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Amateurabend

Der Liftboy lächelte verständnisvoll. Als er sie hinauffuhr, hatte er ihre strahlenden Augen und die frische Farbe ihrer Wangen bemerkt. Sein kleiner Käfig war ganz erwärmt von der Glut ihres zurückgedrängten Eifers. Jetzt aber, bei der Abfahrt, war es eiskalt. Der Glanz der Augen und die Farbe der Wangen waren verschwunden. Sie runzelte die Stirn, und das wenige, das er von ihren Augen sehen konnte, war kalt und stahlgrau. Oh, er kannte die Symptome! Er war ein guter Beobachter, und eines schönen Tages, wenn er groß genug wäre, würde er Journalist werden, das war gewiß. Und unterdessen studierte er den Strom des Lebens, der in seinem Fahrstuhl die achtzehn Wolkenkratzer-Stockwerke hinauf und herab glitt. Voller Mitleid schob er die Tür beiseite und folgte ihr mit den Augen, während sie mit festen kleinen Schritten auf die Straße ging. Eine gewisse Robustheit in ihrem Auftreten ließ eher an das Land als an das Pflaster der Stadt denken. Aber es war eine Robustheit feinerer Art als die gewöhnliche. Man konnte sie fast eine Vereinigung von Kraft und Feinheit nennen, die einen beinahe männlichen Eindruck machte, aber doch war sie nicht im geringsten unweiblich. Ihre Haltung erzählte von dem Erbe von Vorfahren, die gesucht und gekämpft, von Leuten, die tapfer mit Hand und Kopf gearbeitet, von den Geistern der Verblichenen, die unsichtbare Hände aus dem Nebel der Vergangenheit ausgestreckt und sie zu einem tatkräftigen Menschen erschaffen und geformt hatten.

Aber sie war ein wenig zornig und nicht wenig verletzt. »Ich errate, was Sie mir sagen wollen«, mit diesen Worten hatte der Redakteur liebenswürdig, aber bestimmt ihre lange Einleitung in der von ihr so lange ersehnten Unterhaltung abgeschnitten. »Und Sie haben mir genug gesagt«, hatte er hinzugefügt (herzlos, wie sie fand, als sie jetzt an die Unterredung zurückdachte). »Sie haben noch nie journalistisch gearbeitet, Sie sind ungeübt, undiszipliniert, haben noch keinen Stil gefunden. Sie haben eine höhere Schulbildung genossen und sie vielleicht mit einem Lehrerinnenkursus oder dem Aufenthalt in einem Seminar abgeschlossen. Sie haben gute Zeugnisse im Englischen erhalten. Ihre Freunde haben Ihnen alle gesagt, wie ausgezeichnet, wie schön Sie schreiben, und so weiter und so weiter. Sie glauben, Sie können journalistisch arbeiten, und wünschen, daß ich Sie anstelle. Ja, es tut mir leid, aber das ist nicht möglich. Wenn Sie wüßten, wie überfüllt –«

»Aber wenn es nicht möglich ist,« hatte sie ihn jetzt unterbrochen, »wie sind dann die, die schon angestellt sind, hereingekommen? Und wie soll ich zeigen können, daß ich würdig bin, hineinzukommen?«

»Die anderen haben sich unentbehrlich gemacht«, lautete die bündige Antwort. »Machen Sie sich auch unentbehrlich.«

»Aber wie kann ich das, wenn ich keine Chance bekomme?«

»Schaffen Sie sich die Chance.«

»Aber wie?« drang sie in ihn und fand ihn gleichzeitig im stillen höchst unvernünftig.

»Wie? Das ist Ihre Sache, und nicht meine«, sagte er abschließend und erhob sich zum Zeichen, daß er die Unterredung für beendet hielt. »Ich muß Ihnen sagen, mein liebes Fräulein, daß in dieser Woche mindestens achtzehn strebsame junge Damen hiergewesen sind, und daß ich keine Zeit habe, jeder von ihnen einzeln zu erzählen, wie sie es machen soll. Meine Aufgabe hier am Blatte ist ja nicht, Lehrer an einer Journalistenschule zu sein.«

Sie fuhr mit der Straßenbahn nach der Vorstadt hinaus, und auf der Fahrt durchdachte sie immer wieder die Unterredung. »Aber wie?« wiederholte sie sich, während sie die drei Treppen zu dem Zimmer hinaufstieg, wo sie und ihre Schwester ihren kleinen Haushalt führten. »Aber wie?«

