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Erstes Kapitel

Diesem Kind erschienen alle Jahreszeiten als halbe Fremde, nur nicht der Winter. Die Ostsee verbreitete Sturm und Kälte über ihren kahlen Strand, das hielt vor, und dann war es, wie es sein sollte. Die Sommerwochen dazwischen kamen für die Kinder der Badegäste, nicht für Marie und ihre Geschwister, die nur die gute Gelegenheit benutzten, um auch zu genießen. Der Sommer dieses Kindes war zauberhaft und nicht ganz glaubwürdig. Des Nachts im Traum vergaß es den Juli und sah die See hochgehn. Donnernd rollte sie heran, jeder Anlauf türmte ihre Wassermassen höher, und beim nächsten, beim nächsten verschlangen die Wellen den Katen, worin Marie schlief!

Ihr Vater hieß Lehning und war Landarbeiter. Auch die Mutter Elisabeth diente bei einem Bauern. Trotzdem wohnten sie mit allen ihren Knaben und Mädchen unter dem Strohdach eines Katens unmittelbar neben der See, an der Stelle, wo die Promenade aufhört. Auch das steinerne Bollwerk endet dort, den Katen schützte es nicht mehr. Sie hausten darin auf gut Glück und immer gefährdet. Marie aber litt mehr Furcht als alle anderen.

Mehrere der Geschwister, die im ganzen dreizehn gewesen wären, ließen sich von der See holen – verschwanden eins nach dem anderen, alle ihre Angehörigen suchten sie vergebens, während Eissplitter durch die verdunkelte Luft flogen. Am Morgen wurde doch noch etwas gefunden, zwei Holzpantinen standen droben auf dem Steindamm ordentlich beieinander, als wäre jemand schlafen gegangen.

Übrigens war Warmsdorf ein lustiger Ort; nur der Lehrer hatte die bittere Frage erfunden, warum Warmsdorf so heiße. Er prüfte hierüber seine Schüler jedes Jahr mehrmals, und die Antwort mußte heißen: wegen der Badegäste. In Wahrheit fühlte die Bevölkerung sich wohler, wenn keine Fremden sie störten. Man mußte in den Häusern weniger leise auftreten, solange die guten Zimmer noch nicht vermietet waren. Die Fischer feierten den ganzen Winter ihre Familienfeste in Kuhns Hotel, woran während der Saison nicht zu denken war.

Die Fischer stehen obenan. Sie sind untereinander alle verwandt, nie aber mit den anderen Schichten. Manche besitzen kleine Dampfschiffe. Sie brechen auf in eisiger Nacht, werden unsichtbar zwischen den Bergen aus brüllendem Wasser, und erscheinen sie wieder, sind zwanzig Stunden vergangen. Niemand außer ihnen selbst hält sich einer solchen Ausdauer für fähig. Anfrieren auf der Bank! Mit Eis im Bart! Dafür kehren sie zurück als große Seefahrer – am größten, wenn einer von ihnen nicht mehr zurückkehrt. Dann sieht das Dorf ihre feierlichen Leichenbegängnisse, nicht einer der Überlebenden fehlt, und der Grog, nachher in Röhns Hotel, ist ein wichtiges Getränk, von Blaugekleideten eingenommen. Die Söhne der Fischer können im Sommer aussehen wie Badegäste. Ja, die Besitzer der kleinen Dampfschiffe haben manchmal einen Jungen, der lieber nicht mit hinausfährt und sogar im Winter seidene Hemden trägt.

Die Kaufleute und Gastwirte sind an Zahl zu gering, um gegen die Fischer aufzukommen, obwohl sie Stehkragen tragen, und das auch in Abwesenheit der Badegäste. Sie haben übrigens Schulden bei der Warmsdorfer Bankfiliale. Die Fischer arbeiten in wirtschaftlicher Hinsicht mit ihrer eigenen Genossenschaft und sind sonst freie Männer. Sie haben Knechte, die das ganze Jahr in Lohn stehen und auf See alt werden – anders als die Arbeiter der Bauern.

Die Bauern sitzen auf ihren Höfen hinter den Tannen. Ganz unten der Strand, dann der sogenannte Lügenberg, an seinem Fuß der Lehningsche Katen – darüber die Tannen und dahinter flaches Land, das sich in den tiefsten Wolken verliert. Von den Bauern bleibt jeder auf seinem Hof, ob die Arbeit drängt oder nicht. Sie haben einander nichts zu sagen. Man würde sich wundern, wenn einer von ihnen beim Barbier auftauchte, wo die Fischer täglich verkehren. Es ist nicht wegen der Bärte, die Fischer gehen zu Witt, weil er einen großen Ausschank hat, weil alle Nachrichten dort herauskommen; und wer aus Malmö zurück ist, zeigt sich zuerst beim Barbier.

Die Fischer sind leutselig, je länger sie draußen und manchmal in Seenot waren. Die Bauern sind einsam und trauen niemand. Die Fischer erzählen einander, daß sie tausend Kilo Fische gefangen haben, wenn es in Wahrheit nur hundert sind; und der Schwindler wie der Angeschwindelte haben dabei einen humorvollen Zug. In ihren Schmierstiefeln, geölten Mänteln und mit der Piep stehen sie auch beisammen unter dem Lügenberg, der von ihren Geschichten so heißt.

Die Bauern behalten ihre Knechte einen Sommer. Der Junge muß sehr tüchtig sein, damit er über den Winter dableiben darf, aber dann ohne Lohn. Landarbeiter Lehning nahm in jeder Saison, was er bekam, aber während der schlechten Jahreszeit brauchte ihn niemand – erst recht nicht, seit er trank. Vater Lehning trank Schnaps, es war der übliche Kümmel mit Kirsch, die Seltersflasche voll für zwanzig Pfennig. Dafür arbeitete seine Frau Elisabeth das ganze Jahr. Sie hätte Jauche gesoffen, um nicht entlassen zu werden. Sie bezog aber reichliches Essen, darauf kam dem Bauern nichts an; sie packte es in ihren Spankorb und brachte es ihren Kindern in den Katen, den der Sturm schüttelte.

Als Marie Lehning zur Schule kam, wurde sie darauf zuerst aufmerksam, daß alle anderen Kinder frühstückten. Sie hatten Brot mit Schmalz, Brot mit Wurst, die Butter drang unter den Rändern hervor, die Nahrungsmittel dufteten würzig und fett. Backstuben, warme Küchen, Räucherkammern, alles duftete darin mit. Marie, die den Essenden zusah, bekam ein todernstes Gesicht und behielt es noch lange. Sie selbst hatte nicht einmal eine trockene Rinde, niemals, niemals. Die Kinder betrachteten sie ihrerseits wie ein Wunder. Mehrere hätten vielleicht mit ihr geteilt, sie waren nahe daran. Scheu vor dem ernsten Gesicht verhinderte es.

Einst griff der Lehrer ein, er hielt ihr vor: »'n Happen Brot könntest du schließlich auch –«

Der strafende Ton genügte, damit sie losheulte. Sie weinte viel und bei jeder Gelegenheit, besonders wenn sie Blarrmarie gerufen wurde. Dann plärrte sie schon. Die Tränen liefen ihr in den Mund, als wären sie ihre Nahrung.

Als der Lehrer einmal eingegriffen hatte, wollte er auch zu einem Ergebnis kommen. Er gab ihr Geld und schickte sie fort, ihm einen Priem zu kaufen. Er hatte berechnet, daß es noch für einen Knust Roggenbrot langte. Sie kam aber zurück mit dem Kautabak und den übrigen Groschen. Sie hatte nicht begriffen. Er knurrte etwas wie »dämliche Deern«, und in seiner Wendung, als er ihr die Schulter zukehrte, hätten die Kinder ihre eigene Verlegenheit wiedererkennen können, wenn Marie so ernst aussah wie der Hunger selbst. Ein Glück, daß sie sofort wieder heulte. Die ganze Schule konnte rufen Blarrmarie und sie fröhlich auslachen.

