laken auf.

– Ich habe die Pflicht, Gott zu lieben, das heißt, die unsterbliche Blüte meines Geistes zu pflegen; außer dir habe ich geistige Brüder, denen ich Hilfe schulde; und Hilfe ist es, die man von mir verlangt.

– Zeige mir diesen seltsamen Brief.

Er reckte sich auf den nackten Füßen empor und zündete ihn an der seidenen Laterne an.

– Ich habe das Geheimnis beschworen, und ich halte meinen Schwur.

– Mir hast du nichts geschworen, niemals.

– Die Schwüre der Liebe gelten nur dem gegenüber, der sie erwirkt; niemand legt sie ab, wenn sein Gefühl nicht gequält wird.

– Sein Gefühl? fragte die Prinzessin.

– Wenn eine Frau so lange weint, bis ihr Wunsch erfüllt wird; wenn sie die übliche Wollust zurückhält, bis man ihr gehorcht; wenn sie den Nervösen reizt, den Arbeitenden stört, den Weichen rührt, fragt die Qual und die Müdigkeit antwortet.

– … Und welche Hilfe verlangt man von dir?

– Oh, eine fast wissenschaftliche Hilfe.

– Und wann?

– Sofort … um Mitternacht.

– Um Mitternacht habe ich deine Gegenwart nötig, ich! Ich weiß nicht, wohin du gehst, mit einem Worte, ob deine geheime Brüderschaft nicht ein Mythus ist …

– Erinnere dich an den Wohltätigkeitsbazar Peladan, Einweihung des Weibes..

– Und diese Brüderschaft nennt sich?

– Sie hat keinen Namen, auch keine offizielle Existenz, sie gehört zum Orden des Tempels.

– Du bist Templer, und du würdest dich für schuldig halten, wenn du deine Schwüre brichst.

– Schuldig wie ein General, der sich weigerte, ins Feuer zu gehen, wenn er sein Regiment darin sieht.

– Nichts in der Welt, nicht einmal meine Bitte, würde dich meineidig werden lassen?

– Nicht einmal deine Bitte.

– Nun, mein Ordensritter, ich finde dich groß, daß du mir so widerstehst, und ich beuge mich … Aber es ist erst elf Uhr: komm und gib mir noch einige Küsse.

Nebo glaubte nicht, daß sie lügen könnte. Dankbar warf er sich in ihre Arme.

Lange blieb er dort.

Es schlug halb.

– Ist es weit, wohin du gehst?

– Nein, und ein Wagen erwartet mich auf dem Péreire-Platze.

– Dann, mein Vielgeliebter, gib mir noch drei Minuten.

Die drei Minuten dauerten; und, unter dem Willen Paulas, die sich der Sinnlichkeit bediente, der seine Müdigkeit half, schlief er tief ein.

Als er wieder erwachte, war er allein; er eilte ins nächste Zimmer; die Morgenröte tuschte schon das Weiße der blauen Nacht: er weinte.

Er weinte vor Scham: er, der ruhige und starke Magier, vergaß alles in den Armen einer Frau, selbst seine geheimen Schwüre.

Er weinte auch vor Enttäuschung: die Prinzessin wurde falsch und log schamlos, zugunsten ihrer verliebten Selbstsucht. Er fühlte, wie sich sein Herz gegen Paula verschloß; von diesem Augenblick an liebte er sie nicht mehr.

Mit einem Dolch machte er ein Kreuz über der Tür des roten Zimmers, wo bereits vier gezeichnet waren.

– Beim siebenten, meine Befreiung, sagte er; und möge es bald sein, gerechter Gott.

 

4.
Schweigen der Nacht

– Ich mache diese Nacht das Unrecht wieder gut, das du mich vorgestern begehen ließest, las die Prinzessin, als sie das nächste Mal wiederkam.

Aengstlich, hatte sie Furcht gehabt über das, was sie getan, aber dieser Geist der Hartnäckigkeit, dieser Taumel, der die Leidenschaftlichen ins Verderben stößt, flüsterte ihr, statt der Reue, eine neue Kriegslist zu. Sie glaubte nicht, daß Nebo die Nacht draußen verbrachte, noch daß er etwas gutzumachen habe: er mußte zurückkehren! Wenn er sie nicht mehr fände, würde er glauben, sie bestraft zu haben: als Slawin war sie entschlossen, ihren Geliebten zu zähmen, um nach dem Triumph wieder die gute Prinzessin zu werden. Denn sie war fest entschlossen, liebenswürdig zu werden, wenn sie diesen unzähmbaren Metaphysiker gebändigt hatte.

