Guy de Maupassant
Yvette und Anderes
Guy de Maupassant

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Mamsell Fifi

Schloss Uville in der Normandie hatte seit drei Monaten preussische Einquartierung. In dem Kamine eines eleganten Zimmers brannte ein lustiges Feuer. Vor demselben lehnte, in einem Sessel behaglich ausgestreckt, der Detachements-Kommandeur Major Graf Farlsberg und studierte die neuesten Zeitungen und Briefschaften, die ihm sein Bureauschreiber kurz zuvor gebracht hatte. Seine bespornten Stiefel ruhten auf dem prächtigen Marmor, mit dem der Herd eingefasst war und in dessen glatter Fläche sie allmählich zwei tiefe Rillen eingekratzt hatten.

Neben ihm auf einem eingelegten Tischchen dampfte eine Tasse Kaffee. Das zierliche Möbelstück trug jetzt die Spuren von verschüttetem Kognak, Brandflecken von rücksichtslos zur Seite gelegten Zigarrenstummeln und Kratzer von dem Federmesser des feindlichen Offiziers, der gelegentlich auch mit dem gespitzten Bleistift irgend ein Wort oder eine Zahl, die ihm gerade einfielen, darauf einzugraben pflegte.

Nachdem der Graf mit seiner Lesung zu Ende war, erhob er sich und warf einige Stücke grünes Holz auf das Feuer. Die Herren Preussen lichteten nämlich zur Beschaffung von Brennmaterial allmählich den herrlichen Holzbestand des Parkes.

Der Regen floss in Strömen, ein echt normännischer Regen, spritzend, peitschend, alles durcheinander, wie von rasender Hand im Zickzack ausgeschüttet, bildete eine Art schräggestreiften Vorhang. Nur in der Umgebung von Rouen, dieser Kloake Frankreichs konnte ein solcher Regen fallen.

Lange betrachtete der Offizier die durchweichten Rasenflächen und weiter unten die hochangeschwollene ihre Ufer überflutende Andelle, während er den neuesten Rhein-Walzer auf den Scheiben trommelte. Ein Geräusch an der Thüre veranlasste ihn, sich umzuwenden. Es war der Hauptmann Baron Helfenstein, nach dem Kommandeur der rangälteste Offizier, der soeben eintrat.

Der Major war ein breitschultriger Riese, mit einem fächerartigen über der Brust herabwallenden Barte. Seine hohe Gestalt mit der feierlichen Haltung erweckte unwillkürlich die Vorstellung von einem kriegerischen Pfau, der den breiten Schweif unter dem Kinn entfaltet hat. Er hatte blaue Augen und einen ruhigen Blick. Quer über die rechte Wange lief eine Säbelnarbe, ein Andenken aus dem österreichischen Feldzuge. Es heisst, er sei ein eben so wackrer Mensch wie tapfrer Offizier.

Der Hauptmann war ein kurz untersetzter, rötlich aufgedunsener, stark geschnürter Mann, dessen flammender, kurz geschnittener Bart bei einer gewissen Beleuchtung den Eindruck erweckte, als sei das Gesicht mit Phosphor eingerieben. Er hatte bei irgend einer leichtsinnigen Gelegenheit, daran er selbst sich nicht mehr genau erinnern konnte, zwei Zähne verloren. Infolgedessen stiess er die Worte etwas undeutlich hervor, sodass man ihn zuweilen kaum verstehen konnte. Auf seinem Haupte sah es ziemlich kahl aus; er trug eine grosse Platte wie ein Mönch, die von einem Kranz goldlockiger glänzender Härchen eingefasst war.

Der Kommandeur schüttelte ihm die Hand, und trank auf einen Zug seine Kaffeetasse (die sechste seit dem Morgen) aus, während er den Rapport über die neuesten dienstlichen Vorkommnisse entgegennahm. Dann traten beide wieder an das Fenster, um ihrem Unmute über die Witterung Luft zu machen. Der Major, ein ruhiger Mann, der zu Hause Weib und Kind hatte, wusste sich leicht in alles zu finden; aber der Hauptmann, ein echter Lebemann, der dem Bachus wie der Venus gleich eifrig diente und jeder Schürze nachjagte, war ausser sich, dass er nun schon drei Monate auf diesem verlorenen Posten der Enthaltsamkeit pflegen musste.

Es klopfte, und auf das »Herein« des Majors erschien ein Mann in der Thüre, einer ihrer automatischen Soldatenfiguren, um durch seine blosse Anwesenheit zu melden, dass das Frühstück bereit sei.

