Karl May
In den Schluchten des Balkan
Karl May

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Im Taubenschlag

Wir ritten an der Arda hin. Der Führer Albani's hatte, wie ich gleich sah, das beste Maulthier für sich ausgesucht und saß in einem guten türkischen Sattel. Dem Deutschen hatte er ein obstinates Thier gegeben und einen Sattel, der mich zum Lachen brachte. Wäre es noch ein Samar gewesen, so hätte es gehen mögen; aber dieses Ding war ein scharfkantiges Holzgestell und zwar so breit, daß die Füße des Reiters hüben und drüben über eine halbe Elle vom Maulthiere abstanden. Das mußte dem Reiter Schmerz verursachen, wenn er es nicht vorzog, die Kniee bis zum Sitz heraufzunehmen. Riemen und Steigbügel gab es nicht. An ihrer Stelle hing zu beiden Seiten des Martergestelles je ein Strick herab, welcher in mehrere Fußschlingen geknotet war, eine Vorrichtung, welche sich mehr durch ihre Billigkeit als durch ihre Zuverlässigkeit auszeichnete.

Wir hatten die Stadt nicht weit hinter uns, so kam uns ein Mann mit einem Hund entgegen. Der Köter bellte uns an, und sofort ging Albani's Thier mit den Hinterbeinen in die Luft, nicht schnell ausschlagend, sondern langsam. Man sah, das Thierchen hatte Übung in dieser Evolution und führte sie künstlerisch und geschmackvoll aus.

»Ah, eh, oh!« rief der Reiter. »Fängst Du schon jetzt wieder an! Bestie Du!«

Er versuchte, sich zu halten, vermochte es aber nicht. Er rutschte über den Kopf des Thieres herab und saß an der Erde, noch ehe die Hinterhufe den Boden wieder berührt hatten. Er sprang auf und schlug das Maulthier mit der Faust zwischen die Ohren. Da aber meinte der Besitzer desselben:

»Warum schlägst Du es? Gehört es mir oder Dir? Hast Du das Recht, ein fremdes Thier zu quälen?«

»Hat dieses Thier das Recht, einen fremden Menschen abzuwerfen?« antwortete Albani.

»Abzuwerfen? Hat es Dich etwa abgeworfen? Es hat Dich ganz langsam und säuberlich herabrutschen lassen, damit Du Dir keinen Schaden zuziehen mögest. Du bist ihm also Dank schuldig. Statt dessen aber schlägst Du es!«

»Ich habe es gemiethet, um zu reiten, nicht aber, um abgeworfen zu werden. Es hat zu gehorchen. Ich bezahle es, und es ist also mein. Wenn es nicht gehorcht, so züchtige ich es!«

»Oho! Wenn Du es noch einmal schlägst, so reite ich zurück und lasse Dich auf der Straße sitzen. Steig' wieder auf!«

Albani krabbelte wieder hinauf; aber nun wollte das liebe Viehzeug nicht laufen. Es wich nicht von der Stelle. Der Reiter schimpfte, er wetterte; das Thier schien Freude an dessen Zorn zu haben. Es drehte den Schwanz und wedelte mit den Ohren; aber es wich nicht von der Stelle. Albani getraute sich nicht, es wieder zu schlagen. Er forderte den Besitzer auf, sein Thier in Bewegung zu bringen; dieser aber antwortete:

»Laß ihm nur seinen Willen. Es will stehen bleiben, und so mag es stehen. Es wird schon selbst wieder an das Laufen denken. Wir reiten einstweilen weiter.«

So geschah es. An einer Krümmung des Weges blickte ich mich um. Dort stand das halsstarrige Geschöpf immer noch und wedelte mit den Ohren. Kaum aber hatten wir diese Krümmung hinter uns, in Folge dessen es uns nicht mehr zu sehen vermochte, so setzte es sich in Bewegung, und zwar in einem solchen Galopp, daß das Sattelgestell, auf welchem Albani auf- und niederflog, in allen Fugen krachte. Und da es nun einmal im Laufen war, so blieb es auch nicht wieder halten, sondern es rannte an uns vorüber und weiter, immer weiter fort.

Das wirkte ansteckend. Das Packthier, welches der Besitzer am Leitzügel führte, riß sich plötzlich los und lief hinter dem Ausreißer her; wir natürlich ihm nach. Doch mußten wir bald halten, um die Gegenstände aufzulesen, welche vom Packsattel herabgeschleudert worden waren. Als wir dann Albani erreichten, saß er wieder an der Erde und rieb sich diejenige Körpergegend, welche eigentlich in den Sattel, aber nicht auf den Erdboden gehörte. Die beiden Thiere standen dabei, schwangen die Schwänze, wirbelten die Ohren und fletschten die Zähne. Man hätte denken mögen, daß dies ein höhnisches, schadenfrohes Lächeln vorstellen solle.

Die abgeworfenen Sachen wurden wieder befestigt. Albani stieg auf, und es ging weiter. Aber noch keine halbe Stunde war vergangen, so blieb die liebe Kreatur wieder stehen und wollte nicht von der Stelle.

»Es wird nachkommen. Reiten wir weiter,« meinte der Herr und Gebieter.

Ich hatte bisher geschwiegen; jetzt aber sagte ich zu ihm:

»Wünschest Du etwa, daß das Packthier wieder durchgehen soll? Wenn sich das wiederholt, so werden wir weit kommen. Er mag die Peitsche nehmen.«

»Das dulde ich nicht.«

»So, so! Was hat dieser Herr zu Dir gesagt, als er die Thiere miethete?«

»Er hat zwei Pferde oder Maulthiere verlangt, eins zum Reiten und das andere für das Gepäck.«

»Schön, sehr schön! Er hat also nicht ausdrücklich dasjenige Thier verlangt, welches Du ihm gegeben hast?«

»Nein.«

»Nun, so steige ab, und tausche mit ihm!«

Er machte ein höchst verwundertes Gesicht. Er schien meinen Vorschlag für ganz unbegreiflich, für unsinnig zu halten.

»Was meinst Du? Ich soll ihm hier dieses Thier geben? Das ist ja mein!«

»Das andere ist auch Dein, verstanden?«

»Aber ich reite nur auf diesem da, auf keinem andern.«

»So wirst Du aber jetzt einmal eine Ausnahme machen. Dieser Herr hat ein Thier für das Gepäck und eins zum Reiten verlangt. Zum Reiten gehört auch ein Reitsattel. Es gibt aber bei Dir nur einen solchen, in diesem sitzest Du. Wer ein Reitthier bezahlt, muß es auch bekommen. Du wirst also mit ihm tauschen.«

»Das fällt mir nicht ein!«

»Aber mir fällt es ein!« antwortete ich mit erhöhter Stimme. »Ich habe den Ferman des Großherrn; dieser Herr ist jetzt mein Begleiter; er steht unter meinem Schutz, also auch unter demjenigen des Padischah. Wenn ich Dir einen Befehl ertheile, so hast Du einfach zu gehorchen. Also heraus aus dem Sattel!«

Albani stieg wieder ab; der Andere aber sagte:

»Er hat zwei Thiere verlangt und er hat sie erhalten. Ich lasse mir nichts befehlen!«

»Halef!«

Der kleine Hadschi hatte schon längst, mit der Hand am Peitschenstiel, auf diese Aufforderung gewartet. Kaum war das Wort ausgesprochen, so sauste die Nilpferdpeitsche dem Ungehorsamen auf den Rücken nieder, und zwar so gewaltig, daß er, laut schreiend, aus dem Sattel sprang. Er erhielt noch einige Hiebe und hatte nun gar nichts mehr gegen den >Umzug< zu bemerken. Man muß die Leute nach ihrer rechten Art zu behandeln wissen.

Natürlich war Albani ganz einverstanden mit der eingetretenen Veränderung; er hatte Vortheil davon, aber leider wir Anderen nicht, denn bis wir den nächsten Ort erreichten, war das eine Maulthier zweimal mit seinem Herrn und das andere noch einmal mit dem Gepäck durchgegangen. Zum Glück fanden wir dort einen Pferdebesitzer, welcher bereit war, uns aus der Verlegenheit zu ziehen. Der Andere wurde abgelohnt. Er rief uns, als wir fortritten, noch allerlei Drohungen nach, aus denen wir uns aber nichts machten.

Wollten wir die gerade Richtung nach Menlik einhalten, so hätte uns der Weg nach Boltischta geführt. Aber der gerade Weg ist nicht stets auch der kürzere. Es lagen uns da eine Menge Höhen und Querthäler im Wege. Um die unausbleiblichen Beschwerden und Zeitversäumnisse zu vermeiden, bogen wir nach Norden ab, damit wir über die Kruschemahöhe hinweg das Thal des Domus oder Karlyk erreichten.

Zur Mittags-Zeit machten wir in Nastan Halt und am Abend befanden wir uns in Kara-Bulak, wo wir übernachteten. Dann wendeten wir uns wieder westlich, in der Richtung auf Nevrekup.

Gegen Mittag befanden wir uns auf einer Hochebene, welche sich dann steil nach Dospad-Dere hinabsenkte. Es gab da keinen eigentlichen Weg, und es wurde uns schwer, uns durch die zahlreichen und dichten Buschgruppen zu winden, welche uns hinderten.

Als wir an einer dieser Gruppen vorbeikamen, that Rih ganz plötzlich einen Seitensprung, was ich an ihm gar nicht gewohnt war. Ich ließ ihm den Willen, und er schnaubte ganz auffallend, indem er die Nase nach dem Gebüsch hinrichtete.

»Sihdi, es ist Jemand da drin,« sagte Halef.

»Vielleicht. Jedenfalls liegt etwas Ungewöhnliches vor.«

Der Hadschi war bereits von seinem Pferde gestiegen und drang in das Gesträuch. Ich hörte einen lauten Ausruf. Er kehrte zurück und sagte:

»Komm herein! Da liegt eine Leiche.«

Natürlich folgte ich ihm mit den Anderen. Wir fanden ein kleines, freies Plätzchen, rings von dichten Sträuchern umgeben. Hier lag die Leiche einer Frau, und zwar in kniender Stellung, mit der Stirn an ein eigenthümliches Bauwerk geneigt.

Es waren nämlich Steine so über einander gelegt, daß sie eine Art Altar bildeten, auf dem sich eine Nische befand, in welcher wir ein kleines hölzernes Cruxifix erblickten.

»Eine Christin!« sagte Halef.

Er hatte Recht. Es war ein verborgenes Heiligthum im Walde, vielleicht von dieser Frau unter vielen Mühen errichtet, denn ich hatte die Bemerkung gemacht, daß Steine hier selten waren. Sie hatte dieselben – wer weiß, wie weit und unter welchen Anstrengungen – herbei geschleppt, um ungestört ihrem Gott dienen zu können.

Ich fühlte mich tief ergriffen, und auch die Anderen, obgleich Muhammedaner, standen schweigend da. Der Ort, an welchem Gott eine Seele zu sich ruft, ist ein heiliger Ort.

Ich kniete nieder, um zu beten, und meine Begleiter thaten dasselbe. Dann untersuchte ich die Leiche.

Die Frau war vielleicht in der Mitte der Dreißig. Das edle, fein geschnittene Gesicht war hager. Die kleinen Hände, welche gefaltet in einander lagen und einen Rosenkranz hielten, hatten keine Spur von Fleisch. Am kleinen Finger der Rechten stack ein goldener Reif mit einem Amethyst, doch ohne irgend ein eingravirtes Zeichen. Sie war nicht nach bulgarischer Weise, sondern wie eine Türkin gekleidet. Sie hatte vor dem Bilde des Gekreuzigten ihr Haupt entblößt. Der Gesichtsschleier lag neben ihr. Sie war jedenfalls schön gewesen; sie war es selbst noch im Tode. Ihr Mund lächelte, und in ihren Zügen lag ein Frieden, welcher vermuthen ließ, daß der Todesengel sie mit sanfter Hand berührt habe.

»Was wirst Du thun?« fragte Halef.

»Es gibt nur Eins zu thun: wir müssen die Angehörigen der Todten zu finden suchen. Diese wohnen in der Nähe, denn eine Frau pflegt sich nicht weit von ihrer Wohnung zu entfernen. Wir müssen in der Nähe von Barutin sein. Kommt! Wir lassen sie natürlich hier.«

Wir stiegen wieder auf und ritten weiter.

Die Höhe senkte sich jetzt steiler abwärts, und die Büsche traten weiter auseinander. Bald erblickten wir ein thurmartiges Gebäude, in dessen Nähe mehrere kleine Häuser standen. Da sagte der Pferdebesitzer:

»Das muß der Karaul des Jus Baschi sein.«

Karauls sind Wachtthürme, gewöhnlich mit Militär besetzt, zum Schutze der Straße und Gegend. Sie stammen aus früherer Zeit, haben aber ihren Zweck nicht verloren.

