Karl May
In den Schluchten des Balkan
Karl May

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Unter Paschern

Als ich erwachte, war es noch dunkel um mich; dennoch fühlte ich, daß ich vollständig ausgeschlafen hatte. Das Räthsel löste sich indeß, als ich aufstand und nun bemerkte, daß sämmtliche Fensterluken durch die Läden noch verschlossen waren.

Ich stieß einen derselben auf und sah nun, daß die Sonne bereits ziemlich hoch stand. Es mochte nach westlicher Zeit zwischen acht und neun Uhr sein.

Draußen ließ sich ein fleißiges Hämmern und Feilen vernehmen. Ich ging hinaus. Der Schmied stand bei der Arbeit, und seine Frau zog den Blasebalg.

»Guten Morgen!« rief er mir lachend entgegen. »Du hast sehr gut geschlafen, Effendi.«

»Leider! Du aber auch!«

»Ich? Wie so?«

»Ich sehe meine Gefährten nicht.«

»Ich habe sie auch nicht gesehen.«

»Sie sind vorüber!«

»Wann?«

»Während der Nacht.«

»O, Du denkst, daß ich geschlafen habe?«

»Ich ahne es.«

»Nicht ein Auge habe ich zugethan! Frage meine Frau. Als Du schliefst, kam sie zu mir in's Freie. Wir haben neben einander gesessen und vergebens nach den Erwarteten geschaut.«

»Und das Feuer hat stets gebrannt?«

»Bis jetzt. Effendi, ich sage Dir die Wahrheit.«

»Das macht mich um die Gefährten besorgt. Ich werde ihnen entgegen reiten.«

»Ich denke doch, daß Du nach Dschnibaschlü reiten willst?«

»Ich wollte; aber – – –«

»Habe keine Sorge, Effendi! Sie werden kommen. Sie sind so klug gewesen, während der Nacht nicht durch eine unbekannte Gegend zu reiten.«

»Nein, das ist es nicht, was ihre Ankunft verzögert. Entweder sind sie auf ein unvorhergesehenes Hinderniß getroffen, oder sie haben den Weg verfehlt.«

»Nun, in beiden Fällen ist es besser, daß Du nach Dschnibaschlü reitest. Sie werden das Hinderniß beseitigen und bald kommen. Und befinden sie sich auf falschem Wege, so werden sie den richtigen finden. Welche Orte sollten sie berühren?«

»Ich habe ihnen befohlen, von Dere-Kiöj nach Mastanly zu reiten.«

»Dann müssen sie auf alle Fälle hier vorüberkommen. Soll ihnen Jemand entgegen gehen, so will ich es thun. Ich nehme das Pferd unseres Gefangenen.«

»Das läßt sich hören! Aber – hast Du bereits mit ihm gesprochen?«

»Ich habe nach ihm gesehen.«

»Was sagte er?«

»Er schimpft erbärmlich. Er verlangt, sofort freigelassen zu werden, und als ich sagte, daß ich ihm die Freiheit nicht geben könne, verlangte er, mit Dir zu reden.«

»Diesen Wunsch werde ich ihm gern erfüllen.«

»Thue es nicht, Effendi!«

»Warum nicht?«

»Er ist hinterlistig. Er will sich befreien – entweder durch Gewalt oder, wenn dies nicht möglich sein sollte, durch List.«

»Ich fürchte weder seine Körperkraft, noch seine Verschlagenheit. Er steckt unten in der Grube und ist gebunden. Was will er mir thun? Er kann nicht die Hand nach mir ausstrecken.«

»Aber er wird Dich überreden!«

»Das wird er nicht. Ich gehöre nicht zu den leichtgläubigen Leuten und bin nicht der Mann, welcher jetzt so denkt und in fünf Minuten ganz anders. Übrigens wirst Du ja dabei sein. Komm!«

Wir standen eben im Begriff, die den Keller verschließende Thüre zu öffnen, als die Frau des Schmiedes hinzutrat, mich geheimnißvoll am Arme berührte und dabei leise sagte:

»Bul-dim ol, bul-dim ol, ich habe es gefunden, ich habe es gefunden!«

»Was?« fragte ich, indem ich die Hand von der Thüre ließ.

»Onun jüzi, onun jara nischanysü – sein Gesicht, seine Narbe.«

»Du meinst wohl das Gesicht und die Narbe des Gefangenen?«

»Ewwet Effendim; anutmisch idim ikiside – ja, Effendi; ich hatte Beides vergessen.«

»So hast Du ihn wohl bereits einmal gesehen?«

»Ja. Aber es war mir wieder entfallen. Ich habe während der ganzen Nacht darüber nachgedacht. Ich marterte mein Hirn, ohne mich besinnen zu können. Nun aber ist es mir ganz plötzlich eingefallen.«

»Komm in die andere Stube! Er könnte uns hören,« sagte ich.

Beide folgten mir in die Wohnstube, und dort sagte der Schmied im Tone der Verwunderung zu seinem Weib:

»Du hast ihn gesehen? Du hattest es vergessen, und Du hast während der ganzen Nacht neben mir gesessen und darüber nachgedacht? Warum hast Du mir nichts davon gesagt?«

»Ich wollte mich nicht irre machen. Hätte ich davon gesprochen, so wäre es mir gar nicht eingefallen; das dachte ich.«

»Du magst Recht haben,« sagte ich. »Gut, daß Du Dich nun besonnen hast. Also, wo hast Du ihn gesehen?«

»Topokluda – in Topoklu.«

»Wann?«

»Baharin achyr; kyz achabimde – Im letzten Frühjahre; bei meiner Freundin.«

»Als Du in Topoklu zum Besuche warst?« fragte ihr Mann erstaunt.

»Ja, damals.«

»Was that er denn bei Deiner Freundin?«

»Er kaufte Barut und Jakymler

Und zu mir gewendet, fuhr sie fort:

»Du mußt nämlich wissen, daß der Mann meiner Freundin einen Hazez matahy besitzt und Allerlei verkauft, was man für den Augenblick nöthig hat. Ich war eingeladen worden, weil sie krank war und Niemand hatte, der sie pflegen sollte. Ich saß bei ihr, und da trat Jemand in den Laden und verlangte Munition. Er wollte sie sogleich probiren. Da bat ihn der Krämer, dies nicht zu thun, da seine Frau krank sei und das Schießen nicht vertragen könne; aber der Mann lud dennoch sein Pistol und schoß mit der Kugel nach dem Pferdekopf des gegenüber liegenden Hauses.«

Der Bulgare liebt es nämlich, über seine Thüre oder an den Firstenden, also an den Giebelwinkeln seines Hauses Pferdeköpfe oder auch die Köpfe anderer größerer Thiere, wie Rinder-, Maulthier- und Mauleselsköpfe, anzubringen.

Die Frau fuhr fort:

»Meine Freundin schrie bei dem Schuß vor Schreck laut auf. Er lachte und schoß noch mehrere Male. Und als der Krämer es ihm nun streng verbot, drohte er, auf ihn selbst zu schießen. Endlich bezahlte er und ging. Vorher aber sagte er, daß er eigentlich gar nicht zu bezahlen brauche, da er zu den Gizli söz birlidschi gehöre.«

»Was für Leute sind das?« fragte ich.

»Das weißt Du nicht?« meinte der Schmied.

»Ich habe es noch nie gehört.«

»Ein Gizli söz birlidschi ist ein Mann, der dem Großherrn nicht gehorchen, sondern ein bulgarisches Reich mit einem eigenen, unabhängigen König haben will.«

»Darf es denn Jemand wagen, sich öffentlich zu diesen Verschwörern zu bekennen?«

»Warum nicht? Der Großherr wohnt in Istambul, und je weiter Du Dich von dieser Stadt entfernst, desto geringer wird seine Macht. Und sieht so ein Mann sich in Gefahr, so geht er in die Berge. – Erzähle weiter, Frau!«

»Ich hatte durch die Ritzen der Ruthenwand geblickt,« fuhr sie fort, »und den Menschen gesehen. Er trug ein großes Melhem über der rechten Wange, und als wir dann den Krämer fragten, wer der Fremde sei, sagte er uns, daß dieser in den Bund der Choschnudsuzlik gehöre und in dem Dorfe Palatza wohne. Er heiße Mosklan und sei eigentlich Dschambaz, habe aber dieses Geschäft aufgegeben, um seine ganze Zeit dem Geheimbunde widmen zu können. Doch bat uns der Krämer, keinem Menschen etwas davon zu sagen. Wir hörten noch, daß dieser Roßtäuscher selten zu Hause sei und sich stets unterwegs befinde.«

»Und Du glaubst, ihn in unserem Gefangenen wiedererkannt zu haben?«

»Ja. Er trägt das Pflaster nicht mehr; das machte mich irre. Ich fühlte, daß ich ihn irgendwo gesehen habe, doch konnte ich mich nicht besinnen. Aber da fiel mir jetzt doch die Narbe ein, welche er über der rechten Wange hat, und nun weiß ich es genau, daß er es ist.«

»Wirst Du Dich nicht irren?«

»O nein. Ich kann es beschwören, daß er es ist.«

»Und er hat sich Pimosa genannt und gesagt, er sei ein Serbe, ein Agent aus Lopaticza am Ibar.«

»Das ist eine Lüge.«

»Ich habe es ihm ja auch gar nicht geglaubt. Er sprach walachisch, und zwar spricht er diese Sprache, wie mir scheint, genau so, wie ich sie in der Gegend von Slatina gehört habe.«

»Slatina? Ja, ja!« nickte die Frau mit Eifer. »Der Krämer schien ihn besser zu kennen, als er uns merken lassen wollte. Er war zornig auf ihn und nannte ihn einen Ak-Iflaki, einen Giaur, einen russialy Katolik, einen Slatinaly Rafyz und einen mükirly Kristian

»Daraus ist allerdings zu schließen, daß er ihn sehr genau kennt und daß er auch weiß, daß der Mann aus Slatina ist.«

»Und jetzt fällt mir auch ein, daß er ihn in seinem Zorne einen Ulak Assilerin und einen Sajy Müdschibbi inkilablerin schimpfte.«

»Das ist höchst interessant! Vielleicht ist bei dem dicken Bäcker in Dschnibaschlü noch mehr zu erfahren.«

»Willst Du wirklich hin, Effendi?«

»Ja; jetzt ganz gewiß.«

»Und soll der Gefangene es erfahren?«

»Allerdings; er selbst hat mich ja dazu aufgefordert.«

»Wirst Du ihm auch sagen, daß Du erfahren hast, wer er eigentlich ist?«

»Nein. Das wäre eine Unvorsichtigkeit, deren ich mich nicht schuldig machen will. Habt Ihr für jetzt vielleicht noch Etwas zu bemerken?«

»Nein,« sagte die Frau. »Ich habe Alles gesagt, was ich weiß. Aber erlaube, daß ich Dich um Etwas frage, was mir Sorge macht!«

»Frage nur immer zu! Vielleicht ist Deine Sorge grundlos.«

»O nein! Wenn dieser Mann zu den Unzufriedenen gehört, so befinden wir uns in Gefahr. Wir haben ihn gefangen genommen, und er wird sich rächen oder von seinen Mitverschworenen gerächt werden.«

»Das ist allerdings ein Gedanke, den Ihr nicht von Euch weisen könnt; aber vielleicht läßt sich dieser Angelegenheit ein solcher Ausgang geben, daß Ihr nichts zu befürchten braucht. Seine Verbündeten haben Euch mißhandelt, und Ihr habt also alle Veranlassung gehabt, Euer Verhalten darnach einzurichten. Vor allen Dingen will ich jetzt einmal mit ihm reden, da er dies verlangt hat.«

Wir brannten einen Span an, öffneten den Keller, legten die Leiter an, und dann stieg ich hinab. Der Gefangene lag auf dem Kohlenhaufen und empfing mich mit Schimpfworten.

»Glaubst Du, in dieser Weise Deine Lage zu verbessern?« fragte ich ihn.

»Laß mich los!« antwortete er. »Gib mich frei! Du hast kein Recht, mich hier festzuhalten.«

»Bis jetzt bin ich überzeugt, dieses Recht zu haben!«

»Hat Dich der Färber Boschak nicht eines Besseren belehrt?«

»Ich war noch nicht bei ihm.«

»Warum nicht? Warum zauderst Du? Es muß jetzt weit über Mittag sein. Du hast längst Zeit gehabt, nach Dschnibaschlü zu gehen.«

»Du irrst. Es ist noch nicht so weit, wie Du denkst. Aber ich werde mich sogleich aufmachen. Also Du behauptest, daß er Dich kennt?«

»Ja. Frage nur nach dem Agenten Pimosa.«

»Weiß er, daß Du jetzt nicht in Edreneh gewesen bist?«

»Ja. Er wird, wenn Du ihn fragst, bezeugen, daß ich während der letzten Tage in Mandra und Boldschibak gewesen bin.«

»Wie will er das wissen?«

Er zögerte, zu antworten, und sagte erst nach einer Pause:

»Das wirst Du von ihm selbst hören.«

»Ich möchte es aber noch lieber gleich jetzt von Dir erfahren.«

»Wozu denn?«

»Es ist das die beste Weise, mein Mißtrauen zu bekämpfen.«

»Das sehe ich nicht ein!«

»Muß ich Dir vielleicht vorher eine Erklärung geben? Du schweigst, weil Du verhüten willst, daß seine Aussage der Deinigen widerspricht. Also sage mir, ob er vielleicht mit Dir an jenen beiden Orten gewesen ist.«

»Das habe ich nicht nöthig. Gehe hin, und frage ihn selbst!«

»Es scheint, daß Du Dir Deine Lage nicht verbessern willst. Was habe ich denn eigentlich für eine Ursache, zu diesem Boschak zu gehen? Gar keine!«

»Ich verlange es aber, damit Du meine Unschuld erkennst.«

»Wärst Du schuldlos, so würdest Du selbst mir die geforderte Auskunft ertheilen.«

»Du sollst ihm sagen, daß ich mich hier befinde.«

»Damit er Dich aus diesem Keller holt? Glaubst Du, daß meine Dummheit größer als Deine Klugheit sei? Um aber alle Vorwürfe zu vermeiden, werde ich zu dem Färber gehen. Vielleicht erfahre ich bei ihm ganz das Gegentheil von dem, was er nach Deinem Wunsche mir sagen soll. Hast Du Hunger?«

»Nein.«

»Oder willst Du trinken?«

»Nein. Lieber will ich verschmachten als von solchen Menschen, wie Ihr seid, einen Tropfen Wasser annehmen!«

»Ganz nach Deinem Belieben!«

Ich machte Anstalt, wieder emporzusteigen; da sagte er in barschem Tone:

»Ich verlange, daß Ihr mir die Fesseln abnehmt!«

»Von Menschen, welche nicht werth sind, Dir einen Tropfen Wasser anzubieten, kannst Du das doch nicht verlangen.«

»Sie thun mir weh!«

»Das schadet nichts! Der Durst thut auch weh, und dennoch willst Du ihn ertragen, um nur von uns nichts empfangen zu müssen. Übrigens weiß ich sehr genau, daß Dir die Fesseln keine Schmerzen verursachen. Der Prophet sagt: Wenn Du in Leiden fällst, so bedenke, daß es meist nicht Allah's Wille, sondern nur der deinige gewesen ist. Denke an dieses Wort, bis ich zurückkehre!«

Er zog es vor, sich nun in Schweigen zu hüllen.

Der Schmied hatte die Zeit dazu benutzt, mir mein Pferd vorzuführen. Er brachte zugleich dasjenige des Gefangenen mit.

»Willst Du wirklich den Meinigen entgegen reiten?« fragte ich.

»Wenn Du es erlaubst, Effendi, ja!«

»Meinst Du, daß Deine Gegenwart hier nicht nöthig sei?«

»Meine Frau ist da. Sie wird den Gefangenen bewachen.«

»Man weiß nicht, was sich während unserer Abwesenheit ereignen kann!«

»Was soll sich ereignen? Ich halte es für nothwendig, daß Deine Leute erfahren, wo Du Dich befindest, und daß Du auf sie wartest. Ich reite nur bis Dere-Kiöj: finde ich sie da nicht, so kehre ich zurück!«

»Ihr könnt Euch umreiten.«

»Meine Frau wird dafür sorgen, daß sie hier nicht vorüberkommen, ohne einzukehren.«

»Nun, wie Du willst! Auch hat sie vor Allem dafür zu sorgen, daß kein Mensch erfährt, wir hätten einen Mann im Keller.«

Die Frau hatte bei uns gestanden und Alles gehört.

»Effendi, reite ohne Sorge nach Dschnibaschlü,« sagte sie. »Es wird Alles so sein, als ob Du selbst Dich hier befändest.«

Auf diese Versicherung hin bestieg ich das Pferd. Es kam mir der Gedanke, die Gewehre zurück zu lassen, um leichter zu sein; doch waren sie mir zu werthvoll, als daß ich sie hätte in Gefahr bringen mögen. Es gab in diesem Hause keinen Ort, welcher ein sicheres Versteck bieten konnte. Also nahm ich sie mit.

Das Dorf lag nicht weit von der Schmiede. Es war nicht groß, ich kam also schnell hindurch. Dann ging's über die Brücke und linksum nach Südost, nicht, wie der Schmied gesagt hatte, nach Süden zu.

Ich passirte einige Maisfelder, dann Weideland und kam nun an unbebautes Land. Einen eigentlichen Weg gab es nicht. Jeder läuft, fährt oder reitet hier, wie es ihm beliebt. Darum wunderte ich mich nicht, als ich zu meiner Rechten, in ziemlicher Entfernung von mir, einen Reiter auftauchen sah, welcher dieselbe Richtung zu verfolgen schien. Auch er bemerkte mich und hielt nun nach mir herüber.

Als er näher herangekommen war, beobachtete er mich und schien nicht in's Klare kommen zu können; dann faßte er einen schnellen Entschluß und kam im Trabe ganz heran.

»Ssabahhak bilcheer – guten Morgen!« grüßte er mich, zu meinem Erstaunen in schönstem arabisch.

»Allah jußabbihak bilcheer – Gott gebe Dir einen guten Morgen!« antwortete ich in freundlicher Weise.

