Guy de Maupassant
Das Haus Tellier und Anderes
Guy de Maupassant

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Die Geschichte einer Bauernmagd

I.

Da das Wetter sehr schön war, so hatten die Bauersleute schneller als sonst gegessen und waren aufs Feld gegangen.

Rose, das Dienstmädchen, blieb ganz allein in der grossen Küche zurück, auf deren Herd noch einige Kohlen in der Asche unter dem vollen Wasserkessel glimmten. Sie goss hin und wieder etwas von diesem Wasser in einen Zuber und wusch langsam ihre Schüsseln auf; während sie zuweilen einen Blick auf die zwei hellen Vierecke warf, welche die Sonne durch das Fenster auf dem länglichen Tische bildete, und in denen sich deutlich die schadhaften Stellen der Scheiben abhoben.

Drei kecke Hühner suchten unter den Stühlen nach Brotkrumen; durch die halboffene Thür drang die laue Luft des Stalles und der Dunst des Hühnerhofs, auf welchem die Hähne in der warmen Mittagssonne munter krähten.

Als das Mädchen seine Arbeit beendet, den Tisch abgewischt, den Herd versorgt und die Teller auf dem hohen Gestell hinten neben der einförmig tickenden hölzernen Uhr geordnet hatte, seufzte sie auf; denn sie fühlte sich niedergeschlagen und bedrückt, ohne recht zu wissen warum. Sie schaute die geschwärzten Kalkwände an, die verrauchten Balken der Decke, von welchen Spinnennetze, Bücklinge und Zwiebelbündel herunterhingen; dann setzte sie sich nieder, angewidert von den verschiedenen Ausdünstungen, welche die Tageshitze und das Sonnenlicht aus dem Boden hervorbrachten, auf dem schon so Mancherlei seit so langer Zeit eingetrocknet war. Hierin mischte sich noch der scharfe Geruch der Milch, die in dem kühlen Raume nebenan zum Gerinnen aufgestellt war. Rose wollte sich eigentlich jetzt an eine Näharbeit setzen, aber es fehlte ihr die rechte Lust dazu und sie ging vor die Hausthüre, um etwas frische Luft zu schöpfen.

Als sie ins Freie trat und von der Sonne beschienen wurde, ging ihr ordentlich das Herz auf, und sie fühlte im ganzen Körper ein eigentümliches Behagen.

Aus dem Düngerhaufen vor der Thüre stieg fortwährend ein leichter Rauch empor, und die Hühner tummelten sich vergnügt auf demselben herum, legten sich auf die Seite und scharrten hin und wieder mit einem Fusse nach Würmern. Der stolze Hahn stand mitten unter ihnen. Jeden Augenblick wählte er sich eines seiner Hühner aus, um die er mit lockendem Tone herumbalzte. Das Tier erhob sich nachlässig und empfing ihn, ruhig die Füsse ausstreckend und sich auf die Flügel stützend. Dann schüttelte es die Federn, aus denen eine Menge Staub herumflog, und machte sich's von neuem auf dem Dünger bequem, während der Hahn laut krähend seinen Triumph verkündete. Von sämtlichen Höfen der Nachbarschaft antworteten die Hähne, als wollten sie sich gegenseitig zum Liebeswettkampfe herausfordern.

Mechanisch schaute das junge Mädchen dem Treiben der Hühner zu, und als es dann die Augen aufschlug, war es wie geblendet von dem Anblick der blühenden Obstbäume, die wie beschneit aussahen.

Plötzlich machte ein junges Huhn in tollem Übermut einige Luftsprünge und rannte dann mehrmals an dem mit Bäumen bepflanzten Graben auf und ab; dann blieb es stehen, wandte den Kopf und schien sich sehr zu verwundern, dass es allein war.

Auch sie spürte Lust herumzulaufen, sich Bewegung zu machen und dabei hätte sie sich gleichzeitig doch ebensogern niedergelegt, hätte die Glieder gestreckt und sich in der lauen Luft ausgeruht. Noch unentschlossen ging sie einige Schritte und machte, von einem tierischen Behaglichkeitsgefühl beseelt, die Augen zu; dann begab sie sich langsam in den Hühnerstall, um nach Eiern zu suchen. Sie brachte deren dreissig heim und ordnete sie im Schranke; doch der Küchengeruch wurde ihr aufs Neue lästig und sie ging abermals hinaus, um sich etwas ins Gras zu setzen.

Das Gehöft, von Bäumen umschattet, schien im Schlafe zu liegen. Das hohe Gras, aus dem der gelbe Löwenzahn wie kleine Flämmchen hervorstach, trug ein sattes Grün, das neue Grün des Frühlings. Rings um den Fuss der Apfelbäume bildete deren Schatten einen dunklen Kreis, und die Strohdächer der Häuser, aus deren Gipfel die schwertartigen Blätter der Iris hervorragten, dampften etwas, als ob die Feuchtigkeit der Scheunen und Ställe durch das Stroh entwiche.

Die Magd kam zu dem Wagenschuppen, wo man die Karren und sonstiges Ackergerät aufbewahrte. Dort befand sich an der Biegung des Grabens eine grosse Grube, in welcher zahllose Veilchen ihren zarten Duft verbreiteten, und über deren Rand hinweg man auf das Feld sehen konnte. Es war eine grosse Fläche, auf der das Getreide heranwuchs; dazwischen standen einzelne Baumgruppen. Hin und wieder bemerkte man in der Ferne arbeitende Menschen, die sich wie Puppen ausnahmen, Schimmel so gross wie ein Spielzeug, die ein Kinderkärrchen zogen und von einem Manne geführt würden, der nicht höher schien wie ein Finger.

Sie holte aus der Scheune ein Strohbündel und warf es in die Grube, um sich darauf zu setzen; aber es passte ihr so noch nicht und sie löste das Strohband, breitete das Bündel aus und legte sich, die Hände unter den Kopf und die Füsse langgestreckt, auf den Rücken.

Ganz langsam schloss sie die Augen in süsser Behaglichkeit halb entschlummernd. Sie wäre beinahe ganz eingeschlafen, hätte sie nicht plötzlich auf ihrer Brust zwei Hände gespürt, infolge dessen sie mit einem Satz in die Höhe sprang. Es war Jacques, der Knecht, ein grosser, wohlgewachsener Picarde, der ihr seit einiger Zeit schon nachging. Er arbeitete gerade in der Schäferei, und da er gesehen hatte, dass sie ihr schattiges Plätzchen aufsuchte, war er ganz leise, mit verhaltenem Atem und lüsternen Augen, die Haare noch voll Stroh, herbeigeschlichen.