Der Thurm stand hoch, und wirklich führte tief unten so etwas Straßenartiges vorüber nach einem Orte, den wir in der Ferne erblickten.

»Das ist Barutin,« sagte der Mann. »Ich bin hier, wo wir uns befinden, noch nie gewesen; aber ich habe von diesem Karaul gehört. Es wohnt ein Jus Baschi hier, welcher in Ungnade gefallen ist. Er läßt sich nicht viel sehen; er lebt wie ein Ehl ül wahdet. Er ist ein Menschenfeind; aber sein Weib soll eine Freundin der Armen und Unglücklichen sein.«

»Reiten wir hin!«

Als wir bei dem Thurme ankamen, trat uns aus der Thüre ein alter Mann entgegen, dem man es ansah, daß er Soldat gewesen sei. Einen so dichten langen Schnurrbart, wie er trug, hatte ich noch niemals gesehen.

»Zu wem wollt Ihr?« fragte er in unfreundlichem Tone.

»Ich höre, daß hier ein Offizier wohnt?«

»Ja.«

»Ist er daheim?«

»Ja. Aber er spricht mit Niemand. Reitet weiter.«

»Das werden wir thun; doch sage uns vorher, ob vielleicht in der Gegend hier eine Frau gesucht wird.«

Sein Gesicht nahm sofort den Ausdruck der größten Spannung an. Er antwortete:

»Ja, ja. Die Herrin ist verschwunden. Wir haben sie bereits seit gestern früh gesucht, doch vergeblich.«

»Wir haben sie gefunden.«

»Wo? Wo ist sie? Warum kommt sie nicht mit?«

»Führe mich zu Deinem Herrn!«

»Komm, komm!«

Er war auf einmal freundlich geworden. Ich stieg ab und folgte ihm. Der Thurm war sehr massiv gebaut. Unten gab es keinen Wohnraum. Wir stiegen eine Treppe empor und gelangten in ein kleines Gemach, in welchem ich warten mußte. Ich hörte in der Nebenstube einige laute Ausrufe, dann wurde die Thüre aufgerissen, und der Hauptmann erschien auf der Schwelle.

Er war wohl noch nicht fünfzig Jahre alt und ein schöner Mann. Seine Augen waren sehr geröthet; er hatte geweint.

»Du hast sie gefunden? Wo ist sie?« rief er hastig.

»Erlaube mir erst, Dich zu grüßen,« antwortete ich. »Darf ich bei Dir eintreten?«

»Ja, komm herein!«

Der Raum, in welchen ich jetzt trat, war ziemlich groß. Er hatte drei hohe, schmale, schießschartenähnliche Fenster. An den Wänden lagen Kissen als einziges Meublement, und über ihnen hingen rundum viele Waffen und Tabakspfeifen. Zwei Knaben, die sich umschlungen hielten, saßen in der Ecke. Ich sah es ihnen an, daß auch sie geweint hatten. Der martialische Alte entfernte sich nicht. Er wollte hören, was ich zu sagen hatte.

»Sei willkommen!« meinte der Jus Baschi. »Also, wo ist meine Frau?«

»Hier in der Nähe.«

»Das ist unmöglich. Wir haben sie gesucht allüberall, ohne sie zu finden. Noch jetzt sind alle meine Leute auf den Beinen, um nachzuforschen.«

Ich wollte natürlich mit der Todesnachricht nicht sogleich herausplatzen; darum fragte ich:

»War Dein Weib krank?«

»Ja, sie war schon längst krank. Warum fragst Du? Ist sie todt? Ich weiß, daß sie nicht mehr lange leben kann, denn der Arzt hat mir gesagt, daß sie weremli ist.«

»Du bist gefaßt, die Wahrheit zu hören?«

Er erblaßte und wendete sich ab, als ob ihn so die Nachricht weniger hart treffen könnte.

»Ich bin ein Mann,« sagte er. »Sprich!«

»Sie ist todt.«

Da weinten die beiden Knaben laut auf. Der Vater sagte nichts; aber er legte den Kopf gegen die Mauer. Ich sah seine Brust arbeiten; er kämpfte gegen ein Schluchzen, welches er nur mit großer Anstrengung zu unterdrücken vermochte. Erst nach längerer Zeit wendete er sich mir wieder zu und fragte:

»Wo hast Du sie gesehen?«

»In einem Gebüsch, zehn Minuten von hier.«

»Willst Du uns hinführen?«

Ehe ich antworten konnte, erklang hinter mir ein Ton, als ob Einer erwürgt werden sollte. Ich drehte mich schnell um. Da stand der Alte. Er hatte die Ecke seiner Jacke in den Mund gestopft, um das Weinen nicht hören zu lassen; aber es gelang ihm nicht. Er zog die Jacke zurück und weinte laut – zum Erbarmen.

Jetzt konnte sich auch der Hauptmann nicht mehr halten; er weinte mit, und die Knaben stimmten ein. Mir wurde so weh. Ich trat zum Fenster und blickte hinaus. Ich sah nichts, denn auch ich hatte Thränen in den Augen.

Es dauerte lange, bis sich die beiden Männer beruhigten. Der Hauptmann entschuldigte sich:

»Du darfst nicht über uns lachen, Fremdling! Ich hatte die Mutter meiner Kinder sehr lieb. Und dieser war mein Tschausch, und als ich die Gnade des Großherrn verlor, hat er mich nicht verlassen, wie die Andern alle. Sie war mein Trost in der Einsamkeit. Wie lebe ich ohne sie?«

Was ich nun zu sagen hatte, durfte vielleicht der alte Feldwebel nicht hören; darum fragte ich ihn:

»Gibt es ein Tabut hier?«

»Ja, Herr,« antwortete er.

»Mache es bereit und besorge Leute dazu!«

Er ging, und nun fragte ich den Hauptmann:

»Du bist natürlich ein Moslem?«

»Ja. Warum fragst Du?«

»War Deine Frau eine Christin?«

Er richtete hastig einen forschenden Blick auf mich und antwortete:

»Nein; aber – – hast Du vielleicht einen Grund, Dich danach zu erkundigen?«

»Ja. Ich glaube, daß sie eine Christin gewesen ist.«

»Sie war eine Freundin der Ungläubigen. Als ich hierher zog, brauchte ich eine Dienerin. Ich nahm eine alte Frau zu mir. Ich wußte nicht, daß sie eine Christin war; aber später bemerkte ich es, und daß sie mein Weib verführen wollte. Ich jagte sie fort. Seit jener Zeit wurde Hara still und immer stiller; sie weinte zuweilen, und dann wurde sie krank. Sie hustete und verlor ihre Kräfte.«

»So bist Du hart mit ihr gewesen?«

Er antwortete erst nach einer Weile:

»Durfte ich sie eine Giaurin werden lassen?«

»Sie ist es doch geworden und aus Gram über Deine Strenge erkrankt und gestorben. Sie hat sich draußen im Gebüsch einen Altar errichtet, um nach der Weise der Christen zu dem Allmächtigen beten zu können. Sie ist im Gebet gestorben. Laß jetzt Friede sein zwischen Dir und ihr!«

»Bist Du etwa ein Christ?«

»Ja.«

Er blickte mir lange in die Augen. Er kämpfte mit sich; dann streckte er mir die Hand entgegen und sagte:

»Du kannst nicht dafür, daß Du ein Ungläubiger bist und daß auch sie Euren Lehren Glauben geschenkt hat. Führe mich zu ihr, mich und die Kinder!«

»Willst Du nicht die Knaben zurücklassen? Sie bekommen noch zeitig genug das Angesicht der Todten zu sehen.«

»Du hast Recht. Laß uns allein gehen.«

Meine Gefährten hielten noch immer unten an der Thüre. Als er sie erblickte, sagte er:

»Ich glaubte, Du seist allein, denn ich habe Euch nicht kommen sehen. Ihr seid meine Gäste. Da drüben ist der Stall, und dort ist das eigentliche Wohnhaus. Im Thurme wohne ich allein. Es ist zwar Niemand zu Hause, aber geht nur hin und denkt, Ihr seid daheim.«

»Wo ist der Tschausch?« fragte ich.

»Er hat Niemand gefunden und ist wohl gegangen, um die Abwesenden zu suchen. Sie sind ja Alle fort, um nach der Verschwundenen zu forschen. Gehen wir allein.«

Meine Begleiter ritten nach dem angewiesenen Gebäude hinüber. Halef hatte Rih am Zügel. Der Hauptmann sah den Rappen und war zu sehr Offizier, um nicht für einen Augenblick seine Trauer zu vergessen.

»Dieses Pferd gehört Dir?« fragte er.

»Ja.«

»Ein Christ und ein solches Pferd? Du mußt ein vornehmer und reicher Herr sein! Verzeihe mir, wenn ich vergaß, Dir die gebührende Ehre zu erweisen!«

»Allah hat alle Menschen geschaffen und ihnen befohlen, Brüder zu sein. Ich habe Dir nichts zu verzeihen. Komm!«

Wir stiegen bergan. Als wir das Gebüsch erreichten und ich da stehen blieb, sah er sich suchend um und fragte:

»Ist es hier?«

»Ja. Da drinnen.«

»In diesem Dickicht? Wer hätte das gedacht! Wie hast Du sie da finden können?«

»Mein Pferd hat sie entdeckt. Es blieb hier schnaubend stehen. Komm herein!«

Wir drangen durch das Strauchwerk bis zu dem offenen Plätzchen. Ich werde in meinem ganzen Leben den Auftritt nicht vergessen, der nun folgte. Als sein Blick auf die Leiche fiel, stieß er einen lauten Schrei aus und warf sich neben sie hin. Er nahm sie in die Arme; er küßte ihre kalten Lippen; er streichelte ihr die Wangen und strich ihr liebkosend über das Haar. Er mußte sie sehr, sehr lieb gehabt haben – und war dennoch hart gegen sie gewesen.

Sie hatte ihren Glauben vor ihm heimlich gehalten. Wie oft mochte sie mit Seelenqualen gerungen haben!

Er schien dieselben Gedanken zu haben. Jetzt, da er die Todte in den Armen hatte, weinte er nicht. Sein Blick haftete starr auf ihren Zügen, als gelte es, da irgend ein Geheimniß zu ergründen. Dann sagte er:

»Sie ist vor Gram krank geworden und gestorben!«

Es wäre ein Fehler gewesen, ihn trösten zu wollen. Ich sagte also:

»Sie ist in dem Glauben gestorben, welcher selig macht. Das Christenthum läßt auch die Frauen Theil am Himmel nehmen, und Du hast ihr diesen Himmel rauben wollen.«

»Sprich nicht so! Deine Worte zerreißen mir das Herz. Sie ist todt, und vielleicht trage ich die Schuld daran. Könnte sie doch nur noch einmal die Augen öffnen; könnte sie doch nur noch einmal sprechen! Einen Blick, ein Wort möchte ich haben. Aber sie ist fortgegangen ohne Abschied, und niemals werde ich wieder ihr Auge sehen und ihre Stimme hören! Und es ist mir, als ob ich ihr Mörder sei!«

Ich war still; ich sagte nichts.

Er betrachtete den Rosenkranz.

»Das ist nicht die Gebetschnur der Moslemim,« sagte er nach einer Weile. »Sie müßte neunundneunzig Kugeln haben für die neunundneunzig Eigenschaften Allah's. Diese Schnur aber hat große und kleine Kugeln. Was mag dies bedeuten?«

Ich erklärte es ihm.

»Kannst Du mir diesen Gruß an Bikir Marrjam sagen und die Worte des Baba bizimki

Ich that es. Als ich geendet hatte, sagte er langsam:

»Vergib uns unsere Schuld! Glaubst Du, daß sie mir die meinige vergeben hat?«

»Ich glaube es, denn sie war eine Christin und hat Dich lieb gehabt.«

»Das ist die Gebetsschnur der alten Dienerin, die ich fortjagte. Ich werde sie aufheben, denn sie hat sich in den Händen Hara's befunden, als sie starb. Und da oben ist auch das Kreuz der Alten. Sie hat beides zurückgelassen. Dieser Ort soll ganz so bleiben, wie er ist, und vielleicht werde ich ihn oft besuchen. Aber Niemand soll ihn sehen. Ich werde die Todte hinaustragen. Komm, Herr!«

Er legte die Leiche nicht gleich draußen nieder, sondern er trug sie noch eine ganze Strecke fort, damit die Stelle, an der sein Weib gestorben war, nicht so leicht errathen werden könnte. Er bedeckte das Antlitz der Todten mit dem Schleier und sagte:

»Du hast ihr Angesicht gesehen. Das ist eine Sünde; aber da sie als Christin gestorben ist, kann ich mich beruhigen. Ein Anderer aber soll sie nicht sehen.«

Er saß noch lange da neben ihr und klagte sich an. Sein Schmerz war aufrichtig, wurde aber nach und nach ruhiger. Dann kam der Tschausch mit zwei Leuten, welche die Bahre trugen. Halef war dabei und hatte sie geführt. Die Leiche wurde nach Hause geschafft, hinauf in das Thurmzimmer, in welchem ich mit dem Hauptmanne gesprochen hatte. Die Knaben waren neun und elf Jahre alt; sie vermochten den Verlust, welcher sie getroffen hatte, zu begreifen. Ihr Weinen war herzerschütternd; ich mußte gehen, um nicht auch laut zu schluchzen.

