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Zweites Buch.
Oskulon

 

Die Rose des Kusses erblühen lassen,
ohne irgendeine Berührung darüber
hinaus, das wäre vielleicht die
vollständige und äußerst edle Auffassung
der Wollust in der Liebe.

 

Die wahrhaften Lippen

Phosphoreszenz

Ebbe und Flut der Augen

Unzählbarkeit

Der Teppich der Dejanira

Körper an Körper

Die scheinbare Krankheit

Die Vergewaltigung

 

 

1.
Die wahrhaften Lippen

Kuß, Abstieg der Seele, Aufstieg des Körpers! Spange des Herzens und der Lenden, bebendes Schwungbrett, das sogar den Bauer bis zu den Sternen schleudert; viele Dichter haben nur im Permessus Permessus, dem Apollo und den Musen geweihter Fluß in Böotien. von deinem Speichel getrunken.

Ist der sterblich, in hundert Jahren, der sich an der reinen Idee berauscht hat? Du bist der tröstende Wein, du bist das Zeichen des Glücks, du bist das Pfand der Barmherzigkeiten, die immer wiederkehrende Aussprache der seligen Paare und die Gebärde der Engel! Wärmste und keuscheste Liebkosung, die der Liebe genügen würde, wenn sie vorherwissend wäre.

Wahrhafte Gemeinschaft der Geschlechter, die jungfräulich bleiben! O seraphische Wollust, die keine Todsünde ist, nach der Ansicht des Priesters und der Welt, und die mehr Lust enthält, als das Tier mit zwei Rücken tragen kann!

O du von Geist und Materie umstrittenes Gebiet; Lippen, die sich auf den Himmel öffnen, Sprecherinnen der Schönheit; Spenderinnen des Glücks! O leuchtende Randleiste des Menschen, Fassung des Brunnens, aus dem die zarte oder erhabene Stimme kommt!

Mund, du einziger Ort der Wahrheit in der Täuschung des Körpers; wenn man dich drückt, läßt man Trunkenheit entspringen; entflammt, verbreitest du den göttlichen Funken; deine Anschwellung erleuchtet die Nerven; du verwandelst, glühende Kohle Jesaia 6, 5-7. des Jesaia, du reinigst unsere Natur für einen erhabenen Augenblick; du entzückst uns über das Ich hinaus, mit der Täuschung, Flügel zu haben, und dem Gefühl, völlig eins, neu und Halbgott zu sein.

In diese Melodie eines Geliebten mischte Nebo eine seltsame Begleitung trauriger Betrachtungen. Vor den Folgen des Kusses rettete er sich durch Ohnmacht: die Ophelia im Park Peladan, Einweihung des Weibes., der Gavarni vom letzten Abend, beide waren ohnmächtig geworden. Aber die Prinzessin mußte gleich kommen: beim neuen Kuß, welch neuer Ausweg? Wie bei den täglichen Küssen Halt sagen, wenn der Körper durchgeht, toll wird?

Konnte eine verliebte Jungfrau denselben Weg gehen wie er als Mann, erfahren in den Abenteuern der Liebe? Er selbst war, mannbar geworden, durch den völligen Besitz angezogen worden; seine Idee, nur oberhalb des Gürtels zu lieben, niedrige Schönheiten und Trunkenheiten zu leugnen, war die Frucht zahlreicher Versuche; war eine Folge der Experimente, die der junge Mann im Leben angestellt hatte. War es nicht töricht, von einem unwissenden jungen Mädchen zu verlangen, daß sie mit ihren jungen und unerfahrenen Sinnen dieselbe Empfindung hatte wie einer, der aus Korinth Korinth, als Hafenstadt der Venus geweiht. zurückkehrte?

Die Verschiedenheit des erotischen Vorlebens würde nicht lange diese leidenschaftliche Art zulassen! Einerlei, ohne es sich zu gestehen, würde der Platoniker, zur Wollust gezwungen, sie wenigstens aus dem Becher seiner Phantasie trinken; es ausnutzend, daß seiner Macht noch gehorcht wurde, um seine Schwester in der relativen Schwesternschaft dieser Liebkosung zu halten, wo die Sünde so tief liegt, daß das Auge sie leicht übersehen und die Seele davon freisprechen kann; in dieser halben Bewußtlosigkeit, welche die Folge jeder Anziehungskraft oder lebendige Magnetisierung ist.

Als Paula das Haus ihrer Tante verließ, hatte sie eine Falte auf der Stirn; obgleich die Wollust sie erwartete, beeilte sich ihr Schritt weniger als gewöhnlich. Um eine so schöne Aussicht wie den purpurnen Mund Nebos zu verdunkeln, welch dichte Wolke?

Die hatte sich über ihrem Geist gebildet, sobald die Morgenluft ihre Haare verwirrte, als sie nach Hause zurückkehrte.

Diese unversöhnlichen Lippen, die sie vielleicht eine halbe Stunde lang geküßt hatten, wollten, nüchtern geworden, mehr als lieben.

Was wollten sie? Ihr eine wilde Empfindung geben, sie so zu Boden strecken, daß sie sagte: »O mein Sieger.«

Wenn sie sich erinnerte, ahnte sie: während ihre Lippen die Grenzen ihrer Seele waren, blieben die Lippen ihres Geliebten Diener und Werkzeuge seines Geistes.

Er hatte sie nicht hingerissen und leidenschaftlich geküßt; nein, er hatte sie mit Hintergedanken und bestimmter Absicht geküßt. Er hatte sie nur geküßt, weil die Umstände ihn dazu zwangen, nachdem er sich reiflich überlegt, daß er ihr das bewilligen müsse: wie man die Laune eines verzogenen Kindes erfüllt, um Frieden zu haben. Von selbst hätte er niemals ihre Lippen in Trunkenheit geküßt; er gab ihr ein Almosen mit seinem Munde, er, der vollkommene und kaltblütige Nebo, ihr, der tierischen und rohen Prinzessin!

Von dieser schmerzlichen Demütigung zeigte ihr ein zweiter Blick auf die Zukunft ihrer Liebkosungen einen Liebhaber, der dafür sorgte, daß sie genoß, und den eigenen Genuß aufgab, um ihn ihr zu gewähren.

– Niemals, dachte sie, werde ich ihm ebenso viel Wollust einflößen, wie ich aus ihm trinke. Mein Körper, so schön er sein mag, so bebend er werden mag, wird ihm keine ähnliche Trunkenheit geben.

Unzufrieden mit sich selbst, an ihrer Schönheit zweifelnd, bot sie dem eine mürrische Stirn zum Kusse dar, der lächelte, wenn sie vor Liebe starb und sich vor Lust wand.

– Von welch düsteren Gedanken kommt diese Prinzessin mit dem traurigen Gesicht? fragte Nebo.

– Ich komme nicht daraus, ich bade darin: Sie lieben mich nicht, Nebo … Nein, Sie lieben nicht die wirkliche Paula, die ich bin, sondern eine eingebildete künstliche Paula, die ich niemals sein werde.

