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Lokalkolorit

Ich weiß nicht, warum Sie aus dieser ungeheuren Summe ungewöhnlicher Kenntnisse keinen Nutzen ziehen«, sagte ich zu ihm. »Im Gegensatz zu den meisten mit ähnlichen Kenntnissen ausgerüsteten Menschen verstehen Sie sich auszudrücken. Ihr Stil ist –«

»Hinreichend – hm – journalistisch?« unterbrach er mich freundlich.

»Eben! Sie müßten einen ausgezeichneten Aufsatz für ein Magazin schreiben können.«

Aber er flocht nachdenklich seine Finger ineinander, zuckte die Achsel und wies den Gedanken von sich.

»Ich habe es versucht. Es lohnt sich nicht.«

»Der Aufsatz, den ich schrieb, wurde bezahlt und veröffentlicht,« fügte er nach einer Pause hinzu. »Und außerdem wurde ich mit sechzig Tagen Hobo honoriert.«

»Hobo?« fragte ich verständnislos.

»Ja, Hobo –.« Er heftete seinen Blick auf meine Spencer-Ausgabe und ließ ihn über die Titel schweifen, während er seine Erklärung formte. »Hobo, mein lieber Junge, heißt das besondere Haftlokal in Stadt- und Kreisgefängnissen, in denen Landstreicher, Trunkenbolde, Bettler, kurz aller Ausschuß der Welt, der sich kleiner Vergehungen schuldig gemacht hat, zusammengepfercht wird. Das Wort selbst ist schön und hat seine Geschichte. Hautbois – das ist das Wort in der französischen Form; ›haut‹ bedeutet hoch und ›bois‹ Wald. Englisch, ausgesprochen klingt es wie ein Musikinstrument mit doppeltem Flötenrohr oder mit andern Worten eine Hoboe. Sie erinnern sich sicher aus ›Heinrich IV.‹:

Der Kasten mit der dreifachen Hoboe
War ein Rittergut ihm, ein Schloß.

Von hier bis zu ho-boy ist es nur ein Schritt, und die Engländer pflegen solche Ausdrücke durcheinander zu gebrauchen. Aber – beachten Sie wohl, der Sprung ist verblüffend – auf der Reise über den Atlantischen Ozean wird in New York Hautboy oder Ho-boy zu dem Namen, mit dem man die nächtlichen Straßenkehrer bezeichnet. Man versteht ja schon, daß er aus der Verachtung für wandernde Gaukler und Musikanten entstanden ist, aber beachten Sie die Finesse! Brandmarke und schwarzer Stempel! Der Straßenkehrer, der Paria, der Elende, der Verachtete, der Mann ohne Kaste! Und in seiner nächsten Inkarnation heftet sich der Name folgerichtig und logisch von selber an den amerikanischen Ausgestoßenen, nämlich den Landstreicher. Und wie andere den Sinn entstellt haben, so entstellt der Landstreicher die Form, und Ho-boy wird friedlich zu Hobo. Ganz interessant, nicht wahr?«

Ich lehnte mich zurück und wunderte mich im stillen über dieses lebende Konversationslexikon Leith Clay-Randolph, diesen ganz gewöhnlichen Landstreicher, der sich in meinem Hause breitmachte und die Freunde, die sich um meinen bescheidenen Tisch sammelten, bezauberte, mich selbst durch seinen Geist und sein Wesen verdunkelte, mein Taschengeld verbrauchte, meine besten Zigarren rauchte und mit Geschmack und Umsicht in meinem Vorrat von Krawatten und Hemdknöpfen wählte.

Zerstreut trat er an die Regale und schlug Lorias »Ökonomische Grundlage der Gesellschaft« auf. »Es macht mir Spaß, mit Ihnen zu reden«, meinte er. »Sie haben eine gute Bildung genossen. Sie haben Bücher gelesen, und Ihre wirtschaftliche Deutung der Geschichte, wie Sie es zu nennen belieben (dies wurde mit einer höhnischen Grimasse gesagt), macht Sie in ganz hervorragendem Maße geeignet, das Leben von einem intellektuellen Gesichtspunkt aus zu betrachten. Aber Ihre soziologischen Urteile leiden unter dem Mangel an praktischen Kenntnissen. Sehen Sie, ich kenne die Bücher, entschuldigen Sie, daß ich das sage, ein wenig besser als Sie, und ich kenne auch das Leben. Ich habe es gelebt, nackt, es sozusagen in meine beiden Hände genommen, es betrachtet, es geschmeckt, sowohl sein Fleisch wie sein Blut geschmeckt, und da ich ein so ausgeprägter Verstandesmensch bin, habe ich mich weder von Leidenschaften noch von Vorurteilen hinreißen lassen. Und das alles ist notwendig, wenn die Rede von klaren Begriffen ist, und das alles fehlt Ihnen. Ach! Hier steht eine wirklich geistvolle Wendung. Hören Sie nur!«

Er begann mir in seiner eigentümlichen Art und Weise vorzulesen, begleitete den Text mit kritischen Bemerkungen und Kommentaren, verwandte Unmengen klarer, blendender Worte, stellte die Sache auf den Kopf, beleuchtete den Gegenstand von verschiedenen Seiten, führte Dinge an, die der Autor aus Nachlässigkeit übergangen, und Einwände, die er übersehen hatte, nahm fallengelassene Fäden auf, wies auf einen Gegensatz hin, machte ein Paradox daraus und verwandelte ihn zu einer zusammenhängenden und in ganz wenigen Worten ausgedrückten Wahrheit – ließ, kurz gesagt, seinen hellen Geist über die Seiten leuchten, die zuvor langweilig, schwer und tot gewesen waren.

