Karl May
In den Schluchten des Balkan
Karl May

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Alte Bekanntschaft

Es war eine dunkle Nacht, grad so finster wie die vorige. Nur wenige Sterne blinzelten matt am Firmament. Erst jetzt sah ich ein, daß es ein kühnes Unterfangen von mir war, in solcher Nacht in so unbekannter Gegend zu reiten, und zwar so schnell, wie es nöthig war, um den Bettler einzuholen oder gar ihm zuvor zu kommen.

Eine Viertelstunde lang ritten wir schweigend neben einander her. Ein Jeder gab seinen eigenen Gedanken im Stillen Audienz. Wir hatten keinen Weg, sondern das freie Feld unter uns. Rih machte sich nichts daraus; seine Augen waren selbst an solches Dunkel gewöhnt.

Jetzt fragte Schimin:

»Herr, erinnerst Du Dich unseres Gespräches, welches leider unterbrochen wurde, als dieser Mosklan kam? Wir saßen neben der Thüre meines Hauses.«

»Noch sehr genau.«

»Du wolltest mir beweisen, daß Ihr Christen besser seid, als ich dachte.«

»Es gibt gute und böse Menschen überall, also auch unter den Christen und unter den Moslemim. Nicht von den Christen wollte ich sprechen, sondern von dem Christenthum.«

»Du meinst, daß es besser sei, als unsere Lehre?«

»Ja.«

»Das zu beweisen, wird Dir schwer werden!«

»O nein. Nimm den Kuran und unser Tewrat her und vergleiche beide! Die herrlichsten Offenbarungen sind Eurem Propheten aus unserem Buch gekommen. Er hat geschöpft aus den Lehren des alten und neuen Testamentes und diese Lehren für die damaligen Verhältnisse seines Volkes und seines Landes verarbeitet. Diese Verhältnisse haben sich verändert. Der wilde Araber ist nicht mehr der einzige Bekenner des Islams; darum ist der Islam jetzt für Euch zum Teknef geworden, unter dessen Druck Ihr hülflos leidet. Unser Heiland brachte uns die Lehre der Liebe und der Versöhnung; sie ist nicht aus den Gewohnheiten eines kleinen Wüstenvolkes gefolgert; sie ist aus Gott geflossen, der die Liebe ist; sie ist ewig und allgegenwärtig; sie umfaßt alle Menschen und alle Erden und Sonnen; sie kann nie drücken, sondern nur beseligen. Sie streitet nicht mit dem Schwert, sondern mit der Gnade. Sie treibt die Völker nicht mit der Peitsche zusammen, sondern sie ruft sie mit der Stimme einer liebenden Mutter, welche ihre Kinder an ihrem Herzen vereinigen will.«

»Du sprichst von Liebe, und dennoch fehlt sie Euch!«

»Wirfst Du die ganze Ernte weg, weil einige Früchte vom Wurm zernagt sind?«

»Warum aber wächst grad bei uns nicht der Weizen des Christenthumes, sondern das Unkraut?«

»Ist es wirklich so? So schlimm? Nun, dann mußt Du wissen, daß das Unkraut am allerbesten auf schlechtem Boden gedeiht. Du gibst damit dem Islam ein schlechtes Zeugniß, denn er würde dieser schlechte Boden sein. Wir sind allein und wir haben Zeit. Soll ich Dir von Christus erzählen, von den Propheten, die ihn verkündigten und von den Wundern, die er verrichtete?«

»Erzähle! Beweise, daß er größer ist, als Muhammed! Dir kann ich zuhören, ohne mein Gewissen zu beschweren. Du bist kein Zahib kazamna gaïretli, der mich verführen will. Du kennst den Islam und das Christenthum; Du willst mich nicht verlocken, sondern wirst mir die Wahrheit sagen.«

»Von jetzt an wirst Du Menschen fangen!« An dieses Wort des Heilandes dachte ich, als ich jetzt zu erzählen begann. Der Schmied hatte Recht: ich meinte es ehrlich mit ihm. Er war eine Nathanaelseele; an ihm war kein Falsch. Er gehörte zu jenen einfachen Menschen, welche bei geringen Gaben nach der Wahrheit trachten, während geistig reich Begnadete ihre Kräfte an unfruchtbare Spitzfindigkeiten verschwenden.

Es war ein eigenthümlicher Ritt. Ich erzählend und er still zuhörend. Nur zuweilen warf er eine kurze Frage ein oder sprach ein Wort der Verwunderung aus. Wir ritten im schärfsten Trabe, und er hatte sehr zu thun, sich an meiner Seite zu halten. Dennoch achtete er mehr auf meine Worte als auf Pferd und Weg, und da kam es vor, daß er bei einem Stolpern oder bei einem unerwarteten Sprung seines Gaules den Bügel verlor und dabei ein Kraftwort ausrief, welches zu dem Inhalte meiner Erzählung keine ganz passende Interjektion bildete. Aber wir kamen körperlich schnell vorwärts und geistig oder vielmehr geistlich machten wir auch Fortschritte, wie ich bemerkte.

Es waren Stunden vergangen. Wir hatten einen ziemlich bedeutenden Berg erklommen – ohne Weg und bei dieser Finsterniß keine Leichtigkeit. Wir ritten drüben wieder hinab, durch lichten Wald und bei steilem Abfall. Darum ging es langsamer als bisher.

»Und glaubst Du, daß er wirklich auferstanden ist und aufgefahren gen Himmel?« fragte er.

»Ja, ganz gewiß!«

»Wie kann ein irdischer Leib in den Himmel kommen? Ist doch der Leib unseres Propheten auf der Erde geblieben!«

»Habe ich Dir nicht von dem Berg der Verklärung erzählt? Und sagt nicht Euer Prophet, daß Hazreti Yssa vor den Augen seiner Jünger aufgefahren sei?«

»Ja, es ist ein großes Wunder. Und er wird einst wiederkommen?«

»Um zu richten die Lebendigen und die Todten. Das sagt auch Muhammed. Er wird Seligkeit und Verdammniß geben. Ist er da nicht Gott? Muß er da nicht größer, herrlicher und mächtiger sein, als Muhammed, der nicht ein einziges Mal von sich sagt, daß er Richter sei?«

»Fast glaube ich es!«

»Fast? Nur fast? Christi Worte sind wahr, wie er selbst die Wahrheit ist. Er sagt von sich: >Benim war hepsi kuwwet gökda toprak üzerinde – ich besitze alle Macht im Himmel und auf der Erde!< Hat Euer Muhammed ein einziges Mal so gesprochen?«

»Nein, Effendi. Ich werde meiner Frau und meinen Freunden erzählen, was Du mir erzählt hast. Ich wollte, ich hätte Euer Kitab mukaddes; dann könnte ich lesen und lernen, und vielleicht käme dann jener Ruhul kuds, von dem Du erzähltest, auch über mich, wie über die Gemeinde zum ersten heiligen Idi chamsi. Wenn der Mensch dürstet, so soll man ihm Wasser geben. Auch die Seele hat ihren Durst. Ich habe ihn gefühlt und ich habe geglaubt, Wasser zu trinken, wenn ich meine Gebete sagte und die Moschee besuchte. Jetzt aber ist es mir, als hätte ich kein reines Wasser gehabt, denn Deine Worte sind klarer und erquickender als die Worte unseres Vorbeters. Ich bedaure, daß Du hier fremd bist, und daß ich Dich also niemals wiedersehen werde.«

»Ich werde bei Dir bleiben, zwar nicht mit dem Körper, aber meine Worte werden nicht von Dir weichen. Sie ruhen in Deinem Herzen, wie der Same in der Erde ruht, und werden keimen und treiben und Früchte bringen. Und weil ich Dich lieb gewonnen habe und Dir so viel Dank schuldig bin, will ich Dir ein Geschenk zurücklassen, welches Dich an diese Nacht erinnern soll, so oft Du es in die Hand nimmst. Du kannst ja lesen. Es ist ein Buch. Ich kaufte es in Scham scherif als ein Andenken an die Stadt der Gärten und der kühlenden Gewässer. Magst Du erquickende Wasser fließen hören und sie auch trinken, wenn Du es liesest! Hier ist es!«

Ich öffnete die Satteltasche, nahm das Buch heraus und gab es ihm.

»Was steht darin?« fragte er. »Ist es ein Märchenbuch?«

»Nein. Nicht ein Märchen wirst Du lesen, sondern die Wahrheit von Ewigkeit zu Ewigkeit. Deine Seele dürstet nach ihr, und Du sollst sie haben. Dieses Buch ist das Ahdi dschedid kitabi indschil, welches Alles enthält, was ich Dir erzählt habe, und noch weit mehr.«

Da stieß er einen lauten Ruf der Freude aus, ein helles Jauchzen, dem man anhörte, wie glücklich ihn die Gabe machte.

»Effendi,« sagte er, »dieses Geschenk ist so groß, daß ich es gar nicht annehmen kann!«

»Behalte es in Gottes Namen! Ich bin nicht reich. Das Buch kostet mich keine große Summe, aber es enthält den größten Reichthum, den die Erde bietet, nämlich den Weg zur Seligkeit. Der heilige Apostel sagt, man solle in dieser Schrift suchen und forschen, da sie das ewige Leben enthalte. Mögest Du Dir dieses Leben daraus erforschen! Das wünsche ich Dir von ganzem Herzen.«

Ich hatte wirklich Mühe, seinen Danksagungen ein Ende zu machen. Er hätte dieselben wohl noch länger fortgesetzt, wenn er nicht auch von anderer Seite darin gestört worden wäre.

Wir hatten die Ebene wieder erreicht und bemerkten, daß wir uns auf einem ziemlich gebahnten Pfade befanden, das heißt, was man dort gebahnt nennt.

»Dies ist der Weg von Usu-Dere nach Maden,« erklärte Schimin, indem er seine Dankesrede unterbrach.

Zu gleicher Zeit griff ich ihm in die Zügel.

»Halt! Horch! Es war mir, als hörte ich da vor uns ein Pferd schnauben.«

»Ich habe nichts gehört und vernehme auch jetzt noch nichts.«

»Der Boden ist weich und dämpft den Schall des Hufschlages. Aber mein Pferd legt die Ohren nach vorn und zieht die Luft prüfend durch die Nüstern. Das ist ein sicheres Zeichen, daß wir Jemand vor uns haben. Horch!«

»Ja, jetzt hörte ich es. Es trat ein Pferd auf einen Stein und rutschte von demselben ab. Wer mag so spät in dieser einsamen Gegend reiten?«

»Vielleicht ist's der Bettler.«

»Das ist sehr unwahrscheinlich.«

»Warum?«

»Dann müßte er sehr spät erst aufgebrochen sein.«

»Warum sollte sich dies nicht denken lassen?«

»Er will doch vor Dir ankommen!«

»Nun, er hat sich gesagt, daß ich jedenfalls erst am Morgen aufbrechen werde, und so hat er keine Eile gehabt. Können wir ihn hier umreiten, so daß er gar nicht merkt, daß ich schon vor ihm bin?«

»Ganz gut; aber das rathe ich Dir nicht.«

»Freilich wohl! Wenn wir einen Bogen reiten, so daß wir ihn dann hinter uns haben, wissen wir ja gar nicht, ob er es auch wirklich ist.«

»Darum müssen wir hin zu ihm.«

»Aber was thue ich mit ihm? Kann ich ihn hindern, seinen Weg fortzusetzen? Doch nur mit Gewalt. Ich möchte doch nicht etwa Blut vergießen!«

»Das ist nicht nöthig, Herr. Überlasse ihn mir.«

»In welcher Weise?«

»Du zwingst ihn, umzukehren, und ich thue dasselbe. Ich bleibe ihm zur Seite und nehme ihn mit nach Koschikawak. Er soll mir nicht entkommen.«

»Wenn er Dich nun nach dem Recht fragt, welches Du Dir über ihn anmaßest?«

»Habe ich es etwa nicht? Hat er Dich nicht ermorden wollen, Effendi?«

»Das mag allerdings einen Grund abgeben. Aber Du wirst in ihm einen Feind bekommen, welcher bestrebt sein wird, sich an Dir zu rächen.«

»Ich fürchte ihn nicht. Er ist bereits mein Feind. Er ist der Feind aller ehrlichen Leute. Du mußt mir erlauben, Dir gefällig zu sein, und brauchst Dir dabei keine Sorge um mich zu machen. Ist er es wirklich, so nehmen wir ihn fest und sagen uns lebewohl, ohne daß er zu hören braucht, wohin Du reitest.«

»Wie ist der Weg von hier bis Maden?«

»Du bleibst immer auf diesem Pfade und bist in einer halben Stunde dort. Von hier aus kannst Du gar nicht irren. Ich wollte noch wegen der Koptscha mit Dir sprechen; aber Dein kleiner Hadschi hat eine, und Du hast diejenige des Ismilaners genommen. Diese Beiden genügen. Jetzt komm, Effendi.«

Er setzte sein Pferd wieder in Gang, zum Zeichen, daß er keinen Einwand von mir hören wolle. Mir konnte dies recht sein, da auf die gedachte Weise der Bettler ganz ohne Schaden für mich verhindert wurde, seine Botschaft auszurichten.