Im Speisezimmer fanden sie die drei Subaltern-Offiziere: Den Premierlieutenant Otto von Grossling und die zwei Sekondelieutenants Fritz Schönburg und Wilhelm Freiherr von Eyrich. Letzterer war ein kleiner Blondkopf, derb und roh mit seinen eigenen Leuten, hart gegen die Besiegten und explosiv von Charakter wie ein geladenes Gewehr. Seit ihrem Einmarsch in Frankreich nannten seine Kameraden ihn nur »Mamsell Fifi« wegen seines geschniegelten Wesens, seiner zierlichen wie von einem Korsett gehaltenen Taille und seinem zarten Gesichtchen, auf dem sich kaum der erste Anflug von Schnurrbart zeigte. Ausserdem hatte er die Gewohnheit angenommen, seine souveräne Verachtung aller Personen und Dinge durch den französischen Ausdruck »Fi, fi donc« zu bezeugen, den er mit einem leichten Zischen hervorstiess.

Der Speisesaal im Schlosse Uville war ein langgestreckter majestätischer Raum, dessen prächtige, von Kugeln durchlöcherte alte Spiegelscheiben ebenso wie die von Säbelhieben zerfetzten, hier und dort herabhängenden, herrlichen flandrischen Stickereien Zeugnis davon ablegten, womit sich Madame Fifi in ihren Mussestunden beschäftigte.

An den Wänden hingen vier Familienporträts, von denen die drei ersten eisengepanzerte Krieger, einen Kardinal und einen hohen Staatsbeamten, darstellten. Man hatte jedem derselben eine lange Thonpfeife in den Mund gesteckt, während man das stolze Antlitz der vornehmen Dame mit der hohen Brust in ihrem durch die Zeit verblassten Rahmen durch einen mächtigen Schnurrbart mittels Kohle verunziert hatte.

Das Frühstück der Offiziere verlief in diesem verwüsteten, von den Händen der Sieger entstellten Raume, dessen eichenes Parket jetzt dem Boden einer Kneipe glich, bei dem strömenden Platzregen ziemlich einsilbig.

Als nach dem Essen die Pfeifen in Brand gesetzt waren und das eigentliche Trinken begann, unterhielten sie sich, wie alle Tage, über ihre entsetzliche Langeweile. Die Kognak- und Liqueurflaschen wanderten von Hand zu Hand. Bequem in ihre Sessel zurückgelehnt nahmen die Herren immer wieder einen Schluck, während aus einem Mundwinkel das gebogene Pfeifenrohr hing mit dem Porzellankopf daran, dessen Bemalung einem Hottentotten Freude gemacht hätte.

Mit lässiger Handbewegung füllten sie die kaum geleerten Gläser stets auf's Neue. Nur Mamsell Fifi zerbrach alle Augenblicke das ihrige, worauf ein Soldat sofort ein frisches brachte.

Von einer beissenden Tabakswolke verhüllt schienen sie sich jener schläfrigen traurigen Trunkenheit, jener stumpfsinnigen Besoffenheit hinzugeben, welche Leute an sich haben, die nicht wissen, was sie anfangen sollen. Plötzlich sprang der Baron Helfenstein auf; ein innerer Widerwille schien ihn zu erschüttern. »Teufel auch!« fluchte er »so kann's nicht weitergehen. Wir müssen endlich was ausfinden.«

»Aber was, Herr Hauptmann?« riefen die Lieutenants Fritz und Otto, zwei Deutsche, denen man ihre Abstammung an den schwerfälligen plumpen Mienen auf hundert Schritt ansah, wie aus einem Munde.

»Was!« entgegnete der Baron, nach kurzem Nachdenken. »Sehr einfach: Wir müssen ein Fest arrangieren, wenn es der Herr Major gestattet.«

»Was für ein Fest?« frug der Major, die Pfeife aus dem Munde nehmend.

»Ich nehme alles auf mich, Herr Major,« sagte der Hauptmann sich ihm nähernd. »Ich werde den Quartiermeister nach Rouen schicken, um uns von dort Damen zu holen, ich weiss schon, wo sie zu finden sind. Inzwischen treffen wir hier die Vorbereitungen zu einem solennen Souper. Im Übrigen haben wir an nichts Mangel und werden wenigstens einen fidelen Abend verleben.«

»Aber Herr Hauptmann«; sagte der Graf Farlsberg achselzuckend »das geht doch etwas zu weit.«

Indessen waren alle Offiziere aufgesprungen. »Lassen Sie den Herrn Hauptmann nur machen, Herr Major«; baten sie »es ist zu langweilig hier.«

Schliesslich gab der Major nach. »Also meinetwegen denn!« sagte er, und sogleich wurde der Quartiermeister gerufen. Es war dies ein alter Unteroffizier, den man niemals hatte lachen sehen. Er war gewohnt, alle Befehle seiner Vorgesetzten ohne Zögern zu erfüllen, mochten sie lauten, wie sie wollten.