Es war lange her, daß Leith Clay-Randolph (man beachte den mit einem Bindestrich versehenen Nachnamen) an die Hintertür von Idlewild geklopft und Gundas Herz geschmolzen hatte. Gunda war im Grunde kalt wie ihre norwegischen Berge, wenn sie auch wohl, wenn sie guter Laune war, einem Landstreicher erlauben konnte, auf der hinteren Veranda zu sitzen und alte Brotkrusten und übriggebliebene verschmähte Koteletts zu essen. Daß aber ein zerlumpter Landstreicher, der geradeswegs aus dem Staube und der Dunkelheit der Wege kam, das Heiligtum ihres Küchenkönigreichs betreten und das Mittagessen verspäten sollte, während sie ihm im wärmsten Winkel Platz machte, war ein solches Ereignis, daß Tausendschönchen hinausgehen und das Phänomen besichtigen mußte. Ach, Tausendschönchen mit dem leichtgerührten Herzen und dem immer bereiten Mitleid! Leith Clay-Randolph eroberte sie im Laufe von fünfzehn langen Minuten. Unterdessen brütete ich über meiner Zigarre; schließlich huschte sie wieder herein und sprach verblümt von einem ausrangierten Anzug, den ich nie vermissen würde.

»Nein, das werde ich sicher nicht«, sagte ich, denn im stillen dachte ich an den dunkelgrauen Anzug, dessen Taschen von all den Büchern, die ich hineingestopft hatte, stark mitgenommen waren – Bücher, die mir mehr als einen Tag Angelsport verdorben hatten.

»Aber ich rate dir, zuerst die Taschen instand zu setzen«, fügte ich hinzu.

Tausendschönchens Gesicht verdunkelte sich. »Nein,« sagte sie, »den schwarzen Anzug.«

»Den schwarzen!« brach es aus mir heraus, ich wollte meinen Ohren kaum trauen. »Den trage ich doch so oft. Ich – ich hatte eigentlich gedacht, ihn heute abend anzuziehen.«

»Du hast zwei bessere Anzüge, und du weißt doch, Lieber, daß ich ihn nie leiden konnte«, sagte Tausendschönchen schnell. »Außerdem ist er ja ganz blank –«

»Blank?«

»Er – er wird es jedenfalls bald, was ganz auf dasselbe herauskommt, und der Mann ist es wirklich wert. Er ist nett und gebildet. Und ich bin sicher –«

»Daß er bessere Tage gesehen hat.«

»Ja, und das Wetter ist rauh und abscheulich, und er ist ganz abgerissen. Und du hast so viele Anzüge.«

»Fünf,« berichtigte ich, »den dunkelgrauen Angelanzug mit den verdorbenen Taschen mitgerechnet.«

»Und er hat niemand, kein Heim, nichts.«

»Nicht einmal ein Tausendschönchen,« sagte ich und legte meinen Arm um sie, »und deshalb verdient er, alles mögliche zu bekommen. Gib ihm den schwarzen Anzug, Liebling, nein, den besten, den allerbesten. Wir, die wir im Sonnenschein leben, müssen ja schon versuchen, zu helfen.«

»Du bist wirklich lieb«, sagte Tausendschönchen, indem sie zur Tür eilte und mir einen verführerischen Blick sandte. »Du bist schrecklich lieb.«

Und das nach siebenjähriger Ehe, sagte ich verwundert bei mir, aber im nächsten Augenblick kam sie wieder und sagte ängstlich, als wollte sie sich entschuldigen:

»Ich habe ihm eines von deinen weißen Hemden gegeben. Er hatte ein schrecklich billiges aus Baumwolle an, und ich fand, das würde lächerlich aussehen. Und seine Schuhe waren so abgetreten, daß ich ihm ein Paar von deinen, die alten mit den schmalen Spitzen, gab.«

»Alten?«

»Nun ja, sie drückten dich doch so schrecklich, das weißt du doch gut.«

Tausendschönchen rechtfertigte sich immer auf diese Weise, und so kam es, daß Leith Glay-Randolph nach Idlewild kam und blieb. – Wie lange, ließ ich mir damals nicht träumen. Ich ließ mir auch nicht träumen, wie oft er kommen würde, denn er war wie ein unregelmäßig wiederkehrender Komet. Es geschah, daß er frisch und froh, sauber und gutgekleidet, von feinen Leuten kam, die auf dieselbe Art mit ihm befreundet waren wie ich, und dann wieder konnte er müde und mitgenommen den Rosenweg von Montana oder Mexiko herabgekrochen kommen. Und wenn seine Wanderlust ihn überkam, verschwand er, ohne ein Wort zu sagen, in der großen mystischen Unterwelt, die er »die Landstraße« nannte.

»Ich konnte es nicht übers Herz bringen, fortzugehen, ehe ich Ihnen für Ihre offene Hand und Ihr gutes Herz gedankt hatte«, sagte er an dem Abend, als er in meinem guten schwarzen Anzug vor mir stand.

Und ich muß gestehen, daß ich verblüfft war, als ich über den Rand meiner Zeitung hinwegblickte und einen ungewöhnlich respektablen Gentleman mit hoher Stirn vor mir sah, der frei und ungezwungen auftrat und tat, als ob er zu Hause sei. Tausendschönchen hatte recht gehabt. Er mußte bessere Tage gekannt haben, wenn der schwarze Anzug und das weiße Hemd ihn in dem Maße verändern konnten. Ich erhob mich unwillkürlich, fühlte mich gewissermaßen veranlaßt, ihm auf gleichem Fuße zu begegnen. Und da geschah es, daß Clay-Randolph auch mich bezauberte. Diese Nacht, die nächste und noch viele Nächte schlief er in Idlewild. Er war auch wirklich ein Mann, den man gern haben mußte, ob man wollte oder nicht. Anaks Sohn, auch Rufus der Blauäugige genannt und außerdem unter dem plebejischen Namen Tot bekannt, schwärmte mit ihm vom Rosenweg bis zu den fernsten Fruchtgärten, skalpierte ihn im Heuschober unter barbarischem Geheul und hätte ihn einmal fast in pharisäischem Eifer unter dem Deckenbalken der Bodenkammer gekreuzigt. Tausendschönchen würde ihn um des Sohnes Anaks willen geliebt haben, hätte sie ihn nicht schon um seiner selbst willen geliebt. Und was mich betrifft, ja, fragt Tausendschönchen, wie oft ich in den Perioden, wenn er es vorgezogen hatte zu verschwinden, daran dachte, wann Leith wohl wiederkommen würde, Leith, der Liebenswürdige.