– Da haben wir deine Spiele, Eros! Kaum sind wir unter dein Gesetz getreten, durch die fast ideale Tür des Kusses, und der Vorwurf, die Ungerechtigkeit, die Unruhen der Leidenschaft erheben sich. Der erste lange Kuß hat einen Zweifel aufkommen lassen: was würde also geschehen, großer Gott, wenn wir die Liebkosungen wagten?

– Sie lieben mich nicht, Nebo.

– Am andern Morgen nach der Nacht, wo ich Ihren Hauch statt der Luft geatmet habe, wo unsere Lippen unter unseren Bissen anschwollen, klagen Sie mich an, daß ich die sichtbare und körperliche Paula nicht liebe?

– Sie empfanden nicht, was ich empfand: es fehlt eine Welt daran! Wer nicht ebenso fühlt wie der andere, liebt weniger; und weniger heißt für mich gar nicht!

– Ein schöner Streit! Ich soll eine Erregung nachweisen, die Ihrer gleicht? Wenn mein Glück sich nun anders ausdrückt! Es fehlt mir also an der Liebe, die ich Ihnen gelobt habe, wenn ich nicht ohnmächtig werde, sobald Sie in Ohnmacht fallen?

– Ja, sagte sie.

– Dieses Ja demütigt in mir den Mentor! Wenn ich Sie ein wenig an die Erfahrungen erinnerte, die ich in der Liebe durchgemacht habe, würden Sie denken: wenn ich Ihr erster Kuß bin, sind Sie für mich der …

Sie richtete sich auf.

– Nebo, so viele haben Sie schon umarmt. Oh, wie ist das traurig für eine Frau, zu denken …

– Etwas nachträgliche Eifersucht! Die Illusion wird vollständig: ich scheine mit meiner Geliebten hineingefallen zu sein.

– Ich, ich finde, ich bin sehr mit meinem Liebhaber hineingefallen, ich schwöre es Ihnen!

– Sie können schwören, denn Sie werden nur gegen meinen Willen fallen und ich werde Sie nur mit verzichtendem Körper besitzen: ihr Stolz ist gewarnt.

– Die Genies grenzen an die Narren, mein armer Nebo.

– Gespräche wie diese grenzen an die Verkleinerungen, meine arme Prinzessin!

Die Augen des jungen Mädchens füllten sich mit Tränen.

– Wenn man weiß, daß man der Herr ist, Nebo, führt man eine weniger harte Sprache! Warum dieses schreckliche Wort? Sie werfen einen Stein auf das arme Wesen, das Ihnen immer gehorchen wird.

Zur Antwort küßte er ihr die Augen.

– Ach, ich empöre mich umsonst! Unter deinen Lippen werde ich wieder die Besiegte, die eine Zärtlichkeit entwaffnet.

– Deine Empörung, meine verehrte Schwester, ist ein Wahnsinn. Was kann es dir bedeuten, auf welche Weise ich dich genieße? Wenn mein Glück, dich an meinem Herzen zu haben, so tief ist, daß es sich wenig äußert, warum vermutest du, daß es geringer ist als dein Glück? Was weißt du von meinen geheimen Freuden, um sie zu verachten? Die Wollust bebt auf drei Seiten: ob es deine Haut, dein Herz oder dein Geist ist, der mich ergötzt, wenn ich mich nur ergötze! Ich trinke von deinen Lippen eine höchste Trunkenheit: weil ich nicht taumele, klagst du mich an, ich sei nicht trunken. O mein lieber Engel, laß dich beglücken und zergliedere nicht! Wenn mein Kuß deinen Mund rötet und brennt, wenn mein Auge sich am Strahl deines Auges entzündet, genieße den Kuß und trinke den Blick: du wirst geliebt!

– Ja, mein verehrter Nebo, du liebst mich, aber du gibst dich nicht ganz; du liebst mich, denn du wachst über unsere Liebe, aber die Klugheit und die Vorsicht kränken mich; ich fühle, daß du immer noch Herr über dich bleibst, wenn ich es nicht mehr bin.

– Deine Auffassung ist übertrieben! Was davon wahr ist, kommt daher, daß ich unserer Liebe Dauer verleihen möchte. Ja, ich werde unsere Leidenschaft gegen uns selbst verteidigen.

– Du bist großartig, weise und wunderbar; aber ich möchte dich menschlich töricht und unüberlegt haben. Wenn die Liebe unbegrenzt ist, bewahrt sie in sich keinen Vauban Vauban, Erbauer der französischen Festungen des 17. Jahrhunderts. des Gefühls noch einen vorausschauenden Gewissensrat. Es gibt hunderttausend Arten, sich den Weg zur Liebe zu bahnen: sie zu leben, sehe ich nur eine Art! Es muß ein schöner Anblick sein, wenn das Genie spaßig, der Gewandte einfältig, der Sprecher stumm, der Stolze Diener wird; wenn Nebo sich bis zur Gutmütigkeit eines Bauernburschen herabläßt.

Der Platoniker verfinsterte sich.

– Worte der Circe, abscheulich und verächtlich! Für dieses Kythera bin ich nicht der Fährmann, den man nehmen mußte. An dem Tage, an dem diese Verwandlungen erfolgten, würde unsere Liebe nicht mehr sein. Weib, du kennst keine Zusammenhänge, du wirst vom Monde bestimmt, du willst die Kronen zerbrechen, die Rüstungen losschnallen. Und wenn der Reiz geflohen ist, verschließt sich dein Herz! Zu Ihrer Ehre werde ich diese Einblasung des Teufels vergessen: Nebo wird Sie mit sich erheben, niemals wird er mit Ihnen herabsteigen … Kind, was ich an dir liebe, das sind die schönen reinen schlagenden Flügel. Ehe ich auf dem schlammigen Boden strauchle, würde ich lieber im Sumpf versinken. Ich suche den Engel in dir, und wenn ich ihn anrufe, erscheint die Frau und antwortet.

– Verzeih mir, ich war töricht.

– Deine Torheit wird wiederkommen wie das Wechselfieber: du wirst die selben Worte wieder sprechen.

– Willst du, daß ich lüge und mich anders zeige, als ich bin?

– Nein, gewiß nicht! Habe stets den Mut deines Eindrucks, aber begreife, daß ich die feindlichen Gedanken zurückdrängen muß! Erkenne, daß meine Vorsicht begründet ist, und erlaube mir, o meine sehr geliebte Schwester, was die Kirche in ihren frommen Werken die brüderliche Berichtigung nennt.

– Erlaube mir dafür die schwesterliche Unterbrechung.

– Ich habe stets geantwortet.

– Warum hast du mich ohnmächtig werden lassen?

– Weil wir nicht über den Kuß hinausgehen durften.

– Und bei jedem Kuß willst du mich …

– Kind, gestern mußte es sein, weil du berauscht warst und die Neuheit der Erregung dir weder Scham noch Aufmerksamkeit für mein Wollen ließ.

