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XII

Der Sohn des Abendsterns.

Kann's die Sonne sein, sich neigend
Überm flachen Wasserspiegel?
Kann der Schwan es sein, der rote,
Fließend, fliegend, wund geschossen
Mit dem Pfeil, dem Zauberpfeile,
Rings die Flut mit Purpur färbend,
Mit dem Purpur seines Herzbluts,
Rings die Luft mit Glanz erfüllend,
Mit dem Glanze seiner Federn?

Ja, es ist die Sonne, sinkend,
Niedersinkend in das Wasser:
Rings die Luft ist rot von Purpur,
Rings das Wasser glüh'nd von Scharlach!
Nein, es ist der Schwan, der rote,
Fließend, tauchend unters Wasser!
Hebt zum Himmel er die Flügel,
Rötet er mit Blut die Wellen!

Über ihm der Stern des Abends
Schmilzt und zittert durch den Purpur,
Zittert aufgehängt im Zwielicht.
Nein, es ist 'ne Wampumperle
Auf dem Kleid des großen Geistes,
Wie er schreitet durch das Zwielicht,
Schweigend durch die Himmel schreitet!

Ihn mit Freude sah Jagoo,
Und er sprach in Hast: »O, seht ihn!
Seht den heil'gen Stern des Abends!
Wunderbares sollt ihr hören,
Die Geschichte von Osseo,
Sohn des Abendsterns, Osseo!

»Einst, in Tagen jetzt verschollen,
Zeiten näher noch dem Anfang,
Als die Himmel nicht so fern, und
Mehr vertraut die Götter waren,
Hoch im Nordland lebt' ein Jäger
Mit zehn jungen holden Töchtern,
Schlank und schwank wie Weidengerten;
Oweenee allein, die Jüngste,
Sie die Eigne, Wunderliche,
Sie die Träumerin, die Stille,
War die schönste der zehn Schwestern.

»Sie nun alle freiten Krieger,
Nahmen tapfre, stolze Männer;
Oweenee allein, die Jüngste,
Lachte spottend ihrer Freier,
Ihrer jungen hübschen Freier,
Nahm zum Manne den Osseo,
Ihn den Alten, arm und häßlich,
Schwach von Alter, schwach von Husten,
Immer hustend wie ein Eichhorn.

»O doch schön und herrlich in ihm
War die Seele des Osseo,
Den der Abendstern entsandte,
Stern des Abends, Stern des Weibes,
Stern der Zärtlichkeit und Liebe.
All' des Sternes Feu'r im Herzen,
Im Gemüt all' seine Schönheit,
Sein Geheimnis all' im Wesen,
All' sein Glänzen trug im Wort er.

»Und die Freier, die Verschmähten,
Schön zumal in Wampumgürteln,
Schön in Farben und in Federn,
Wiesen auf sie hin mit Spotten,
Folgten ihr mit Scherz und Lachen.
Doch sie sprach: »Nach euch nichts frag' ich;
Frage nichts nach euren Gürteln,
Euren Farben, euren Federn,
Euren Scherzen, eurem Lachen;
Ich bin glücklich mit Osseo!««

»Einst zu einem Fest geladen,
Durch des Abends Graun und Feuchte
Miteinander die zehn Schwestern
Gingen da mit ihren Gatten;
Langsam folgte nach Osseo,
Mit ihm Oweenee die Schöne!
All' die andern schwatzten fröhlich,
Diese zwei nur gingen schweigend.

»Festen Blickes auf zum Himmel
Sah Osseo, gleich als fleht' er;
Stand oft still und blickte flehend
Auf zum Zitterstern des Abends,
Auf zum sanften Stern des Weibes;
Und sie hörten leis ihn murmeln:
»Ah, shoswain nemeshin, Nosa!
Habe Mitleid, o mein Vater!««

»Sprach die älteste der Schwestern:
»Horcht! er fleht zu seinem Vater!
O, wie schade, daß der Alte
Auf dem Pfade jetzt nicht strauchelt,
Daß er fallend nicht den Hals bricht!««
Und sie lachten, bis den Forst ihr
Unfein Lachen rings durchgellte.