In strammer Haltung, ohne eine Miene zu verziehen, empfing er die Anweisungen des Barons. Wenige Minuten später fuhr ein Requisitions-Wagen, mit einer Müller-Plane überspannt und von vier muntren Pferden gezogen, im Galopp durch den strömenden Regen nach Rouen.

Es war, als ob der Plan des Hauptmannes die Geister neu belebt hätte. Man richtete sich aus der nachlässigen Haltung auf, die Gesichter erhellten sich und ein lustiges Geplauder begann.

Obschon der Regen nach wie vor in Strömen fiel, wollte der Major bemerken, dass es weniger düster sei; und der Lieutenant Otto versicherte sofort im Tone der Überzeugung, dass der Himmel sich aufkläre. Auch Mamsell Fifi duldete es nicht länger auf ihrem Platze. Bald sprang sie auf, bald setzte sie sich wieder hin. Ihr heller klarer Blick suchte nach einem geeigneten Gegenstand für ihre Zerstörungslust. Plötzlich zog der junge Offizier, das Auge auf die Dame mit dem Schnurrbart heftend, seinen Revolver. »Du sollst das heute Abend nicht mehr sehen,« murmelte er für sich hin, und zielte, ohne seinen Platz zu verlassen. Zwei Kugeln durchlöcherten hintereinander die beiden Augen des Bildes.

»Legen wir eine Mine« rief er dann. Und plötzlich brach jede Unterhaltung ab, als ob ein neues gewaltiges Interesse sich der ganzen Gesellschaft bemächtigt hätte.

Die »Mine« war seine Erfindung, seine Art zu zerstören, seine besondere Liebhaberei.

Graf Ferdinand d'Amoys d'Uville hatte beim Verlassen des Schlosses nicht Zeit gefunden, ausser dem in einem Mauerloch versenkten Silberzeug, irgend etwas zu bergen oder mitzunehmen. So bot bei seinem grossen Reichtum und seiner Sammellust der weitläufige Saal in Uville, welcher an den Speisesaal anstiess, auch nach seiner hastigen Flucht den Anblick eines kleinen Kunstmuseums. An den Wänden hingen wertvolle Ölgemälde, Zeichnungen und Aquarelle, während auf den Möbeln auf Etageren und in geschmackvollen Glasschränken sich tausenderlei Nippsachen, Vasen, Statuetten, Meissner Figürchen, chinesische Teller, altes Elfenbein und venetianisches Glas vereinten, um dem weiten Raume ein ebenso kostbares wie seltsames Gepräge zu verleihen.

Jetzt war so gut wie nichts mehr davon übrig. Nicht als ob man etwas gestohlen hätte; das würde der Major Graf Farlsberg nicht geduldet haben. Aber Mamsell Fifi legte dort hin und wieder eine »Mine« und alle Offiziere fanden dann jedesmal für einige Zeit ihr Vergnügen dabei.

Der kleine Lieutenant begab sich in den Salon, um zu suchen, was er brauchte. Bald kam er mit einer zierlichen chinesischen Theekanne wieder, die er mit Schiesspulver anfüllte. Durch den Schnabel steckte er vorsichtig ein langes Stück Pfeifenschwamm, zündete es an, und legte dieses höllische Zerstörungsinstrument schleunigst im Salon wieder nieder.

Dann kehrte er zurück und schloss die Thür. Die Deutschen standen mit lächelnder Miene und warteten auf den Erfolg dieser kindischen Spielerei. Sobald die Explosion im Schlosse wiederhallte, stürzten alle zugleich vor.

Mamsell Fifi trat zuerst ein und klatschte ausser sich vor Vergnügen in die Hände, als sie eine Venus aus Terracotta bemerkte, der endlich der Kopf abgesprungen war. Jeder nahm irgend ein Stück Porzellan in die Hand und betrachtete mit Erstaunen die seltsamen Risse, welche die Explosion hervorgerufen hatte, prüfte die neuen Sprünge und stellte einzelne Verletzungen fest, die anscheinend schon von früheren Explosionen herrührten. Mit väterlicher Miene besah sich der Major die Verwüstung, welche dieses Scheusal von einem zweiten Nero bereits in dem grossen Raume angerichtet hatte. »Diesmal war die Wirkung grossartig,« sagte er wohlwollend, als er beim Hinausgehen noch einen letzten Blick auf das Trümmerfeld warf.