Und so fragte sie sich weiter, denn das energische schottische Blut glomm noch in ihren Adern, obwohl es viele Generationen her war, daß ihre Vorfahren Schottland verlassen hatten. Und schließlich war es ja notwendig, daß sie sich klarmachte, wie sie die Sache angreifen sollte. Ihre Schwester Letty und sie selbst waren aus einer kleinen Stadt im Innern des Landes gekommen, um sich Bahn zu brechen, um in der Welt vorwärtszukommen. John Wyman war ein einfacher, armer Bauer, mißglückte Unternehmungen hatten seinen Hof bis über den Schornstein verschuldet und seine beiden Töchter Letty und Edna gezwungen, sich nach selbständiger Arbeit umzusehen. Nach einem Jahr, in dem sie die Schule besucht und nachts Stenographie und Maschineschreiben gelernt hatten, glaubten sie, daß sie ihren Plan, nach der Stadt zu gehen, verwirklichen könnten, und hielten sich für hinreichend gerüstet, um sich auf das Unternehmen einzulassen, das indessen alles eher als glücklich ausfallen sollte. Die Stadt schien mit ungeübten Stenotypistinnen und mit maschineschreibenden Damen überfüllt zu sein, und sie hatten auf dem Arbeitsmarkt nichts feilzubieten als eben ihren eigenen Mangel an Übung und Erfahrung. Ednas geheimer Ehrgeiz war gewesen, Journalistin zu werden, aber sie hatte sich entschlossen, zuerst eine Bureaustellung anzunehmen, um Zeit und Gelegenheit zu dem Entschluß zu erhalten, welcher Art von Journalistik sie sich widmen wollte. Es war ihr indessen weder für sich noch für Letty geglückt, eine Stellung zu finden, und ihre geringen Ersparnisse schmolzen von Tag zu Tag zusammen, während gleichzeitig die Miete dieselbe blieb und der Ofen mit unverminderter Gefräßigkeit Kohlen schluckte. Es war daher nur noch ein kleiner Rest übrig.

»Da ist doch zum Beispiel Max Irwin«, sagte Letty, während sie die Lage besprachen. »Er ist ein bekannter Journalist. Mach' ihm einen Besuch, Edna. Er weiß, wie man es anpacken muß, und er wird dir raten können.«

»Aber ich kenne ihn ja gar nicht.«

»Nein, nicht mehr als du den Redakteur kanntest, den du heute besuchtest.«

»N–nein« (sie sprach langsam und wie nach langer Überlegung). »Aber das ist doch ein Unterschied.«

»Keine Spur von Unterschied. Die Männer und Frauen, die du interviewen wirst, wenn du erst weißt, wie du es machen mußt, werden dir ja ebenso fremd sein«, sagte Letty ermutigend.

»Von dem Gesichtspunkt aus habe ich die Sache noch nicht betrachtet«, räumte Edna ein. »Schließlich: Was für ein Unterschied ist es, ob ich Max Irwin für irgendeine Zeitung interviewe oder ganz privat für mich? Außerdem bekomme ich dabei ein bißchen Übung. Ich will hinuntergehen und ihn im Adreßbuch suchen.«

»Letty, ich weiß, daß ich schreiben kann, wenn ich nur eine Chance bekomme«, erklärte sie einen Augenblick später entschieden. »Ich fühle das direkt, ich habe das Gefühl, wie ich schreiben muß, wenn du verstehst, was ich meine.«

Und Letty verstand es und nickte. »Ich bin gespannt, wie er ist«, sagte sie leise.

»Das werde ich schon herausfinden«, versicherte Edna ihr; »und binnen achtundvierzig Stunden werde ich es dir erzählen.«

Letty klatschte in die Hände. »Gut! Das ist der echte journalistische Geist! Aber sag' vierundzwanzig Stunden, dann bist du, wie du sein sollst.«

*

»– und es tut mir leid, daß ich Sie bemühen muß«, mit diesen Worten schloß Edna ihre Darstellung der Sache vor Max Irwin, dem berühmten Kriegskorrespondenten und erprobten alten Journalisten.

»Aber durchaus nicht«, antwortete er mit einer gütigen Handbewegung. »Wenn Sie nicht selbst für sich eintreten, wer sollte es dann tun? Ich verstehe Ihre Lage ganz genau. Sie wollen beim ›Tageblatt‹ angestellt werden, wollen gleich anfangen und haben keine Erfahrung. Zu allererst: Haben Sie nicht einflußreiche Freunde, die Sie in Bewegung setzen können? Es gibt hier in der Stadt ein Dutzend Männer, von denen eine empfehlende Zeile als ein ›Sesam, Sesam, öffne dich!‹ wirken würde. Hätten Sie eine solche, so würde es nur auf Ihre Tüchtigkeit ankommen. Da sind zum Beispiel Senator Longbridge und Claus Inskeep, der Straßenbahnkönig, und Lane und McChesney –«, er hielt inne und sah sie an.

»Ich kenne keinen von ihnen«, antwortete sie niedergeschlagen.

»Das ist auch nicht nötig. Kennen Sie einen Bekannten von ihnen? Oder den Bekannten eines Bekannten von ihnen?«

Edna schüttelte den Kopf.

»Dann müssen wir etwas anderes versuchen«, sagte er heiter. »Sie müssen selbst irgend etwas Besonderes leisten. Warten Sie mal.«

Er hielt inne und dachte einen Augenblick mit geschlossenen Augen und gerunzelter Stirn nach. Sie beobachtete ihn, studierte ihn gespannt, bis er mit einer plötzlichen Bewegung die Augen öffnete und sein Gesicht sich aufklärte.

»Ich habe es! Aber nein – warten Sie –.« Und einen Augenblick lang studierte er sie. Und zwar so gründlich, daß sie fühlte, wie ihre Wangen unter seinem Blick erröteten.

