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XVI.
Frisco Kid packt aus

Die Unterhaltung schlief wieder ein. Aber noch eine gute Stunde lagen die beiden Jungen auf dem Dach der Kajüte. Dann ging Frisco Kid ohne ein Wort zu sagen nach unten und machte Licht. Joe hörte ihn rumoren, und ein wenig später rief Frisco Kid leise seinen Namen. Als Joe die Kajüte betrat, sah er Frisco Kid auf dem Rand seiner Koje sitzen. Auf den Knien hielt er eine Kramschachtel, wie sie viele Seeleute mit sich führen, und in der Hand ein sorgfältig zusammengefaltetes Blatt aus einer Illustrierten.

»Sieht sie so aus?« fragte er, indem er das Blatt glättete und es dem anderen zum Ansehen reichte.

Es war ein halbseitiges Bild von zwei Mädchen und einem Jungen, die in einem altmodischen, geräumigen Söller zusammen hockten und eine Art Versammlung abhielten. Das Mädchen, das gerade sprach, sah den Betrachter an, während der Junge und das andere Mädchen ihm den Rücken zukehrten. – »Wer?« fragte Joe verblüfft. Er betrachtete das Bild und blickte dann Frisco Kid an.

»Deine – deine Schwester – Bessie.«

Der Name schien nur widerstrebend über Frisco Kids Lippen zu kommen. Er sprach ihn mit scheuer Ehrfurcht aus, als wäre er etwas unsagbar Heiliges.

Joe war einen Augenblick lang sehr verlegen. Er sah absolut keine Ähnlichkeit zwischen den beiden, und außerdem waren Mädchen doch wohl viel zu albern, als daß man überhaupt Zeit auf sie verschwenden sollte. Joe bemerkte, daß Frisco Kids Wangen glühten. – Er wird tatsächlich rot, dachte er. Er hatte gute Lust, laut zu lachen, und konnte sich nur schlecht beherrschen.

»Nicht – bitte nicht!« rief Frisco Kid und riß Joe das Blatt aus der Hand. Mit zitternden Fingern legte er es in die Kramschachtel zurück. Ruhiger fuhr er dann fort: »Ich dachte – daß du – vielleicht würdest du mich verstehen, dachte ich …« Seine Lippen bebten, und ungewohnte Tränen schimmerten in seinen Augen. Hastig wandte er sich ab.

Im nächsten Augenblick saß Joe neben ihm auf der Koje und legte ihm den Arm um die Schultern. Einem ungewöhnlichen Drang nachgebend, hatte er es getan, ohne lange zu überlegen. Vor einer Woche noch hätte er sich unmöglich in eine solch absurde Idee hineindenken können – den Arm um einen Jungen zu legen! Jetzt schien es ihm das Natürlichste von der Welt. Ihm war durchaus nicht alles klar, aber er verstand doch, daß es sich um etwas handeln mußte, das für seinen Kameraden von tiefer Bedeutung war.

»Erzähl doch«, drängte er. »Ich versteh' dich schon!«

»Nein – du verstehst mich nicht. Du kannst mich gar nicht verstehen.«

»Aber natürlich. Bitte, fang an!«

Frisco Kid schluckte und schüttelte den Kopf. »Ich kann es auch gar nicht erzählen. Es ist mehr etwas, das ich fühle, und ich weiß nicht, wie ich es in Worten ausdrücken soll.« Joe klopfte ihm beruhigend auf die Schulter, und Frisco Kid fuhr fort: »Weißt du, ich kenne mich an Land nicht aus – und auch nicht mit Leuten und Dingen an Land. Ich habe niemals Brüder oder Schwestern oder Spielkameraden gehabt. Lange habe ich es nicht gewußt, aber ich war immer einsam. Hier drin fehlte mir immer was.« Er legte die Hand auf die Brust. »Hast du schon einmal richtig Hunger gehabt? Siehst du, genauso ein Gefühl war das. Nur eine andere Art Hunger, und ich wußte nicht, was es war. Aber eines Tages, das ist schon lange her, fiel mir eine Illustrierte in die Finger, und ich sah ein Bild – das Bild mit den beiden Mädchen und dem Jungen, die sich unterhalten. – Wie herrlich wäre es, so zu sein wie diese drei, dachte ich mir. Und ich fing an, mir auszudenken, worüber sie wohl sprachen und was sie wohl machten. Und plötzlich begriff ich, was mit mir los war. Einsam war ich, das war es.

Am meisten jedoch dachte ich über das Mädchen auf dem Bild nach, das einen so geradewegs anschaut. So oft und so lange beschäftigte ich mich in Gedanken mit ihm, daß es allmählich zu einem wirklichen, lebendigen Menschen für mich wurde. Natürlich war es reine Einbildung, und ich wußte das auch. Aber manchmal vergaß ich es. Merkwürdig: wenn ich an Männer dachte und an Arbeit und an das harte Leben, dann wußte ich, daß es nur Einbildung war, daß ich es mir eben nur vorstellte. Aber wenn ich an sie dachte, dann gab es sie tatsächlich. Verstehst du? Ich kann es dir nicht erklären.«

Joe dachte an all die Abenteuer zu Wasser und zu Lande, die er in seiner Phantasie schon bestanden hatte, und nickte. So viel verstand er immerhin.

