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7. Kapitel
Die Teemeister

In der Religion liegt die Zukunft hinter uns. In der Kunst ist die Gegenwart das Ewige. Die Teemeister hielten ein echtes Kunstverständnis nur bei Menschen für möglich, die aus ihm eine lebendig-wirksame Kraft machten. Sie suchten darum ihr tägliches Leben nach dem hohen Kulturstand einzurichten, der im Teeraum herrschte. In allen Lebenslagen galt es, die Ruhe der Seele zu bewahren. Die Unterhaltung mußte stets so geführt werden, daß sie in keinem Falle die Harmonie der Umgebung störte. Schnitt und Farbe der Gewänder, Körperhaltung und Gangart konnten sämtlich als Ausdruck künstlerischer Persönlichkeit dienen. Es waren lauter Dinge, die keineswegs vernachlässigt werden durften, denn bis man nicht an sich selbst die Schönheit gepflegt hatte, besaß man auch kein Recht, sich der Schönheit zu nahen. So strebte denn der Teemeister nach etwas Höherem sogar als der Künstler -- nämlich danach, selbst Kunst zu sein. Dies war der Zennismus der Ästhetik. Vollkommenheit ist überall, vorausgesetzt, daß man sie finden will. Rikyu liebte es, ein altes Gedicht zu zitieren, in dem es heißt: »Dem, der nur Blumen begehrt, möchte ich den vollen Frühling weisen, der in den kämpfenden Knospen der schneebedeckten Berge wohnt.«

Vielfältig in der Tat ist das, was die Teemeister zur Kunst beigetragen haben. Sie haben die klassische Architektur und Innenkunst Japans von Grund auf revolutioniert und den neuen, in dem Kapitel vom Teeraum geschilderten Stil begründet, einen Stil, der sogar die nach dem sechzehnten Jahrhundert gebauten Paläste und Klöster sämtlich beeinflußt hat. Der vielseitige Kobori Enshu hat uns außerordentliche Proben seines Genies in der kaiserlichen Villa von Katsura, in den Schlössern von Nagoya und Niiya und im Kloster von Kohoan hinterlassen. Alle berühmten Gärten Japans sind von den Teemeistern angelegt. Unsere Keramik würde ihre hohe Qualität aller Wahrscheinlichkeit nach nie und nimmer erreicht haben, hätten ihr nicht die Teemeister ihre künstlerische Eingebungskraft geliehen, indem sie von unseren Töpfern für die Herstellung der in der Teezeremonie gebräuchlichen Geräte das höchste Maß von Geschicklichkeit verlangten. Die sieben Kübel Enshus sind allen Kennern japanischer Keramik wohl bekannt. Viele unserer Textilfabrikate tragen den Namen der Teemeister, die ihre Farben oder Muster ersannen. Ja, es ist schier unmöglich, irgendein Kunstgebiet zu entdecken, das nicht die Spuren ihres Genies trägt. In der Malerei wie in der Lackarbeit erscheint es fast als überflüssig, auf ihre ungeheuren Verdienste hinzuweisen. Eine unserer größten Malerschulen verdankt ihren Ursprung dem Teemeister Honami Koetsu, der auch für seine Lackarbeiten und Töpfereien berühmt ist. Neben seinen Arbeiten versinkt das prachtvolle Werk seines Enkels Koho und seiner Großneffen Korin und Kenzan fast in Schatten. Die ganze Korinschule, wie sie in der Regel genannt wird, ist ein Ausdruck des Teeismus. In den Grundprinzipien dieser Schule erkennen wir gleichsam die lebendige Natur selbst wieder.

Allein der gewaltige Einfluß der Teemeister auf dem Gebiete der Kunst ist nichts, verglichen mit ihrem Einfluß auf die Lebensführung selbst. Wir spüren die Gegenwart der Teemeister nicht nur in den Bräuchen der guten Gesellschaft, sondern auch in den Einzelheiten unserer Hausordnung. Viele unserer zartesten Gerichte wie unsere Art, die Speisen anzurichten, sind ihre Erfindung. Sie haben uns gelehrt, uns in gedämpfte Farben zu kleiden. Sie haben uns in dem rechten Geiste unterwiesen, mit dem man sich den Blumen nahen soll. Sie haben den uns angeborenen Hang zur Einfachheit noch verstärkt und uns die Schönheit der Dinge gezeigt. Ja, dank ihren Lehren ist der Tee in das Volksleben eingedrungen.

Wer von uns das Geheimnis nicht kennt, sich sein Dasein auf dem stürmischen Meer törichter Plagen einzurichten, das wir Leben nennen, wird sich trotz aller Versuche, glücklich und zufrieden zu erscheinen, in einem dauernden Zustand des Elends befinden. Wir schwanken in dem Versuch, das moralische Gleichgewicht zu wahren, und erkennen in jeder Wolke, die am Horizonte auftaucht, einen Vorboten des Ungewitters. Und doch wohnt Freude und Schönheit auch im rollenden Schwunge der Wogen auf ihrem Wege zur Ewigkeit. Warum nicht auf ihren Geist eingehen oder, wie Lieh-tze es tat, auf dem Orkane selber reiten?