Sie erinnerte sich an seine jüngsten Worte:

– Wenn eine Frau weint, bis ihr Wunsch erfüllt wird; wenn sie die Wollust zurückhält, wenn sie den Nervösen reizt, den Arbeitenden stört, den Weichen rührt, wird ihr aus Müdigkeit gehorcht.

So will ich ihn denn ermüden, da ich ihn nicht auf andere Weise beugen kann.

Sie legte sich ins Bett, löschte jedes Licht; sie war furchtbar wie ein Ketzerrichter; sie hätte den jungen Mann erschreckt, wenn er vorausgesehen, was ihn im roten Zimmer erwartete, wo, nach so viel Lust, der Schmerz beben würde.

Nebo kam spät. Sie hörte ihn lange im Hause umherirren; endlich, ein Buch in der Hand haltend, hob er den Vorhang, um das Boudoir zu durchschreiten und sein Zimmer zu erreichen.

Er zitterte, als er sie halb nackt sah, in scheinbarem Schlafe.

Sie öffnete die Augen und schloß sie wieder, ohne ein Wort zu äußern.

Nebo überlegte: eine unbestimmte Begierde erhob sich in seinem Körper; eine bestimmte Ueberzeugung sagte ihm, er könne unmöglich in seinem Zimmer schlafen gehen oder studieren, indem er sie schmollen ließ.

Unfähig, fortzugehen oder sie fortgehen zu lassen, legte er sich an ihre Seite.

Der Forscher in ihm erstaunte über die Fähigkeit der Frau, ihren Körper kalt zu machen: sein Werben und seine Annäherung erhielten den körperlich eisigen Empfang einer Statue.

Indem er seinen Willen heftig anrief, schlief er ein.

Daß er mit Schlaf auf ihr Schweigen antworten würde, hatte Paula nicht vorhergesehen: wütend weinte sie, um ihn wieder aufzuwecken.

Neben einer Frau zu schlafen, deren Schluchzen das Bett erschüttert, das kann niemand ertragen! Er nahm sie in seine Arme: sie beruhigte sich nicht.

– Schwöre mir …, sagte sie endlich.

– Nichts, rief er mit furchtbarer Stimme, als meinen Haß, wenn du weiter mit mir spielst.

Ebenso glücklich, gebändigt zu werden, als sie sich Freude versprochen hatte, ihn zu demütigen, umschlang sie ihn plötzlich mit Liebe.

Nebo verabscheute dieses Umschlagen der Stimmung, die in Tränen überging, um in Beischlaf zu enden. Die Bürgerlichkeit der körperlichen Aussöhnung ekelte ihn wie der niedrige Gassenhauer gemeiner Liebe.

Beim Fortgehen sagte Paula:

– Versprich mir, es nie übelzunehmen, wenn ich komme, ohne dich benachrichtigt zu haben.

– Nein, sagte Nebo, ich will nicht, daß du in mein Leben eingreifst und meine Sammlung störst.

– So soll ich dich niemals ganz genießen, Nebo?

– Wenn du, um mich zu genießen, mich absorbieren mußt, sage ich dir ein förmliches Nein, Paula.

– Du liebst mich nicht mehr!

– Ich liebe dich, aber, meine Prinzessin, Sie tun alles, damit ich aufhöre, Sie zu lieben. Noch ist es Zeit, mein schönes Herz, dich besser zu benehmen! Du willst meine Liebe: die wird nicht genommen, die empfängt man; und was du stiehlst, kann ich dir nicht mehr geben.

– Ich gebe dir alles, ich nehme dir alles: ist das nicht logisch, christlich, ehelich? Was bedeuten diese Vorbehalte, die du machst, diese Schranken, die du mir stellst? Leben wir zu zweien! Sind wir nicht … beinahe …

– Wir sind nicht in der Ehe, sondern in der Liebe: wenn ich die Rechte der Ehe abgelehnt habe, so geschah es nicht, um die vermeintlichen, von dir übertriebenen Pflichten zu erleiden.