– Also, künftig werden wir uns ohne Ohnmacht umarmen? fragte sie, etwas ungeduldig, und fing wieder an:

– Aber fühlst du nicht, daß dein Befehl, die Grenze nicht zu überschreiten, mich gerade reizt, trotzdem ich den guten Willen habe?

– Ja, aber du wirst dich eines Wortes erinnern, das aufrecht erhält.

– Dieses Wort, der unzerreißbare Zügel, sagt? forderte sie heraus.

– Heuchle nicht das Vergessen! »Meine Schwester für immer, oder meine Geliebte für einige Monate.« Gegen diesen Urteilsspruch gibt es keine Berufung.

– Und wenn Sie, Nebo der Starke, den Fall verschulden, werde ich immer das Opfer sein?

– Sie wissen, Sie fühlen: wenn es eines Tages zur Vergewaltigung kommt, werden Sie mich vergewaltigen.

– An welchem Ort der Welt, zu welcher Jungfrau wurde jemals diese Ungeheuerlichkeit gesagt?

– Wünschen Sie frühere Fälle zu entdecken?

– Ich wünsche Sie zu verwirren.

– Wieder der dumme Kampf des Geschlechts: wer wird den andern zu Falle bringen? Immer diese Absicht, dem Geliebten ein Bein zu stellen! Wenn sich ein Mann findet, der zu hoch steht, um sich an dieser Roheit zu ergötzen, so fällt dieser Mann auf eine Frau herein, die ihm das Bein stellen möchte.

Sie nahm ihre Handschuhe.

– Ich gehe, Nebo, wir mißfallen uns heute; das stürmische Wetter ist vielleicht schuld daran.

– Klagen Sie nur den Zustand Ihrer Seele an, die sich gegen den sanftesten Herrn empört. Sehen Sie die Folgen von schlechter Laune: statt unsere Lippen zu vereinen, verfeinden wir unsere Gedanken.

– Wie? Sie, Sie rufen mich zum Kuß zurück? Welche unerwartete Botschaft! Ich glaubte, Sie zögen Wortgefecht vor …

– Sie sind ungerecht, Prinzessin! Diese Vorsicht, die Sie tadeln, zieht nichts zurück von dem, was bewilligt und beschlossen wurde. Ich gebe Ihnen meine Lippen und werde glücklich sein, wenn Ihre Lippen sie annehmen; nur will ich keine anderen Liebkosungen.

Sie nahm seinen Kopf in ihre schönen Hände und heftete ihren Mund auf Nebos.

Ein langer Schauer lief ihr vom Nacken bis in die Füße; sie schmiegte sich dicht an den jungen Mann.

Als sie sich losließen, sagte sie, betäubt, etwas schwankend, mit feuchtem Blick:

– Du hast Lippen voll unwiderstehlicher Argumente, o mein Nebo, unvergleichlicher Küsser. Ich glaube an deinen Mund!

 

2.
Phosphoreszenz

Ein Plaudersofa in S-Form war das Möbel, das ihren ersten Berührungen günstig wurde; jeder war in einen Halbkreis gefügt, der den Besitz auf den halben Körper beschränkte: so saßen sie sich gegenüber, Paula glücklich und gierig, Nebo entschlossen und heiter.

Gegen zehn Uhr abends kam Paula, stieg die Treppe mit der Eile eines Gassenbuben empor und warf sich in die Arme ihres Geliebten mit dem Stammeln unsinniger Leidenschaft:

– Du bist es, du, den ich so halte … du bist es, der mich an sich drückt …

Sie keuchte einen Augenblick auf diese Weise und riß sich brüsk aus der Umarmung, um Hut und Mantel abzulegen.

Dann waren es diese Nichtigkeiten, die das große Alles der Liebe bilden: verstohlene Seitenblicke, Betonungen, die dem schwachen Wort einen Glanz von Liebe verliehen, Schmeicheleien von katzenartiger Leidenschaft, Künste einer Favoritin des Sultans, rührende Erfindung einer Frau, die gefallen will, Unschuld einer Jungfrau oder Verderbtheit aus überhitzter Einbildung.

Niemals brachte sie Stadtklatsch von außen mit, dieses Geschwätz aus dem Leben der Stadt, mit dem die Geliebte den Liebhaber langweilt: sobald sie die Schwelle überschritten hatte, war sie nicht mehr die Nichte ihrer Tante Peladan, Weibliche Neugier., noch Prinzessin Riazan, sie war seine Paula, für die das Weltall sich auf ihre beiden Schatten begrenzte.

Wenn sie unter sich waren, erinnerte nicht ein Wort die beiden an draußen: so abgesondert waren sie, so ganz für sich, im Geist wie in der Wirklichkeit. Und diese Liebe, die das Leben mit keinem Vorurteil durchkreuzte, welche sich der vollständigen Sicherheit erfreute, schien der Prinzessin ein wacher Traum zu sein und verleidete ihr für immer ihr sonstiges geselliges und leeres Leben.

Endlich setzte sie sich, bat Nebo, die Leuchter zu löschen, legte, sobald er an ihre Seite kam, ihren Kopf auf seinen Arm zurück, schon außer sich, und mündete sich gefräßig an ihn.

Zuerst war es ein Heißhunger nach Küssen: gierig plünderten ihre Lippen, wie die der Venus in Shakespeares »Adonis«, mit plötzlichen Pausen, wenn sie die Hand an ihr aussetzendes Herz führte.

Ruhiger begann sie von neuem, mit mehr Nachdruck.

Oft riß sie sich heftig los, erhob sich taumelnd und machte einige schwankende Schritte:

– Verzeih mir, geliebter Freund, es kommt ein Augenblick, da ich deine Liebkosung nicht mehr ertragen kann.

Als Nebo die Wollust auf eine noch unbekannte Art steigerte, schrie sie unter der Umschlingung seines Mundes jenen unwillkürlichen Ausruf hinaus, den die heftige Neuheit der Erregung löst und den jeder Leidenschaftliche erwartet:

– Oh, was tust du mir … was tust du mir denn?

Eines Abends, als Nebo weniger Herr über sich war, berauschte er sich seinerseits, während er sonst die Lust über Paula ergoß, indem er seine eigene beherrschte. Sein Kuß hörte auf weise zu sein und wurde furchtbar: ihre beiden Lungen hoben und senkten sich gierig; sie erstickten sich mit ihrem feurigen Atem und ein scharfes Brennen stach ihnen die Lippe. In der Dunkelheit, in der sie sich befanden, erweckten das Röcheln der Prinzessin und das rauhe Pfeifen Nebos ein düsteres Echo; die Blitze eines Gewitters streiften den Raum, den das offene Fenster einrahmte; das Sofa krachte und ihre Nägel kratzten.

Als sie sich erschöpft und mit zerrütteten Nerven aus der Umschlingung lösten, hauchte die Prinzessin mit erschrockener Stimme von verwundeten Lippen:

– Nebo, deine Lippen leuchten im Schatten und ich habe den Geschmack davon gefühlt.