Die Bewohner der um den Thurm liegenden Gebäude waren zurückgekehrt; sie standen in einem Abhängigkeitsverhältnisse zu dem Hauptmanne. Er war wohlhabend, und ihm gehörten diese Häuser.

Auf seinen Befehl wurde uns eine Mahlzeit zugerichtet; er selbst aber ließ sich nicht sehen.

In einer der Stuben fand ich einen Umschlag mit leeren Papierblättern. Auch Tinte war da. Das Erlebniß hatte mich angegriffen; ich fühlte die regste Theilnahme für diesen Mann, und so kam ich auf den Gedanken, ihm einige Zeilen zurückzulassen. Ich schrieb. Als ich fertig war, sandte ich ihm das Blatt hinüber und ließ ihm dabei sagen, daß wir jetzt aufbrechen würden. Nach einer Weile kam der alte Tschausch und meldete mir, daß sein Herr mich bitten ließe, zu ihm zu kommen.

»Herr,« sagte er, »was Du aufgeschrieben hast, das hat eine unbegreifliche Wirkung hervorgebracht. Er hat es mir vorgelesen und sehr, sehr dabei geweint. Er hatte bereits fortgeschickt nach Kampher, um damit Stirn, Nase, Hände, Kniee und Füße der Todten einreiben zu lassen. Das muß sein, weil diese Körpertheile am Gebete Theil nehmen. Auch hatte er ihr bereits das Sterbezeug aus Mekka auf das Gesicht gelegt. Jetzt aber, nachdem er Deine Zeilen gelesen hat, will er es nicht verschweigen, daß sie als Christin gestorben ist. Das will er Dir jetzt sagen.«

Als ich in das Thurmzimmer kam, saß der Hauptmann neben der Leiche. Er sah ganz verweint und ermattet aus; aber er lächelte, indem er mir die Hand entgegenstreckte, und sagte:

»Du willst mich verlassen?«

»Ja; ich muß meine Reise fortsetzen.«

»Ist das so nothwendig? Kannst Du nicht heute bei mir bleiben? Wenn Hara jetzt noch lebte, müßte sie mir von dem Glauben der Christen erzählen; nun sie aber todt ist, gibt es Keinen als Dich, von dem ich es erfahren kann. Bleibe da; laß mich nicht allein mit den Gedanken, welche mich quälen.«

Ich hatte keine Zeit zu versäumen; aber es war mir, als ob ich ihm seine Bitte nicht abschlagen dürfe, und darum sagte ich zu. Er antwortete erfreut:

»Ich danke Dir! Du bist ein Chajir; ich habe das nicht ahnen können. Dein Eschar hat mir das Herz geöffnet;es ist voll von Milde und Versöhnung; die Worte dringen wie Balsam in die Seele; ich möchte von Christus hören, und wenn Dein Glaube so ist, wie Dein Gedicht, so soll mein Weib nicht nach der Weise des Islam in den Sarg gelegt werden. Es soll deßhalb Niemand ihr Andenken besudeln.«

Die Gefährten hatten nicht viel gegen unser Bleiben einzuwenden, und so saß ich bei dem Hauptmanne, bis es Abend wurde, und noch länger. Unsere Unterhaltung war ernst, recht ernst. Ich als Laie konnte freilich an ihm nicht zum Missionär werden; aber sein Herz war geöffnet, und ich versuchte es, das Samenkorn hineinzulegen, so gut ich es vermochte, in der Hoffnung, daß es aufgehen und Früchte bringen würde. – –

Beim Abschiede am nächsten Morgen weinte er und neben ihm der alte Tschausch auch. Sein letztes Wort war:

»Jokary, jokary tacht Allahija – hinauf, hinauf in Allah's Schooß!«

Ich war an diesem Morgen recht wortkarg. Wir ritten durch Barukin, am Nachmittag durch Dubnitza und kamen gegen Abend nach Nevrekup, das früher berühmt war wegen seiner Eisenminen. Am andern Tage ging es weiter. Wir befanden uns in einer berühmten Gegend, denn hier auf diesen Bergen war es, wo nach der griechischen Sage Orpheus durch die Macht seines Gesanges den Bäumen und Felsen Leben und Bewegung gab.

Um die Mittagszeit erreichten wir endlich Menlik.

Es versteht sich von selbst, daß wir nicht dahinritten, wo Manach el Barscha abgestiegen war. Wir suchten uns eine Herberge, fanden aber sämmtliche Häuser schon besetzt.

Der Jahrmarkt hatte begonnen, und der Zudrang der Fremden war ganz bedeutend. Da Albani den Pferdebesitzer ablohnte und er also nun allein war, fand er ein Unterkommen; wir Anderen aber mit unsern Pferden hatten es schwieriger.

Wir waren eben wieder vor einem Mekian abgewiesen worden, da trat ein Mann zu uns heran und fragte:

»Ihr sucht wohl einen Ort, an welchem Ihr übernachten könnt?«

»Ja,« antwortete ich. »Weißt Du vielleicht einen?«

»Für Euch, ja; für Andere nicht.«

»Warum nur für uns?«

»Weil Ihr die Koptscha habt. Ihr seid also Brüder. Mein Herr wird Euch bei sich aufnehmen.«

»Wer ist Dein Herr?«

»Er ist Fuhrmann und wohnt nicht weit von hier. Wenn Ihr mir folgen wollt, will ich Euch führen.«

»Führe uns! Ich werde Dir dankbar sein.«

Er schritt voran, und wir folgten ihm.

»Den habe ich bereits gesehen,« bemerkte mir Halef halblaut.

»Wo?«

»Am Eingange der Stadt. Da stand er und schien auf irgend Jemand zu warten.«

Jetzt erinnerte ich mich auch, an ihm vorüber geritten zu sein. Es fiel mir das nicht auf; das war jedenfalls nur ein Zufall. Später aber sah ich ein, daß er nur auf uns gewartet hatte.

Er führte uns an ein Haus, welches einen so breiten und hohen Eingang hatte, daß wir gleich in den Hof reiten konnten. Dort standen zwei Ochsenwagen, jedenfalls das Eigenthum des Fuhrherrn. Uns gegenüber, im hinteren Theile des Hofes, war ein Brettergebäude, welches unser Führer uns als den Stall bezeichnete. Er sagte, daß wir unsere Pferde hineinführen sollten.

»Meinst Du nicht, daß es für uns nöthig ist, erst mit Deinem Herrn zu sprechen?«

»Warum?«

»Noch wissen wir ja nicht, ob er überhaupt bereit ist, uns bei sich aufzunehmen.«

»Er nimmt Euch auf. Er hat Platz, und Männer, welche die Koptscha besitzen, sind ihm stets willkommen.«

»So ist er auch ein Bruder?«

»Ja. Da kommt er.«

Es kam ein kleiner, dicker Kerl in den Hof, welcher nicht den allerbesten Eindruck auf mich machte. Er schielte. Zwar bin ich keineswegs gegen Leute, welche an diesem Naturfehler leiden, voreingenommen; aber der Mann hatte einen schleichenden, katzenartigen Gang und eckig gebogene Kinnbacken, und ich habe stets gefunden, daß solche Personen einen falschen Charakter besitzen.

»Wen bringst Du da?« fragte er den Knecht.

»Es sind Freunde; sie besitzen die Koptscha und fanden keinen Platz in den Hans. Du erlaubst doch, daß sie hier bleiben?«

»Sie sind mir willkommen. Wie lang bleibt Ihr hier?«

»Einige Tage vielleicht,« antwortete ich. »Wir werden Dich gern ebenso bezahlen, wie wir im Han zahlen müßten.«

»Sprich davon nicht. Meine Gäste haben nichts zu bezahlen. Schafft Eure Pferde in den Stall und kommt dann herein zu mir. Ihr werdet finden, was Ihr braucht.«

Er ging wieder fort. Es war mir, als ob er einen sehr befriedigten Blick mit dem Knecht gewechselt habe.

Der Stall war lang und hatte zwei Abtheilungen. In der einen Abtheilung standen mehrere Ochsen; die andere war leer und wurde uns angewiesen. Der Knecht stieg eine schmale Stiege empor und sagte:

»Ich werde Euch Heu holen. Oder wünscht Ihr ein anderes Futter?«

»Bringe, was Du hast!«

Als er oben verschwunden war, blickte ich durch ein Astloch der hinteren Stallwand und sah einen ziemlich großen Hof. Dort stand ein langer, starker Mann in lauschender Stellung. Er schien nach uns herüber zu horchen. Da hustete der Knecht oben, und der Mann antwortete, indem er auch hustete. Dann verließ er den Hof.

Das fiel mir natürlich auf, doch ließ ich mir nichts merken, als der Knecht zurückkehrte. Wir versorgten unsere Thiere und begaben uns dann in die Stube, in welcher uns der Dicke erwartete. Er saß auf einem Polster vor einem Dreifuß, auf welchem eine Platte mit Kaffeetassen stand. Er hieß uns abermals willkommen und klatschte in die Hände. Da erschien ein Knabe, welcher die Tassen füllte.

Das klappte so gut, als ob man uns erwartet hätte. Auch ein Gefäß mit Tabak stand da. Wir stopften unsere Pfeifen und erhielten glühende Kohlen zum Anbrennen.

»Du hast ein sehr gutes Pferd,« sagte er. »Verkaufst Du es?«

»Nein.«

»Das ist Schade! Ich hätte es sofort behalten.«

»So bist Du ein reicher Mann. Es vermag nicht Jeder, ein solches Pferd zu bezahlen.«

»Fuhrleute müssen Geld haben. Woher kommst Du heute?«

»Von Nevrekup.«

»Und wohin wirst Du von hier reiten?«

»Nach Seres.«

Es fiel mir nicht ein, ihm die Wahrheit zu sagen. Er machte ein Gesicht, wie Einer, der irgend eine Sache besser weiß, es aber nicht sagen will, und fragte:

»Welche Geschäfte machst Du hier?«

»Ich möchte Getreide und so Ähnliches kaufen. Gibt es hier Einen, bei dem man so Etwas bekommen kann, einen Fruchthändler?«

Es gelang ihm nicht, ein verschlagenes Lächeln zu unterdrücken. Er antwortete:

»Es gibt einen Mejwedschi hier. Er heißt Glawa und wird Dich gut bedienen, denn er ist auch ein Bruder.«

Da hatte ich also das Gespräch auf diesen Glawa gebracht, bei welchem Manach el Barscha abgestiegen sein sollte.

»Wohnt er weit von hier?« erkundigte ich mich.

»In der anderen Straße. Ich kenne ihn gut. Ich war vor kaum einer Viertelstunde bei ihm.«

»Ist er beschäftigt?«

»Ja. Heute wirst Du nicht bei ihm ankommen.«

»Er hat wohl viel Gäste bei sich?«

»Noch keinen; aber er erwartet Gäste. Deselim aus Ismilan, der Kaffeewirth und Waffenschmied, will auch kommen. Kennst Du diesen Mann vielleicht?«

»Ja. Er ist auch ein Bruder.«

»Wann hast Du ihn kennen gelernt?«

»Vor einigen Tagen. Auch ich bin in seinem Hause eingekehrt.«

»Hast Du auch seinen Bruder gesehen?«

Er gab sich den Anschein der Unbefangenheit; es war jedoch ganz so, als ob er mit diesen Fragen einen gewissen Zweck verfolge. Er fragte mich nach meinen Personalien, und ich gab ihm die Auskunft, welche mir geboten schien. Als ich nach einiger Zeit bemerkte, daß ich jetzt ausgehen werde, um mir Menlik und den Jahrmarkt anzusehen, bot er mir so geflissentlich seine Begleitung an, daß ich ihn nicht zurückweisen konnte, obgleich ich viel lieber allein mit Halef gegangen wäre.

Es herrschte ein überaus reges Leben, aber zu vergleichen ist so ein Markt doch nicht mit einem deutschen Jahrmarkt. Der schweigsame Türke durchschreitet still die Budenreihen oder vielmehr die Reihen der Verkäuferstände, deren Inhaber ebenso wortlos bei ihren Waaren sitzen und es sich gar nicht einfallen lassen, irgend einen Käufer anzulocken. Und tritt einer heran, so geht die Sache so ruhig, fast heimlich ab, als gelte es, wichtige Geheimnisse einzutauschen.