 

5.
Aufforderung zur Heirat

– Höre, mein Vielgeliebter, sagte die Prinzessin, wenn ich oft anspruchsvoll, ungerecht, überspannt bin, so mußt du mir verzeihen: wärest du nicht so eigensinnig, würde ich die Fügsamste der Welt sein.

– Ich wünschte, ich verstände dich etwas, erwiderte Nebo.

– Was ist leichter zu verstehen? Hast du mir nicht gesagt, zur Zeit, als noch kein Mißverständnis …

– Zu dieser Zeit war dein Körper …

– Erinnere dich, Nebo, was du diesem Körper verdankst: lästere ihn nicht! Zu jener Zeit hast du mir die Gewißheit, das höchste Kleinod der Liebe, gegeben: besitze ich es noch?

– Brechen wir ab! Ich sehe dich im Brautkranz von Orangenblüten kommen, ich sehe den Dickwanst von Kirchendiener …

– Ein Sakrament verspotten!

– Du bist kein Apostel! Muß dir ein einziges Wort dazu dienen, alle andern zu vermeiden? Man heiratet nicht die Geliebte, die einen unglücklich macht.

– Ich mache dich unglücklich! rief sie.

– Ich erlaube nicht, Paula, daß du Eifersucht zeigst. Eine Frage: wenn du mich bei einer Untreue überraschtest?

– Ich würde dich töten.

– Das hast du so bestimmt gesagt, meine Liebe, daß du sicher sein kannst, niemals meine Frau zu werden und nicht lange meine Geliebte zu bleiben.

– Du willst mich also betrügen?

– Ich will nicht erlauben, daß eine Frau über mein Leben verfügt, selbst nicht in Worten …

– Vielleicht würde ich zögern …

– Ich werde nicht zögern, Prinzessin, Sie wie eine Wölfin niederzuschlagen, sobald Sie eine Gebärde des Mordes machen.

– Du siehst, du wirst wild.

– Ich verteidige mich.

– Sich verteidigen gegen die, welche dich liebt! O Nebo! Begreife doch, daß ich, um dich zu töten, dich über alle Maßen lieben müßte.

Er blickte sie an, bestürzt, wie aufrichtig dieser Wahnsinn klang.

– Ob ich nachher Selbstmord begehe, ob ich mich hinrichten lasse, ich opfere mein Leben: wir sind quitt.

– Meine Liebe, während wir Paris durchschifften, als wir Bruder und Schwester waren, hätte ich »verrückt« zu dir gesagt und deine Liebe meinem schlimmsten Feinde gewünscht, wenn ich einem lebenden Wesen die Ehre antun würde, es zu hassen. Heute, wo wir Liebende sind, fordere ich dich auf, deinen Geist von diesem Wahnsinn zu befreien: du wirst diese Ideen aufgeben, oder ich gebe dich auf.

Sie sprang in die Höhe.

– Du willst mich also ohne Gefahr betrügen: du bist feige!

– Die Treue ist mir leichter und angenehmer als ihr geringstes Gegenteil; und ich habe auf mir ein Zeichen, das mich schützt: ich spiele eine Rolle in der lateinischen Komödie, die sich zur Zeit abspielt. Aber meine stolze Persönlichkeit nimmt nicht die Liebe des Lynch an; wenn ich geliebt habe, tröstete der Gedanke, daß die Treulose glücklich war, mich darüber, daß ich sie verlor; selbst in der Sünde bleibe ich barmherzig.

– Derartige Gefühle liegen jenseits der Natur und jenseits meiner Fähigkeit.

– Sie sind nur heldenhaft! Der Held, das heißt das höhere Wesen, leidet weniger unter Verrat, weil er sich dann von seinem eigenen Kern nährt; selbst in die Leidenschaft trägt er einen priesterlichen Geist der Barmherzigkeit.

– Wenden Sie also, gefühlvoller Held, Ihre Barmherzigkeit auf meine Unruhe an. Heirate mich, guter Nebo, und du wirst sehen …

– Die Barmherzigkeit beschränkt sich auf das erträgliche Leiden: ich verzeihe nur der Frau, die geht.