Im Speisezimmer war es indessen kaum mehr zum Aushalten, denn eine ungeheure Dampfwolke war durch die offene Saalthüre gedrungen und hatte sich mit dem Tabakrauche vermischt. Der Major öffnete das Fenster und alle Offiziere, die zu einem letzten Glase Cognak zurückgekehrt waren, eilten dorthin.

Die feuchte Luft drang in das Zimmer und führte eine Art Wasserstaub mit sich, der die Bärte der Offiziere nässte, während sie begierig den Duft der überschwemmten Fluren einsogen. Sie betrachteten die grossen Bäume, die sich unter ihrer Regenlast beugten, das weite Thal, welches bei diesem Erguss der dunklen niedrigen Wolken förmlich dampfte, und den Kirchturm in der Ferne, dessen graue Spitze sich dunkel von dem Regenschleier abhob.

Seit ihrer Ankunft hatten die Glocken desselben nicht mehr geläutet. Dies war aber auch das einzige Zeichen von Widerstand, dem die Eindringlinge seitens der Bewohner der Umgegend begegnet waren. Der Pfarrer hatte sich niemals geweigert, preussische Soldaten bei sich aufzunehmen und zu verpflegen; er hatte sogar mehrmals der Einladung zu einer Flasche Bier oder Bordeaux beim feindlichen Kommandeur entsprochen, der sich öfters seiner wohlwollenden Vermittlung bedient hatte. Nur um eins durfte man ihn nicht ersuchen, die Glocken zu läuten; lieber hätte er sich erschiessen lassen. Dies war so seine Art, gegen den Einfall der Preussen zu protestieren; ein stillschweigender Protest, der einzige, wie er zu sagen pflegte, der dem Priester als Mann des Friedens zukäme. Und auf zehn Meilen in der Runde rühmte alle Welt die Festigkeit und den Heldenmut des Abbé Chantavoine, der es wagte, den Schmerz des Volkes in dieser Weise zu verkünden, ihm durch den stummen Widerstand seiner Kirche Ausdruck zu verleihen. Das ganze Dorf, begeistert durch diesen Widerstand, wäre bereit gewesen, seinen Hirten bis zum Äussersten zu unterstützen; denn es betrachtete diesen stummen Widerstand wie eine Rettung der nationalen Ehre. Es schien den Landleuten, dass sie sich hierdurch ebenso um's Vaterland verdient gemacht hätten, wie Belfort oder Strassburg; dass sie ein ebenso glänzendes Beispiel gegeben und den Namen ihres Dorfes unsterblich gemacht hätten. Mit Ausnahme des Glockengeläutes verweigerten sie den preussischen Siegern nichts.

Der Kommandant und seine Offiziere lachten herzlich über diesen Widerstand; und da im übrigen das ganze Land sich entgegenkommend und gefällig zeigte, so duldeten sie gern diesen stummen Beweis von Patriotismus.

Nur der kleine Freiherr von Eyrich hätte gar zu gern das Läuten der Glocke erzwungen. Er ärgerte sich über die höfliche Rücksichtnahme seines Vorgesetzten gegenüber dem Priester. Jeden Tag bat er den Major, ihn doch einmal »Bim Bam« machen zu lassen, nur ein einziges kleines Weilchen, um doch einmal ein wenig lachen zu können. Er erbat sich das mit katzenartiger Schmeichelei, mit der Koketterie eines Weibes, mit der süssen Sprache einer durch Eifersucht gepeinigten Buhlerin. Aber der Major blieb unerbittlich und Mamsell Fifi legte, um sich zu entschädigen, im Schlosse dann eine kleine Mine.

Die fünf Herren standen so einige Minuten mit Behagen die feuchte Luft einatmend zusammen am Fenster. Endlich sagte der Lieutenant Fritz mit mattem Lächeln: »Die Damen haben entschieden kein gutes Reisewetter.« Dann trennte man sich und jeder ging seinem Dienste nach. Der Hauptmann hatte alle Hände voll zu thun, um mit seinen Vorbereitungen für das Souper fertig zu werden.