Hierauf wurde gesungen, es war das Lied von dem kleinen Hasen, der spielt und den der schlaue Fuchs frißt. »Lütt Matten de Haas, de mok sick een Spaß. He wier bit studiren, dat Danzen to lieren. Un danz ganz alleen op de achtersten Been.« Marie schluchzte noch. Sie sang von lütt Matten, dachte aber noch an die Sache mit dem Priem. »Kähm Reinke de Voß un dach, das ein Kost.« Noch ein lautes Schluchzen aus der Gegend von Marie Lehning. »Und sech: lüttsche Matten so flink op de Patten, un danz ganz alleen op de achtersten Been?«

Jetzt fiel es Marie ein, was der Fuchs vorhatte, darüber vergaß sie den Priem. »Kumm lat uns tosam, ick kann as de Dam.« Das war schlau von Reinke, sich als Dame anzustellen, damit kriegte er lütt Matten! Marie freute sich. »De Kreide speelt Fiedel, denn geiht dat kandiedel, denn geiht dat mal schön op de achtersten Been.« Den hellsten Diskant hatte Marie Lehning.

»Halt! Den letzten Vers singt Marie allein«, rief der Lehrer, denn er hatte das Gefühl, daß er das Kind ermutigen müsse. Es krähte denn auch freudig aus voller Kehle: »Lütt Matten gev Pot, de Voß bet em dot. He sett sick in Schatten, verspies denn lütt Matten. De Krei de kreeg een von de achtersten Been.«

Als sie fertig war, lachte sie dreimal hoch auf. Der Lehrer sagte: »Siehst du wohl, das kommt davon!« Die ganze Schule freute sich über das Schicksal lütt Mattens, der betrogen und gefressen worden war. Am glücklichsten war Marie.

Einige Zeit verging, da wurde eine ihrer Schwestern im Walde tot aufgefunden, mit dem Rock über dem Kopf, und die dünnen kleinen Beine lagen im blutigen Schnee. Der Vater wurde vom Gendarm geholt, um seine Tochter anzusehen, aber die Mutter erklärte, er sei duhn, sie müsse mitgehen. Ihr schlossen sich auch die Kinder an, so viele noch da waren. Alle weinten, besonders der Vater. Klein und dürftig suchte er Halt bei seiner großen Frau, die nichts ins Wanken brachte. Sie war die einzige, die keine Träne vergoß. Ihre Augen blieben wasserhell und ungetrübt in einem Gesicht wie Leder.

Auf dem Rückweg packte Marie den Rock der Mutter und ließ nicht mehr los. Den ganzen Tag blieb sie im Haus und verließ es auch am folgenden Tage nur, wenn sie hinausgejagt wurde. Damit man sie duldete, machte sie alle ihre Schulaufgaben. Was sie nicht wußte, fragte sie den Vater, der keine Arbeit hatte.

»Sag dem Lehrer, das soll er man selbst herauskriegen!« Der Vater war bei schlechter Laune, weil er sich keinen Schnaps kaufen konnte.

Marie indessen setzte sich ohne jeden Übergang an etwas ganz anderes. Sie versuchte auszurechnen, wie viele Geschwister sie gehabt hatte, und wer alles verlorengegangen war. Sie schrieb auf ihre Schiefertafel die Namen, die sie kannte, und verzeichnete daneben: »Husten« oder »Versoppen« oder »Im Wald hingefallen«. Die Schwierigkeit begann bei den Großen, die das Dorf verlassen hatten, als sie selbst noch ganz klein war. Lebten die? Und mußte man sie überhaupt mitzählen? Marie wußte knapp, wie sie hießen, von ihnen war nie die Rede hier im Katen.

Alles ging langsam bei Marie. Körperlich kam sie mit und war auf dem Wege, hübsch und kräftig zu werden, wie alle weiblichen Lehnings; man wußte nicht, wovon. Die Jungen gerieten schlechter. Aber bis sie etwas begriff, dauerte es länger. Zu der Rechnung mit den toten und lebenden Geschwistern kehrte sie noch mehrmals zurück. Dann war die Furcht seit jenem Ereignis in den Tannen wieder vergessen, Marie kam nach der Schule nicht mehr außer Atem zu Hause angerannt, sie trieb sich wieder umher. Es war auch schon nicht mehr derselbe Winter, sondern ein anderer, da wurde ihr klar, daß der Katen niemals warm war. Im Katen zu frieren, hatte sie immer für richtig gehalten. Abends kehrte die Mutter heim und kochte Suppe auf der steinernen Feuerstelle. Man konnte die Hände in die Wärme halten, oder auch das Gesicht, wobei man sich die Brauen versengte.

Jetzt machte Marie die Bekanntschaft des Mädchens aus dem Räucherkaten. Es hieß Stine, und eigentlich waren beide schon längst gewohnt, einander überall zu begegnen. Eines Tages und ohne Vorbereitung faßte Stine die andere unter den Arm und nahm sie mit. Sieh mal an, im Räucherkaten war es warm! Sonst hätte es wohl auch keine geräucherte Wurst gegeben. Zuerst bekam man Würgen, weil in dem Katen die Luft braun und dick vom Rauch war. Kein Abzug; nur die obere Hälfte der Tür wurde manchmal aufgeklappt, wenn die Luft zu schlimm würgte. Aber dafür heizte die Glut unausgesetzt, und die vielen Würste unter der Decke waren herrlich anzusehen. Stine, ihre Eltern und Geschwister wurden selbst mitgeräuchert, sie kriegten Falten schon als Kinder. Wenigstens saßen sie warm.

Erst einige Zeit nach ihrem Besuch im Räucherkaten kam Marie auf den Gedanken, daß in anderen Häusern die Stuben warm waren, ohne daß es rauchte. So gut hatten es die Kinder der Fischer. Wenn Stine zum Beispiel die Tochter von Fischer Merten gewesen wäre, dann hätte sie Marie unter den Arm gefaßt und sie mitgenommen in das große Haus mit dem Garten, wo sie Schollen hatten mehr als alle zusammen aufessen konnten, und das in der warmen Stube. Von den Würsten in dem Räucherkaten gab es nichts, die Eltern Stines waren arm. Da wurde es dem Kinde klar, daß das andere Mädchen es gerade darum untergefaßt und mitgenommen hatte. Beide waren arm. Wollte eine im Warmen sitzen, mußte sie dafür Rauch schlucken.

Das hatten manche nicht nötig, die Kinder der Fischer nicht, die Kinder der Bauern, der Kaufleute. Darin lag der Unterschied, und darum war es keins von ihnen allen, das mit Marie nach Haus ging. Sie selbst hätte es auch gar nicht für richtig gehalten. Wenn sie alles überlegte, vielleicht hätte sie sich losgemacht von dem Arm des Fischermädchens und wäre fortgelaufen. Die Fischer standen obenan, etwas abseits die Kaufleute, viel tiefer die Bauern, – aber wann kamen die Landarbeiter? Sie kamen lange nach den Schifferknechten, ihr Platz war unten. ›Wir sind die Untersten‹, erkannte Marie.

In dem großen Haus mit dem wilden Wein war ein Junge, Mingo Merten, wenig älter als Marie, aber wieviel dreister! Nach dem Winter, währenddessen Marie über die verschiedene Wärme der Stuben nachgedacht hatte, wurde es Frühling, da griff Mingo ihr in das dichte aschblonde Haar und verlangte, sie solle in seinem Garten mit ihm spielen. Sie fragte:

»Was machen wir?«

»Ich habe einen Hund, der frißt gern rohe Eier. Ich mag auch gern rohe Eier. Du auch?«

Sie waren darin einig. Der Hund nahm wirklich den Hühnern die Eier weg, trug sie äußerst vorsichtig auf weichen Boden und öffnete sie mit den Zähnen. Es war ein großer Spaß. Marie bekam, so viele sie wollte; sie hörte aber auf, bevor es genug war.

»Wenn deine Mutter es sieht –«

»Dann gibt es eine Tracht«, sagte er im Scherz, sie weinte sofort. Er rief »Blarrmarie!« Plötzlich langte sie ihm eine; keiner von ihnen hatte es erwartet, er nicht und sie selbst nicht. Nach dem ersten Schrecken schlug er zurück, sie kratzte und bekam ihren Teil Prügel, aber nicht mehr als er. Denn er war nur schwächlich für einen Jungen, war als kleines Kind immer krank gewesen und wurde daraufhin noch weiter verzogen. Sie lief fort, da lag er am Boden und schimpfte ihr nach. Als sie schon weit war, hörte sie ihn in einem anderen Ton nach ihr rufen. Wollte er, daß sie wiederkam? Sie ließ sich nicht aufhalten.