Der Unterschied liegt ganz besonders in dem Mangel des weiblichen Elementes. Man sieht fast nur Männer, und nur hier und da taucht eine ballonartige Hülle auf, aus deren Guckloch ein schwarzes Auge funkelt. Die Frauen der Nichtmohammedaner sind zwar nicht zu einer solchen Zurückhaltung verpflichtet, aber auch bei ihnen gilt es nicht für schicklich, sich dem Gedränge eines Marktes preiszugeben.

Caroussels, Schau-, Spiel- und Würfelbuden gab es nicht. Der Würfel ist dem rechtgläubigen Moslem ein Gräuel, da der Kuran ihn verbietet. Leierkästen, Musikantenbanden, welche einen europäischen Markt beleben, durfte man hier nicht suchen. Doch ja, Eins gab es, und zwar Etwas, woran der Türke außerordentlich Geschmack findet, nämlich ein Zelt mit chinesischen Schattenspielen. Man nennt sie Kara göz ojunu.

Hier strömten die Menschen in Masse ein und aus: hinein mit dem Ausdruck größter Spannung in dem Gesicht, heraus mit lächelnden, hochbefriedigten Mienen.

»Habt Ihr schon einmal ein Kara göz gesehen?« fragte uns der Fuhrmann.

»Nein.«

»Wie ist das möglich? Es gibt nichts Schöneres als so ein Schattenspiel. Laß uns hineingehen!«

Es schien unmöglich zu sein, Platz zu bekommen, aber mit Hülfe der Ellbogen, die ich ganz rücksichtslos in Thätigkeit setzte, gelangten wir doch bis an die Grenze der Möglichkeit; dann aber standen wir, eingekeilt in eine Menschenmenge, welche in lautloser Erwartung des ersehnten Genusses harrte.

Mir wurde bereits jetzt übel. Der Orientale schläft in seinen Kleidern, die er also äußerst selten ablegt. Von einem regelmäßigen Wechsel der Leibwäsche hat er gar keine Ahnung; darum ist es kein Wunder, daß seine Nähe nicht nur durch das Auge, sondern auch durch die Nase bemerklich ist. Und nun diese fürchterlich zusammengedrängten Menschen! Der Dichter des Inferno hat eine wunderbare Phantasie entwickelt, aber eine der entsetzlichsten Strafen hat er doch übersehen – eine arme Seele, zwischen Orientalen eingepreßt, um ein chinesisches Schattenspiel zu erwarten, unfähig, die Arme zu rühren und sich die Nase zuzuhalten. Ein Glück, daß ich damals von dem Dasein des Komma-Bacillus und anderer ähnlicher Ungeheuer noch keine Ahnung hatte! Welch ein Weltmeer von Bacillen mußte uns hier umfluthen!

Endlich gellte ein schriller Pfiff. Die Vorstellung begann. Was ich sah, war obscön im höchsten Grade und wurde mit einem schallenden Gelächter belohnt, während der Orientale das laute Lachen sonst für unanständig hält. Ich wollte sogleich gehen, aber ich konnte nicht; ich stack so fest, daß ich kein Glied zu rühren vermochte, und so war ich gezwungen, auszuharren, bis ein zweiter Pfiff das Publikum belehrte, daß es für einen Viertelpiaster bereits mehr als zuviel gesehen habe.

Jetzt setzte sich das Menschen-Gelee in Bewegung und löste sich langsam in einzelne Personen auf. Draußen angelangt, holte ich zunächst tief Athem. Seekrankheit ist das reine Amusement gegen das, was ich nun glücklicherweise überstanden hatte.

»Gehen wir noch einmal hinein?« fragte der Fuhrmann.

Halef streckte ihm alle zehn Finger abwehrend entgegen, und ich gab gar keine Antwort.

Während unserer übrigen Wanderung machte ich die Beobachtung, daß der Fuhrmann ganz übermäßig besorgt war, uns nicht zu verlieren; auch suchte er es ängstlich zu vermeiden, daß sich zwischen mir und Anderen ein Gespräch entspänne. Ich sprach einigemal zu uns Begegnenden; da aber war er sofort mit einer Unterbrechung da und versuchte, mich abzudrängen. Das machte ihn verdächtig. Ich begann, zu ahnen, daß er irgend eine Absicht verfolge.

»Kommen wir nicht an dem Hause des Mejwedschi Glawa vorüber?« fragte ich ihn.

»Nein. Warum?«

»Weil ich gern wissen möchte, wo er wohnt, da ich ihn doch morgen aufsuchen werde. Willst Du es mir zeigen?«

»Ja.«

»Ist der Mejwedschi ein Serbe?«

»Warum denkst Du das?«

»Weil sein Name ein serbischer ist.«

»Du hast es errathen. Folge mir!«

Nach einiger Zeit zeigte er mir ein Haus als dasjenige des Fruchthändlers, und ich merkte es mir. Es war um die Abenddämmerung, als wir heimkehrten. Dort hörten wir, der Knecht sei gestürzt und habe sich so beschädigt, daß man nach dem Arzt geschickt habe. Der Fuhrmann suchte den Knecht auf, und ich ging über den Hof und in den Stall.

Als ich dort eintrat, sah ich die Pferde ohne Aufsicht. Osko und Omar waren auch fortgegangen. Rih drehte mir den Kopf zu, wieherte auf und schnaubte dann in einer Weise, wie ich es noch nie an ihm bemerkt hatte. Ich liebkosete seinen Kopf; er pflegte dann gewöhnlich die feine Nase an meiner Achsel zu reiben und mich auf die Wange zu küssen – denn ein Pferd küßt auch – jetzt aber unterließ er es. Er schnaubte fort und zeigte eine ganz ungewöhnliche Erregung. Ich betrachtete ihn. Es war bereits ziemlich dunkel in dem Stall, aber ich bemerkte doch, daß das Pferd nur auf dem rechten Hinterhufe stand. Ich hob den linken Huf empor und betastete ihn. Rih schnaubte und zuckte das Bein, als ob er Schmerzen empfände.

»Er lahmt,« sagte Halef. »Das fehlt uns noch! Wo hat er sich Schaden gethan?«

»Das werden wir gleich sehen. Nehmen wir ihn hinaus in den Hof; da ist es noch hell.«

Der Rappe hinkte wirklich, und zwar bedeutend, so daß mir die Sache sehr verwunderlich vorkam. Es war, bis ich aus dem Sattel stieg, nicht das Geringste zu bemerken gewesen. Woher also plötzlich eine Verletzung?

Ich strich mit der Hand an dem kranken Bein hinab; da aber gab es keine Schmerzen. Das Übel saß am Hufe. Ich hob diesen empor und betrachtete ihn, konnte aber nicht das Geringste entdecken. Ich begann, mit der Fingerspitze zu tasten, lange vergeblich. Endlich zuckte das Pferd zusammen, und ich hatte unter dem Haare eine kleine Erhöhung gefühlt. Ich schob die Haare beiseite und sah – den Kopf einer Stecknadel, welche dem armen Thier am Hufrande in das Leben getrieben war.

»Hier, Halef, eine Nadel!«

»Allah! Wie ist das möglich? Wo hat er sich dieselbe eingetreten?«

»Eingetreten? An dieser Stelle ist von einem Eintreten gar keine Rede. Schau her!«

Er sah den Nadelkopf und hatte in demselben Augenblicke auch bereits die Peitsche aus dem Gürtel gerissen. Er wollte fort; aber ich hielt ihn zurück.

»Halt! Keine Dummheit!«

»Dummheit? Ist es etwa eine Dummheit, wenn ich den Menschen peitsche, welcher dieses Thier so quält und es zu Schanden machen will?«

»Warte nur noch! Zunächst muß die Nadel entfernt werden. Halte das Bein!«

Rih merkte, daß ich ihm Hülfe bringen wollte. Ich konnte mich nur des Messers bedienen, um die Nadel zu fassen. Der Rappe hatte sicherlich Schmerzen dabei, aber er hielt vollständig still. Als ich dann die Nadel herausgezogen hatte, sagte Halef, die Hand nach ihr ausstreckend:

»Gib sie mir! Ich werde den Bösewicht entdecken, der es gethan hat, und ihm steche ich sie dann in – in – sage mir, Sihdi, wo es ihn am meisten schmerzen wird!«

»Ihm die Nadel irgendwo in's Fleisch zu stechen, das wäre keine Strafe. Führen wir das Pferd wieder in den Stall.«

Rih trat wieder auf. Ich war nicht weniger zornig als Halef, aber die Sache wollte überlegt sein. Zu welchem Zweck hatte man das Thier lahm gemacht?

»Ich weiß es,« sagte Halef.

»Nun, weßhalb?«

»Um Dich zum Verkauf des Rappen zu bewegen.«

»Das wohl nicht. Zigeuner pflegen zuweilen dieses Mittel anzuwenden. Findet man die Nadel nicht, so hält man das Pferd für unheilbar und verschleudert es. Hier ist aber wohl eine andere Absicht vorhanden.«

»Er hat Dich doch gefragt, ob Du den Rappen verkaufst!«

»Aber er muß aus meiner Antwort gemerkt haben, daß mir dies nicht einfallen kann. Und wenn er wirklich geglaubt hat, mich durch einen so niederträchtigen Streich zum Verkauf zu bewegen, so hat er sich sehr geirrt. Ich kann mich eines Verdachtes nicht erwehren, welcher zwar noch unbestimmt ist, jedenfalls aber ganz am Platze sein dürfte. Warum blieb mir dieser Fuhrmann so auffällig an der Seite? Warum suchte er jede Verständigung zwischen mir und Anderen zu verhüten? Dabei muß ich an das Wimmern denken, welches wir jetzt bei unserer Rückkehr hörten. Der Knecht soll verletzt sein, wie sein Herr sagte. Hm!«

»Hm!« brummte auch Halef nachdenklich. »Sihdi, da fällt mir Etwas ein!«

»Was denn?«

»Ich dachte darüber nach, aus welchem Grunde man ein Pferd lähmt, wenn es nicht in der Absicht geschieht, den Besitzer zum Verkauf zu verleiten.«

»Hast Du einen Grund gefunden?«

»Ja. Es gibt nur einen: – das Pferd soll nicht laufen können; man will den Reiter verhindern, schnell vorwärts zu kommen.«

»Ganz recht. Daran dachte ich auch. Und wenn Einer gezwungen werden soll, langsam zu reiten, welche Absicht hat dann unbedingt der Andere?«

»Ihn schneller einzuholen oder ihn zu überholen.«

»Ja. Der Gedanke, daß man uns nach unserer Abreise verfolgen will, liegt sehr nahe.«

»Was aber kann dieser Fuhrmann dabei bezwecken? Wir haben ihm nichts gethan. Er ist unser Gastfreund; er muß uns also schützen anstatt uns schaden.«

»Seine Gastfreundschaft war uns willkommen, da wir nirgends Platz fanden; aber sein Verhalten befremdet mich – es kommt mir jetzt aufdringlich vor. Wenn uns der Knecht wirklich an der Straße erwartet hat, so muß man von unserm Kommen unterrichtet gewesen sein. Eine solche Benachrichtigung könnte nur von Ismilan aus geschehen sein. Wir haben von dort aus Zeit verloren, und es ist also recht gut möglich, daß uns irgend ein Bote zuvorgekommen ist. In diesem Falle – –«

»Schau, Sihdi!« unterbrach mich Halef.

Wir hatten Rih in den Stall zurückgeführt, in welchem wir uns noch befanden. Es war ziemlich dunkel darin. Auch draußen begann es zu dämmern, aber es war doch noch hell genug, um den ganzen Hof überblicken zu können. Vorn am Eingang stand eine alte Frau. Sie sah sich in einer Weise um, als ob sie irgend etwas Heimliches vorhabe; dann kam sie eilig über den Hof herüber und machte einen Schritt über die Stallthüre.

»Esgar, bist Du da?« fragte sie nun.

»Wer ist Esgar?« antwortete ich.