Als sie sich bei sinkender Nacht wieder zusammenfanden, brachen sie insgesamt in lautes Gelächter aus. Jeder musterte den andern, wie er sich fein gemacht hatte und nun in tadellosester Toilette dastand wie am Abend eines Garnisonsballes. Selbst die Haare des Herrn Major schienen weniger grau wie am Morgen, und der Herr Hauptmann hatte sich rasiert, sodass nur sein Schnurrbart wie eine rote Flamme unter seiner Nase hervorstarrte.

Trotz des Regens hatte man das Fenster offen gelassen und alle Augenblicke lauschte einer von ihnen in die Nacht hinaus. Zehn Minuten nach sechs verkündete der Major fernes Wagengerassel. Alle stürzten vor, und bald sah man den grossen Wagen heranrollen. Die Pferde waren immer noch in Galopp und beim Scheine der Laternen konnte man beobachten, dass sie über und über mit Kot bespritzt waren, während ein heisser Dampf von ihren zitternden Flanken aufstieg.

Unter der grossen Plane krochen fünf Frauenzimmer hervor, fünf hübsche Kinder, mit Sorgfalt von einem Freunde des Hauptmanns ausgewählt, dem der Quartiermeister ein Billet desselben überbracht hatte.

In der Voraussicht guter Bezahlung hatten sie sich nicht lange bitten lassen. Sie kannten übrigens ja nun die »Prussiens« seit den drei Monaten, wo sie in der Gegend waren, und zogen ihren Vorteil von den Menschen, wie es gerade kam. »Das Geschäft bringt das mit sich«, sagten sie sich unterwegs, um sich gewissermassen vor einem letzten Rest ihres eigenen Gewissens zu entschuldigen.

Man führte sie sofort in den Speisesaal. Derselbe machte mit seiner Verwüstung bei Licht einen noch traurigeren Eindruck, wie am Tage. Der Tisch war mit Speisen, Flaschen und Gläsern sowie mit dem inzwischen entdeckten Silberschatze reich beladen und das Ganze glich der Herberge von Banditen, die sich nach einem glücklichen Raubzug gütlich thun. Der Hauptmann bemächtigte sich als ein in solchen Dingen erfahrener Mann sofort der Mädchen, indem er sie mit den Augen mass, sie küsste, sie beroch und auf ihren Wert als Dirnen schätzte. Als die drei jüngeren Herren sich jeder eine nehmen wollten, wehrte er es ihnen nachdrücklich und behielt sich die Verteilung vor, die streng nach Recht und Gerechtigkeit dem Range gemäss erfolgen sollte, um nur ja nicht die militärische Disciplin zu verletzen.

Dann stellte er sie, um jeden Zank und Streit und jeden Verdacht der Parteilichkeit zu vermeiden, der Grösse nach nebeneinander auf und frug, einen befehlenden Ton anschlagend die grösste von ihnen: »Dein Name?«

»Pamela« antwortete diese mit kräftiger Stimme.

»Nummer Eins, genannt Pamela«, erklärte er hierauf mit lauter Stimme »kommandiert zum Herrn Major.«

Nachdem er hierauf »Blondine«, die zweite, geküsst hatte, zum Zeichen, dass sie ihm gehöre, teilte er dem Lieutenant Otto die dicke »Amanda« zu, dem Sekondelieutenant Fritz »Eva, genannt der Liebesapfel«, und dem zarten Wilhelm von Eyrich dem jüngsten Offizier die kleinste von allen, Namens Rahel, eine noch ganz junge Brünette mit Augen so schwarz wie Kohle; eine Jüdin, deren Stumpfnase zeigte, dass auch bei dieser Rasse einmal eine Ausnahme von dem herkömmlichen krummen Schnabel stattfinden kann.

Alle fünf waren im Übrigen hübsche muntere Mädchen ohne besonders ausgeprägte Physiognomieen; ihre tägliche Beschäftigung im Liebeshandwerk und das Zusammenleben in einem öffentlichen Hause hatte ihnen in Haltung und Äusseren einen ziemlich gemeinschaftlichen Charakter aufgeprägt.

Die drei jüngeren Herren wollten sofort ihre Mädchen auf ihr Zimmer nehmen unter dem Vorwande, ihnen Gelegenheit zu geben, sich etwas von den Einflüssen der Wagenfahrt zu reinigen. Aber der Hauptmann gab dies vorsichtiger Weise nicht zu. Sie seien sauber genug, meinte er, um sich mit ihnen zu Tisch zu setzen. Die Herren würden, wenn sie herunterkämen, die Damen wechseln wollen; und das würde die allgemeine Ordnung stören. Er schien das aus Erfahrung zu kennen. Nun begann ein allgemeines, erwartungsvolles, sehnsüchtiges Küssen.