– Wenn du mich erst nach der Feier wiedersehen müßtest?

– Ich würde Sie niemals wiedersehen.

– Ich habe dich also sehr gekränkt, sehr verletzt?

– Du bist Weib gewesen, und die Liebe des Weibes kommt in den Wirkungen dem Hasse gleich: sieh doch nur! Wenn ich dich heiratete, könnte ich nicht mehr in der Stadt leben: du würdest unter Eifersucht leiden; noch auf dem Lande: du würdest mich auffressen. Die einzige annehmbare Aussicht wäre gewesen, die anmutige Phantasie der »Einschiffung nach Kythera« um die Welt herum zu machen: zehn Jahre malerischer und gefühlvoller Einweihung Peladan, Weibliche Neugier..

– Gut, das würde mir eine Freude sein.

– Du vergissest, daß ich mich umdrehen werde, wenn Bajaderen, Nubierinnen, Japanerinnen an uns vorbeikommen, nicht aus Begierde, aber umdrehen werde ich mich … Du schweigst, denn du fühlst, daß ich deine wilde Eifersucht nicht ertragen würde. Dir meinen Körper und mein Herz bedingungslos verpfänden? Auf die Wißbegier meiner Augen, auf das behende und dauernde Schweifen meines Geistes verzichten? Nein! Wenn die Mitternacht kommt, bin ich der Liebhaber; am Tage will ich nur der Bruder sein: du aber kannst dich nicht zur Schwesternschaft entschließen, … Du weinst? Immer wirst du mich mit Tränen angreifen, und dann werden wir einander in Wollust verzeihen. Wahrhaftig, ich glaubte mich mit dir zu edleren Werken einzuschiffen.

– Und wenn ich schwanger würde?

– Du wirst es nicht werden!

– Ich werde es gegen deinen Willen werden; und dann werden wir sehen, ob die Mutter der Geliebten nicht etwas Ansehen verleihen wird.

– Furchtbare Prinzessin, ich fliehe die Ehe und du beschwörst die Familie: arm ist unsere Liebe! Wie lächerlich, mir als Fahne eine Bluse geben zu wollen, die an der Partisane eines Küsters flattert.

 

6.
Der Kasten aus Sandelholz

Seit Nebo, ohne ihr zu verbergen, daß er alte Liebesbriefe aufhob, es abgelehnt hatte, sie ihr zu zeigen, suchte sie danach, sobald sie einen Augenblick stöbern konnte.

Eines Nachmittags, als seine Gesundheit bereits schwankend war, unterlag er einer schweren Schlafsucht. Da entdeckte sie, als sie zufällig einen Schrank öffnete, einen großen Kasten aus Sandelholz, auf dessen Deckel das Zeichen der Venus in Kupfer getrieben war.

»Da ist«, dachte sie, »der Reliquienschrein seiner alten Lieben.«

Sie erbrach das leichte Schloß mit der Klinge eines Dolches.

Ein dumpfer Ausruf wurde rauh in ihrer Kehle.

In die gleichen Fächer einer Urnenhalle geteilt hätte der Kasten für eine Katakombe im kleinen gelten können.

Im Innern stand geschrieben: »Geschlechtliche Erfahrungen, die zeigen, wie eitel die Leidenschaft ist; hier ruhen dreißig und einige Lieben, von denen die beste mich verloren hätte.«

Es war noch ein leeres Fach darin: Paula schauderte, als sie an diese duftende Gruft dachte, in der ihre Briefe schlafen könnten, ihr Handschuh und ihre Blumen, zuletzt begraben in diesem Friedhof der Leidenschaft.

Die Grabkammern enthielten, außer den Liebesbriefen, Photographien, kleine Schmuckstücke.

Mit boshafter Hand verstreute sie die Gegenstände weit von sich und durchlief nervös die Schreiben.

Sie fiel zuerst über die gemeinsame Gruft her: Photographien, oft hübsche, die sie zerriß; Worte voll sinnlicher Einfälle. »In dieser Nacht, göttlicher Wächter, küsse ich dich auf deinen Korallenmund.« – »Wann kann ich deinen weißen Hals küssen?« – »Komm, wäre es auch nur, um mir deine Hand zu geben.« – »Du bist schön, doch zu sehr Egoist: geh zum Teufel!«

Beinahe alle lobten Nebos Schönheit in einer Sprache, die der Mann gewöhnlich an die Geliebte richtet, die Frau aber fast nie an den Liebhaber.