»Nun, auf ihrem Pfad durchs Waldland
Lag ein Baum, vom Sturm entwurzelt,
Lag ein mächt'ger Stamm der Eiche,
Halb in Laub und Moos begraben,
Faul, zerbröckelnd, groß und hohl auch.
Den gewahrend, tat Osseo
Einen Schrei, tat einen Angstschrei,
Sprang in die weitoffne Höhlung,
Ging hinein zu diesem Ende
Als ein Greis, alt, runzlig, häßlich,
Kam heraus zu jenem wieder
Jung, und schön, und stark, und stattlich.

»So verwandelt ward Osseo,
Also wiederum bekleidet
Neu mit Jugend und mit Schönheit;
Dennoch, Wehe dem Osseo,
Weh' auch Oweenee, der Treuen!
Seltsam auch ward sie verwandelt,
Ward ein schwaches altes Weibchen,
Schwankt' an einem Stabe vorwärts,
Runzlig, abgezehrt und häßlich!
Und die Schwestern und die Männer
Lachten, bis den hallenden Forst ihr
Unfein Lachen rings durchgellte.

»Doch Osseo nicht verließ sie;
Neben ihr langsamen Schrittes
Ging er, nahm sie bei der Hand auch,
Bei der Hand, so braun und dürre,
Wie ein Eichenlaub im Winter;
Hieß sie Liebchen, Nenemoosha,
Tröstete mit leisem Wort sie,
Bis das Festhaus sie erreichten,
Bis im Wigwam sie sich setzten,
Der geweiht dem Stern des Abends,
Ihm dem sanften Stern des Weibes.

»In Gesicht und Traum versunken,
Bei dem Feste saß Osseo;
Alle waren froh und glücklich,
Alle sie, nur nicht Osseo!
Nahm er weder Trank noch Speise,
Sprach er weder, noch auch hört' er,
Saß daselbst wie ein Verwirrter;
Träumerisch und traurig blickend,
Erst auf Oweenee, dann aufwärts,
Auf zum Himmel über ihnen.

»Scholl 'ne Stimme drauf, ein Flüstern,
Kommend aus der sternigen Ferne,
Kommend aus der leeren Weite,
Tief, und wohllautvoll, und zärtlich;
Und die Stimme sprach: »Osseo!
O mein Sohn, mein bestgeliebter!
Der dich band, gelöst der Zauber!
Aller Bann anjetzt gebrochen,
Alle Zaubermacht des Bösen!
Auf zu mir, steig' auf, Osseo!

»Von der Speise nimm, die vor dir;
Sie ist heilig, ist bezaubert,
Sie hat Zauberkräfte in sich,
Wird in einen Geist dich wandeln.
Deine Schalen, deine Kessel
Sollen nimmer Holz und Ton sein,
Wampum sollen sein die Schalen,
Silber sollen sein die Kessel,
Und Wie Scharlachmuscheln leuchten
Sollen sie, wie Feuer glitzern.

»Sollen auch nicht mehr die Weiber
Tragen trübes Los der Arbeit;
Soll'n sie Vögel sein, und glänzen
In des Sternenlichtes Schöne,
Farbig von den düstern Lohen
Abendhimmels, Westgewölkes!««
»Was Osseo hört' als Flüstern,
Was er wohl verstand als Worte,
War nur wie Musik den andern,
Wie das Singen ferner Vögel,
Wie das Singen Whippoormillens,
Einsamferner Wawonaissa,
Singend tief im dunkeln Forste.

»Drauf begann das Haus zu zittern,
Stracks begann es zu erzittern,
Und sie fühlten es sich heben,
Langsam durch die Luft sich heben,
Aus der Finsternis der Wipfel
Aufwärts in das tauige Sternlicht,
Bis es frei ward von den Ästen;
Und von Holz die Schüsseln, siehe!
Waren alle Scharlachmuscheln!
Und die irdnen Kessel, siehe!
Waren alle Silberschalen!
Und des Wigwams Giebelstangen
Funkelten wie Silberstäbe,
Und das Dach von Borke drüber
Glich des Käfers blanken Flügeln.

»Um sich blickte drauf Osseo,
Und er sah die schönen Schwestern,
Sah die Neun und ihre Männer
Vögel allesamt geworden,
Vögel mancherlei Gefieders.
Diese waren Elstern, Amseln,
Jene Drosseln, andre Häher:
Und sie hüpften, sangen, zirpten,
Spreizten sich in ihren Federn,
Schwirrten, flatterten und strotzten,
Schlugen fächergleich die Schwänze.