Die folgende Zeit sah keiner den andern auch nur von fern an. Wenn Marie an seinem Haus vorbeiging, dachte sie gewöhnlich: ›Mingo ißt Scholle.‹ Er hatte ihr erzählt, daß die Speisekammer bei ihnen immer offenstand. Sie konnte es kaum glauben. Darüber trat ein Sommer ein. Zehn Jahre war sie alt. Diesen Sommer sollte sie nicht vergessen.

Die Badegäste zeigten sich, und in der Vorderreihe, wo die besseren Villen des Seebades Warmsdorf stehen, mietete eine Berliner Familie, der Herr, die Dame, ein Mädchen und ein Junge. Die Eltern machten alles mit, was los war, Segelregatta, Autorennen. Auch den Chauffeur und die Zofe benötigten sie bei ihrem anstrengenden Leben und suchten daher jemand, der am Strande auf ihre Kinder aufpassen sollte.

»Das ist ein hübsches Kind«, sagte die Dame laut, als Marie vorüberging. »Halt mal!« rief sie. Marie glaubte zuerst, sie hätte etwas verbrochen. Die Dame erklärte dem Herrn, das Mädchen sehe vernünftig aus, groß sei es auch schon, und mit dem Wasser wüßten sie hier von klein auf Bescheid. Man könnte es versuchen, außerdem hätten die Kinder gleich jemand zum Spielen.

Marie stand dabei, während über sie beraten wurde, begriffen hatte sie noch nicht. Die Herrschaften waren weder aus Lübeck noch aus Hamburg, sie drückten sich anders aus. Die Kinder fragte sie sofort, wie alt sie seien. »Wir sind neun«, berichteten sie. »Alle beide, weil wir Zwillinge sind.«

Die Dame bestimmte: »Ihr geht jetzt gleich an den Strand. Schön, ihr könnt baden, Marie trocknet euch ab. Marie Lehning heißt du? Mit deinen Eltern mache ich es später richtig. Jetzt haben wir keine Zeit.«

Das Auto hupte. »Komm schon!« verlangte der Herr, und fort waren die beiden.

Marie erfüllte ohne weiteres ihre Pflichten. Sie nahm die Kinder an beide Hände, als wäre der Unterschied zwischen ihr und ihnen nicht nur ein einziges Jahr gewesen. Sie führte sie auf die Strecke des Strandes, wo man sich ausziehen konnte. Die Herrschaften hatten vergessen, Geld dazulassen – für die Badeanstalt, für Milch und Kuchen, die schwimmende Puppe und alles, was die Kinder sich sonst noch wünschten.

»Aber morgen kriegen wir's«, behauptete der Junge.

Marie sah ihn sich an. Er war dunkel, furchtbar blaß, und er verkrümmte den Mund, es bedeutete Geringschätzung.

»Ich kann mir alles kaufen, wenn ich will.«

»Auch das kleine Motorboot«, ergänzte seine Schwester.

»Na und das große?« fragte er frech.

»Wir sind furchtbar reich«, behauptete die Kleine.

Marie dachte bei sich: ›Töw man 'n beeten!‹ Das hieß: Warte nur! Als sie dann mit ihnen ins Wasser ging, wollten die beiden Badegäste nicht weiter hinein als bis an die Knie, so warm und spiegelglatt es auch war. Marie gab nicht nach, obwohl sie flennten und sich an sie klammerten. Pflichtgetreu tauchte sie die Badegäste unter. Dafür trocknete sie die Geschwister nachher ab. Für sich selbst fand sie es unnötig, aber das waren Badegäste, etwas Vornehmes und Verächtliches zugleich.

Die beiden taten sanft und artig; Marie sah wohl, daß sie einander Blicke zuwarfen aus ihren gleichen, mandelförmigen Augen; sie war trotzdem auf nichts gefaßt, es geschah ganz plötzlich. Der Junge mußte ihr ein Bein gestellt haben, denn sie fiel auf Brust und Gesicht, und beide Kinder bearbeiteten sie mit den Fäusten. Es waren nur schwache Fäuste, aber außerdem spuckten die beiden. Marie stand auf und war nahe daran, ihnen zu zeigen, daß sie viel besser spucken konnte. Rechtzeitig fiel ihr ein, daß ihre Mutter von den Eltern der Kinder inzwischen Geld bekam, wenn sie sich hier anspucken ließ.

Das Merkwürdigste war, wie schnell den fremden Kindern ihre Wut verging. Der Junge verkrümmte schon nicht mehr den Mund, seine Augen funkelten nicht mehr tückisch, und das Mädchen lächelte wieder überlegen, wie vorher. Marie kam da nicht mit.

»Kurt, wir wollen mit der Kleinen spielen«, erklärte das Mädchen.

»Viktoria, du bist die gnädige Frau«, stellte er mit Stolz fest. Das Mädchen bestimmte:

»Sie ist bei meinem Baby die Amme.«

»Stimmt, Vicki, und ich bin das Baby!«

»Aber du bekommst die Flasche«, belehrte ihn seine Schwester mit ihrem sonderbar glatten Lächeln, bei dem sich manches denken ließ.

Alle drei spielten wirklich herrlich im weichen Sand.

Weich war das Fächeln der Luft, und See und Himmel blauten unabsehbar. Weich wurden die Stimmen der schreienden Kinder ringsum vor den Strandkörben, und die vorübergleitenden Dampfer schickten von fern die Rufe ihrer Sirenen wie aus Liebe. Der Strand war leer geworden, da erkannte Marie am Stand der Sonne, daß es Zeit war, die Badegäste zurück in ihre Villa zu bringen.

Sie hatte einen Tag gehabt, wie es eigentlich keinen geben durfte. Denn zu Hause war im Faß die Wäsche eingeweicht, wer hatte die inzwischen besorgt? Marie fürchtete, daß die Mutter angeben könnte, aber das ging ihr nicht nahe. Vielmehr fühlte sie sich gehoben von ihrer Bedeutung. Um so schrecklicher war die Nachricht, die sie erwartete.

»Lütt Pieter ist halb versoppen; hast du nicht aufpassen können, unnütze Deern?«

Ihr kleinster Bruder, der noch nicht einmal sprechen konnte, war allein bis an das Wasser gekrochen, so erfuhr sie. Fremde Leute hatten ihn herausgezogen, als er schon längst mit dem Gesicht darin lag, die krummen Beinchen noch im Trocknen, und sich nicht mehr rührte. Jetzt aber war er wieder richtig da und schrie. Daher folgte ihrem ersten Schrecken ein großer Ärger auf lütt Pieter, weil er versucht hatte, ihr den schönen Tag zu verderben. Sie holte sich trotzig ihr Abendbrot. Mutter Lehning drohte, dies sei das letzte Mal, daß sie sich mit den Badegästen umhergetrieben habe. Aber Marie brauchte nur Vater Lehning anzusehen, wie er den guten Tabak rauchte und Köhm dazu trank, dann wußte sie Bescheid wegen der Drohung.

Wirklich kamen noch viele schöne Tage; niemand zählte sie, nichts hätte sie ändern können, kein Gewitter, denn am Morgen war es wieder blau. Die Zwischenfälle, Streit mit den beiden Badegästen oder zu Hause, alles, was nicht hineingehörte in den nie endenden Sommer, war sofort vergessen. Marie sollte später daran denken; jetzt genoß sie, ja, sie erfuhr endlich, was das heißt. Auch Mingo Merten spielte mit, ein Fischerjunge, ihr Freund. Da er indes überall auf die Seite Maries trat, duldeten die beiden Meiers ihn nur. Sie hießen Meier. Mingo hatte den Humor der Fischer, gutmütig und frech; er nannte die Badegäste nicht Viktoria und Kurt, sondern Meier eins und zwei. Sie mochten ihn nicht, aber sie fürchteten ihn. Außerdem warteten sie auf die versprochene Segelpartie. Er hielt sie hin, wie Marie sehr wohl begriff.