Als sie alle diese verschiedenen Nebenbuhlerinnen heraufbeschwor, stürzte sie den Kasten um und trat mit den Füßen auf den Haufen.

Im Zorne überließ sich ihre Neugierde dem Zufall: sie durchlief diesen und jenen Brief, um einige davon zu zerreißen.

»Ich bin heute abend toll gewesen, mein Freund, und zwar von einer Tollheit, die ich nicht bedauere, die ich zurückrufe. In einer Minute habe ich alles gefühlt, was es an Entzücken im Leben geben kann, und in dieser Minute habe ich Ihnen mehr von mir geschenkt als alle Frauen, die Sie in zehn Jahren kennengelernt haben. Mein Herz hat sich allen Wonnen geöffnet, meine Seele ward von meinen Augen zurückgeworfen, und Sie haben sich mit mir in ein Meer von Wollust und Liebe gestürzt.«

Das war auf ein Papier geschrieben, das die geschlossene Krone trug.

Von der selben Schrift, ein Jahr später:

»Wie gut Sie sind! Wie ich dich liebe! Nebo, mein Bruder! Ich habe soeben Ihre Zeilen gelesen: mein Körper, meine Seele beben nach der Vereinigung. Ich verwünsche alles, was uns trennt, alles, was die Ausstrahlung unseres Bundes umhüllt. – Ich bin dein bis in die Ewigkeit.«

Sie schnitt ein Päckchen auf, in dem viele Telegramme waren, und las:

»Wie Christus mit einem Wort seiner göttlichen Stimme, so beruhigt Ihr Wort die Aufregungen meines Herzens. Sie machen den Schatten und das Licht in mir.«

Eine andere schrieb:

»Schließe die Augen, um nicht das Gespenst unserer armen verstorbenen Liebe zu sehen. Du hattest mich sehr hoch erhoben, bis zu dir, lieber und großer Geist, und ich, das Weib, was habe ich getan? Ich bin die ewige Eva geblieben, die nicht verstanden hat, der Schlange, dem Ebenbilde der Verführung, zu widerstehen. Bis hierher hat sie mich heimgesucht, verfolgt, und ich bin unheilbar gefallen. Aber in meinem Falle bewahre ich Größe genug, um dir nicht Lippen entgegenzubringen, die lügen, Augen, die bei einem geheimen Gedanken lächeln … Ja, Androgyn, ich wäre beinahe männlich geworden, mit der Schwäche der Menschlichkeiten im Herzen. Der göttliche Wille hat dich geschaffen, glaube ich, für andere Freuden als die der Frau: diese sind dir vielleicht untersagt … Bleib einsam, in die Majestät des Gedankens eingeschlossen, und verriegele dein Herz. Du hattest recht, die Leidenschaft ist unheilvoll und zieht nur die Katastrophe nach sich.«

Paula erlebte die Vergangenheit ihres Nebo, indem sie sein Bild mit Hilfe der Wiederholungen, welche die verschiedenen Geliebten boten, wiederherstellte:

»Ich komme zu dir, wie Magdalena zu den Füßen Christi. Du hast auch diese herrliche Barmherzigkeit, die freispricht und wieder erhebt … Deine lieben und priesterlichen Hände werden sich um mein Herz legen, und die Beruhigung wird meine brennende Wunde wie ein heiliger Segen erfrischen.«

Die meisten sahen eine religiöse Seite in ihm und lobten seine Weihe und seine Güte. Die andern gestanden, daß sie ihm auf seine Höhe nicht zu folgen vermochten. Ein seltsames Schreiben fiel ihr in die Augen.