Es dauerte gar nicht lange, so waren wir dem nächtlichen Reiter so nahe gekommen, daß er uns hören mußte. Wir bemerkten, daß er schneller zu reiten begann, damit wir ihn nicht einholen sollten.

»Immer rasch nach!« sagte der Schmied. »Saban ist kein guter Reiter. Wir holen ihn leicht ein, wenn er es wirklich ist und kein Anderer.«

»Wenn er aber vom Wege weicht?«

»Er wird sich hüten. Das wagt hier Niemand in so finsterer Nacht. Auch ich würde es unterlassen haben, wenn es sich nicht darum gehandelt hätte, Dich zu begleiten.«

Er hatte richtig vermuthet. Der Reiter merkte, daß wir schneller waren, als er. Von dem Wege getraute er sich nicht abzuweichen, und so hielt er es für das Beste, anzuhalten und uns zu erwarten.

Der Schmied ritt voran, und ich hielt mich so weit hinter ihm, daß meine Gestalt nicht sogleich zu erkennen war. Der Reiter war ein wenig zur Seite gewichen, um uns vorüber zu lassen. Aber der Schmied hielt bei ihm an und grüßte:

»Sabahiniz chahir ola – guten Morgen!«

»Sabahiniz,« antwortete der Andere kurz.

»Nereden gelir my sin – woher kommst Du?«

»Deridereden – aus Deridere.«

Das war eine Lüge, denn ich erkannte an der Stimme den Mann. Es war der Bettler.

»Nereje gidejorsun – wohin gehst Du?«

»Her jerde hitsch bir jerde – überall und nirgendshin.«

Das klang sehr trotzig; er kam aber damit nicht aus, denn der Schmied sagte in einem Tone, welcher seinen Entschluß, sich nicht abweisen zu lassen, deutlich verrieth:

»Du wirst es mir wohl sagen müssen!«

»Müssen?«

»Ja. Kennst Du mich?«

»Kennst Du mich etwa?«

»Du bist Saban, der Bettler.«

»Ah, und Du?«

»Die Nacht ist so schwarz wie Deine Seele. Du kannst mein Gesicht nicht erkennen. Ich bin Schimin, der Schmied aus Koschikawak.«

»Darum kam Deine Stimme mir so bekannt vor! Reite weiter! Ich habe nichts mit Dir zu schaffen!«

»Aber ich mit Dir. Kennst Du den Mann, welcher hier bei mir ist?«

»Nein. Packt Euch fort!«

»Das werde ich thun, vorher aber ein Wort mit Dir sprechen, Saban!«

Bei diesen Worten näherte ich mich ihm und trieb mein Pferd so neben das seinige, daß er mich erkennen konnte. Wir hielten so bei einander, daß sich der Kopf des einen Pferdes bei dem Schweife des anderen befand.

»Bei allen Teufeln! Der Fremde!« rief er aus.

»Ja, der Fremde! Nun glaubst Du wohl, daß ich mit Dir zu sprechen habe?«

»Aber ich nicht mit Dir!«

Ich bemerkte, daß er mit der Hand nach dem Gürtel griff. Es war so dunkel, daß ich nicht erkennen konnte, was er dort suchte. Ich nahm meinen Stutzen in der Mitte, so daß ich den Kolben vor mir auf dem Halse des Pferdes liegen hatte, zum Hiebe von links nach rechts bereit.

»Also sag', wo willst Du hin?« fragte ich, ihn scharf im Auge behaltend.

»Was geht das Dich an, Mörder?« antwortete er.

»Mörder?«

»Ja. Wer hat Deinetwegen den Hals gebrochen, und wem hast Du das Gesicht zerschlagen?«

»Und wen habt Ihr in Deine Hütte gelockt, um ihn zu erschlagen? Ich weiß, wohin Du willst; aber Du wirst die Güte haben, umzukehren.«

»Wer will mich zwingen?«

»Ich. Steige ab!«

»Oho! Willst Du auch mich morden? Da werde ich mich vertheidigen. Fahre zur Hölle!«

Er erhob den Arm gegen mich. Ich schlug augenblicklich zu, und zu gleicher Zeit drückte er ab. Der Schuß blitzte auf – die Kugel traf nicht, weil mein Hieb seinen Arm abgelenkt hatte. Und er hatte denselben noch nicht gesenkt, so drängte ich mein Pferd um einen Schritt vorwärts und stieß ihm den Kolben von unten herauf in die Achselhöhle, so daß er bügellos wurde und auf der andern Seite vom Pferde stürzte.

Ich wollte schnell vom Pferde herab, hatte jedoch den Erdboden noch nicht erreicht, so hörte ich den Schmied rufen:

»Halt, Kerl, bleib; sonst reite ich Dich nieder!«

Ich wollte um das stehen gebliebene Pferd des Bettlers hinumspringen – da sah ich einen zweiten Schuß blitzen; das Pferd des Schmiedes machte darauf einen Satz nach vorn, und der Schmied war blitzschnell aus dem Sattel.

War er getroffen worden? Ich schnellte mich hinzu. Zwei Menschen lagen am Boden: der Eine auf dem Andern. Es war so dunkel, daß ich sie, so nahe an der Erde, gar nicht unterscheiden konnte. Ich packte den Obenliegenden beim Arm.

»Halt, Effendi,« sagte er. »Ich bin es!«

»Ah, Du, Schimin! Hat er Dich getroffen?«

»Nein. Ich sah, daß er davon springen wollte, und verbot es ihm; da schoß er, und ich ritt ihn nieder. Er wehrte sich, aber nur mit einem Arm. Der Huf meines Pferdes wird ihn an dem anderen getroffen haben.«

»Nein. Das bin ich mit dem Gewehrkolben gewesen.«

»Er beißt. Der Kerl ist wie ein Marder. Ich werde ihm den Mund stopfen müssen!«

Ich konnte nicht sehen, was er machte; aber nach einigen Augenblicken, während welcher ich ein gurgelndes Röcheln gehört hatte, richtete er sich empor und sagte:

»So, jetzt ist er still.«

»Was hast Du gemacht? Ihn doch nicht ermordet?«

»Nein. Fühle her, wie er noch zappelt. Ich habe ihm nur das Bojunbag ein wenig zusammengedreht.«

»So wollen wir ihm die Arme binden.«

»Aber womit?«

»Mit dem Gürtel.«

»Ja. Ah, er hat ein Prostela bachy und auch ein Tiranti. Das reicht sogar aus, ihn auch auf das Pferd zu binden.«

Ich half dem Schmied. Er hatte Saban beinahe erwürgt. Ehe dieser wieder gut zu Athem kam, saß er bereits auf dem Pferde. Die Gürtelschnur hielt ihn auf demselben fest, da sie von dem einen Fuße unter dem Bauche des Pferdes weg nach dem andern ging. Die Arme waren ihm mit dem Hosenträger festgebunden. Es stellte sich heraus, daß er zwei Pistolen gehabt hatte: – das eine hatte ich ihm aus der Hand geschlagen, und das andere war ihm entfallen, als ihn Schimin's Pferd niedergerissen hatte. Sie waren nur einläufig und beide abgeschossen, ohne daß, glücklicher Weise, eine Kugel getroffen hatte.

Jetzt begann er zu schimpfen. Er verlangte, freigelassen zu werden, und drohte mit der Obrigkeit. Der Schmied lachte ihn aus und sagte:

»Was Du vorher gethan hast, soll mich gar nichts angehen; aber Du hast mich erschießen wollen, und so nehme ich Dich mit mir, um Dir zu beweisen, daß nur Du allein es bist, der sich vor der Obrigkeit zu fürchten hat. Vielleicht verzeihe ich Dir, wenn Du Dich unterwegs gut beträgst. Schimpfest Du aber in dieser Weise weiter, so hast Du nichts Gutes zu erwarten.«

»Ihr habt mich aufgehalten; ich habe mich nur vertheidigt. Ich muß weiter reiten.«

»Ja, überall und nirgends hin! Dazu ist später auch noch Zeit. Und nun schweig'! Wir können dann auch mit einander reden, wenn ich von diesem Effendi Abschied genommen habe.«

Der Bettler verhielt sich nun wirklich still. Vielleicht dachte er, aus unseren Reden noch Etwas für sich erfahren zu können. Aber Schimin war klug. Er führte ihn irre, indem er zu mir sagte:

»Also, Effendi, von jetzt an wirst Du den Weg ganz gut allein finden. Reite zurück und erwarte uns. Ich aber schlage den Weg nach Göldschik ein, da es jedenfalls nicht leicht sein wird, mit diesem Manne auszukommen. Du kannst den Deinigen sagen, daß wir ihn haben, damit sie nicht unnöthiger Weise suchen. Wir sehen uns bei mir wieder.«

Während dieser Worte war er aufgestiegen. Er ergriff den Zügel auch des anderen Pferdes und ritt querfeldein davon. Ich hörte noch einige Zeit lang die laute, scheltende Stimme des Bettlers; dann war es ruhig.

Ich konnte nicht glauben, daß Saban die Worte Schimin's für wahr halten werde; aber ich war ihn los. Das war für mich die Hauptsache. Zugleich hatte mir der Schmied den Abschied erspart, und Abschied nehmen ist niemals etwas Angenehmes, außer man trennt sich von Menschen, für welche man keine Sympathie besitzt.

Ich folgte nun der Richtung, welche wir bisher inne gehalten hatten, und erreichte Maden in der mir von Schimin angegebenen Zeit.

Eben begann der Tag zu grauen. Ich überlegte. Ich hatte gar nicht nöthig, nach Palatza zu reiten, um mich über etwaige Verwandte des verwundeten Mosklan zu erkundigen. Der Bote, welchen dieser an sie gesandt hatte, war ja zur Umkehr gezwungen worden und befand sich in der Obhut des wackeren Schmiedes. Also erfuhr man auch in Ismilan heute noch nichts von dem Tode Deselim's. Warum also mein Pferd anstrengen nach zwei so schlimmen nächtlichen Ritten? Ich beschloß, nach Topoklu zu reiten und dort Halef mit den beiden Anderen zu erwarten.

In Maden schliefen die Leute noch. Ich wußte, daß Topoklu davon in ungefähr nördlicher Richtung liegt, und ritt also weiter. Der Weg führte an einem Wasser entlang, von welchem ich annehmen konnte, daß es sich in der Nähe von Topoklu in die Arda ergießen werde. Ich konnte also nicht irren.

Nach einiger Zeit gelangte ich in ein Dorf, in welchem es ein Han gab. Hier war man bereits wach, und ich beschloß, meinem Rappen einige Ruhe zu gönnen. Der Han lag abseit des Weges, von einem tiefen Morast umgeben. Über denselben war ein dicker, knorriger Eichenstamm gelegt, rund und unbehauen. Dann kam ein tiefes, breites Loch, in welchem sich einige Schweine wälzten, und aus diesem Loch gelangte man direkt in ein breites Thor. Was hinter diesem Thore war, konnte ich wegen der hohen Lehmwand, die einen Hof zu umfassen schien, nicht sehen.