Und dabei war er doch ein Mensch, von dem wir nichts wußten. Abgesehen von der Tatsache, daß er in Kentucky geboren war, blieb seine Vergangenheit in Finsternis gehüllt. Er sprach nie davon, und er war ein Mann, der sich schmeichelte, Vernunft und Herzensregungen stets völlig auseinander gehalten zu haben. Als er einmal Anaks Sohn huckepack herumtrug und lärmte, beschuldigte ich ihn, daß er sein Herz mit sich hätte durchgehen lassen. Aber er behauptete, das wäre durchaus nicht der Fall. Könnte er nicht ein bißchen Stimmung machen, nur um des Problems willen?

Er war verschlossen. Er mischte abwechselnd unaussprechlichen Slang und vielsilbige technische Ausdrücke in seine Rede und machte zuweilen in Sprache und Miene den Eindruck eines wahren Verbrechers; dann wieder war er der kultivierte, abgeschliffene Gentleman und zu andern Zeiten wieder Philosoph und Wissenschaftler. Ab und zu aber kam etwas bei ihm zum Vorschein, das ich nie recht erfaßte – Funken von Aufrichtigkeit, von wirklichem Gefühl, dachte ich bei mir; Funken, die fort waren, ehe ich sie fangen konnte; vielleicht der Abglanz von etwas, das er einmal gewesen war, oder Andeutungen von dem wirklichen Wesen des Mannes hinter der Maske. Aber er hob die Maske nie, und sein wirkliches Wesen lernten wir nie kennen.

»Aber die sechzig Tage, die Sie zum Lohn für Ihre journalistische Betätigung kriegten?« fragte ich. »Lassen Sie Loria liegen. Erzählen Sie.«

»Nun ja, wenn Sie es durchaus wollen.« Er legte ein Bein über das andere und lachte einen Augenblick leise.

»In einer Stadt, deren Namen ich nicht nennen will,« begann er, »in einer Stadt von fünfzigtausend Einwohnern, einer Stadt, wo sich die Männer für Dollars und die Frauen für Kleider abrackern, hatte ich eine Idee. Ich besaß ein verhältnismäßig ansprechendes Äußeres, und meine Taschen waren leer. Mir fiel ein, daß ich einmal daran gedacht hatte, eine Abhandlung zu schreiben, in der ich Kant und Spencer in einer höheren Einheit aufgehen lassen wollte. Das ist natürlich nicht so zu verstehen, daß ich es für möglich halte, ihre Gesichtspunkte zu vereinigen, aber die Gelegenheit, die eine solche Abhandlung mir für eine wissenschaftliche Satire geben würde –«

Ich machte eine ungeduldige Handbewegung, und er hielt inne.

»Ich wollte Ihnen nur meinen damaligen Geisteszustand darlegen, um Ihnen zu zeigen, wie alles kam«, erklärte er. »Ich hatte also eine Idee. Nämlich, ob die Tagespresse nicht eine Landstreicherskizze gebrauchen könnte, eine Skizze über das unversöhnliche Verhältnis zwischen Schutzmann und Landstreicher zum Beispiel! Ich nutzte den Asphalt ab (Asphalt, lieber Freund, ist nur ein anderer Name für Straße) oder erkletterte Berge, wie wir auch gut sagen können, um einen Zeitungsredakteur zu finden. Der Fahrstuhl schleuderte mich in den Himmel, und Zerberus hielt in Gestalt eines bleichsüchtigen Liftboys an der Tür Wache. Schwindsucht, das sah man gleich; Mut und Mannesherz, Ire, riesengroß; von ganz zweifelloser Zähigkeit, aber binnen einem Jahr tot.

›Blasser Jüngling,‹ sagte ich, ›ich bitte Sie, mir den Weg zum Allerheiligsten, zu seiner Großmächtigkeit zu zeigen.‹

Er würdigte mich eines Blickes, eines unsagbar höhnischen und müden Blickes.

›Gehen Sie hinunter und reden Sie mit dem Portier. Ich versteh' Ihren Quatsch nicht.‹

›Nein, mein Lilienweißer, ich will den Redakteur sprechen.‹

›Welchen Redakteur?‹ fauchte er wie ein junger Bullterrier. ›Theater? Sport? Gesellschaft? Sonntagsausgabe? Wochenblatt? Tageblatt? Telegraph? Lokales? Tagesneuigkeiten? Leitartikel? Welchen Redakteur?‹

›Welchen, weiß ich nicht. Den Redakteur,‹ erklärte ich von oben herab, ›den Chefredakteur.‹

›Ach so, Spargo!‹

›Ja, natürlich, Spargo‹, antwortete ich. ›Wen sonst?‹

›Geben Sie mir Ihre Karte‹, sagte er.

›Meine was?‹

›Ihre Karte – aber sagen Sie mal, was wollen Sie eigentlich?‹

Und der bleichsüchtige Zerberus maß mich mit einem so unverschämten Blick, daß ich den Arm ausstreckte und ihn vom Stuhl hob. Ich hämmerte ihm mit meinem Zeigefingerknöchel auf die eingefallene Brust, daß er schwach hustete und nach Luft schnappte; aber er sah mich unerschrocken an, ungefähr wie ein trotziger Spatz, den man in der Hand hält.

›Ich bin der Volkszähler Zeit‹, polterte ich mit Grabesstimme. ›Hüten Sie sich, daß ich nicht zu stark klopfe.‹

›Ach was‹, höhnte er.