»Ja, dein Auge kennt die Entfernung nicht, noch dein Ohr; durch die dickste Mauer siehst du: Weiser, sei zufrieden! Ich gestehe, ich habe dich betrogen, und zwei Stunden später erhielt ich deine Depesche, die mir die Einzelheiten meines Vergehens gab. Ich bewundere dich, aber ich sage dir Lebwohl! Beherzige diesen Rat: wenn man zu stark ist, verbirgt man seine Stärke. Eine Frau wird von solchen übernatürlichen Kräften entmutigt. Du bist ein Ungeheuer, Nebo, vom Himmel herabgestiegen, nicht von der Hölle ausgespien, sehr groß, sehr edel; zu groß, zu edel! Erinnere dich, daß die Frau eher das Ungeheuer des Bösen als den Leviathan des Guten liebt. Mach dich kleiner und laß dich belügen, wenn du das Weib genießen willst; oder verlange nur von ihr, was stets in mir zu deiner Verfügung steht, oft zur Lust, immer zur Freundschaft.«

Von diesen Leidenschaften und diesen Lieben verklärt, erschien ihr Nebo noch viel kostbarer: alle diese Rivalinnen vermehrten ihre Liebe.

Ohne daran zu denken, daß Nebo sie hören könnte, trat sie den Haufen Briefe wütend mit Füßen. In diesem eifersüchtigen Rasen mußte sie sehr schön sein.

Plötzlich traf ihr Blick den Spiegel, und sie schrie auf: sie hatte Nebo darin leichenblaß und furchtbar gesehen. Aengstlich kauerte sie sich in der äußersten Ecke des Zimmers zusammen, vor Schrecken zitternd.

Eine ganze Weile brauchte Nebo, um sich zur Ruhe zu zwingen: ohne die Prinzessin anzusehen, kniete er auf den Boden nieder.

– Verzeihet mir, Seelen, die zärtlich zu mir gewesen sind; Herzen, die mein Bild getragen haben; Lippen, die ich geküßt; Brüste, die ich geliebkost habe: verzeiht mir die Beleidigung dieser Stunde … Fromm hatte ich euch begraben, o meine Toten, und in meiner Einsamkeit beschwor ich euch zuweilen. Nichts mehr bleibt mir von euch; eine ruchlose Hand hat eure Grabstätte erbrochen. Verzeiht mir!

Heiße Tränen fielen aus seinen Augen.

– Arme Frauen, ihr habt mich der Pflicht vorgezogen, ihr habt mir euern Ruf geopfert! Ihr habt mehr Vertrauen zu meinem als zu Gottes Wort gehabt, meine heiligen Frauen! Mögen diese Tränen eure Schatten beruhigen, liebliches Gefolge, dessen traumhafte Unsichtbarkeit ich liebte. Der liebende Nebo wird eure Kränkung nicht überleben: möge meine Leidenschaft mit der Entweihung dieser Spuren meiner Seele sterben! Geliebte und Schwestern, das geistige Leben allein wird uns noch gegenüberstehen.

Sich zur Prinzessin wendend, wies er ihr mit einer Gebärde die Tür.

Sie warf sich auf die Knie.

– Paula, ich kann dir verzeihen: denn sie werden dir nicht verzeihen.

 

7.
Das Modell

Eine Windstille folgte der Szene mit dem Kästchen. Die bereuende und plötzlich besänftigte Paula wurde wieder die unvergleichliche Geliebte des »Erotikon«. Sie hatte den Bruch zu nahe gesehen!

Trotz diesem Wandel ahnte Nebo die Katastrophe des Endes; er litt um so mehr, als er fühlte, wie sein Herz wieder von einem neuen Liebesfrühling ergriffen wurde.

Eine Woche verging, die glücklich gewesen wäre ohne die Befürchtungen, die sich alle beide verbargen. Um sich nichts vorzuwerfen, benahm er sich, als wäre er sich des traurigen und nahen Ausgangs nicht bewußt. Er benutzte die neue Fügsamkeit der Prinzessin, um sie daran zu gewöhnen, daß sie nur angekündigt zu ihm kam, ja sogar einen Augenblick wartete, wenn er studierte.

An einem klaren Nachmittage mit schönem und leichtem Frost kreuzte er auf der Avenue de Messine ein junges Mädchen, dessen Typ ihn zurückhielt. Es war eine seltsame Schönheit: braun bis zum warmen Bisterton, und zerbrechlich wie eine Zeichnung zu Ossian; die Sylphide eines schottischen Sees unter den Färbungen einer spanischen Zigeunerin; Augen, die das Gesicht verschlangen; ein lächerlich kleiner Mund; Gelenke, die vor Schmalheit unwirklich wurden. Es war eine Gestalt, welche die Laune eines übertrieben feinen Geistes zu sein schien.