»Ich glaube, Sie sind brauchbar, aber wir werden sehen«, sagte er rätselhaft. »Das wird zeigen, aus was für einem Stoff Sie gemacht sind, und es wird mehr Eindruck auf die Redaktion des ›Tageblatts‹ machen als tausend Zeilen von allen Senatoren und Geldfürsten der ganzen Welt. Sie sollen sich an einem Amateurabend in der ›Schleife‹ beteiligen.«

»Ich – ich verstehe nicht ganz«, sagte Edna, denn sein Vorschlag war ein böhmisches Dorf für sie. »Was ist die ›Schleife‹ und was ist ›Amateurabend‹?«

»Ich vergaß, daß Sie vom Lande kommen. Aber um so besser, wenn Sie nur den rechten journalistischen Griff haben. Es wird also Ihr erster Eindruck werden, und die ersten Eindrücke sind immer unbefangen, vorurteilsfrei, frisch und lebendig. Die ›Schleife‹ liegt am Rande der Stadt, in der Nähe des Parks – es ist ein Vergnügungsetablissement. Da gibt es eine Art Eisenbahn, auf der man durch naturschöne Panoramen fährt, eine Wasserrutschbahn, ein Orchester, ein Theater, viele wilde Tiere, lebende Bilder und so weiter und so weiter. Das Volk kommt dorthin, um sich die Tiere anzusehen und sich zu amüsieren. Und andere Menschen kommen dorthin, um sich darüber zu amüsieren, wie das Volk sich amüsiert. Kurz, die ›Schleife‹ ist ein demokratisches, fröhliches Freiluft-Etablissement. Aber das, was Sie interessiert, ist das Theater. Es ist ein Varieté. Eine Nummer löst die andere ab, Taschenspieler, Akrobaten und Schlangenmenschen, Feuertänzer, Negersänger, gewöhnliche Konzertsänger, Schauspieler, Schauspielerinnen und so weiter und so weiter. Diese Menschen sind Berufskünstler. Sie verdienen sich auf diese Weise ihr tägliches Brot. Viele von ihnen werden ausgezeichnet bezahlt. Einige von ihnen sind freie Vagabunden, die auftreten, wo sie ein Engagement erhalten, bei Obermann, im Orpheus, Alcatraz, Louvre und so weiter und so weiter. Andere bereisen systematisch das ganze Land. Es ist ein interessantes Leben und die Bezahlung so gut, daß sie immer neuen Nachwuchs anlockt.

Nun hat jedoch die Direktion der ›Schleife‹ bei ihren Bemühungen, Popularität zu erringen, etwas eingeführt, das sie ›Amateurabende‹ nennt, das heißt, daß die Bühne zweimal wöchentlich, nachdem die Berufsartisten aufgetreten sind, den sich bewerbenden Amateuren überlassen wird. Das Publikum bleibt, um zu kritisieren. Der große Haufen wird auf diese Weise zu Kunstrichtern gemacht oder glaubt es, auf diese Weise zu werden, was auf dasselbe herauskommt. Und er bezahlt sein Geld und ist mit sich zufrieden. Die Amateurabende sind ein einträgliches Geschäft für die Direktion.

Aber das eigentümliche an diesen Amateurabenden ist – beachten Sie das wohl –, daß diese Amateure keine wirklichen Amateure sind. Sie werden für ihr Auftreten bezahlt. Sie können im besten Falle als berufsmäßige Amateure bezeichnet werden. Es ist ganz klar, daß die Direktion keine Leute umsonst bekommt, sich Angesicht zu Angesicht einem zügellosen Publikum gegenüberzustellen, und gelegentlich werden die Zuschauer ganz wild. Es ist ein herrlicher Spaß – für das Publikum. Aber das, was Sie jetzt tun sollen – und ich kann Ihnen versichern, daß es Mut erfordert – ist, daß Sie hingehen, ein Auftreten für zwei Abende vereinbaren (ich glaube, es ist Mittwochs und Sonnabends), die beiden vereinbarten Abende auftreten und darüber in der Sonntagsnummer des ›Tageblatts‹ schreiben.«

»Aber – aber,« sagte sie mit bebender Stimme, »ich – ich – ich –.« In ihrer Stimme klangen Enttäuschung und hervorbrechende Tränen.

»Ach so«, sagte er freundlich. »Sie hatten etwas anderes, etwas ganz anderes, Besseres erwartet. Das tun wir anfangs alle, aber denken Sie an den Admiral in der Flotte der Königin, der selbst den Fußboden fegte und die Klinke der großen Haustür putzte. Sie müssen sich kühn in die Mühsal der Lehrzeit stürzen oder die ganze Sache gleich aufgeben. Was sagen Sie dazu?«

Daß er so plötzlich einen Entschluß von ihr verlangte, bestürzte sie. Als der Mut sie verließ, konnte sie sehen, daß ein Ausdruck von Enttäuschung sein Gesicht zu verdüstern begann.

»Irgendwie müssen Sie es als eine Prüfung ansehen«, fügte er ermunternd hinzu. »Eine strenge Prüfung, aber um so besser. Jetzt ist die Gelegenheit da. Wagen Sie es?«

»Ich will es versuchen«, sagte sie mit schwacher Stimme, bemerkte aber doch gleichzeitig die unmittelbare Schroffheit und Eile dieser Stadtmenschen, mit denen sie jetzt in Berührung gekommen war.