Worauf ich ihm so hart auf die Brust klopfte, daß er beinahe erstickte und einen knallroten Kopf bekam.

›Na, was wollen Sie also‹, schnappte er, als er wieder Luft bekam.

›Ich will mit Spargo reden, mit dem Chef Spargo.‹

›Dann lassen Sie mich los, ich werde nachgucken.‹

›Nee, daraus wird nichts, mein Lilienweißer‹, ich packte ihn kräftig am Kragen. ›Keine Witze! Ich komme selber mit.‹«

Leith betrachtete träumerisch die Asche an seiner Zigarre und wandte sich dann zu mir. »Wissen Sie, Anak, Sie können gar nicht verstehen, welche Freude es macht, den Hanswurst zu spielen. Sie könnten es nicht, wenn Sie auch wollten. Ihre jämmerliche kleine konventionelle Theorie und Ihre tugendhafte Auffassung von dem, was korrekt und passend ist, würden es Ihnen unmöglich machen. Sich ohne weiteres, mit ganzer Seele jedem schnurrigen Einfall hinzugeben, den Hanswurst zu spielen, ohne die Folgen zu fürchten, das erfordert einen Mann, der mehr ist als lediglich Familienvater und Bürger.

Na, jedenfalls sah ich, wie gesagt, den Chef Spargo. Er war ein großer, speckiger, rotwangiger Bursche mit schweren Backenknochen und einem Doppelkinn, und er saß in Hemdsärmeln an seinem Pult und schwitzte. Es war August, wissen Sie. Als ich eintrat, telephonierte er, das heißt, er fluchte ins Telephon, während er mich gleichzeitig forschend von oben bis unten ansah. Als er angehängt hatte, wandte er sich mir erwartungsvoll zu.

›Sie sind ein sehr beschäftigter Mann‹, sagte ich.

Er nickte und verhielt sich abwartend.

›Aber ist das eigentlich schließlich der Mühe wert‹, fuhr ich fort. ›Lohnt das Leben den Schweiß? Können Sie mir einen Grund dafür sagen, daß man schwitzen muß? Sehen Sie mich an. Ich rackere mich nicht ab, ich spinne auch nicht –‹

›Wer sind Sie? Was sind Sie?‹ fragte er mit einer Plötzlichkeit, die – nun ja, direkt ungehobelt war; er zerrte die Worte heraus, wie ein Hund, der einen Knochen herauszerrt.

›Eine sehr angebrachte Frage, mein Herr‹, räumte ich ein. ›Erstens bin ich ein Mann; zweitens bin ich ein in den Staub getretener amerikanischer Bürger. Ich leide unter dem Fluch, weder einen Beruf noch ein Geschäft oder irgendwelche Aussichten zu haben. Wie Esau stehe ich da, meines Linsengerichtes beraubt. Meine Wohnung ist hier und dort und überall; mein Deckbett ist der Himmel. Ich gehöre zu den Vertriebenen, ich bin Sansculotte, Proletarier, oder einfacher und in einer Ihnen verständlicheren Sprache ausgedrückt, Landstreicher.‹

›Was, zum Teufel?‹

›Ja, edler Herr, Landstreicher, ein Mann, der auf entlegenen Wegen irrt, in merkwürdigen Quartieren wohnt und allerlei –‹

›Hören Sie auf!‹ rief er. ›Was wünschen Sie?‹

›Geld!‹

Er fuhr hoch und streckte schon die Hand nach einer offenen Schublade aus, in der wohl ein Revolver lag, bedachte sich aber im letzten Augenblick und brummte: ›Dies ist keine Bank.‹

›Ich habe auch keinen Scheck. Aber ich habe eine Idee, mein Herr, die ich mit Ihrer Erlaubnis und freundlichen Hilfe zu Geld machen möchte. Kurz und gut, was meinen Sie zu einer Landstreicherskizze, von einem Landstreicher nach Studien in der Natur geschrieben? Meinen Sie, daß Sie die Geschichte gebrauchen könnten? Hungern Ihre Leser danach? Dursten sie danach? Können sie glücklich ohne sie sein?‹

Ich glaubte einen Augenblick, er würde einen Schlaganfall kriegen, aber er beruhigte sein heißes Blut und sagte, daß meine Frechheit ihm gefiele. Ich dankte ihm und sagte, daß sie mir selber auch gefiele. Dann bot er mir eine Zigarre an und meinte, daß er glaubte, ein Geschäft mit mir machen zu wollen.

›Aber denken Sie daran‹, sagte er, nachdem er mir eine Menge Manuskriptpapier und einen Bleistift aus seiner Westentasche in die Hand gesteckt hatte. ›Denken Sie daran, daß ich keinen hochtrabenden und philosophischen Unsinn haben will. Ich habe Sie im Verdacht, derartiges im Sinn zu haben. Geben Sie dem, was Sie schreiben, Lokalkolorit, viel Lokalkolorit, und vielleicht noch dazu ein bißchen Sentimentalität, aber kommen Sie nicht mit Quatsch über Wirtschaftspolitik und dergleichen. Machen Sie es konkret, treffend, lebendig, frisch, knisternd, interessant – verstehen Sie?‹

Ich verstand und lieh mir einen Dollar von ihm.

›Vergessen Sie nicht das Lokalkolorit‹, rief er mir durch die Tür nach.

Aber ach, Anak, das Lokalkolorit wurde mein Verhängnis.