Plötzlich bekam Rahel einen Erstickungsanfall, sie hustete, dass ihr die Thränen über die Backen liefen, während ihr Rauch aus Nase und Mund drang. Herr von Eyrich hatte ihr beim Küssen eine Dampfwolke in's Gesicht geblasen. Sie liess sich äusserlich nichts merken und sagte kein Wort; aber ein zorniger Blick aus ihren schwarzen Augen traf ihren Besitzer.

Man setzte sich. Der Major schien ganz ausgezeichnet guter Dinge zu sein. Er nahm Pamela zu seiner Rechten und Blondine zu seiner Linken. »Das war eine brillante Idee von Ihnen, Herr Hauptmann!« sagte er, seine Serviette entfaltend.

Die Lieutenants Otto und Fritz setzten ihre Nachbarinnen etwas dadurch in Verlegenheit, dass sie dieselben wie anständige Damen behandelten. Aber der Baron von Helfenstein, ganz in seinem Element, schwadronierte wie ein Husar, stiess allerhand frivole Worte aus, und schien mit seiner roten Haarkrone ganz Feuer und Flamme zu sein. Er sprach ein schauderhaftes Französisch und die plumpen Liebenswürdigkeiten, die er den Mädchen zuflüsterte, sprudelten mit einem wahren Speichelregen zwischen seinen Zahnlücken hervor.

Übrigens verstanden die Mädchen von allem nur die Hälfte; ihr Begriffsvermögen schien erst zu erwachen, als er anfing schmutzige, durch seine Aussprache verstümmelte Zoten hervorzustossen. Da fingen alle an wie toll durcheinander zu lachen; sie legten sich über den Schoss ihrer Nachbarn und wiederholten die Ausdrücke des Hauptmanns, die dieser dann noch mehr verdrehte, damit sie recht schmutzig klangen. Sie thaten ihm bald diesen Gefallen, nachdem ihnen einmal die erste Flasche zu Kopfe gestiegen war; ihre wahre Natur offenbarte sich in ihren Reden und Geberden. Sie küssten die Schnurrbärte ihrer Nachbarn rechts und links, kniffen sie in die Arme, schrieen ausgelassen, tranken aus allen Gläsern, sangen französische Couplets und Bruchstücke deutscher Lieder, die sie durch den täglichen Verkehr mit den Feinden gelernt hatten.

Bald wurden auch die Herren durch diese Weiberkörper vor ihren Augen und ihren Armen verrückt. Sie schrieen, lachten und zerschlugen Teller und Gläser, während hinter ihnen die Soldaten sie, ohne eine Miene zu verziehen, stillschweigend bedienten.

Nur der Major bewahrte seine ruhige Haltung Mamsell Fifi hatte Rahel auf den Schoss genommen und regte sich unnütz an ihr auf. Bald küsste er wie toll die rabenschwarzen Härchen auf ihrem Nacken wobei er durch den engen Spalt zwischen Kleid und Haut die linde Wärme, vermischt mit den eigentümlichen Duft ihres Körpers einsog. Bald wieder ergriff ihn seine wilde Radausucht, und mit wütender Lüsternheit kniff er sie durch den Stoff hindurch, dass sie laut aufschrie. Er umfasste sie und presste sie an sich, als wollte er sich mit ihr vereinen; er drückte seinen Mund innig auf die frischen Lippen der Jüdin und küsste sie, dass sie fast den Atem verlor. Plötzlich biss er so fest zu, dass ein Blutfaden über das Kinn des Mädchens rann und auf die Taille tropfte.

»Das zahl ich Dir heim!« zischte sie, ihn abermals scharf ansehend, während sie das Blut abwischte.

»Wenn's weiter nichts ist!« lachte er mit hartem Blick.

Zum Nachtisch wurde Sekt eingeschenkt. Der Major erhob sich, und mit demselben Tone, mit dem er das Hoch auf irgend eine fürstliche Persönlichkeit ausgebracht haben würde, sagte er:

»Auf das Wohl der Damen!«

Eine ganze Reihe von Toasten begann jetzt, Toaste mit der Galanterie betrunkener Lieutenants vermengt voll schmutziger Witze, die bei der schlechten Aussprache noch roher klangen. Einer nach dem andren erhob sich und suchte etwas Geistreiches und Komisches zu sagen. Die Weiber, trunken bis zum Umfallen, klatschten jedesmal mit verglasten Augen und geifernden Lippen wie toll ihren Beifall.