»Schön! Ach, wissen Sie, als ich anfing, wurden mir die trockensten und langweiligsten Bagatellen übertragen, die man sich denken kann. Und hinterher wurde ich eine lange, mühselige Zeit mit Polizei- und Scheidungssachen beschäftigt. Aber es tat mir gut, und schließlich wurde es ja heller. Sie haben mehr Glück, Sie fangen gleich mit einer Arbeit für die Sonntagsausgabe an. Es ist keine besonders imponierende Aufgabe, aber was hat das zu sagen? Lösen Sie sie. Zeigen Sie, aus welchem Stoff Sie gemacht sind. Man wird Ihnen bessere Arbeit übertragen – Arbeit von besserer Qualität und zu höherer Bezahlung. – Heute nachmittag gehen Sie in die ›Schleife‹ und lassen sich für zwei Abende engagieren.«

»Aber was für eine Nummer kann ich ausführen?« fragte Edna mit Zweifel in der Stimme.

»Ausführen? Das ist ganz leicht. Können Sie nicht singen? Das tut auch nichts. Sie brauchen nicht zu singen, schreien Sie, tun Sie irgend etwas – Sie werden ja dafür bezahlt, die Leute zu amüsieren, schlechte Kunst zu zeigen, die der Pöbel auspfeifen kann. Und wenn Sie auftreten, nehmen Sie sich irgend jemand zum Schutze mit. Fürchten Sie niemand. Reden Sie frei von der Leber weg. Bewegen Sie sich unter den Amateuren, die auf ihr Auftreten warten, ziehen Sie ihnen die Würmer aus der Nase, studieren Sie sie, photographieren Sie sie in Ihrem Hirn. Fangen Sie die Atmosphäre, das Kolorit ein, verwenden Sie starke und viele Farben. Vergraben Sie sich mit beiden Händen in den Stoff und ziehen Sie die Essenz heraus, die Seele, den Duft, den Sinn, der dahinter liegt. Was bedeutet das alles? Finden Sie das heraus. Dafür sind Sie ja da. Das ist es, was die Leser der Sonntagsausgabe vom ›Tageblatt‹ wissen wollen. Feilen Sie gut, seien Sie treffend in Ihren Ausdrücken und konkret in Ihren Vergleichen. Vermeiden Sie Plattheiten und Gemeinplätze. Wählen und verwerfen Sie. Holen Sie das besonders Hervorstechende und Charakteristische heraus und lassen Sie den Rest fort, so daß Sie wirkliche Bilder daraus machen. Malen Sie diese Bilder in Worten, und das ›Tageblatt‹ wird Sie anstellen. Nehmen Sie sich ein paar alte Nummern des Blattes vor und studieren Sie die charakteristische Erzählung in der Sonntagsnummer. Sagen Sie alles, was Sie auf dem Herzen haben, um die Leser auf das Kommende vorzubereiten, und erzählen Sie alles dann noch einmal in den folgenden Abschnitten. Ans Ende der Geschichte setzen Sie einen Knalleffekt, so daß die Redaktion, falls Platzmangel ist, die Geschichte an irgendeiner Stelle abschneiden kann – wenn der Knalleffekt dann wieder angehängt wird, hat die Geschichte trotzdem ihre Form bewahrt. So, das muß genügen. Für das übrige müssen Sie selber sorgen.«

Sie erhoben sich beide. Edna war ganz mitgerissen von seiner Begeisterung und seinen hastigen, stoßweise abgefeuerten Sätzen, die mit alledem gespickt waren, was sie gerade wissen wollte.

»Und wenn Sie ehrgeizig sind, Fräulein Wyman, so vergessen Sie nicht, daß eine derartige Arbeit ja nicht das Endziel der Journalistik bedeutet. Vermeiden Sie die breite Landstraße. Journalistische Arbeit dieser Art ist Behendigkeitskunst. Beherrschen Sie das Genre, aber lassen Sie sich nicht von ihm beherrschen. Aber beherrschen, meistern müssen Sie es, denn wenn Sie diese Arbeit nicht tun können, können Sie nicht erwarten, jemals zu einer besseren zu gelangen. Kurz, legen Sie Ihre ganze Persönlichkeit hinein, aber sorgen Sie gleichzeitig dafür, draußen, darüber zu stehen, bleiben Sie sich selber treu, wenn Sie meinem Rat folgen wollen. Und nun: Glück auf!«

Sie waren zur Tür gelangt und drückten sich die Hände.

»Und eines noch«, unterbrach er ihre Danksagungen. »Lassen Sie mich Ihr Manuskript sehen, ehe Sie es einliefern. Möglicherweise könnte ich Ihnen hier und dort einen Wink geben.«

Edna traf den Direktor der ›Schleife‹, einen umfangreichen Mann mit schweren Backenknochen, buschigen Augenbrauen und kriegerischem Aussehen, mit einem geistesabwesenden, finsteren Ausdruck im Gesicht und einer schwarzen Zigarre mitten in ebendiesem Gesicht. Er hieß Symes, Ernst Symes, wie sie erfahren hatte.

»Als was wollen Sie auftreten?« fragte er, ehe sie die Hälfte ihres kurzen Gesuchs vorgebracht hatte. »Liedersängerin, Sopran«, antwortete sie rasch, indem sie sich Irwins Rat erinnerte, sich nicht zu genieren!

»Wie heißen Sie?« fragte Symes, der sie kaum eines Blickes würdigte.

Sie zögerte mit der Antwort. Sie hatte sich so Hals über Kopf in das Abenteuer gestürzt, daß sie überhaupt nicht an den Namen gedacht hatte.