Der bleichsüchtige Zerberus grinste, als ich mit dem Fahrstuhl hinunterfuhr. ›Wohl rausgeschmissen, was?‹

›Nein, mein blasser, lilienweißer Jüngling‹, sagte ich und lachte im Innern, während ich ihm mit meinem Manuskriptpapier vor der Nase herumfuchtelte. ›Nicht rausgeschmissen, sondern einen Auftrag bekommen. Binnen drei Monaten bin ich Lokalredakteur, und dann werde ich Sie springen lassen.‹

Und als der Fahrstuhl im nächsten Stock hielt, um ein paar junge Mädchen aufzunehmen, trollte er sich nach dem Schacht und überließ mich und meinen kleinen Bericht ohne Weitläufigkeiten und langes Schwatzen dem Untergang. Aber er gefiel mir gut, denn er hatte Mut und ein Mannesherz und fürchtete sich nicht, obwohl er genau so gut wie ich wußte, daß der Tod ihn in den Krallen hatte.«

»Aber wie konnten Sie, Leith,« unterbrach ich ihn – ich konnte im Geiste den brustkranken Jungen vor mir sehen – »wie konnten Sie es übers Herz bringen, ihn so barbarisch zu behandeln?«

Leith lachte trocken.

»Lieber Freund, wie oft soll ich Ihnen noch erklären, daß Ihre Begriffe verwirrt sind. Sie lassen sich ganz von orthodoxer Auffassung und stereotyper Sentimentalität beherrschen. Ach, und dann Ihr Temperament. Sie sind tatsächlich außerstande, rationell zu urteilen. Der Zerberus, pah! ein schwindendes Licht, ein winziger, erlöschender Funke, ein sterbender Organismus mit abnehmendem Puls! Man knipst mit den Fingern, man pustet, was wollen Sie? Ein Bauer im Schachspiel des Lebens, nicht einmal ein Problem. Ein totgeborener Säugling oder ein totes Kind ist kein Problem. Sie sind gar nicht zur Welt gekommen und der Zerberus auch nicht. Nein, wirklich ein hübsches Problem!«

»Aber das Lokalkolorit«, mahnte ich ihn.

»Ja, richtig«, antwortete er. »Lassen Sie uns zur Sache kommen. Na ja, ich zog mit meinem Manuskriptpapier geradeswegs zum Bahnhof (um Lokalkolorit zu bekommen), ließ die Beine zu einem Seitentürpullman – was nur ein anderer Name für einen Güterwagen ist – heraushängen und kritzelte den Artikel nieder. Ich tat es selbstverständlich gewandt und geistreich und so weiter, mit einem unwiderstehlichen kleinen Hieb auf das Bestehende und mit meinen sozialen Paradoxen, die ich gleichzeitig konkret genug machte, daß sie das Unbehagen aller Durchschnittsbürger erregen mußten. Vom Standpunkt des Landstreichers aus war die Polizei der Stadt ungewöhnlich schlecht, und ich machte mich daher daran, den guten Leuten die Augen zu öffnen. Es ist gegeben – man kann das mit trockenen Zahlen beweisen –, daß es der Gesellschaft mehr kostet, ihre Landstreicher zu verhaften, zu verurteilen und ins Gefängnis zu werfen, als es kosten würde, sie für die gleiche Zeit als Gäste in den besten Hotels aufzunehmen. Und das entwickelte ich nun ausführlich, brachte Tatsachen und Zahlen, die Löhne der Polizei, Meilengelder, Gerichts- und Gefängnisausgaben. Oh, es war überzeugend und dabei wahr; und ich gab dem ganzen eine leichte, humoristische Form, die Lächeln erregte und gleichzeitig einen Stachel hinterließ. Der Haupteinwand gegen das System war, wie ich behauptete, der Betrug am Landstreicher, seine Ausplünderung. All das gute Geld, das die Gesellschaft für ihn ausgab, wäre hinreichend gewesen, ihn in Luxus schwelgen, statt hinter Kerkermauern verfaulen zu lassen. Die Zahlen, die ich nannte, waren sogar so fein ausgerechnet, daß sie ihm nicht nur erlaubten, in den besten Hotels zu leben, sondern noch täglich zwei Zigarren zu fünfundzwanzig Cent zu rauchen und zehn Cent auf Schuh putzen zu spendieren, und doch würde das alles die Steuerzahler nicht soviel gekostet haben, wie sie jetzt bezahlten, um ihn zu verurteilen und im Gefängnis zu erhalten; wie aber die folgenden Ereignisse zeigten, traf der Artikel die Steuerzahler an ihrer wunden Stelle. Von einem Schutzmann zeichnete ich ein leibhaftiges Porträt, und ich vergaß auch nicht einen gewissen Sol Glenhart, einen der schlimmsten Polizeirichter des Kontinents. Er war nicht nur eine traurige Berühmtheit unter den Landstreichern, seine bürgerlichen Sünden waren nicht nur allgemein bekannt, sondern der Bürgerschaft direkt ein Ärgernis. Ich nannte selbstverständlich weder seinen Namen noch seine Wohnung, machte das Bild einigermaßen unpersönlich und setzte es aus verschiedenen überall hergeholten Zügen zusammen, was aber doch nicht hinderte, daß Gott und alle Welt sich über die Zuverlässigkeit des Lokalkolorits klar waren.

Da ich selbst Landstreicher war, wurde der rote Faden in dem Artikel selbstverständlich ein Protest gegen die Mißhandlung des Landstreichers. Indem ich die Steuerzahler bei ihrem Portemonnaie packte, machte ich sie empfänglicher für sanfte Gefühle, und am Ende des Aufsatzes rückte ich mit der Sentimentalität heraus, häufte Berge von Sentimentalität auf. Glauben Sie mir, es war fabelhaft, und der rhetorische Schwung – ja, sagen Sie selbst, hören Sie nur die letzten Zeilen des Schlußabsatzes: ›Wenn wir uns so, ängstlich nach Frau Justitia Ausschau haltend, durch die Straßen schleichen, müssen wir unwillkürlich daran denken, daß wir außerhalb des Gesetzes stehen; wir leben nicht das Leben anderer Menschen, und Frau Justitia behandelt uns nicht wie die anderen. Wir armen, verlorenen Seelen, die wir in der Finsternis nach einer Brotkruste jammern, sind uns völlig klar über unsere Hilflosigkeit und Schmach. Und wie ein geschlagener Bruder jenseits des Meeres können wir sagen: ›Unser Stolz ist, daß wir keine Spur von Stolz kennen.‹ Die Menschen haben uns vergessen; Gott hat uns vergessen; nur die Harpyen der Gerechtigkeit erinnern sich unser, sie, die von unserem Elend leben und blankschimmernde Dollars aus unseren Seufzern und Tränen schlagen.‹