Eigentlich hätte man ein Eichkätzchen sein müssen, um über den Stamm hinüber zu kommen; doch gelang meinem Rih das Wagniß ziemlich gut. Jetzt hielt ich vor dem Loch mit den Schweinen. Rih schnellte darüber hinweg und zum Thore hinein. Ich wurde von einem vielstimmigen Schreckensrufe empfangen und riß einen Mann um, welcher grad in diesem Augenblick am Eingang hatte vorübergehen wollen.

Ich befand mich auf einem ziemlich großen Hof, der eine einzige Düngerstätte zu sein schien. In einer Ecke desselben standen die Leute, welche geschrieen hatten. Zwei Kerle schienen ein ziemlich altes Mädchen festzuhalten. Sie waren augenscheinlich soeben im Begriff gewesen, jene Person an eine Leiter zu binden, welche dort angelehnt stand. Ein hochgebauter Mann, der eine Peitsche in der Hand hatte, kam in selbstbewußter Haltung auf mich zu. Seine breite Brust, sein lang gezogenes Gesicht mit einer fürchterlichen Habichtsnase ließen schließen, daß er ein Armenier sei.

»Bist Du blind?« fuhr er mich an. »Kannst Du Dich nicht in Acht nehmen, wenn Du durch das Thor reitest?«

»Schaff' den Dreck da draußen fort, und mach' die Löcher zu, dann kann man zu Dir kommen, ohne sich oder Anderen die Hälse zu brechen!«

»Was! Du willst grob mit mir sein?«

»Bist Du etwa höflich?«

»Soll ich Dich umarmen und küssen, wenn Du mir meinen Knecht fast zu Tode reitest?«

»Zu Tode? Dort steht er und putzt sich den Dünger aus den Haaren. Bei Dir fällt man so weich, daß es eine wahre Lust ist, umgeritten zu werden. Bist Du der Handschi

»Ja. Und wer bist Du?«

»Ein Fremder.«

»Das sehe ich. Hast Du einen Paß?«

»Ja.«

»Zeige ihn her!«

»Wasche Dir erst die Finger, sonst wird er schmutzig. Was hast Du zu trinken?«

»Ga-urtSaure Milch

»Danke! Hast Du sonst nichts?«

»RakiZwetschgenbranntwein

»Und Futter für das Pferd?«

»Gestoßenen Mais.«

»Schön! Laß ihm geben, so viel es frißt. Mir aber gib ein Glas Raki.«

»Ich habe keine Gläser. Du wirst einen Topf bekommen. Gehe hinein in die Stube.«

Der Mann war sehr kurz angebunden. Ich band mein Pferd an einen Pfahl und trat dann in die Stube. Diese war ein schmutziges Loch mit einer rohen Bank und einem eben solchen Tisch. Mehrere umherstehende kleinere Holzgestelle von ganz absonderlicher Form gaben mir zu denken. Sie bestanden aus einem dreieckigen Lattenrahmen und hatten drei Beine. Mein bewundernswerther Scharfsinn ließ mich errathen, daß es Sessel seien.

Eine Frau saß da und rührte in einem großen hölzernen Kübel herum, in welchem sich saure Milch befand. Das Instrument, dessen sie sich bediente, war nicht etwa ein Löffel oder Quirl, sondern die Hälfte eines Stiefelknechtes, welcher seiner Länge nach auseinandergebrochen war. Daß ich mich nicht irrte, bewies die andere Hälfte dieses nützlichen Hausgeräthes, welche daneben lag. Diese Frau hatte jedenfalls den ersten nächstliegenden Gegenstand ergriffen, um die Milch zu rühren. Wäre der halbe Stiefelknecht nicht dagelegen, so hätte sie, glaube ich, einen ihrer Pantoffel ausgezogen, um sich desselben zu dem angegebenen Zweck zu bedienen.

Ich grüßte. Sie glotzte mich mit großen, dummen Augen an und antwortete nicht. Der Mann war auch eingetreten. Er nahm einen kleinen Topf von einem Nagel herab und goß aus einem Krug einige Tropfen einer Flüssigkeit ein, welche er mir als Raki vorsetzte.

»Ist das wirklich Raki?« fragte ich, an dem Topf riechend.

»Ja.«

»So! Hast Du sonst nichts?«

»Nein. Er ist Dir wohl nicht gut genug?«

»Er ist schlecht.«

»So packe Dich fort, wenn es Dir bei mir nicht schmeckt! Ich habe es Dir nicht befohlen, hier einzukehren. Bist Du etwa ein Pascha, daß Du solche Ansprüche machst?«

»Nein. Wieviel kostet dieser Raki?«

»Zwei Piaster.«

Ich verkostete den Trank. Der Topf hatte einen Kubikinhalt von mehr als einem halben Liter. Raki enthielt er vielleicht zwei Fingerhüte voll. Dazu klebte an dem Rande eine Art Pech, welches gewiß aus dem Schmutz bestand, welchen die Schnurrbärte von einigen Tausenden von Trinkern daran abgesetzt hatten. Der Raki war der allerniederträchtigste Fusel, den ich je gerochen und geschmeckt hatte. Und zwei Piaster sollte er kosten! Achtunddreißig bis vierzig Pfennige! Das war der reine Schwindel in diesem Lande der Zwetschgenbäume! Doch enthielt ich mich jetzt noch einer Bemerkung.

»Nun, schmeckt er?« fragte der Mann.

»Ja – und wie!«

Er verstand mich falsch und sagte:

»Wenn Du mehr willst, so sage es der Frau. Sie wird Dir geben. Ich habe keine Zeit. Ich muß hinaus, um eine Züchtigung vorzunehmen.«

Er ging, und ich betrachtete mir nun die Stube näher. Einige elende Bilder, welche einfach an die Wand geklebt waren, bestätigten, daß ich mich bei einem armenischen Christen befand. Das war jedenfalls einer von jenen Christen, welche der gute Schimin >Unkraut< genannt hatte. Sie sind es leider, nach denen in jenen Gegenden von Andersgläubigen das Christenthum beurtheilt wird. Kann man sich da wundern, wenn man, falls von einem Christen die Rede ist, allüberall die stehenden, verächtlichen arabischen Worte hört: »Hascha naßrani – Gott bewahre, ein Christ«?

Die Frau rührte noch immer. Ihre Unterlippe hing weit herab, und davon tropfte es in den Milchkübel hinein. Ich wendete mich ab und blickte zu einem der Löcher hinaus, welche hier Fenster genannt werden. Draußen begann die Sonne ihr wärmendes Tagewerk. Hier innen aber war es dunkel und räucherig. Ich dachte an den persischen Dichter Hafiz:

»Wenn Deiner Locken Wohlgerüche
Um's Grab mir wehen einst,
So blühen viele tausend Blumen
Aus meinem Hügel auf.«

Ob wohl jenes weibliche Wesen, auf welches er diese Worte dichtete, eine Ähnlichkeit mit der sauren Milchküblerin vor mir gehabt haben mag? Und Wohlgerüche! Brrr!

Ich stand auf, um hinauszugehen und frische Luft zu schöpfen, so frisch sie eben da draußen im Hofe zu finden war. Meines Bleibens konnte hier nicht lange sein. Das stand so fest wie eine californische Balsamfichte.

Eben that ich den ersten Schritt zur Stube hinaus, da ertönte draußen ein schriller, lang gezogener Schrei. Im Nu war ich vor der Hausthüre. Ein zweiter, ebenso gräßlicher Schrei, und ich sprang über den Hof hinüber nach der Ecke, in welcher man wirklich jene weibliche Person an die Leiter befestigt hatte.

Sie trug nur den Rock. Mit der vorderen Seite ihres Körpers an der Leiter, bot sie den bloßen Rücken der Peitsche dar, welche einer der Kerle zum dritten Hiebe schwang. Ehe er schlagen konnte, hatte ich sie ihm aus der Faust gerissen.

Der Rücken der Gezüchtigten zeigte zwei breite, blutige Striemen, die sicherlich bald aufspringen mußten. Der Handschi stand dabei mit der Miene eines Gesetzgebers, der sich an dem Gehorsam weidet, welchen seine Befehle finden. Er trat auf mich zu und streckte die Hand nach der Peitsche aus, indem er mich anschrie:

»Mensch, was fällt Dir ein? Die Peitsche her! Sie gehört mir, nicht aber Dir!«

Ich befand mich im höchsten Zorn über diese schandbare Art, ein Frauenzimmer zu züchtigen. Sie mochte meinetwegen gethan haben, was sie wollte; so aber sollte sie in meiner Gegenwart nicht geschlagen werden. Ich fühlte, daß mein Gesicht glühend roth war.

Mit erhobener Stimme fragte ich den Wirth:

»Was hat dieses Mädchen gethan?«

»Das geht Dich nichts an!« erwiederte er trotzig.

»Oho! Ist sie Deine Tochter?«

»Was hast Du zu fragen? Her mit der Peitsche, sonst bekommst Du sie selbst!«

»Was? Mir das, Bursche? Mir die Peitsche? Da – meine Antwort!«

Ich zog sie ihm über den Rücken herüber, daß er sich augenblicklich zusammenkrümmte; aber er warf sich mir auch sofort entgegen, und zwar mit solcher Kraft, daß er zu Boden flog, weil ich rasch zur Seite wich.

»Nicht anrühren, sonst bekommst Du die Peitsche in's Gesicht!« drohte ich.

Er sprang trotzdem, als er sich aufgerafft hatte, wieder auf mich los. Ich wich nicht wieder zurück, sondern ich erhob den rechten Fuß und empfing ihn mit einem Tritt in die Magengegend. Dabei muß man sehr fest stehen, nach vorn gebeugt, sonst stürzt man selbst hin. Er flog wieder in den Schmutz des Hofes, hatte aber nun genug, denn er konnte nur mit Mühe aufstehen. Er wollte reden, brachte aber nur ein haschendes Wimmern hervor und hinkte nach der Stube, ohne mir auch nur einen einzigen Blick zuzuwerfen.

Das war für mich genug. Das war schlimmer, als wenn er die fürchterlichsten Drohungen gegen mich ausgesprochen hätte. Ich ging zu meinem Rappen, nahm den Stutzen und kehrte dann zur Leiter zurück. Dort sah ich zunächst, ob mich ein Schuß aus irgend einem der Fenster treffen könnte. Das war nicht möglich. Nun stellte ich mich so, daß ich stets einen der Männer zwischen mir und der Thüre hatte.

»Bindet sie los!« befahl ich den Knechten.

Es hatte mich schon gewundert, daß sie keine Hand gerührt hatten, um ihrem Herrn zu helfen. Sie gehorchten sofort.

»Zieht sie an!«

Die Gezüchtigte konnte die Arme kaum bewegen, so fest waren sie ihr angebunden gewesen, und so sehr schmerzten die Schwielen auf ihrem Rücken.

»Warum wurde sie geschlagen?« fragte ich.

Es standen drei Frauenzimmer und vier Mannspersonen da, immer Einer roher aussehend als der Andere.

»Der Herr hat es befohlen,« antwortete Einer.

»Warum?«

»Weil sie gescherzt hat.«

»Mit wem?«

»Mit dem Fremden.«

»Ist sie verwandt mit dem Herrn?«

»Nein; sie ist Magd.«

»Woher?«

»Aus einem Dorfe in der Nähe.«

»Hat sie Verwandte?«

»Eine Mutter.«

»Und er wagt es, sie schlagen zu lassen, nur weil sie mit einem Fremden freundlich war?«

Dieses Thema, an jedem andern Orte zart, hatte hier gar nichts Mimosenhaftes an sich. Das Mädchen hatte sich übrigens augenblicklich hinter eine nahe Thüre zurückgezogen.

»Ja, sonst hat sie nichts gethan,« antwortete der Betreffende. »Der Herr ist sehr streng, und heute früh schon war er ungewöhnlich wild.«

In diesem Augenblick kam der Genannte wieder auf den Hof. Er hatte eine lange türkische Flinte in den Händen. Er schien sich von meinem Fußtritt leidlich erholt zu haben. Er konnte wieder reden, denn er schrie mir schon von Weitem mit gellender Stimme zu:

»Hundesohn, jetzt werden wir abrechnen!«

Er legte das Gewehr an und zielte auf mich. Seine Frau war hinter ihm aus dem Hause gekommen. Sie schrie vor Angst laut auf und griff nach der Flinte.