Der Reiter gefiel mir nämlich. Er gehörte jedenfalls nicht zu den reichen Leuten. Sein Pferd war keine zweihundert und fünfzig Mark werth, und er trug eine fast ärmliche Kleidung; aber diese Kleidung zeugte von einer hier in dieser Gegend ungewöhnlichen Sauberkeit, und das Pferd war, wenn auch nicht üppig genährt, doch sehr gut gehalten. Die Kaschaghy und die Kirpi-fyrtscha mußten wohl den Mangel von Haferüberfluß ersetzen. Dies macht auf den Pferdefreund stets einen guten Eindruck. Übrigens war der junge Mann sehr schön gewachsen, und sein von einem wohlgepflegten Schnurrbart geziertes Gesicht hatte einen so offenen, ehrlichen Ausdruck, daß ich mich keineswegs darüber ärgerte, den Gang meiner Gedanken durch ihn unterbrochen zu sehen.

»Tihki dschenabak bil arabi – Sie sprechen arabisch?« fuhr er fort, indem er durch ein befriedigtes Nicken zu erkennen gab, daß er sich freue, mich richtig beurtheilt zu haben.

»Ssahihh, hhubba we kerameta – gewiß, sehr gern sogar.«

»Itfaddal 'alei wa kul li min een dschaï dschenabak – wollen Sie die Güte haben, mir zu sagen, woher Sie kommen?«

»Min Koschikawak – von Koschikawak.«

»Ana bistektir cheerak – ich danke schön!«

»To 'an o kerhan – wollen Sie vielleicht mit mir kommen?«

»Akun lak memnun bidalik – ich werde Ihnen dafür sehr verbunden sein!«

Das war eine recht herzgewinnende Höflichkeit. Ich fragte ihn nun, wie er auf den Gedanken gekommen sei, mich arabisch anzureden. Er deutete, indem seine Augen blitzten, auf mein Pferd und antwortete:

»So einen Nedschi kann nur ein Araber reiten. Das ist ein ächter Wüstenhengst! Bei Allah! Rothe Nüstern! So ist die Mutter wohl gar eine Kohelistute gewesen?«

»Sie haben ein gutes Auge. Der Stammbaum weist allerdings nach, daß Sie Recht haben.«

»Sie glücklicher und Sie reicher Mann! Die Hufe und die Fesseln zeigen, daß dieses Pferd nicht in der Sand-, sondern in der Steinwüste geboren wurde.«

»Auch das ist richtig. Ist diese Gegend Ihre Heimat?«

»Ja.«

»Wie kommen Sie da zu diesem Scharfblick für arabische Pferde?«

»Ich bin Hadschi. Nachdem ich in Mekka meine Ssalawat absolvirt hatte, ging ich nach Taïf, wo ich in die Chejale des Groß-Scherifs von Mekka trat.«

Ich kannte diese Elite-Cavallerie und wußte, wie gut sie beritten war. Der Großscherif besitzt einen wahrhaft glänzenden Marstall. Kein Wunder also, daß dieser junge Mann seinen Blick hatte üben können.

Es war mir interessant, einen ehemaligen Cavalleristen des Großscherifs von Mekka vor mir zu sehen.

»Warum blieben Sie nicht dort?« fragte ich ihn.

Er erröthete, blickte vor sich nieder, richtete dann die Augen voll und aufrichtig auf mich und sagte das eine Wort:

»Mahabbe – die Liebe!«

»Welak – oh wehe!«

»Na'm; hakassa – ja, ja, so ist es!«

Ich hatte mein Wehe in scherzhaftem Tone gesprochen; er aber machte ein sehr ernsthaftes Gesicht und blickte so nachdenklich vor sich hin, daß ich sehr leicht errathen konnte, wie es stand. Natürlich aber fiel es mir nicht ein, ihn über diese äußerst zarte Angelegenheit mit Fragen zu behelligen. Ich lenkte vielmehr um und sagte:

»In Beziehung auf das Pferd haben Sie ganz richtig geurtheilt; aber Ihre Ansicht über den Reiter ist eine irrige.«

»Wie? Sie sind doch jedenfalls Beduine?«

»Sitze ich wie ein Bedawi zu Pferde?«

»Allerdings nicht. Das fiel mir sogleich auf, als ich Sie bemerkte.«

»Und Sie wunderten sich?«

»Ja.«

»Sie sind aufrichtig!«

»Soll ich es nicht sein?«

»In Allah's Namen! Sprechen Sie nur freimüthig!«

»Ich konnte nicht begreifen, daß der Besitzer eines seltenen Pferdes so schlecht reitet.«

»Hadda hhal ed dunja – das geht so in der Welt!«

Er warf einen besorgten Blick zu mir herüber und fragte:

»Sie haben mir das übel genommen?«

»O nein!«

»O doch!«

»Machen Sie sich keine Sorge! Was Sie sagten, das hat mir schon mancher Andere auch gesagt, ohne daß ich es übel nahm.«

»Warum geben Sie sich nicht Mühe, das Reiten zu lernen?«

»O ich habe mir viel Mühe gegeben, sehr viel!«

»Jumkin – wahrscheinlich!« lächelte er ungläubig.

»Sie zweifeln daran?«

»Ja.«

»Nun, ich will Ihnen sagen, daß ich Jahre lang den Sattel nur verlassen habe, um zu schlafen.«

»Allah akbar – Gott ist groß! Er schafft die Menschen und beschenkt einen Jeden mit einer besonderen Gabe, aber auch mit einem besonderen Mangel. Ich habe Einen kennen gelernt, dem es unmöglich war, zu pfeifen. Er gab sich alle Mühe, brachte es aber nicht fertig. Andere pfeifen schon, wenn sie noch im Beschik hängen. Ihnen geht es mit dem Reiten grad so, wie Jenem mit dem Pfeifen. Dafür aber wird Allah Ihnen ein anderes Talent verliehen haben.«

»Das ist richtig.«

»Darf ich erfahren, welches Talent es ist?«

»Eh ssahihh: esch scherib – ja gewiß: das Trinken.«

»Das Trinken?« fragte er verblüfft.

»Ja. Ich habe bereits getrunken, als ich noch in der Wiege hing.«

»MaskaradschySpaßvogel

»Wollen Sie auch das nicht glauben?«

»O, sehr gern. Dieses Talent haben wir Alle wohl so früh schon besessen. Nur ist das kein Grund, um stolz darauf zu sein. Das Reiten fällt schon ein wenig schwerer.«

»Das merke ich!«

Es war fast der Ausdruck des Mitleides, mit welchem er mich anblickte. Dann meinte er:

»Ist denn Ihr Rückgrat gesund?«

»Ja.«

»Und Ihre Brust auch?«

»Sehr.«

»Warum machen Sie das Erstere so krumm, und warum drücken Sie die Letztere so hinein?«

»Ich habe es von tausend Anderen so gesehen.«

»Das sind sehr schlechte Reiter gewesen.«

»Sogar sehr gute! Ein Reiter, welcher sein Pferd lieb hat, der schont es; er sucht es also so viel wie möglich zu entlasten. Wie das zu machen ist, davon hat weder der Türke, noch der Araber eine Ahnung.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Ich glaube Ihnen.«

»Aber sind Sie denn kein Araber?«

»Nein.«

»Was sonst?«

»Ein Nemtsche.«

Da nickte er bedächtig vor sich hin und sagte:

»Ich habe in Stambul Leute aus Alemanja gesehen. Sie verkaufen Bez, Mendil und Bytschak namlisi. Sie trinken Arpa suju und singen Lieder dazu. Aber zu Pferde habe ich keinen Einzigen von ihnen gesehen. Gibt es in Alemanja viele Soldaten?«

»Mehr als im Oszmanly memleketi.«

»Aber um die Kavallerie muß es schlecht bestellt sein!«

»Sie reitet grad wie ich.«

»Fil hakika – fürwahr?«

»Gewiß!«

»Maghmum, deghri maghmum – traurig, geradezu traurig!«

Er meinte es ehrlich. Es fiel mir gar nicht ein, ihm bös zu sein. Er mochte aber doch meinen, zu weit gegangen zu sein; darum fragte er:

»Sie sind fremd hier. Darf ich fragen, wohin Sie wollen? Vielleicht kann ich Ihnen nützlich sein.«

Es war vielleicht nicht gerathen, ihm mit voller Aufrichtigkeit zu antworten; darum sagte ich:

»Zunächst nach Dschnibaschlü.«

»Da reiten wir noch eine Viertelstunde mit einander, dann geht mein Weg rechts ab nach Kabatsch.«

»Wohnen Sie dort?«

»Ja. Errathen Sie, was ich bin?«

»Nein. Ich wundere mich aber, daß Sie so jung dazu kamen, in den Dienst des Großscherifs zu treten, und daß Sie ihn bereits wieder aufgaben.«

»Weßhalb es geschehen ist, wissen Sie bereits. Ich war früher Saati und bin jetzt Kutubi

»Haben Sie einen Laden?«

»Nein. Mein Vorrath befindet sich hier in der Tasche. Ich verkaufe hier diese Sachen.«

Er griff in die Tasche und zog einen Zettel hervor. Dieser enthielt die Fathha, die erste Sure des Kuran, mit gespaltenem Rohre in Neskhi-Schrift mittelst aufgelöstem Gummi geschrieben und dann mit Gold bronzirt. Er war also Colporteur und hatte, wie ich bemerkte, einen großen Vorrath dieser Zettel.

»Wurde dies in Mekka geschrieben?« fragte ich ihn.

»Ja.«

»Von den Hütern der Kaaba?«

Er machte ein pfiffiges Gesicht und zuckte die Achsel.

»Ich verstehe. Ihre Käufer glauben das Letztere.«

»Ja. Sie sind ein Nemtsche, also ein Nasrani. Ihnen will ich es sagen, daß ich es selbst geschrieben habe, allerdings in Mekka. Ich habe einen großen, großen Vorrath mitgebracht und mache ganz gute Geschäfte.«

»Wie viel kostet ein Exemplar?«

»Je nach dem Vermögen des Käufers. Der Arme gibt einen Piaster, bekommt es vielleicht auch umsonst, während ich von reichen Leuten auch schon zehn und noch mehr Piaster bekommen habe. Von dem Erlös lebe ich mit meinem alten Vater, der gelähmt ist, und kaufe mir das Material zu meiner Uhr.«

»Sie arbeiten also noch in Ihrem früheren Fache?«

»Ja. Ich arbeite an einer Uhr, welche ich dem Großherrn zum Kauf anbieten will. Es wird im ganzen Lande keine zweite ihres Gleichen sein. Kauft er sie, so bin ich ein gemachter Mann.«

»Also ein Kunstwerk?«

»Ja.«

»Werden Sie es fertig bringen?«

»Ganz gewiß. Erst hatte ich selbst Sorge; aber jetzt bin ich überzeugt, daß es gelingen wird. Und dann – dann, dann werde ich mit diesem Boschak reden!«

Er hatte die letzten Worte in beinahe drohendem Tone ausgesprochen. Der genannte Name frappirte mich. So hieß ja der Bäcker, zu dem ich wollte!

»Boschak? Wer ist das?« fragte ich.

»Ihr Vater.«

»Warum sprechen Sie nicht eher mit ihm?«

»Er wirft mich hinaus, wenn ich jetzt komme. Ich bin ihm zu arm, viel zu arm.«

»Ist er denn reich?«

»Nein. Aber sie ist das schönste Mädchen von Rumili.«

Ich machte eine Armbewegung gegen die Sonne und sagte:

»Eljoom ßob – heut ist es heiß!«

»Hoon ßob – hier ist es heiß!« antwortete er, mit der geballten Faust nach der Gegend drohend, in welcher ich das Dorf Dschnibaschlü vermuthete. »Ich war bei ihrem Vater, aber er zeigte mir die Thüre!«

»Würde diese Schönste in Rumili Dir die Thüre ebenso zeigen?«

»Nein. Wir sehen uns ja des Abends und sprechen mit einander.«

»Heimlich?«

»Ja, denn anders geht es nicht.«

»Was ist ihr Vater?«

»Bäcker und Färber. Sie heißt Ikbala

»Welch' ein schöner Name! Ich wünsche, daß er an Ihnen in Erfüllung gehen möge.«

»Das wird geschehen, denn es ist Allah's Wille und auch der meinige. Die Mutter ist unsere Verbündete.«

»Lillah elhamd – Gott sei Dank!«

»Ja. Sie wacht über uns, wenn wir zusammenkommen, während der Bäcker schläft. Allah möge ihr dafür ein langes Leben geben und Enkel die Hülle und die Fülle! Der Alte aber möge Tum kauen und Hhibr schlucken müssen, bis er sich entschlossen hat, mein Schwiegervater zu werden!«

»Dann können Sie ihn als Dewid benützen, wenn Ihr jetziger Vorrath ausgegangen ist und Sie also gezwungen sind, einen neuen Vorrath von Amulets zu schreiben. Wo wohnt denn dieser wüthende Vater einer so gepriesenen Tochter?«

»In Dschnibaschlü.«

»Das weiß ich. Aber in welchem Hause?«

»Wenn Sie von dieser Richtung in das Dorf kommen, ist es das fünfte Haus zur rechten Hand. Vor der Thüre hängt eine hölzerne Elma-boghatscha, ein gelber Eldiwen und ein rother Diz tschoraby, zum Zeichen, daß Boschak Bäcker und auch Färber ist. Warum fragen Sie nach seiner Wohnung?«

»Ich möchte diesen Tyrannen kennen lernen.«

»Das ist sehr leicht.«

»Wie so?«

»Lassen Sie Etwas bei ihm färben.«

»Ich wüßte nicht, was. Ich müßte mir meinen Rappen blau färben lassen. Doch hätte ich auch keine Zeit, zu warten, bis er vollständig trocken wäre.«

»So kaufen Sie sich Schekerleme bei ihm!«

»Ist er denn auch Schekerdschi

»Ja. Er bäckt Alles.«

»Doch nicht auch Strümpfe und Handschuhe! Eine Verwechslung der beiden Gewerbe kann ja vorkommen. Halt! Haben Sie Etwas gehört?«

Ich hielt mein Pferd an und lauschte.

»Nein,« antwortete er.

»Es war mir, als hätte ich einen fernen Ruf vernommen.«

Auch er hielt still und horchte. Der eigenthümliche Laut, den ich vernommen hatte, wiederholte sich.

»Das klingt gerade, wie die Stimme eines eingemauerten Menschen!«

»Nein,« erwiderte er. »Es ist ein Kurbaghy, welcher schreit.«

»Ich habe noch nie einen Frosch mit solcher Stimme gehört.«

»So ist es eine Kara Kurbagha. Ich habe oft Unken in dieser Weise schreien hören. Der Ruf kömmt dort links aus dem Diken-tschaly, welches so niedrig ist, daß wir den Menschen sehen müßten. Es ist ein Thier, nichts Anderes. Und nun, hier geht mein Weg nach rechts. Ich muß scheiden.«

»Darf ich nicht vorher Ihren Namen erfahren?«

»Man nennt mich überall Ali den Sahaf

»Ich danke! Und wie weit ist es von Dschnibaschlü bis in Ihr Kabatsch?«

»Ich reite es in drei Viertelstunden. Wollen Sie etwa auch dann nach Kabatsch?«

»Möglich.«

»So bitte ich Sie, zu mir zu kommen und sich mein Uhrwerk anzusehen. Vielleicht darf ich dann auch die Fragen aussprechen, welche ich jetzt unterlassen habe.«

»Warum fragten Sie nicht?«

»Darf man unhöflich sein?«

»Ich habe mich doch auch nach Ihren Verhältnissen erkundigt!«

»Sie dürfen das, denn Sie sind ein Anderer als ich. Sie sind ein Tebdilenly; das ist sicher!«

Er lachte mich dabei so zuversichtlich an, daß auch ich laut lachen mußte.

»Sie irren sich!«

»O nein! Sie können zwar nicht reiten, aber das thut nichts. Sie sind vielleicht ein Basch okumusch oder sonst ein Effendi aus dem Seraj humajun, obgleich Sie ein Christ sind. Wären Sie ein Moslem, so hätten Sie meine Zettel mit der Fathha mit dem Gruße beehrt. Aber ich weiß, daß der Großherr auch Christen bei sich hat, und da Sie kein Reiter sind, so ist der Rappe aus dem Stalle des Padischah geborgt. Habe ich Recht?«

»Nein.«

»Gut; ich will schweigen.«

»Daran handeln Sie klug. Können Sie mir Ihre Wohnung beschreiben?«

»Sehr leicht. Es ist eigenthümlicher Weise grad so wie hier. Wenn Sie von Dschnibaschlü nach Kabatsch kommen, so ist es das fünfte Haus zur rechten Hand, in welchem ich wohne. Es ist nur eine kleine Hütte. Mein Vater war ein blutarmer Tschoban. Die Mutter lebte noch, als ich nach Mekka pilgerte. Sie starb, und kurze Zeit später traf den Vater der Schlag. Jetzt kann er kein Glied bewegen und auch nicht sprechen, sondern nur lallen; dennoch betet er ohne Unterlaß, daß Allah ihn erlösen möge, damit er mir nicht länger zur Last falle. Ich aber bete heimlich zu der großen Muhabbet ilahi, ihn mir noch lange, lange zu erhalten. Vater und Mutter hat man nur einmal. Sind sie gestorben, so hat der Mezarlyk den besten Theil des Kindes empfangen, und keine Seele auf Erden meint es mit ihm wieder so gut und treu, wie die Hingeschiedenen. Einst, als ich noch klein war, da kam ein alter Mann in unsere Hütte und bat um Herberge. Er bekam ein Lager und Milch und Brod. Mehr hatten wir selbst nicht. Ich hatte Etwas gethan, was die Mutter erzürnte. Da nahm der alte Gast einen Kiaghat hervor und ein Kurschun kalem. Er war ein Kyzyl elma katolik, und obgleich er die türkische Sprache nicht verstand, schrieb er mir ein Beït aus Ihrem Tewoat auf, welches die Kitab el mukkadas der Christen ist, und sagte mir, daß ich diese Worte auswendig lernen und stets befolgen und nie wieder vergessen solle. Ich habe diesen Zettel als Amulet bei mir getragen, bis er in Fetzen ging. Er ist zerrissen und verschwunden; aber die Worte sind mir im Gedächtnisse und im Herzen geblieben bis auf den heutigen Tag und werden auch da bleiben, bis der Engel des Todes zum Böjük-wida ruft.«

Ich war tief gerührt und fragte den Sahaf, dessen Augen feucht geworden waren:

»Wie lauten diese Worte?«

»Sie lauten: Bir göz zewklen-ar babaji, bir göz itaatetmez, kargalar onu kazar-lar yrmak jakinda, gendsch kartalar onu jutar-lar.«

Das waren die Bibelworte: >Ein Auge, welches den Vater verspottet und sich weigert, der Mutter zu gehorchen, das werden die Raben am Bache aushacken und die jungen Adler fressen.<

Wieder ein Beispiel von der unwiderstehlichen Macht des göttlichen Wortes, welches da wirkt, wie >ein Hammer, der Felsen zerschmettert<. Wo hat der Kuran, wo haben die Vedas und wo hat (man verzeihe!) die Offenbarung der >letzten Heiligen<, ich meine das Machwerk jenes Joe Smith, welches er book of the Mormons nannte, eine Stelle von so gewaltiger, unmittelbarer Wirkung aufzuweisen? Man lese das Kin-kuang-king, welches Buddha's Lehren über sich, über Buße, Pflicht und das Ende der Dinge enthält; man vertiefe sich mittelst eines entsetzlichen Studiums in die heiligen Bücher Indien's, in die Papyrus Ägypten's mit ihren Ptah-, Ré- und Amon-Reminiszenzen – – es gibt doch nur das eine Gotteswort, von dem es so lieblich heißt: >Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege<, und dessen strafende, vernichtende Macht doch auch nicht erschütternder geschildert werden kann, als in der fürchterlichen Stelle: >Und er wurde zu Stein!<

Ich reichte dem Uhrmacher-Buchhändler die Hand und fragte ihn:

»So lieben Sie also Ihren Vater?«

»Herr, warum fragen Sie? Kann es einen Sohn geben, welcher seinen Vater nicht liebt? Kann ein Kind seiner Eltern vergessen, denen es Alles, Alles zu verdanken hat?«

»Sie haben Recht; meine Frage war gänzlich überflüssig. Vielleicht bekomme ich Ihren Vater zu sehen, und dann werde ich ihm ebenso ein Beït aufschreiben, wie der alte Kyzyl elma katolik Ihnen aufgeschrieben hat. Und geht der Wunsch, den ich jetzt im Stillen hege, in Erfüllung, so ist es mir wohl möglich, ihm und Ihnen außerdem eine recht große Freude zu machen. Bleiben Sie daheim, damit ich Sie finde, wenn ich komme! Allah jusellimak – Gott behüte Sie!«

»Fi aman Allah – in Gottes Schutz!« antwortete er, indem er meine ihm dargebotene Hand an seine Stirn drückte.