Er versuchte sie zu küssen; aber sie stiess ihn, ebenso stark wie er, mit Leichtigkeit von sich; und er bat sie heuchlerisch um Verzeihung. Dann setzten sie sich beide hin und plauderten freundschaftlich. Sie sprachen vom Wetter, das so günstig für die Ernte wäre, von der schönen Jahreszeit, von ihrem Herrn, wie gut er sei, dann von den Nachbarn, vom ganzen Lande, von ihnen selbst, von ihrem Dorfe, ihrer Jugend, ihren Erinnerungen, ihren Eltern, die sie auf so lange Zeit, vielleicht für immer hätten verlassen müssen. Ihr wurde weich zu Mute, als sie an alles dieses dachte, und er, mit seinem unbezähmbaren Verlangen, rückte wieder näher zu ihr hin, sodass ihre Schultern sich berührten und er vor Begehrlichkeit erschauerte.

»Ich habe meine Mutter lange nicht gesehen«, sagte sie; »es ist hart, wenn man immer so getrennt ist.« Und ihr Auge schweifte sinnend in die Ferne, über den ganzen Horizont, weit nach Norden, tief da unten, wo ihr Heimatsdörfchen lag.

Plötzlich nahm er die Gelegenheit wahr, umarmte sie und wollte sie von Neuem küssen; aber sie schlug ihm mit der geschlossenen Faust so kräftig ins Gesicht, dass seine Nase zu bluten anfing. Er sprang auf und stützte sich an einen Baumstumpf. Da wurde sie doch mitleidig, und auf ihn zugehend frug sie:

»Hat es Dir sehr wehe gethan?«

Er fing an zu lachen. Nein, es wäre nichts gewesen; sie hätte nur gerade die falsche Stelle getroffen. »Verfluchte Hexe!« sagte er leise für sich und sah sie voll Bewunderung an; ein gewisser Respekt, eine Zuneigung ganz andrer Art, der Anfang einer wirklichen Liebe zu diesem kecken Mädchen hatte ihn ergriffen.

Als das Blut zu tropfen aufgehört hatte, schlug er ihr vor, einen kleinen Gang zu machen, denn er fürchtete die starke Hand seiner Nachbarin, wenn sie so nahe beisammen geblieben wären. Aber sie nahm von selbst seinen Arm, wie es die Verlobten bei ihren abendlichen Spaziergängen machen und sagte:

»Das ist nicht brav von Dir, Jacques, dass Du so wenig Achtung vor mir hast.«

Er widersprach. Nein, an Achtung fehle es ihm nicht; aber er sei eben furchtbar verliebt.

»Du willst mich also wirklich heiraten?« frug sie ihn.

Er zögerte anfangs, dann sah er sie von der Seite an, während ihre Augen wieder traumverloren in die Ferne schweiften. Sie hatte rote volle Wangen, ihr kattunenes Leibchen umschloss eine volle, üppige Brust, ihre Lippen waren frisch und an ihrem halboffenen Halse glänzten kleine Schweissperlchen. Er fühlte sich von neuer Leidenschaft bewältigt, und indem er seinen Mund ihrem Ohre näherte, flüsterte er:

»Ja, ich werde Dich heiraten.«

Da umschlang sie seinen Hals mit beiden Armen und küsste ihn so lange, bis sie beide fast den Atem verloren.

Von dieser Zeit an begann für sie die alte und doch ewig neue Liebesgeschichte. Sie hockten in allen Winkeln zusammen, sie trafen sich beim Mondenschein im Schutze eines Heuschobers und traten sich beim Essen mit ihren schweren beschlagenen Schuhen unter dem Tische fast die Knie blau.

Dann schien Jacques allmälig die Geschichte langweilig zu finden; er ging Rose aus dem Wege, sprach nicht mehr mit ihr und vermied es, allein mit ihr zusammen zu sein. In ihr stiegen langsam Zweifel an seiner Treue auf und es bemächtigte sich ihrer eine tiefe Traurigkeit. Nach einiger Zeit fühlte sie, dass ihr Umgang mit Jacques nicht ohne Folgen geblieben war.

Anfangs wusste sie in ihrer Bestürzung keinen Rat, dann aber geriet sie in heftigen Zorn, der sich von Tag zu Tag steigerte, weil er sorgfältig jedes Zusammentreffen mit ihr vermied.

Schliesslich eines Nachts, als Alles im Hofe schlief, schlüpfte sie leise nur im Rock aus ihrer Kammer, huschte mit blossen Füssen über den Hof und stiess die Thür des Stalles auf, wo Jacques auf einem ganz mit Stroh gefüllten Hängeboden über seinen Pferden schlief. Als er sie kommen hörte, stellte er sich laut schnarchend, aber sie schwang sich hinauf, und neben ihm niederknieend weckte sie ihn mit derben Püffen.

»Was willst Du?« fragte er sich aufrichtend.

»Ich will«, sagte sie laut, vor Wut zitternd und mit den Zähnen knirschend, »ich will, dass Du mich heiratest, denn Du hast mir die Ehe versprochen.«

»Sehr gut«, sagte er lachend, »man hätte viel zu thun, wenn man jedes Mädchen heiraten wollte, mit dem man sich eingelassen hat.«

Aber mit einem Griff hatte Rose ihn an der Gurgel gepackt, warf ihn hintenüber, ehe er sich von seiner Bestürzung erholen konnte und würgte ihn, während sie über ihn gebeugt ihm ins Gesicht schrie:

»Ich bin schwanger, hörst Du? ich bin schwanger!«

Er holte stöhnend Atem und so blieben sie alle Beide eine Zeitlang fast regungslos und stumm in dieser nächtlichen Stille, die nur durch das Schnauben eines Pferdes unterbrochen wurde, welches sich einen Strohhalm aufsuchte und denselben langsam zerkaute. Da Jacques einsah, dass sie die Stärkere war, so stammelte er endlich:

»Nun gut, da es so steht, muss ich Dich heiraten.«

Aber sie traute seinen Versprechungen nicht:

»Aber sofort!« sagte sie; »Du wirst das Aufgebot gleich verkündigen lassen.«

»Sofort!« antwortete er.

»Schwöre es beim ewigen Gott!«

Nach kurzem Zögern sagte er:

»Ich schwöre es beim ewigen Gott!«

Da liess sie seine Kehle los und ging, ohne noch ein Wort zu sagen, hinaus.