»Haben Sie irgendeinen Namen? Künstlernamen?« brüllte er ungeduldig.

»Nan Bellayne«, antwortete sie, einer augenblicklichen Eingebung folgend. »B-e-l-l-a-y-n-e. So.«

Er kritzelte in sein Notizbuch. »Schön. Sie treten Mittwoch und Sonnabend auf.«

»Wieviel bekomme ich?« fragte Edna.

»Zweieinhalb jedesmal. Also fünf Dollar. Sie erhalten das Geld am ersten Montag nach dem zweiten Auftreten.«

Und ohne ihr die einfache Höflichkeit zu erweisen, auch nur »auf Wiedersehen« zu sagen, kehrte er ihr den Rücken und vertiefte sich wieder in die Zeitung, in der er bei ihrem Eintritt gelesen hatte.

Edna kam früh am Mittwochabend, mit ihr Letty und in einer flachen Schachtel ihr Kostüm – es war äußerst einfach. Es bestand aus einem gewürfelten Schal, den sie sich von der Waschfrau geliehen hatte, und einem von der Scheuerfrau entliehenen zerfetzten Arbeitsrock. Eine graue Perücke, die für fünfundzwanzig Cent den Abend bei einem Kostümverleiher gemietet war, vervollständigte die Ausrüstung. Edna wollte nämlich als eine alte unglückliche Irländerin auftreten, die traurige Lieder von ihrem in der Fremde umherirrenden Sohne sang.

Obwohl sie früh gekommen waren, fanden sie alles schon in wilder Verwirrung vor. Die Hauptvorstellung hatte bereits begonnen. Das Orchester spielte, und hin und wieder klatschte das Publikum. Die hereinströmenden Amateure störten die Arbeit hinter der Bühne, füllten die Korridore, die Garderoben und die Kulissen und erzeugten die schrecklichste Verwirrung. Das ärgerte besonders die Berufsartisten, die sich benahmen, wie es sich für eine höhere Kaste ziemte, und deren Auftreten den Amateuren gegenüber von Hochmut, um nicht zu sagen von Brutalität, geprägt war. Edna, die hin und her gestoßen wurde, hielt krampfhaft ihre Schachtel fest, während sie nach einer Garderobe ausschaute und ihre Augen eifrig umherschweifen ließ.

Schließlich fand sie eine Garderobe, die bereits von drei andern weiblichen »Amateuren« besetzt war, welche unter großem Lärm »Maske« machten, wobei sie sich mit schrillen Stimmen um den einzigen Spiegel des Zimmers stritten. Ihre eigene »Maske« war so einfach, daß sie schnell gemacht war, und als sie die drei Damen verließ, schlossen diese Waffenstillstand, um sie zu kritisieren. Letty hielt sich dicht hinter ihr, und durch Geduld und Ausdauer glückte es ihnen, einen Winkel in den Kulissen zu finden, von wo aus sie die Bühne übersehen konnten.

Ein kleiner dunkler Mann, lebhaft und freundlich, im Frack und mit Zylinder, walzte mit kleinen zierlichen Schritten auf der Bühne herum und sang mit zarter Stimme irgend etwas sicher sehr Pathetisches von irgendwem oder irgendwas. Als er sich mit ersterbender Stimme den Schlußversen des Liedes näherte, strich eine dicke Frau mit einer verblüffend reichen blonden Haarfülle auf unerzogene Art an Edna vorbei, trat sie kräftig auf die Zehen und stieß sie höhnisch beiseite.

»Verfluchte Amateure!« fauchte sie im Vorbeigehen; eine Sekunde später stand sie auf der Bühne und machte dem Publikum eine anmutige Verbeugung, während der kleine dunkle Herr sich auf eine seltsame überspannte Art auf den Zehenspitzen herumdrehte. –

»Hallo, Kinderchen!«

Dieser Gruß, der Edna mit einem zärtlichen Klang in jeder Silbe direkt ins Ohr geblasen wurde, ließ sie erschrocken zusammenfahren. Ein junger Mann mit einem glatten Mondgesicht lächelte sie gutmütig an. Aus seiner Kostümierung ging ganz deutlich hervor, daß er der Vagabundendarsteller des Varietés war, wenn auch der unvermeidliche Backenbart fehlte.

»Ach, es dauert keine Minute, ihn anzukleben«, erklärte er und schwang die erwähnte Zierde vor ihren Augen, da er den Grund ihres fragenden Blickes erraten hatte. »Man schwitzt nur darunter«, fuhr er fort. Kurz darauf sagte er: »Als was treten Sie auf?«

»Sopran, Lieder«, antwortete sie und versuchte wohlgemut auszusehen.

»Warum tun Sie es?« fragte er geradezu.

»Zum Vergnügen, warum sonst?« parierte sie.

»Das hab' ich mir gleich gedacht, als ich Sie sah.

Sie arbeiten doch wohl nicht für eine Zeitung, wie?«

»Ich habe in meinem ganzen Leben nur einen einzigen Redakteur gesehen«, antwortete sie ausweichend. »Und ich, er – nun ja, wir kamen nicht sehr gut miteinander aus.«

»Sie wollten Arbeit von ihm haben?«

Edna nickte nachlässig, obwohl sie im Innern unruhig war und sich den Kopf zerbrach, um das Gespräch auf etwas anderes zu lenken.