– Deine Lippen leuchten auch, Paula! Die Materie erfaßt uns immer wieder im Wirbel des Ideals: der Kuß der Platoniker ist chemisch und löst Phosphor aus.

Vor diesem Aufleuchten der Hölle saß Paula da, offenen Mundes und schmerzerfüllt.

 

3.
Ebbe und Flut der Augen

Nach dieser Phosphoreszenz kam Paula bei Tage: ein Keim von Aberglaube, den sie nicht kannte, ließ sie den Anblick dieser leuchtenden Lippen fürchten; es schien ihr fast gottlos, die Begierde so weit zu treiben. Ihre Tante und alle, die sie gesehen hatten, fanden, daß ihre Augen Ringe hatten und ihr Mund geschwollen war. Sie ließ sich nicht stören: sie war glücklich über das Brandmal des Besitzes, eine mystische Verliebte.

Ein Gedanke suchte sie immer heim,

– O mein Vielgeliebter, wie soll ich dich entzücken? Was gefällt dir am meisten bei mir? Ist es nicht das Schauspiel meiner Seele, welche die Wollust in meine Augen steigen läßt?

Und die Lippe Nebos sagte:

– Ja!

Unter dem Kuß ihres Geliebten, der langsam, ernst, andauernd war, erwachte etwas in den Augen Paulas, das sich nicht bestimmen ließ: eine Flut von Empfindungen stieg in dem vergrößerten Augenlid auf; eine Flut von Gefühlen, von der Sonne, die ihr Geliebter war, angezogen.

In einem Augenblick wurde der Blick starr, verzückt, von Liebe gebannt; der Blick einer Brigitte auf die Monstranz, von der Seele eingeflößt und von Begierde blendend: das hohe Meer war dieses jungfräuliche Herz, und die Leidenschaft quoll über die Wimpern.

Dann verschleierte sich der Blick ein wenig, der Augapfel verdunkelte sich, die Pupille wurde kleiner: das war das Zurückströmen der Gefühle, der Vorhang dieser Seele, der sich wieder faltete.

Schließlich der verstörte Ausdruck der Frau, die aus der Lust erwacht, mit halb geschlossenen Augenlidern: die geränderten Augen der Besiegten, dieser Blick unendlicher Dankbarkeit, der den Taumel und die Demütigung mit einem träumerischen und zarten Schmerze krönt.

Das junge Mädchen verstand nicht, daß der Anblick ihrer verliebten Augen die höchste Freude Nebos war. Sie schätzte mehr die Wollust ihrer Lippen und mehr als selbst ihre Lippen die Wollust ihres ganzen Körpers. Sie wußte nicht, durch welche seltsame Macht, die er aus verstaubten Folianten schöpfte, der Platoniker ihr die Seele in die Augen treten ließ. Hätte sie ihrem Geliebten in die Seele schauen können, würde sich ihr ein satanischer Stolz enthüllt haben, der nicht zu merken war, weil er sich sehr geschickt offenbarte. Nebo spiegelte sich in der Seele des jungen Mädchens, die ihm ein vergöttlichtes Bild zurückwarf; er berauschte sich daran, sie zu berauschen, und sein Genuß lag in der Ausstrahlung von Paulas Wollüsten.

Wenn sie beim Loslösen aus nervöser Ermüdung seufzte, »ich bin tot – du hast mich getötet«, keuchte er zwar, aber lächelte, furchtbar in seiner Kraft: die Zunge über die Lippen führend, wie ein Löwe, der sich leckt, blieb der Anteros Herr über sich und über sie.

Wenn sie die Augen nach diesen Trunkenheiten des Blickes schloß, war er es, der trunken war und sagte: »ich bin geblendet … du hast mir die Augen ausgerissen«.

Von diesem Geständnis ihres Alciden plötzlich beunruhigt, fragte sich die unbewußte Omphale, die sich in jeder Frau zeigt, die man einen Augenblick nicht zügelt, neugierig:

– Wenn eines Tages in seinen Augen nicht mehr eine solche Naphtha leuchtet, wenn er wirklich geblendet ist und sich nicht mehr gehorcht, dann wird er in meine Arme fallen, in die Gewalt der Liebe.

 

4.
Die Unzählbarkeit

Diese Liebe mit halbem Körper, die sich nur mit Küssen begnügen mußte, erhöhte sich durch feine Erfindungen; diese einzige Liebkosung wurde vielgestaltig, je nach dem, was die Liebe ihr eingab.

Beim Fest der Leidenschaft, wie beim Tafeln der Schlemmerei, bleibt, wenn der Heißhunger gestillt ist, ein Appetit für die Einzelheit, ein ausgelassenes Rauben auf gut Glück; und oft erscheint eine neue Gier, die durch dieses Beutemachen geweckt wird.

Das Buch, das Kleopatra über den Kuß geschrieben hat, ein Buch, das verlorenging, zählte auf, scheint es, ohne dichterischen Ausdruck, im Ton der Monographie, vierzig Arten von eigentlichen Küssen, das heißt, plastisch schöne Küsse, deren Darstellung öffentlich gezeigt werden könnte, ohne lächerlich zu wirken.

Statt sich das große Gedicht des Körpers zu bewilligen, mit seinen zweiundzwanzig Gesängen, hatten sie ihre Lust in einer engen Form umgrenzt, wie im Sonett: darein legten sie ihre ganze Flamme.

Da ihre Lippen allein lebten, gefielen sie sich, deren Anwendung zu suchen und Nuancen zu finden.

Zuerst der Handkuß, der nervös über den Vorderarm streift und dann sich auf die Ader drückt, um langsam bis zur flachen Hand herabzugleiten.

Der Kuß auf die Stirn, der brüderliche Kuß, den sie verdarben, indem sie ihn gleiten und auf der Schläfe zerfließen ließen.

Der Kuß auf die Wange, der sich aufdrückt und eine weißliche Marmorierung zurückläßt, wie eine Schamhaftigkeit der Haut, aus der sich das Blut entfernt hat.

Der Kuß auf die Augen, der die Lider preßt und, wenn er aufhört, die Empfindung gibt, als habe man nach seinem Herzen geschlafen.

Der Kuß aufs Ohr, der betäubt und diese Stimme zu sprechen scheint, die das große Meer in seine Muscheln gelegt hat.

Der Kuß auf den Hals, der sich um den Nacken windet und für einen Augenblick ein warmes Halsband umlegt.

Nur wenn sich die Münder begegneten, erheiterte sich die Wollust: das Feuer der Intensität reinigte sie. Sie hielten diese Begegnung der Lippen für edler, weil sie glühend war, während der wollüstige Reiz der anderen Liebkosungen in ihren Augen ihre Liebe herabsetzte, indem er sie verzierlichte.