Einige Tage verstrichen, ohne dass sie ihn sprechen konnte und die Stallthüre war seit jener Nacht jedesmal sorgfältig verschlossen; aus Furcht vor einem Skandal wagte sie kein Geräusch zu machen.

Dann sah sie eines Morgens zur Frühsuppe einen anderen Knecht eintreten.

»Ist Jacques fort?« frug sie.

»Allerdings; ich bin an seine Stelle gekommen.«

Sie begann so heftig zu zittern, dass sie den Wasserkessel nicht loshaken konnte; dann ging sie, als Alles bei der Arbeit war, in ihre Kammer hinauf und weinte, das Gesicht in ihre Kissen vergrabend, damit sie Niemand hörte. Im Laufe des Tages suchte sie sich zu erkundigen; aber sie hatte so das Bewusstsein ihres Unglücks, dass sie ein malitiöses Lächeln auf den Gesichtern aller Leute zu sehen glaubte, die sie frug. Im Übrigen brachte sie nur in Erfahrung, dass er die Gegend für immer verlassen habe.

II.

Nun begann für sie ein Leben der fortgesetzten Qual. Sie arbeitete maschinenmässig, ohne sich etwas bei ihrer Arbeit zu denken. Die einzige Idee, die sie beständig beherrschte, war: »Wenn man es erfahren würde.«

Diese fortwährende Besorgnis machte sie so unfähig, ruhig nachzudenken, dass sie nicht einmal auf ein Mittel sann, um den Skandal zu vermeiden, den sie von Tag zu Tag unwiderruflich und sicher, wie den Tod, herankommen sah.

Jeden Tag, wenn die Andren noch schliefen, stand sie auf und suchte mit ängstlicher Beharrlichkeit den Umfang ihrer Taille in einem kleinen Glasscherben zu studieren, welcher ihr als Spiegel diente; immer fürchtend, dass es der heutige Tag sei, an dem man ihre Schande bemerken würde.

Und tagsüber unterbrach sie alle Augenblicke ihre Arbeit und schaute nach unten, ob ihre zunehmende Stärke nicht schon an der Lage der Schürze kenntlich würde.

Monate vergingen. Sie sprach fast nicht mehr, und wenn man sie nach etwas frug, so begriff sie kaum, schreckte zusammen, riss die Augen auf und zitterte an den Händen, sodass ihr eines Tages der Herr sagte:

»Armes Mädchen! Wie einfältig bist Du doch seit einiger Zeit!«

In der Kirche verbarg sie sich hinter einem Pfeiler und wagte nicht mehr zur Beichte zu gehen, aus Furcht vor dem Pfarrer, dem sie die übermenschliche Gabe zutraute, im Herzen seiner Pfarrkinder lesen zu können.

Bei Tisch verging sie fast vor Angst, wenn ihre Gefährtinnen sie anschauten, und glaubte sich fortwährend von dem Kuhjungen entdeckt, einem vorlauten, listigen Burschen, dessen lauerndes Auge stets auf ihr ruhte.

Eines Morgens brachte ihr der Postbote einen Brief. Noch niemals hatte sie einen bekommen, und sie war so erschrocken, dass sie sich hinsetzen musste. War er vielleicht von ihm? Aber weil sie nicht lesen konnte, so hielt sie angstvoll zitternd das tintenbefleckte Papier in der Hand. Sie steckte es in die Tasche; da sie Niemandem ihr Geheimnis anzuvertrauen wagte, hielt sie öfters in der Arbeit inne, um längere Zeit diese gleichmässigen Linien zu betrachten, unter welchen sich ein amtlicher Stempel befand; sie hatte eine stille Hoffnung, dass es ihr plötzlich gelingen würde, den Sinn zu erraten. Endlich, da sie vor Unruhe und Ungeduld beinahe verging, suchte sie den Schulmeister auf und dieser las ihr, nachdem er ihr einen Stuhl angeboten hatte, Folgendes vor:

»Liebe Tochter!

Mit Gegenwärtigem wollte ich Dir mitteilen, dass es mir sehr schlecht geht. Unser Nachbar, Meister Dentu, hat es übernommen Dir zu schreiben, dass Du kommen möchtest, wenn Du kannst.

Für Deine treue Mutter

Caesar Dentu, Adjunkt.«

Schweigend ging sie von dannen; aber sobald sie allein war, brach sie am Rande des Weges zusammen, denn ihre Füsse wollten sie nicht mehr tragen. Dort blieb sie bis zum Einbruch der Nacht.

Beim Nachhausekommen klagte sie dem Herrn ihr Leid, und dieser erlaubte ihr, so lange als sie wollte zu verreisen, wenn eine Tagelöhnerin ihre Arbeit verrichten wolle; er versprach ihr auch, sie bei der Rückkehr wieder in Dienst zu nehmen.

Ihre Mutter war bereits bewusstlos und starb am Tage ihrer Ankunft; am nächsten Tage gebar Rose ein Kind von sieben Monaten. Es war ein abschreckendes kleines Wurm von schauderhafter Magerkeit, das fortwährend Schmerzen zu haben schien; so krampfhaft ballte es seine armen Händchen zusammen, die fleischlos wie Krabbenfüsse waren.

Es blieb indessen am Leben.

Sie erzählte, dass sie verheiratet sei, dass sie sich aber jetzt mit dem kleinen Wesen nicht belasten könne; und so liess sie es bei Nachbarsleuten, die es gut zu pflegen versprachen.

Nach kurzer Zeit kehrte sie in ihren Dienst zurück. Aber nun erhob sich in ihrem so lange gequälten Herzen gleich der Morgenröte eine bis dahin ungeahnte Liebe für das zarte kleine Wesen, das sie da unten zurückgelassen hatte; und diese Liebe war selbst wieder eine Quelle neuer Leiden für sie, denn stündlich, ja fast in jeder Minute fühlte sie den herben Trennungsschmerz.

Was sie besonders quälte war ein geradezu wahnsinniges Verlangen, es zu umarmen, es an ihre Brust zu legen, die Wärme seines kleinen Körpers an sich selbst zu verspüren. Bei Nacht schlief sie nicht und bei Tage dachte sie unausgesetzt daran; abends nach beendeter Arbeit setzte sie sich ans Feuer und blickte stier in die Flammen, wie Jemand, dessen Gedanken in der Ferne weilen.