»Was willst Du thun?« jammerte sie. »Du wirst ihn doch nicht ermorden wollen?«

»Schweig! Packe Dich fort!« antwortete er und gab ihr einen solchen Stoß, daß sie zur Erde fiel.

Der Lauf seines Gewehres war dadurch aus der Richtung gekommen. Auch ich legte an und zielte so genau, als es bei der jetzt nothwendigen Schnelligkeit möglich war. Ich wollte ihn ja nicht verwunden, obgleich ich sehen mußte, daß es sein fester Wille war, mir eine Kugel zu geben. Mein Schuß krachte eher als der seinige. Er stieß einen Schrei aus und ließ das Gewehr fallen. Ich hatte gut gezielt, wie sich dann herausstellte. Die Kugel hatte, hart unter seiner Nase anprallend, das Flintenschloß getroffen. Ihm selbst war weiter nichts geschehen, als daß der Kolben ihm einen tüchtigen Schlag in's Gesicht versetzt hatte, und daß die Hände ihm von dem Pralle schmerzten. Er schleuderte sie fluchend hin und her und brüllte:

»Habt Ihr gesehen, daß er auf mich geschossen hat? Er ist ein Mörder. Faßt ihn, ergreift ihn, nehmt ihn gefangen!«

Er raffte das demolirte Gewehr von der Erde auf und sprang, zum Schlage ausholend, auf mich los.

»Zurück!« warnte ich ihn. »Sonst schieße ich wieder!«

»Zweimal schießen? Versuche es doch!« höhnte er.

Seine Flinte war nur einläufig. Er hätte allerdings keinen zweiten Schuß abgeben können, und er meinte, ich befände mich in derselben Lage. Ich drückte abermals ab, auf den Lauf seiner Flinte zielend, und wieder wurde sie ihm aus der Hand geschleudert. Ich gab gleich noch zwei weitere Schüsse ab, natürlich in die Luft. Er hatte wieder einen Fluch auf den Lippen gehabt, brachte ihn aber nicht hervor. Ganz entsetzt, stand er offenen Mundes da.

»Bir tifenk schejtani – eine Teufelsflinte!« stieß er endlich hervor.

»Sihirbaz-dir; sihir-bu – er ist ein Zauberer; das ist Hexerei!« ließen sich die Anderen hören.

Ich behielt das Gewehr im Anschlage, sagte aber kein Wort. Er hob das seinige auf, betrachtete es und sagte:

»Ajyb-dir, bozulmusch-dir- das ist eine Schande; es ist verdorben!«

»Bis jetzt ist nur Dein Gewehr verdorben,« antwortete ich. »Ich habe mit Absicht nicht auf Dich, sondern nur auf die Flinte gezielt. Thust Du aber noch einen Schritt weiter, so schone ich Dich nicht länger, und auch Du wirst zu Schanden; denn ich schieße dann auf Dich!«

»Wage es nicht!« sagte er in drohendem Tone.

»Ich wage gar nichts dabei! Du bist mit dem Gewehr auf mich zugekommen; Du hast auf mich gezielt. Ich befand mich im Zustande der Nothwehr und hätte Dich mit Recht niederschießen dürfen.«

»Du wolltest mich erschießen und hast nur aus Zufall die Flinte getroffen. Niemand soll sagen, daß er das Flintenschloß zu treffen vermag, wenn mein Gesicht ganz am Visire liegt!«

»Du hast wohl noch keinen guten Schützen gesehen?«

»Und vorher hast Du mich geschlagen. Weißt Du, was das zu bedeuten hat? Kein Mensch kann es mir verdenken, wenn ich Dich dafür niederschieße. So eine Schande kann nur mit Blut abgewaschen werden.«

»Wer aber wäscht dieselbe Schande von der Ehre des Mädchens, welches Du hast schlagen lassen?«

»Hat eine Magd Ehre?« entgegnete er mit Hohngelächter. »Und was hast Du Dich um meine Angelegenheiten zu kümmern? Ich kann mein Gesinde züchtigen, wie es mir beliebt!«

Da hatte er nach den Gebräuchen jener Gegend allerdings ganz Recht. Ich aber durfte mich nicht durch Worte schlagen lassen. Ich hatte einmal angefangen und mußte durchgreifen. Darum antwortete ich:

»In meiner Gegenwart lasse ich keine solche Unmenschlichkeit geschehen. Und gegen Dich habe ich die Peitsche gebraucht, weil Du die Höflichkeit verletzt hast, welche Du mir schuldig bist. Solche Beleidigungen beantworte ich eben nur mit der Peitsche. Ich bin das so gewöhnt.«

»Was für ein großer Herr bist Du denn eigentlich? Wie viele Roßschweife hat Dir denn der Großherr geschenkt? Ich werde das gleich einmal untersuchen lassen.«

Und sich zu den Knechten wendend, fuhr er fort:

»Ich warne Euch, ihn ja nicht fortzulassen. Ich komme gleich wieder!«

»Du willst den Kiaja holen?« fragte ich.

»Ja. Ich übergebe Dich den Händen des Hakim kabakatly. Er mag Dir zeigen, welch' schöne Wohnungen es in dem Terbijistan gibt.«

»So hole den Kiaja! Ich warte mit Vergnügen, und Du brauchst mir diese Leute nicht zu Wächtern zu setzen. Wenn ich gehen wollte, würde ich mich nicht von ihnen halten lassen. Aber ich werde bleiben, um Dir zu beweisen, daß Du selbst Dich auf dem Wege zum Terbijistan befindest.«

Er eilte durch Schmutz und Kot zum Thore hinaus. Ich aber öffnete die Thüre, hinter welcher das Mädchen verschwunden war. Ich sah einen Aufbewahrungsort für Ackergeräthe und ähnliche Werkzeuge. Das Mädchen saß weinend und vor Schmerzen zusammengekauert auf einem Strohhaufen. Ich wollte einige Fragen stellen, fühlte mich aber von hinten ergriffen. Als ich mich umdrehte, sah ich die Frau, welche mich zurückzuzerren versuchte. Sie schien die Mittheilungen des Mädchens zu fürchten.

»Was hast Du hier zu suchen?« sagte sie. »Heraus mit Dir!«

»Nein, sondern mit Dir hinaus!« herrschte ich sie im grimmigsten Tone an.

Sie fuhr ganz erschrocken zurück und rief:

»Bir tamam insan-jejidschi – ein richtiger Menschenfresser!«

»Ja,« antwortete ich, »ich habe schon sehr viele Männer und Weiber gefressen; Du aber bist mir nicht appetitlich genug!«

Sie war abgeschreckt und versuchte es nicht wieder, mich am Eintreten zu verhindern.

»Du siehst, daß ich Dir helfen will,« sagte ich zu dem Mädchen; »aber Du mußt mir auch sagen, warum Dein Herr Dich so schrecklich züchtigte.«

»Wenn ich es Dir sage, wird er mich noch mehr schlagen lassen,« antwortete sie.

»Ich werde dafür sorgen, daß er es nicht thun kann. Wer war der Fremde, der so freundlich mit Dir gewesen ist?«

»Er war ein Herr aus – aus – – ich habe den Ort vergessen, den er nannte. Er blieb hier über Nacht.«

»Was war er? Wie hieß er?«

»Er nannte sich Madi Arnaud und wollte wiederkommen.«

Das war ja der Name des Mannes, von welchem Schimin mir erzählt hatte.

»Warum aber ist Dein Herr über die Freundlichkeit dieses Mannes so sehr erzürnt?«

»O, nicht darüber! Er ist zornig wegen des Dschizdan, das ich entdeckt habe.«

»Wem gehörte es?«

»Dem Fremden. Er hatte es verloren und suchte es vergeblich. Ich fand es im Jatak odassy des Herrn und wollte es dem Fremden wiedergeben; aber der Herr schloß mich ein, bis der Andere fort war, und als ich dann sagte, daß die Tasche nicht ihm gehöre, ließ er mich schlagen.«

»So ist er ein Dieb. Was war in der Tasche?«

»Ich konnte nicht nachsehen, weil der Herr dazu kam.«

»Weißt Du, wo er sie jetzt hat?«

»Ja, ich habe aufgepaßt. Er hat sie der Frau gegeben, und diese steckte sie hinter das Holz am Herd.«

Da hörte ich draußen eine quickende Stimme fragen:

»Wo ist der Mörder?«

Ich trat hinaus und sah einen kleinen, spindeldürren Mann, welcher eine ungeheure Pelzmütze auf dem Kopfe und ebenso riesige Bastschuhe an den Füßen trug. Gekleidet war er in eine scharlachrothe Hose und Weste und in einen blauen Dschiuppeh mit kurzen Ärmeln. Dieses letztere, kaftanähnliche Oberkleid war sehr zerrissen, und Hose und Weste hatten keine Knöpfe mehr; sie wurden von einer einfachen Hanfschnur zusammengehalten.

Auf der Nase dieses Mannes saß eine riesige Hornbrille mit anderthalb Gläsern, und in den Händen trug er ein Tintenfaß, eine Gänsefeder und mehrere fettbefleckte Papierblätter.

»Da ist er,« sagte der Wirth, auf mich zeigend.

Also das wunderliche Männchen war der Gebieter des Dorfes! Er machte auf mich ganz denselben Eindruck wie die Insignien seines Amtes. Ich sah auf den ersten Blick, daß die Gänsefeder einen langen Schnabel aufsperrte, und das Tintenfaß schien einen trostlos eingetrockneten schwarzen Schlamm zu enthalten.

»Also Du bist der Mörder?« wendete er sich in amtlich strenger Würde an mich.

»Nein.«

»Dieser sagt es aber doch!«

»Wäre ich ein Mörder, so müßte ich doch Jemand ermordet haben!«

»Du hast morden wollen; das ist genug. Kommet Alle in die Stube! Ich werde ein strenges Verhör anstellen, und der Schuldige mag ja nicht glauben, daß er dem Kreuzfeuer meiner Fragen entrinnen kann. Nehmt ihn in die Mitte!«

»Das verbitte ich mir!« sagte ich. »Noch wissen wir nicht, wer der Schuldige ist. Ich gehe voran.«

In der Stube angekommen, setzte ich mich zu meinem Rakitopf. Es war das der bequemste Sitz, den es gab.

»Weg mit Dir!« meinte der Kiaja. »Das ist mein Platz.«

»Siehst Du denn nicht, daß es der meinige ist? Ich sitze ja bereits!«

»So stehe auf!«

»Ich sehe Keinen unter Euch, vor dem ich aufzustehen hätte.«

»Siehest Du nicht mich? Gehorchst Du nicht gutwillig, so werde ich Dir Deinen Platz mit Gewalt anweisen lassen!«

»Wer es wagt, mich anzurühren, dem werde ich diese sechs Schüsse in den Leib geben!«

Ich hielt ihm den Revolver entgegen. Er that einen Satz nach rückwärts, welcher einem Kunstturner alle Ehre gemacht hätte. Dann sagte er:

»Dieser Mensch ist wirklich gefährlich. Wir wollen ihn einstweilen sitzen lassen.«

Er suchte einen andern Platz, legte das Papier vor sich hin, stellte das Tintenfaß daneben, zog die Stirne wichtig in Falten, hielt die Feder gegen das Licht und untersuchte den Schnabel derselben. Das Resultat dieser Untersuchung war der Befehl:

»Gib mir ein Messer!«

Der Wirth brachte einen Kneif hervor, mit welchem man Holz hätte hacken können. Der Kiaja schnitzte mit demselben an dem Kiele herum, daß es eine Art hatte; dann gebot er:

»Gib mir Wasser!«

Das Tintenfaß wurde voll gegossen, und dann stampfte und rührte er mit der Feder in dem Schlamm, der nur sehr langsam weich wurde, so herum, als ob er Teig machen wolle.

Die Situation belustigte mich außerordentlich. Ich schob ihm meinen Topf hin und sagte:

»Das ist eine schwere Arbeit. Trink!«

Es geschah wirklich, wie ich erwartet hatte. Er fragte:

»Was ist darin?«

»Raki.«

»Ist er gut?«

»Sehr.«

Er nahm den Topf, sah hinein, roch daran und trank.