»Oweenee allein, die Jüngste,
Unverwandelt sah in Schweigen,
Dürr und runzlich, alt und häßlich,
Traurig blickend auf die andern;
Bis Osseo, schauend aufwärts,
Wieder einen Schrei der Angst tat,
Jenem ähnlich, den er ausstieß
Bei dem Eichbaum in dem Forste.

»Kehrt' ihr Jugend drauf und Schönheit,
Und ihr Kleid, beschmutzt, zerrissen,
Ward zu Hermelingewanden,
Und ihr Stab ward eine Feder,
Ja, 'ne lichte Silberfeder!

»Und der Wigwam bebte wieder,
Flog und schwang sich durch die Lüfte,
Flog durch Nebel und durch Wolken,
Ließ, von hellem Glanz umflossen,
Auf den Abendstern herab sich,
Wie auf Flocke fällt die Flocke,
Wie auf einen Fluß ein Blatt sinkt,
Wie der Distelflaum auf Wasser.

»Her mit freud'gem Wort des Willkomms
Kam der Vater des Osseo,
Er mit strahlenden Silberlocken,
Er mit Augen klar und zärtlich.
Und er sprach: »Mein Sohn, Osseo,
Häng' den Käfig, den du bringst dort,
Käfig ihn mit Silberstäben
Und mit buntbeschwingten Vögeln,
An den Türweg meines Wigwams!««

»An die Tür den Käfig hängt' er,
Und sie traten ein, und fröhlich
Lauschten sie Osseos Vater,
Herrscher ihm des Abendsternes,
Wie er sprach: »O mein Osseo!
Hab' ich deiner mich erbarmt doch!
Machte wieder jung und schön dich!
Wandelte zu bunten Vögeln
Deine Schwestern, deine Schwäger!
Tat es, weil sie dich verspottet,
Als ein Greis du schienst, ein Alter,
Als du trüb erschienst und runzlig!
Weil dein Herz sie nicht erkannten,
Noch auch deine ew'ge Jugend!
Oweenee allein, die Treue,
Sah dein Herz, und hatte lieb dich!

»In der Hütte, die dort schimmert
In dem kleinen Sterne, blinzelnd
Durch die Nebel uns zur Linken,
Lebt der böse Geist, der Neider,
Der Wabeno, er der Zaubrer,
Der dich wandelte zum Greise.
Hüte dich vor seinen Strahlen,
Denn, die er verschießt, die Strahlen
Sind die Kraft, mit der er zaubert,
Sind die Pfeile, die ihm dienen.««

»Manches Jahr in Fried' und Ruhe,
Auf dem friedevollen Sterne,
Lebt' Osseo mit dem Vater;
Manches Jahr auch, singend, flatternd,
Hing am Wigwamtor der Käfig
Mit den Stäben blank von Silber,
Und Schön Oweenee, die Treue,
Bracht' Osseo einen Knaben,
Einen Sohn schön wie die Mutter,
Mutig auch gleichwie der Vater.

»Wuchs und wurde stark der Knabe,
Und Osseo, zu erfreun ihn,
Macht' ihm Bogen klein und Pfeile,
Öffnete den Silberkäfig,
Ließ heraus sie, Basen, Ohme,
Vögel sie mit Glanzgefieder,
Daß sein Söhnchen auf sie schösse.

»Und sie kreisten und sie schwirrten,
Fülleten den Stern mit Wohllaut,
Mit dem Lied der Lust und Freiheit;
Fülleten den Stern mit Glänzen,
Mit dem Flattern ihrer Flügel;
Bis der Knab, der kleine Jäger,
Seinen Bogen spannte, bis er
Einen schnellen, bösen Pfeil schoß,
Und ein Vogel, licht von Federn,
Blutend fiel vor seine Füße.

»Doch, o wunderbare Wandlung!
Keinen Vogel sah er vor sich,
Sah ein Weib, ein junges, schönes,
Mit dem Pfeil in ihrem Busen!