Die Leute fingen schon an, sich darüber aufzuhalten und sie damit zu necken, dass sie gewiss einen Liebhaber irgendwo hätte; man frug sie, ob er hübsch und gross, ob er reich sei, wann die Hochzeit und wann Taufe sein würde. Oft flüchtete sie sich hinaus, um für sich allein zu weinen; denn diese Fragen schnitten ihr wie ein Dolch ins Herz.

Um sich auf andere Gedanken zu bringen, arbeitete sie wie toll drauf los und war nur bedacht, wie sie möglichst viel Geld für ihr armes kleines Wurm ersparen könnte.

Sie wollte so fleissig arbeiten, dass man ihr den Lohn erhöhen müsste.

Allmälig riss sie alle Besorgungen auf dem Hofe an sich, eine Magd wurde entlassen, da sie für zweie arbeitete; sie sparte am Brote, am Öl, am Licht, am Korn, das man den Hühnern zu reichlich streute, und am Futter für das Vieh, das man bis dahin vielfach verschleudert hatte. Sie geizte mit dem Gelde des Herrn, als sei es ihr eigenes; und damit möglichst billig eingekauft und die Erzeugnisse des Hofes so teuer wie möglich verkauft würden, besorgte sie alle diese Geschäfte selbst. Sie führte die Aufsicht über die Arbeitsleute und über alles, was auf dem Hofe vorging. Sie war so sorgsam, dass der Hof unter ihrer Aufsicht einen sichtbaren Aufschwung nahm. Auf zwei Meilen in der Runde sprach man nur von der »Magd des Meister Vallin« und ihr Herr pflegte oft zu sagen: »Dieses Mädchen ist mehr wie Gold wert.«

Indess, die Zeit verging, und ihr Lohn blieb derselbe. Man nahm ihre übertriebene Arbeit als etwas an, was jede treue Magd thut, als den Beweis eines wirklich guten Willens; und allmälig berechnete sie mit einer gewissen Bitterkeit, dass, während der Herr monatlich fünfzig bis hundert Thaler mehr einnehme, sie stets nur ihre zweihundertundvierzig Francs, nicht mehr und nicht weniger, jährlich verdiene.

Sie entschloss sich, um eine Zulage zu bitten. Dreimal suchte sie den Herrn auf, aber jedesmal, wenn sie vor ihm stand, sprach sie von andren Dingen. Sie schämte sich gewissermassen Geld zu verlangen, als wenn das etwas Unanständiges wäre. Eines Tages endlich, als der Pächter allein in der Küche frühstückte, sagte sie ihm mit verlegener Miene, sie müsse ihm etwas Besonderes mitteilen. Er schaute erstaunt auf, beide Hände auf den Tisch gestützt; in der einen hielt er das Messer mit der Spitze nach oben, in der andren ein Stück Brot. So blickte er unverwandt auf seine Magd. Sie wurde bei diesem Blick ganz fassungslos und bat ihn, auf acht Tage nach Hause gehen zu dürfen, weil ihr nicht ganz wohl sei.

Er erlaubte ihr das sofort und sagte dann selbst etwas verlegen:

»Ich habe übrigens auch mit Dir zu reden, wenn Du wiederkommst.«

III.

Das Kind war nun schon acht Monate alt; sie hätte es nicht wiedererkannt. Es war ganz rosig, voll und rund, wie ein kleiner lebendiger Fettklumpen geworden. Seine Fingerchen, die unter kleinen Fettwulsten verschwanden, bewegten sich leise mit einem sichtbaren Ausdruck von Behagen. Sie warf sich darauf wie ein Geier auf die Beute und küsste es so heftig, dass es vor Furcht zu weinen begann. Aber auch ihren Augen entströmten Thränen der Eifersucht, als sie sah, dass es sie nicht wiedererkannte, dagegen seine Ärmchen der Ziehmutter entgegenstreckte, sobald es dieselbe bemerkte.

Am nächsten Tage aber hatte es sich schon an ihr Gesicht gewöhnt und lachte, wenn es sie sah. Sie trug es ins Freie hinaus, rannte wie närrisch mit ihm herum, es vorsichtig wie ein Spielzeug in den Händen haltend, und setzte sich schliesslich mit ihm unter den Schatten der Bäume. Dann öffnete sie zum ersten Mal in ihrem Leben ihr Herz diesem kleinen Wessen, das ja freilich noch nichts von all' ihrem Leid, ihren Sorgen, ihren Hoffnungen und ihren Arbeiten verstand. Aber es that ihr doch so wohl, so unendlich wohl, zu ihm zu sprechen, und sie erdrückte es fast unter der stürmischen Gewalt ihrer Küsse.

Sie freute sich selbst wie ein Kind, es auf den Armen zu wiegen, es zu waschen und anzuziehen, ja selbst seine kleinen Schmutzereien zu reinigen, als wenn diese Beschäftigung ihr erst das rechte Bewusstsein der Mutterschaft gegeben hätten. Immer und immer wieder musste sie es anschauen, ob es ihr denn auch wirklich gehöre, und dann schaukelte sie es auf den Armen und flüsterte zärtlich: »Mein Kleinod! mein süsses Kleinod!«

Auf dem Rückwege zum Pachthofe weinte sie die ganze Zeit. Kaum war sie angekommen, als der Pächter sie auch schon zu sich ins Zimmer rief. Sehr erstaunt und eigentümlich bewegt, ohne recht zu wissen warum, folgte sie dem Rufe.

»Setz Dich«, sagte er.

Sie setzte sich und so sassen sie einige Augenblicke nebeneinander, beide sehr verlegen, mit verschränkten Armen und ohne sich anzusehen, wie es eben Landleute zu machen pflegen.

Der Pächter, ein starker Mann in den Vierzigern, zweimal bereits Witwer, gutmütig und eigensinnig zugleich, zeigte diesmal eine Verlegenheit, die man sonst bei ihm nicht gewohnt war. Endlich raffte er sich auf und begann zu sprechen, ohne sie anzusehen, während seine Stimme zitterte und er sein Gesicht zum Fenster hinaus dem Felde zuwandte:

»Rosa«, sagte er, »hast Du niemals daran gedacht, Dir ein Heim zu schaffen?«

Sie wurde bleich wie der Tod; es war ihr unmöglich zu antworten.