Wenn ihre von der Glut getrockneten Lippen sich aufstülpten, indem sie sich faßten; wenn sich beim Klappern der Zähne das Wasser ihrer beiden Münder mischte; wenn ihre Zungen sich gegeneinander spitzten, wie auf der Zeichnung von Leonardo, wo zwei Schlangen ihre gespaltenen und vergifteten Dolche kreuzten: dann fühlten sie sich über allen moralischen und sittsamen Begriffen, glaubten weltliche aber prächtige Flügel zu haben, fühlten sich schön in der Begeisterung und erfaßten einen neuen Zustand ihres Seins. Der geflügelte, von der Seele entführte Körper folgte dem Geist in einem durchdringenden und unerklärlichen Traum, der Paula nach solchen Küssen sagen ließ, im Sinne reiner Idealität:

– Wie hoch sind wir gestiegen, mein Geliebter! Meine Stirn hat vielleicht den Fuß der Engel berührt!

 

5.
Der Teppich der Dejanira

Als Nebo eines Abends heimkehrte, war er höchst erstaunt: in dem kleinen Salon der Küsse, leer von Möbeln, war der Teppich ganz und gar mit schwarzen Bärenfellen bedeckt.

Er rief den alten Diener.

Man hatte die Felle gebracht, ohne zu sagen, von wem, und nach einer Stunde war die Prinzessin gekommen, um sie selbst auszubreiten: da ihm befohlen war, ihr zu gehorchen, hatte Benoit geglaubt, richtig zu handeln, wenn er nichts dagegen einwendete.

Der junge Mann kreuzte die Arme und betrachtete die Felle. Wenn sie einfach hergeschickt wären, hätte es sich um ein Geschenk gehandelt, das zu verstehen war; da sie aber von ihr selbst ausgebreitet und mit besonderer Sorgfalt gegen das Fußgesims hochgehoben waren, um gegen einen etwaigen Stoß zu polstern, hatte er begriffen.

Seine Entmutigung war so groß, daß er, statt diesen Teppich des Nessus weit von sich zu werfen, sich niedergeschlagen und entnervt darauf fallen ließ; seine Hände krampften sich und versenkten sich in die Wolle, um Büschel herauszureißen.

Er entdeckte bald die Absicht Paulas, die man leicht hätte mißverstehen können.

Es war kein Lager für die Begattung, sondern ein Vorwand für die Umschlingung; ein Platz für ein wollüstiges Körper an Körper, eine Bühne für schlangenartige Umarmungen!

Wie sollte er sich verteidigen? Sein Gebot war nicht überschritten worden, und doch, die Liebe mit halbem Körper war zu Ende.

Diese Tierfelle führten die niedrige Berührung herbei. Vielleicht wollte Paula auf diese Weise den Körper befragen und sich über eine der Arten dieser so unerhörten männlichen Kaltblütigkeit aufklären, die ihre Erfahrung verwirrte und ihre Begierde marterte.

Diese Gedanken reizten den Platoniker: seine Niederlage erschien ihm gewiß und war eine Frage, nicht von Monaten, sondern von Tagen geworden.

Das war also das tatsächliche Ende der höchsten Wissenschaft; so lächerlich war die Fähigkeit, den unaufhaltsamen Gang der Triebe aufzuhalten. In seinem Schmerze vergaß er, daß sein Wollen sich nur deshalb nicht verwirklichte, weil es gesetzwidrig war.

Salamander im Feuer der Begierde, Undine in den Tränen der Bitte, Sylphe im Hauche der Liebe, Kobold im Taumel des Beischlafs, beschwor er die Vierheit der Kräfte Die Geister der Elemente Feuer, Wasser, Luft, Erde; nach der Kabbala. Goethe, Faust I..

Doch wurde seine Prinzessin, die eine Beute aller aus Ideal und Leib gemischten Reize war, für ihn die verhängnisvolle Eva, die den Fall herbeiführt, wenn man nicht flieht.

Er beschloß, wenigstens an diesem Tage dem »Körper an Körper« zu entgehen: vom Fußgesims sich erhebend, nahm er Hut und Handschuhe und sagte zu Benoit, der meldete, das Essen sei aufgetragen:

– Ich werde heute nicht zu Abend speisen: räumen Sie ab … Sie werden der Prinzessin sagen, ein Geschäft zwinge mich, fortzugehen, und ich wisse nicht, wann ich zurückkehren werde, jedenfalls spät: sie solle nicht warten.

 

6.
Körper an Körper

Gegen ein Uhr morgens kam Nebo zurück. Bevor er den Schlüssel ins Schloß des Gitters steckte, war er so vorsichtig, nachzusehen, ob nicht ein Licht im Fenster des Boudoirs anzeige, daß Paula anwesend sei: er kannte ihre Hartnäckigkeit.

Alles schlief in dem kleinen Hause. Er stieg hinauf und öffnete, ohne Streichhölzchen anzuzünden, die Tür des Boudoirs, das er durchschreiten mußte, um sein Zimmer zu erreichen. Sein erster Schritt über die Bärenfelle stieß gegen einen unbeweglichen Körper. Ein Blitz des Schreckens fuhr ihm durch die Seele: bei dessen Licht sah er die Prinzessin, die sich getötet hatte! Es war absurd, aber das Herz kennt nicht das Absurde, es kann nur schlagen.

– Paula, meine Paula! rief er, sich auf sie stürzend.

Sie war warm, blieb aber stumm.

Plötzlich beruhigt, erholte er sich von seinem Schrecken und sah schon die eifersüchtige Frage voraus: »Woher kommst du?«

Sie schmiegte ihr von Tränen benetztes Gesicht an das ihres Geliebten, ohne einen Vorwurf, ohne eine Klage; sie strafte so ihre Zärtlichkeit wie auch sein Urteil.

Er schmeichelte ihr mit Küssen, indem er den Groll einer doppelten Niederlage verbarg. Er lag an ihrer Seite auf den Bärenfellen, am selben Abend, an dem sie es gewollt hatte; und statt Vorwürfe, die ihm erlaubt hätten, zum Angriff überzugehen, nichts als Schweigen und Tränen.

Auch seine Tränen rollten, bittere Tränen, dem hochschlagenden Stolze entspringend: zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen murmelte er zornig den Namen der Weltkraft, die ihn traf:

– Eros Basileus!

Er erwartete, umschlungen zu werden, und beunruhigte sich über die neue Unbeweglichkeit Paulas.

Nichts ist von so langer Pein wie das schmollende Schweigen einer geliebten Frau in der Dunkelheit, die ein zweites Schweigen ist, also noch dazu kommt: er machte sich hart gegen diese Herzensangst, ließ die Hand des jungen Mädchens los und entfernte sich etwas.

Seite an Seite liegend, ohne Wort, ohne Liebkosung, litten sie so, daß sie nicht wußten, worunter sie litten; ihr Zustand, der nur Eindrücke aufnahm, schmerzte von unbestimmter Angst. Denn sie hatten sich kein böses Wort gesagt, noch eine zärtliche Berührung verweigert; nur hatte Paula gefühlt, wie die Lippe Nebos sich auf ihrer Lippe verzog, und ihre Kühnheit machte ihr Furcht.