»Als ihr Herzblut auf den Stern fiel,
Auf den heil'gen Stern des Abends,
War des Zaubrers Macht gebrochen,
War der seltsamliche machtlos,
Und der Jüngling, er der Schütze,
Fühlte jach sich niederschweben,
Fühlte sich von ungeseh'ner
Hand gehalten, aber sinkend
Abwärts, abwärts durch das Leere,
Durch die Wolken, durch die Nebel,
Bis er ruht' auf einem Eiland,
Einem Eiland, grün und grasreich,
Drüben in dem Groß-See-Wasser.

»Und sich nach vom Himmel fallen
Sah die Vögel er, die bunten,
Abwärts flatternd, abwärts wehend,
Wie des Herbstes bunte Blätter;
Und das Haus mit Silbersparren,
Mit dem Dach gleich Käferflügeln,
Ja, gleich Käferflügeldecken,
Aufgehoben von den Winden,
Sank es langsam auf das Eiland,
Wiederbringend den Osseo,
Bringend Oweenee, die Treue.

»Nahmen wieder dann die Vögel
Ihre menschliche Gestalt an,
Die Gestalt, doch nicht die Größe;
Blieben sie, wie kleine Leute,
Wie die Zwerge, die Puk-Wudjies,
Und in lust'gen Sommernächten,
Wenn, der Abendstern erglänzte,
Tanzten fröhlich Hand in Hand sie
Auf dem Vorland, auf dem fels'gen,
Auf dem Sandgestad, dem flachen.

»Sieht man oft noch ihre Hütte,
Oft in stillen Sommernächten,
Und am Ufer hört der Fischer
Manchmal ihre frohen Stimmen,
Sieht sie tanzen froh im Sternlicht!«

Als nun die Geschichte aus war,
Aus die Mär', die wundersame,
Sah im Kreis sich um Jagoo,
Sagte wichtig: »Große Männer
Gibt es, selber kannt' ich solche,
Die das Volk, bei dem sie lebten,
Nicht verstand, ja sie verhöhnte,
Sie mit Spott und Lachen aufzog.
Zeige, wie es geht den Spöttern,
Die Geschichte von Osseo!«

Lauschten alle Hochzeitsgäste
Hocherfreut der Wundersage,
Lauschten lachend und mit Beifall,
Und sie flüsterten zusammen:
»Meint er sich nur, möcht' ich wissen?
Und sind wir die Ohm' und Basen?«

Wieder dann sang Chibiabos,
Sang ein Lied der Lieb und Sehnsucht,
Sang es süß und sang es zärtlich,
Sang's im Tone stiller Trauer;
Eines Mädchens Klage sang er
Um den Liebsten, den Algonkin.

»Wenn ich des Geliebten denke,
Weh' mir! des Geliebten denke,
Wenn mein Herz gedenkt des Liebsten,
O mein Liebster, mein Algonkin!

»Weh' mir! als ich von ihm fortging,
Um den Hals mir hängt' er Wampum,
Als ein Pfand, schneeweißen Wampum,
O mein Liebster, mein Algonkin!

»Ich will mit dir gehn, so haucht' er,
Weh' mir! mit in deine Heimat;
Laß mich mit dir gehn, so haucht' er,
O mein Liebster, mein Algonkin!

»Weit, weit weg, gab ich zur Antwort,
Sehr weit weg, gab ich zur Antwort,
Weh' mir, weit ist meine Heimat,
O mein Liebster, mein Algonkin!

»Als ich umsah, zu erschaun ihn,
Wo wir schieden, zu erschaun ihn,
Blickt' er mir noch nach, o lang noch,
O mein Liebster, mein Algonkin!

»Bei dem Baum noch immer stand er,
Bei dem hingefallnen stand er,
Der entsunken war ins Wasser,
O mein Liebster, mein Algonkin!

»Wenn ich des Geliebten denke,
Weh' mir! des Geliebten denke,
Wenn mein Herz gedenkt des Liebsten,
O mein Liebster, mein Algonkin!«

So war Hiawathas Hochzeit,
So der Tanz des Pau-Pu-Keewis,
So die Märe des Jagoo,
So die Lieder Chibiabos';
Also ging das Fest zu Ende,
Und die Hochzeitsgäste schieden,
Ließen Hiawatha glücklich
Mit der Nacht und Minnehaha.


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