»Du bist ein wackeres Mädchen«, fuhr er fort. »Eine Frau wie Du könnte einen Mann glücklich machen.«

Sie regte sich noch immer nicht; ihre Augen waren starr. Sie suchte nicht einmal den Sinn seiner Worte richtig zu verstehen; so sehr verwirrten sich ihre Gedanken wie beim Einbruch einer grossen Gefahr. Er wartete noch einen Augenblick, dann begann er aufs neue:

»Ein Hof ohne Herrin, weisst Du, das geht auf die Dauer nicht, selbst mit einem Mädchen wie Du.«

Mehr wusste er für den Augenblick nicht zu sagen und schwieg daher. Rosa starrte ihn so verblüfft an, wie Jemand, der einen Mörder vor sich sieht, und bereit ist, bei der ersten Bewegung desselben die Flucht zu ergreifen.

Nach fünf Minuten endlich frug er:

»Na, sag mal! Passt es Dir also?«

»Was, Herr?« sagte sie mit blöder Miene.

»Nun, mich zu heiraten, Mädchen!« brach er endlich los.

Sie richtete sich plötzlich auf, dann sank sie aber wie gebrochen auf ihren Stuhl zurück, auf dem sie regungslos sitzen blieb, wie Jemand, den ein schweres Unglück betroffen hat. Der Pächter wurde schliesslich ungeduldig.

»Nun so lass doch hören, was fehlt Dir denn eigentlich?« Sie betrachtete ihn wie geistesabwesend; dann traten ihr plötzlich die Thränen in die Augen und laut schluchzend rief sie:

»Ich kann nicht. Ich kann nicht!«

»Warum denn nicht?« frug Jener. »Vorwärts, sei nicht kindisch; ich gebe Dir bis morgen Bedenkzeit.«

Und er ging eilig hinaus, überaus froh, dass er diese heikle Angelegenheit für heute hinter sich hatte. Er zweifelte nicht, dass morgen seine Magd einen Vorschlag annehmen würde, der ihr heute etwas unerwartet kommen musste; für ihn selbst konnte sich ja nichts Besseres finden, als dieser Ausweg, für immer ein Wesen an sich zu fesseln, das ihm sicherlich zehnmal mehr Vorteile brachte, als die beste Mitgift weit und breit.

Das Bedenken einer Missheirat konnte für sie beide nicht existieren; denn auf dem Lande sind alle untereinander mehr oder weniger gleich. Der Herr arbeitet wie sein Knecht, welcher nicht selten seinerseits auch 'mal Herr wird; und was die Mägde anbetrifft, so verwandeln sich diese jeden Augenblick in Hausfrauen, ohne dass in ihrem Leben und ihren Gewohnheiten deshalb eine grosse Veränderung eintritt.

Rose ging in jener Nacht nicht zu Bett. Sie sass auf demselben und hatte nicht 'mal mehr die Kraft zu weinen; so fassungslos war sie. Regungslos sass sie da; sie fühlte ihre Glieder kaum, und ihre Gedanken waren entschwunden, als hätte sie ihr Jemand mit einem jener Instrumente herausgeschnitten, deren sich die Wollkämmer bedienen, um die Wolle der Matratzen auszuzupfen.

Hin und wieder nur sammelte sie mühsam einen Rest von Nachdenken und suchte sich auszumalen, was nun werden sollte.

Ihre Besorgnis wuchs immer mehr, und jedesmal, wenn durch die tiefe Stille der Nacht die grosse Küchenuhr langsam den Verlauf einer Stunde ankündigte, brach ihr der Angstschweiss aus. Immer trüber wurde ihr Verstand, immer heftiger der Druck auf ihrem Kopfe, ihr Licht war ausgebrannt; zuletzt fing sie richtig an zu fiebern. Sie verfiel in eine Art leichten Phantasierens, wie man es gerade auf dem Lande bei Leuten findet, die sich von einem schweren Schicksalsschlage bedroht fühlen. Ein wahnsinniges Verlangen, demselben zu entgehen, abzureisen, gewissermassen vor dem drohenden Unheil zu flüchten, wie das Schiff vor dem Orkan, wurde in ihrem Herzen rege.

Vor ihrem Fenster klagte ein Käuzchen; zitternd fuhr sie in die Höhe, strich sich mit den Händen übers Gesicht, griff an ihre Haare und betastete sich wie eine Närrin am ganzen Körper. Dann stieg sie mit den Bewegungen einer Nachtwandlerin die Treppe herunter. Als sie auf dem Hofe ankam, kroch sie in gebückter Haltung weiter, um nicht etwa durch einen Knecht, der von einer Nachtschwärmerei vielleicht heimkehrte, überrascht zu werden; denn der Mond schien hell auf alle Gegenstände. Statt das Thor zu öffnen, kroch sie über die Böschung, und erst, als sie sich im freien Felde befand, wagte sie aufrecht weiter zu gehen. Sie ging geradeaus mit vorgebeugtem Kopf und flüchtigem Schritt, und stiess unwillkürlich von Zeit zu Zeit einen durchdringenden Schrei aus. Ihr Schatten fiel in riesigen Umrissen auf den Boden und verfolgte sie wie ein Gespenst; zuweilen flog ein erschreckter Nachtvogel auf und flatterte mit mattem Flügelschlage über ihrem Haupte. Die Hofhunde bellten, wenn sie ihren Schritt vernahmen. Einer sprang heraus und folgte ihr bissig nach; aber sie wandte sich mit einem solchen Geheul zu ihm herum, dass er mit eingeklemmten Schweif davonrannte, in seine Hütte kroch und sich leise wimmernd ausstreckte.

Auf einem Felde spielte ein ganzes Rudel Hasen; als aber die flüchtige Wanderin gleich einer rasenden Diana daherkam, stoben sie schleunigst auseinander. Die Jungen duckten sich mit der Alten in eine Furche, während der alte Rammler fast nach jedem Sprunge ein Männchen machte und sichernd seine grossen Löffel spitzte. Das Licht des untergehenden Mondes warf seinen Schatten in zehnfacher Vergrösserung auf den hellen Acker, so dass er nicht minder gespenstig aussah, wie das dahineilende Weib. Der Mond glich einer riesigen Laterne, die am Rande des Horizontes niedergestellt war.

Am Himmel verlöschten die Sterne einer nach dem andern; einzelne Vögel begannen zu piepen. Der Tag brach an. Die arme Rose keuchte vor Anstrengung, und als aus dem Purpur-Vorhang des Morgenrotes die Sonne hervortauchte, stand sie still.

