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Zigeunertreiben

(Aus »Gute Nacht. Hinterlassene Gedichte«)

 

            Mitten im Eichforst,
Am lodernden Feuer,
Tanzt das Zigeunermädchen.
Ihre weißen Zähne lächeln
Im Mondstrahl;
Und in den Augen brennt ihr die Glut.
Sie tanzt den Fandango,
Ziert sich,
Ziert sich nicht;
Die nackten Arme über den Kopf schnellend,
Klirrt sie den Takt
Mit den silberbeschlagenen Kastagnetten.
Und der Fiedler rast mit dem Bogen,
Daß kreischend die Töne entfliehen
Ins Walddunkel.
Grell aufleuchtet das Feuer,
Dann bricht es zusammen.
Aber von frischem geschürt
Wirft es Lichter weit in die Baumschatten,
Auf Farrenkraut und Glockenblumen.
Klagend fällt die Flöte ein;
Aber dazwischen
Kichern die Saiten der Mandoline...
Auslischt der Brand.
Nur noch Mondlicht
Lauscht durch die Blätter;
Still wird's.
Die kleinen Steppenpferde rupfen,
Vom Zügel befreit,
Die feinen Gräser.
Czico, der Knabe,
Hält das Mädchen in seinen Armen;
Um sein braunes Gesicht
Wirrt sich ihr schwarzes Haar.
Er nennt sie:
Mein Ringeltäubchen,
Meine Eidechse,
Meine Goldschlange!
Und erzählt ihr Geschichten,
Märchen aus dem Morgenlande:
Vom König Suleiman.
Erzählt ihr von seinen Kesseln und Fallen,
Und wie er heut morgen
Eine Gans gestohlen habe.
Das alles erzählt er ihr
Lachend,
Und lachend hört sie's.
Und über blinkernde Kieselsteine
Stürzen die Quellen
In die schweigende Sommernacht...

Schon verblassen die Sterne
In den binsenumnickten Moorwassern,
Wo die Wildente schläft.
Durchs Gezweige
Spielen gelbe und rote
Und blaue Frühlichter,
Den Morgen wiegend.
Czico schleicht ans nächste Dorf,
Um wieder eine Gans zu stehlen;
Und stört den Fuchs,
Seinen Kumpan,
Der auf denselben Wegen ist.
Dann wird Tag.
Gähnend stehn die Bauern vor den Türen.
Durch die Heide schleppen sich die Zigeuner,
Braun und ungewaschen,
Braun wie die Heide.
Und über Bauern und Zigeunern
Steigen Lerchen
Singend
In die sonnedurchzitterte Luft.


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