»Warum tust du das, Mingo? Du kannst das Boot doch alle Tage haben.«

»Wohl. Aber wenn wir in See stechen und 'ne Welle so groß wie 'n Kopfkissen klötert bloß 'n bißchen am Bug, was glaubst du, Meiers werden seekrank. Und sind sie erst mal seekrank gewesen und kommen wieder an Land, dann jagen sie mich weg, die Badegäste.«

Genau so geschah es. Kurt bekam dabei das bekannte wilde Gesicht, und wenn seine Schwester die Brauen verfinsterte, sah sie ihm ähnlich wie nie – besonders aber, als Mingo nicht ihr, sondern nur Marie zum Abschied die Hand reichte. Er nahm von dem Haß der Badegäste keine Kenntnis, anrühren durfte man sie ohnehin nicht.

»Tjüs, Marie, es war nett«, sagte er, drehte sich um und entfernte sich über den Sand. Er war gewachsen seit letzter Zeit, er wurde breit in den Schultern. Die Hüften erschienen um so schmaler, und er fing an, sich im Gehen zu wiegen. Vereinsamt begleitete Marie ihn mit dem Blick, bis der Abstand ihn verkleinerte. Ohne es zu wissen, seufzte sie. Schließlich wandte sie sich zu den Geschwistern, – da hatten Meiers einander umschlungen und begegneten ihr mit dem gleichen Lächeln.

»Nun ist er weg«, bemerkte das Mädchen.

»Hast du gesehen, wie ich ihm eine geklebt habe?« fragte der Junge, obwohl davon nichts zu sehen gewesen war.

Marie fand nur das eine ekelhaft, daß sie zusammenhielten wie die Kletten. Ihr wurde nicht erst klar, was eigentlich beginnen wollte, sie zu schmerzen; denn in diesem Augenblick kam die Kuchenfrau vorbei, und Kurt zeigte, was er konnte, er kaufte den halben Korb.

Kurz darauf erfolgte das Ereignis der Saison; in Röhns Hotel zog Antje Lehning ein. Eine Lehning aus dem Tagelöhnerkaten besetzte die beiden besten Zimmer im ersten Haus am Platz! Sie war die älteste der Töchter, neunzehn Jahre, und hatte in Hamburg ihr Glück versucht, als Kindermädchen, wie Lehnings behaupteten. Jedenfalls war sie dabei auf Herrn G.P. Tietgen gestoßen und konnte jetzt von Röhns blumengeschmücktem Mittelbalkon hinunter Schokolade auf die Leute spucken. Jeder Warmsdorf er mußte sie gesehen haben und blieb so lange auf der Promenade stehen, bis Antje sich zeigte. An der Tafel beim Portier stand sie verzeichnet als Annie – sogar als Frau Annie Lehning.

G.P. Tietgen war mitgekommen, daher ging sie die ersten Tage als vornehme Fremde über das Bollwerk oben, oder spazierte die Strandbretter entlang. Oben sah man sie nach der neuesten Mode gekleidet, Brust und rückwärtige Reize wirksam herausgearbeitet, mit blondem Gelock, das echt war, und amerikanischen Absätzen, auf denen sie sich unnachahmlich fortbewegte. Am Strand bevorzugte sie ein Mindestmaß von Badekostüm ohne Mantel. Groß, vollschlank und noch nicht gebräunt, bestach dieser fehlerlose Körper alle Blicke und schlenderte voll Erhabenheit den Herren, die ganz traurig wurden, an der Nase vorbei. Die Badegäste erholten sich von dem Eindruck erst, als sie erfahren hatten, daß G.P. Tietgen die Person mitgebracht hatte, und daß sie von hier aus dem Dorf war.

Sobald es ihr mit Rücksicht auf ihren Begleiter möglich war, besuchte Antje den Katen ihrer Kindheit. Sie hatte nur deshalb auf Warmsdorf bestanden für diesen August, damit sie aus Röhns Hotel auf den Raten hinunterblicken konnte. Während des Ganges zu den Ihren dachte sie: ›Nun sollen die mal kieken! Die Gans und der Wein, so was kennen die gar nicht. Echtes Kirschwasser hat Papa auch noch nicht erlebt. Die setzen sich überhaupt hin, wie ich aussehe!‹

Dennoch stand es um ihr Inneres viel demütiger. Ihr tiefstes Gefühl war: daß Mutter man nicht haut! Bei ihrem Vater hoffte sie sich eher durchzusetzen, daher hatte sie die Stunde gewählt, in der er voraussichtlich auf das Abendbrot wartete. Aber die Mutter sollte es vom Bauern erst mitbringen und war noch unterwegs. Soweit stimmte die Rechnung der verlorenen Tochter, nur hinsichtlich des Empfanges hatte sie sich doch noch Täuschungen hingegeben.

»Na findest du mal her?« fragte der alte Lehning, ohne seine Pfeife aus den Zähnen zu nehmen. Ihre kleinen Geschwister zeigten weniger Verblüffung als kalte Neugier. Der schon größere Kasper grinste sogar anzüglich. Sie wurde verlegen und sagte:

»Ich bin mit G.P. Tietgen hier.«

»Das wissen wir. Sie reden grade genug … Na gib man her –« damit ließ Vater Lehning den strafenden Ton beiseite und nahm das Kirschwasser entgegen. Die anderen wickelten die Gans aus, legten sie in eine Blechschüssel und schienen entschlossen, gleich loszuessen. Antje benutzte den Augenblick, als ihnen das Wasser im Munde zusammenlief, um leutselige Fragen zu stellen. Da trat aber Mutter Elisabeth ein, sagte zuerst gar nichts, ging gleich an ihre Arbeit und sah die Tochter nur zwischen ihren Handgriffen mehrmals an – ohne Anerkennung, eher abschätzend wegen Kleidung und Schmuck, und dann drängte sie Antje in die Ecke beim Herd.

»Heiratet er dich bald?«

Antje lachte nicht ganz natürlich. »Wer heiratet heute noch!« erklärte sie geradeheraus – zu geradeheraus, zu nackt. »Ich bin froh, wenn er zahlt.«

Schweigen im ganzen Katen. Die Mutter zögerte.

»Zahlen? Wofür zahlt er denn?«

Schweigen. Antje versuchte nochmals zu lachen, aber noch bevor der Ton kam, erinnerte sie sich. Niemand ahnte hier, daß es so etwas gab!

»Ach – dafür zahlen sie?« sagte Mutter Lehning langsam, ihrer Entdeckung nicht sicher.

Die Tochter nickte. »Nicht zu knapp!« behauptete sie stolz.

Frau Lehning wußte noch nicht, was sie glauben sollte. Sie hatte die Gegend von Warmsdorf nie verlassen. Mit dieser neuen Seite des Lebens mußte sie für sich allein erst fertig werden. »Kannst mal was essen«, ordnete sie an und deutete mit einer Kopfbewegung nach dem Tisch. Sie selbst klapperte weiter beim Herd.

Antje war auf dem Wege, mit den Kindern endlich wieder richtig zu reden, wie sie es verstanden, da wußte Frau Lehning, was sie wollte.

»Wenn das so ist, dann gib uns auch was ab!«

»Das hast du dir wohl gedacht!« Antje ging plötzlich hoch; in Geldsachen war sie an Deutlichkeit gewöhnt. »Was habt ihr mir gegeben, wie ich in Dienst ging?«

»Von deiner Schwester Frieda haben wir schon nichts. Aber von der will ich auch nichts, die arbeitet. Du tust nichts, du kannst uns wenigstens helfen.«

»Höre, Mama, du kennst das nicht.« Antje war nicht mehr zornig, nur noch ernst. »So schwer verdient sich keine ihr Geld.«

»Und wir?« fragte die Mutter hart. Ihre freudlosen Augen gingen über den Lehmboden und die geweißten Wände. Der Blick der Tochter senkte sich, da traf er die Hände der Mutter. Sie waren groß und erdfarben, voll von Schwielen und schon verkrümmt.