Da nahm er sein Pferd >al el meimene< – zur rechten Hand und ritt im Trabe davon.

Ich blickte ihm nach, bis er hinter fernem Strauchwerk verschwunden war, und setzte dann meinen Weg fort. Ich war noch nicht weit geritten, so sah ich Etwas auf der Erde liegen, was ich an diesem Orte nicht gesucht hätte, nämlich eine richtige, wirkliche, ächte und wahrhaftige Chaß etmak, eine braune und knusperig gebackene Zeile von acht, sage acht Semmeln.

Dieses Backwerk ist von uns nach der Türkei gebracht worden, weßhalb es dort vorzugsweise Frandschela, >die Fränkische< genannt wird.

Ich stieg vom Pferde und hob die Semmel auf, eine neubacken duftende Reminiscenz an die Heimat. Ich mußte dabei wohl oder übel an den herrlichen >Blümchenkaffee< denken, welchen ich dem Kadi zu Edreneh hatte versprechen müssen.

Was mit der Achterzeile thun? Ohne mir darüber klar zu sein, brach ich ein Eckchen ab und – – hielt es meinem Rappen hin. Er hatte so Etwas noch nie gesehen; aber das verursachte ihm keine Skrupel. Ob Chaß etmek oder Frandschela, ob auf Deutsch Semmel oder auf Englisch roll, ob auf Französisch pain blanc oder im Italienischen piccoli pani, ob in polnischer Sprache bulka und pszenna und in serbischer pletenitza, ob auf Walachisch pune albeh oder auf Russisch bulka, grad wie auch in Ostpolen – der Rappe hatte weder sprachliche noch andere Bedenken; er prüfte mit der Nase, nahm das Eckchen und riß mir sodann die ganze übrige Zeile aus der Hand.

»Ma li hadsche fih, sufra daïme, tajib heiwan – ich brauche es nicht; gesegnete Mahlzeit, mein gutes Thier!«

Nachdem er die seltene Delikatesse verzehrt hatte, rieb er den schönen, charaktervollen Kopf an meiner Achsel, dann stieg ich auf und – – – kaum zwanzig Schritte weiter lag abermals eine Semmelzeile.

Was war das? Was hatte das zu bedeuten? Diese Art von Manna regnet es weder vom Himmel, noch wächst es auf der Manna-Esche (Fraxinus ornus) oder kriecht als Mannaflechte (Sphaerothallia esculenta) am Boden hin!

Ich stieg zum zweiten Male ab, hob den Fund auf und steckte ihn in die Satteltasche.

Kaum wieder im Sattel, sah ich von Weitem wieder eine Zeile liegen. Wieder absteigen? Nein! Ich gab dem Rappen die Sporen. Er legte sich lang aus, ventre à terre; ich nahm im Ritt die Semmel vom Boden auf und – – erblickte einige Exemplare anderer Gebäckarten, an denen wir vorüber sausten.

War hier ein amerikanischer Roll-boy mit einem defekten Semmelwagen gefahren? Diese unternehmenden Gentlemen machen gern Geschäfte, aber so sehr weit vom heimatlichen Baker's oven verirren sie sich denn doch wohl nicht!

Ich nahm das Pferd wieder in langsameren Gang, und nun zeigte es sich, daß auch weiterhin der Weg in verschiedenen Intervallen mit Gebäck interpunktirt war. Welch ein gesegnetes Land, dieses Rumelien!

Ich ließ natürlich liegen, was am Boden lag, und trachtete darnach, den wohlthätigen Spender dieser nahrhaften Kommata zu erreichen. Ein kleines Gebüschinselchen inmitten der unbebauten Fläche – ich bog um dasselbe herum, und siehe, da stand er, der Wohlthätige, und zwar in sehr irdischer Gestalt. Es war eines jener Wesen, welche von den Arabern Baghl, von den Türken Katyr, von den gelehrten Abendländern Equus hinnus und von den ungelehrten Deutschen respektwidriger Weise Maulesel genannt wird.

Ja, da stand er und – – fraß. Und was fraß er? Nicht etwa Semmeln, die doch meinem edlen Pferde so ausgezeichnet gemundet hatten, sondern Zuckerwerk, theures, süßes Zuckerwerk, wie es von den abendländischen Damen zum Nachtische geknuspert, von den orientalischen Schönen aber während des ganzen Tages zwischen den rothen Lippen und schwarzen Zähnen geführt wird. Man sagt freilich verleumderischer Weise, daß diese Confitüren auch im Abendlande außerhalb des Nachtisches eingehende Beachtung finden.

»Katyr, bozme-sunler onlarin dischler – Esel, verderben Sie sich Ihre Zähne nicht!«

Ich sprang vom Pferde, nun zum dritten Male. Der Maulesel sah erst mich an, dann den Rappen und wendete sich hernach, ganz unbefangen und keiner Schuld bewußt, zur Seite, als habe er nicht das mindeste Verständniß dafür, daß Unterschlagung und darauf folgende Verwendung im eigenen Nutzen vom Strafrichter mit unnachsichtlicher Sühne zu belegen sei. Oder verließ er sich etwa bereits auf die bekannten mildernden Umstände? Das mußte aber mir egal sein, denn selbst die absoluteste Unkenntniß der Gesetze schützt vor Strafe nicht. Ich begann also, um mich eines diplomatischen Ausdruckes zu bedienen, der Confitürenfrage etwas näher zu treten.

Der Maulesel trug auf dem Rücken ein eigenartiges Ding, halb Pack- und halb Damensattel. Zu beiden Seiten desselben war je ein Korb befestigt gewesen, und der Inhalt dieser Körbe hatte in dem Semmel- und Zuckergebäck bestanden. Das Thier war aus irgend einer Ursache scheu geworden und durchgegangen. Die Befestigung der Körbe hatte sich während des Rennens gelockert, und ein Theil des Inhaltes war verstreut worden. Der Maulesel war auf den nicht sehr bewundernswerthen Gedanken gekommen, mitten durch das Gebüsch zu brechen, und bei dieser Gelegenheit mit dem nachschleifenden Zügel hängen geblieben.

Er hing noch, ein Bild des ereilten Verbrechens. Ich war die zornige Erinnye, die rächende Eumenide; aber der Übelthäter kaute Zuckerwerk. Bildete er sich etwa auf das Nichtvorhandensein des Dolus etwas ein? Ich hatte alle Hoffnung, ihm denselben beizubringen.

Die Körbe waren abgestreift worden und lagen am Boden, ganz in unmittelbarer Nähe von den Resten ihres einstigen Inhaltes. Ich zog dem sehr ehrenwerthen Sir Aß mit der Reitpeitsche Eins über das schlummernde Gewissen, so daß er ganz verblüfft zur Seite sprang und mich mit einem vorwurfsvoll fragenden Blick und einem windmühlenähnlichen Drehen seiner Ohren beglückte. Dann band ich ihn los und führte ihn zur Seite, um ihn dort noch fester anzufesseln.

Jetzt war wenigstens das übrig gebliebene Backwerk gerettet. Nun drängte sich mir natürlich die Frage auf, ob der Maulesel ganz allein oder in irgend einer Begleitung seinen häuslichen Herd verlassen habe. Ich empfand einen unwiderstehlichen Geistesdrang, mich der letzteren Ansicht zuzuneigen. Und das that ich dann mit Vehemenz.

Jetzt die weitere Frage: War die betreffende Person ein Reiter oder Fußgänger gewesen – natürlich ein >in< hinzugefügt, falls es sich um ein Femininum handeln sollte?

Weder am Sattel, noch auch sonst am Thiere war ein Merkmal zu finden, auf Grund dessen man diese Frage hätte beantworten können. Eins aber stand fest: War der Maulesel geritten worden, so hatte er den Reiter höchst wahrscheinlich abgeworfen. Wo befand sich dieser Letztere?

Ich mußte zurückreiten und nach einer Spur suchen. Das that ich ohne Zögern. Vorher hatte ich nicht Acht gegeben; jetzt aber sah ich deutlich die Spuren meines Pferdes und auch diejenigen des Maulesels. Letztere Spuren führten nach einer Weile von der geraden Richtung ab, rechts hinüber nach dem Dorngestrüpp zu, aus welchem vorher, als der Sahaf sich noch bei mir befunden hatte, der dumpfe Ruf erklungen war.

Jetzt hörte ich ihn wieder. Es klang, wie bereits bemerkt, wie der Ruf eines Eingemauerten. Ich eilte näher und sprang vor dem Gestrüpp ab. Es bestand aus lauter Brombeer- und Himbeer-Ranken und schien undurchdringlich zu sein.

»Jardym, jardym, imdad – Hülfe, Hülfe, Hülfe!« hörte ich es jetzt mit ziemlicher Deutlichkeit.

»Wer ist da?« fragte ich.

»Tschileka, Tschileka!« antwortete es.

Das war eine weibliche Stimme. Auch der Name, welcher >Erdbeere< bedeutet, sagte mir, daß es sich um ein weibliches Wesen handle.

»Gleich, gleich!« antwortete ich.

Ich lief am Saum des Gesträuches hin und fand die Stelle, an welcher der >Einbruch< geschehen war. Da gab es doch wenigstens einigermaßen Bahn. Ich drang hindurch, indem ich mein Messer zu Hülfe nahm, und befand mich dann am Rande einer kessel- oder vielmehr trichterartigen Vertiefung, welche aber nicht, wie ich erwartet hatte, mit Dornwerk, sondern mit – – Teppichen und ähnlichen Dingen angefüllt war.

Hier auf dieser Seite war der Maulesel hinein und drüben wieder hinausgegangen. Unten aber saß auf der weichen Unterlage ein Frauenzimmer, wie so wohlbeleibt ich in meinem ganzen Leben noch Niemand gesehen hatte.

»Hülfe, Hülfe!« rief die Frau immerfort.

Kaum aber erblickte sie mich, so verbarg sie, laut aufkreischend, ihr Gesicht in einem Teppichzipfel.

»Was ist denn hier geschehen?« fragte ich.

»Hascha! Geri tschek! Jaschmak-üm, jaschmak-üm – Gott behüte! Geh' fort! Mein Schleier! Mein Schleier!«

Sie rief um Hülfe und jagte mich doch wieder fort, weil sie keinen Gesichtsschleier hatte. Als ich mich genauer umblickte, sah ich die Fetzen desselben an den Dornen hängen.

»Burada; al mendil-im – hier; nimm mein Taschentuch!« rief ich ihr zu.

Ich zog es hervor, beschwerte es mit einigen kleinen Steinchen und warf es ihr zu.

»Tschewir, büs bütün, tamam bütün – drehe Dich hinum, ganz und gar, vollständig!«

Ich gehorchte ihrem Befehle.

»Tekrar etrafynda – wieder herum!« kommandirte sie nach einem Weilchen.

Als ich mich ihr nun zudrehte, hatte sie ihr Gesicht mit meinem Taschentuche verhüllt, sehr unnöthiger Weise, denn ich hatte ihr dunkelrothes Gesicht mit den Backentaschenwangen doch bereits genau genug gesehen.

Wäre sie ein Mann gewesen und beim verflossenen Leipziger Turnfeste erschienen, so hätte sie bei der bekannten >dicken Riege< schon durch ihr bloßes Erscheinen jede Concurrenz und Rivalität aus dem Felde geschlagen. Da sie aber eine Dame war und ich mich gern für >genteel< halten lasse, so sei von einer näheren Personalbeschreibung hiermit abgesehen.

Der Orientale mißt die Schönheit seines Weibes nach dem Lehrsatze: Radius mal Radius mal Ò, multiplizirt mit dem Quadrate des ganzen Durchmessers, gibt, in Millimetern ausgedrückt, die Kubikwurzel des Schönheitsgrades. Nach diesem Theorem enthielt die von Dornen eingefaßte Vertiefung einen Schatz von ungeheurem Werthe.

Tschileka war in einen kurzärmeligen blauen Mantel gekleidet, welcher aber durch die Dornen ein wenig gelitten hatte. Diese kurzen Ärmel erlaubten, ein Paar sehr lange, fuchsfeuerrothe Handschuhe zu sehen, welche von ausgezeichneter Arbeit waren, da sie sich ohne das leiseste Fältchen an Hand und Arm anschlossen.

Es war ihr, ich weiß nicht wie, gelungen, ein Loch in das Taschentuch zu konstruiren. Durch dieses Monocle betrachtete sie mich eine Weile. Dann sagte sie unter einem mächtigen, donnerartig grollenden Seufzer:

»JabandschyFremdling, willst Du mich retten?«

»Ja,« antwortete ich galant.

»Kannst Du mich tragen?«

Ich erschrack auf das Tiefste; doch suchte ich mich zu fassen und erkundigte mich:

»Muß dies denn sein?«

»Ja.«

»Kannst Du nicht gehen?«

»Nein.«

»Bist Du verletzt?«

»Ja.«

»Wo?«

»Ich weiß es nicht.«

»Du mußt es doch fühlen!«

»Ich fühle es überall.«

»Hast Du versucht, aufzustehen?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Es geht nicht.«

»Versuche es getrost. Ich werde Dir helfen.«

Nur drei Fuß bis hinab zu den Teppichen betrug die Tiefe. Ich sprang hinab und wollte ihr meine Hand bieten. Da aber schrie sie laut auf:

»Müssibet, müssibet – Unglück, Unglück! Rühre mich nicht an! Ich bin nicht verhüllt!«

»Wo denn nicht?«

»Hier an den Armen.«

»Du hast doch Handschuhe an!«

»Handschuhe? Fremdling, bist Du blind? Das ist doch nur el Pane, die rothe Farbe des Krapp!«

Wahrhaftig! Diese Tschileka, zu deutsch >Erdbeere<, welche hier mitten unter Brom- und Himbeeren saß, hatte keine Handschuhe an. Ihre Arme waren vom Krapp so hochroth gefärbt. Ja, nun begriff ich, warum diese Handschuhe so faltenlos gesessen hatten!

Aber noch etwas Anderes begriff ich auch: Frau Erdbeere war eine Bäckerin. Sie hatte krapprothe Arme; sie war also wohl auch Färberin. Ich hatte die Frau des Bojadschy Boschak vor mir, den ich besuchen wollte, die gute Frau, welche ihre Tochter beschützte, wenn diese mit dem Freier sprach.

O gute Erdbeere! Derjenige, dessen Liebe Du unter Deinen mütterlichen Fittich nimmst, hat Dich vor kaum einer Viertelstunde für einen Frosch, für eine Kröte und Deine hülfeflehende Stimme für den Ruf einer mit klebrigen Warzen bedeckten Unke gehalten! Hat die Liebe nicht mehr Instinkt? Vermag sie nicht, die Nähe der Beschützerin zu ahnen –?

»Aber, wie soll ich Dich aufrichten, wenn Du mir nicht erlaubst, Dich anzurühren?« fragte ich sie.

»Fasse mich von hinten an!«

Ich schlug einen Halbkreis, mit dessen Hülfe ich hinter ihren Rücken gelangte, und legte ihr die Hände unter.

»Chajyr, chajyr! Sen tschapuk kydschylelanyr – nein, nein! Ich bin kitzlich!« kreischte sie so laut auf, daß ich vor Schreck mehrere Ellen weit zurückprallte.

»Aber wo soll ich Dich anfassen?« fragte ich.

»Ich weiß es nicht.«

»So müssen wir es anders versuchen.«

»Aber wie?«

»Dort liegt ein Strick. Diejenigen, welche diese Waaren hierher brachten, haben ihn vergessen. Ich werde Dich mit dem Strick aufziehen.«

»Doch nicht am Halse?«

»Nein, sondern an der Hüfte.«

»Versuche es!«

Ich holte den Strick, schlang ihn um den Leib der Erdbeere, drehte mich so, daß wir uns Rücken an Rücken befanden, zog den Strick, indem ich mich bückte, über meine Achsel und kommandirte dann:

»Gözet! Bir – iki – ätsch – passe auf! Eins – zwei – drei!«

Bei drei richtete ich mich langsam auf. Der Strick spannte sich an, und ich begann zu ziehen. Es ging nicht.

»Sür, sür, sür – schieb, schieb, schieb mit!« rief ich keuchend.

»Mümkinsiz, mümkinsiz; kajar-im – unmöglich, unmöglich; ich rutsche aus!« keuchte sie noch mehr als ich.