Statt ihren Geliebten durch Liebkosungen zu betäuben, stieg ihr ein Erkalten ins Herz; und wie beim Alpdrücken, wo man nur eine Bewegung zu machen hat, um den Tod zu vermeiden, eine unmögliche Bewegung, so konnte – es war unerklärlich – ihre Stimme nichts aussprechen noch ihre Hand sich ausstrecken.

Eine Wanduhr schlug zwei Schläge, die ihr wie Totengeläut klangen; die Prinzessin zitterte, ohne Grund entsetzt, tastete nach Nebos Händen und stammelte:

– Ich habe Furcht, Bruder, verteidige mich … Oh, sprich zu mir, sonst werde ich verrückt … Es scheint, daß wir tot sind, tot … Wenn ich tot wäre, Nebo, hättest du meine Jungfräulichkeit den Würmern des Grabes überlassen! Den Würmern des Grabes hättest du auch, wenn du tot wärest, deine Männlichkeit überlassen … Sprich zu mir … ich werde wahnsinnig … Du liebst mich doch! Der Schrei, den du eben erstickt hast, kam aus dem Innersten: als ich ihn hörte, bereute ich, dich so schmerzlich erschüttert zu haben … und indem ich bereute, wäre ich bereit gewesen, wieder zu beginnen. Ja, mein Magier, du hast recht, die Leidenschaft sucht ihre Nahrung selbst in den Leiden des Geliebten; aber du machst mir Schmerz auf Schmerz und kannst mir nichts vorwerfen … Du hast gezittert … ich habe wahr gesprochen …

– Es ist traurig, o meine Seele, sagte Nebo schließlich, daß deine Freuden meine Leiden sind! Dieser abscheuliche Augenblick des leidenschaftlichen Lebens, der hundert Jahre gedauert zu haben scheint, erklärt, warum man einander verläßt, einander plötzlich flieht, weil das Leiden die Sanduhr der Tage geleert hat. Erschreckende Ironie dessen, was man Klugheit nennt: unser Streben nach Glück lastet schwerer auf uns als das Dasein selbst. Künftig werden wir uns verwunden und uns verwünschen, um uns nachher anzuklagen und zu beweinen, um uns wieder zu verwunden und wieder zu verwünschen … Die Kehrseite dieser höllischen Medaille ist ein Taumel, geringer als nichts, eine heftige Erregung vom kleinen Gehirn bis zur Lende, und dann Müdigkeit … Ich war kaum noch ein Mensch, aber du bist gekommen …

– Und? fragte Paula begierig und erhoben.

– Ah! sagte er ironisch, mit feinem Ohr für ihre Wünsche … Nein, ich wollte das nicht sagen, was du erwartest, und besonders nicht in dem erwarteten Ton.

Sie sank auf das Bärenfell zurück und seufzte.

Plötzlich beleuchtete sie ein Strahl des Mondes; sie fuhren zusammen, und Nebo sah, daß Paula im weißen Seidentrikot war, das die Umschlingungen begünstigte.

Er schloß die Augen und fiel auf den Rücken: seine Arme waren ohne Leben und Kraft. Auch sein Wille fiel: sein Traum, sich vor der Geschlechtlichkeit Paulas zurückzuziehen, erschien unmöglich. Durch seine eigene Haltung ergab er sich, aber seine Uebergabe schmeichelte der Eroberin nicht: in diesem Abenteuer, wie bei den meisten Zweikämpfen, ist der Sieg der Frau nichts als der Verzicht des Mannes. Nebo war durch die Ermüdung des Geistes überwunden worden, wie ein Festungskommandant durch den Hunger: er ergab sich nicht der Liebe und der Schönheit der Prinzessin, sondern ihrem Eigensinn.

Während Nebo überlegte, hatte sich das junge Mädchen auf den Händen erhoben, beugte sich über ihn und atmete ihn mit ihrem ganzen Wesen ein.

Ohne sein Augenlid zu heben, sah Nebo diese Haltung des weiblichen Tieres, das seine Beute erspäht. Auf vier Tatzen, mit bebendem, Nasenflügel, rückte sie mit dem Oberkörper vor.

Die Wolken verschleierten den Mond. Paula, kühn geworden, suchte mit fieberhaften Händen ihren Geliebten zu umschlingen, um seinen Mund zu erreichen. Er verteidigte sich nicht, es wäre lächerlich gewesen, aber seine Passivität hätte die Prinzessin gedemütigt zurückweichen lassen, wenn nicht etwas Stärkeres als der Stolz sie gehalten und auf die Brust des geliebten Mannes gebettet hätte.

Obwohl er auf diesem Kampfplatz der Liebe gefallen war, wollte Nebo nicht, daß sich das junge Mädchen als Frau daraus erhob: das war seine Stärke. Aber diesem brennenden Munde schmollen, nicht die Binde seiner Arme um diesen Leib werfen: das war stärker als er.

Den geschlechtlichen Stolz, dem die Frau fast alle ihre Freuden schuldet; diese höchste Eitelkeit des Männchens, das entzücken will und sich dabei erschöpft wie ein Zuchthengst; diese Eigenliebe, die Frau, die sich hingibt, ins Paradies zu versetzen: Nebo fühlte sie in sich entstehen, vermischt mit etwas Zorn über diese Umschlingung, in die er ohne Freude willigte.

Er umschlang sie, wie man einen feindlichen Kämpfer umschlingt, mit dem Willen, ihr viel Lust und auch etwas Schmerz zu bereiten.

Paula schrieb Nebos Heftigkeit einer plötzlichen Glut zu und enthüllte die Wildheit der Liebe, die in ihr brütete, auf erschreckende Weise.

Ineinander verschlungen, sich einander einfügend, sich zerdrückend, liebten sie sich, wie man sich haßt. Wenn ein Auge diesen Knoten zweier Körper, der brüllend auf diesen Fellen rollte, gesehen, hätte es nicht unterschieden, ob sie sich liebkosten oder sich würgten. Die rasende Liebe, ebenso schrecklich wie der Haß, gleicht ihm durch dieses Gesetz, das die bei ihrem Uebermaß angelangten Gegensätze aufhebt. Die Glieder krachten bei diesem Liebesrad, das sie wirklich gemartert hätte, wäre es ihnen außerhalb ihres Seelenzustandes auferlegt worden.

An den Knöpfen Nebos, der für dieses Kämpfen nicht passend gekleidet war, zerrieb sich Paulas Haut, die seidene Jacke zerriß, das Trikot platzte an einem Bein. Im Schaum ihrer Münder spürten sie den Geschmack von Blut: sie mußten sich in die Lippe gebissen oder das Zahnfleisch verletzt haben!

Die Haare Paulas lösten sich; da sie wunderbar lang waren, blieben sie bei einer Drehung unter Nebos Körper haften, der einige ausriß, als er sich wandte, ohne daß sie es bemerkte.

Jetzt röchelten sie, während die Lippen schäumten, verwundet und zerschlagen; die Kleider waren zerdrückt und zerrissen, der ganze Körper wie toll. Am Ende seiner Kräfte angelangt, durch einen Willen, der ihn erschöpfte, ließ er sie in Schlaf sinken.