»Was sagte er denn?«

»Daß in der Woche schon achtzehn andere Mädchen dagewesen wären.«

»War eiskalt, wie?« Der junge Mann mit dem Mondgesicht lachte und schlug sich auf die Schenkel. »Ich will Ihnen sagen, wir sind ein bißchen mißtrauisch. Die Sonntagszeitungen möchten sich furchtbar gern über diese Amateurabende lustig machen, sie ein bißchen humoristisch beleuchten, aber das paßt dem Direktor natürlich nicht. Bei dem bloßen Gedanken wird er ganz wild.«

»Als was treten Sie auf?« fragte sie.

»Wer? Ich? Oh, heute trete ich als Vagabund auf. Ich bin Charley Welsh, wissen Sie.«

Sie fühlte, daß er, indem er seinen Namen nannte, erschöpfende Erklärung gegeben zu haben meinte, aber das einzige, was ihr einfiel, war, daß sie in höflichem Ton sagte: »Ach, wirklich?«

Sie wäre fast in Lachen ausgebrochen, als sie den gekränkten und enttäuschten Ausdruck auf seinem Gesicht sah, beherrschte sich aber.

»Nein, wissen Sie«, sagte er brüsk. »Wollen Sie mir einbilden, daß Sie nie von Charley Welsh gehört haben? Na, Sie müssen ja sehr jung sein. Liebes Kind, ich bin ein Einer, der einzige Amateur in der Branche. Sie müssen mich wirklich schon gesehen haben. Ich trete überall auf. Ich könnte gut Professional sein, aber ich verdiene mehr, wenn ich als Amateur auftrete.«

»Aber was versteht man unter einem Einer?« fragte sie. »Das möchte ich gern wissen.«

»Mit Vergnügen«, sagte Charley Welsh galant. »Ein Einer ist ein einzig dastehender, unvergleichlicher Künstler, der eine gewisse Nummer besser als alle andern ausführt. Er ist Einer, verstehen Sie?«

Und Edna verstand.

»Fühlen Sie mir ein bißchen auf den Zahn,« fuhr er fort, »wenn Sie mehr über das Geschäft hören wollen. Ich bin der einzige allseitige Amateur. Heute bluffe ich die Leute mit meinem Vagabundenakt. Es ist schwerer, den Vagabunden zu spielen, als schlecht und recht einer zu sein. Aber dafür ist es ja Spiel, Kunst, verstehen Sie? Ich mache alles mögliche, vom ernsten Monolog bis zu Duett, Tanz und Exzentrikakt. Ja, ich bin Charley Welsh, der Einer Charley Welsh.«

Und auf diese Weise gab Charley Welsh, während der dünne dunkle Herr und die dicke blonde Dame ihre Triller von der Bühne aufsteigen ließen und die andern Berufsartisten sich in ihren verschiedenen Nummern ablösten, Edna vielerlei Aufklärungen; ein Teil davon war ganz überflüssig, aber vieles merkte sie sich, um es für die Sonntagsausgabe des »Tageblatts« zu verwenden.

»Na, tralala«, sagte er plötzlich. »Seine Hoheit suchen Sie. Sie stehen zuerst auf dem Programm. Machen Sie sich nichts aus dem Lärm, wenn Sie anfangen. Führen Sie Ihre Nummer als wirkliche Dame durch.«

Edna fühlte in diesem Augenblick, wie ihr journalistischer Ehrgeiz von einer überwältigenden Sehnsucht verdrängt wurde, viele Meilen fort zu sein. Aber der Direktor versperrte ihr wie ein Werwolf den Weg. Sie konnte hören, wie die ersten Takte des Liedes, das sie singen sollte, vom Orchester aufstiegen, und wie der Lärm im Zuschauerraum sich legte und von einer erwartungsvollen Stille abgelöst wurde.

»Los!« flüsterte Letty und drückte ihr die Hand, und von der andern Seite erklang Charley Welshs bestimmtes: »Kopf hoch!«

Aber ihre Füße waren wie auf den Fußboden genagelt, und sie lehnte sich in ihrer Schwäche an eine Kulisse. Das Orchester begann wieder von vorn, und eine Stimme aus dem Publikum schrie mit verblüffender Schärfe:

»Fixierbild! Wo ist Nannie?«

Ein Lachsalve begrüßte den Witz, und Edna wich zurück. Aber die starke Hand des Direktors fiel ihr auf die Schulter, und mit einem schnellen kräftigen Stoß puffte er sie auf die Bühne. Einen Augenblick sah man seine Hand und seinen Arm ganz deutlich, und das Publikum, das die Situation verstand, begrüßte den Anblick mit donnerndem Beifall. Das Orchester wurde von dem furchtbaren Getöse an die Wand gedrückt, und Edna konnte die Bogen über die Geigen fahren sehen, scheinbar ohne einen Ton hervorzubringen. Es war ihr nicht möglich, rechtzeitig einzusetzen, und während sie ruhig, die Arme in die Seiten gestemmt, wartete und angestrengt lauschte, um die Musik aufzufangen, brach der Lärm im Zuschauerraum wieder von neuem los (wie sie hinterher hörte, war das ein beliebter Trick, um den Amateur zu verhindern, das Orchester zu hören).