Zufällig war das Porträt, das ich von dem Polizeirichter Sol Glenhart entworfen hatte, gut getroffen. Es war von einer schlagenden, unverkennbaren Ähnlichkeit und wurde von Sätzen begleitet wie: ›Diese klumpnasigen, dickwanstigen Harpyen‹; ›Er hat die Moral der Barbaren und ein Ehrgefühl, das tief unter dem eines gewöhnlichen Diebes steht‹; ›Der die Strafe mit Winkeladvokaten zusammen festsetzt und die Unglücklichen und Unbemittelten zur Sühne in muffige Zellen schickt‹ – und so weiter, immer in einem Stil, der auf Stelzen daherschritt, und selbstverständlich frei von dem würdigen Ton, den man in einer Abhandlung über ›Die Verirrungen des Marxismus‹ und dergleichen anwenden würde, aber gerade so, wie das liebe Publikum es haben will.

›Hm!‹ grunzte Spargo, als ich ihm das Manuskript in die Faust steckte. ›Sie haben es aber eilig, mein Freund.‹

Ich heftete einen hypnotisierenden Blick auf seine Westentasche, und er holte eine seiner besseren Zigarren heraus; ich rauchte sie, während er den Artikel überflog. Zwei- oder dreimal warf er über das Papier hinweg einen forschenden Blick auf mich, sagte aber nichts, ehe er fertig war. ›Wo haben Sie früher gearbeitet, Sie Rekordschreiber?‹ fragte er.

›Es ist mein erster Versuch‹, lächelte ich bescheiden und einfältig, scharrte mit den Füßen und tat, als wäre ich ein wenig verlegen.

›Ihr erster, zum Teufel! Was für ein Honorar verlangen Sie?‹

›Nein, nein‹, antwortete ich. ›Kein Honorar, vielen Dank. Ich bin ein freier, in den Staub getretener amerikanischer Bürger, und niemand soll mir sagen, daß er Herr über meine Zeit ist.‹

›Außer Frau Justitia‹, lachte er.

›Ja, außer Frau Justitia‹, sagte ich.

›Woher wußten Sie, daß ich das Polizeidepartement stürzen werde?‹ fragte er plötzlich.

›Das wußte ich auch nicht, aber ich wußte, daß Sie es vorhaben‹, antwortete ich. ›Gestern morgen schenkte mir eine zur Barmherzigkeit neigende Frau drei Keks, ein Stück Käse und ein bedauernswert kleines Stück Schokolade, alles in die letzte Nummer der ›Trompete‹ gepackt, in der ich dann einen teuflisch begeisterten Artikel darüber las, daß der Kandidat, den die ›Kuhglocke‹ für das Amt des Polizeidirektors aufgestellt hatte, übergangen war. Ich sah ferner, daß die kommunalen Wahlen vor der Tür standen, und kombinierte ein bißchen. Ein neuer Bürgermeister von der richtigen Sorte bedeutete neue Polizeibeamte, neue Polizeibeamte bedeuteten einen neuen Polizeidirektor, ein neuer Polizeidirektor bedeutete den Kandidaten der ›Kuhglocke‹, und jetzt sind Sie also am Spiel.‹

Er erhob sich, schüttelte mir die Hand und leerte seine schwellende Zigarren Westentasche. Ich steckte den Inhalt ein und rauchte weiter an der, die ich vorhin erhalten hatte.

›Sie sind der richtige Mann‹, frohlockte er. ›Dieser Stoff‹, sagte er und schlug auf mein Manuskript, ›ist die erste Kanone des Feldzuges. Sie werden noch viele abfeuern, ehe wir fertig miteinander sind. Ich habe seit vielen Jahren nach Ihnen ausgeschaut. Kommen Sie mit in die Redaktion.‹

Aber ich schüttelte den Kopf.

›Kommen Sie nun‹, drang er in mich. ›Keine falsche Scham! Die ›Kuhglocke‹ muß Sie haben. Sie hungert nach Ihnen, verlangt nach Ihnen und ist nicht glücklich, ehe sie Sie hat. Was meinen Sie?‹ Kurz, er rang mit mir, aber ich war standhaft, und nach einer halben Stunde gab Chefredakteur Spargo es auf.

›Vergessen Sie nicht,‹ sagte er, ›wenn Sie je anders darüber denken sollten: wir nehmen Sie. Einerlei, wo Sie sind, telegraphieren Sie mir, und ich schicke Ihnen umgehend das Reisegeld.‹

Ich dankte ihm und bat um Bezahlung für mein Manuskript oder den Gifttrank, wie er es nannte.

›Ach, das wird wie üblich erledigt‹, sagte er. ›Erheben Sie das Geld am ersten Donnerstag nach Veröffentlichung des Aufsatzes.‹

›Dann muß ich Sie bitten, mir einige Dollar zu leihen, bis –‹

Er sah mich an und lächelte.

›Rücken Sie lieber damit heraus, was Sie haben wollen.‹

›Also schön‹, sagte ich. ›Ich bin hier unbekannt, geben Sie mir lieber Bargeld.‹

Bargeld kriegte ich auch, dreißig Kronen (eine Krone ist ein Dollar, mein lieber Anak); ich schaufelte das Geld ein und verschwand.

›Blasser Jüngling‹, sagte ich zu dem Zerberus. ›Ich bin rausgeschmissen (er grinste bleich und froh), aber empfangen Sie als Zeichen der aufrichtigen Hochachtung, die ich für Sie hege, dieses kleine (seine Augen blitzten, und er hob schnell die Hand, um seinen Kopf vor dem erwarteten Schlage zu schützen), dieses kleine Andenken.‹

Ich wollte ihm ein Fünfdollarstück in die Hand stecken, aber trotz seiner großen Überraschung war er zu schnell.