Ein Strahl des Mondes erschien wieder und beleuchtete diese Unordnung. Der Platoniker erhob sich mit Mühe und blickte seine Geliebte schmerzlich an:

– Merodach hat es vorhergesagt!

Vernichtet fiel er zurück.

 

7.
Die scheinbare Krankheit

Die größte Freude der Liebe, die reinste, muß es sein, wenn die geliebte Frau, frei in ihren Worten und in ihren Liebkosungen, am Krankenbette des Geliebten waltet.

Vor dem Bette, ihrem Altar, ist die Frau groß: Mutter, barmherzige Schwester, Geliebte. Wer eine Frau ihren Geliebten hat pflegen sehen, wird einen Engel in ihr vermuten! Der Gedanke, daß der Geliebte leidet, vergeistigt sie; diese Herzogin, die ein nachlässiger Anzug erkältet, wird keinen Ekel vor der abstoßenden Pflege empfinden; wenn der geliebte Mann das Bett hütet, verwandelt sich die Geliebte und wird eine Mutter.

Am Tage nach der löwenartigen Umschlingung, als die Prinzessin herbeistürzte, um eine ähnliche Wollust zu erregen, vereiste sie der Anblick ihres Geliebten, der kränklich auf seinem Bett ausgestreckt lag.

Da sie in der Physiologie unwissend war, dachte sie, das »Körper an Körper« könne unbestimmte und schreckliche Folgen haben. Sie klagte sich bitter an, eine Lust hervorgerufen zu haben, unter der Nebo litt.

Als sie sich von dieser Regung der Reue erholt hatte, blickte sie ihn mit den Augen ihrer Liebe an. Ein peinliches Gefühl ergriff sie: es war kein Terrain gewonnen, der Platoniker schien sich nicht mehr an die Umschlingung zu erinnern. Da sie erwartete, in seinem Worte und in seinem Blicke etwas von der Wärme wiederzufinden, die von den feurigen Küssen geblieben, war sie sowohl in ihrem Herzen wie in ihrer Liebe enttäuscht. Diese Lippen, die noch die Spuren ihrer Lippen trugen, diese noch geschwollenen Lippen erinnerten sich nicht, sondern sprachen wie früher. Die Unempfindlichkeit des jungen Mannes erschien wieder: er war zärtlich, aber ruhig und dachte nicht an die Erregungen, die er empfangen hatte. Je mehr sie ihn betrachtete, desto mehr verlor sie den Glauben, ihn erobert zu haben; ja sie zweifelte sogar an ihrem Gedächtnis.

An diesem Tage lähmte die Art, in der Nebo gekleidet war, das junge Mädchen etwas, ohne daß sie es sich erklärte. Er lächelte innerlich, daß seine doppelte Kriegslist gelungen war. Indem er sich krank stellte, hatte er sich verweiblicht: Spitzenmanschetten fielen ihm über die Hände; seine mit Gold gestickte Bluse aus schwarzer Seide schweifte über einen Goldstoff; purpurne Halbstiefel umschlossen seine Füße. Unter dem schwarzen Satin und dem goldenen Batist ahnte Paula etwas so Gepflegtes wie die Unterkleider der Frau, die in der Maisonne über das Pflaster von Paris eilt und für die zufälligen Begegnungen ein Lächeln in den Mundwinkeln bereit hält.

Auch war er mit orientalischen Düften parfümiert, der weltlichen Koketterie unbekannt.

Während er die Augen schloß, betrachtete sie seine schöne Hand, seinen weißen Arm, seine feinen Beine, seinen kleinen Fuß, seine geschmeidige Taille: sie fühlte, daß etwas Weibliches in ihm war, das ihn vor der Frau verteidigte.

Sie war ihm gegenüber nicht die graziöse Eva, die einen schwerfälligen Jäger mit ihrer Schönheit vernichtete: wenn sie diesen Androgyn wertete, verlor sie in ihren eigenen Augen. Sie gab weniger, als sie glaubte: unvergleichliche Kontur und Haut, das war, was ihr blieb, wenn sie zwischen ihm und ihr den Vergleich zog, bei dem ihre Traurigkeit die eigene Schönheit verleumdete.

– Mein Nebo, die Kränklichkeit kleidet dich entzückend: du bist schön wie ein junger Gott.

Er streckte seine Lippen zu einem Kuß auf Paulas Hand aus.

– Ich werde die Nacht an deinem Lager verbringen, Geliebter.

– Nein, lieber Engel! Ich brauche sehr nötig Schlaf, und deine Gegenwart wäre die Mutter der Schlaflosigkeit, wenn auch einer paradiesischen. Aber wenn du mich pflegst, binde ich deine teuersten Interessen, und ich habe meinen Herrn Körper schon so gedemütigt, daß er auf meinen Geist zurückwirkt: wir würden also beide leiden.

Paula beugte sich über ihn:

– Warum diesen Körper demütigen, das Mittel für so viel Freude?

– Finden Sie, sagte er mit kalter Stimme und schloß wieder die Augen.

– Wie? fragte sie, da sie glaubte, falsch verstanden zu haben.

Sie war bestürzt, daß er die Wollust in ihrer gestrigen Umschlingung leugnete: dieses »Finden Sie« würdigte ihre Liebe und ihre Reize herab.

Er atmete ruhig, als habe er nur ein gleichgültiges Wort gesagt.

Ein Verdacht erwachte im Geiste der Prinzessin: sie zweifelte an der Krankheit. Vielleicht war es nur eine Komödie, um sie in Respekt zu halten?

Da sie begierig war, sich darüber aufzuklären, kürzte sie ihren Besuch ab und ging, die Tür schließend.

Alsbald sprang der Platoniker, den das Liegen langweilte, auf seine Füße, durchmaß mit großen Schritten das Zimmer, zündete sich eine Zigarette an, nahm pfeifend einen Stift, der herumlag, und zeichnete einen Kopf auf die Tapete.

Die Prinzessin hatte ihr Auge ans Schlüsselloch gelegt: sie war verblüfft, ihren Geliebten so plötzlich geheilt, ja munter zu sehen.

Geräuschlos verließ sie das Hotel, mit dem Entschluß, sich durchzusetzen, ihre Scham zu verbrennen und sich darüber keine Vorwürfe zu machen.

 

8.
Die Vergewaltigung

Die Hitze war drückend. Nebo erwartete Paula nicht, da er ein dringendes Bedürfnis nach Schlaf geäußert hatte. Als Benoit ihm meldete, die Prinzessin läute, hatte er nackte Arme, nackte Waden, eine einfache Bluse aus roter Seide, die bis zum Knie ging, und seine Halbstiefel: unwillig warf er sich auf sein Bett.

– Nun, lieber Nebo?

– Schlecht, sagte er; die Elektrizität, mit der die Luft geladen ist, schwächt mich.

Sie konnte dem Vergnügen nicht widerstehen, ihn auf die Schulter zu küssen.