Er sprach sie höflich an, sagte, er sei Maler, und bat sie, ihm zu sitzen.

Das junge Mädchen betrachtete ihn lange und sagte schließlich ja.

Sie machten sich auf den Weg.

Unterwegs erfuhr Nebo, daß sie in Syrakus geboren war, als Tochter eines irländischen Lords und einer Sizilianerin, und daß sie die Stellung einer Kammerfrau bei einer englischen Gräfin bekleidete, die Avenue Marceau wohnte.

Als sie bei dem Platoniker eintrat, rief sie aus:

– Wirklich, es ist sehr geheimnisvoll, daß Sie diese Macht besitzen, der man gehorcht. Jedem andern, der mir vorgeschlagen hätte, sein Modell zu sein, wäre ich davongelaufen. Warum fühle ich mich unfähig, Ihnen etwas zu verweigern?

– Weil Sie ein gutes Herz haben und der Kunst nicht eine Arbeit rauben wollen, die vielleicht ein Meisterwerk werden kann.

Als sie sich entkleidet hatte, setzte ihre braune Schlankheit den Künstler in Erstaunen: niemals hatte er so viel Abzehrung ohne Magerkeit gesehen.

– Sie haben einen Körper, der so geistig ist, daß er eine Verkleidung des Paradieses zu sein scheint.

Mit Eifer malte er in Wasserfarben.

Eine Stunde verging, da tauchte Paula auf. Als sie ein nacktes Weib bei ihrem Geliebten erblickte, keuchte sie.

– Tritt näher, Liebe, sagte der Platoniker, und sieh dir mein Aquarell an.

Paula, die kaum an sich halten konnte, warf einen heftigen Blick auf das junge Mädchen und ging auf Nebo zu.

– Wollen Sie die Pose wieder einnehmen, liebes Kind?

Diese suchte ihre Kleider.

– Nein, nicht vor der Dame.

Die Prinzessin brach los:

– Sie wollen allein mit ihm sein, nicht wahr?

– Paula, ich verbiete dir, ein Kind zu beleidigen, dem ich verpflichtet bin, weil es mir Modell gestanden hat.

– Ich werde dich lehren, dein Kind, dein liebes Kind zu achten …

Und die Prinzessin schritt auf die Syrakusanerin zu, die sich hinter Nebo flüchtete.

Endlich bemerkte die Prinzessin, wie bürgerlich und lächerlich sie sich betrug, und setzte sich aufgeregt, mit den behandschuhten Fingern auf ihren Armen streitsüchtigen Takt schlagend.

– Danke, sagte Nebo zu dem jungen Mädchen, das sich in Eile wieder angezogen hatte, und verzeihen Sie mir den kleinen Verdruß, dem ich Sie ausgesetzt habe.

– Wollen Sie mir die Hand geben? fragte das Modell.

Nebo reichte sie ihr: sie küßte sie gierig.

Die Prinzessin sprang auf.

– Ah, das ist zu stark.

Nebo vertrat ihr den Weg; sie ergriff ihn am Kragen und würgte ihn. Mit einer Heftigkeit, die selten bei ihm war, riß er sich los, um mit dem trockenen Ton der Entschiedenheit zu sagen:

– Wenn die Prinzessin Paula Riazan noch einen Angriff wagt, einen einzigen, wird Nebo für immer verschwinden. Ich habe Sie gewarnt: was geschehen wird, wird Ihre freie Wahl und Ihr guter Wille sein!

 

8.
Das letzte Körper an Körper

Nebo las mit Erstaunen einen Brief noch einmal, als die Prinzessin wie ein Gassenjunge eintrat, um ihn zu überraschen. Er fuhr auf, drehte sich um und zerknitterte das Papier mit einer Gebärde, um es zu verbergen.

Die Prinzessin machte nur einen Sprung auf ihn zu und ihr Wort zischte:

– Dieser Brief?

– Ich erlaube weder diesen Sprung, noch diesen Ton, noch diese Forderung; doch will ich ihn vorlesen, statt ihn zu geben.