Ich zog ihr den Strick wieder weg und holte Athem. War das ein ungeschicktes Weib! Allerdings war die Teppichlage, auf welche diese Mammut-Erdbeere zum Fall gekommen war, von einer gewissen Glattheit; überdies bildete dieselbe eine schiefe Ebene. Eine solche Last, die an sich keine Beweglichkeit besitzt, ist da nicht leicht empor zu bringen, und ich gestehe, daß mir beim Anblick der stacheligen Ranken ein sehr verbrecherischer Gedanke kam, den ich aber sofort von mir wies.

»Hast Du denn jetzt nicht wenigstens bemerkt, ob Du verletzt bist?« fragte ich.

»Ich bin verletzt,« antwortete sie.

»Wo denn?«

»Ich weiß es nicht – überall. O Allah! Was werden die Leute sagen, wenn sie erfahren, daß ich mit Dir ganz allein hier gewesen bin?«

»Habe keine Sorge! Man wird nichts erfahren.«

»Du sagst nichts?«

»Nein. Ich bin übrigens hier fremd.«

»Fremd? So bist Du nicht aus dieser Gegend?«

»Nein.«

»Woher denn?«

»Weit her aus dem Abendlande.«

»So bist Du kein Moslem?«

»Nein. Ich bin ein Christ.«

»Nicht wahr, die Frauen der Christen brauchen sich nicht zu verhüllen?« fragte sie.

»Nein.«

»Nun, so brauche auch ich keinen Schleier. Ich werde durch die Augen eines Christen, der tausend Frauen sieht, nicht beleidigt. Gib mir Deine Hände!«

Ich gab sie ihr. Sie faßte an. Ich zog, und – – da stand sie aufrecht vor mir, zwar ein wenig schnaufend, aber doch glücklich auf die Füße gebracht.

War es eine Schande für mich, daß sie meinte, sich vor mir nicht geniren zu dürfen? Oder war es eine Ehre?

»Wie lange steckst Du bereits hier?« fragte ich.

»O, eine lange, lange Zeit.«

»Wie aber kamst Du herein?«

»Der Esel wurde scheu. Die Dornen stachelten ihn an die Beine.«

»Du saßest auf ihm?«

»Ja.«

Armer, armer Maulesel! Jetzt bedauerte ich es, ihn in seinem Schmaus gestört zu haben. Er hatte den Zucker mehr als reichlich verdient.

»Warum aber bist Du mit ihm in diese Dornen geritten?« erkundigte ich mich.

»Ich wollte – wollte – – –«

Sie wurde noch röther, als sie so bereits war, und schwieg. Ich warf einen Blick umher. Das war ja ein kleines Magazin hier unten.

»Wem gehören diese Sachen?« fragte ich.

»Ich – ich – – ich weiß es nicht!«

»Und doch hast Du gewußt, daß sie sich hier befinden?«

»Nein.«

»Ich bin verschwiegen und zudem fremd. Vor mir brauchst Du keine Angst zu haben. Aber wie gut, daß ich Dich nicht vorher bemerkte, als noch ein Zweiter bei mir war!«

»Du warst nicht allein?«

»Nein. Ein junger Mann aus Kabatsch war bei mir.«

»Wo ist er jetzt?«

»Nach Hause.«

»Kennst Du seinen Namen?«

»Ja. Es ist der Sahaf Ali.«

»Dieser, ah dieser! Nein, der darf nicht wissen, was Du hier gesehen hast. Du kennst ihn gut?«

»Ich sah ihn heute zum ersten Male, aber er hat mir sehr gut gefallen.«

»Und wie hast Du mich gefunden?«

»Ich sah Dein Gepäck am Boden liegen und dann fand ich den Maulesel. Er war in den Sträuchern hängen geblieben. Ich band ihn an und folgte Deiner Spur. So kam ich hierher.«

»Dieser Esel ist ein sehr dummes Geschöpf. Nun muß ich das Gepäck von der Erde auflesen und kann mich doch nur sehr schwer bücken. Wirst Du mir helfen?«

»Gern!«

»So komm!«

»Wird es gehen? Wirst Du hier emporsteigen können?«

»Nein. Aber Du wirst mich ziehen oder schieben.«

»Ich denke, Du bist kitzlich!«

»Nun nicht mehr, da Du ein Christ bist.«

Hm! Diese Dame besaß wirklich höchst eigenthümliche Nerven! Ich stieg jetzt auf dem Teppichlager herum, um es mir genauer zu betrachten. Dann fragte ich:

»Gehört dieser Ort noch zu Koschikawak oder bereits nach Dschnibaschlü?«

»Nach Dschnibaschlü.«

»Was für ein Mann ist Euer Kiaja?«

»Ich bin nicht seine Freundin,« antwortete sie aufrichtig.

Jetzt wußte ich genug. Der Zufall hatte mir hier einen Trumpf in die Hand gespielt, den ich zu Gunsten des Buchhändlers auszuspielen entschlossen war.

»Gehst Du mit?« fragte sie.

»Ja.«

»So komm! Führe mich!«

Ich geleitete sie von den Teppichen herab bis dahin, wo die Dornen begannen.

»Aber mein Gewand wird hängen bleiben!« sagte sie.

»Ich werde Dir Platz machen. Ich schlage die Dornen mit meinem Messer ab.«

»Nein, nein!« sagte sie ängstlich. »Das darfst Du nicht!«

»Warum nicht?«

»Es ist verboten!«

»Wer hat es verboten?«

»Eben dieser böse Kiaja.«

Ich durchschaute sie. Dieser Platz war ein sehr passendes Versteck für das gesetzwidrige Treiben ihres Mannes. Man hielt das Gestrüpp für undurchdringlich; aber es mußte doch eine Stelle geben, wo es leicht passierbar war. Bahnte ich einen breiten Weg hindurch, so war die Grube der Entdeckung ausgesetzt. Das wollte sie verhüten.

»Wohin wolltest Du mit dem Gebäck?« fragte ich sie.

»Nach Göldschik; da aber ging der Esel durch.«

Ah, sie hatte gewußt, daß, vielleicht während der letzten Nacht, diese Waaren hier untergebracht worden waren, und sie war, durch die Neugierde, dieselben zu sehen, von dem Wege abgetrieben worden. Sie hatte den Esel zu weit in die Dornen gedrängt, und dieser war durchgegangen, unglücklicherweise mitten durch das Gestrüpp und über die Vertiefung hinweg.

»Woher kommst Du heute?« fragte sie mich.

»Von Koschikawak.«

»Und wohin willst Du?«

»Nach Dschnibaschlü und Kabatsch.«

»Was willst Du in Kabatsch?«

»Ich will Ali, den Sahaf besuchen.«

»Wirklich? Sag', Fremdling, willst Du mir wohl da einen Gefallen erweisen?«

»Sehr gern.«

»Ich will Dir Etwas für ihn mitgeben.«

»Schön!«

»Aber ich habe es nicht hier. Du müßtest mit nach meiner Wohnung gehen.«

Das war mir eben recht. Dennoch bemerkte ich:

»Ich denke, Du willst nach Göldschik reiten!«

»Nun nicht. Dem Esel ist heute nicht mehr zu trauen. Aber ich muß Dir sagen, daß mein Mann nicht wissen darf, daß ich Dir eine Botschaft für Ali gebe.«

»Ich werde schweigen. Wer ist Dein Mann?«

»Er heißt Boschak und ist Bojadschy und Etmektschi. Ich werde ihm gar nicht mittheilen, daß wir Beide hier gewesen sind, und Du wirst niemals zu einem Menschen davon sprechen!«

Diese Frau setzte meine Verschwiegenheit als etwas ganz Selbstverständliches voraus. Dann fuhr sie fort:

»Ich werde meinem Manne nur erzählen, daß mir der Esel durchgegangen ist und mich abgeworfen hat. Du hast ihn eingefangen und mich auf dem Wege gefunden. Nachher bin ich von Dir heimgeleitet worden.«

»Was soll ich dem Sahaf bringen?«

»Das sage ich Dir später. Jetzt wollen wir fort von hier.«

Es war kein leichtes Stück Arbeit, diese eigenartige Erdbeere die Böschung hinauf und dann durch das dichte Dorngestrüpp zu schaffen. Es gelang aber doch.

»Jetzt wirst Du den Gang, den wir getreten haben, wieder zumachen«, befahl sie peremptorisch. »Kein Mensch darf wissen, daß man durch diese Dornen dringen kann!«

»Du bist eine vorsichtige Herrin. Du hast Recht.«

Nach diesen Worten machte ich mich an die mühsame Arbeit, wobei mir mancher Dorn in die Haut drang.

»So ist es gut!« sagte sie, nachdem ich die Aufgabe zu ihrer Zufriedenheit gelöst hatte. »Du bist sehr geschickt in solchen Dingen. Ich danke Dir! Jetzt wirst Du mir erlauben, mich auf Dein Pferd zu setzen.«

»Willst Du nicht lieber gehen?«

»Warum?«

»Mein Pferd hat noch nie ein Weib getragen.«

»O, ich thue ihm nichts!«

»Das glaube ich! Aber sieh Dir diesen Sattel an. Er ist nicht für die zarten Glieder eines weiblichen Wesens gemacht. Er ist so eng, daß Du gar nicht Platz in ihm finden würdest.«

»So nimm ihn herab. Ich setze mich auf den bloßen Rücken des Thieres. Da finde ich Platz.«

»Das würde viel Zeit erfordern. Ich müßte das Pferd führen, und zudem könnten wir ja Dein Gebäck nicht auflesen, welches Dein Maulesel auf dem Boden verstreut hat. Es ist gar nicht weit bis dahin, wo ich ihn angebunden habe.«

»Du hast ihn festgebunden? Das ist gut! Ich werde also, da Du es für besser hältst, zu Fuße gehen, obgleich mir diese Bewegung schaden kann. Ich pflege, wenn ich gehe, den Athem zu verlieren, und dann muß ich stets lange warten, bis er wieder kommt. Das Gehen verursacht mir immer ein großes Jürek ojnamassy, und dann bekomme ich schlimmen Öksürme und Anksyrme, so daß ich dem Tode nahe bin.«

Ich nahm meinen Rappen am Zügel. Sie stützte sich auf meinen Arm, und wir setzten uns in Bewegung.

Wir hatten kaum dreißig Schritte gethan, so begann sie zu pusten und zu schnaufen. Sie blieb stehen, holte tief Athem und sagte:

»Siehst Du, jetzt geht es los. Ich muß mich noch besser auf Dich stützen. Wir wollen langsamer gehen.«

Wir schritten nun mit der halben Geschwindigkeit eines Leichenzuges weiter. Als wir die Stelle erreichten, an welcher die erste Semmel lag, sagte sie:

»Hier liegt eine Frandschela. Hebe sie auf!«

Ich that es. Eine kurze Strecke weiter wiederholte sie: »Hier liegt abermals eine Frandschela. Hebe sie auf!« Ich gehorchte abermals.

Nach kurzer Zeit hatte ich einen ganzen Arm voll Bäckerwaaren zu tragen, das Pferd zu führen und auch die gute Dame zu stützen. Nach einer weiteren Strecke blieb sie halten, zog ihren Arm aus dem meinigen, schlug die Hände zusammen und rief:

»O Allah! Hier liegt ein ganzer Haufe Saj jaghyla! Dieser Maulesel muß eine Menge Sytschanlar im Kopfe haben, daß es ihm einfällt, diese kostbare Speise auf die Erde zu werfen. Hebe sie auf!«

»Gern, sehr gern! Aber sage mir vorher, wohin ich diese Saj jaghyla thun soll. Ich habe keinen Platz mehr für sie.«

»Thue sie in Deinen Mantel!«

»Allah l' Allah! Siehst Du nicht, welche Farbe mein Mantel hat?«

»Er ist weiß. Er ist so weiß wie der Schnee des Gebirges. Ich vermuthe, daß er neu ist.«

»Allerdings. Er ist neu, und ich habe volle zweihundert Piaster dafür bezahlt!«

»Das ist gut. Ich würde gar nicht zugeben, daß dieses Butterwerk in einen schmutzigen Mantel gethan werde.«

»Allah hat Dir den schönen Sinn für die Reinlichkeit verliehen; Du mußt ihm Zeit Deines Lebens dafür dankbar sein, denn Sauberkeit ist die schönste Zierde des Weibes. Aber ich sage Dir, daß ich mich ganz derselben Gottesgabe erfreue. Es würde meine Seele schmerzen und mein Herz mit Traurigkeit erfüllen, wenn ich mir meinen neuen Mantel voll Butterflecken machen müßte.«

»O, Butter ist gut! Ein Butterfleck im Mantel ist keine Schande. Butter ist weder Fischthran noch Pferdefett.«

»Aber niemand wird es diesen Flecken ansehen, daß sie von Deiner Butter verursacht wurden!«

»Dschanym Effendim, Du bist ein vornehmer Herr; es kann Dir ganz gleichgültig sein, ob man die Flecken Deines Mantels für Butter- oder Thranflecken hält. Ziehe ihn aus und wende ihn um, so wird man sie vielleicht gar nicht bemerken.«

»Weißt Du nicht, daß es verboten ist, sich in Gegenwart eines Weibes eines Kleidungsstückes zu entledigen?«

»O, Du bist mein Freund, mein Retter, und Du trägst ja eine Jacke und eine Weste unter dem Mantel!«

»Dennoch möchte ich mich nicht gegen die Gesetze der Höflichkeit und Sittsamkeit versündigen. Erlaube, daß ich diese Eßwaren in mein At örtüssu thue!«

»Ist sie rein?«

»Ja. Ich pflege sie täglich auszuklopfen.«

»Ich muß mich überzeugen. Klopfe einmal!«

Diese Verhandlung gab mir unendlichen Spaß. Ich war nicht darauf gekommen, die Decke zu reinigen. Sie war hinter dem Sattel festgeschnallt und zeigte sehr deutliche Spuren des Staubes, der sich während des gestrigen Rittes festgesetzt hatte. Ich schnallte sie los und rollte sie auf.

»Schüttle einmal!« befahl die holde Erdbeere.

Ich gehorchte, und der Staub flog in einer sehr sichtbaren Wolke von der Decke ab. Dennoch meinte die Frau:

»Ja, sie ist rein. Hebe also dieses Butterwerk auf und thue es hinein.«

Ich bildete aus der Decke einen Sack, in welchen ich alle Backwaaren stopfte, die nach und nach von der Erde aufzunehmen waren.

So erreichten wir das Gebüsch, in welchem ich den Esel angebunden hatte. Beim Anblick der am Boden liegenden Körbe schlug sie die Hände hoch zusammen und rief:

»O Allah! O Ayescha! O Fathme! Welch ein Unheil hat dieses Thier angerichtet! Da liegen die Körbe am Boden und dabei alle meine Nazikalar! Doch nein, nicht Alles ist da. Es fehlt sehr viel. Wo ist es?«

Sie warf einen fragenden Blick auf mich und fuhr fort:

»Effendi, diese Sachen schmecken sehr süß und sehr gut!«

»Ich glaube es!«

»Liebst Du Süßigkeiten?«

»Zuweilen.«

»Hast Du vielleicht das, was hier fehlt, gegessen?«

»Nein.«

»Sage mir die Wahrheit! Ich werde Dir nicht zürnen, sobald Du es nur bezahlst!«

»Ich habe es nicht gegessen, holde Tschileka.«

»Aber wo ist es hin? Wo liegt es? Ich muß meinem Manne von jedem Stück Rechenschaft ablegen!«

»Ich sage Dir, daß es nicht gegessen worden ist.«

»Was denn?«

»Gefressen!«

»Gefressen? Von wem?«

»Von diesem Deinem Maulesel.«

»Ej müssibet, ej saldyrydschylyk! Glaubst Du denn wirklich daß ein Maulesel Zuckerwerk fressen kann?«

»Ich habe ihn ja dabei erwischt!«

»Du hast es mit Deinen eigenen Augen gesehen?«

»Mit diesen meinen Augen.«

»Und mich hat er niemals merken lassen, daß er Süßigkeiten liebt! Bu iki jüzli! Bu sureta zahid! Effendi, willst Du mir einen Gefallen erzeigen?«

»Einen einzigen? Habe ich Dir nicht bereits bewiesen, daß ich Dir gern gefällig bin?«

»Ja, Du hast Alles an mir gethan, was ich von Dir begehrte. Nimm jetzt einmal Deine Reitpeitsche und haue das Thier so um den Kopf, daß die Ohren herunterfliegen!«

»Das werde ich nicht thun.«

»Nicht? Warum nicht?«

»Das würde Thierquälerei sein.«

»Was geht das Dich an! Gehört der Esel Dir?«

»Nein.«

»Sondern mir! Nicht?«

»Ja freilich.«

»Nun, er ist mein, und mein Eigenthum kann ich quälen, so viel ich will. Also schlage nur zu!«

»Verzeihe, daß ich es doch nicht thue. Hast Du dem Esel gesagt, daß er diese Sachen nicht essen soll?«

»Nein.«

»Da hast Du einen großen Fehler begangen. Er hat geglaubt, das Zuckerwerk fressen zu dürfen, weil es Eigenthum seiner Herrin ist. Beim nächsten Ritt darfst Du nicht versäumen, es ihm klar zu machen.«

»O, das werde ich gleich jetzt, und ich hoffe, daß er meine Worte sehr gut verstehen wird!«

Sie zog meine Reitpeitsche aus der Sattelöse und trat damit zu dem Esel, welcher sie mißtrauisch anblickte und dabei besorgt mit den Ohren wedelte.

»Was hast Du gethan?« schrie sie ihn an. »Weißt Du, was Du bist? Ein Kahpoghlu, ein großer Kahpoghlu! Hier hast Du Deine Strafe!«

Er erhielt einen kräftigen Hieb über den Kopf.

»Ein Beziz taami

Sie versetzte ihm einen zweiten Hieb.

»Ein fena jürekli Tschapkyn

Ein dritter Hieb sauste durch die Luft. Aber der Maulesel schien keine gute Erziehung genossen zu haben und seine Herrin in nur geringem Grade zu respektiren. Er machte eine blitzschnelle Wendung und schlug mit den beiden Hinterhufen nach ihr aus. Das ging so schnell, daß ich kaum Zeit gefunden hatte, sie auf die Seite zu reißen.

Jetzt war aller Ärger vorüber. Sie zitterte vor Angst.

