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Der Sang von Hiawatha

Einleitung

Der Sang von Hiawatha. – Diese indianische Edda – wenn ich das Gedicht so nennen darf – beruht auf der Indianertradition von einem Helden von wunderbarer Geburt, der den Eingeborenen Nordamerikas zugeschickt wurde, um ihre Ströme, Wälder und Fischgebiete zu klären, und sie in den Künsten des Friedens zu unterweisen. Er war den verschiedenen Stämmen unter den verschiedenen Namen Michabou, Chiabo, Manabozho, Tarenhawagon und Hiawatha bekannt. Schoolcraft berichtet über ihn in seinen » Algic Researches«, T. I, S. 184; – und in seinem Werke » History, Condition, and Prospects of the Indian Tribes of the United States,« T. III, S. 314, kann man die irokesische Version der Sage nachlesen, wie sie nach den mündlichen Erzählungen eines Onondaga-Häuptlings aufgezeichnet wurde. In diese alte Überlieferung habe ich andre interessante Indianersagen verflochten. Die meisten von ihnen sind den wertvollen Werken Schoolcrafts entnommen, dessen unermüdlicher Eifer, den Sagenschatz der nordameritanischen Indianer der Vergessenheit zu entreißen, nicht dankbar genug anerkannt werden kann. Der Schauplatz des Gedichts ist bei den Tschippewäern auf dem südlichen Ufer des Oberen Sees, in der Gegend zwischen den Bemalten F«lsen und dem Grand Sable

Fragt ihr mich vielleicht, von wannen
Diese Märchen, diese Sagen,
Voll vom Dufte sie des Waldes,
Voll vom Dunst und Tau der Wiesen,
Voll vom steigenden Rauch der Wigwams,
Voll vom Rauschen großer Ströme,
Voll von steter Wiederholung,
Voll von wildem Hall und Rückhalt,
Wie des Donners in den Bergen?

Geb' ich Antwort, sprech' und sag' ich:
»Aus den Wäldern und den Steppen,
Von den großen Seen des Nordlands,
Aus dem Land der Tschippewäer,
Aus dem Lande der Dacotahs,
Aus den Bergen, Mooren, Sümpfen,
Wo der Reiher, der Shuh-shuh-gah,
Nahrung sucht in Busch und Röhricht!
Wiedergeb' ich sie getreulich.
Wie vom Munde Nawadahas,
Wie vom Mund des süßen Singers,
Selber ich vordem sie hörte!«

Fragt ihr mich, wo Nawadaha
Diese Lieder, wild und wirblig,
Diese Sagen denn gefunden,
Geb' ich Antwort, sprech' und sag' ich:
»In des Waldes Vogelnestern,
In dem Hüttenbau des Bibers,
In des Büffelochsen Hufspur,
In dem Felsenhorst des Adlers!

»Sangen alle wilden Vögel
Sie ihm vor in Moor und Marschland,
In den traurigöden Sümpfen.
Chetowaik, der Kibitz, sang sie,
Mahng, der Taucher, ließ sie hören.
Sang die Wildgans sie, die Wawa,
Samt dem blauen Reih'r, Shuh-shuh-gah,
Und dem Moorhuhn, Mushkodasa!«

Fragt ihr mich vielleicht dann ferner,
Sprechend: »Wer war Nawadaha?
Meld' uns doch von Nawadaha!«
Geb' ich Antwort euren Fragen
Stracks in Worten, wie sie folgen:

»In dem Tal von Tawasentha,
In dem grünen stillen Talgrund,
Bei den lust'gen Wasserströmen,
Sang der Singer Nawadaha.
Um das Indianerdörfchen
Grünte Wiese rings und Kornfeld,
Jenseits aber hob der Forst sich.
Standen Haine singender Tannen,
Grün im Sommer, weiß im Winter,
Immer seufzend, immer singend.

»Und dem Lauf der lust'gen Ströme
Mochtet weit durchs Tal ihr nachspähn:
Kanntet Frühlings ihn am Rauschen,
Sommers ihn an seinen Erlen,
Herbsts an seinem weißen Nebel,
Winters an dem schwarzen Striche;
Dort war's, daß der Singer wohnte,
In dem Tal von Tawasentha,
In dem grünen stillen Talgrund.
»Dort von Hiawatha sang er,
Sang den Sang von Hiawatha,
Sang sein wunderbar Entstehen,
Sang sein wunderbares Wesen,
Wie er fastete und flehte,
Wie er lebte, litt und schaffte,
Daß die Stämme glücklich wären,
Daß sein Volk er vorwärts brächte!«

Ihr, die ihr die stillen Orte
Der Natur liebt, die verschwiegnen,
Liebt den Sonnenschein der Wiese,
Liebt die Finsternis des Forstes,
Liebt den Wind hoch in den Ästen,
Liebt den Schauer und den Schneesturm,
Liebt das Rauschen großer Ströme
Durch ihr Pfählewerk von Tannen,
Und den Donner in den Bergen,
Dessen unzählbare Halle
Freudig schlagen mit den Flügeln,
Wie in ihren Horsten Adler; –
Lauscht auf diese wilden Mären,
Diesen Sang von Hiawatha!

Die ihr liebt der Völker Sagen,
Liebt die Lieder eines Volkes,
Die wie Stimmen aus der Ferne
Lauschend stillzustehn uns rufen,
Deren Ton so schlicht und kindlich,
Daß das Ohr kaum unterscheidet,
Ob Gesang sie sind, ob Rede: –
Lauscht auf diese Rothautsage,
Diesen Sang von Hiawatha!

Ihr mit Herzen frisch und einfach,
Die ihr Gott und die Natur liebt,
Die ihr glaubt: Zu allen Zeiten
Ist das Herz des Menschen menschlich;
Glaubt: sogar in wilden Herzen
Ist ein Sehnen, Trachten, Ringen
Nach dem unverstandnen Guten;
Und die Hände, schwach und hilflos,
Suchend, tappend blind im Dunkeln,
Fassen Gottes Hand im Dunkeln,
Die empor sie zieht und kräftigt: –
Lauscht auf diese schlichte Weise,
Diesen Sang von Hiawatha!

Ihr auch, die ihr oft – auf Gängen
Durch des Feldes grüne Steige,
Wo verworrne Beerenbüsche
Hängen ihre Scharlachtrauben
Über moosgrau Steingemäuer, –
Ihr, die ihr dort manchmal stillsteht
Irgendwo bei einem Kirchhof,
Der verwaist liegt und verwahrlost,
Stille steht, um still zu sinnen
Über halberloschner Inschrift,
(Wenig Sangkunst sie verratend,
Schlecht und recht, doch jeder Buchstab
Voll von Herzeleid und Hoffen,
Voll des ganzen süßen Schmerzes
Um das Jetzt und das Nachdiesem):
Weilt, lest diese rauhe Inschrift,
Lest den Sang von Hiawatha!


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