Der Hauptmann wollte sichtlich der Orgie einen galanten Anstrich geben.

»Auf unsere Siege über die weiblichen Herzen!« rief er, nochmals das Glas erhebend.

Da sprang der Lieutenant Otto auf, ein rechter deutscher Bär, dem der Wein den Kopf verdreht hatte.

»Auf unsere Siege über Frankreich!« brüllte er von trunkenem Patriotismus hingerissen.

Trotz ihrer Trunkenheit schwiegen die Weiber diesesmal; Rahel zuckte zusammen.

»Du hör mal,« wandte sie sich zu ihm, »ich kenne Franzosen, vor denen Du so was nicht sagen würdest.«

Der kleine Freiherr, auf dessen Schosse sie noch immer sass, schlug eine unbändige Lache auf; der Wein machte ihn ausgelassen.

»Ach, warum nicht gar?« rief er. »Ich habe noch keinen gesehen! Sobald wir kommen, reissen sie aus.«

»Das lügst Du, Lump!« schrie ihm Rahel wütend in's Gesicht.

Eine Sekunde lang ruhte sein kalter, harter Blick auf ihr, wie er auf den Gemälden ruhte, nach denen er später mit dem Revolver schoss.

»Na, mein Schatz, davon wollen wir lieber nicht weiter reden,« fing er dann wieder lachend an. »Sässen wir vielleicht hier, wenn sie Kourage hätten?« Er wurde lebhafter.

»Aber wir sind jetzt die Herren!« rief er. »Uns gehört Frankreich.«

Mit einem Ruck war sie von seinem Schoss herunter und taumelte auf ihrem Stuhl. Er aber sprang auf, hob sein Glas über den Tisch und wiederholte:

»Uns gehört Frankreich mit seinen Bewohnern, mit seinen Wäldern, Häusern und Feldern!«

Die Übrigen, ebenso plötzlich von einer unsinnigen militärischen Begeisterung erfasst, hoben ebenfalls in ihrer rohen Trunkenheit die Gläser.

»Es lebe Preussen!« brüllten sie wie aus einem Munde. Und sie leerten die Gläser mit einem Zuge.

Schweigend, von Furcht ergriffen, wagten die Mädchen keinen Widerspruch. Selbst Rahel schwieg, unfähig, etwas zu erwidern.

Da setzte der kleine Freiherr sein frisch gefülltes Sektglas auf den Kopf der Jüdin und schrie:

»Uns gehören auch alle Frauen Frankreichs.« Sie sprang so schnell auf, dass die Krystallschale umkippte und klirrend auf dem Boden zersprang, während der goldige Schaumwein wie zur Taufe ihre schwarzen Haare durchtränkte. Mit bebenden Lippen trotzte sie dem Blicke des noch immer lächelnden Offizieres.

»Das . . . das . . . das ist nicht wahr, verstehst Du! Die französischen Frauen bekommt Ihr nicht!«

Er setzte sich und schüttelte sich vor Lachen.

»Die Kleine ist wirklich naiv,« stammelte er. »Zu was bist Du denn sonst hier, mein Schatz?«

Anfangs schwieg sie fassungslos, weil sie in ihrer Verwirrung den Sinn seiner Worte nicht verstand. Dann aber, als sie seine Frage begriffen hatte, schrie sie ihm empört in's Gesicht.

»Ich . . . ich? . . . Ich bin keine Frau, ich bin eine Dirne. So eine ist gerade gut genug für Euch Preussen!«

Kaum hatte sie ausgesprochen, als er ihr mit voller Kraft eine Ohrfeige versetzte. Als er aber dann sinnlos vor Wut zu einem zweiten Schlage ausholte, ergriff sie vom Tische ein Dessertmesser mit silberner Klinge und stiess es ihm in den Hals, genau in die Höhlung, wo die Brust ansetzt. Das vollzog sich so schnell, dass man es kaum gewahr wurde.

Ein Wort, das er gerade noch sprechen wollte, blieb ihm im Halse stecken. Zitternd sass er da, mit einem furchtbaren Blick im Auge.

Alle stiessen einen lauten Schrei aus und sprangen wirr durcheinander. Aber Rahel warf dem Lieutenant Otto ihren Stuhl zwischen die Beine, dass er der Länge nach hinfiel. Dann lief sie an's Fenster, riss es auf, und ehe man ihr folgen konnte, hatte sie sich hinausgeschwungen in die finstere Nacht, in den immer noch strömenden Regen.