»Willst Du mehr?« fragte ich.

»Hast Du Geld?«

»Ja; ich bezahle.«

»Laß ihn voll machen. Wir Alle trinken dann.«

Der Topf wurde gefüllt und ging von Mund zu Mund.

Als die Reihe an mich kommen sollte, meinte der Kiaja:

»Dieser ist der Kabahatlü; er bekommt nichts!«

Das war mir lieb, obgleich ich den Knechten anmerkte, daß sie mir gern einen Schluck gegönnt hätten. Sie schienen überhaupt auf meiner Seite zu sein. Den letzten Schluck nahm der würdige Beamte. Dann sagte er, die Brille fest rückend:

»Also jetzt beginnt das Verhör! Du hast auf diesen Mann geschossen. Nicht wahr?«

»Nicht auf ihn, sondern auf seine Flinte.«

»Das ist ganz gleich. Du hast geschossen; Du hast es eingestanden. Das Verhör ist also zu Ende. Ich brauche gar nicht zu schreiben. Bezahle den Raki und dann wirst Du abgeführt.«

»Wohin?«

»Das wirst Du schon erfahren. Jetzt hast Du zu gehorchen, ohne zu fragen.«

»Schön! Aber wenn ich nicht fragen darf, so wünsche ich, daß Du doch wenigstens einige Fragen thust.«

»Was hätte ich zu fragen? Ich bin fertig.«

»Ganz wie Du willst! So bin ich also auch fertig und werde meinen Weg fortsetzen.«

»Das wirst Du nicht thun, denn Du bist mein Gefangener!«

»Höre, wenn Du einen Spaß machen willst, so mache wenigstens einen guten. Ich möchte wissen, wer mich halten wollte! Etwa Du?«

Er warf sich in die Brust und antwortete:

»Ja, ich!«

»So komme her und versuche es. Wenn ich Dich zwischen meine Hände nehme, so bist Du im Augenblick geknickt wie ein Schilfrohr. Und will mich etwa ein Anderer halten, den schieße ich nieder.«

»Hört Ihr's?« rief er. »Wir werden ihn fesseln müssen.«

»Das ist nicht nöthig. Ich thue Euch nichts, denn ich weiß, daß auch Ihr mir nichts thut. Du hast Dein Verhör beendet, ohne zu fragen, wer ich bin. Mußt Du nicht Deinem Vorgesetzten meinen Namen nennen?«

»Ja. Wer bist Du und wie heißest Du?«

»Sieh, jetzt kannst Du auf einmal fragen!«

»Ich wollte nur nicht anfangen, weil ich Dich nicht ganz und gar unglücklich machen wollte. Denn wenn ich einmal in's Fragen komme, so werden auch alle andern Verbrechen, die Du begangen hast, offenbar.«

»So frage in Allah's Namen weiter! Ich werde Dir alle meine Sünden nennen, und Du magst sie aufzeichnen. Kannst Du schreiben?«

Diese Frage kam ihm unerwartet. Erst nach einigem Besinnen antwortete er:

»Diese Tinte ist freilich zu dick; auch ist die Feder viel zu stumpf. Ich muß mir neue Tinte kochen. Ich höre, daß Du ein Fremder bist?«

»Das bin ich.«

»Hast Du denn ein Teskereh für neun Piaster?«

Ein Teskereh ist der gewöhnliche Paß, welchen ein jeder Reisende haben muß. An jedem Orte muß visirt werden.

»Ja, ich habe eines,« antwortete ich.

»Zeige es her!«

Er erhielt es; kaum aber hatte er den ersten Blick darauf geworfen, so sagte er:

»Das ist ja noch kein einziges Mal visirt! Warum nicht?«

»Weil ich das Teskereh noch Niemandem gezeigt habe.«

»So bist Du ein Howarda, wie es keinen zweiten gibt. Deine Strafe wird immer schwerer!«

»Willst Du nicht fragen, warum ich das Teskereh noch nicht vorgezeigt habe?«

»Nun, warum nicht?«

»Weil ich etwas Anderes vorzeigen kann, nämlich das hier.«

Ich reichte ihm mein Buyuruldi hin. Das ist ein Empfehlungsschreiben des Pascha an die Behörden seines Paschaliks. Der Kleine machte ein sehr verlegenes Gesicht.

»Nun, willst Du das Siegel und die Unterschrift Deines Vorgesetzten nicht begrüßen?« fragte ich.

Er verneigte sich und sagte dann:

»Warum hast Du dieses Buyuruldi nicht eher erwähnt?«

»Du warst mit dem Verhör zu schnell fertig. Du hast Dich mit Deinem Gruß nicht sehr angestrengt. Erhebe Dich von Deinem Sitze und ziehe Deine Schuhe aus, denn ich werde Dir noch einen andern Paß zeigen!«

»Um Allahs willen! Hast Du etwa einen Ferman?«

»Ja – hier ist er!«

Ich entfaltete den großen Bogen. Der Ferman ist der höchste Paß. Er enthält oben zwischen kalligraphischen Schnörkeln die Titel des Padischa. Es wird den Behörden alle mögliche Rücksicht für die Wünsche des Reisenden anbefohlen. Auch sind allerlei für den Inhaber vortheilhafte Bestimmungen zu lesen, zum Beispiel zu welchem Preise er Pferde, Begleiter und Führer und Anderes haben kann.

Der Ferman brachte die gewünschte Wirkung hervor. Der Kiaja rief:

»Ihr Leute, begrüßt die Würden, das Siegel und die Unterschrift des Beherrschers aller Gläubigen! Von seinen Lippen fließt Wahrheit und Segen, und was er befiehlt, das muß geschehen an allen Orten der Erde.«

Die Verneigungen wollten kein Ende nehmen. Ich steckte indessen die drei Pässe wieder in das Lederetui und fragte dann den Kiaja:

»Was wird der Padischa sagen, wenn ich ihm schreibe, daß ich hier beschimpft worden bin, und daß Du mich einen Mörder genannt hast?«

»Sei gnädig, Hazreti! Ich wußte es nicht anders.«

Hazreti heißt Hoheit. Ich konnte zufrieden sein und nahm eine höchst würdevolle Miene an.

»Ich will es verzeihen, obgleich es ein großer Fehler ist, mich einen Verbrecher zu nennen, da ich doch gekommen bin, ein Verbrechen zu entdecken. Gehe einmal hin an den Herd, und räume das Holz zur Seite. Du wirst dort Etwas finden, was nicht in dieses Haus gehört.«

Er gehorchte augenblicklich. Der Wirth konnte seinen Schreck nicht verbergen; seine Frau hielt es für das Allerbeste, zu verschwinden. Sie schlich zur Thüre hinaus.

Der Kiaja brachte wirklich die Brieftasche zum Vorschein und gab sie mir. Sie war alt und abgenützt. Als ich sie öffnete, sah ich, daß sie auch ein Notizbuch enthielt. Da gab es eine Menge Bemerkungen und allerlei gereimtes und ungereimtes Zeug – in deutscher Sprache. Das erste Blatt enthielt die geistreichen Verse:

»Wenn ich mich nach der Heimat sehn',
Wenn meine Beene nicht mehr steh'n,
Wenn mein Tornister drückt so sehr,
So knarrt mein Magen immer mehr.
Und 's wird nur leichter mir um's Herz,
Fühl' weniger den stillen Schmerz;
Wenn ich so off der Straße steh'
Und mir mein kleenes Geld beseh'.«

Das war, wie ich später von dem Besitzer der Brieftasche erfuhr, die erste Strophe einer >Stoffel in der Fremde< betitelten Parodie auf Mosmüller's Lied in dem Singspiele : >Die Zillerthaler<.

Der Inhalt des Notizbuches war werthlos. Vielleicht enthielten die Fächer der Brieftasche Besseres. Ich suchte und fand eine alte Karte mit zwei verschlungenen Händen, darunter die Worte: >Kein Tod kann uns trennen< – ein coupirtes Bahnbillett dritter Klasse von St. Peter nach Nebresina – zwei Blätter aus einem Fremdwörterbuche – ein mittelst Bürste durchgeklopftes Eichenblatt mit einer aufgemalten Rose und der Unterschrift: >So schön bist Du!< – ein sehr abgegriffenes Miniaturheftchen mit dem Titel: >Genaue Preisberechnung aller möglichen Skatspiele mit und ohne Farbengrand< – das Preisverzeichniß einer Pester Weinhandlung und – endlich etwas Befriedigendes, nämlich, in Papier eingeschlagen, für achtzig Gulden österreichisches Papiergeld.

Dieses Letztere war jedenfalls für den Wirth die Veranlassung gewesen, die sonst für ihn und auch für Andere ganz werthlose Tasche zurückzubehalten.

»Woher hast Du dieses Dschizdan?« fragte ich ihn.

»Es gehört mir,« antwortete er.

»Wer hat diese Blätter beschrieben?«

»Ich.«

»Welche Sprache ist das denn?«

»Das ist – das ist – das ist – – –«

»Persisch, nicht wahr?«

»Ja.«

»So will ich Dir sagen, daß diese Schrift nur in Alemanja geschrieben wird. Hier lies mir einmal vor, was auf dieser Seite steht!«

Er befand sich in der größten Verlegenheit.

»O, Du kannst es nicht lesen! Dieses Dschizdan gehört einem Manne, welcher sich Madi Arnaud nennt. Ich werde dafür sorgen, daß er es wieder erhält. Was Dich betrifft, so hast Du Strafe verdient; doch soll es auf Dich ankommen, ob ich Gnade walten lasse. Gestehst Du offen, daß Du diese Brieftasche widerrechtlich an Dich gebracht hast, so soll Dir die Strafe erlassen sein. Also rede jetzt! Gehört sie wirklich Dir?«

Die Antwort fiel ihm schwer; aber der Ferman hatte einen großen Eindruck gemacht. Er hielt mich jetzt für einen großen Herrn, den er zu fürchten hatte; darum stieß er endlich zögernd hervor:

»Nein; sie gehört ihm.«

»Weißt Du, wohin er gereist ist?«

»Nach Ismilan.«

»Gut, es sei Dir vergeben; aber ich mache die Bedingung, daß Du einem Jeden der Anwesenden jetzt diesen Topf voll Raki schenkst. Du würdest die Bastonnade erhalten und viele Wochen eingesperrt werden. Willst Du?«

»Ja,« knurrte er grimmig.

Da griff der kleine Kiaja mit solchem Eifer nach meiner Hand, daß er das Tintenfaß umstieß, und sagte:

»Herr, Deine Güte ist groß, Deine Weisheit aber noch viel größer! Du bestrafst ihn, indem Du uns Wohlthat erweisest. Dein Andenken wird bei uns nie vergessen werden!«

»So macht Euch meiner Güte nicht unwürdig und genießt den Trank – Euch Allen zur Freude und zur Besserung.«

Die mißhandelte Magd war nicht mit in die Stube gegangen. – Ich ging hinaus zu ihr – sie saß noch auf dem Stroh. Ich theilte ihr mit, daß ihr Herr den Diebstahl eingestanden habe; das erregte ihre Besorgniß.

»Herr, nun wird es mir sehr schlimm ergehen,« sagte sie.