– Das ist eine Liebkosung, die der Mann der Frau erweist, bemerkte er.

– Warum haben Sie die Anmut einer Frau?

– Als Androgyn.

– Worin besteht im Grunde das Androgynentum, Nebo?

– Darin, daß man einen Kranken nicht plaudern läßt; daß man von einem Kopfe, den die Migräne zwickt, keine Erklärung verlangt; daß man die Leute, die schläfrig sind, ruhen läßt, wenn man sie liebt.

– Es ist gut, mein Freund, ich werde nicht mehr zu Ihnen sprechen, schlafen Sie: Sie werden mich nicht fortgehen hören. Wollen Sie, daß ich diesen Leuchter lösche?

Nebo machte eine vage und müde Gebärde. Sie blies die Kerzen aus und legte ihren Staubmantel ab. Der Platoniker, der sie beobachtete, sah, daß sie kein Korsett, keine Turnüre trug, und beunruhigte sich.

Sie ging hinter seinen Kopf: er sah sie nicht mehr.

Nach einer Weile fragte er:

– Paula, wo sind Sie? …

– Hören Sie mich? …

– Nein! Kommen Sie doch her …

– Ich habe es mir nur etwas bequem gemacht.

– Zum Teufel! murmelte er ängstlich.

Er hielt es für besser, zu schweigen und den Schlummer zu heucheln.

Sie kam endlich in den Gesichtskreis der scheinbar geschlossenen Augen des jungen Mannes: die Arme waren nackt, aber bis an den Hals war sie weiß gekleidet … Das Wort »bequem« hatte ihn an eine Entblößung denken lassen. Sie mußte ihre Schuhe ausgezogen haben, denn Nebo hörte sie nicht auftreten. Er sah ihre weiße Gestalt kommen und gehen und fühlte den leisen Luftzug ihrer Bewegung: er wurde reizbar und rührte sich.

– Nebo, was haben Sie?

– Mir ist sehr warm, Prinzessin.

– Ich werde Ihnen fächeln.

Sie kauerte sich neben das Bett und bewegte eine große Palme.

Nebo sah sie jetzt besser und studierte ihre Kleidung, darin eine mögliche, wenn nicht wahrscheinliche, Absicht suchend.

Es war ein sehr weites Kleid, aus einem leichten, jedoch nicht durchsichtigen Gewebe; aber sicher war nichts darunter.

Indem er aufmerksam die Luft, die sie machte, einzuatmen schien, fragte er sich also: »Sollte es ein günstiges Gewand sein, ja oder nein?«

– Sie sitzen so schlecht, und sehen Sie, es regnet.

Wirklich begannen schwere Tropfen, denen prasselnder Strichregen folgte, einen heftigen Guß.

– Mein liebes Kind, da Sie darauf bestehen, bei einem Brummbären wachen zu wollen, der das nicht nötig hat, werde ich so selbstsüchtig sein, Ihnen nicht Gesellschaft zu leisten, sondern mich den wiegenden Armen der Frau Morpheus anvertrauen, die in dieser Stunde Ihre siegreiche Rivalin ist. Nähern Sie Ihre Stirn … sie ist brennend. Gute Nacht, meine Schwester.

Er tat, als ob er schliefe.

Einige Minuten vergingen: kein Geräusch erklärte ihm, was die Prinzessin tun könne. Er hatte sich nach der Wand gedreht, hinter sich etwas Platz auf dem engen Bette lassend.

Plötzlich gab die Matratze nach: langsam, mit unendlicher Vorsicht streckte sich Paula an seiner Seite aus. Er wunderte sich, daß sie mit so wenig Platz auskam: es mußte der verliebten Jungfrau recht unbequem sein!

Bald lehnte sie sich etwas an ihn; er seufzte, als erwache er eben; das machte sie eine ganze Weile unbeweglich, dann stellte sie die Berührung wieder her.

Nebo stammelte verworrene Worte; er fühlte, wie sie zitterte; sein Murmeln wurde deutlicher, er sprach, als quäle ihn ein Traum.

– Unrecht … wie? Ja … Androgyn … ich will nicht … du, du willst … und die göttlichen Gesetze … Verhängnis … Die Liebe … nein, Schwester … und mein Bruder … Paula … sehr schön bist du … ich sage dir, nein … die Elohim erlauben es nicht … wenn du die Gnosis Die Gnosis (griech. Erkenntnis) wollte das Christentum nach den antiken Mysterien umgestalten. Der Geist ist ein Gottesfunke, der von der Sinnenwelt gefangen gehalten wird: Askese. kennen würdest … O die Frau … sie gibt den Taumel … die große Unbesonnene … ich sage dir, was im Texte steht … im chinesischen … der Baphomet Götze der Tempelherren (Gnostiker), mannweiblich mit zwei Gesichtern. … Verleumdung … Ja, du bist schön, aber du bist nicht weise … oh, durchaus nicht weise … durchaus nicht … durchaus nicht …

– Nebo, du bist nicht krank, und du schläfst nicht, rief Paula und wagte die Gebärde, von der Merodach gesprochen hatte.

Nebo erhob sich, stieß sie zu Boden und sprang auf.

– Ich gehöre nicht zu denen, die man vergewaltigt, Prinzessin.

Sie verbarg ihr Gesicht in ihren Händen, zum ersten Male verwirrt.

– Ich gehöre auch nicht zu denen, die unnötig eigensinnig sind. Sie wollen mit mir das Rätsel der Körper entziffern? Es sei! Aber der Körper ist sterblich, nichts dauert von den Gefühlen, in die er eintritt. Du wirst Trunkenheiten genießen, aber du wirst mich verlieren.

– Ich werde dich zu halten wissen, o mein Vielgeliebter.

– Erinnere dich, es ist nicht mehr Zeit, zurückzuweichen! Erinnere dich, daß ich nicht mehr an dich gebunden bin, daß die Schwüre, die ich in der Folge machen werde, nichts gelten, da sie Söhne des schwachsinnigen Taumels sind!

Sie wollte ihm die Arme um den Hals werfen: er entfernte sie mit einer Gebärde.

– Geh, und laß mich sieben Tage meine Schwester beweinen.

– Nebo!

Sie flehte.

– Mein Traum ist zu Ende! Ich muß mich sammeln, bevor ich deinen verwirkliche.

– Du erschreckst mich!

– Wenn du ermessen könntest, was ich verliere, würden deine Haare plötzlich weiß werden und von selbst zu deinen Füßen fallen.

Sie rang die Hände.

– Verzeih, ich werde gehorchen, ich werde das sein, was du wünschest, o mein Bruder.

– Der Bruder ist tot, laß den Geliebten geboren werden …

Mit der Hand zwang er die Verzweifelnde zu gehen.

Sobald er allein war, rollten seine Tränen, blutige Tränen des Mannes, der sein Ideal gesehen, seinen Traum gelebt hat, und der für immer in die erbärmliche, niedrige, kindische und kreuzigende Wirklichkeit der Frau und der Liebe fällt.


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