Mamsell Fifi war nach zwei Minuten tot. Da griffen Schönburg und Grossling nach ihren Waffen, um die Weiber niederzustechen. Nur mit Mühe konnte der Major ein Blutbad verhindern. Er liess die vier bestürzten Mädchen unter Bewachung von zwei Mann in ein Zimmer sperren. Dann verteilte er seine Leute wie zum Gefecht, und ordnete die Verfolgung der Flüchtigen an, die er sicher zu erwischen hoffte.

Fünfzig Mann wurden mit den strengsten Befehlen in den Park gesandt. Zweihundert andere sollten die Gehölze und alle Häuser des Thales durchsuchen.

Der in einem Augenblicke abgedeckte Tisch diente jetzt als Totenbett, und die vier Offiziere blieben ernüchtert, starr, mit ernster Dienstmiene am Fenster stehen und lauschten in die Nacht hinaus.

Der heftige Regen strömte weiter. Ein unausgesetztes Plätschern hallte durch die Finsternis, ein leises Murmeln von niederrauschendem, abfliessendem, tropfendem und zurücksprühendem Wasser.

Plötzlich fiel ein Schuss, dann weit entfernt ein zweiter; und so hörte man vier Stunden lang hier und dort bald näher, bald entfernter Schüsse fallen, Sammelrufe, seltsame Worte, die wie ein Anruf aus tiefer Brust klangen.

Gegen Morgen rückte alles wieder ein. Zwei Soldaten waren bei dem Eifer der Verfolgung und der Überstürzung dieser nächtlichen Jagd von den eigenen Kameraden erschossen worden; drei weitere waren verwundet.

Aber Rahel hatte man nicht entdecken können.

Nun wurden die Bewohner bedroht, in den Häusern das oberste zu unterst gekehrt, die ganze Gegend durchstreift und abgetrieben. Vergebens! Die Jüdin schien bei ihrer Flucht nicht die leiseste Spur hinterlassen zu haben.

Auf die erfolgte Meldung hin befahl der General, die Sache niederzuschlagen, um der Armee kein schlechtes Beispiel zu geben. Der Major erhielt eine Disziplinarstrafe und bestrafte seinerseits wieder seine Untergebenen. »Man führt nicht Krieg um Kurzweil zu treiben und sich mit öffentlichen Dirnen zu amüsieren,« hatte der General geschrieben; und der Graf Farlsberg, zornig über diesen Verweis, beschloss, sich an den Einwohnern zu rächen.

Um einen passenden Vorwand zu finden, liess er den Pfarrer rufen und befahl ihm, beim Begräbnis des Freiherrn von Eyrich die Glocke läuten zu lassen.

Wider Erwarten fügte sich der Pfarrer ganz unterwürfig und war zu allem bereit. Und als Mamsell Fifi's entseelter Körper unter dem Geleit von Soldaten mit geladenem Gewehr Schloss Uville verliess, um zum Kirchhof gebracht zu werden, liess die Glocke zum ersten Male ihr feierliches Totengeläute ertönen. Fast heiter hallten ihre Töne, als ob eine freundliche Hand sie gestreichelt hätte.

Abends erklang sie wieder und am anderen Morgen ebenso; keinen Tag setzte sie jetzt mehr aus. So oft man nur wollte, ertönte sie. Sogar Nachts manchmal setzte sie sich ganz von selbst in Bewegung und that langsam zwei oder drei Schläge in der Finsternis. Es war als ob sie, erwacht ohne zu wissen wodurch, von einer seltsamen Freude ergriffen wäre. Die Dorfbewohner glaubten einstimmig, sie sei verhext, und niemand ausser dem Pfarrer und dem Messner wagte sich noch dem Glockenturme zu nähern.

Da droben aber lebte ein armes Mädchen in Not und Angst, welches die beiden Männer heimlich dort versorgten.

Sie blieb dort bis zum Abzug der deutschen Truppen. Dann lieh sich eines Abends der Pfarrer den Korbwagen des Bäckers und brachte selber seinen Schützling bis an die Thore von Rouen. Dort angekommen nahm er mit einer väterlichen Umarmung von ihr Abschied. Sie stieg vom Wagen und schritt hastig dem öffentlichen Hause zu, dessen Inhaberin sie längst für tot gehalten hatte.

Ein vorurteilsfreier Patriot, der sie anfangs wegen ihrer schönen That und später um ihrer selbst willen liebgewonnen hatte, nahm sie einige Zeit darauf von dort heraus und heiratete sie. Sie wurde eine Dame und genoss ihr Ansehen so gut wie viele andere.

*


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