»Er weiß nicht, daß Du es mir gesagt hast. Aber warum bleibst Du bei ihm, wenn er ein so böser Herr ist?«

»Ich muß. Er hat mir dreißig Piaster Lohn vorausgezahlt; ich brauchte das Geld für meine Mutter und kann nun nicht eher zu einem andern Herrn gehen, als bis ich diesen Vorschuß abgedient habe.«

»Ich werde Dir das Geld geben. Wirst Du dann gleich einen andern Dienst finden?«

»O gleich! Aber er wird mich doch nicht sofort gehen lassen.«

»Er wird, denn ich befehle es ihm.«

»Herr, wie soll ich Dir danken?«

»Sei still! Du hast für Deine Mutter gesorgt; das hat mich erfreut. Ehre sie auch fernerhin, denn wer die Eltern liebt und achtet, auf dem ruht Allah's Wohlgefallen.«

Ich gab ihr die kleine Summe und noch ein Weniges darüber. Sie machte ein ganz anderes Gesicht als der Wirth, mit dem ich dann an der Hausthüre zusammentraf. Er ging, um den Krug zu füllen, und sagte:

»Herr, es war nicht nöthig, all diesen Leuten Raki zu geben. Hätte der Kiaja solchen erhalten, so war es genug.«

»Meinst Du? Ich will Dir sagen, daß keiner von Euch Allen einen Para werth ist. Dein Raki aber ist noch schlechter als Du selbst. Indem Ihr ihn trinken müßt, bestrafe ich Euch, und ich werde mit Vergnügen an seine Wirkung denken. Jetzt aber habe ich noch ein Wort wegen Deiner Magd mit Dir zu reden. Ich rathe Dir, sie zu entlassen.«

»Sie ist mir Geld schuldig.«

»Sie wird Dich bezahlen.«

»Hast Du es ihr gegeben?«

»Ja.«

»So mag sie gehen. Ich will sie nicht mehr sehen, denn sie ist Schuld an Allem, was geschehen ist.«

»So erkläre ihr das drin vor allen Anwesenden.«

»Das ist nicht nothwendig!«

»O, ich halte es im Gegentheile für sehr nothwendig, denn ich traue Dir nicht. Ich werde nicht eher von hier fortreiten, als bis auch sie fortgegangen ist.«

»Ich habe gesagt, daß sie gehen kann. Hältst Du mich für einen Lügner?«

»Ja. Du bist ein Dieb und ein gewaltthätiger Mensch. Ich bin überzeugt, daß Du auch lügen kannst.«

»Das sollte mir ein Anderer sagen! Aber ich will es dulden. Ich erleide zwar großen Schaden, aber ich bin überzeugt, daß Du mir meine Flinte, die Du mir verdorben hast, bezahlen wirst.«

»Meinst Du? Bist Du ein Moslem?«

»Ich bin ein armenischer Christ.«

»So schäme Dich! Der, den Du bestohlen hast, war auch ein Christ. Das macht Deine That noch nichtswürdiger. Ihr Christen solltet für die Moslemim die Leuchte aller Tugenden sein; was aber seid Ihr ihnen in Wirklichkeit? Ich will Dir keine Predigt halten, denn sie würde ja doch nutzlos sein; Eins aber sage ich Dir: Ich bezahle weder Dein Schießgewehr, noch den Raki, den ich bestellt, aber nicht getrunken habe. Für das Futter meines Pferdes sollst Du fünf Piaster haben. Hier sind sie, und damit sind wir mit einander fertig!«

Er nahm das Geld, ohne ein Wort zu entgegnen, und entfernte sich. Ich setzte mich auf einen Stein, welcher in der Nähe der Thüre lag, und wartete. Es dauerte gar nicht lange, so kam die Magd, mit einem kleinen Bündel in der Hand. Sie sagte mir, daß sie den Herrn bezahlt und dann ihren Laufpaß erhalten habe, und verabschiedete sich von mir unter aufrichtig gemeinten Dankesworten.

Nun verließ auch ich den Ort, der mir fast gefährlich hätte werden können. Es hatte sich zuletzt Niemand um mich bekümmert. Man war ja mit dem Raki beschäftigt. Indem ich also ohne Gruß davonritt, dachte ich mit Vergnügen an die Möglichkeit, daß die Geister des Zwetschgenfusels meine Absicht verstehen könnten. So eine intime Abwalkerei unter einander konnte den Bewohnern dieses traulichen Han's gar nichts schaden.

In Topoklu fand ich ein anderes Han, dessen Besitzer ein Türke war. Hier herrschte Reinlichkeit, und es gab einen guten Kaffee, und da der Weg von Stajanowa da vorüberführte, so blieb ich hier, um auf meine Gefährten zu warten.

Ich hatte geglaubt, daß sie erst gegen Abend Topoklu passiren würden; aber es war noch am Nachmittag, als ich sie vorüberreiten sah. Ich bezahlte, was ich genossen hatte, und holte sie schnell ein. Sie wunderten sich nicht wenig, mich hier zu sehen, da ich ja die Absicht gehabt hatte, über Palatza zu reiten. Als ich ihnen dann erzählte, was mir begegnet war, bedauerte es Halef sehr, nicht dabei gewesen zu sein.

Sie hatten gar nicht geschlafen und waren mit Tagesgrauen aufgebrochen. Ihre Pferde waren von dem weiten Ritt sehr ermüdet; bis Ismilan aber konnten sie es aushalten, und da sollte es eine längere Ruhe für Menschen und Thiere geben.

Als wir am Ziele ankamen, fragten wir nach dem Kaffeehause des Waffenschmiedes Deselim. Wir erfuhren, daß es nicht nur Kaffeehaus, sondern auch Han sei, und daß sehr viele Reisende da über Nacht blieben.

Es war gewiß nicht ungefährlich, im Hause des Mannes, der meinetwegen den Hals gebrochen hatte, abzusteigen; aber dieser Unglücksfall war ja hier noch nicht bekannt, und da Deselim der Schwager des Schut gewesen war, so erwartete ich, daß unsere Flüchtlinge auch bei ihm eingekehrt seien. Vielleicht war da etwas für uns Vortheilhaftes zu erfahren.

Das Haus stand in der bereits erwähnten Gasse. Es hatte einen ziemlich großen Hof mit Stallungen und einem niedrigen Gebäude, in welchem sich die für die Fremden bestimmten Schlafräume befanden. Es waren dies kleine Stuben mit ganz urwüchsigen Lagerstätten. Decken und dergleichen hatte der Reisende selbst mitzubringen.

Als wir von den Pferden stiegen, kam ein finster dreinblickender Mensch und fragte, ob wir da übernachten wollten. Auf meine bejahende Antwort meinte er:

»Da müßt Ihr im offenen Hofe schlafen. Die Räume sind alle besetzt. Es ist kein Platz vorhanden.«

»Auch für solche Leute nicht?«

Bei dieser Frage deutete ich auf meine Koptscha. Ich war neugierig, ob dies eine Wirkung hervorbringen werde.

»Ah, Ihr seid Brüder,« antwortete er schnell. »Das ist etwas anderes; da wird Platz gemacht. Aber Ihr müßt zu Zweien schlafen, da ich nur zwei Stuben frei machen kann.«

Wir waren natürlich einverstanden und folgten ihm in den Hof, um unsere Thiere gut unterzubringen. Während dieser Arbeit war es mir, als ob ich aus der Ferne einen hier nicht gewöhnlichen Gesang vernähme; doch achtete ich nicht darauf. Wir wurden zunächst in die allgemeine Kaffeestube gewiesen, wo wir die angenehme Mittheilung empfingen, daß wir zufälliger Weise einen frischen Pillaw mit Huhn bekommen könnten. Das wurde acceptirt.

Es befand sich außer uns kein Gast in der Stube, und der junge Mensch, welcher uns bediente, schien das Sprechen für eine Sünde zu halten. So aßen wir schweigend und ungestört. Dann kam der Mürrische, welcher uns empfangen hatte, um uns nun unsere Stuben anzuweisen.

»Ihr habt die Koptscha,« sagte er, »und ich möchte gerne mit Euch reden; aber ich habe jetzt keine Zeit, denn wir haben ein Türküjü sejrangiah im Garten.«

»Wer singt denn?« fragte ich erstaunt.

»Ein fremder Türkü tschaghyrydschy, welcher heute hier angekommen ist.«

»Wird er bezahlt?«

»Nein. Er kam, um über Nacht zu bleiben. Er setzte sich in den Garten und sang; da gingen alle Gäste hinaus. Er singt immer fort, und sie hören immer zu; also müssen wir ihnen den Tabak und den Kaffee in den Garten tragen. Das macht viel Arbeit.«

»Weißt Du, woher der Sänger ist und wie er heißt?«

»Er ist aus dem Lande Austria und hat einen fremden Namen; er sagt, wir sollen ihn Madi Arnaud nennen. Wenn Ihr nicht zu sehr ermüdet seid, könnt Ihr auch in den Garten gehen; aber verstehen werdet Ihr nichts, denn er singt in einer fremden Sprache. Dennoch klingt es sehr schön, so schön, wie man es noch gar nicht gehört hat. Wir haben ihm die Kanun unserer Kerime gegeben, und er spielt die Stimmen aller Vögel auf den Saiten.«

Er führte uns über den Hof hinüber und öffnete zwei neben einander befindliche Thüren des niedrigen Gebäudes. Man trat aus dem Hofe direkt in die Schlafstuben. Er hatte Stroh hineinschaffen lassen und Decken darüber gebreitet, eine Aufmerksamkeit, welche wir jedenfalls nur der Koptscha verdankten.

Omar und Osko erhielten die eine Stube, während Halef mit mir in der andern schlafen sollte. Unser Führer entfernte sich, und auch die beiden Erstgenannten gingen, um unsere Habseligkeiten aus dem Stalle zu holen.

Während wir Zwei uns mit dem Lager beschäftigten, hörten wir die Töne einer Zither erklingen. Unser Schlafgemach hatte der Thüre gegenüber eine Fensteröffnung, die mit einem Laden verschlossen war. Licht erhielten wir von einem mit Talg gefüllten Napf, in welchem ein Docht brannte.

Was wir hörten, war eine ganz richtige Einleitung von acht Takten, und dann vernahm ich zu meiner Überraschung in deutscher Sprache das Schnadahüpf'l:

»'s Diandl hat Zahnerl
So weiß wia Schnee,
Sand alle z'samm eing'setzt,
Drum thoan's ihr nöt weh.

's Diandl hat sö a goldene
Riegelhaub'n dahaust,
Tragt aba a Barrocka,
Pfui Teufi, mir graust!«

Ich horchte auf. Es kam mir eine Erinnerung. Sollte es möglich sein? Auch Halef horchte.

»Sihdi, weißt Du, wer so sang?« fragte er.

»Nun – wer?«

»Der Mann in Dschiddah, welcher mit bei Malek, dem Scheik der Ateïbeh, war und bei Hanneh, meinem Weibe, der Krone der Töchter. Er trug einen mächtigen Säbel und hatte ein weißes Ding um den Hals, das Du Baba öldürüdschüjü nanntest.«

»Ja, Du hast Recht; dieser Mann sang genau so.«

»Mei Muatta hat's g'sagt
Zu mein lieab'n Papa,
Daß mein Ahndl ohne mi
Gar koa Großmuatta war.«

So erklang's von unten herauf, und dann fuhr der Sänger fort:

»Dö Köchina bringa
Dö Gäns so gern um,
Denn dö gar groß Verwandtschaft,
Dö war iahna z'dumm.«

Halef war förmlich elektrisirt. Er sagte:

»Sihdi, ich gehe hinaus. Ich muß sehen, ob es wirklich der Mann ist, der Hanneh gesehen hat.«

»Ja, gehen wir.«

Gar nicht weit von unserer Thüre führte eine Pforte durch die Gartenmauer. Als wir sie passirt hatten, sahen wir auf einem Rasenplatz eine Anzahl gleicher Talglampen brennen, deren flackerndes Licht einen Halbkreis von Zuhörern beleuchtete. Diesen gegenüber saß – ja, ich erkannte ihn sogleich – Martin Albani, unser Bekannter aus Dschiddah. Er sah uns eintreten, warf uns nur einen kurzen Blick zu, beobachtete uns weiter nicht und sang:

»Und der Türk und der Ruß,
Die zwoa geh'n mi nix o',
Wann i no mit der Gretl
Koan Kriegshandel ho'!«

Ich schritt langsam weiter, bis ich hinter ihm stand. Ich wollte ihn ebenso überraschen, wie seine Anwesenheit mich überrascht hatte. Er begann, ohne zu bemerken, daß ich hinter ihm stand, die Strophe:

»Wenn drob'n auf dö Latschn
Der Auerhahn balzt,
Kriagt mein Diandl a Bussei,
Dös grad a so schnalzt.«

Ich sah, daß er in F-dur griff. Ich bückte mich zu ihm, nahm ihm die Zither aus der Hand und sang in derselben Tonart:

»Dös Diandl is sauba
Vom Fuaß bis zum Kopf,
Nur am Hals hat's a Binkerl,
Dös hoast ma an Kropf.«

Er war aufgesprungen und starrte mich an.