»Effendi,« sagte sie bebend, »was hat er gethan? Nach mir ausgeschlagen hat er!«

»Ja.«

»Der Elende! Das undankbare Vieh! Weißt Du nicht, ob er mich getroffen hat?«

»Ich glaube nicht, daß Du getroffen worden bist. Fühlst Du denn Schmerz?«

»Natürlich, ja! Mein ganzer Körper scheint eine einzige Beule zu sein.«

»O weh! Eine solche Beule wird schwer zu heilen sein!«

»Ja. Aber doch glaube ich, daß die Hufe an mir vorübergegangen sind. Nicht?«

»Ich glaube, dasselbe bemerkt zu haben.«

»Allah sei Dank! Wenn er mich auf die Brust getroffen hätte, so wäre ich eine Leiche; oder gar in das Gesicht! Er hätte mir einen Zahn ausschlagen können, vielleicht auch alle. Ich werde dieses Dschanawar nie wieder schlagen!«

»Daran thust Du recht. Ich sagte Dir, daß ich es nicht thun würde; Du aber achtetest nicht auf meinen Rath.«

»Aber der Esel ist mein Eigenthum. Wie darf er es wagen, nach mir zu schlagen! Ich bin erschrocken, daß ich am ganzen Leibe bebe. Siehst Du mich zittern?«

»Ja, ich sehe es!«

»Halte mich!«

»Wird dies wirklich nothwendig sein? Ist es so schlimm?«

»Ja, es ist sehr schlimm! Es ist sogar so schlimm, daß ich mich setzen muß, um mich zu erholen.«

Eine ätherischer gestaltete Dame hätte sich in ästhetisch malerischer Weise niedersinken lassen. Tschileka machte zwar auch den Versuch dazu, aber das Gewicht ihres Körpers war zu groß; sie verlor das Gleichgewicht und kam in Folge dessen mit so rapider Schnelligkeit zur Erde, daß ich kaum Zeit fand, den Korb wegzureißen, in welchen sie sich sonst gesetzt hätte.

»Ah, ich danke Dir!« sagte sie. »Jetzt muß ich Athem holen. Ich schnappe nach Luft.«

Dies that sie auch buchstäblich. Dann, als sie regelmäßig zu athmen vermochte, sagte sie:

»Jetzt wirst Du mir Alles, was übrig ist, hier in die Körbe thun und dann den Sattel wieder in Ordnung bringen. Dann brechen wir auf.«

Ich gehorchte auch diesem Befehl, im Innern sehr gespannt darauf, wie es mir möglich sein werde, sie in den Sattel zu bringen. Es kostete schon eine bedeutende Anstrengung, ihr beim Aufstehen behilflich zu sein. Als dies gelungen war, blickte sie sich rathlos um.

»Was suchst Du?« fragte ich.

»Ein Merdivan, ein kleines Merdivan.«

»Eine Treppe? Wo soll hier im freien Felde eine Treppe herkommen?«

»Aber ich brauche sie doch, um aufzusteigen!«

»O weh! Das ist allerdings sehr schlimm!«

Nun ließ auch ich meinerseits den Blick ziemlich rathlos in die Runde schweifen.

»Dort,« sagte sie, »Dort sehe ich ein Kelil aghadschy. Führe mich hin!«

Es gelang mir mit einiger Anstrengung, sie auf den Stumpf und von da in den Sattel zu bringen. Der arme Maulesel brach unter ihrer Last fast zusammen, schien aber doppelte Kräfte zu bekommen, als er bemerkte, daß der Ritt heimwärts ging.

Schon nach kurzer Zeit sah ich einige weit zerstreute Häuser von Weitem.

»Ist das Dschnibaschlü?« fragte ich.

»Nein; das ist erst Kütschük-Dschnibaschlü. Aber wir wohnen da,« antwortete sie.

Wir langten dort an und ritten an einigen armseligen Gebäuden vorüber, bis wir ein etwas größeres Haus erreichten, nach dessen hinterer Fronte meine Begleiterin einlenkte.

Dort gab es mehrere Gruben, in welche man Fässer eingelassen hatte. Diese Fässer waren mit farbigen Flüssigkeiten gefüllt. Wir befanden uns also bei der Wohnung des Färbers und Bäckers Boschak.

Die Amazone stieß einen schrillen Schrei aus, den sie noch einige Male wiederholte. Dann öffnete sich ein kleines, in der Nähe stehendes Bretterhäuschen, und eine männliche Gestalt mit einem Vogelgesicht kam herbei.

Der ganze Anzug dieses Menschen bestand aus einer Art von Badehose. Aber nicht dieser Umstand fiel mir auf, sondern die Färbung der Haut frappirte mich. Sein Körper schillerte in allen Nuancen vom tiefsten Dunkelbraun bis zum schreiendsten Orange. Und dabei machte der Mensch ein so unbefangenes, ernstes Gesicht, als ob diese Malerei sich ganz von selbst verstehe.

Ich war vom Pferde gestiegen und erwartete das Kommende mit lebhafter Neugierde.

»Sydschyrda, meine Treppe!« befahl sie.

Also Sydschyrda, das ist Staar, hieß der Mann. Hm, es gibt ja allerdings auch Prachtstaare, wie jeder Ornitholog weiß. Der Gerufene schritt sehr gravitätisch zur Hinterthür in's Haus hinein und brachte wirklich eine mehrstufige Treppenleiter herbei, welche er neben den Maulesel stellte. Die Reiterin stieg ab.

»Was macht mein Mann?« fragte sie.

»Ich weiß es nicht,« war die Antwort.

»Nun, er muß doch Etwas machen!«

»Nein.«

»BudalaDummkopf! Wo ist er denn?«

»Weiß es nicht.«

»Doch im Zimmer?«

»Nein.«

»In der Kammer?«

»Nein.«

»Wo denn sonst?«

»Ich weiß es nicht.«

»Er ist doch daheim?«

»Nein.«

»Also fortgegangen?«

»Ja.«

»Warum sagtest Du das nicht gleich? Schaffe den Esel fort!«

Der farbenprächtige Mensch hatte seine Antworten in höchst feierlicher Weise gegeben, mit einem Ernste, als ob es sich um die hochwichtigste Angelegenheit handele. Jetzt ergriff er den Esel beim Zügel und wollte fort.

»Erst abladen, natürlich!« schrie sie ihn an.

Er nickte ihr verständnißvoll zu und machte sich nun daran, die Körbe abzunehmen.

»Komm nun mit herein, Effendi!« lud sie mich ein.

Ich hatte mein Pferd an einen in den Boden gerammten Pfahl gebunden und folgte ihr. Es drang mir ein starker Geruch von Butter und heißer Sodalauge entgegen. Links bemerkte ich eine Vorrichtung, welche ich für den Backofen zu halten geneigt war, denn ein Dachsbau konnte sich doch nicht hier im Wohnhause befinden. Rechts war der Eingang in den Wohnraum.

Als wir da eintraten, stand ich dem leibhaftigen, allerdings jüngeren Ebenbilde meiner >Erdbeere< gegenüber. Ich konnte nicht im Zweifel sein, daß es ihre Tochter sei.

Diese war nach bulgarischer Weise, doch häuslich leicht gekleidet, hatte keine uninteressanten Züge und besaß die größte Schönheit des orientalischen Weibes, die Wohlbeleibtheit, beinahe in demselben Grade wie ihre Mutter.

Sie stand vor einigen Schüsseln und war im Begriffe, von der darin befindlichen Milch die Haut mittels der zwei Zeigefinger nach ihrem weit geöffneten Munde zu führen.

»Ikbala, was thust Du da?« fragte die Mutter.

»Derisini tschykar-im – ich häute ab,« antwortete die Gefragte.

»Nereje – wohin?«

»Aghyz itschine – in den Mund hinein.«

»Aber diese Häute sollst Du doch auf einen Tabak oder in einen Tschanak thun, keineswegs aber in den Mund.«

»Es schmeckt gut!«

Das war allerdings ein sehr triftiger Grund, welchen das Mädchen da angab. Die Mutter ließ ihn auch gelten, denn sie trat auf die Tochter zu, klopfte ihr zärtlich auf die volle Wange und sagte in liebkosendem Tone:

»Benim tschüstlüka – mein Leckermäulchen!«

Dieses Leckermäulchen richtete einen sehr erstaunten Blick auf mich. Die Mutter erklärte:

»Dieser Effendi will sich hier bei uns ausruhen.«

»Warum?«

»Er ist ermüdet.«

»So mag er draußen im Grase liegen. Wie kannst Du ohne Schleier mit einem Fremden verkehren und ihn zu mir bringen, da Du doch weißt, daß ich hier keinen Schleier trage?«

»O, er ist mein Freund, mein Erretter!«

»Warst Du in Gefahr?«

»In großer Lebensgefahr.«

Jetzt richtete die Tochter ihre Augen mit verminderter Strenge auf mich; dann sagte sie:

»Du kannst noch gar nicht zurück sein. Es muß Dir unterwegs Etwas geschehen sein?«

»Freilich ist mir Etwas geschehen.«

»Was denn?«

»Ein Unglück.«

»Das vermuthe ich allerdings. Aber was denn für ein Unglück?«

»Ich hatte nicht daran gedacht, daß heute einer der fünfzig unglücklichen Tage des Jahres ist; sonst wäre ich daheim geblieben. Ich war kaum eine halbe Stunde geritten, da that sich vor mir die Erde auf – –«

»O Allah!« sagte die Tochter erschrocken.

»Ein blauer Duman stieg hervor,« fuhr die Mutter fort.

»Wai sana – wehe Dir!«

»Und aus diesem Rauche trat ein Ifret, ein Chajjal hervor, welcher hundertvierundvierzig Arme nach mir ausstreckte – –«

»Allah beschütze Dich! Es gibt viele und schlimme Gespenster auf der Erde!«

»Allerdings, mein Kind. Mein Esel erschrack natürlich ebenso wie ich und entfloh, so schnell er konnte. Ich bin eine sehr gute Reiterin, wie Du weißt; aber ich kam dennoch zum Falle, und der Esel entfloh.«

»Welch ein Unglück! Ist er fort?«

»Nein. Dieser Effendi kam geritten, nahm den Esel gefangen und hob auch mich von der Erde auf, um mich heimzugeleiten. Wo ist Dein Vater?«

»Er ist in das Dorf gegangen.«

»Was will er da?«

»Er will Kuru üzümlar und Bademler kaufen.«

»Hat er gesagt, wann er wieder kommt?«

»Er sagte, daß er nicht lange ausbleiben werde.«

»So bediene diesen Effendi, bis ich zurückkehre. Ich muß ein anderes Kleid anlegen.«

Sie wollte sich durch eine zweite Thür zurückziehen, aber ihre Tochter faßte sie am Arme und sagte:

»Sage mir vorher, was aus dem Geiste, aus dem Gespenste geworden ist.«

»Ich habe keine Zeit; frage den Effendi, er wird es Dir sagen.«

Damit entfernte sich die Schlaue und überließ es mir, ihr Gespenstermärchen bis zu Ende zu führen.

Was mich betrifft, so hatte ich mich bereits nach den ersten, zwischen Mutter und Tochter gewechselten Worten auf eine an der Wand liegende Matte gesetzt.

Die junge >Erdbeere< sah sich nun mit mir allein und war in sichtlicher Verlegenheit. Nach einer Pause fragte sie:

»Bist Du müde, Effendi?«

»Nein.«

»Oder hungrig?«

»Auch nicht, mein Kind.«

»Aber durstig?«

»Es ist warm. Würdest Du mir einen Schluck Wasser geben, Du Tochter der Holdseligkeit?«

Da griff sie nach einer der Milchschüsseln, von deren Inhalt sie mit ihren zarten Zeigefingern das >Dicke< vorhin >abgehäutet< hatte. Sie hielt mir die Schüssel vor und sagte:

»Hier hast Du Süd-ineklü. Sie ist frisch und wird Dir schmecken. Oder ist Dir vielleicht Süd-ketschi noch lieber als diese?«

»Ist von der Letzteren auch bereits die Süd-deridschik abgenommen?«

»Ja, ich habe es selbst gethan.«

»So gib mir Wasser. Ich trinke nur dann Milch, wenn sie ihre Haut noch hat.«

Sie ging hinaus und brachte mir einen thönernen Becher voll Wasser, welches genau so roch und so aussah, als ob ein alter Tabaksbeutel oder ein schmutziger Pudelhund darin gewaschen worden sei.

»Wo hast Du dieses Wasser geschöpft?« fragte ich.

»Ich habe es aus dem Chamur teknessi genommen,« antwortete sie.

»Hast Du kein anderes Wasser?«

»Ja, wir haben nicht weit vom Hause ein Akar su

»Kannst Du mir nicht von diesem bringen?«

»Ich könnte es; aber Du wirst es nicht trinken.«

»Warum nicht?«

»Es sind Kurbaghilar und Kara-kurbaghilar darin, so groß wie ein Samsun oder ein Kipr, wenn er recht fett geworden ist.«

»Habt Ihr denn kein Koju in der Nähe?«

»Ja; aber es sind Kertenkeleler darin, so lang und so stark wie ein Aal.«

»O wehe! Da will ich lieber nicht trinken.«

»Herr, einen guten Schira könnte ich Dir geben.«

»Ist er wirklich gut?«

»Er ist so süß wie Zucker und Honig.«

»So bitte ich Dich, mir davon zu geben!«

Sie entfernte sich abermals. Als sie zurückkehrte, brachte sie mir einen ausgehöhlten halben Kürbis, in welchem sich eine Flüssigkeit befand, deren Aussehen ein geradezu lebensgefährliches war. Ich roch daran und wurde dadurch nur in dem Vorsatze bestärkt, mich äußerst reservirt zu verhalten.

»Aus welchen Früchten ist dieser Most gepreßt?« erkundigte ich mich.

»Aus Tutlar, Tschekirdekler dischbudak aghadschylerin und Limonler. Er ist mit gelben Bal kabaghylar gewürzt und mit Syrup gesüßt. Er wird Dich erquicken und stärken, wie im Strom des Paradieses.«

Also Maulbeeren, welche an und für sich einen eklen Geschmack besitzen, Ebereschenbeeren, welche ein Futter für Gimpel und andere Vögel bilden, und saure Citronen! Mit Gelbschwämmen gewürzt und mit Zucker süß gemacht. Der Geschmack ließ sich denken und die Wirkung ahnen. Ein Leibschneiden oder Ähnliches mußte die unvermeidliche Folge sein.

Aber ich hatte wirklich Durst und setzte darum den Kürbis an die Lippen, machte die Augen zu und that einige Züge. Da aber hatte mich das Mädchen schnell beim Arme.

»Dur, dur – halt, halt!« rief sie. »Salt bir itschimi, salt bir itschimi – nur einen Schluck, nur einen Schluck!«

»Warum?« fragte ich.

Und indem ich das Gefäß absetzte, bemerkte ich erst den widerlichen Geschmack des hinterlistigen Getränkes.

»Sandschy, korkulu sandschy – Bauchgrimmen, fürchterliches Bauchgrimmen!« antwortete sie.

»Warum aber gibst Du mir das Zeug?«

»O, der Most ist sehr gut; aber man darf nur einen einzigen Schluck nehmen. Paß auf! So!«

Und sie nahm mir den Kürbis aus der Hand, um einen langen, langsamen, schlürfenden Zug zu thun. Dabei machte sie ein Gesicht, als ob sie den Extract des himmlischen Nektars trinke.

Es kam mir dabei der Gedanke an den entsetzlichen Kumis, den ich in der Kirgisensteppe getrunken hatte. Bei den ersten Versuchen hätte ich in Ohnmacht fallen mögen. Man rieth mir, beim Trinken die Nase zuzuhalten, und in der Befolgung dieses guten Rathes war es mir wirklich gelungen, diesen mephitischen Trank später ohne Abscheu zu genießen.

Dieser Most hier in Dschnibaschlü war jedenfalls ein weit schlimmeres Kunstprodukt; da ich mich aber stets eines ausgezeichneten Magens erfreut habe, blieb der Mordversuch der schönen Bäckers- und Färberstochter ohne alle Folgen.

Als sie nun den Kürbis zur Erde setzte, kam ein alter, dreifarbiger Kater, welcher bisher in einer Ecke gelegen hatte, herbei, tauchte recognoscirend den Schnurrbart in den Most, schüttelte bedenklich den Kopf, begann aber doch zu lecken, erst leise und mißtrauisch, dann aber mit sichtbarem Behagen.

»Kätschük kedi-im itsch; aschyk-üm, tatlylyk-üm, benim dschanymlyk, itsch, itsch, itsch – trink, mein Kätzchen; sauf, sauf, sauf, meine Süße, meine Theure!« sagte die Türkin, indem sie das Thier streichelte.

»Halt, halt!« rief ich, und zwar so laut, daß sie ganz erschrocken emporfuhr.

»Was ist's? Warum rufst Du so?« fragte sie.

»Laß Deinen Liebling doch nicht von diesem Most trinken!«

»Warum nicht?«

»Er wird das Bauchgrimmen bekommen, vor welchem Du mich gewarnt hast!«

»O nein! Er ist den Most gewöhnt.«

»Ah, er trinkt den Most öfters?«

»Ja.«

»Aus diesem Kobak

»Ja. Er trinkt ihn sehr gern; er hat erst vorhin daraus getrunken, der Gute, der Liebe.«

Also auch das noch! Erst hatte der >Liebling< getrunken, dann ich, dann sie! Und dazu die unübertreffliche Unbefangenheit, mit welcher sie mir das sagte! O Ikbala, wie wenig bist Du doch von den guten Sitten des westlicheren Europa übertüncht!

Ich hätte recht zornig werden mögen, brachte aber im Gegentheile, aller Rachsucht bar, das Gespräch auf den Gegenstand, welcher ihr jedenfalls der allerliebste war:

»Trinkt Ali, der Sahaf, auch zuweilen von dem Most?«

Als ich diese Frage in aller Gleichmüthigkeit aussprach, blickte sie mich überrascht an.

»Herr, kennst Du den Sahaf?« fragte sie.