»Mal ein Kleid – sag ich nichts. Mal ein paar Mark, schön.« Dies kam von Antje hastig, in einer verwischten Art, und gleichzeitig zuckte sie die Schulter nach der Tür, wie um das Weite zu suchen. Das war das Zeichen für Frau Lehning. Groß, knochig, mit dunklem Gesicht und harten, hellen Augen, legte sie los – laut, aber ohne sich aufzuregen, und sehr langsam, sehr breit.

»Ich bin auch mal fertig mit meiner Kraft, dann muß ich nach Brodten ins Armenhaus.«

»Mußt du eben. Müssen wir alle mal«, murmelte die Tochter, aber die Mutter, unbeirrbar:

»Ich geh nicht nach Brodten ins Armenhaus. Ich geh nach Hamburg und komm zu dir treppauf und läute bei dir, wo Frau Annie Lehning dransteht, und klemm den Fuß zwischen, daß die Tür nicht wieder zugeht. Dann setz ich mich in deine gute Stube, und da bleib ich, da kriegt mich keiner weg, und jedem sag ich, wer ich bin. Ich sag es den Herren und sag es den Damen, so lange, bis keiner mehr was von dir haben will, so lange, bis keiner dich mehr sehen kann. Dann mußt du raus aus deiner warmen Stube. Dann bist du unten, wo ich bin. Dann kommst du dorthin, wohin ich komme, nach Brodten ins Armenhaus!«

»Ich sag es immer, du bist verrückt!« kreischte die Tochter nochmals, aber ihre Stimme wankte, das Mädchen fürchtete sich. Ihre Augen suchten umher nach einem hilfreichen Gesicht und fanden keins. Sie zog sich zusammen und wurde sichtlich kleiner von Gestalt. Hier erschien Marie.

Sie sprang herein – hielt an, als sie Antje erblickte, rief: »Antje ist wieder hier!« und machte die Arme auf.

Ihre Schwester lief ihr zwar nicht in die Arme, aber sie wurde doch sichtlich größer. Mutter Elisabeth zuckte zusammen und sah weg. Gleich darauf klapperte sie heftig mit Geschirr, während Antje mit Marie ins Freie ging. Sie hatte sich so weit gefaßt, daß sie der Familie noch heitere Grüße zuwarf. Draußen sagte sie zuerst:

»Die gute Gans! Na laß. Sollen sie. Was kann Papa dafür. Ist er noch so oft duhn? Ich weiß schon – arme Leute. Du bist aber zu hübsch dafür, Marie. Laß mal kieken. Die Beine sind schon gut. Erst zehn Jahre? Höchstens noch vier, dann bist du entwickelt. Ich staune. Dich muß ich in meine Zucht nehmen.«

Sie dachte nach.

»Möchtest du mich in Köhns Hotel mal besuchen?« fragte sie. Marie sagte nicht nein.

Antje überlegte: »Es ist nur wegen G.P. Tietgen, der will immer was zu melden haben. Aber wenn er sich grade mal im Strandpavillon besäuft, dann mach ich von meinem Balkon winke winke. Hab keine Angst, Mama sieht es nicht.«

Marie wandte ein: »Ich muß bloß immer mit Badegästen spielen.«

»Wieso? Mit Kindern? Was sind das für Leute?«

Antje hörte ganz genau zu, wer Meiers waren. »Die beiden Gören bringst du mit!« verlangte sie. »Sag ihnen, bei mir bekommen sie Schokolade!« setzte sie schnell hinzu.

Dies richtete Marie gleich am nächsten Morgen aus. »Meine Schwester wohnt in Köhns Hotel«, machte sie geltend. Sie empfand dabei einen Stolz, den irgend etwas störte, sie wußte nicht, was. Sonderbar, Meiers antworteten ihr nicht, sie sahen einander an und sprachen, als ob Marie nicht da wäre.

»Papa und Mama hatten doch recht«, bemerkte Vicki mit erfahrenem Ausdruck.

»Das durfte nicht kommen«, meinte Kurt in dem gleichen Ton.

Marie wünschte nachzuhelfen. »Herr G.P. Tietgen wohnt im andern Zimmer«, erklärte sie.

Hierauf machte die neunjährige Vicki ein Gesicht, wahrhaftig, als wäre sie auf eine Padde getreten. Marie erschrak, weil G.P. Tietgen so furchtbar eklig war. Kurt seinerseits stieß ein kurzes Gelächter aus. »Wir danken für die Einladung«, – auf einmal war er artig wie ein Herr.

»Kommt ihr?«

»Wir können leider keinen Gebrauch machen. An uns liegt es nicht.«

»Unsere Eltern haben es verboten«, ergänzte seine Schwester. »Sie sind noch 1880.«

Unvermittelt nahm Vicki eine andere Gestalt an, streckte das Hinterteil heraus, wölbte die Brust, so sehr sie konnte, und wippte beim Gehen. Marie erkannte dennoch nicht sogleich, wer gemeint war.

»Das spielen wir mal!« rief Kurt fröhlich. Er streckte den Bauch vor und blies die Backen auf. Seine Schwester äußerte erhaben:

»Ich will Esel reiten.«

»Ich bezahle alles, hier ist der Esel!« Damit gab der Junge der nichts ahnenden Marie einen Stoß, daß sie umfiel. Schon wollte das Mädchen den Rücken Maries besteigen, da begriff Marie endlich, was gespielt wurde. Sie sprang auf, und während Viktoria Meier sich noch im Sande wälzte, ging sie einfach fort. Zuerst ging sie, dann lief sie. Ihre Absicht war, nie wiederzukommen.

Hieraus wurde nichts, denn ihre Schwester Annie machte ihr kein Zeichen, weder heute noch morgen noch den nächsten Tag. Auf der Promenade wagte Marie in ihrem armen Kleid sie nicht anzusprechen, sonst hätte Antje ihr sicher geholfen. Daher ging Marie wieder in die Villa zu Meiers, als ob nichts geschehen wäre. Frau Meier war enttäuscht von Marie, wie sie sich ausdrückte. Sie hielt ihr vor, daß sie ihre Kleine umgeworfen habe und vom Spiel fortgelaufen sei. »Hier sind genug andere Mädchen, die gern an deiner Stelle wären. Deine Mutter wird in Kenntnis gesetzt werden.«

Dies geschah auch, und Mutter Elisabeth empfing ihre Tochter nicht nur mit Zorn, das hätte Marie ertragen, sondern auch kummervoll, daher mußte sie weinen.

»Endlich nützt du uns mal was, und wenn sie dich nun wegschicken? Zu den Leuten gehen sogar die Fischerfrauen und erzählen ihnen, sie sollten lieber ihre Töchter nehmen und nicht unsere, weil wir hier die Untersten sind.«

Als Marie dies hörte, weinte sie. »Blarrmarie!« riefen ihre kleinen Geschwister.

»Das schöne Geld!« stöhnte ihre Mutter.

Marie hatte eine Eingebung. »Von Antje krieg ich viel mehr!« verkündete sie. Da wurde es still im Katen.

»Ist das auch wahr?« fragte die Mutter schließlich. Marie riß die Augen auf und sah sie starr an.

»Antje hat mich eingeladen. Sie will mich in ihre Zucht nehmen, sagte sie.«

Mutter Lehning überlegte. Vater Lehning äußerte sich dahin, daß es mit den beiden Badegästen ohnehin gleich aus sein werde wegen des Endes der Schulferien. Darauf knurrte die Mutter nur noch.

Marie wartete weiter, daß Antje ihr ein Zeichen gäbe. Inzwischen verschwanden vom Strande alle größeren Kinder, und auch Meiers reisten. Marie erfuhr davon erst, als sie in die Villa kam, um die Geschwister abzuholen. Sie rannte nach dem Bahnhof. Die Familie stand umringt von anderen Herrschaften, diese noch in Strandkleidern. Frau Meier und Vicki waren beladen mit Blumen. Marie, im Abstand von allen, ersehnte ihren Augenblick. In sich fühlte sie einen ungeahnten Antrieb, den beiden Geschwistern um den Hals zu fallen. Nicht nur die Hand geben! Sie wußten doch, wie schön das alles gewesen war, wie schön, wie schön!

Sah denn niemand sie? Richtig, Kurt machte sich aus dem Kreise los, er näherte sich Marie.