»Was?« fragte er. »Auch ein Deutscher?«

»Ja. Grüß Gott, Herr Albani!«

»Sie kennen mich? Wunder über Wunder!«

»Und Sie mich nicht? Wollen wir nicht wieder einen Kameelsritt machen? Wissen Sie!«

»Kameelsritt? Den habe ich nur ein allereinziges Mal riskirt, und da – Bomben und Granaten, jetzt kommt mir der Verstand! Sie sind es? Sie, Sie, Sie? Da möchte man vor Freude gleich den Ofen einreißen, wenn man einen da hätte nämlich! Wie kommen denn Sie hierher nach Ismilan?«

»Ich suche Sie.«

»Mich?«

»Ja.«

»Wie so? Wußten Sie denn, daß ich hier bin?«

»Ja. Sie kommen von Tschirmen und wollen nach Menlik.« »Wahrhaftig, er weiß es! Von wem haben Sie das aber erfahren?«

»Zuerst sprach der Schmied Schimin in Koschikawak von Ihnen.«

»Ja, bei dem bin ich gewesen.«

»Das heißt, ich hatte keine Ahnung, daß Sie dieser Mann seien. Er sprach von einem Türkü tschaghyrydschy, der bei ihm eingekehrt sei.«

»Türkü tscha – tschi – tscho – tschu – – wie war das Wort? Wie heißt es auf deutsch?«

»Sänger.«

»Ah so! Der Kuckuck mag dieses Türkische pfeifen! Ich finde mich da schwer zurecht.«

»Und doch reisen Sie hier!«

»Na, verständlich mache ich mich schon. Geht es nicht mit Worten, so geht es mit Pantomimen. Das Gesichterschneiden ist ja eine Universalsprache, die Jeder begreift. Aber setzen Sie sich und erzählen Sie mir, was – – –«

»Bitte, wollen Sie sich nicht umdrehen? Da steht Einer, der Ihnen auch einen guten Abend wünschen will.«

»Wo? Da? Ah, das ist doch der Herr Hadschi Ha – Hi – Ho – – mit dem langen Namen!«

Halef merkte, daß die Rede von seinem Namen sei, er sagte in ernster Würde:

»Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah.«

»Schon gut, schon gut! Diese Menge von Hadschis kann ich mir nicht merken. Lassen wir es bei dem einfachen Namen Halef. Also guten Abend, Herr Halef!«

Er streckte ihm die Hand entgegen, und Halef ergriff sie, ohne seine Worte verstanden zu haben.

»Bitte, erinnern Sie sich, daß der gute Hadschi kein Deutscher ist,« sagte ich. »Er versteht Sie nicht.«

»Ah so! Was spricht er denn?«

»Arabisch und Türkisch.«

»Grad das sind meine Schattenseiten. Na, wir werden uns schon verständlich machen. Jetzt aber ist es aus mit der Singerei. Jetzt wird erzählt!«

Die Anwesenden hatten gemerkt, daß hier eine ganz unerwartete Begegnung Statt gefunden habe. Sie sahen mit sichtlichem Mißvergnügen, daß die Zither, welcher übrigens zwei Saiten fehlten, weggelegt wurde. Der Triester aber verzichtete auf das Glück, sich von ihnen bewundern zu lassen, und legte Beschlag auf mich. Er zog mich zu sich nieder und sagte:

»Jetzt erzählen Sie mir, was Sie seit damals erlebt haben!«

»Das würde mehrere Abende füllen. Lassen Sie zunächst hören, wie es Ihnen ergangen ist!«

»Gut und schlecht, Beides abwechselnd. Ich habe verschiedenes getrieben, theils mit Glück, theils mit Unglück. Jetzt bin ich Compagnon meines Compagnon und schlage mich hier herum, um zu sehen, welche geschäftlichen Vortheile dieses Land bietet.«

»Wohin gehen Sie von hier aus?«

»Nach dem Jahrmarkt zu Menlik.«

»Ich auch.«

»Das ist herrlich. Wollen wir beisammen bleiben?«

»Ja, vorausgesetzt, daß Sie gut beritten sind. Ich habe nämlich Eile.«

»O, ich bin außerordentlich gut beritten. In dieser Beziehung gibt es gar kein Bedenken gegen unser Beisammenbleiben.«

»Ich hoffe, daß Sie besser reiten, als damals auf dem Kameele, welches wir für Sie in Dschiddah borgten.«

»Keine Sorge! Ich reite wie ein Indianer, wie ein Renz!«

»Haben Sie ein eigenes Pferd?«

»Nein.«

»O weh! Also geborgt?«

»Ja. Ich habe zwei Maulthiere, eins für mich und eins für die Waaren. Der Besitzer reitet auf einem dritten als Führer und Treiber.«

»Wie viel zahlen Sie?«

»Ich zahle natürlich nur für die beiden Ersteren, und zwar zehn Piaster pro Stück und Tag.«

»Ja, das ist hier der gewöhnliche Preis für Fremde, welche die Verhältnisse nicht kennen und also leicht zu übervortheilen sind.«

»Wie so? Zahle ich zuviel?«

»Ja. Ein Einheimischer zahlt nur die Hälfte.«

»Ah! Warte, Bursche! Von jetzt an wirst Du nur fünf Piaster pro Thier bekommen!«

»Seien Sie nicht vorschnell! Was für einen Paß haben Sie?«

»Ein Teskereh.«

»Also keine Empfehlung für die Beamten? Da dürfen Sie nicht allzu kräftig auftreten. Wo haben Sie die Thiere und den Führer gemiethet?«

»In Mastanly.«

»So zahlen Sie ihm den bisherigen Preis fort, bis Sie einen Andern miethen. Mit dem werde ich handeln.«

»Schön! Bin Ihnen sehr verbunden! Wie weit haben wir von hier noch bis Menlik?«

»Ungefähr fünfundzwanzig türkische Aghatsch oder fünfzehn deutsche Meilen; ich meine in der Luftlinie.«

»Das wären drei Tagreisen. Aber weil wir nicht fliegen können, so brauchen wir länger.«

»Hm! Ich auf meinem Rappen würde in nicht ganz zwei Tagen dort sein. Maulthiere pflegen sehr störrisch zu sein. Wie betragen sich die Ihrigen?«

»O, sehr gut!«

Er sprach das so gedehnt aus, daß ich vermuthete, er sage mir eine kleine Unwahrheit, um mich nicht auf den Gedanken kommen zu lassen, von seiner Begleitung abzusehen.

»Hören Sie, lieber Albani, Sie flunkern wohl so ein Bischen?« fragte ich.

»O nein, gar nicht!«

»Sollten diese Maulthiere, diese Miethmaulthiere so ganz ohne Fehler sein?«

»Na, dasjenige, welches ich reite, hat einen ganz kleinen Klapps. Es hat die Angewohnheit, sich zuweilen auf die Vorderbeine zu stellen und mit den hintern Beinen in der Luft herumzufuchteln. Und das Packthier läuft nicht immer so, wie man will. Es bleibt zuweilen stehen, um sich die Gegend mit Verständniß zu betrachten; auch legt es sich dann und wann nieder, um Denkübungen zu halten, und sonderbarer Weise allemal da, wo der tiefste Schlamm ist. Aber das schadet nichts, denn es holt das Versäumte stets wieder ein. Wenn es ihm nämlich dann wieder in den Sinn kommt, daß eine kleine Bewegung für die Gesundheit eigentlich von Vortheil sei, so rennt es wie eine Eilzugslokomotive. Und dann wiehert es vor Vergnügen, wenn es sieht, daß wir zurücklaufen müssen, um die Sachen aufzulesen, die es verloren hat. Es will eben jedes Thierchen seine Pläsirchen haben, und ich bin menschlich genug, es ihm zu gönnen.«

»Danke bestens! Das größte Pläsirchen eines solchen Thierchens muß sein, seinem Herrn zu gehorchen.«

»Na, urtheilen Sie nicht zu streng! Oppositionsgeist gibt es überall. Übrigens sind das die einzigen Fehler, welche die Maulthiere haben.«

»So scheint es mir, als ob Ihr Führer für sich das beste Thier ausgewählt habe?«

»Das ist wahr; aber ich kann es ihm nicht verdenken. Ein Jeder ist sich selbst der Nächste.«

»Das sind edle Grundsätze, nach denen aber Sie selbst sich auch der Nächste wären. Ich bin neugierig, wie Sie mit solchen Thieren über die schlimmen Strecken kommen werden, welche vor uns liegen. Wohin wollen Sie von Menlik aus?«

»Das ist noch unbestimmt. Entweder reise ich südwärts nach Salonichi – oder nach Westen bis an das Adriatische, um dort zur See nach Triest zurückzukehren.«

»Ich rathe Ihnen das Erstere.«

»Warum?«

»Weil es das weniger Gefährliche ist.«

»Halten Sie denn die Menschheit hier für böse?«

»Für böse gerade nicht; aber die Leute, welche zwischen hier und der Adria wohnen, haben eigenthümliche Gewohnheiten. Sie lieben die Gütergemeinschaft, das heißt nur dann, wenn ein Anderer Etwas hat. Und sodann pflegen sie oftmals allerlei Schieß- und Stechübungen zu halten, und dann nehmen sie wunderbarer Weise am liebsten irgend ein lebendes Wesen als Ziel.«

»Das ist freilich sehr unangenehm.«

»Sie haben allerlei Waaren bei sich, vielleicht auch Geld. Das ist sehr verführerisch für Menschen von solchen Anschauungen. Es könnte leicht sein, daß man sich Ihre Sachen auf Lebenszeit von Ihnen borgt. Oder es könnte sich gar ereignen, daß Sie bei Ihrer Einschiffung bemerken, man habe Sie da oben in den Bergen erschossen und dann in irgend einer wilden Schlucht eingescharrt.«

»Für solche Bemerkungen danke ich nun freilich. Ich habe mir die Sache gar nicht so vorgestellt. Bis jetzt ist mir weiter nichts passirt, als daß ich in Adatschaly auf eine ziemliche Weise ausgehauen worden bin, aber nicht in Marmor, und daß ich sodann eine Brieftasche verloren habe. Dieses Letztere kann ich natürlich nur meiner Nachlässigkeit zuschreiben, nicht aber auf die Rechnung der hiesigen Bevölkerung bringen.«

»Vielleicht doch.«

»Kann ein Anderer Schuld sein, wenn ich Etwas verliere?«

»Nein, wenn Sie es wirklich verloren haben.«

»Meinen Sie, daß man mir die Brieftasche gestohlen hat?«

»Möglich. Aber wenn nicht, so konnte der Finder sie Ihnen doch zurückgeben.«

»Hm? Kannte er mich? Ich weiß gar nicht einmal, wo sie mir abhanden gekommen ist.«

»Hoffentlich ist der Verlust nicht so bedeutend?«

»Nein. Es steckten achtzig österreichische Papiergulden drin. Das wäre nicht sehr schlimm; aber ich hatte auch einige sehr, sehr liebe Andenken drin, die ich schmerzlich vermisse.«

»Was war das?«

»Verschiedenes, was Sie doch nicht interessirt.«

»Ja – kein Tod kann uns trennen!«

»Wie? Was sagen Sie?«

»So schön bist Du!«

»Herr, ich verstehe Sie nicht!«

»Genaue Preisberechnung aller möglichen Skatspiele. Das ist jedenfalls ein höchst werthvolles Andenken an ein verspieltes Eichelsolo mit sieben Matadoren und drei blanken Zehnern.«

»Was Sie da sagen! Ich glaube gar, Sie wissen, was in meiner Tasche war!«

»So ziemlich.«

»Woher denn?«

»O, ich hatte das Vergnügen, mich mit einer sehr hübschen jungen Dame von Ihnen zu unterhalten.«

»Hübsch? Jung? Wo denn?«

»Sie scheinen deren Viele zu kennen?«

»So ziemlich.«

»Ja, Sie reisen ja, um sich eine Frau zu suchen.«

»Alle Wetter! – Ach, jetzt weiß ich es, wen Sie meinen: die Magd der Wirthin mit dem sauren Milchkübel in –«

»Hat sie auch bei Ihnen saure Milch gerührt?«

»Von früh bis abends. Das scheint ihre Passion zu sein.«

»Jeder hat seine Passionen. Ihr Mann, der Wirth, hatte ja auch eine.«

»Welche? Die Grobheit?«

»Nein, das war nur Angewohnheit. Seine Passion ist, gefundene Gegenstände nicht zurückzugeben.«

»Hat er Etwas gefunden?«

Ich zog die Brieftasche hervor und gab sie ihm.