Ihre geschwollenen Füsse verweigerten den Dienst, aber sie bemerkte in der Nähe ein Wasser, einen grossen Teich, dessen unbewegliche Fläche im Scheine der aufgehenden Sonne blutig-rot schien. Langsam, die Hand auf das heftig pochende Herz gedrückt, hinkte sie auf denselben zu, um ihre Füsse in das Wasser zu tauchen.

Sie setzte sich auf einen Grashügel, zog die dicken, staubigen Schuhe aus, legte die Strümpfe ab und senkte die blauangelaufenen Unterschenkel in die unbewegliche Flut, aus der einzelne Luftblasen aufstiegen.

Eine erquickende Frische drang langsam von den Fussspitzen bis zu ihrem Kopfe herauf, und während sie noch mit irrem Blick in das tiefe Wasser starrte, überkam sie plötzlich ein unbezähmbares Verlangen, ganz in demselben unterzutauchen. Da drinnen würden ihre Leiden für immer ein Ende haben. Sie dachte nicht mehr an ihr Kind; sie wollte Frieden finden, völlige Ruhe, ewigen Schlaf. Sie richtete sich auf und ging mit hochgehobenen Händen zwei Schritte weiter. Schon stand sie bis am Gürtel im Wasser und war im Begriff, sich vorzustürzen, als brennende Schmerzen an den Füssen sie unwillkürlich zurückspringen liessen. Sie stiess einen lauten Schrei aus, denn von ihren Knieen bis zu den Fussspitzen tranken lange schwarze Blutegel ihr Leben und blähten sich, an ihr festgesaugt, mächtig auf. Sie wagte nicht, nochmals hereinzugehen, und heulte vor Schreck. Ihre Verzweiflungsschreie riefen einen Landmann herbei, der in der Nähe vorüberfuhr; dieser nahm die Blutegel, einen nach dem andern, ab, legte Kräuter auf die Bisswunden und brachte das unglückliche Wesen auf seinem Wagen nach dem Hofe ihres Herrn zurück.

Vierzehn Tage musste sie das Bett hüten, dann stand sie wieder auf und setzte sich vor die Hausthür, um die schöne Luft einzuatmen. Es dauerte nicht lange, so stand der Pächter auch schon vor ihr.

»Die Sache ist also abgemacht?« sagte er.

Anfangs wusste sie nichts zu sagen; als er aber so vor ihr stand und sie mit erregtem Blick ansah, hauchte sie mühsam hervor:

»Nein, Herr! ich kann nicht.«

Das machte ihn wütend und er rief heftig:

»Du kannst nicht, Du, die Magd; warum denn nicht?«

Sie fing wieder an zu weinen und sagte nochmals:

»Ich kann nicht.«

Er musterte sie scharf und schrie ihr dann ins Gesicht:

»Du hast also einen Liebhaber?«

»Sehr gut möglich, vielleicht«, sagte sie zitternd vor Scham.

Rot wie ein Puter stotterte er fast vor Zorn:

»Ah! Du giebst es auch noch zu, Dirne! Wer ist es denn, Dein schöner Galan? Ein Kerl ohne Strümpfe und Schuhe, ein Bettler, ein Vagabund, ein Hungerleider? Wer ist es denn, sag's doch, wer es ist!«

Und als sie schwieg, fuhr er fort:

»Aha! Du willst nicht . . . dann will ich's Dir sagen: Es ist Jean Baudu?«

»Oh nein, der nicht«, schrie sie auf.

»Dann ist es Peter Martin?«

»Oh nein, Herr!«

Und so nannte er, ganz ausser sich, der Reihe nach alle Burschen der Umgegend, während sie, ganz aufgelöst und sich alle Augenblicke mit dem Schürzenzipfel die Augen wischend, jedesmal verneinte. Aber er liess nicht nach, sein starrer Sinn wollte das Geheimnis ergründen, und wenn er ihr das Herz zerreissen müsste. Er war wie ein Jagdhund, der den ganzen Tag eine Fährte verfolgt, um endlich das Tier zu erhaschen, dessen Spur er wittert. Plötzlich schrie er auf:

»Ah! Mädchen! Es ist Jacques, der Knecht im vorigen Jahr! Man wusste ja, dass Ihr Euch traft und dass er Dir die Ehe versprach.«

Rose erstickte fast; eine Blutwelle ergoss sich über ihr Gesicht und ihre Thränen versiegten plötzlich. Sie trockneten auf ihren Wangen, als wären sie über einen heissen Stein gelaufen.

»Nein!« rief sie laut, »der nicht; der ganz gewiss nicht.«

»Ist das ganz sicher?« frug der Pächter misstrauisch, der eine Spur von der Wahrheit witterte.

»Ich schwöre es Euch, Herr!« antwortete sie hastig, »ich schwöre es Euch . . .«

Sie suchte nach etwas, worauf sie schwören könnte; denn sie wagte nicht, das Heiligste mit dieser Sache zu vermischen.

»Er folgte Dir aber doch in alle Ecken«, unterbrach er sie, »und verzehrte Dich bei Tisch mit seinen Blicken. Hast Du ihm Deinerseits Treue gelobt, sprich!«

Dieses Mal schaute sie ihrem Herrn offen ins Gesicht.

»Nein, niemals! niemals! Ich schwöre es bei Gott, wenn er heute um mich anhielte, ich würde ihn nicht nehmen.«

Ihre Miene war so aufrichtig, dass der Pächter inne hielt. Er fuhr wie im Selbstgespräch fort:

»Aber was denn dann? Ein Unglück ist Dir nicht widerfahren, das hätte man ja gehört. Und welches Mädchen würde die Hand seines Herrn zurückweisen, wenn keine Folgen von früher da sind? Aber es muss doch etwas vorliegen?«

Von Angst gefoltert konnte sie nicht mehr antworten.

»Du willst nicht?« frug er nochmals.

»Ich kann nicht, Herr!« seufzte sie.

Und er drehte ihr den Rücken und ging.

Sie glaubte endlich Ruhe zu haben und verbrachte den Rest des Tages fast in heiterer Stimmung, aber geistig doch so stumpf und gleichgültig, als hätte sie an Stelle des alten Schimmels in der Dreschmaschine gehen müssen.

Sobald als möglich legte sie sich nieder und schlief sogleich ein.