»Na, Wiedersehen!« Er schnitt eine Fratze. »Wenn ich noch mal in dies Kaff komme.«

Plötzlich gab er Marie einen Kuß. »Hübsch bist du«, erklärte er. »Weine nicht schon wieder! Wer weint denn noch? Soll ich dir etwas raten? Übe dich, wie man ein Bein stellt!«

Er wurde gerufen, die Familie stieg ein, die Tür fiel zu. Im Augenblick der Abfahrt winkten Frau Meier und die Geschwister allen zu. Marie winkte zurück, im Eifer lief sie, ihr Tuch schwingend, dem Zuge nach. Vicki und Kurt lachten. Wie auf Verabredung streckten beide ihr die Zunge heraus. Marie hielt an im Lauf. Bevor sie selbst es wußte, zeigte auch sie ihnen die Zunge.

Das Zeichen von Köhns Balkon herunter blieb noch immer aus. Aber Antje, die jetzt in zahlreicher Gesellschaft badete, rief eines Tages laut schallend ihre Schwester herbei. Marie hatte nur eine Badehose an, es war ihr nicht gleich anzusehen, daß sie zu den Ärmsten gehörte. Aber Antje verkündete es laut.

»Meine Schwester – was sagt ihr? Die ist bis jetzt noch in dem Katen, wo ich auch her bin. Aber die bleibt ebensowenig drin, dafür ist gesorgt. Seht euch die Beine an! Na? Die werden wie meine berühmten Beine. Das Lehningsche Gesicht hat sie auch, schöne Zähne, wie? Die bringen Glück.«

Sie watete schon, den Herren voran, in die See, da fiel ihr endlich ein, was sie versprochen hatte.

»Du wolltest mich doch besuchen, Marie!« rief sie zurück. »Komm heute zum Kaffee! G.P. Tietgen tut dir nichts.«

Weil alle es gehört hatten, konnte G.P. Tietgen nicht viel machen, sondern er lachte. An demselben Nachmittag ging Marie in Köhns Hotel.

Der Portier ließ sie ohne weiteres durch, sie hätte es nicht für so einfach gehalten. Ihre Schwester lag auf dem Sofa und spielte mit einer großen Puppe.

»Schmeiß mal die Tür zu!« verlangte sie. G. P. Tietgen soll es nur hören. Er hat Geschichten gemacht euretwegen, und weil ich ihn hierher verschleppt habe. Manchmal ist es nicht auszuhalten.«

Marie verlor kein Wort aller dieser Offenbarungen und Rätsel.

»Nimm dir Kaffee! Oder nein, du willst natürlich Schokolade. Bestellen wir auch noch. Du kannst alles haben, bei mir ist es gut und reichlich. Dabei pfeif ich auf das Ganze. Was meinst du, soll ich wieder hierbleiben? Du siehst doch so vernünftig aus, rede mal!«

Marie atmete kaum, viel weniger sprach sie.

»Ich habe unsere Schwester Frieda gesehen«, sagte Antje. »Sie mich auch. Aber viel Zeit hatte sie für mich nicht übrig in ihrem Schlächterladen. Sie fährt nach Lübeck und kauft Konserven ein für ihren Chef, das kann man eine Vertrauensstellung nennen. Außerdem ist sie richtig verlobt und sogar mit einem Kaufmann! G.P. Tietgen ist auch Kaufmann.«

Marie hörte nichts mehr. Antje hatte auf ihrem Sofakissen das Gesicht der Wand zugekehrt. Als sie wieder anfing, klagte sie wie ein Kind.

»Unsere Schwester Frieda macht den Lehnings Ehre. Der wird Mama nicht solche Sachen an den Kopf werfen wie neulich mir. Mit ihrem Mann wird sie ein kleines Geschäft aufmachen, zuerst noch ganz klein. Alle werden sie hochachten. Niemand wird ihr zumuten, daß sie die Familie unterhält, und ihr mit Brodten und dem Armenhaus drohen.«

Marie ertrug die klagende Stimme nicht länger, sie brach in heftiges Weinen aus. Auch Antje vergoß Tränen, sie schluchzte in das seidene Kostüm der großen Puppe hinein. Schließlich setzte sie sich auf und sah Marie an, – sie hatte ein anderes Gesicht als sonst, oder wollte doch ein anderes haben, Marie erkannte die Anstrengung.

»Soll ich dir etwas raten, Marie? Bleibe lieber solide! Du hast noch Zeit, solange kannst du aufpassen, wer weiterkommt, ich oder Frieda.«

»Ja«, sagte Marie gehorsam.

»Jetzt iß mal den Kuchen auf!« Marie tat es. »Du könntest Schneiderin werden. Damit ist immer etwas zu machen, und was die uns für ein Geld abnehmen! Verstehst du schon etwas von Kleidern? Ich will dir meine zeigen.«

Sie sprang auf, der Schmerz war fort. Sie trug alles zusammen, was sie besaß, Marie wurde eingeweiht in die höchsten Dinge. Sie wagte nicht einmal mit ihrer Hand daran zu rühren, aber Antje zog ihr ein Kleid über. Natürlich paßte es nicht, dennoch zeigte der große Spiegel eine Marie, wie diese Welt sie noch nie erblickt hatte. Antje stellte ihr Grammophon ein und tanzte mit Marie.

»Du kommst bald wieder. Das Kleid könntest du eigentlich behalten. Nein, lieber doch nicht, ich brauche es noch. Dafür kriegst du die Puppe! Wiedersehen, Marie! Ein Abendkleid erwarte ich noch aus Hamburg, ich zeig es dir dann.«

Marie war heraus aus Köhns Hotel, und im Arm hielt sie einen langen Clown, grüne Seide und Mehlgesicht. Etwas betäubt dachte sie: ›Antje wollte mich in ihre Zucht nehmen! Zu Mama habe ich gesagt, was Antje mir alles geben wird!‹ Sie fand nur schwer nach Haus, vorher hatte sie sich ausgedacht, was sie vorbringen wollte. Antje hätte versprochen, sie Schneidern lernen zu lassen! Darauf blieben wirklich alle harten Worte ihrer Mutter aus. Ihre kleinen Geschwister bewunderten den Clown, während Marie im stillen wiederholte: ›Das nächste Mal bitte ich sie, daß sie mich Schneidern lernen läßt, dann tut sie es.‹

Als es schon wieder zu lange dauerte, bis Antje sie rief, ging Marie von selbst hin – und bekam vom Portier einen Bescheid, den sie zuerst nicht verstand. Antje war abgereist. Sie war abgereist? Am Morgen hatte sie doch noch gebadet, wie immer mit vielen Bekannten. Marie glaubte dem Portier nicht; er wandte grade den Rücken, da huschte sie nach der Treppe.

Das Zimmer Antjes stand offen, es war verlassen und noch nicht aufgeräumt. Am Boden lag Papier, dazwischen aber dasselbe Kleid, das Antje hatte Marie schenken wollen. Sie brauchte es noch, aber jetzt hatte sie es fortgeworfen. Marie rollte das Stückchen Seide schnell zusammen und steckte es unter ihre Schürze. Auf dem Tisch stand Kaffee, noch warm. Sie hätte ihn trinken dürfen, sie war eingeladen. Sie sollte wiederkommen, hatte Antje gesagt! Antje erwartete ein Abendkleid aus Hamburg und wollte es ihr zeigen! Marie fühlte eine Beklemmung, so angstvoll, daß sie nicht weinen konnte. Das verlassene Zimmer war leer und ohne jedes Geräusch. Plötzlich nahm Marie reißaus.

Hiermit war der Sommer zu Ende, es wurde sofort kalt, die letzten Badegäste verschwanden vom Strand. Marie spielte manchmal allein bei den Booten am Wasser, die Fischer beachteten nicht, was sie trieb; sie war doch noch ein Kind, obwohl so hochbeinig. Sie spielte aber Badegäste, sie verkörperte in einem Vicki, Kurt und Marie. Sie befahl Marie, sie abzutrocknen, sie ließ Marie im Sand bauen, sie freute sich zu dreien und warf Steinchen über die glatte See, – die in Wirklichkeit stürmisch war.