»Mein Portefeuille!« sagte er erstaunt. »Das hat dieser Mensch, der Wirth, gefunden?«

»Ja, und zwar noch während Ihrer Anwesenheit.«

»Der Spitzbube! Wie kommt es aber, daß er es Ihnen gegeben hat, nachdem er es mir gegenüber verheimlicht hatte?«

»Ich zwang ihn dazu. Die betreffende Donna verrieth mir, daß er es versteckt hatte.«

Ich erzählte ihm das Erlebniß ausführlich. Er öffnete die Tasche und fand, daß nichts von dem Inhalte fehlte.

»Sie haben sich da meinetwegen in eine wirkliche Gefahr begeben,« sagte er. »Ich danke Ihnen sehr!«

»Ihretwegen? O nein! Als ich mich der Mißhandelten annahm, ahnte ich noch nicht, daß Sie dagewesen seien. Also haben Sie gar keine Verbindlichkeiten gegen mich.«

»Und dieses arme Mädchen! Eingesperrt also hatte er sie! Und ich habe in allen Winkeln nach ihr gesucht, ohne sie zu finden.«

»Sie wollten wohl von ihr Abschied nehmen?«

»Natürlich. Ich bin nämlich ein großer Freund vom Abschiednehmen und von rührenden Scenen überhaupt. Haben Sie sich nicht gewundert, als Sie in dem Buche deutsche Schrift fanden?«

»Ich war überrascht, zumal ich zunächst die Strophe >Wenn ich mich nach der Heimat sehn'< aufschlug. Dieses Couplet habe ich nämlich bereits einmal in Damaskus bei einem Volksfeste singen hören. Es muß sehr verbreitet sein.«

»Ja; der Inhalt ist komisch. Soll ich es vorsingen?«

»Nein; ich danke. Ich will morgen sehr früh aufbrechen, und da möchte ich nun zur Ruhe gehen.«

»Schlafen gehen? Doch nicht. Sie sollen ja erzählen, wie es Ihnen während dieser langen Zeit ergangen ist.«

»Das ist zu viel für heute Abend. Übrigens reisen wir ja zusammen, und da haben wir Zeit zu derlei Erzählungen.«

»Wo schlafen Sie?«

»Da durch die Pforte hinter der ersten Thüre.«

»Und ich hinter der dritten.«

»Da sind wir Nachbarn, denn zwei von meinen Begleitern wohnen neben Ihnen. Ich sage Ihnen jetzt gute Nacht.«

»Gute Nacht!«

Ich ging mit Halef vorerst in den Stall, um nach den Pferden zu sehen. Sie waren wohl versorgt. Ich sagte Rih noch, wie gewöhnlich vor dem Schlafengehen, eine Sure in das Ohr und wollte mich dann nach der Lagerstätte begeben; doch wir trafen im Hofe auf den finsteren Mann, welcher uns empfangen hatte. Er blieb bei uns stehen und sagte:

»Herr, die Gäste sind fort, da der Gesang aufgehört hatte. Jetzt habe ich Zeit, mit Dir zu sprechen. Willst Du vielleicht mit mir kommen?«

»Gern. Mein Freund wird auch mitgehen.«

»Er hat die Koptscha und ist mir willkommen.«

Er führte uns in das vordere Haus und dann in eine kleine Stube, in welcher wir uns auf den an den Wänden liegenden Kissen niederließen. Er brachte Kaffee in zierlichen Fingans und Pfeifen von ungewöhnlicher Arbeit. Das machte den Eindruck von Wohlhabenheit. Als die Pfeifen in Brand gesteckt waren, ließ er sich bei uns nieder und sagte:

»Ihr habt das Zeichen, und ich habe Euch also nicht nach den Pässen gefragt; aber sagt mir die Namen, mit denen ich Euch nennen soll.«

»Mein Freund heißt Hadschi Halef Omar, und ich werde Kara Effendi genannt.«

»Woher kommt Ihr?«

»Aus Edreneh. Wir haben sehr nothwendig mit drei Männern zu sprechen, welche hier vielleicht eingekehrt sind.«

»Wer sind sie?«

»Du wirst Manach el Barscha kennen. Ihn und seine beiden Begleiter meine ich.«

Er fixirte uns mit scharfem Blick und meinte:

»Ich hoffe, daß Ihr Freunde seid!«

»Würden wir zu Dir kommen, wenn wir Feinde wären?«

»Du hast Recht.«

»Oder hätten wir die Koptscha?«

»Nein. Du hättest die Deine am allerwenigsten; ich kenne sie genau.«

Das klang gefährlich. Ich ließ mir aber keine Verlegenheit merken und antwortete:

»Woher kennst Du sie?«

»Sie ist ein klein wenig anders als die gewöhnlichen; es ist die Koptscha eines Anführers. Sie war das Eigenthum meines Bruders Deselim.«

»Ah, Du bist der Bruder des Wirthes hier?«

»Ja.«

»Das ist mir sehr lieb. Ich habe die Koptscha von ihm.«

»So bist auch Du ein Anführer und hast mit ihm getauscht. Freunde tauschen die Koptschas. Wo hast Du ihn getroffen?«

»Bei Kabatsch im Walde, in der Hütte des Bettlers Saban.«

»Er wollte doch eigentlich nicht dorthin!«

»Nein, er wollte zu dem Bäcker und Färber Boschak in Dschnibaschlü. Dort war ich als Gast eingekehrt.«

»Und wo ist mein Bruder jetzt?«

»Noch in Kabatsch.«

»Darf ich wissen, wer und was Du eigentlich bist? Es gibt viele und verschiedene Effendis.«

»Ich will Dir nur ein Wort sagen, und dann wirst Du wissen, wie Du mich zu beurtheilen hast, das Wort Usta.«

Es war das nur ein Versuch, den ich machte, er gelang vollständig. Der Mann machte eine Gebärde freudiger Überraschung und sagte:

»Ja, das genügt. Ich will weiter nichts wissen.«

»Daran thust Du klug; ich bin nicht gewöhnt, mich ausfragen zu lassen.«

»Womit kann ich Dir dienen?«

»Sage mir zunächst, ob Manach el Barscha hier bei Dir eingekehrt ist.«

»Er war da mit Zweien.«

»Wann?«

»Er blieb eine Nacht hier und ist gestern um die Mittagszeit wieder aufgebrochen.«

»So ist er sehr scharf geritten. Er war auch bei Deinem Verwandten, dem Kiaja von Bu-kiöj, eingekehrt und hatte da ein Pferd umgetauscht.«

»Warst Du bei dem Kiaja?«

»Ja. Nimm viele Grüße von ihm! Manach el Barscha ist nach Menlik. Weißt Du vielleicht, wo er dort zu finden ist?«

»Ja; er hat uns seine Adresse gegeben, weil mein Bruder auch nach Menlik will. Es wohnt dort ein reicher Mejwedschi, Namens Glawa. Bei ihm steigt er ab. Es wird Dir Jedermann sagen, wo er wohnt.«

»Hat Manach el Barscha nach dem Schut gefragt?«

»Ja. Er will zu ihm.«

»Und ich auch.«

»So werdet Ihr mit einander reiten.«

»Das denke ich; aber Allah's Wege sind wunderbar, und die Ereignisse kommen oft nicht so, wie wir es denken. Vielleicht reist Manach eher ab, als ich ihn erreiche. Da wäre es mir lieb, zu wissen, wo der Schut zu finden ist.«

»Das will ich Dir sagen. Wenn Du von Menlik nach Istib reitest und auf dieser Straße Radowitsch erreichst, so mußt Du von diesem Orte aus grad nordwärts reiten und wirst nach dem Orte Sbiganzi kommen. Er liegt zwischen den Wassern der Bregalnitza und der Sletowska. Dort wohnt der Kassab Tschurak. Diesen fragst Du nach der Derekuliba; er wird Dir Antwort geben. Und kommst Du dann zu dieser Hütte, so kannst Du über den Schut Alles erfahren, was Du willst und was ich heute nicht weiß.«

»Ich dachte, ich würde den Pferdehändler Mosklan in Palatza treffen, aber er war nicht dort.«

»Wie, Du kennst Mosklan?«

»Ich kenne diese Leute alle. Er ist der Bote des Schut.«

»Auch das weißt Du? Effendi, ich sehe, daß Du ein hervorragendes Mitglied des Bundes bist. Du gibst uns die große Ehre, bei uns einzukehren. Befiehl über mich nach Deinem Wohlgefallen; ich bin zu jedem Dienst bereit.«

»Ich danke Dir! Ich brauche nichts als die Auskunft, welche ich von Dir erlangt habe, und nun laß uns zur Ruhe gehen.«

»Wann wirst Du uns verlassen?«

»Morgen früh nach Anbruch des Tages. Du brauchst uns aber nicht zu wecken; wir erwachen zur rechten Zeit.«

Nach einem freundlich herablassenden Gruße gingen wir.

»Sihdi,« sagte Halef unterwegs leise, »da haben wir ja Alles erfahren, was wir wissen wollten. Er hielt Dich für einen großen Spitzbuben und mich für Deinen Freund und Verbündeten. Es gibt Menschen, welche anstatt des Gehirnes Borek jumürtaju im Kopfe haben. Wüßte er, daß sein Bruder den Hals gebrochen hat, und daß Du Mosklan die Zähne zerschlagen hast, so würde er es wohl unterlassen haben, uns eine so glückliche Nacht zu wünschen.«

»O, lieber Halef, wir wollen nicht triumphiren. Ist es nicht möglich, daß auf irgend eine Weise die Kunde von dem Geschehenen noch während der Nacht hier anlangt?«

»Fi amahn Allah – Gott schütze uns! Dieser Mensch würde uns erwürgen.«

»Wir haben also doch auf unserer Hut zu sein. Wir sind in das Loch der Hyäne gekrochen, um mit ihr zu schlafen. Wollen sehen, ob wir glücklich wieder herauskommen!«

Mein Schlaf war trotzdem gut und fest. Ich erwachte erst, als ich draußen die laute Stimme Albani's hörte, der Schnadahüpfln sang. Er war ein leichtlebiger, unvorsichtiger Mensch, und leider hat er nicht lange mehr gejodelt. Von dieser Reise ist er freilich glücklich zurückgekehrt, hat aber kurze Zeit darauf während des Badens im Meere seinen Tod gefunden.

Als ich hinaus in den Hof trat, verhandelte er eben mit dem Bruder des Wirthes wegen der Bezahlung. Die Zeche schien ihm viel zu hoch zu sein, doch mußte er das Geforderte zahlen. Es war wirklich zu viel, was man von ihm verlangte. Ich machte dem Wirth darüber Vorstellung, aber er erklärte mir leise:

»Was willst Du denn? Wenn ich mehr als gewöhnlich verlange, so kommt dies auch Dir zu gute. Er ist ein Ungläubiger und muß für diejenigen mitbezahlen, welche die Koptscha haben, denn von diesen fordere ich niemals Geld.«

»Also von mir auch nicht?«

»Nein. Du und Deine Begleiter, Ihr seid meine Privatgäste und habt nichts zu bezahlen.«

Das war mir in gewisser Beziehung nicht lieb, da man von Feinden doch nicht gerne Gastfreundschaft annimmt; aber ich mußte es aus Vorsicht geschehen lassen.

Ich ging mit Halef, Osko und Omar in die allgemeine Gaststube, wo wir Kaffee erhielten; dann wurde gesattelt und aufgebrochen, nachdem wir Abschied genommen hatten.


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