»Ja, ich kenne ihn.«

»Wo hast Du ihn kennen gelernt?«

»Auf dem Wege von Koschikawak hierher, und zwar heute, vor ungefähr zwei Stunden.«

»Hat er von mir gesprochen?«

»Ja. Ich soll Dir ein Selamlama von ihm sagen.«

»So hat er Dir gesagt, daß er mich liebt?«

»Das hat er gesagt und auch noch Etwas.«

»Was denn?«

»Daß Du ihn ebenso liebst.«

»Ja, das ist wahr. Wir lieben uns von ganzem Herzen. Er ist meinetwegen aus Arabien zurückgekehrt.«

»Und soll doch nicht mit Dir sprechen!«

»Leider! Der Vater will es nicht.«

»Aber Deine Mutter ist der Schutzgeist, welcher Euch umschwebt.«

»Ach ja! Hätten wir diese nicht, so wäre unser Herzleid so groß wie das höchste Minaret im ganzen Reiche des Beherrschers aller Gläubigen. Wir würden uns tödten, entweder durch Zehir sytschanlarin, oder durch das Gark etmisch, da wo das Wasser am tiefsten ist.«

»Du meinst draußen im Akar su?«

»Ja, das meine ich.«

»Aber, sagtest Du nicht, daß sich dort Frösche und Kröten befinden, so groß und so dick wie ein Igel?«

»Ja. Und das ist wahr. Aber wir würden uns eine Stelle suchen, wo sich keine Frösche befinden.«

»Und woher würdet Ihr das Gift bekommen?«

»Ali würde nach Mastanly reiten. Dort gibt es zwei Ezadschy dükkianylar, welche alle Gifte haben.«

»Vielleicht ist es nicht nöthig, daß Ihr in das Wasser oder in die Apotheke geht. Dein Vater wird wohl noch freundlicher gesinnt gegen Ali werden.«

»O nein! Mosklan gibt das nicht zu.«

»Wer ist dieser Mosklan?«

»Er handelt mit Pferden und thut auch noch allerlei Anderes. Doch Du kennst ihn nicht. Ich soll zur Nikiah mit ihm gezwungen werden.«

»Ich weiß es.«

»Hat Ali es Dir erzählt?«

»Ja. Führt dieser Mann nicht noch andere Namen?«

Sie zögerte mit der Antwort.

»Du kannst aufrichtig mit mir sein; ich meine es sehr gut mit Dir,« bemerkte ich.

»Nein, er führt keinen anderen Namen,« sagte sie.

»Das sagst Du aus Angst vor ihm und Deinem Vater!«

»O nein! Ich weiß von anderen Namen nichts.«

»Nun, hast Du nicht einmal einen Mann gesehen, welcher Pimosa heißt und aus Lopaticza ist?«

Sie wurde verlegen und fragte stockend:

»Wo sollte ich ihn gesehen haben?«

»Hier, bei Euch, in diesem Hause.«

»Nein; Du irrst.«

»Nun gut, so habe ich mich geirrt, und das ist gar nicht gut für Dich.«

»Nicht gut? Warum?«

»Wüßtest Du, wer dieser Pimosa ist, und was er thut, so könnte ich Deinen Vater bewegen, Dich dem Ali zum Weibe zu geben.«

»Wie sollte das möglich sein?«

»Nun, ich will Dir sagen, daß ich hierher gekommen bin, um Dich zu sehen. Ich hatte mir, falls Du mir gefallen würdest, vorgenommen, zu Ali zu reiten, um ihn Deinem Vater als Güwji zuzuführen.«

»Das ist unmöglich!«

»O nein; es ist sogar sehr leicht möglich.«

»Wie wolltest Du dies anfangen?«

»Das kann ich Dir nicht sagen, weil auch Du nicht aufrichtig bist. Ich wollte Deinen Vater zwingen, heute seine Einwilligung zu geben; heute, verstehst Du wohl?«

»Und Du glaubst, daß er sie gegeben hätte?«

»Ja, ganz gewiß. Aber Du vertrauest mir nicht, und so bin ich hier bei Dir überflüssig. Ich werde also jetzt wieder aufbrechen.«

Ich wollte von meinem Sitz aufstehen; aber schon stand sie bei mir, hielt mich zurück und sagte:

»Herr, bleib' sitzen! Wer bist Du denn, daß Du glaubst, eine solche Macht über meinen Vater zu haben?«

»Ich bin ein Effendi aus dem Abendlande; ich stehe unter dem Schatten des Padischah und kann, wenn ich will, allerdings Deinen Vater zwingen, Deine Neigung zu Ali zu gestatten. Aber ich habe keine Zeit; ich muß fort!«

»Bleibe noch da! Ich will aufrichtig gegen Dich sein.«

»Daran thust Du klug. Es ist zu Deinem Nutzen. Also sage mir, ob Du jenen Pimosa kennst.«

»Ja, ich kenne ihn. Verzeihe mir, daß ich vorhin anders redete!«

»Ich verzeihe Dir. Ich weiß ja, daß Du in Rücksicht auf Deinen Vater so sprechen mußtest.«

»Aber kannst Du mir versprechen, daß Du meinen Vater nicht in Schaden bringen willst?«

»Ja, ich verspreche es.«

»Gib mir Deine Hand darauf!«

»Hier hast Du sie. Wenn ich Etwas verspreche, so halte ich auch Wort. Nun aber sage mir, wer Pimosa ist!«

»Er heißt nicht Pimosa; er nennt sich zuweilen so. Er ist jener Mosklan, dessen Frau ich werden soll.«

»Ich wußte es bereits. Was ist das, was er außer dem Pferdehandel noch betreibt?«

»Er ist Pascher und er ist auch der Bote des Schut.«

»Hat der Schut ihn auch bereits zu Deinem Vater gesendet?«

»Ja.«

»In welcher Angelegenheit?«

»Das weiß ich nicht.«

»Dein Vater ist Pascher?«

»Nein.«

»Sage die Wahrheit!«

»Er ist kein Pascher; aber die Schmuggler kommen zu ihm und dann – – –«

Sie stockte.

»Nun? Und dann – – –?«

»Und dann hat er immer sehr viele Waaren.«

»Wo? Hier im Hause?«

»Nein, sondern draußen auf dem Felde.«

»An welchem Ort?«

»Das darf ich nicht sagen. Ich und die Mutter haben schwören müssen, nichts zu verrathen.«

»Das hast Du gar nicht nöthig, denn ich kenne den Ort ebenso genau wie Du.«

»Das ist ganz unmöglich. Du bist ja fremd!«

»Und dennoch kenne ich ihn. Es ist das Loch da draußen in dem Dorngestrüppe.«

Da schlug sie erstaunt die Hände zusammen und rief:

»O Allah! Du weißt es wirklich!«

»Siehst Du! Eben heute befinden sich viele Waaren dort.«

»Hast Du sie gesehen?«

»Ja. Es sind lauter Teppiche.«

»Wirklich, wirklich, Du weißt es! Wer hat Dir diesen Ort verrathen?«

»Kein Mensch. Wo sind die Teppiche her?«

»Sie sind mit dem Schiffe über das Meer gekommen. In Makri werden sie gelandet, und von da haben sie unsere Träger nach Gümürdschina und zu uns gebracht.«

»Und wohin sind sie bestimmt?«

»Sie sollen nach Sofia gehen und von da aus immer weiter; ich weiß nicht, wohin.«

»Ist der Schut bei dieser Pascherei betheiligt?«

»Nein. Der Hauptanführer ist ein Silahdschi in Ismilan.«

»Ah, so! Dieser Mann hat auch ein Kahwehane?«

»Ja.«

»Er wohnt in der Gasse, welche nach dem Dorfe Tschatak führt?«

»Effendi, Du kennst ihn?«

»Ich habe von ihm gehört. Ist Dir sein Name bekannt?«

»Er heißt Deselim.«

»War er zuweilen bei Euch?«

»Sehr oft. Er wird auch heute oder morgen kommen.«

»Wohl wegen der Teppiche, welche sich da draußen im Felde befinden?«

»Ja. Sie müssen fortgeschafft werden.«

»Bringt er die Träger mit?«

»Einige; die Andern wohnen hier in der Nähe.«

»In Dschnibaschlü?«

»Hier und in den nächsten Orten.«

»Wer ruft sie zusammen?«

»Mein Vater.«

»Er selbst doch aber nicht?«

»Nein, sondern er sendet unsern Kalfa, der sie Alle kennt.«

»Das ist der Mensch, welcher Deiner Mutter vom Maulesel hilft?«

»Ja. Er hat alle Farben im Gesicht. Er ist ein sehr schlauer und auch ein sehr muthiger Mensch. Horch! Es kommt Jemand!«

Draußen unter dem Eingange ließ sich ein eigenthümliches Schnaufen und Stöhnen vernehmen.

»A buh! A buh!« erklang es ächzend.

»Das ist mein Vater,« sagte sie. »Laß ihn ja nicht merken, daß ich mit Dir gesprochen habe!«

Im nächsten Augenblick war sie verschwunden, dahin, wohin auch ihre Mutter gegangen war.

Ich befand mich also ganz allein im Oda, den Kater abgerechnet, welcher sich wieder in seine Ecke zurückgezogen hatte. Das war mir unlieb, konnte aber nicht geändert werden. Ich hörte einige schwere, schlürfende Schritte, einige wiederholte >A buh<, und dann trat er ein.

Ich erschrack beinahe, als ich den Mann sah. Er war fast so dick wie hoch und mußte sich förmlich zur Thüröffnung herein drängen. Er trug sich vollständig bulgarisch. Seine Hose, seine Tunika, sein kurzer Ärmelmantel waren von Wollenstoff, während der Ottomane für die Sommerszeit einen faltenreichen, leichten, leinenen oder baumwollenen Stoff anzulegen pflegt. Die Beine des Bäckers waren auch nach bulgarischer Manier mit dicken Bändern umwickelt, welche auch den Fuß umhüllten. Der Altbulgare, ein zum Slawenthum übergetretener Tatar, liebt andere Fußbekleidungen nicht.

Es versteht sich ganz von selbst, daß diese Tracht den Bäcker noch mehr verstellte. Der kurze Mantel, die umwickelten Beine, der anderthalb Fuß breite Gürtel, welchen er um den Leib trug, machten ihn noch viel dicker und unförmlicher, als er eigentlich war. Dazu kam, daß er den Kopf rasirt hatte. Nur oben auf der Mitte des Schädels befand sich ein langer Haarbüschel, welcher, in zwei Zöpfe geflochten, hinten hinunter hing. Ein Fez oder irgend eine andere Kopfbedeckung trug er nicht. In der Hand hatte er ein mit den Knoten zusammengebundenes Tuch, in welchem sich einige Düten befanden.

Würde man mich fragen, welche Farbe sein Anzug gehabt habe, so könnte ich das unmöglich sagen. Ursprünglich war jedenfalls eine Farbe dagewesen. Über diese hinweg aber gab es Striche von allen möglichen Farben, so daß der eigentliche Grund gar nicht mehr zu erkennen war. Man sah nur, daß der Mann seine Finger, mochten sie nun beim Backen mit Teig oder beim Färben mit Farbe beschmiert gewesen sein, ganz einfach an seiner Kleidung abgewischt hatte.

Seine Hände hatten das Aussehen, als ob er einen Farbenkasten zerstampft, das Pulver in Öl gerieben und sich dann damit die Finger angepinselt habe. Die Arme konnte ich nicht sehen; jedenfalls aber glichen sie ganz genau denjenigen seiner holden >Erdbeere<, deren Farbüberzug ich ja erst für Handschuhe gehalten hatte.

Und nun gar das Gesicht! Das war grandios zu nennen. Jedenfalls hatte er zwei Angewohnheiten oder auch drei, welche sich bei seinem Geschäfte nicht vertrugen: er schnupfte, er liebte es, sich die Augen zu reiben, und er pflegte sich wohl auch gern hinter den Ohren zu kratzen, denn sowohl die Nase, wie die Umgebung der Augen und Ohren schienen mit schwarzer Tinte, Pflaumenmus, Eigelb, Himbeersaft und geschlemmter Kreide eingerieben worden zu sein.

Wenn eine Orientalin die Augenwimper mit Khol färbt, so giebt dies dem Blick eine eigenartige, melancholische, interessante Schärfe. Der Bäcker schien der Ansicht zu sein, daß seine Physiognomie durch die erwähnte Farbenschicht auch an Schönheit gewinne. Wohl aus diesem Grunde oder aus Bequemlichkeit hatte er es seit langer Zeit unterlassen, sein Gesicht mit einem Tropfen Wasser zu beleidigen.

So Etwas kann im Abendlande wohl kaum vorkommen. Da wäre die Polizei gezwungen, sich in's Mittel zu schlagen, weil ein solcher Mensch öffentliches Ärgerniß erregen würde.

Es war wirklich spaßhaft, mit welchem Erstaunen er mich, der ich ruhig neben der Thüre sitzen blieb, betrachtete. Seine Stirn zog sich empor; sein Mund öffnete sich weit, und seine Ohren schienen sich nach hinten retiriren zu wollen.

»Ölüm jyldyrym – Tod und Blitz!«

Mehr brachte er nicht hervor. Er mußte schnaufen, ob aus Athemnoth oder aus Überraschung, das weiß ich nicht.

»Sabahiniz chajir ola – guten Morgen!« grüßte ich ihn, indem ich langsam aufstand.

»Ne is ter sen bunda? Ne ararsen bunda – was willst Du hier? Was suchst Du hier?«

»Seni – Dich,« antwortete ich kurz.

»Beni – mich?« fragte er kopfschüttelnd.

»Ewwet, seni – ja, Dich.«

»Du verkennst mich!«

»Schwerlich. Dich erkennt man sofort.«

Er schien die Beleidigung, welche in den letzten Worten lag, gar nicht zu fühlen. Er sagte, noch immer kopfschüttelnd:

»Du bist in einem falschen Hause.«

»Nein; ich bin im richtigen.«

»Aber ich kenne Dich nicht!«

»Du wirst mich kennen lernen.«

»Zu wem willst Du denn?«

»Zu einem Bojadschy, welcher zugleich Etmektschi ist und Boschak heißt.«

»Der bin ich allerdings.«

»Siehst Du, daß ich mich nicht irre!«

»Aber Du sagtest, daß Du mich sofort erkannt habest! Hast Du mich bereits gesehen?«

»Nein, nie und nirgends.«

»Wie kannst Du mich da erkennen?«

»An der glänzenden Würde Deines Standes, welche in Deinem Gesichte zu bemerken ist.«

Auch den eigentlichen Sinn dieser Worte begriff er nicht, denn er verzog dieses farbig erglänzende Gesicht zu einem breiten, wohlgefälligen Lächeln und sagte:

»Du bist ein sehr höflicher Mann und Du hast Recht. Mein Stand ist ein sehr wichtiger. Ohne uns müßten die Menschen verhungern, und wir sind es auch, die jedem Kleide erst die Schönheit geben. Welchen Wunsch hast Du?«

»Ich möchte über ein Geschäft mit Dir sprechen.«

»Bist Du vielleicht ein Undar

»Nein.«

»Oder ein Bosadar

»Auch nicht. Es ist ein anderes Geschäft, welches ich meine.«

»So sage es mir!«

»Dann, wenn Du es Dir bequem gemacht hast. Ziehe Deinen Mantel aus und setze Dich zu mir!«

»Ja, das werde ich thun. Erwarte mich hier!«

Er ging zu derselben gegenüber befindlichen Thüröffnung hinaus, durch welche die Frau und die Tochter verschwunden waren. Jedenfalls gab es dort zwei Räume hinter einander, und ich hörte aus den dumpf zu mir schallenden Lauten dreier Stimmen, daß sich die Erwähnten in dem hintersten >Cabinet< befanden.

Als er zurückkehrte, blieb er vor mir stehen und sagte:

»Im bunda. Ischtahnyz warmy? – Da bin ich. Hast Du Appetit?«

»Wozu?«

»Etwas zu essen?«

»Nein,« antwortete ich, indem ich an die Spuren der Teigfinger dachte, welche er an seinen Hosen abgewischt hatte.

»Oder zu trinken?«

»Ich danke sehr!«

Der Appetit war mir infolge des Backtrogwassers und des famosen Mostes vollständig vergangen.

»Nun, so wollen wir von unserem Geschäft sprechen.«

Es ist geradezu unbeschreiblich, in welcher Weise es ihm unter vielem Ächzen gelang, mir gegenüber auf dem Boden Platz zu nehmen. Als diese Turnübung bei Ach und Krach gelungen war, legte er sein Gesicht in eine ernste, gebieterische Miene und klatschte laut in die Hände.

Ich hätte ihm beinahe in das Gesicht gelacht, als er sich damit das Ansehen eines hohen Mannes gab, welcher zu befehlen gewohnt ist. Aber das Klatschen der Hände war gehört worden, denn der stieglitzähnliche Färbergehilfe, welchen die Tochter einen schlauen und muthigen Mann genannt hatte, trat ein.

Er war jedenfalls, da er sich doch hinter dem Hause befunden hatte, durch eine Fensteröffnung unterrichtet worden, wie er sich zu verhalten habe. Er verbeugte sich mit über der Brust gekreuzten Armen und blickte seinen Herrn und Meister demüthig erwartungsvoll an.

»Getir benim lülejü – bringe mir meine Pfeife!« befahl der Letztere im Tone eines Pascha mit drei Roßschweifen.

Der Sklave dieses Augenblickes gehorchte dem Befehle. Er brachte eine Tabakspfeife, welche aussah, als ob sie schon lang im Schlamme eines Karpfenteiches gelegen habe. Der Diener entfernte sich, und der Herr langte in die Hosentasche und brachte aus derselben eine Handvoll Tabak hervor, welchen er in den Pfeifenkopf stopfte. Dann fragte er mich:

»Sen mi tütün itschen? – Bist Du Tabaksraucher?«

»Ewwet – ja,« antwortete ich.

Ich befand mich nun in der Angst, daß er mir eine eben solche Pfeife bringen lassen und sie aus derselben Tasche stopfen werde, fühlte mich aber angenehm enttäuscht, als er nun weiter fragte:

»Kibritler onun itschün melik ol-sen – folglich besitzest Du Streichhölzer?«

»Bre kaw zabt etmez-sen – besitzest Du nicht Zunder?« erkundigte ich mich.

Der Mann hatte nämlich bei seiner Frage ein eigenthümlich pfiffiges oder vielmehr dummschlaues Gesicht gemacht. Zündhölzer sind in jener Gegend nicht überall gebräuchlich; man kann ganze Dörfer aussuchen, ohne ein einziges zu finden. Wer solche bei sich führt, der ist ein Mann, der sich Etwas bieten kann. Der Bäcker wollte nun jedenfalls sehen, ob ich zu diesen bevorzugten Leuten gehöre. Darum antwortete ich ihm in dieser Weise.