Aber bald gewann Edna ihre Selbstbeherrschung wieder. Vor sich sah sie vom Parkett bis zur Kuppel hinauf ein ungeheures Meer grinsender, von Lachen verzerrter Gesichter und hörte ein Gebrüll von Lachen, das Salve auf Salve ertönte; ihr schottisches Blut wurde plötzlich kalt und zornig. Das schwerarbeitende, aber unhörbare Orchester gab ihr einen Fingerzeig, und ohne einen Laut hervorzubringen, begann sie die Lippen zu bewegen, streckte die Arme aus und bewegte den Körper, als sänge sie wirklich. Der Lärm im Hause verdoppelte sich, um ihre Stimme zu übertönen, aber sie setzte ihre Pantomime kaltblütig fort. Das dauerte eine Weile, die ihr unendlich vorkam, bis das Publikum plötzlich, selbst des Spaßes müde, Lust zum Zuhören bekam, einen Augenblick den Lärm einstellte und ihr stummes Spiel entdeckte. Einen Augenblick war, abgesehen vom Orchester, alles still, und sie bewegte weiter lautlos die Lippen; dann aber ging es dem Publikum auf, daß sie es genarrt hatte, und der Lärm brach wieder los, diesmal aber als Anerkennung ihres Sieges mit aufrichtigem Beifall gemischt. Sie wählte diesen günstigen Augenblick für ihren Abgang, und mit einem Kopfnicken gegen das Publikum verließ sie rücklings die Bühne und sank Letty in die Arme. Das Schlimmste war vorbei, den Rest des Abends bewegte sie sich unter den Amateuren und Professionals, unterhielt sich mit ihnen, lauschte, beobachtete, suchte den Sinn des Ganzen zu finden und schrieb sich alles hinters Ohr. Charley Welsh ernannte sich selbst zu ihrem Lehrer und Schutzengel, und so gut entledigte er sich dieser Aufgabe, daß sie sich am Ende genügend orientiert fühlte, um ihren Artikel schreiben zu können. Aber die Vereinbarung lautete dahin, daß sie zweimal auftreten sollte, und dank ihrem angeborenen Mut fühlte sie sich verpflichtet, die Vereinbarung innezuhalten. Außerdem wurde sie sich im Laufe der dazwischenliegenden Tage darüber klar, daß sie über gewisse Dinge noch nicht genug erfahren hatte, die sie deshalb noch einmal untersuchen mußte; am Sonnabend erschien sie daher wieder mit ihrer Schachtel und in Begleitung Lettys.

Der Direktor schien nach ihr gesucht zu haben, und sie sah einen Ausdruck von Erleichterung in seinen Augen, als er sie erblickte. Er kam schnell auf sie zu, begrüßte sie und verbeugte sich mit einer Achtung, die im komischen Widerspruch zu seinem früheren, werwolfartigen Benehmen stand. Als er sich vor ihr verbeugte, sah sie über seine Schultern hinweg Charley Welsh schelmisch blinzeln.

Aber es warteten ihrer noch mehr Überraschungen. Der Direktor bat sie zum Beispiel, ihn ihrer Schwester vorzustellen, unterhielt sich mit ihnen beiden und gab sich Mühe, sich so angenehm wie möglich zu machen. Er ging sogar so weit, daß er Edna eine eigene Garderobe gab, zum unsagbaren Neid der drei andern Amateurinnen, mit denen sie das letztemal zusammengewesen war.

Edna verstand gar nicht, was mit ihm vorging, und erst als sie Charley Welsh im Korridor traf, wurde das Mysterium aufgeklärt.

»Hallo«, begrüßte er sie. »Avanciert, was? Alles geht glatt.«

Sie lächelte heiter.

»Er hält sie für eine Journalistin, bestimmt. Ich wäre vor Lachen fast geplatzt, als ich seine Anstrengungen sah, sich niedlich zu machen. Sagen Sie mal ehrlich, das ist doch nicht Ihr Beruf, nicht wahr?«

»Ich habe Ihnen ja meine Erlebnisse mit den Redakteuren erzählt«, parierte sie ab. »Und ehrlich gesprochen, es stimmte.«

Aber der Einer Charley Welsh schüttelte zweifelnd den Kopf.

»Mich geht es ja nicht das geringste an«, sagte er. »Wenn Sie aber Journalistin sind, dann schreiben Sie über mich nur ein paar richtige Zeilen, ein bißchen Reklame. Und wenn Sie nicht Journalistin sind, na, dann sind Sie jedenfalls doch gut genug. Soviel ist jedenfalls sicher: Vom Bau sind Sie nicht.«

Nach ihrem Auftreten, das sie diesmal mit der Kaltblütigkeit eines alten Veteranen erledigte, stellte der Direktor sich wieder ein, und nachdem er ihr einige liebenswürdige Worte gesagt hatte, ging er geradeswegs auf das los, was ihn im Augenblick am meisten interessierte.

»Sie werden uns hoffentlich gut behandeln«, sagte er einschmeichelnd. »Sind wir nicht nett gewesen?«

»Ach«, antwortete sie unschuldig. »Noch einmal lasse ich mich nicht von Ihnen zu einem Engagement überreden; ich weiß ja, daß ich Erfolg zu haben schien, und daß Sie mich gern wieder haben möchten. Aber ich kann beim besten Willen nicht.«

»Sie wissen gut, was ich meine«, sagte er mit einer Andeutung seiner früheren einschüchternden Art.