Nur wer mit dem Schönen gelebt hat, kann in Schönheit sterben. Die letzten Augenblicke der großen Teemeister waren von derselben auserlesenen Kultur wie ihr ganzes Leben. Ständig danach trachtend, in Harmonie zu sein mit dem großen Rhythmus des Alls, waren sie auch darauf vorbereitet, einzugehen in das Unbekannte. »Der letzte Tee Rikyus« wird auf ewig als Gipfel tragischer Größe hervorragen.

Lang hatte die Freundschaft Rikyus mit Taiko Hideyoshi gedauert, und groß war die Achtung, die der gewaltige Krieger dem Teemeister entgegenbrachte. Das Zeitalter war schwanger von Verrat. Man traute selbst seinen nächsten Verwandten nicht. Rikyu war kein liebedienerischer Höfling und hatte öfters den Mut, anderer Meinung zu sein als sein wilder Gönner. Da machten sich die Feinde Rikyus die seit einiger Zeit bestehende Entfremdung zwischen dem Taiko und Rikyu zunutze und beschuldigten Rikyu, an einer Verschwörung zur Vergiftung des Tyrannen beteiligt zu sein. Man flüsterte Hideyoshi ein, der todbringende Trank solle ihm in Gestalt des grünen Getränks gereicht werden, das von der Hand seines Teemeisters zubereitet sei. Für Hideyoshi war Verdacht allein schon Grund genug zu sofortiger Hinrichtung, und vor dem Willen des erzürnten Herrschers war keine Gnade möglich. Eine einzige Gunst ward dem Verurteilten gewährt -- die Ehre, durch eigene Hand zu sterben.

An dem für die Selbstauflösung ausersehenen Tage lud Rikyu seine Hauptjünger zur letzten Teezeremonie zu sich. Traurig fanden sich die Gäste zur festgesetzten Stunde an der Schwelle des Teehauses ein. Sie blicken den Gartenpfad hinab, und die Bäume scheinen zu erschauern. Im Rauschen der Blätter wird das Raunen ruheloser Geister laut. Gleich ernsten Wachen vor den Toren des Hades stehen die grauen Steinlaternen. Eine Welle kostbaren Weihrauchs dringt vom Teeraum herüber. Es ist das Zeichen, das die Gäste einzutreten bittet. Einer nach dem anderen tritt vor und nimmt seinen Platz ein. Im Tokonoma hängt ein Kakemono, die wunderbare Schrift eines alten Mönches, die von der Vergänglichkeit alles Irdischen handelt. Der über dem Kohlenbecken kochende Kessel tönt und summt wie eine Zikade, die ihre Leiden dem schwindenden Sommer klagt. Bald betritt auch der Wirt den Raum. Reihum wird der Tee gereicht, und reihum leert ein jeder schweigend seine Schale, der Gastgeber zuletzt. Der hergebrachten Sitte folgend ersucht der Ehrengast alsdann um die Erlaubnis, die Teegeräte zu besichtigen. Rikyu legte ihnen die einzelnen Gegenstände vor, auch das Kakemono. Nachdem ein jeder ihre Schönheit bewundert hat, schenkt Rikyu jedem der anwesenden Gäste einen Gegenstand zum Andenken. Einzig seine Teeschale behält er zurück. »Niemals wieder soll dies von den Lippen des Unglücks besudelte Gefäß von Menschen gebraucht werden.« Sagt es und bricht die Schale in Stücke.

Die Zeremonie ist beendet; die Gäste halten nur mit Mühe ihre Tränen zurück, nehmen letzten Abschied und verlassen den Raum. Ein einziger nur, Rikyu der liebste und nächste, wird gebeten, zu verweilen und Zeuge zu sein vom Ende. Alsdann entledigt Rikyu sich des Teegewandes und legt es sorgsam gefaltet auf die Matte, und das makellos weiße Totenkleid wird sichtbar, das er bisher verborgen hat. Liebevoll blickt er auf die blitzende Klinge des tödlichen Dolches, und in wundervollen Versen redet er zu ihm also:

»Froh grüße ich dich,
Du, Schwert der Ewigkeit!
Durch Buddha,
Und durch Dharma gleichermaßen
Hast deinen Weg du dir gebahnt.«

Und lächelnden Gesichtes ging Rikyu hinüber ins Unbekannte.

*

Zur Aussprache

In den fremden Namen spreche man

ch wie tsch

j wie dsch

sh wie sch

y wie j

Druck des 76.-90. Tausends von Ernst Hedrich Nachf., Leipzig


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