»Der Knecht.«

»Der ist nicht da.«

»Nicht? Es ist hier dunkel. Wer bist Du?«

»Ein Gast des Arabadschy

Da trat sie weiter in den Stall herein und sagte hastig:

»Sprich, bist Du ein Christ?«

»Ja.«

»Kommst Du von Ismilan?«

»Ja.«

»Herr, fliehe! Verlaß dieses Haus und diese Stadt, aber sehr bald, noch heute Abend!«

»Warum?«

»Es droht Dir große Gefahr, Dir und den Deinen.«

»Von wem? Welche Gefahr meinst Du?«

»Von Glawa, dem Fruchthändler. Aber worin diese Gefahr besteht, das weiß ich noch nicht. Sie wollen es erst besprechen. Ich soll Deinem Wirthe sagen, daß er in einer Stunde, wenn es ganz dunkel ist, hinüberkommen möge.«

»Hinüber? Zu wem?«

»Zu Glawa, meinem Herrn.«

»Du sagst, >hinüber<? Der Fruchthändler wohnt ja gar nicht in der Nähe!«

»Hat man Dir seine Wohnung verschwiegen? Das ist ein Beweis, daß ich Recht habe, Dich zu warnen. Glawa wohnt doch hier nebenan. Sein Hof stößt an diesen Stall.«

»Ah, so! Hier hinter diesen Brettern ist Euer Hof?«

»Ja; fliehe! Ich habe keine Zeit. Ich habe mich zu Dir geschlichen und dachte, Einen von Euch im Stalle zu finden; aber erblicken darf mich hier Niemand. Ich muß sogleich zu dem Fuhrmann.«

Sie wollte sich entfernen. Ich ergriff sie am Arm und bat sie:

»Nur noch einen kleinen Augenblick! Daß wir uns in Gefahr befinden, haben wir bereits geahnt. Du machst diese Ahnung zur Gewißheit. Aus welchem Grunde aber begibst Du Dich in die Gefahr, uns zu warnen?«

»Ihr kommt vom Jahrmarkt. Ihr ginget am Hause vorüber. Sie sahen Euch, und da nannte Dich der Eine einen Giaur, einen Christenhund. Ich aber bin auch eine Christin, und da sagte mir mein Herz, daß ich Dich warnen müsse. Du hast meinen Glauben; Du betest zur heiligen Bikir Marryam, wie ich. Ich bin Deine Schwester; ich darf meinen Bruder nicht in der Gefahr umkommen lassen.«

»Das wird Dir der gute Gott vergelten. Aber sage: wer ist dieser Eine, von dem Du sprichst?«

»Es sind ihrer Zwei. Sie kamen heute am Vormittag von Ismilan. Ihre Namen kenne ich nicht. Den Älteren nennen sie Dilendschi, aber das ist doch kein Name. Er hat ein böses Gesicht; ich glaube, ihn bereits einmal gesehen zu haben. Er muß einmal bei meinem früheren Herrn eingekehrt sein, droben in dem alten Thurm bei Barukin.«

Sie wandte sich zum Gehen; aber ihre letzten Worte veranlaßten mich, sie noch festzuhalten.

»Halt!« sagte ich. »Hast Du dort mit Deiner Herrin im Busch ein Mauerwerk gebaut mit dem Bilde des Gekreuzigten?«

»Ja. Woher weißt Du das?«

»Ich komme von dort. Ich war der Gast Deines vormaligen Herrn. Ich fand die Herrin vor dem Altare, wohin sie gegangen war, um dort zu sterben. Sie war todt.«

»Todt? Mein Herr und Gott! Ist das wahr?«

»Ja. Hättest Du Zeit, so könnte ich es Dir erzählen. Dein Herr sprach von Dir.«

»O,« sagte sie dringlich, »Du mußt es mir erzählen. Ich darf keinen Augenblick länger hier bleiben; aber da es so ist, so wage ich Alles. Mögen sie mich tödten, wenn sie mich ertappen. Ich komme wieder, aber nicht hierher. Bleibst Du noch länger hier im Stall?«

»Wünschest Du es?«

»Ja. Ich werde dann an diese Bretterwand kommen; da können wir mit einander sprechen, Du hier und ich draußen.«

»Du kannst hereinkommen. Diese Bretter sind kein großes Hinderniß. Ich kann leicht eins oder zwei entfernen, wenn ich nur die Nägel herausziehe.«

»Das wird man später bemerken!«

»Nein; ich befestige sie wieder.«

»Gut. Sage kein Wort, daß ich bei Dir gewesen bin. Ich gehe jetzt, und wenn es so dunkel ist, daß man mich nicht sehen kann, so komme ich.«

Sie eilte davon.

»Hasa nassieb – das ist Gottes Schickung!« sagte Halef. Er hatte Recht. Eben diese alte Dienerin, diese treue, wenn auch heimliche Christin, mußte sich da drüben bei dem Fruchthändler befinden! Der Muhammedaner kennt zwar das Wort Wakaa, aber er bezeichnet damit Etwas, was Andersgläubige für möglich halten, er niemals. Die Worte Taktir, Kismet, Kader, welche das Entgegengesetzte bezeichnen, sind ihm heilig.

»Meinst Du, daß es Saban ist, der Bettler, von dem sie sprach?« fragte der kleine Hadschi.

»Sehr wahrscheinlich.«

»Aber Du hast doch erzählt, daß der Schmied ihn mit sich genommen habe!«

»Er muß ihm auf irgend eine Weise entkommen sein. Er ist an jenem Abend nicht unverletzt geblieben; es ist jedenfalls keine gewöhnliche Leistung von ihm, nach Menlik zu reiten.«

»Wer mag der Andere sein, Sihdi?«

»Mir ahnt, daß es unser Wirth aus Ismilan ist, der Bruder des Kawehdschi Deselim, welcher den Hals gebrochen hat. Der Bettler hat ihm Alles erzählt; nun verfolgen sie uns, um sich zu rächen.«

»Das soll ihnen schwer werden!« knurrte der Kleine.

»Vor allen Dingen müssen wir zu erfahren suchen, was sie gegen uns beschließen. Dabei wird uns hoffentlich die Dienerin unterstützen.«

»Diese alte, gute Düjün tschitscheji! Ich werde sie beschenken. Was soll ich ihr geben, Sihdi? Meinst Du vielleicht, einige von den Silberstücken, welche sich in dem Beutel hier für mich befanden?«

»Geld wird allerdings das beste Geschenk sein; sie ist jedenfalls arm. Aber behalte das Deinige, Halef. Ich werde es besorgen.«

»Das wußte ich,« kicherte er. »Ich habe nur Silber, Du aber hast Gold. Ich mache das Geschenk aus Deiner Tasche. Du bist ein Mükerrem jijit und bezahlst, was Dein Freund und Beschützer Anderen gibt. Aber schenke ihr nicht mehr als eins Deiner Goldstücke. Unsere Reise ist noch weit, und wir können nicht wissen, welche Summe wir noch brauchen.«

»Du bist heute ein sehr sparsamer Haushalter! Bedenke, daß dieses Weib unsere Retterin ist!«

»Das ist sie nicht. Sie hat uns gewarnt; aber wir wußten schon vorher, daß wir uns in Gefahr befanden. Wir wären vorsichtig gewesen. Aber sage, Sihdi: warum wollen wir abwarten, was sie gegen uns beschließen? Wir gehen jetzt hinein zu diesem verrätherischen Fuhrmann; ich will ihm einige Male meine Fäuste auf die Nase legen, und dann suchen wir uns einen anderen Wirth.«

»Das geht nicht. Wir müssen Manach el Barscha und Baruch el Amasat haben, die sich hier befinden. Sie dürfen gar nicht ahnen, daß wir das Geringste wissen. Ich muß erfahren, weßhalb sie eigentlich nach Menlik gekommen sind. Willst Du Deine Fäuste gebrauchen, so wirst Du wohl später Gelegenheit dazu finden.«

»Ja, Du willst warten, bis sie Dich hier als Mörder anzeigen! Dann wirst Du gehenkt, und ich stehe unter Deiner Leiche und weine Milch und Spiritus. Ich bin zwar Dein Beschützer, aber gar zu viel darfst Du doch nicht von mir verlangen!«

»Die große Gefahr, von welcher Du sprichst, würde nur verschlimmert werden, wenn wir uns an dem Fuhrmanne vergriffen. Übrigens ist es jetzt nicht Zeit zu unnützer Plauderei. Wir dürfen den Wirth nicht merken lassen, was wir wissen. Bleiben wir hier im Stall, so kann er leicht mißtrauisch werden. Und da ich hier mit der Dienerin zusammentreffen will, so muß ich wenigstens für kurze Zeit zu ihm gehen. Vorher aber laß uns einmal hier nach den Brettern sehen.«

Der Moder hatte mir vorgearbeitet. Es bedurfte gar keiner Anstrengung, um einige Bretter locker zu machen; dann ging ich hinein in die Stube.

Der Fuhrmann stand da mit seiner Frau, die sich aber bei meinem Eintritte sofort entfernte. Beide hatten sich vermuthlich von etwas sehr Ernstem unterhalten; das konnte ich aus ihren Mienen schließen.

»Hat Allah Dir Sorgen gesandt?« fragte ich ihn. »Sie stehen in Deinem Gesicht geschrieben.«

»Ja, Herr, ich habe Sorgen,« sagte er. »Mein Knecht liegt im Blute, welches ihm aus Mund und Nase geflossen ist.«

»Führe mich zu ihm!«

»Bist Du ein Arzt? Es war bereits ein solcher hier; der Kranke aber hat so große Schmerzen, daß ich auch noch den Elkimiadschi kommen ließ. Er ist soeben fort.«

»Welche Meinung hatte er von der Krankheit?«

»Er erkannte sie sofort; er ist viel klüger als der Andere. Ihm sind alle Krankheiten und alle Heilungen und Arzneien offenbar. Er sagte, der Kranke habe ein Midely schisch, welches vom Genusse saurer Portukallar abstamme. Das Geschwür ist bis unter die Haut gedrungen. Daß der Knecht gestürzt ist oder sich gestoßen hat, dies hat nur dazu beigetragen, diese innere Krankheit ruchbar zu machen. Er will ihm ein Medije kuwwet weridschi schicken und dann später beim Dscherrach ameli den Blutschwären aus dem Magen schneiden.«

»Wird das gelingen?«

»O, er hat Messer, mit denen er den dicksten Knochen auseinander bringt, und der Magen ist ja viel weicher.«

»Ja, er scheint ein großer Arzt zu sein; aber laß mich trotzdem den Kranken einmal sehen!«

Er willigte ein. Der Patient lag stöhnend auf einer alten Decke; er hatte viel Blut verloren. Da er Beinkleid und Jacke auf dem bloßen Leibe trug, so war sehr leicht zu der Verletzung zu gelangen. Er schrie laut auf, als ich sie berührte.

»Verstehst Du Dich auf Magengeschwüre?« fragte der Wirth.

»Ja; aber ein solches ist hier gar nicht vorhanden.«

»Was denn? Woran leidet er?«

»Es ist eine sehr gefährliche Nal chastalyk

Er blickte mich sehr dumm an.

»Nal chastalyk?« sagte er. »Von dieser Krankheit habe ich noch nichts gehört.«

»Schau her! Hier diese Geschwulst sieht genau so aus, als ob sie von einem ausschlagenden Pferd verursacht worden sei. Die blutrünstige Stelle zeigt ganz die Form eines Pferdehufes. Diese Krankheit hat das Eigenthümliche, daß sie die Rippen zerbricht, und sie überfällt nur solche Leute, welche nicht gelernt haben, mit einer Toplu ijne vorsichtig umzugehen.«

Er wußte nicht so recht, wie er meine Erklärung nehmen solle. Er half sich mit der Frage:

»Du meinst, daß Rippen zerbrochen sind?«

»Ja. Auch die Lunge ist verletzt, wie dieses Blut hier beweist. Dein Alchymist ist ein Dummkopf; der erste Arzt war klüger. Wenn Du nicht den besten Doktor rufst, den es in Menlik gibt, so wird dieser Mann sterben müssen. Kommt er aber mit dem Leben davon, so mag er sich in Zukunft mehr vor fremden Pferden in Acht nehmen.«

»Er hat ja kein fremdes Pferd angerührt!«

»So hat dieses aber ihn berührt, und zwar so, daß er sich meinen guten Rath wohl merken wird.«

»Weißt Du ein Mittel, ihn zu heilen?«

»Ja; aber zu dieser Heilung gehört eine lange Zeit. Hole den Arzt und lege ihm, bis dieser kommt, sehr nasse Tücher auf die Brust; das ist das beste Mittel.«

»Wir haben einen sehr klugen Tabib askeri hier; aber er wird wegen des Jahrmarkts keine Zeit haben. Soll ich dem Kranken nicht einstweilen einen Rawendi eingeben und ihm ein Melhem atschmaly auflegen?«

»Trinke Du selbst den Rawendi und quirle vorher das Melhem atschmaly hinein. Beides kann Dir nichts schaden; für ihn aber ist es zu stark.«

»Du redest sehr bitter, Herr! Ich werde gleich selbst gehen, um den Militärarzt zu suchen.«

»Wann kommst Du wieder?«

»Das weiß ich nicht genau. Ich muß vorerst zu einem Freunde gehen, welcher mich nicht gleich wieder von dannen lassen wird. Wenn ich wieder komme, werden wir zu Abend essen. Oder hast Du jetzt schon Hunger?«

»Nein. Deine Seele ist voll von Mildthätigkeit; aber ich kann bis zu Deiner Rückkehr warten.«

Er entfernte sich wirklich sogleich. Ich wußte nun, daß er zunächst zu dem Fruchthändler gehen würde. Das war mir lieb, da ich nun mit der Dienerin sprechen konnte, ohne befürchten zu müssen, von ihm gestört zu werden.