Bald darauf traten schwere Stürme ein, und ein großes Schiff scheiterte vor Warmsdorf. Als es auflief, waren alle Mann schon längst von Deck gespült und ertrunken, aber noch eine Zeitlang trugen die Wellen auf den Strand, was sie besessen hatten, Konservenbüchsen und Geldstücke. Die Warmsdorf er holten sich alles, zugleich mit einer Menge Bernstein, das der aufgewühlte Meeresgrund ihnen schickte.

Der Sturm legte sich endlich, es wurde sogar ein wenig wärmer, und nach der Schule ging Mingo Merten mit Marie an den Strand. Er behauptete, jetzt würden sie etwas finden, das die anderen nicht mehr suchten. Sie fanden aber eine Wiege, die Wiege eines kleinen Kindes, es war das Kind des Schiffers gewesen. Wo war es jetzt, wo waren seine Eltern? Die Wiege wurde durch Metallreifen zusammengehalten, so hatte sie den Wellen widerstanden. Marie lief und holte ihren langen Clown. Er zeigte schon große Schäden, sie legten ihn trotzdem hinein und nannten einander jetzt Vater und Mutter. Sie kochten im Sand, er kam vom Fischen nach Haus, und sie aßen. Bei allem ahmten sie die schweren Stimmen der Erwachsenen nach, – auf einmal sagte Mingo in seinem natürlichen Ton:

»Wenn wir groß sind, machen wir das wirklich.«

Marie sah ihn an und lächelte glücklich. In diesem Augenblick fiel Antje ihr ein. Nach allem, was Antje geredet und versprochen hatte, war sie abgereist ohne ein Wort, und auch seither blieb es von ihr still. Eine Beklommenheit wie in dem verlassenen Zimmer ihrer älteren Schwester wollte Marie ergreifen; sie fürchtete sich vor etwas, das nicht sicher ist. Sie fürchtete die Unzuverlässigkeit alles dessen, was Ernst heißt.

»Spielen wir doch lieber!« bat sie mit zitternden Lippen und die Augen voll Schrecken.

Er erkannte, wie es um sie stand, er sagte: »Auf mich kannst du dich verlassen. Ich heirate dich.« Dann küßte er sie, und sie erwiderte es.

Der nächste Sommer kam und ging fast unbemerkt. Mutter Lehning arbeitete auf einem entfernten Hof, Marie ganz allein mußte alles im Hause verrichten, was der Vater und die Geschwister brauchten. Im Herbst war sie schon vor Abend oft sehr müde; sie hätte nicht geglaubt, daß es eine so große Müdigkeit gibt. Sie wurde damals zwölf Jahre alt. Eines Tages gegen Abend machte sie sich auf, um in den Tannen etwas Reisig zu sammeln. Der Weg rechts hinauf führt zum Friedhof. Das Bündel auf ihrem Rücken drückte Marie, sie wollte ausruhen in einem Winkel der Friedhofsmauer, wo es windgeschützt ist. Auf ihren bloßen Füßen näherte sie sich unhörbar, da saß in dem Winkel schon jemand, ein Mädchen, es hielt das Gesicht in den Händen.

»Frieda! Bist du das?«

Die ältere Schwester zeigte ihr Gesicht, um zu bestätigen, daß sie es sei. Sie sagte nichts.

»Was tust du da? Hast du keine Arbeit?«

Denn Frieda hatte immer Arbeit, seit sie zu Schlächter Heim gekommen war. Das geschah vor so langer Zeit, daß Marie es nicht mehr wußte, und sie kannte ihre Schwester nicht anders, als von schnellen Begegnungen. Schon zwei Jahre war Frieda verlobt mit Karl Boldt, jetzt sah man sie noch seltener.

»Wo ist Boldt? Daß du hier so allein sitzt! Und bei Heim hast du doch sonst viel länger zu tun.«

»Ich hab gar nichts zu tun«, äußerte Frieda endlich. Sie hatte ein Gesicht wie immer, nur regungsloser. »Oder, was ich zu tun habe, ist meine Sache.«

Marie verstand dies nicht.

»Heiratet ihr denn nun im Frühling? Kauft Boldt, das Geschäft?«

Frieda stand auf. »Ja, ja«, sagte sie. »Wir denken uns das alles so. Mir aber ist, als würde es nichts.«

»Fehlt dir etwas?« fragte Marie.

»Nein nein. Und wenn, dann muß ich selbst zusehen.«

»Du bist doch in der Krankenkasse.«

»Aber nicht dafür!« Dies schrie das Mädchen. Hierauf begann sie merkwürdigerweise sich zu entschuldigen, weil sie so lange nicht mehr in den Katen gekommen war. Während alles dessen, was sie sprach, blickte sie über die Gräber hin.

»Ich war nie frei«, sagte sie. »Aber das ist es nicht. Ich konnte euch auch nichts mitbringen von Heim, ich hätte es selbst bezahlen müssen, und Boldt wollte alles sparen für das Geschäft. Jetzt ist das auch gleich.« Leise für sich wiederholte sie: »Auch gleich. Bezahlen«, – als prägte sie sich die Worte ein.

Marie sah, daß Frieda noch schöner als Antje war, obwohl sie nur ein altes schwarzes Tuch um die Schultern trug. Aber Marie empfand Angst, sie gab vor, daß sie noch Holz sammeln müsse, und machte sich davon. Nachher tat es ihr leid, sie kehrte nochmals zu der Stelle zurück, da stand aber keine Frieda mehr.

Drei Tage später war Frieda tot. Marie erfuhr, was ihre Schwester getan hatte; aber seit der letzten Begegnung war ihr so viel durch den Kopf gegangen, daß sie schon selbst alles wußte. Mutter Lehning wanderte von dem entfernten Hof herbei, ihr Zorn war größer als ihr Schmerz. Sie ließ sich zu Marie über alles aus.

»Mit einer Stricknadel! Damit das Kind nicht kommt, und dabei sollten sie heiraten!«

›Sie hat sich ganz schrecklich quälen müssen‹, dachte Marie. ›Bevor sie sterben konnte!‹

»Dann hätte doch mal eine von uns ein besseres Leben gehabt!« sagte Mutter Lehning mit rauher Stimme.

Bei dem Begräbnis Friedas aber war das ganze Dorf, auch die Fischer, auch die Kaufleute, und der Lehrer, der Pastor, der Arzt. Die Familie der Toten, so viele Kinder noch mitgehen konnten, drängte sich hinter dem Sarg zusammen, klein und erstaunt über das Ansehen, in dem ihre Frieda gestanden hatte. Ihnen folgten die guten Kleider, die guten Bratenröcke und der Zylinderhut, den jeder Älteste von seinem Vorgänger ererbt hatte. Als die Friedhofsmauer in Sicht kam, beugte Marie die Stirn und legte die Hände darüber – so, wie Frieda dagesessen hatte in jenem windgeschützten Winkel.

Sie mußte nicht sogleich wieder zur Schule gehen, auf einem Gang aber hörte sie die Kleinen drinnen singen, es war der Vers: »Lütt Matten gev Pot, de Voß bet em dot.« Hierbei dachte sie: ›Alles eins – bezahlen‹, die letzten Worte ihrer Schwester. ›Mir aber ist, als würde es nichts‹ – auch das fiel ihr wieder ein. ›Mit einer Stricknadel!‹ Dies war die Stimme der Mutter. Auf einmal meinte sie, auch Antje spreche zu ihr. Antje, die nie mehr ein Zeichen gegeben hatte, sollte sie je wieder eins geben? ›So wenig wie Frieda‹, mußte Marie denken. Gleichzeitig erschien ihr das Gesicht eines Gendarmen, der schon längst nicht mehr im Dorf war, aber er hatte den Vater abgeholt, als die kleine Dörtje oben in den Tannen lag mit dem Rock über dem Kopf.