›Ach, behalten Sie Ihren Mist selber‹, fauchte er.

›Ich gewinne Sie immer lieber‹, sagte ich und legte noch ein Fünfdollarstück hinzu. ›Sie werden allmählich vollkommen. Aber Sie müssen es wirklich annehmen.‹

Er trat knurrend zurück, aber ich packte ihn am Hals, schüttelte das bißchen Luft, das in ihm war, aus ihm heraus, und da stand er, zusammengekrümmt, aber mit zwei Fünfern in der Tasche. Kaum aber war der Fahrstuhl in Gang gekommen, als auch schon die beiden Geldstücke auf das Dach klirrten und zwischen Fahrstuhl und Schacht fielen. Glücklicherweise war die Tür nicht geschlossen, und ich steckte die Hand hinaus und schnappte sie. Die Augen traten dem Liftboy aus dem Kopf.

›Das ist so eine Angewohnheit von mir‹, sagte ich und steckte das Geld in die Tasche.

›Irgend jemand muß sie in den Schacht haben fallen lassen‹, flüsterte er eingeschüchtert.

›Offenbar‹, sagte ich.

›Ich werde es aufbewahren‹, schlug er vor.

›Unsinn!‹

›Sie tun am besten daran, mir das Geld abzuliefern‹, drohte er, ›oder ich stelle den Fahrstuhl ab.‹

›Pah!‹

Und wahrhaftig, er hielt den Fahrstuhl an, gerade zwischen zwei Stockwerken.

›Junger Mann,‹ sagte ich, ›haben Sie eine Mutter? (Er machte ein ernstes Gesicht, als bereute er, was er getan hatte, und um noch mehr Eindruck auf ihn zu machen, krempelte ich mit großer Sorgfalt meinen rechten Hemdärmel auf.) Sind Sie bereit, zu sterben? (Ich krümmte mich zum Sprunge und schob einen Fuß vor.) Nur eine Minute, eine kurze Minute trennt Sie von der Ewigkeit. (Jetzt krümmte ich meine rechte Klaue und hob den anderen Fuß.) Junger Mann, junger Mann‹, brüllte ich. ›In dreißig Sekunden reiße ich Ihnen das blutige Herz aus der Brust und bücke mich, um Sie aus der Hölle schreien zu hören.‹

Das machte Eindruck auf ihn; er stieß Schreie aus, der Fahrstuhl sauste hinunter, und einen Augenblick später stand ich auf der Straße. Sehen Sie, Anak, ich kann nun mal die Gewohnheit nicht ablegen, nirgends zu gehen, ohne sehr lebhafte Erinnerungen an mich zu hinterlassen. Man vergißt mich nie.

Ich hatte kaum die Ecke erreicht, als ich eine wohlbekannte Stimme hinter mir hörte:

›Hallo, Cinders! Wohin?‹

Es war Chi Slim, den ich einmal getroffen hatte, als ich von einem Güterzug in Jacksonville herunter mußte. Ich hätte ihn vor lauter Zinderkohle nicht gesehen, sagte er später, und diese Monica blieb an mir hängen ... Monica? Kommt von monos, Spitzname des Landstreichers.

›Nach Süden‹, antwortete ich. ›Und wie geht's dir, Slim?‹

›Dreckig. Die Polente ist scharf.‹

›Wo ist die Bande?‹

›An Ort und Stelle. Ich werd' dir die Augen putzen.‹

›Wer ist der erste Mann an der Spritze?‹

›Ich. Und vergiß das nicht.‹«

Diese merkwürdige Sprache strömte von Leiths Lippen, aber ich stoppte ihn:

»Seien Sie so freundlich, mir das zu übersetzen. Vergessen Sie nicht, daß ich Ausländer bin.«

»Gern«, antwortete er vergnügt. »›Slim‹ ist ein armer Teufel, Polente bedeutet Polizei. Er erzählt mir also, daß die Polizei zudringlich zu werden beginnt. Ich frage, wo ›die Bande‹ ist, das heißt, wo die Kameraden sind, mit denen er reist. Mit dem Ausdruck ›die Augen putzen‹ meinte er, daß er mir zeigen will, wo die Bande ist. Der erste Mann an der Spritze ist der Anführer. Slim erhebt Anspruch auf diesen vornehmen Titel.

Slim und ich schlichen uns nach einem Walde vor der Stadt, und dort fanden wir die Bande, zwanzig zerlumpte Landstreicher, hübsch am Ufer eines kleinen rieselnden Baches gruppiert.

›Kommt raus, Jungens‹, rief Slim. ›Auf die Beine, Cinders ist da. Und den müssen wir anständig empfangen.‹

Was bedeutete, daß die Burschen ihr Bestes tun sollten, um in aller Eile so viel wie möglich zusammenzufechten, um meine Heimkehr nach zehnjähriger Abwesenheit feiern zu können. Aber ich ließ die Moneten blinken, und Slim schickte einige von den Jüngeren fort, um etwas Trinkbares zu kaufen. Auf Ehre, Anak, es wurde ein Gelage, an das man heute noch in der Landstreicherwelt denkt. Es ist erstaunlich, wieviel man für dreißig Dollar kriegen kann, und ebenso erstaunlich ist es, zu sehen, wie schwer zwanzig Kadaver sich in diesen Getränken besaufen können. Es gab Bier und billigen Wein und als Zugabe für die besonders Bedürftigen Schnaps. Es war großartig – eine Orgie unter freiem Himmel, ein Wettstreit unter Becherklingen, eine Studie in primitiver Bestialität. Ein Betrunkener hat für mich etwas Fesselndes, und wenn ich Rektor an der Universität wäre, würde ich einen psychologischen Kursus in praktischer Betrunkenheit einführen. Der würde die Bücher aus dem Felde schlagen und mit den Experimenten im Laboratorium konkurrieren.