Also der Knecht hatte Rih die Nadel eingestochen und war von ihm geschlagen worden. Ich hatte nicht nöthig, den Menschen zu bestrafen. Er dauerte mich trotz meines Zornes über den boshaften Streich, zu welchem er sich hergegeben hatte.

Unten traf ich auf Osko und Omar, welche von ihrem Ausgange zurückkehrten. Der Erstere nahm mich beim Arme und sagte:

»Effendi, man betrügt uns. Dieser Fuhrmann ist ein Lügner, ein gefährlicher Mensch.«

»Wie so?«

»Der Fruchthändler wohnt gleich hinter uns; wir haben nach ihm gefragt. Und weißt Du, wer bei ihm ist?«

»Nun, wer?«

»Der, welcher uns in Ismilan bewirthet hat. Er stand unter der Thüre des Hauses.«

»Hat er Euch gesehen?«

»Ja. Aber er trat sofort zurück, um sich zu verbergen. Er glaubte vielleicht, wir hätten ihn noch nicht bemerkt. Was werden wir thun?«

»Vielleicht müssen wir die Stadt noch in der Nacht verlassen. Hier ist Geld. Kauft Früchte und einiges Geflügel ein, doch so, daß man es nicht bemerkt, und übergebt es Halef. Aber bleibt nicht lange fort!«

Sie gingen wieder, und ich begab mich in den Stall. Es war nun dunkel geworden, und ich hatte nicht lange zu warten, bis es draußen klopfte. Ich schob die unten los gemachten und nur noch oben an den Nägeln hängenden Bretter zur Seite und kroch hinaus auf den Nachbarhof.

»Allah, Allah! Du kommst heraus?« sagte die Alte.

»Ja; es ist so besser. Werden wir gestört, so krieche ich schnell zurück. Es hat keine Gefahr. Ist der Fuhrmann schon bei Euch?«

»Nein; die Stunde ist ja noch nicht vorüber. Aber, Herr, Du wolltest mir von meiner guten Gebieterin erzählen!«

Eigentlich hatte ich viel Nöthigeres zu thun, aber sie verdiente es, daß ich ihren Wunsch erfüllte. Ich gab ihr einen so ausführlichen Bericht, wie die gegenwärtige Lage es erlaubte. Die Nachricht von dem Tode ihrer Herrin wollte ihr das Herz brechen. Sie weinte halb laut vor sich hin. Dann erzählte sie mir von ihrer Vergangenheit, wie sie von ihrem damaligen Herrn fortgejagt worden und nach verschiedenen Schicksalen zu dem Fruchthändler in Menlik gekommen sei.

Das that ihr wohl, und darum hörte ich ihr willig zu, obgleich ich mit meiner Ungeduld zu kämpfen hatte. Leider mußte ich die gute Seele endlich doch unterbrechen und sie auf die Gegenwart aufmerksam machen.

»O Isa, Jossuf, Marryam!« sagte sie da. »Ich denke nur an mich, aber nicht an Dich. Kann ich Dir einen Dienst erweisen? Ich will es gern thun.«

»Du kannst es. Hast Du vielleicht den Namen Manach el Barscha oder Barud el Amasat gehört?«

»Ja. Diese Beiden waren mit noch einem Dritten bis heute bei meinem Herrn.«

»Bis heute? Wo sind sie jetzt?«

»Fort.«

»Wohin?«

»Das weiß ich nicht. Es kamen die zwei Männer, von denen ich Dir gesagt habe. Es wurde heimlich gesprochen, und dann ritten die Drei fort. Darauf ward der Fuhrmann geholt. Sie wußten nicht genau, wann und woher Ihr kommen würdet. Sein Knecht mußte sich auf dem Wege nach Nevrekup, der unsrige aber auf dem Wege nach Vessme und Wlakawitza aufstellen. So konntet Ihr ihnen nicht entgehen. Ich hörte, daß Du ein Christ seist, und daß man sich an Dir rächen wolle. Du sollst bei dem Fuhrmann wohnen, und dann wollen sie bestimmen, was sie thun werden. Das erlauschte ich nur nach und nach und ich beschloß, Dich zu warnen. Jetzt bin ich ganz glücklich, dies gethan zu haben, und ich wollte, ich könnte noch viel mehr für Dich thun!«

»Ich danke Dir! Ich weiß nicht, wie lange ich hier bleibe und ob ich Dich noch einmal sehen werde. Erlaube mir, daß ich Dir ein Jadikiarly gebe an den fremden Mann, dem Du Dein Wohlwollen geschenkt hast!«

Ich gab ihr das für sie vorher hervorgesuchte Geschenk in die Hand. Sie sagte nichts dazu. Es war dunkel, und sie mochte wohl den Gegenstand erst betasten. Dann aber erklang es, fast zu laut:

»O Gott! Ein Tesbijeh! O Herr, wie bist Du doch so gütig! Das war der größte Wunsch meines Lebens. Einen Rosenkranz der Moslem mochte ich nicht, und ein christlicher ist so selten und so theuer. Ich werde bei jedem Gebet Deiner gedenken. Aber was soll ich heute für Dich thun?«

Das Geschenk hatte sie in eine Art von Begeisterung versetzt. Sie befand sich in der Stimmung, sich sogar in Gefahr zu begeben, wenn ich es verlangt hätte.

»Meinst Du, daß es unmöglich sei, zu erfahren, was sie beschließen?« fragte ich.

»Das wird schwer sein. Ich habe Matten und Wein in die Tschykma schaffen müssen. Dort werden sie ihre Unterredung halten und da sind sie nicht zu belauschen.«

Mit dem Worte >Erker< meinte sie wohl eine Giebelkammer. Die Schurken verfuhren mit großer Vorsicht.

»Trinken sie denn Wein, sie, die Anhänger des Propheten?«

»O, sie trinken oft, bis sie keinen Verstand mehr haben; nur darf es kein Anderer wissen. Die Kammer liegt ganz versteckt. Man muß auf einer alten Treppe hinauf gehen. Ich wollte wohl lauschen, aber da oben kann man nicht schnell entfliehen. Würde die Thüre geöffnet, so wäre ich verloren. Der Herr hat verboten, heute da hinaufzugehen.«

»In eine solche Gefahr sollst Du Dich auch gar nicht begeben! Und doch möchte ich gerne wissen, was sie sprechen.«

»Da fällt mir ein – – ich werde sie doch belauschen! Ich lege mich auf die Decke der Kammer«

»Wie meinst Du das?«

»Es gibt da oben ein Güwerdschinlik. Ich krieche hinein und werde Alles hören.«

Das war lustig – ein Taubenschlag!

»Kann man denn da hinein?« fragte ich.

»Ja. Es sind seit vielen Jahren keine Tauben drin gewesen. Das Thürloch ist so groß, daß ein Mensch ganz gut hinein kriechen kann.«

»Aus was besteht der Boden?«

»Aus hölzernen Sopalar, einer neben den andern gelegt.«

»Liegen sie fest?«

»Sehr fest; aber es sind doch Lücken dazwischen, und man kann ganz gut in die Kammer hinabblicken und Alles hören. Da hinauf gehe ich, und dann komme ich wieder hierher, um Dich zu benachrichtigen.«

»Hm! Ich möchte Dich nicht zu einem solchen Wagnisse veranlassen, und sodann ist es – –«

»Herr,« fiel sie ein, »ich thue es; ich thue es gern!«

»Das glaube ich Dir; aber es könnte Vieles gesagt werden, was Du nicht recht zu deuten wüßtest. Dein Bericht würde mich dann vielleicht irre führen, anstatt mir zu nützen. Könnte ich selbst hinauf in den Taubenschlag, so wäre es viel besser.«

»Es ist sehr schmutzig da oben!«

»Das darf mich nicht abhalten. Die Frage ist nur, ob ich hinauf gelangen könnte, ohne bemerkt zu werden.«

»Das kannst Du ganz gut.«

»Wie so?«

»Es ist dunkel, sonst würdest Du hier an diesem Binaew eine Leiter sehen. Steigt man da hinauf, so kommt man dahin, wo der Herr den Saman aufbewahrt, mit welchem er handelt. Noch eine kleine Leiter, und Du bist oben, wo sich das Otluk befindet. Gehst Du dann unter dem Dache hin, so gelangst Du unter das Dach des Hauptgebäudes und grad an die Thüre des Taubenschlages. Kriechst Du da hinein und ziehst die Thüre hinter Dir zu, so kann kein Mensch auf den Gedanken kommen, daß Jemand darin ist. Links von dieser Thüre geht ein Merdiban hinunter in das Hauptgebäude.«

»Meinst Du, daß ich es versuchen könne?«

»Ja; aber ich muß Dich hinaufführen.«

»Gut. Herunter finde ich dann von selbst wieder.«

»Wenn die Männer wieder herabkommen, so weiß ich, daß Du auch fort bist. Dann werde ich wieder hierher kommen. Vielleicht kann ich Dir dann noch von Nutzen sein. Soll ich Dich jetzt hinaufführen? Die Stunde wird nun bald vorüber sein.«

»Ja; aber warte vorher noch einen Augenblick!«

Ich kroch in den Stall zurück. Dort stieß ich auf Halef, welcher sich nicht entfernt hatte.

»Sihdi, ich habe Alles gehört,« sagte er.

»Gut; so brauche ich Dir keine Erklärung zu machen. Sind Osko und Omar noch nicht da?«

»Nein.«

»Ich habe sie nach Mundvorrath geschickt. Ich weiß nicht, wie das Abenteuer ausläuft. Halte die Pferde gesattelt, ganz so, als ob wir sofort aufbrechen wollten; doch muß es möglichst unbemerkt bleiben.«

»Ahnst Du Gefahr?«

»Nein; aber man muß auf Alles vorbereitet sein.«

»So gehe ich mit hinauf!«

»Das ist unmöglich.«

»Sihdi, es gibt Gefahr, und ich bin Dein Beschützer!«

»Du beschützest mich am besten, wenn Du meine Aufträge erfüllst.«

»So nimm wenigstens Deine Gewehre mit!«

»Gewehre in einem Taubenschlag? Unsinn!«

»Ich sehe, daß Du zu Grunde gehen willst. Aber ich werde über Dich wachen.«

»Thue das; doch entferne Dich nicht von den Pferden. Ich habe das Messer und zwei Revolver; das ist genug.«

Jetzt kroch ich wieder in den Hof hinaus. Die Dienerin nahm mich bei der Hand und führte mich zur Leiter. Ohne ein Wort zu sagen, stieg sie mir voran, und ich folgte ihr. Oben angekommen, fühlte ich aufgeschichtetes Stroh. Sie zog mich einige Schritte weiter bis zu einer zweiten Leiter, welche aber weniger hoch war. Als wir diese erstiegen hatten, befanden wir uns auf – wie es daheim genannt würde – auf dem Hahnebalkenboden des Nebengebäudes. Dort nahm sie mich abermals bei der Hand und zog mich weiter, immer unter dem Dachfirst hin. Wir wateten im Heu. Ich war länger als sie und stieß verschiedene Male mit dem Kopf an die Sparren und Balken. Sie sagte zwar immer: >Hier war ein Balken!< Aber sie sagte es stets erst dann, wenn ich die Bekanntschaft desselben bereits gemacht hatte.

Endlich – – brr, ging es plötzlich so jäh abwärts, daß wir beide den Halt verloren und mit einander mehrere Ellen tief abwärts rutschten. Das hatte nichts zu sagen. Die Schlittenbahn bestand aus Heu.

Meine Führerin hatte einen Schreckensruf ausgestoßen. Wir lauschten, ob dies gehört worden sei. Als aber Alles ruhig blieb, sagte sie leise zu mir:

»Hier grad vor uns ist der Taubenschlag und links die Stiege. Ich gehe aber nicht hinab, sondern kehre auf demselben Wege zurück, auf dem ich gekommen bin.«

»Werden die Männer schon da sein?«

»Nein, sonst würden wir sie hören.«

»Das ist gut, sonst hätten sie Deinen Schrei vernommen.«

»Hier habe ich die Thüre geöffnet. Ich gehe; nimm Dich in Acht, damit Dir kein Leid geschehe!«

Ich hörte sie am Heu zurückklettern; dann war es still um mich her, still und schauerlich finster.

In einem amerikanischen Urwald, des Nachts, hätte ich mich gewiß nicht so beklemmt gefühlt, wie hier in diesem dunkeln, unbekannten und engen Raum. Rechts war Wand, links die Stiege. Ich befand mich auf einem nur wenige Quadratschuh großen Plätzchen. Hinter mir der Heuboden und vor mir eine dünne Holzwand mit einem offenen Thürchen genau so groß, daß ich mich mühsam hindurchzwängen konnte.