»Sicher, das war alles sehr blöd. Aber solch ein Mädchen zum Kameraden oder zum Freund zu haben, das stellte ich mir herrlicher vor als alles, was mir jemals begegnet war. Wie gesagt, das ist schon ziemlich lange her. Damals war ich noch klein, so klein, daß Red Nelson mir den Namen gab, der mir immer noch anhängt: das ›Kind aus San Franzisko, Frisco Kid‹. Aber zurück zu dem Mädchen auf dem Bild. Immer wieder habe ich mir das Bild aus der Schachtel geholt und mir das Mädchen angesehen. Etwas Merkwürdiges passierte: Ich schämte mich, es anzusehen, wenn ich irgend etwas ausgefressen hatte. Als ich dann älter wurde, sah ich es mit anderen Augen an. Ich dachte bei mir: Angenommen, dir begegnet eines Tages solch ein Mädchen – was würde es von dir denken? Könnte dieses Mädchen dich gern haben? Könnte es sich mit mir anfreunden? Und da beschloß ich, besser zu werden und etwas aus mir zu machen, damit das Mädchen oder andere Menschen seiner Art sich meiner nicht zu schämen brauchten.

Darum habe ich lesen gelernt, darum bin ich ausgekniffen. Nicky Perrata, ein Griechenjunge, hat mir die Buchstaben beigebracht, und erst als ich lesen konnte, verstand ich, was es mit dem Leben eines Buchtpiraten auf sich hatte. Ich war daran gewöhnt, solange ich zurückdenken konnte, und fast alle Leute, die ich kannte, verdienten sich ihr Brot auf diese Art. Aber dann gingen mir auf einmal die Augen auf, und ich lief weg. Nie wollte ich zu den Piraten zurückkehren. Ich erzähl' dir ein ander Mal davon; und warum ich dann doch wieder zurückgekommen bin.

Sie war ein wirkliches, lebendiges Mädchen für mich, als ich noch klein war. Und sogar jetzt kommt es mir manchmal so vor – so viel habe ich über sie nachgedacht.

Aber nun, da ich dir davon erzähle, wird mir alles klar. Das Mädchen erscheint in neuem Licht: Es ist eine Idee. Es ist meine Vorstellung von einem besseren, anständigeren Leben; von dem Leben, das ich leben möchte. Und wenn ich so leben könnte, dann würde ich auch solche Mädchen und andere Menschen seiner Art kennenlernen – Menschen wie dich, Joe. Darum hab' ich über dich und deine Schwester nachgedacht – einfach nur so nachgedacht. Aber bestimmt kennst du eine ganze Menge solcher Mädchen, oder nicht?«

Joe nickte.

»Erzähl mir von ihnen!« bat Frisco Kid. »Irgendwas!« setzte er rasch hinzu, als der andere ihm einen flüchtigen, unsicheren Blick zuwarf.

»Och, das ist ganz einfach«, begann Joe kühn. Auf seine Art begriff er den Hunger des Gefährten, und es schien ihm ein leichtes, diesen Hunger wenigstens zu einem Teil zu stillen. »Mädchen sind wie – hm – nun ja – sie sind Mädchen – Mädchen, was denn sonst?« Joe brach ab mit dem elenden Gefühl, sich blamiert zu haben.

Frisco Kid saß geduldig da, das Gesicht ganz gespannte Erwartung.

Mit heroischer Anstrengung versuchte Joe sich zu konzentrieren. In seiner Erinnerung tauchten in schneller Folge die Mädchen auf, mit denen er zur Schule gegangen war, dann die Schwestern seiner Freunde und die Freundinnen seiner Schwester: schlanke Mädchen und pummelige, große und kleine, blauäugige und braunäugige; Mädchen mit krausen Haaren, schwarzen Haaren, blonden Haaren – kurz, eine ganze Prozession von Mädchen verschiedenster Art. Aber selbst wenn es sein Leben gegolten hätte, er wäre nicht imstande gewesen, irgend etwas über sie zu erzählen. Schließlich hatte er sich noch nie etwas aus Mädchen gemacht. Warum sollte gerade er von ihnen berichten?

»Alle Mädchen sind gleich«, schloß er verzweifelt. »Sie sind genau wie die, die du kennst, Kid. Bestimmt!«

»Ich kenne überhaupt keine.«

Joe pfiff erstaunt durch die Zähne. »Und du hast auch noch nie eins gekannt?«

»Doch, eins, Carlotta Gispardi. Aber sie konnte mich nicht verstehen, und ich konnte sie nicht verstehen: sie sprach spanisch. Und sie starb. Merkwürdig: Obwohl ich nie Mädchen gekannt habe, weiß ich fast ebensoviel von ihnen wie du.«

»Und ich könnte mehr Abenteuer in aller Welt berichten als du!« gab Joe zurück.

Sie mußten beide lachen. Aber einen Augenblick später verlor sich Joe tief in Gedanken. Sehr plötzlich war ihm aufgegangen, daß er sich bisher wenig dankbar gezeigt hatte für all das Gute in seinem Leben. Das Haus und seine Eltern hatten schon eine größere Bedeutung für ihn gewonnen, und jetzt begann er, auch seiner Schwester und seinen Freunden und Kameraden einen ganz persönlichen Wert beizumessen. Es schien ihm, daß er sie bisher nie richtig eingeschätzt hatte. Aber von nun an – von nun an sollte sich das ändern.

Franzosen-Petes lautes Hallo machte der Unterhaltung ein Ende. Beide rannten an Deck.


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