»Nein, ich möchte wirklich nicht«, beharrte sie. »Das Varietéleben ist zu – zu aufregend, jedenfalls für meine Nerven.«

Er sah sie zweifelnd und unsicher an, ging aber nicht näher auf den Gegenstand ein.

Als sie sich aber am Montag morgen in seinem Bureau einfand, um ihr Honorar für die beiden Abende zu erheben, war er es, der sie verwirrte.

»Sie müssen mich bestimmt mißverstanden haben«, lachte er, ohne zu blinzeln. »Ich erinnere mich, daß ich gesagt habe, ich wollte Ihnen das Straßenbahngeld vergüten. Das tun wir immer, wie Sie wohl wissen, aber wir bezahlen nie, nie einen Amateur. Das hieße ja, der Idee ihre Originalität und Anziehungskraft nehmen. Nein, da hat Charley Welsh Sie zum besten gehabt. Er bekommt selber keine Bezahlung für sein Auftreten. Kein Amateur wird bezahlt. Das wäre ja lächerlich. Aber hier sind fünfzig Cent. Das wird genügen, auch für die Straßenbahn Ihrer Schwester. Und –« das sagte er mit äußerster Verbindlichkeit – »erlauben Sie mir nun, Ihnen im Namen der ›Schleife‹ zu danken, weil Sie so liebenswürdig waren, Ihre Begabung mit so ausgesprochenem Erfolg in unseren Dienst zu stellen.«

Am selben Nachmittag übergab sie, getreu dem gegebenen Versprechen, Max Irwin das maschinengeschriebene Manuskript. Während er es überflog, nickte er immer wieder und belobte sie ein über das andere Mal. »Ausgezeichnet! Da haben wir's! Ganz, wie es sein soll! – Das Psychologische ist Ihnen gut gelungen! Sie haben das letzte erfaßt! Glänzend! Hier haben Sie ein bißchen daneben getroffen, aber das kann schon passieren! Hier, das ist kräftig! Stark! Lebendig! Welche Bilder! Fabelhaft! Wirklich fabelhaft!«

Und als er bis zur letzten Zeile der letzten Seite gekommen war, reichte er ihr die Hand. »Liebes Fräulein Wyman, ich wünsche Ihnen Glück. Ich gestehe, daß Sie meine Erwartungen übertroffen haben, die doch, das kann ich Ihnen versichern, hoch waren. Sie sind Journalistin, die geborene Journalistin, Sie haben den Griff, und Sie werden es sicher weit bringen. Dies hier wird das ›Tageblatt‹ zweifellos nehmen, und angestellt werden Sie auch. Man muß Sie einfach anstellen. Tut das ›Tageblatt‹ es nicht, dann wird eines der anderen Blätter Sie wegschnappen.«

»Aber was ist das?« fragte er einen Augenblick später mit bedenklicher Miene. »Sie erwähnen ja gar nicht, daß Sie für Ihr Auftreten Bezahlung bekommen haben, und das ist doch eine der allerwichtigsten Pointen. Ich habe es Ihnen ausdrücklich gesagt, erinnern Sie sich nicht?«

»Das geht nicht«, sagte er und schüttelte unheilvoll den Kopf, als sie ihm die Sache erklärt hatte. »Sie müssen wirklich irgendwie versuchen, das Geld einzukassieren. Warten Sie, lassen Sie mich einen Augenblick nachdenken.«

»Lassen Sie, Herr Irwin«, sagte sie. »Ich habe Sie genug bemüht. Wenn Sie mich nur, bitte, telephonieren lassen, dann will ich versuchen, noch einmal mit Herrn Ernst Symes zu reden.«

Er überließ ihr seinen Stuhl am Schreibtisch, und Edna nahm den Hörer.

»Charley Welsh ist krank«, begann sie, als sie die Verbindung erhalten hatte. »Wie bitte? Nein, ich bin nicht Charley Welsh. Charley Welsh ist krank, aber seine Schwester läßt fragen, ob sie heute nachmittag hinkommen kann, um sein Honorar zu erheben?«

»Sagen Sie Charley Welshs Schwester, daß Charley Welsh heute morgen hier war und sein Geld erhoben hat«, ertönte die Antwort mit der bekannten barschen Stimme des Direktors.

»Schön!« fuhr Edna fort. »Aber jetzt möchte auch Nan Bellayne gern wissen, ob sie heute nachmittag mit ihrer Schwester kommen kann, um Nan Bellaynes Honorar zu erheben?«

»Was hat er gesagt? Was hat er gesagt?« rief Max Irwin eifrig, als sie anhängte.

»Daß er gegen Nan Bellayne nicht aufkommen könnte, und daß sie mit ihrer Schwester kommen und das Honorar erheben und außerdem noch weiter in der ›Schleife‹ auftreten könnte.«

»Und noch eines«, unterbrach er ihre Danksagungen an der Tür, wie bei ihrem früheren Besuch. »Jetzt, da Sie gezeigt haben, aus welchem Holz Sie geschnitzt sind, betrachte ich es als – hm – ein Privilegium, Ihnen selbst ein paar empfehlende Zeilen an die Redaktion des ›Tageblatts‹ mitzugeben.«


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