Diese Umgebung war außerordentlich feuergefährlich; aber es war nothwendig, auch zu sehen, wo ich mich befand. Darum zog ich ein Wachshölzchen hervor und brannte es an. Ich blickte mich schnell außerhalb des Taubenschlages um und leuchtete sodann hinein. Ah, die Alte hatte sehr Recht! Schmutz gab es da in Masse; aber das mußte ertragen werden. Glücklicher Weise war das Staatskabinet doch so geräumig, daß ich gut Platz fand. Da, rechts, schien ein Stück Boden zu fehlen; doch hatte die linke Hälfte ein ganz sicheres Aussehen. Ich kroch also hinein und zog die Thüre hinter mir zu. Ich hatte es mir aber noch nicht ganz bequem gemacht, so begann der hier herrschende Geruch seine Wirkung. Ich merkte, daß kein Mensch hier zwei Minuten bleiben könne, ohne eine ganze Sebastian Bach'sche Fuge herunter zu niesen. Das war höchst gefährlich. Ich suchte mit der Hand umher und fand eine Schnur. Ich zog an derselben – und wirklich, da öffneten sich zwei Fluglöcher, und es drang wenigstens so viel Luft herein, als ich unbedingt zum Athmen bedurfte.

Dieser Luxus machte mich anspruchsvoller. Ich kroch wieder hinaus und holte mir ein Quantum Heu herein, um wenigstens für die Ellbogen eine weichere Unterlage zu haben. Nun hatte ich es so gemächlich, wie ich es hier überhaupt nur haben konnte.

Jetzt wäre es mir lieb gewesen, wenn die Erwarteten gekommen wären; aber meine Geduld wurde leider auf eine harte Probe gestellt. Ich merkte dabei, daß es ohne gewisse Vorkehrungen hier auf die Dauer doch nicht auszuhalten sei. Die frische Luft reichte nicht aus. Ich schob die Thüre wieder auf. Der Duft des Heues war doch noch besser als das scharfe Aroma des Taubenguano, in welchem ich lag. Um das Niesen zu verhüten, nahm ich mein Taschentuch hervor und band es zusammengelegt über die Nase und hielt dann den Mund möglichst nahe an die beiden Fluglöcher.

Hier waren die Vögel des Ölzweiges aus- und eingeschlüpft. Ein Blick hinaus belehrte mich, daß ich mich unter dem Giebeldach befand. Der Lärm und die Lichter des Jahrmarktes drangen zu mir herauf. Dabei kamen und gingen allerlei Gedanken. Meines kleinen Halef berühmter Emir Hadschi Kara Ben Nemsi Effendi im Taubenschlage! Ein Weltläufer in der Fremde hier im Taubenschlag? Ja, das war ja ganz wie in jenem berühmten Gedicht vom Schneider, der in die Fremde wandern soll, sich aber vor dieser so fürchtet, daß er unmöglich fortzubringen ist und seine Mutter ihn im Taubenschlag versteckt.

An diese romantische Heldenballade mußte ich denken. Ich lachte dabei fröhlich vor mich hin; das verursachte eine zitternde Bewegung meines Körpers, welche sich auch dem Boden mittheilte – er krachte.

Eigentlich hätte mich dies mißtrauisch machen sollen; aber die Hölzer hatten vorher meine viel kräftigere Bewegung ausgehalten, und so war also gar kein Grund zur Besorgniß vorhanden. Selbst wenn die Festigkeit des Taubenschlages nicht auf Jahrtausende berechnet sein sollte – ich lag ja still; es konnte nichts geschehen.

So hielt ich es fast bewegungslos wohl eine Stunde aus, und meine Lage wurde immer unbehaglicher. Da ich die Nase zugebunden hatte, so holte ich durch den Mund Athem. Der scharfe, ätzende Staub drang mir in die Kehle und reizte zum Husten. Ich konnte mir doch nicht auch noch den Mund verbinden!

Da – endlich – erschallten unter mir Schritte und Stimmen. Man öffnete die Thüre; es wurde Licht, und es traten ein – zwei, vier, fünf, sechs Männer, welche sich auf die auf dem Boden ausgebreiteten Strohdecken niederließen.

Jetzt, da das Licht von unten herauf durch meine Knüppel-Unterlage leuchtete, erschien mir dieselbe gar nicht mehr so recht zuverlässig. Es gab da ganz bedeutende und beängstigende Lücken. >Sehr fest<, hatte die Alte gesagt. Ich fand dies aber ganz und gar nicht.

Der Regen war durch das arg beschädigte Dach gedrungen, hatte den Guano durchnäßt und ihn zu einer ziemlich zusammenhängenden Kruste gemacht. Das mochte der Grund sein, daß er überhaupt noch vorhanden und nicht längst hinunter in die Kammer gefallen war.

Nun aber hatte ich mich auf der Kruste bewegt; die Wirkung konnte verhängnißvoll für mich werden. Ich erblickte zu meinem Schrecken den weißgrauen, stellenweise fingerhohen Überzug, welchen die Gegenstände da unten erhalten hatten, und dazu siebte ununterbrochen ein feiner Staubregen nach.

Das wurde dann erst deutlich bemerkt, als sich die Männer niedergesetzt hatten.

Derjenige, welcher das Licht in der Hand gehabt hatte, ein langer, spindeldürrer Mensch, jedenfalls der Wirth, blickte zornig nach oben und sagte:

»Dschehenneme gitme kedije; onu öldürim – Verdammniß über die Katze! Ich schlage sie todt.«

Man kann sich denken, daß ich mich nicht rührte; ich wagte kaum, zu athmen.

Neben dem Wirth saß mein liebenswürdiger Gastfreund, der Fuhrmann; dann folgten Saban, der Bettler, und der Bruder Deselim's aus Ismilan. Der Bettler hatte den einen Arm verbunden und eine tüchtige Beule an der Stirn. Es schien, daß er dem wackeren Schmied nur nach einem Kampf entkommen war. Die beiden anderen Männer hatte ich noch nicht gesehen. Sie trugen die Koptscha, waren also auch Eingeweihte und hatten Physiognomien, welche man am besten mit dem Worte >Ohrfeigengesichter< bezeichnet. Der Eine hatte außer den gewöhnlichen Waffen noch Etwas an dem zerfetzten Gürtel hängen, welches ich für eine Schleuder zu halten geneigt war. Ich wußte damals nicht, daß diese Waffe noch heute in jenen Gegenden im Gebrauche ist.

Diese beiden Männer verhielten sich schweigend; nur die Anderen sprachen.

Der Bettler erzählte das Ereigniß in der Waldhütte und berichtete dann von unserem nächtlichen Zusammentreffen und wie er in meine und des Schmiedes Hände gerathen sei. Als an das Pferd gefesselter Gefangener hatte er widerstandslos folgen müssen, bis sie am frühen Morgen ein Dorf erreicht hatten und da bei einem Bekannten des Schmieds eingekehrt waren. Dort aber hatte sich ein Freund des Bettlers auf Besuch befunden und ihn von seinen Fesseln frei gemacht, so daß es ihm geglückt war, auf dem Pferde davonzureiten. Der Schmied hatte ihn dann verfolgt und auch erreicht. Es war zu einem Handgemenge gekommen, bei welchem der Bettler zwar einige derbe Jagdhiebe erhalten hatte, aber doch noch entwischt war. Natürlich hatte er nun in höchster Eile seinen unterbrochenen Ritt nach Ismilan fortgesetzt und dort im Einkehrhause vernommen, ich sei da gewesen, aber bereits wieder aufgebrochen.

Als der Bruder Deselim's erfahren hatte, ich trüge die Schuld, daß sein Bruder den Hals gebrochen hatte, war er mit dem Schmied sofort zu Pferde gestiegen, um mir zu folgen. Er wußte ja, daß ich in Menlik bei dem Fruchthändler einkehren würde und da ganz sicher zu finden wäre.

Unterwegs waren sie dem abgelohnten Führer Albani's begegnet, welcher ihnen alles Weitere erzählt hatte. Sie erfuhren, daß wir einen Umweg eingeschlagen hatten, und beeilten sich, vor uns in Menlik anzukommen, was ihnen auch gelungen war, da sie das Pferd des Bettlers gegen ein besseres vertauscht hatten.

Sie hatten Barud el Amasat, Manach el Barscha und den mit diesen beiden davongelaufenen Gefangenwärter in Menlik bei dem Fruchthändler angetroffen und dieselben von Allem unterrichtet. Die Drei waren – also gewarnt – sofort aufgebrochen, um von uns nicht erwischt zu werden, hatten sich aber vorher das feste Versprechen geben lassen, daß man uns an einer weiteren Verfolgung hindern werde.

Man hatte an den beiden östlichen Ausgängen der Stadt auf uns gewartet, um uns bei dem Fuhrmann einzuquartiren. Das Weitere sollte nun besprochen werden.

»Es versteht sich ganz von selbst,« sagte der Fruchthändler, »daß diese Hunde unsere Freunde nicht erreichen dürfen.«

»Nicht erreichen?« meinte der Ismilaner. »Nur das willst Du verhindern? Weiter soll nichts geschehen? Hat dieser Fremde nicht meinen Bruder getödtet? Hat er mich nicht betrogen und mir unsere Geheimnisse entlockt? Hat er sich nicht in den Besitz der Koptscha gesetzt, so daß ich ihn nicht nur für einen der Unserigen, sondern sogar für einen der Zikri gehalten habe? Er wird unserem Bund den größten Schaden bereiten, wenn wir ihn fortreiten lassen. Er muß bleiben!«

»Wie willst Du ihn dazu bewegen?«

»Wie? Das fragst Du noch?«

»Ja, ich frage es.«

»Nun – durch schöne Worte und freundliche Vorspiegelungen bringen wir ihn nicht soweit. Wir müssen Zwang anwenden. Das können wir auf zweierlei Weise thun. Entweder klagen wir ihn an, so daß er hier gefangen genommen wird, oder wir selbst halten ihn fest.«

»Wessen willst Du ihn anklagen?«

»Gibt es nicht der Gründe genug?«

»Es wird kein Grund etwas nützen. Du hast mir ja gesagt, daß er drei Papiere besitzt: das Teskereh, Buyuruldi und auch den Ferman. Er steht nicht nur unter dem Schutz der Behörde, sondern er ist sogar ein Empfohlener des Großherrn. Wenn man ihn festnehmen will, so wird er seine Pässe vorzeigen, und man wird ihm eine Verbeugung machen und ihn nach seinen Befehlen fragen. Ich kenne das. Und selbst wenn er arretirt würde, so könnte er darüber lachen. Er ist ein Franke und wird sich auf seinen Balios berufen. Und fürchtet sich ja der Konsolos wekili vor uns, so gibt es einen Basch konsolos, dem es gar nicht einfallen wird, auf uns zu hören.«

»Du hast Recht. Wir werden also selbst handeln.«

»Aber wie?«

Da machte der Bettler eine energische Handbewegung und sagte:

»Was verliert Ihr so viele Worte? Er ist ein Verräther und ein Mörder. Gebt ihm eine Messerklinge in den Leib; da wird er schweigen und kann nichts ausplaudern.«

»Du hast Recht,« stimmte der Ismilaner bei. »Mein Bruder ist todt. Blut um Blut! Ihr habt sein Pferd gelähmt, damit wir ihn schnell einholen. Warum soll er überhaupt von hier fort? Mein Messer ist scharf. Während er schläft, schleiche ich mich zu ihm und stoße ihm die Klinge in's Herz. Dann ist unsere Rechnung ausgeglichen.«

Da entgegnete der Fuhrmann hastig:

»Das geht nicht! Ich bin Euer Freund und Helfer; ich bin bereit gewesen, ihn bei mir aufzunehmen, damit wir ihn genau beobachten können; ich will auch weiter das Meinige thun. Aber bei mir darf er nicht sterben. Ich will nicht vor dem Richter erscheinen, weil ein Schützling des Großherrn bei mir ermordet wurde.«

»Feigling!« brummte der Ismilaner.