Gegen Mitternacht wurde sie durch ein Zupfen an ihrer Bettdecke wach. Sie zitterte vor Schrecken, hörte aber zugleich die Stimme des Pächters, der ihr sagte:

»Nur ruhig, Rose, ich bin's, um mit Dir ein Wort zu reden.«

Sie war anfangs erstaunt; als er sich aber dann immer noch an ihrer Decke zu schaffen machte, begriff sie, was er wollte und fing noch heftiger an zu zittern. Was sollte sie machen, so allein in der Dunkelheit, noch halb schlaftrunken, im Bett und unbekleidet, mit diesem Manne, der nach ihr verlangte? Sie willigte nicht ein, wahrhaftig nicht, aber sie widerstand auch nicht energisch. Sie bekämpfte zwar die Begierde, die bei diesen einfachen Naturen immer viel lebhafter ist, aber sie war doch nur ein Weib und ihre Willensstärke war nicht gross genug. Anfangs wich sie den heissen Küssen des Pächters aus, indem sie den Kopf bald rechts, bald links wandte, und sie suchte ihn sich auf alle Weise auch sonst fern zu halten; aber schliesslich siegte die rohe Kraft und die wilde Begehrlichkeit des Mannes, und sie gab ihren Widerstand auf, während sie vor Scham das Gesicht mit den Händen bedeckte.

Der Pächter blieb die Nacht über bei ihr. Er kam den folgenden Abend und dann schliesslich jede Nacht.

So lebten sie nun zusammen.

Eines Morgens sagte er zu ihr:

»Ich werde unser Aufgebot verkündigen lassen. Nächsten Monat soll unsere Hochzeit sein.«

Sie antwortete nicht. Was hätte sie auch noch sagen sollen? Sie wagte keinen Widerspruch; es war ja doch umsonst.

IV.

Sie war nun verheiratet. Es war ihr zu Mute, als befände sie sich in einer tiefen Grube, aus der keine Flucht möglich war, und als schwebten über ihrem Kopf alle Arten von Unglück wie riesige Felsen, jeden Augenblick bereit, auf sie niederzustürzen. Ihr Gatte kam ihr vor wie Jemand, den sie bestohlen hatte und der dies eines Tages merken würde. Und dann dachte sie an ihr Kind, von dem all' ihr Unglück kam, das aber auch zugleich ihr einziges Glück auf Erden ausmachte.

Zweimal im Jahre besuchte sie es und kam jedesmal trauriger nach Hause.

Allein mit der Zeit gewöhnt man sich an alles. Ihr Herz wurde ruhiger, und sie sah mit mehr Vertrauen auf ihre jetzige Lage, die nur hin und wieder noch durch eine flüchtige Regung der Furcht beeinträchtigt wurde.

Die Zeit verging. Das Kind war nun schon sechs Jahre alt. Sie war jetzt sogar fast glücklich, als plötzlich bei dem Pächter eine finstere Stimmung sichtlich immer mehr Platz griff.

Schon seit zwei oder drei Jahren schien er an einer inneren Unruhe zu leiden, irgend eine Sorge mit sich herumzutragen, irgend einen bösen Gedanken, der von Tag zu Tag wuchs. Wenn das Essen schon vorüber war, blieb er noch lange am Tische sitzen, den Kopf in den Händen vergraben, traurig, so traurig, als würde er von einem tiefen Kummer verzehrt. Er sprach lauter, ja barsch zuweilen, und es schien unwillkürlich, als habe er einen Hintergedanken gegen seine Frau, denn er begegnete ihr öfters mit Rauheit, ja mit Zorn sogar.

Eines Tages kam ein Nachbarsjunge in den Hof, um Eier zu holen. Da sie gerade sehr beschäftigt war, liess sie ihn etwas barsch an, als plötzlich hinter ihr ihr Mann mit boshaftem Tone sagte:

»Wenn das Dein Kind wäre, würdest Du es nicht so anfahren.«

Sie stand einen Augenblick sprachlos da; dann ging sie müden Schrittes ins Haus zurück. Alle ihre Qualen waren aufs Neue erwacht.

Bei Tisch sprach der Pächter nicht mit ihr und sah sie kaum an; er schien sie zu verabscheuen und zu verachten. Er musste etwas wissen.

Sie verlor den Kopf und wagte nicht, nach dem Essen mit ihm allein zu bleiben. Sie ging hinaus und lief zur Kirche.

Der Abend brach herein. Das schmale Schiff der Kirche war schon ganz dunkel, aber sie hörte Schritte da unten am Chor; es war der Sakristan, der die ewige Lampe vor dem Altare für die Nacht zurechtmachte. Dieser Lichtschimmer, der aus dem Dunkel des Gewölbes auftauchte, erschien Rose wie der Verkünder einer letzten Hoffnung; sie warf sich auf die Kniee und betete, die Augen auf den Altar geheftet.

Knisternd brannte die kleine Flamme neu empor. Bald schlürften wieder Tritte durch den Gang, denen das gleichmässige Geräusch eines an der Mauer sich reibenden Strickes folgte: Die kleine Glocke der Kirche rief zum »Angelus.« Als der Mann herausging, schloss sich Rose ihm an.

»Ob der Herr Pfarrer wohl zu Hause ist?« frug sie.

»Ich glaube wohl;« antwortete er, »er speist immer nach dem Angelus.«

Mit zitternder Hand öffnete sie die Thüre des Pfarrhauses.

Der Pfarrer war gerade beim Essen und hiess sie sich setzen.

»Ja, ja«, sagte er, »Euer Mann hat mir schon von dem gesprochen, was Euch zu mir führt.«

Die arme Frau knickte zusammen.

»Was giebt es also, mein Kind?« fuhr der Priester fort, und ass schnell einige Löffel Suppe, wobei ihm verschiedene Tropfen auf seine etwas fleckige, abgenutzte Soutane fielen.

Rose wagte nicht zu sprechen; sie vermochte es nicht, ihr Leid zu klagen und ihn um Hilfe zu bitten. Stumm erhob sie sich.

»Mut! meine Tochter . . .« wollte der Pfarrer fortfahren, aber schon wankte sie hinaus.

Sie kam zum Hof zurück, ohne recht zu wissen, wie sie dahin gelangte. Ihr Mann wartete auf sie; die Arbeitsleute waren schon fortgegangen. Da sank sie von Schmerz überwältigt vor ihm auf die Kniee und frug mit thränenerstickter Stimme:

»Was hast Du doch nur gegen mich?«

»Was ich habe?« schrie er tobend auf, »dass ich keine Kinder habe, bei Gott! Wenn man heiratet, so will man doch das ganze Leben hindurch nicht zu Zweien bleiben. Das ist's, was ich habe. Wenn eine Kuh keine Kälber hat, so taugt sie nichts. Hat eine Frau keine Kinder, so ist sie gleichfalls nichts wert.«

»Es ist doch nicht meine Schuld«, stammelte sie weinend. »Was kann ich denn dafür?«

»Das sage ich auch nicht«, entgegnete er etwas milder gestimmt. »Aber es ist doch gar zu ärgerlich.«

V.