Sie fühlte Angst vor der allzu großen Deutlichkeit ihrer Erinnerungen, und grade die Furcht ihres Herzens versicherte ihr, daß sie dies alles nie vergessen werde. ›Jetzt weiß ich es‹, dachte sie. ›So ist es!‹ Immer beim Anblick der Liebespaare kamen ihr dieselben Worte. Des Abends auf der schwach beleuchteten Strandpromenade bewegten sich zwei Schatten unter diesem und jenem der Bäume, von denen die Blätter fielen. Die welken Blätter schwankten durch die Luft, bevor sie eine Strecke weiterhin den dunklen Boden berührten. Marie dachte: ›Jetzt weiß ich, wie das ist. Ich will auch nie mehr weinen. Meine Mutter weint nicht, und sie hat ein hartes Gesicht.‹

Sie war ein herangewachsenes Mädchen, dreizehn, bald vierzehn, sollte eingesegnet werden, und daher ging natürlich auch sie schon mit ihrem Freund am Abend unter die Buchen. Mingo Merten hielt den Arm um ihre Schulter, sie umschlang die seine, und sie tuschelten, wie alle anderen. Bei keiner hätte der Junge mehr Unschuld und kindliches Vertrauen finden können. Was das Rollen der See nicht zudeckte von ihren Worten, klang ernst und hingebend. Wenn das Mondlicht hervorkam, konnte er ihren weichsinnenden Blick erkennen. Soviel sie ohne ihn und fern von ihm alles hatte erlernen müssen, es blieb ihm unbekannt. Sie bedauerte nicht sich selbst, aber ihr lieber Freund tat ihr leid. Daher verriet sie nichts, und er ahnte niemals, diese Stimme, dieser Blick kämen aus einem Innern, das sich schon schützen und verhärten wollte. Einst fuhr sie in seinem Arm zusammen, er bemerkte, daß sie zitterte, und wie sie fortstrebte. Unglücklicherweise versuchte er, sie festzuhalten, da riß sie sich los; sie schrie auf.

»Laß mich!«

»Was hast du auf einmal?«

Sie hatte Boldt gesehen mit einem Mädchen. Der Verlobte Friedas stand mit einer anderen dort hinten unter dem Baum und küßte sie! Seinetwegen war Frieda tot! Er hatte gespart und wollte kein Kind, darum hatte sie sterben müssen, und jetzt küßte er die da! Marie sagte zu Mingo, ihr sei plötzlich schlecht geworden, und sie tat, als ob sie weinte. Er glaubte ihren Tränen, und sie durfte nach Hause.

Als sie auch noch erfuhr, daß Boldt jetzt wirklich das Geschäft gekauft hatte und die andere heiratete, kam Marie auf den Gedanken, ihm das Haus anzuzünden. Der Gedanke ergriff sie wie eine entsetzliche Krankheit; wo sie ging und stand, trug sie eine Welt von Fieber mit sich herum, fürchtete sich, war verzweifelt und haßte. Eine ganze Nacht verbrachte sie im Stall hinter dem Boldtschen Anwesen, um auszukundschaften, wie sie es anfinge. Der Morgen graute, sie kehrte aber nicht in den Katen zurück, sondern lief hinunter zum Wasser. Es wurde grade Frühling, der Sand war zum erstenmal ganz trocken, sie watete darin mit ihren bloßen Füßen stundenlang. Es ermüdete sie sehr, aber den Gedanken brachte es nicht zum Schweigen, die ganze Zeit sann sie nur auf das Mittel, sich viel, viel Brennstoff zu verschaffen.

Ein fremder Strand umgab sie endlich, so weit war sie gelaufen. Sie kehrte um, jetzt breitete sich über die Bucht das Morgenrot, eine von innen bunt erleuchtete Wolkenwand. Dagegen schwarz hingestellt, erblickte sie in der Ferne etwas, das vorher noch nicht dagewesen war, etwas Schweres, Massiges und Hartes, wer hatte es so schnell auf den Strand getragen? Trotz ihrem fieberhaften Denken wußte sie im Grunde, daß es ein Mensch war. Sie hielt an.

Der Mensch war der einzige weit und breit, und er stand reglos der See zugewendet. Marie bestaunte seinen Rücken, der mächtigste Rücken, den sie je gesehen hatte. Er aber drehte sich – drehte sich langsam ihr zu, er wußte, daß sie da war! Sofort erstarrte sie; dem Mann dort war bekannt, wo sie die Nacht gewesen war! Dort wartete er, sie mußte an ihm vorbei, sie entging ihm nicht. Die Düne hinauf und flüchten? Schwer wie er war, es blieb dennoch sicher, daß er noch vor ihr droben anlangte und sie abfing. Sie setzte den Fuß an, sie mußte auf ihn zu, so sehr ihr Herz auch klopfte. Der Mensch war unausweichlich, und er sah ihr entgegen, jetzt noch aus der Entfernung. Aber sie sollte, mit stockenden Füßen, den ganzen Abstand durchmessen.

Die Gestalt wurde nur größer. Sie trug einen runden Hut und einen riesigen dicken Mantel, alles schwarz. Wie dick war der Mantel, daß der Morgenwind ihn gar nicht bewegte! Endlich erkannte sie auch die Farbe seines Gesichts. Bisher nur ein Stück Schatten, hellte es sich während ihres Näherkommens auf und wurde grau, massig und steingrau. Jetzt war sie auf seiner Höhe, verlangsamte noch mehr ihren Schritt und suchte seine Augen – fand sie aber geschlossen. Offen oder geschlossen, sie folgten ihr, die Augen des ungeheuren Fremden hatten sie durchschaut!

Erst als sie an ihm vorbei war, wagte sie es, sich hinter die Düne zu ducken und gebückt davonzuhasten. Wenn er sie gerufen hätte, sie wäre umgekehrt und hätte alles gestanden.

An dieser Begegnung zerschlug sich ihre Versuchung. Der Gedanke, der sie wochenlang besessen gehalten hatte, fiel ohne weiteres ab. Sie vergaß sogar Boldt, sein Haus und den Brand, den sie hatte legen wollen. Im Herbst, Marie war grade vierzehn geworden und eingesegnet, kam dann das Hochwasser, jenes unvergessene, von dem Warmsdorf sich jahrelang nicht erholt hat.

Wirklich und wahrhaftig trat ein, was sie in den ersten Ängsten ihres Lebens, als kleines Kind des Nachts in ihrem Bett vorausgeahnt hatte. Donnernd rollt die See heran, jeder Anlauf türmt ihre Wassermassen höher, und beim nächsten, beim nächsten verschlingen die Wellen den Katen, worin Marie schläft! Als es in Wirklichkeit geschah, schlief sie denn auch fest und ahnungslos. Sie erwachte von heftigen Schlägen an den Fensterladen, das war die Warnung.

Der Vater schlief weiter, er hatte getrunken; aber die Mutter stieß die Tür auf, alle ihre Kraft war nötig gegen den Sturm, der die Tür zudrückte. Der Sturm wütete und Gestalten kämpften sich hindurch. Mehrere trugen Laternen, Fischerfrauen waren zu erkennen; schon durch Wasser steigend in hohen Stiefeln aus Hirschleder, retteten sie ihre Kinder das Bollwerk hinauf und über die Promenade. Mutter Lehning trieb die Ihren zusammen, da drang die See auch schon in den Katen. Was noch folgte, begriff Marie nur wie einen Traum des Entsetzens. Sie wußte nachher nichts weiter, als daß sie mit ihren Geschwistern das Bollwerk soeben hinter sich gelassen hatte, da stürzte es ein. Auf den finster fahlen Fluten sah sie etwas treiben, den Katen, sein Strohdach, und droben liegend, angeklammert, ihren Vater.

Von der Promenade krochen sie auf Händen und Füßen höher und in die Tannen hinein. Kaum daß sie sich vom Erdboden aufrichteten, zerbrach die Promenade wie ein Brett und wurde hinabgeschwemmt. Marie, ihre Brüder und Schwestern hielten sich in den nächtlichen Tannen, alle im Kreis aneinander fest, die Tannen sausten, bogen sich und fielen um. Zu dem verlorenen Häuflein der Kinder stieß die Mutter, sie schrie gegen den Sturm:

»Vadder is versoppen!«

Mutter und Kinder erreichten, ohne von den Tannen erschlagen zu werden, das Diakonissenheim, das gleich drüben an der Straße stand. Sie wurden aufgenommen. Am Morgen neigte sich über die erwachende Marie eine Diakonissin und sprach zu ihr – Trost, Ermahnung, aber Marie verstand sie nicht. Sie hörte nur den einen Satz, den sie nicht wieder vergaß:

»Jetzt bist du kein Kind mehr.«


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