»Ich müßte wieder aufstehen,« sagte er. »Ich sehe es Dir an, daß Du Kibritler bei Dir hast.«

»Wie willst Du das sehen?«

»An Deiner ganzen Kleidung. Du bist reich.«

Wenn er gesagt hätte: >Du bist reinlicher als ich<, so hätte er Recht gehabt. Ich griff in die Tasche, zog ein Döschen Wachshölzer hervor und gab ihm eins derselben. Er betrachtete es ganz erstaunt und sagte:

»Das ist doch nicht odundan

»Nein. Ich mag keine, welche von Odun gemacht sind.«

»Das ist wohl gar Bal momu

»Ja; Du hast es errathen.«

»Und es ist ein Fitil darin?«

»Natürlich!«

»Müdschüpatly, tschok adschaib – wunderbar, höchst wunderbar! Ein jaghmumu zum Anbrennen des Tabaks! Das habe ich noch nicht gesehen. Willst Du mir nicht lieber das ganze Tschykymtschyk schenken?«

Man glaubt nicht, welchen Eindruck oft eine solche Kleinigkeit macht. Es ist dann wohlgethan, die Gelegenheit zu benützen; darum antwortete ich:

»Diese Zündkerzchen sind von großem Werth für mich. Vielleicht schenke ich sie Dir, wenn ich mit unserer Unterhaltung zufrieden bin.«

»So wollen wir beginnen. Vorher aber will ich mir die Pfeife anbrennen.«

Als das geschehen war, bemerkte ich, daß er gar nicht etwa eine schlechte Sorte Tabak rauchte. Vielleicht hatte er ihn in nicht ganz legaler Weise an sich gebracht.

»So, nun können wir sprechen,« meinte er. »Du wirst mir zunächst sagen, wer Du bist.«

»Natürlich; denn Du mußt doch wissen, mit wem Du redest. Aber – vielleicht ist es doch besser, wenn ich Dir meinen Namen erst später sage.«

»Warum denn?«

»Das Geschäft, welches ich mit Dir besprechen will, ist kein gewöhnliches. Es gehört Schlauheit und Verschwiegenheit dazu, und ich weiß noch nicht, ob Du diese beiden Gaben besitzest.«

»Ah, nun weiß ich, was Du bist!«

»Nun, was bin ich?«

»Du treibst verschwiegenen Handel.«

»Hm! Vielleicht hast Du nicht ganz falsch gerathen. Ich habe eine Waare zu verkaufen, welche sehr theuer ist und die ich dennoch sehr billig losschlagen werde.«

»Was ist es?«

»Teppiche!«

»Ah, Teppiche! Das ist eine gute Waare. Aber was sind es für Teppiche?«

»Ächte Smyrnaer Waare.«

»Allah! Wie viel?«

»Gegen Hundert.«

»Wie verkaufst Du sie?«

»Im Pausch und Bogen. Ich fordere Stück für Stück dreißig Piaster.«

Da nahm er die Pfeife aus dem Munde, legte sie neben sich auf den Boden, schlug die Hände zusammen und fragte:

»Dreißig Piaster? Wirklich dreißig?«

»Nicht mehr!«

»Ächte Smyrnaer Teppiche?«

»Gewiß!«

»Kann man sie einmal ansehen?«

»Natürlich muß sie der Käufer vorher sehen!«

»Wo hast Du sie?«

»Ah! Denkst Du wirklich, daß ich das sagen werde, ehe ich weiß, daß der Käufer ein sicherer Mann ist?«

»Du bist sehr vorsichtig. Sage mir wenigstens, ob der Ort, an welchem sie sich befinden, weit von hier ist.«

»Gar nicht weit.«

»Und sage mir ferner, wie es kommt, daß Du Dich grad an mich wendest.«

»Du bist ein berühmter Färber; Du bist also Kenner und wirst beurtheilen können, ob die Waare wirklich in der Farbe ächt ist.«

»Das ist wahr,« meinte er geschmeichelt.

»Darum komme ich zu Dir! Ich denke zwar nicht, daß Du die Teppiche kaufen wirst, aber ich habe gemeint, daß Du vielleicht einen Andern kennst, welcher bereit ist, einen so vortheilhaften Handel einzugehen.«

»Da hast Du freilich gar nicht unrecht vermuthet.«

»So kennst Du einen Käufer?«

»Ich kenne einen.«

»Der auch baar bezahlen kann?«

»Solche Geschäfte macht man meist auf Kredit.«

»Ich nicht. Gute Waare, billig, aber baares Geld. Dann sind Beide zufrieden, der Käufer wie der Verkäufer.«

»Nun, der Mann kann bezahlen.«

»Das ist mir lieb. Wer ist er?«

»Er ist ein Silahdschi.«

»O weh!«

»Wie so denn?«

»Ein Waffenschmied wird nicht eine so große Menge von Teppichen kaufen.«

»Der aber thut es. Er ist zugleich Kaffeewirth und versteht es, die Waare an den Mann zu bringen.«

»Wo wohnt er?«

»In Ismilan.«

»Das ist mir unangenehm, da es bis dahin so weit ist.«

»Das thut nichts. Er kommt heute oder morgen zu mir.«

»Bis morgen kann ich nicht warten.«

»Warum nicht?«

»Das kannst Du Dir doch denken!«

»Nein, gar nicht.«

»Wenn ich so teure Waare so billig verkaufe, muß es ja doch irgend eine Bewandtniß mit ihr haben.«

»Hm! Freilich wohl.«

»Ich muß sie schleunigst verkaufen, sonst kann sie mir sehr leicht verloren gehen.«

»Ist man Dir auf der Spur?«

Er kniff dabei die Augen zusammen, blinzelte mich bedeutungsvoll an und machte mit den Händen die Bewegung des Ergreifens, des Festhaltens, also des Arretirens.

»Nein, das nicht. Kein Mensch ahnt bis jetzt etwas von meinem Vorhaben; aber die Waare befindet sich an einem Ort, der höchst unsicher ist.«

»Schaffe sie fort!«

»Das mag der Käufer thun.«

»Ist denn der Mann, bei dem Du sie untergebracht hast, so unzuverlässig?«

»Ich habe sie bei keinem Manne.«

»Nicht? Wo sonst?«

»Im freien Felde.«

»Allah ist groß! Wie bist Du auf diesen Gedanken gekommen?«

»Nicht ich bin auf ihn gekommen, sondern Andere.«

»Aber Du hast Deine Erlaubniß dazu gegeben?«

»Auch nicht. Es würde mir niemals einfallen, einen solchen Werth so leichtsinnig aufzubewahren.«

»So begreife und verstehe ich Dich nicht.«

»Ich werde es Dir im Vertrauen erklären. Du machst auf mich den Eindruck eines Mannes, der keinen Andern verrathen wird.«

»Nein, niemals thue ich das!«

»Gut, gut; ich glaube es Dir. Du findest doch, daß dreißig Piaster sehr, sehr wenig ist?«

»Hm! Das kann ich jetzt noch nicht sagen; ich habe die Teppiche nicht gesehen.«

»Ich sage Dir, daß es wenig, sehr wenig ist. Kein Anderer verkauft so billig.«

»Du wirst sie noch billiger erhalten haben!«

»Natürlich! Das versteht sich von selbst.«

»Wie viel hast Du gegeben?«

»Höre, diese Frage ist keine sehr kluge. Kein Verkäufer wird Dir sagen, wie viel er in Wirklichkeit profitirt; aber, wie bereits bemerkt, mit Dir will ich aufrichtig sein.«

»Nun, wieviel profitirest Du?«

»Dreißig Piaster, nur dreißig Piaster.«

Er blickte mich ganz verständnißlos an und fragte:

»An dem ganzen Vorrathe?«

»Was denkst Du Dir! Ich werde doch nicht so dumm sein, mit einer so kleinen Summe fürlieb zu nehmen? Nein, an jedem einzelnen Teppich verdiene ich das.«

»Das ist doch gar nicht möglich!«

»Warum nicht?«

»Du verkaufst das Stück für dreißig Piaster und verdienst grad ebensoviel daran?«

»So ist es.«

»Dann müßte Dir Jemand die Waare geschenkt haben.«

»Das thut kein Mensch.«

»Dann reicht mein Verstand nicht aus!«

»Laß Dich das nicht anfechten; der meinige wird desto weiter reichen. Ich habe die Teppiche nicht gekauft und nicht geschenkt erhalten; ich habe sie gefunden.«

»Gefunden?« stieß er hervor.

»So ist es.«

»Wann?«

»Das ist nicht wesentlich.«

»Aber wo?«

»Hier ganz in der Nähe.«

Er erschrack auf das Heftigste. Er schluckte und schluckte; es kostete ihm sichtliche Anstrengung, zu fragen:

»Hier in der Nähe? Herr, ist's möglich?«

»Natürlich! Ich sage es ja!«

»Darf ich den Ort erfahren?«

»Kennst Du den Weg von hier nach Koschikawak?«

»Freilich kenne ich ihn!«

»Er führt an einem Gesträuch vorüber. Hat man dieses hinter sich und biegt ein wenig nach rechts ab, so gelangt man an eine Bodenvertiefung, welche ganz unzugänglich zu sein scheint, denn sie ist von einem sehr dichten Dorngestrüpp umgeben. Das ist der Ort. Da liegen die Teppiche.«

Sein Leib schien ganz erstarrt zu sein. Er machte keine Bewegung. Nur seine Brust arbeitete heftig. Der Athem wollte ihm versagen. Endlich erklang es fast röchelnd aus seinem Munde:

»Herr, das wäre wunderbar!«

»Ja, man sollte nicht denken, da auf freiem Felde einen Vorrath von theuren Teppichen zu finden. Aber es regnet ja hier so sehr selten. Grad jetzt ist die trockene Jahreszeit, und die Waare hat also vom Wetter gar nichts zu leiden.«

»Aber von den Menschen!«

»Wie so?«

»Sie kann so leicht entdeckt werden!«

»O nein. Ihr seid hier die reinen Kinder. Ihr thut heute nur das, was Ihr gestern und früher gethan habt. Ihr wollt heute nicht mehr wissen, als nur das, was Ihr bereits vorher gewußt habt. Die Vertiefung hat stets für unzugänglich gegolten, und so wird es auch wohl schwerlich irgend Einem einfallen, nachzusehen, ob sie es auch wirklich ist. Die Stacheln thun wehe.«

»Aber wie bist denn Du hingekommen?«

»Zu Pferde. Du weißt, daß man sein Thier nicht stets in der Gewalt hat. So ein Geschöpf geht einmal durch, und dabei gelangt man mitten in die Dornen hinein.«

»Lanetli! Lanetli wakaa – verflucht! Verfluchter Zufall!« rief er aus.

»Wie?« fragte ich im Tone der Verwunderung. »Du ergrimmst darüber, daß ich diese Entdeckung gemacht habe?«

»Nein, o nein! Ich dachte nur daran, wie unangenehm es für jenen Mann sein muß, dem die Sachen gehören.«

»Er hätte sie besser verstecken sollen!«

»Aber, Herr, wie kommst Du auf den Gedanken, nun die Teppiche zu verkaufen?«

»Ist das nicht das Vortheilhafteste, was ich thun kann?«

»Für Dich, ja; aber – gehören sie Dir?«

»Natürlich! Ich habe sie gefunden.«

»Das ist noch kein Grund, sie für Dein Eigenthum zu halten. Du mußt sie dem Besitzer lassen.«

»So mag er sich melden! Er wird sich hüten, das zu thun.«

»Er wird sie wegholen.«

»Er oder ein Anderer. Wie leicht kann ein Anderer dazukommen, der dann klüger ist, als ich! Nein, ich verkaufe sie.«

Er hatte sich von seinem Schreck erholt und gerieth allmählig in Aufregung.

»Ich rathe Dir, es nicht zu thun!« sagte er. »Der rechtmäßige Besitzer wird schon dafür sorgen, daß er sein Eigenthum nicht verliert. Du würdest ein Dieb sein, und wie ein solcher siehst Du mir nicht aus.«

»Nicht? Hm! Du magst Recht haben. Du hast dieses Wort grad noch im richtigen Augenblick ausgesprochen. Ein Dieb will ich allerdings nicht sein.«

»Du wirst also die Teppiche liegen lassen?«

»Ja.«

»Versprichst Du es mir?«

»Warum Dir? Gehören sie etwa Dir?«

»Nein; aber ich möchte nicht haben, daß Du Deine Seele mit einem Verbrechen belastest.«

»Du bist ein braver Mann; Du meinst es gut mit mir!«

»Ja. Also gib mir das Versprechen; gib mir Deine Hand darauf, daß Du Dich an den Teppichen nicht vergreifen willst!«

»Gut! Ich will Dir Deinen Willen thun. Hier ist meine Hand!«

Er drückte mir die Rechte, holte erleichtert Athem und sagte dann, nach seiner Pfeife greifend:

»Allah sei gelobt! Ich habe Dich vom Wege der Sünde weggerissen. Dabei ist mir der Tabak verlöscht. Gib mir noch eins von Deinen Wachszünderchen!«

»Hier hast Du! Es freut mich, daß Du mich auf dem Pfade der Tugend erhalten hast. Die Versuchung war groß. Wir wollen dafür sorgen, daß nicht vielleicht ein Anderer ihr erliege.«

»Wie willst Du das anfangen?«

»Ich werde den Fund zur Meldung bringen.«

»Allah 'l Allah! Bei wem?«

»Bei der Behörde.«

Er legte die in Brand gesetzte Pfeife schleunigst wieder weg, schüttelte abwehrend beide Hände und sagte:

»Das ist ja gar nicht nöthig, gar nicht!«

»O doch! Ich werde mich zum Kiaja begeben, der mag die Teppiche in Beschlag nehmen.«

»Was fällt Dir ein? Der Besitzer wird sie schon holen!«

»Das kann meinen Beschluß nicht ändern. Es ist meine Pflicht, die Meldung zu machen.«

»Ganz und gar nicht! Diese Sache geht Dich nichts an!«

»Sehr viel sogar. Wer ein Verbrechen entdeckt, der muß es zur Anzeige bringen.«

»Wie sollte es sich hier um ein Verbrechen handeln?«

»Ein ehrlicher Mann versteckt sein Eigenthum nicht im Felde; darauf kannst Du Dich verlassen. Und übrigens habe ich eine Ahnung, für wen die Teppiche bestimmt sind.«

»Du wirst Dich täuschen!«

»O nein; ich bin meiner Sache sehr gewiß.«

»Wer soll dieser Mann sein?«

»Derselbe, den Du mir vorhin als Käufer vorschlugst.«

»Du meinst den Waffenschmied?«

»Allerdings.«

»O, der hat mit dieser Angelegenheit gar nichts zu thun! Kennst Du ihn etwa?«

»Nein. Ich habe ihn noch nicht gesehen.«

»Wie kannst Du ihn in einen solchen Verdacht nehmen? Ich habe Dir nicht einmal seinen Namen genannt.«

»Den kenne ich. Er heißt Deselim.«

»Deselim? Den meine ich nicht. Ich kenne keinen Menschen, welcher diesen Namen führt.«

»So kennst Du auch wohl keinen, welcher Pimosa heißt?«

»Pimosa? O, den kenne ich!«

»Woher ist er?«

»Er ist ein Serbe aus Lopaticza am Ibar. Wo hast Du ihn kennen gelernt?«

»Das werde ich Dir später sagen. Besucht er Dich zuweilen?«

»Ja.«

»War er in der letzten Zeit bei Dir?«

»Nein.«

»Weißt Du, wo er gewesen ist?«

»Nein.«

»Hm! Bist Du nicht vor ganz kurzem in Mandra und Boldschibak gewesen?«

Jetzt zeigte sein Gesicht einen ganz andern Ausdruck als vorher. Es war die ausgesprochene Fuchsphysiognomie. Dieser dicke Kerl war ein gefährlicher Mensch. Es zuckte in seinem Auge verständnißvoll auf. Er sagte:

»Ich will Dir die Wahrheit gestehen: ich bin dort gewesen, und Pimosa auch.«

Der Blick, welchen er jetzt auf mich richtete, war triumphirend zu nennen. Ich aber legte ihm gleichmüthig die Hand auf die Achsel und sagte lachend:

»Boschak, das hast Du nicht schlecht gemacht, Du alter Kachpogly Du!«

»Nicht schlecht? Wie meinst Du das?«

»Nun, Du erräthst, daß ich mit Pimosa gesprochen habe, und zwar ganz kürzlich?«

»Das kann ich mir denken.«

»Dieses hast Du nun freilich nicht schlau angefangen. Du solltest es nicht eingestehen.«

»Die Wahrheit kann ich sagen!«

»Meinetwegen! Du erräthst ferner, daß mir Pimosa gesagt hat, er sei in Mandra und Boldschibak gewesen, und da trittst Du sofort als Zeuge auf. Wie aber nun, wenn ich Dir beweise, daß Du gar nicht von hier fortgekommen bist?«

»Das kannst Du nicht beweisen.«

»Ich brauche nur hier nachzufragen. Man wird Dich gesehen haben. Aber ich thue das nicht; ich gebe mir keine solche Mühe. Ich reite nach dem Dorfe Palatza; da werde ich wohl erfahren, wer dieser Pimosa eigentlich ist.«

Der Dicke schien unter der Farbe, die sein Gesicht bedeckte, zu erbleichen. Er sagte in möglichst zuversichtlichem Tone:

»Du wirst dort auch nichts Anderes erfahren, als das, was ich Dir gesagt habe.«

»O, der Roßhändler Mosklan wird mir jedenfalls bessere Auskunft ertheilen! Ich sehe ein, daß mein Besuch bei Dir zu Ende ist. Ich werde also zum Kiaja gehen.«

Ich stand auf. Er that dasselbe, und zwar so schnell, daß ich genau bemerkte, daß ihm die Angst die ungewöhnliche Beweglichkeit gab.

»Herr,« sagte er, »Du wirst nicht eher gehen, als bis wir einig geworden sind!«

»Einig? Worüber?«

»Über die Teppiche.«

»Und über den Schut, nicht wahr?«

»Allahy sewersin – um Gottes willen! Warum sprichst Du von dem Schut?«

»Warum erschrickst Du, wenn ich von ihm spreche? Warum sagst Du, daß wir wegen der Teppiche einig werden müssen? Gehören sie denn Dir?«

»Nein, nein!«

»Oder weißt Du vielleicht, wer sie versteckt hat?«

»Auch nicht.«

»So kannst Du vollständig beruhigt sein. Ich aber muß zum Kiaja, um ihn von meinem Funde zu benachrichtigen.«

»Du hast ja gar keinen Vortheil davon!«

»Man soll seine Pflicht ohne Eigennutz thun.«

Er befand sich in der größten Verlegenheit. Er hatte sich sogar vor die Thüre gestellt, um mich nicht hinaus zu lassen. Jetzt sagte er:

»Wer bist Du denn eigentlich, daß Du als Fremder hierher kommst und Dich um unsere Angelegenheiten kümmerst?«

»Kannst Du lesen?«

»Ja.«

»Nun, so will ich Dir Etwas zeigen.«

Ich zog mein Fol tezkeressi hervor, hielt ihm denselben entgegen, aber so, daß er nur das Siegel deutlich sehen konnte, und fragte:

»Kennst Du das?«

»Ja; es ist das Möhür des Großherrn.«

»Nun, so sage ich Dir, daß ich das Möhür besitze und den Agenten Pimosa gefangen genommen habe.«

»Herr! Effendi! Bist Du ein Polizist?« stieß er erschrocken hervor.