»Schweig! Du weißt, daß ich nicht feig bin. Ich habe des Schadens bereits genug, da mein Knecht schwer verletzt ist. Ich glaube sogar, dieser Fremdling ahnt, was wir gethan haben.«

»Wie kann er es ahnen?«

»Er sprach von Stecknadeln. Vielleicht hat er gar die Nadel im Fuße des Pferdes entdeckt. Diese ungläubigen Frankenhunde haben die Augen des Teufels. Sie sehen Alles, was sie nicht sehen sollen.«

Da legte der eine der beiden Männer, welche mir unbekannt waren, den Tschibuk weg und sagte:

»Macht es kurz! Worte sind für Kinder und Weiber; wir aber sind Männer und wollen Thaten verrichten. Manach el Barscha will in der Ruine von Ostromdscha auf uns warten, damit wir ihm sagen, wie wir diese Hunde unschädlich gemacht haben. Ich muß ihm mit meinem Bruder hier die Botschaft bringen und habe nicht Lust, eine Ewigkeit zu warten.«

Diese Worte waren mir natürlich von größter Wichtigkeit, da sie mir sagten, wo ich die Flüchtlinge suchen mußte. Nun harrte ich in höchster Spannung des Entschlusses, welcher gefaßt werden sollte. Es verursacht Einem ein gar eigenthümliches Gefühl, zu hören, daß es Einem an den Kragen gehen soll.

Natürlich war ich bemüht, mir kein Wort entgehen zu lassen. Um so ärgerlicher war es, daß ich grad jetzt draußen ein Rascheln des Heues vernahm. Ich hob den Kopf empor. War das vielleicht die Katze, von welcher der Hausherr gesprochen hatte? Das Thier spazierte zu einer Zeit hier oben herum, welche mir gar nicht ungelegener sein konnte.

Unten erhoben sich laute Stimmen. Fast noch lauter aber wurde es in diesem Augenblick vor dem Taubenschlag. Es gab einen sehr geräuschvollen Rutsch – plumps – ein ärgerliches »Ah!« und dann war es draußen still, unter mir aber auch.

Ein Blick, den ich hinunter warf, zeigte mir, daß Alle horchten. Auch sie hatten das Geräusch vernommen. Es war ein Glück, daß sie eben jetzt lauter als vorher gesprochen hatten.

»Was war das?« fragte der Bettler.

»Wohl die Katze,« antwortete der Fruchthändler.

»Hast Du so viele Mäuse da oben?«

»Mäuse und Ratten.«

»Aber wenn es ein Mensch gewesen ist, der uns belauscht!«

»Wer sollte das wagen?«

»Sieh doch lieber einmal nach!«

»Es wird nicht nöthig sein; ich will es aber thun.«

Er stand auf und verließ die Kammer. Jetzt befand ich mich in Gefahr. Ich zog die Beine möglichst an mich. Er hatte zwar kein Licht bei sich; aber wenn er fühlte, daß die Thüre zum Taubenschlag offen sei, schöpfte er wohl Verdacht und griff hinein. Ich hörte die Stiege knarren. Er kam wirklich herauf – zum Glück aber nicht ganz.

»Ist Jemand da?« fragte er.

Niemand antwortete; aber es raschelte leise im Heu, so daß auch er es sicher hörte.

»Wer ist da?« wiederholte er.

»Miau!« antwortete es jetzt.

Und darauf folgte ein zorniges Pfauchen. Es war wirklich die Katze, welcher er vorhin die Verdammniß angewünscht hatte. Er brummte unmuthig einige Worte in den Bart und kehrte dann in die Kammer zurück.

»Habt Ihr es gehört?« fragte er. »Es war das Vieh.«

Ich hatte bereits die Hand am Messer gehabt; jetzt fühlte ich mich beruhigt – aber nicht für lange Zeit, denn als das Gespräch wieder begann, hörte ich ein leises, streichendes Geräusch hinter mir, als ob Jemand mit der tastenden Hand die Räumlichkeit untersuche. Ich horchte auf. Ah, da fühlte eine Hand an meinem Fuße.

»Sihdi!« flüsterte es.

Jetzt kannte ich diese Katze.

»Halef?« antwortete ich so leise wie möglich.

»Ja. Habe ich die Stimme der Katze nicht prächtig nachgeahmt?«

»Mensch, was fällt Dir ein! Du bringst Dich und mich in die allergrößte Gefahr!«

»Mußte ich nicht? Du bliebst so lange fort. Ich hatte Sorge um Dich. Wie leicht konnte man Dich erwischen!«

»Das hättest Du abwarten sollen!«

»So! Soll ich warten, bis man Dich getödtet hat? Nein, ich bin Dein Freund und Beschützer.«

»Der mich aber in Verlegenheit bringt. Verhalte Dich jetzt ganz ruhig!«

»Siehst Du sie?«

»Ja.«

»Und hörst Du sie?«

»Ja, ja doch!« antwortete ich ungeduldig. »Aber ich werde sie nicht hören, wenn Du weiter plauderst.«

»Gut, ich schweige. Aber Zwei hören mehr als Einer. Ich lausche auch – ich komme hinein.«

Ich hörte, daß er Anstalt machte, in den Taubenschlag zu kriechen.

»Mensch, bist Du des Teufels?« raunte ich ihm zu. »Ich kann Dich nicht brauchen. Bleibe draußen!«

Leider aber hatte eben jetzt der Ismilaner seine Stimme so erhoben, daß Halef meine Worte gar nicht verstehen konnte. Er kam zu mir hereingekrochen – wahrhaftig, er kam! Ich gab ihm zwar einen tüchtigen Tritt mit dem Fuß; aber der kleine Kerl meinte es gut – zu gut für die Verhältnisse. Er war ganz erpicht darauf, den Lauscher zu machen, und mochte glauben, daß der Fußtritt nur eine ganz zufällige Bewegung von mir gewesen sei.

Jetzt war er da. Ich drückte mich so weit nach links, wie es mir möglich war.

»O Allah! Wie stinkt es hier!« flüsterte er.

»Her zu mir! Hierher, hierher, ganz zu mir!« gebot ich ihm. »Dort rechts brichst Du durch!«

Er machte eine hastige Bewegung zu mir herüber und hatte dabei ganz sicher eine ganze Menge von dem Guano aufgewühlt, denn unten fluchte der Fruchthändler:

»Zur Hölle mit dieser Katze! Da ist sie jetzt über uns und wirft allen Kot herab!«

»Puh! Ah – oh – – uh!« pustete Halef, dem der scharfe Staub in die Nase und Lunge gerathen war.

Er hatte sich infolge meiner Aufforderung ganz nahe an mich geschmiegt; darum fühlte ich, daß sein Körper eine krampfhafte, wurmartige Bewegung machte.

»Atsch zözünü – nimm Dich in Acht!« mahnte ich, denn trotz der verbundenen Nase empfand ich einen heftigen Niesreiz.

»Ja, Sihdi! Niemand soll hören – – oh – ih – – bchch – – gchchch – dchchchch – – hilf mir, Allah!«

Er kämpfte vergebens gegen den unüberwindlichen Reiz. Ich hörte ein ganz unbeschreibliches, vergebens nach innen gedrängtes Pusten und Keuchen und griff unwillkürlich hinüber, um ihm den Mund zuzuhalten.

»O Allah – Al – – ill – – ell – ah – ha – ha – ha – hab – – habziiih, habzuäuuuh!«

Da krachte es los, und zwar so kräftig, so nachhaltig, daß sein ganzer Körper bebte: aber es krachte auch unter uns. Ich fühlte, daß der ganze Taubenschlag wackelte und bebte.

»Si – – Sih – – Sihdi, o Muhammed, ich breche durch!«

Der Kleine wollte diese Worte leise sagen, aber da er bereits den Boden unter sich verlor, so stieß er sie in seinem Schreck laut wie einen Hilferuf aus. Er faßte mich am Arme. Ich erkannte, daß er auch mich mit hinunterreißen würde, und riß mich los. Im nächsten Augenblick prasselte es um mich her, als ob das ganze Gebäude zusammenstürze: – ein entsetzliches Gepolter, eine noch entsetzlichere, dicke Guanowolke – unter mir lautes Schreien, Fluchen, Husten und Niesen – der gute Hadschi war mit der Hälfte des Taubenschlages hinabgestürzt.

Auch ich hing halb in der Schwebe. Ein rascher Schwung brachte mich mit den Beinen zu dem Loch hinaus; nach einer zweiten, krampfhaften Anstrengung stand ich mit dem ganzen Körper draußen. Ich riß das Tuch von der Nase und hustete und nieste, als ob ich es bezahlt bekäme. Jetzt war es ganz gleich, wenn man mich auch hörte.

Unten entstand ein Höllenlärm. Halef befand sich jedenfalls in Gefahr. Das Licht war nicht verlöscht. Hatte man ihn ergriffen, oder war er so geistesgegenwärtig gewesen, hurtig zu entspringen? Ich rannte, so rasch es die Dunkelheit gestattete, die Stiege hinab. Der Heidenspektakel war mein Führer. Ich fühlte die Kammerthüre – ich tastete mit der Hand, daß sie von außen verriegelt werden konnte; man brauchte nur einen an einer Schnur hangenden Holzpflock vorzuschieben. Von innen war sie nicht verschlossen. Ich öffnete. Ein dicker Guanostaub, durch welchen das Licht der Lampe kaum zu dringen vermochte, wallte mir entgegen.

Ich erblickte, so weit ich die Augen zu öffnen vermochte, ein Chaos von Armen, Beinen und herabgefallenen Holzknüppeln, Alles in Bewegung – ein unbeschreiblicher Lärm von Hustenden, niesenden, fluchenden Menschen, dazu klatschendes Geräusch, als ob Jemand eine Peitsche aus Leibeskräften in Bewegung setze. Ich merkte, daß diese Leute sich unter einander gepackt hielten, in der Meinung, den unerwarteten Eindringling ergriffen zu haben. Jetzt erschallte Halef's Stimme:

»Sihdi, wo bist Du? Bist Du auch herunter?«

»Ja, hier!«

»Hilf, hilf! Jetzt haben sie mich!«

Ich sprang nun – ohne weiteres Besinnen – sprang mitten in den Knäuel hinein. Ja, sie hatten ihn. Ich packte ihn mit der Linken, entriß ihn ihren Händen und schleuderte ihn zur offenen Thüre hinaus. Einige Faustschläge mit der Rechten – und sie wichen zurück. Sofort war auch ich draußen, warf die Thüre zu und steckte den Pflock vor.

»Halef!«

»Hier!«

»Bist Du verletzt?«

»Nein. Komm fort!«

»Ja, hier die Treppe hinab!«

Ich erfaßte seine Hand und zog ihn nach der Gegend, in welcher ich die Treppe vermuthete. Hierbei leiteten mich Stimmen, welche unten erschallten. Man hatte da den Lärm vernommen und kam, um nachzusehen, was es zu bedeuten habe.

Wir rutschten mehr die Treppe hinab, als daß wir liefen, rissen dabei einige Personen um, kamen glücklich unten an und sprangen über den Hof hinüber, nach der Stelle, wo ich die Bretter locker gemacht hatte. Als wir da hindurchgeschlüpft waren und stehen blieben, um auszuschnaufen, sagte der kleine Hadschi:

»Allah sei Dank! Mich bringt kein Mensch wieder in einen Taubenschlag!«

»Es hat Dich Niemand geheißen, hinaufzugehen!«

»Du hast Recht. Ich bin an Allem Schuld. Aber schön war es doch, denn ich habe meiner Kamdschy Arbeit gegeben, an welche diese Leute noch lange denken werden. Hörst Du sie rufen? Horch!«

»Ja. Man sucht uns. Wo ist Osko? Wo ist Omar?«

»Hier,« antworteten die beiden Genannten.

»Sind die Pferde zum Aufbruch bereit?«

»Ja. Wir warteten schon lange.«

»Hinaus aus dem Stalle und fort aus der Stadt!«

Jeder ergriff sein Pferd. Meine Gewehre hingen am Sattel, wie ich tastete. Im Hofe stiegen wir auf. Das Thor des Hauses war offen; wir gelangten unangefochten auf die Gasse.

Halef ritt neben mir. Er sagte:

»Wohin geht es? Kennst Du den Weg? Wollen wir denn nicht Jemand fragen?«

»Nein. Es braucht Niemand zu erfahren, welche Richtung wir einschlagen. Wir reiten nach Westen. Nur erst zur Stadt hinaus! Dann werden wir wohl einen Weg finden.«

»Aber müssen wir denn fliehen? Ist das nothwendig?«

»Wir reiten fort; das ist auf alle Fälle gut. Willst Du das eine Flucht nennen, so thue es. Ich weiß, wo Barud el Amasat steckt. Er ist nicht hier, und wir werden ihn und seine Begleiter aufsuchen.«

Bald lag Menlik hinter uns. Als wir heute von der entgegengesetzten Seite in die Stadt geritten waren, hatte ich nicht geahnt, daß wir sie so schnell wieder verlassen würden.

Es war ziemlich dunkel; aber wir bemerkten, daß wir auf einem gebahnten Wege ritten, dem man hier in der Nähe der Stadt den Namen Straße geben konnte.

Da vor uns lag der Strumafluß, der Strymon der Alten, im Norden sich im tief eingeschnittenen Thale wälzend, um nach Süden hin der reichen Ebene von Seres zuzufließen.


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