Aber das gehört nicht hierher. Als wir sechzehn Stunden lang geschlemmt hatten, wurde die ganze Bande früh am Morgen des nächsten Tages von einer überwältigenden Masse von Schutzleuten geschnappt und ins Gefängnis gebracht. Nach dem Frühstück, gegen zehn, wurden wir matt und mutlos, alle zwanzig, vor Gericht geführt. Und da saß Sol Glenhart in seinem Purpur, krummnasig wie ein napoleonischer Adler und mit kleinen funkelnden Vogelaugen.

›John Ambrose!‹ rief der Schreiber, und Chi Clim erhob sich mit der Ungezwungenheit, die lange Übung verriet.

›Vagabund, Euer Gnaden‹, erklärte der Schutzmann Seiner Gnaden, die den Gefangenen nicht eines Blickes würdigte. Er schnarrte: zehn Tage, und Chi setzte sich.

Und so ging es weiter mit der Eintönigkeit eines Uhrwerks, fünfzehn Sekunden für jeden Mann, vier Mann in der Minute, und die Burschen erhoben und setzten sich der Reihe nach wie mechanische Puppen. Der Schreiber rief die Namen auf, der Schutzmann nannte das Vergehen, der Richter sprach das Urteil, und dann setzte sich, der Mann wieder. Einfach und geradezu, nicht wahr? Großartig!

Chi Slim puffte mich mit dem Ellbogen in die Seite. ›Zieh ihn ein bißchen auf, Cinders, du bist der Rechte dazu.‹

Ich schüttelte den Kopf.

›Los‹, sagte er eifrig. ›Erzähl' ihm eine Geschichte. Die Jungens werden nichts sagen. Und du bleibst draußen und verdienst Tabak für uns, bis wir herauskommen.‹

›L. C. Randolph‹, rief der Schreiber. Ich erhob mich. Plötzlich trat eine Pause ein. Der Schreiber flüsterte dem Richter etwas zu, und der Schutzmann grinste. ›Sie sind, soviel ich weiß, Mitarbeiter eines Blattes, Herr Randolph‹, sagte Seine Gnaden honigsüß.

Das kam mir überraschend, denn ich hatte dank den Gemütsbewegungen über die folgenden Ereignisse die ›Kuhglocke‹ ganz vergessen, und jetzt sah ich mich selbst am Rande der Grube stehen, die ich anderen gegraben hatte.

›Das ist richtig was für dich; los!‹ flüsterte Slim ermutigend.

›Es ist aus‹, flüsterte ich ihm stöhnend zu. Aber Slim, der nichts von dem Artikel wußte, verstand kein Wort von der ganzen Geschichte.

›Ja, Euer Gnaden, das ist mein Beruf, wenn ich gerade mal Arbeit habe.‹

›Sie interessieren sich für Lokalangelegenheiten, sehe ich‹, bei diesen Worten breitete Seine Gnaden die Morgenzeitung der ›Kuhglocke‹ vor sich aus und ließ den Blick über eine Spalte schweifen, die ich, wie ich wußte, geschrieben hatte. ›Das Lokalkolorit ist gut,‹ erklärte er und blinzelte anerkennend, ›die Porträts sind vorzüglich, mit breitem Pinsel à la Sargent charakterisiert, aber dieser … dieser Richter, den Sie geschildert haben … Sie zeichnen nach lebenden Modellen, vermute ich.‹

›Selten, Euer Gnaden‹, antwortete ich. ›In diesem Falle habe ich die Züge überall entliehen, Ideale geschildert oder – hm – Typen, wie ich wohl eher sagen sollte.‹

›Aber Sie verstehen Farbe auf Ihre Schilderungen zu legen, mein Herr, wirklich Farbe‹, fuhr er fort.

›Die ist hinterher draufgekleckst‹, erklärte ich.

›Dieser Richter ist also nicht, wie man glauben sollte, nach einem lebenden Modell gezeichnet?‹

›Nein, Euer Gnaden.‹

›So, er ist also nur als Typ justizieller Bosheit aufgefaßt?‹

›Nein, er ist mehr als das, Euer Gnaden‹, sagte ich frech. ›Er ist ein Ideal.‹

›Hinterher mit Lokalkolorit beschmiert? Ha! Ausgezeichnet! Und darf ich so frei sein, zu fragen, wieviel Sie für diese kleine Arbeit erhalten haben?‹

›Dreißig Dollar, Euer Gnaden.‹

›Hm, ausgezeichnet‹, sein Ton wechselte plötzlich. ›Junger Mann, Lokalkolorit ist eine mißliche Sache. Sie haben sich ihrer Anwendung schuldig gemacht, und so verurteile ich Sie zu dreißig Tagen Gefängnis oder, wenn Sie es vorziehen, zu einer Buße von dreißig Dollar.‹

›Ach!‹ antwortete ich, ›die dreißig Dollar habe ich durchgebracht.‹

›Dann bekommen Sie weitere dreißig Tage wegen Vergeudung Ihrer Mittel.‹

›Die nächste Sache!‹ sagte Seine Gnaden zum Schreiber.

Slim war wie vor den Kopf geschlagen. ›He‹, flüsterte er. ›He! Die Bande kriegt zehn Tage, und du kriegst sechzig. He?‹«

Leith nahm ein Streichholz, steckte sich seine ausgegangene Zigarre an und öffnete das Buch, das auf seinen Knien lag. »Um zum Ausgangspunkt unseres Gesprächs zurückzukommen, Anak, finden Sie nicht, daß Loria, obwohl er mit größter Gründlichkeit die Zweiteilung der Einnahmen behandelt, doch einen wichtigen Faktor vergißt, nämlich –«

»Ja«, sagte ich geistesabwesend. »Ja.«


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