 

Mein Herr!

Ich wage nicht zu kommen; ich hätte große Lust dazu. Während ich neulich Modell stand, blickte ich Sie an; seitdem sehe ich Sie beständig in Gedanken. Die schöne Dame, die Sie lieben und die so böse und so eifersüchtig aussah, sticht mich aus; aber ich verlange so wenig. Ich will Ihnen nur sagen, daß ich mich zu Ihrer Verfügung halte, sei es, um Ihnen Modell zu stehen, sei es, um … Ihnen in jeder Weise zu gefallen.

Sollte Ihnen eines Tages die Laune eines Augenblicks kommen, wenn Sie die Skizze betrachten, die Sie von mir gemacht haben, oh, schreiben Sie mir schnell: ich werde fliegen. Das würde der schönste Tag meines Lebens sein. Warum zögern? Ich gestehe es, ich liebe Sie, und bitte die Liebe, daß sie Ihnen eine ganz kleine Laune zu meinen Gunsten gibt. Zu mehr habe ich nicht das Recht; aber das bin ich vielleicht wert. An Ihnen ist es, darüber zu urteilen.

Ich küsse Ihnen die Hände, wie ich es tat, als ich ging.

Ihre Dienerin
Bianca Mocci.

 

Die Prinzessin lächelte höhnisch.

– Damit beginnt die Sammlung wieder für den Kasten aus Sandelholz! Aber zeigen Sie ihn mir, ich gebe ihn zurück.

– Es liegt mir nichts daran, ihn aufzuheben, aber ich bestehe darauf, daß Sie ihn nicht sehen.

– Ich werde ihn sehen: ich brauche die Adresse für die Antwort, die meine Reitpeitsche geben wird.

– Sie werden ihn nicht sehen, eine Antwort wird nicht gegeben, und mein Stock wird Ihnen, wenn es sein muß, die Reitpeitsche aus der Hand schlagen, Bradamante! Geliebte Ruggieros in Ariosts »Rasendem Roland«.

Nebo zerriß den Brief und warf die Stücke fort; Paula suchte sie auf.

– Wenn ich nur die Adresse finde, sagte sie.

Plötzlich bemerkte sie ein Stück, das in der geschlossenen Hand des Platonikers geblieben war, und glaubte, das enthalte die Adresse.

»Oeffne deine Hand und gib, oder ich öffne selbst und nehme«.

»Wenn ich sie öffne, bin ich feige, und man verzeiht nicht der, die uns erniedrigt; wenn du sie öffnest, begehst du einen Mißbrauch der Kraft, und zwar der körperlichen, und ich verurteile dich.«

»Gib, oder ich nehme.«

»Ich gebe nicht.«

»Nebo!«

Indem sie ihr wütendes Gesicht dem des Geliebten näherte, zogen sich ihre Arme in der Luft zusammen.

»Du gleichst dem Haupt der Medusa von Leonardo.«

Brüsk drehte sie ihm das Handgelenk um: Nebo schrie auf vor Schmerz.

Sie ließ den Griff los, etwas beschämt, da sie Verachtung in den Augen ihres Geliebten las. Dann schlang sie die Arme um seinen Körper und hob ihn auf, um ihn auf die Erde zu werfen: sie kämpften.

Nebo glitt aus: sie setzte ihm ihr Knie auf die Brust. Da warf er verächtlich das Stück Papier fort. Paula ließ ihn los und hob es auf: es war weiß.

Nichts hätte die Verwirrung der Prinzessin ausdrücken können.

Als sie sich umdrehte, sah sie einen Dolch in der Hand des Geliebten blinken.

Wie schrecklich die Lage war, wurde ihr klar.

»Höre, mein Nebo, um meine Reue zu zeigen, gehe ich und erspare dir meine langweiligen Tränen. Ich werde deine Verzeihung abwarten, ehe ich zurückkehre. Sei edelmütig! Ich werde Buße tun.«

Und sie floh davon.

Als Nebo die Droschke rollen hörte, welche die Prinzessin fortführte, läutete er, und auf ein Telegramm, dessen Adresse bereits geschrieben war, setzte er ein einziges Wort:

RETTER.


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