Von diesem Tage an hatte sie nur noch den einen Wunsch, ein Kind zu haben, ein zweites Kind; und sie vertraute aller Welt ihren Wunsch an.

Eine Nachbarin gab ihr ein Mittel an: Sie sollte ihrem Manne jeden Abend ein Glas Wasser mit einer Messerspitze voll Asche zu trinken geben. Der Pächter erklärte sich dazu bereit, aber das Mittel half nichts.

»Vielleicht giebt es dafür irgend ein Geheimmittel«, sagten sie sich und zogen Erkundigungen ein. Man bezeichnete ihnen einen Schäfer, welcher sechs Meilen von dort wohnte; und eines Tages spannte Meister Vallin sein Tilbury ein und fuhr dorthin. Der Schäfer stellte ihm ein Brot zu, auf welchem er gewisse Zeichen gemacht hatte, ein mit besonderen Kräutern durchknetetes Brot, von dem sie Beide, so oft sie zusammen schliefen, vorher und nachher essen sollten.

Bald war das ganze Brot aufgezehrt, ohne dass ein Erfolg eingetreten wäre.

Der Pfarrer riet zu einer Wallfahrt zum heil. Blut von Fécamp. Rose beeilte sich, diesem Rate zu folgen, und pilgerte mit einer grossen Schar von Gläubigen zur Wallfahrtskirche; inständig flehte sie den Himmel an, sie noch einmal zu segnen. Es war umsonst.

Da war sie überzeugt, dass der Himmel sie für ihren ersten Fehltritt bestrafen wolle, und ein ungeheurer Schmerz bemächtigte sich ihrer.

Sie verging vor Kummer; auch ihr Mann alterte sichtlich; er »verzehrte sich selbst« vor innerem Gram, wie man so zu sagen pflegte, hatte aber dabei fast jeden Monat einmal wieder eine neue Hoffnung.

Das Verhältnis zwischen Beiden wurde immer unerträglicher; er beleidigte sie auf alle mögliche Weise und schlug sie schliesslich sogar. Er quälte sie den ganzen Tag und die ganze Nacht mit seinen Vorwürfen und rücksichtslosen Grobheiten.

Eines Nachts, als er schon nicht mehr wusste, welche neue Qual er für sie ersinnen sollte, befahl er ihr aufzustehen und bei dem heftigsten Regen draussen im Hofe auf den Anbruch des Tages zu warten. Als sie nicht folgen wollte, ergriff er sie am Halse und traktierte sie mit Faustschlägen ins Gesicht. Sie sagte nichts und rührte sich nicht. Ausser sich vor Wut kniete er auf ihr; er knirschte mit den Zähnen und hätte sie am liebsten ums Leben gebracht. Da bäumte sich ihr ganzes Innere auf, und mit einer heftigen Bewegung schleuderte sie ihn gegen die Wand, setzte sich auf und rief ihm mit völlig veränderter gellender Stimme zu:

»Ich habe ein Kind, ja, ich habe eins; ich habe es von Jacques, Du weisst schon, von Jacques. Er hätte mich heiraten sollen; aber er hat sich davon gemacht.«

Wie versteinert blieb der Mann an der Wand liegen, er war ebenso ausser sich, wie sie selbst.

»Was sagst Du«, stotterte er; »was sagst Du da?«

Sie konnte nun endlich wieder weinen und stammelte unter heftigem Schluchzen:

»Deshalb wollte ich Dich ja nicht heiraten, blos deshalb. Ich konnte es Dir ja nicht sagen; Du hättest mich mit samt meinem Kinde brotlos gemacht. Du hast ja von so etwas keine Ahnung; Du weisst es nicht, Du fühlst das nicht.«

»Du hast ein Kind? Wirklich, Du hast ein Kind?« wiederholte er immer wieder maschinenmässig, mit stets wachsendem Erstaunen.

»Du hast mich mit Gewalt zur Deinen gemacht«, sagte sie unter heftigem Schluchzen. »Du weisst es doch noch? Ich wollte Dich ja gar nicht heiraten.«

Da stand er auf, zündete Licht an und begann, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer auf und ab zu gehen. Sie weinte fortwährend, sich in die Kissen vergrabend. Plötzlich blieb er vor ihr stehen:

»Also an mir liegt der Fehler?« sagte er. Sie antwortete nicht. Er ging wieder weiter, dann blieb er wieder stehen und frug:

»Wie alt ist denn Dein Kleines?«

»Sechs Jahre ist es geworden«, murmelte sie.

»Aber warum hast Du es mir denn nicht gesagt?« frug er wieder.

»Konnte ich das denn?« seufzte sie.

»Vorwärts!« sagte er, immer noch auf seinem Platze bleibend, »steh auf!«

Mit Mühe erhob sie sich. Dann als sie auf ihren Füssen stand, an die Mauer gelehnt, begann er plötzlich laut zu lachen; es war das gutmütige, herzliche Lachen früherer Tage. Und als sie noch fassungslos blieb, sagte er:

»Nun gut, wir wollen das Kind abholen, da wir doch kein andres haben.«

Sie war so verblüfft, dass sie im ersten Augenblick dachte, er sei närrisch geworden; und sie wäre davon gelaufen, wenn ihr die Kraft nicht gefehlt hätte. Aber der Pächter rieb sich die Hände und sagte halblaut vor sich hin:

»Ich wollte eins adoptieren, jetzt ist eins gefunden; wir haben schon eins. Ich hatte den Pfarrer um ein Waisenkind gebeten.«

Dann küsste er, immerfort lachend, seine ganz erstaunte sprachlose Frau auf beide Wangen und rief, als ob sie nicht gut hören könnte:

»Vorwärts, Mutter, lass sehen, ob es noch etwas Suppe giebt; ich ässe gern einen Teller voll.«

Sie zog ihren Rock an und beide gingen zusammen herunter. Während sie niederkniete und das Feuer unter dem Kessel wieder anzündete, ging er mit grossen Schritten in der Küche auf und ab und wiederholte fortwährend ganz vergnügt:

»Ach, das macht mir wahrhaftig Spass; es ist nicht zu glauben. Aber ich bin vergnügt, sehr vergnügt.«

*


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