»Ich habe Dir nicht zu antworten. Aber ich werde auch Dich verhaften und ebenso Deselim aus Ismilan, sobald er hier ankommt.«

»Mich verhaften?«

»Du sagst es.«

»Warum denn?«

»Wegen der Teppiche und wegen verschiedener anderer Gründe.«

»Effendi, ich bin ein ehrlicher Mann!«

»Und doch belügst Du mich?«

»Ich habe die Wahrheit gesagt!«

»Das wagst Du wirklich zu behaupten? Du willst mit Eile in das Verderben gehen. Du sollst Deinen Willen haben. Man wird eine große Untersuchung gegen Dich einleiten; Du wirst verloren sein. Und doch wollte ich Dich retten. Ich kam zu Dir, um Dir im Vertrauen den Weg zu zeigen, welcher zur Rettung führt.«

Er hatte sich an die Scheidewand gelehnt und wußte nicht, was er sagen sollte.

»Du solltest Dich jetzt sehen können,« sagte ich. »Die Schuld und die Angst kann nicht anders aussehen, als grad so wie Du. Nimm Deinen Mantel wieder und folge mir zum Kiaja!«

Da erschienen seine Frau und seine Tochter. Sie hatten im Nebenzimmer gelauscht und Alles gehört. Beide erhoben ein lautes Klagen und warfen mir alles Mögliche vor. Der Bäcker verhielt sich ganz ruhig; er schien abzuwägen, wie er am besten handeln könne. Ich hörte die beiden Jammernden eine Weile an, dann beruhigte ich sie:

»Seid still! Ich habe ihn ja retten wollen; aber er hat nicht gewollt. Noch jetzt wäre ich bereit, von der Meldung und von der Anzeige abzusehen. Ihr seht jedoch, daß er kein Wort der Bitte spricht.«

Das brachte ihn zum Sprechen.

»Effendi,« sagte er, »was weißt Du von mir?«

»Alles! Die einzelnen Punkte brauche ich Dir nicht zu sagen; das ist Sache des Richters.«

»Und Du meinst, daß Du von der Anzeige absehen könntest?«

»Ja. Ich halte Dich für keinen Bösewicht. Ich halte Dich nur für den Verführten. Darum wünsche ich, mild gegen Dich verfahren zu dürfen.«

»Was müßte ich denn thun?«

»Dich von den Verführern lossagen.«

»Das will ich gern thun!«

»Das sagst Du jetzt; aber wenn ich fort bin, wirst Du Dein Versprechen nicht erfüllen.«

»Ich erfülle es. Ich kann es beschwören.«

»So verlange ich, daß Du dem Pferdehändler Mosklan die Freundschaft kündigst.«

»Ich werde es ihm sagen.«

»Gut! Du wolltest ihm Deine Tochter zum Weibe geben?«

»Ja.«

»Sie wird also ihren Bräutigam verlieren. Suche einen Andern für sie aus!«

Er horchte auf. Er blickte die beiden Frauen und dann mich forschend an und fragte dann:

»Ihr habt mit einander gesprochen, ehe ich kam?«

»Ja,« antwortete ich der Wahrheit gemäß.

»Meinst Du etwa, daß ich ihr den Sahaf Ali zum Manne geben soll?«

»Das möchte ich Dir allerdings rathen.«

»Wallahi! So habt Ihr von ihm gesprochen?«

»Ja, und ich habe auch bereits mit ihm selbst geredet. Er ist ein braver Mann; er ist kein Verbrecher, wie jener Mosklan. Er wird Deine Tochter glücklich machen. Ich habe keine Zeit, hier noch viele Worte zu machen. Ich will Dir also Folgendes sagen: Ich gehe jetzt für einige Minuten hinaus, und Du magst unterdessen mit Deinem Weibe und mit Deiner Tochter reden. Komme ich herein, und Du sagst mir, daß der Sahaf Dir willkommen sei, so reite ich sofort zu ihm, um ihn zu holen. Du magst ihm dann Deine Unterschrift geben, und es ist Alles gut. Weigerst Du Dich aber, so gehe ich zum Kiaja und nehme Dich gleich mit zu ihm.«

Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, und dennoch kam es mir vor, als ob er viel ruhiger sei, als vorher. Weib und Kind wollten mit Bitten auf ihn einstürmen; er aber wehrte ab und fragte mich:

»Du willst also den Sahaf holen?«

»Ja.«

»Du willst zu ihm nach Kabatsch reiten?«

»Natürlich, wenn ich ihn holen will!«

»Und wenn ich ihm dann meine Unterschrift gebe, wirst Du über Alles schweigen?«

»Wie das Grab!«

»Über den Schut und über den Pferdehändler?«

»Ja.«

»Auch von den Teppichen wirst Du nichts sagen?«

»Einem nur werde ich es sagen.«

»Wem?«

»Dem Sahaf. Der mag dann machen, was er will.«

»Er wird schweigen, wenn ich ihm meine Tochter gebe. Sage mir, wann Du nach Kabatsch reiten willst.«

»Sobald Du Dich entschieden hast. Ich habe keine Zeit zu versäumen. Also ich gebe Dir einige Minuten Frist. Überlege Dir die Angelegenheit!«

Ich ging hinaus zu meinem Pferde. Ich hatte beim Verlassen der Stube gehört, daß Mutter und Tochter sofort mit Bitten auf ihn eindrangen, und war meiner Sache gewiß. Es blieb ihm, meiner Ansicht nach, nichts übrig, als nachzugeben, und ich freute mich königlich darauf, dem Sahaf schon nach so kurzer Zeit eine so frohe Nachricht bringen zu können.

Zwar fragte ich mich, ob es nicht meine Pflicht sei, Anzeige zu machen; doch gab es auch gute Gründe, dies zu unterlassen. Ich war ja noch gar nicht überzeugt, ob die Teppiche auch wirklich Schmuggelgut seien. Sie wurden es vielleicht erst an der serbischen Grenze. Übrigens hielt ich den Sahaf für einen ehrlichen Menschen und dachte mir, daß er nach seinem Gewissen handeln werde, sobald ich ihm Alles mitgetheilt haben würde.

Ich ging eine kurze Strecke vom Hause fort. Es war mir, als ob ich einen Ruf vernommen hätte. Als ich mich umdrehte, sah ich, daß der Gehülfe nach einer der Fensteröffnungen ging; dort sprach der Bäcker mit ihm.

Was ging mich das an? Er hatte ihm wohl eine geschäftliche Weisung zu ertheilen. Einige Minuten später hörte ich Hufschlag. Ich sah keinen Reiter; es fiel mir gar nicht ein, Verdacht zu schöpfen. Leider aber war mir die Erfahrung vorbehalten, daß ich unvorsichtig gewesen sei. Der Bäcker hatte seinen Gehilfen fortgeschickt, um mir eine Falle zu stellen. Das Mädchen hatte den Kibitzmenschen schlau genannt. Er war es auch. Er war so vom Hause fortgeritten, daß dieses zwischen ihm und mir lag und ich seine Entfernung also gar nicht bemerken konnte.

Ich wartete ungefähr eine Viertelstunde, dann kehrte ich in die Stube zurück. Dort bat mich die Frau, ihrem Mann noch eine kleine Frist zu gestatten. Es sei ihm doch sehr schwer, einen Entschluß zu fassen, da er nicht wisse, wie er von Mosklan ohne Schaden loskommen könne.

Ich erfüllte ihr die Bitte und ging wieder hinaus. Dort wartete ich, bis ich gerufen wurde. Der Bäcker kam mir entgegen und sagte:

»Effendi, Du hast Recht; ich werde thun, was Du mir gerathen hast. Willst Du den Sahaf holen?«

»Ja; ich reite sogleich.«

»Und willst Du dann für heute und die nächsten Tage unser Gast sein?«

»Ich danke! Das ist unmöglich. Ich muß fort.«

»Wohin reitest Du?«

»Weit fort, nach dem Abendlande, wo meine Heimat ist.«

Daß ich dies sagte, war ein sehr großer Fehler, wie ich später erfahren sollte.

»So komme wenigstens jetzt in das Meharrem; dieses ist nur das Selamlük. Ich muß Dir Etwas zeigen.«

Er war so nachgiebig, und die beiden Frauen strahlten vor Glück. Ich konnte ihm die Bitte nicht abschlagen und trat mit ihnen in den zweiten Raum, welcher allerdings auch nicht viel anders ausgestattet war. Die Tochter entfernte sich auf einige Augenblicke und brachte einen Gegenstand, welcher in Werg eingeschlagen und mit Schnüren umwunden war.

»Rathe, was das ist, Effendi?« sagte er.

»Wer soll das rathen können? Sage es.«

Er entfernte das Werg. Es kam eine Flasche zum Vorschein.

»Das ist der Saft des Üzüm,« sagte er. »Darfst Du ihn trinken?«

»Ich darf; aber laß ihn in der Flasche. Erquickt Euch selbst damit.«

»Das ist uns verboten. Dieser Wein ist aus Junanistan. Ich erhielt ihn von einem Handelsmanne und habe ihn aufgehoben, bis einmal Jemand kommen werde, der ihn trinken darf.«

Ich blieb bei meiner Weigerung; das schien ihn zu kränken. Er besann sich eine Weile; dann sagte er:

»Wenn Du ihn verschmähst, will ich ihn nicht länger bei mir haben. Tschileka, wollen wir ihn dem armen, kranken Saban geben?«

Sie stimmte sofort bei und fragte ihn, ob sie nicht auch ein wenig Gebäck beifügen solle. Er erlaubte es ihr und wendete sich dann an mich:

»Aber, Effendi, wenn der Arme diese Gabe bekommen soll, mußt Du uns einen Gefallen thun!«

»Gern, wenn ich kann. Wer ist dieser Saban?«

»Er ist Zeit seines Lebens Süpürgedschi gewesen, jetzt aber gar ein Dilendschi geworden, da er krank ist und nicht mehr arbeiten kann. Er lebt von der Wohlthätigkeit derjenigen, welche Allah mit Nahrung gesegnet hat.«

»Ja, er ist ein Bettler und erhält von uns zuweilen eine Gabe,« wiederholte die Tochter. »Er wohnt in einer Hütte mitten im Walde, auf halbem Wege zwischen hier und Kabatsch.«

Schon die Wiederholung mußte mir auffallen, noch mehr aber der Ton, in welchem diese Worte gesprochen worden. Sie war dem Vater hastig in die Rede gefallen; ich merkte, daß sie meine Aufmerksamkeit auf sich lenken wollte. Sie stand seitwärts hinter dem Bäcker, und als ich nun zu ihr hinblickte, erhob sie warnend den Zeigefinger der rechten Hand, ohne daß ihr Vater es sah.

»Was ist es für ein Wald?« fragte ich in unbefangener Weise.

»Es sind lauter Mescheler und Kajyn aghadschyler,« antwortete der Bäcker. »Nur zuweilen befindet sich ein Tscham oder eine Selwi darunter. Soll ich Dir den Weg vielleicht genau beschreiben?«

»Ich bitte Dich darum.«

»Du reitest von hier aus nach Südwest, immer den Wagengleisen nach, welche Dich zur hohen Ebene führen. Dort gehen diese Gleise nach Süden ab, in der Richtung von Terzi Oren und Ireck; aber Du wirst Spuren finden, welche Dich rechts nach einem Bache bringen, welcher unterhalb Kabatsch in den Söüdlü fließt. Nicht weit von der Stelle, an welcher Du diesen Bach erreichst, befindet sich ein freier Platz, an dessen Rande die Hütte Saban's liegt.«

»Dort wohnt er allein?«

»Ja.«

Ein Bettler und so allein im Walde, das war auffallend. Dazu das Benehmen der Tochter. Ich hatte jedenfalls Veranlassung, sehr vorsichtig zu sein.

»Und Du meinst, daß ich ihn antreffen werde?« erkundigte ich mich.

»Ja. Er kann nicht ausgehen, wie ich gehört habe. Er soll krank sein. Deßhalb sende ich ihm die Gaben.«

»Und welchen Gefallen meintest Du vorhin, den ich Dir da thun soll?«

»Würdest Du diese Sachen mitnehmen, um sie ihm zu bringen?«

»Gern; packe sie mir ein!«

Er that dies. Unterdessen ging die Tochter hinaus und gab mir dabei einen verstohlenen Wink. Ich folgte ihr nach und traf sie hinter dem Hause.

»Du hast mir Etwas zu sagen?« fragte ich.

»Ja, Effendi. Ich warne Dich.«

»Vor wem und warum?«

»Dieser Bettler ist kein guter Mensch. Nimm Dich vor ihm in Acht.«

»Denkst Du, daß Dein Vater eine böse Absicht gegen mich hegt?«

»Ich weiß gar nichts. Ich muß nur sagen, daß ich den Bettler nicht liebe, weil er ein Feind des Sahaf ist.«

»Hm! Deine Mutter wollte mir Etwas für diesen Letzteren mitgeben. Dein Vater sollte nichts davon wissen.«

»Das hat sich erledigt, Effendi. Sie hat Dir nicht sofort sagen wollen, daß es eine Botschaft ist. Er sollte – –«

Sie stockte erröthend und blickte zu Boden.

»Nun, was sollte er denn, holde Ikbala?«

»Er sollte heut Abend – zur – – zur Mutter kommen.«

»Zur Mutter? Aber nicht in Eure Wohnung?«

»Nein, Effendi.«

»Wohin denn?« fragte ich in allerdings zudringlicher Weise mit dem größten Ernste.

»Er sollte draußen am Wasser warten.«

»So, so! Deine liebe Anaja pflegt also dem Sahaf zuweilen ein kleines Görüschme mülakat zu geben?«

»Ja,« antwortete sie so naiv ernst, daß ich nun doch lachen mußte.

»Und Du bist wohl die Beschützerin dieser schönen Zusammenkünfte?« fragte ich.

»O, Effendi, Du weißt wohl recht gut, daß er nicht zur Mutter kommt, sondern zu mir!«

»Ja, ich kann es mir wohl denken. Und da ich ihn heut zu Euch bringen will, so braucht Deine Mutter mir nun die Botschaft nicht zu geben, welche für ihn bestimmt war?«

»So ist es, Effendi. Dein Vorhaben ist so gut; es erfüllt mein Herz mit Freude. Allah gebe, daß es gelingt!«

»Es wird auch den Sahaf mit Freude erfüllen. Er hat Dich, als ich mit ihm sprach, die Schönste in Rumili genannt, und so – –«

»Ist das wahr?« fiel sie mir hastig ins Wort.

»Ja, so sagte er.«

»O, er ist ein großer Müdahnedschi und Ofurtmadschi

»Nein, er hat nicht übertrieben. Du bist noch süßer als der Most, welchen Du bereitest. Aber Du sagtest, Allah möge geben, daß mein Vorhaben gelinge. Kannst Du noch im Zweifel sein? Dein Vater hat doch seine Zustimmung gegeben!«

»Dir hat er sie gegeben; aber es kommt mir vor, daß er es nicht ernstlich meine. O, Effendi, ich ahne eine Gefahr. Beschütze meinen Sahaf!«

»Was könnte ihm denn drohen?«

»Ich weiß es nicht; aber Du und er, Ihr habt Euch sehr in Acht zu nehmen, und ich würde viele, viele Thränen vergießen, wenn ihm ein Leid geschähe.«

»Ihm! Um mich aber würdest Du wohl nichts vergießen?«

»Du bist ja fremd!«

Sie sagte das so aufrichtig, und das war so spassig, daß ich herzlich lachen mußte.

»Na,« erwiederte ich, »wenn Du nur um ihn weinst, so sage wenigstens Deiner Anajah, daß sie, falls uns ein Unglück geschieht, auch um mich zwei oder drei Damlalar vergießen möge. Jetzt aber gehe wieder hinein, damit Dein Vater nicht bemerkt, daß wir heimlich mit einander gesprochen haben. Auch ich traue ihm nicht.«

»Effendi, ich werde Dich von Weitem beschützen!«

Sie ging. Ihre Worte schienen mir ganz ohne Sinn zu sein, doch erfuhr ich später, daß es ihr doch möglich geworden war, dieses Versprechen zu halten.

Ich band mein Pferd los und wartete. Nach kurzer Zeit kam der Bäcker und brachte mir die für den Bettler bestimmten Gaben.

»Wo ist Dein Weib und Deine Tochter?« fragte ich so obenhin, ihn dabei aber verstohlen beobachtend. »Soll ich nicht von ihnen Abschied nehmen?«

»Du kommst ja wieder, Herr,« antwortete er.

Dabei glitt es so verschlagen und schadenfroh über sein fettes Antlitz, daß ich ihm sogleich die Hand auf die Achsel legte und im ernsten Tone sagte:

»Meinst Du, ich bemerke nicht, daß Deine Worte eine Istihza enthalten?«

Sofort nahm sein Gesicht den Ausdruck erstaunter Aufrichtigkeit an. Er blickte mich kopfschüttelnd an und sagte:

»Ich verstehe Dich nicht. Ich will doch nicht hoffen, daß Du mich für einen Kiazib hältst?«

»Hm! In meinem Heimatlande gibt es ein Sprichwort, welches sagt, daß man keinem Menschen trauen soll, der Jyrtmisch kulaklar besitzt.«

»Beziehst Du das auf mich?« fragte er im Tone des Gekränkten.

»Ich sehe, daß Du einen Jaryk an jedem Ohre hast.«

»Das ist kein Zeichen, daß ich Dich täusche. Früher waren meine Ohren unversehrt. Ich bin ein Bekenner des Propheten und schwöre Dir beim Barte Muhammed's, daß wir uns wiedersehen werden, wenn Du nicht selbst darauf verzichtest.«

»Ich verzichte nicht und hoffe, daß dieses Wiedersehen ein freundliches sein werde. Fände das Gegentheil Statt, so könnte Dir leicht Etwas passiren, was Dir nicht lieb ist.«

Ich hatte während dieses sehr freundschaftlichen Gespräches das von ihm empfangene Packet an dem Sattel befestigt, war aufgestiegen und ritt nun davon.


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