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Die erste Sprosse

Im Hotel Schweizerhof in Luzern wurde »zum Besten der Abgebrannten von Alpnach« ein Fest veranstaltet.

Die Liste der Teilnehmer wanderte von einem Gaste zum andern. Spät erst kam sie zu Merkers.

Das war ein Fressen für Frau Merker, die längst alle Gäste des Hotels auf ihr Einkommen hin geschätzt hatte. Endlich sah man, mit wem man zusammen war. Endlich war der Augenblick da, wo man zeigen konnte, wer man war! Leidenschaftlich griff sie nach der Liste. Zwanzig Franken hatten die meisten gezeichnet und dafür noch die Billetts verlangt, die im Prospekt mit fünf Franken veranschlagt waren. Doch waren der Wohltätigkeit keine Schranken gesetzt. Gottlob! dachte Berta Merker – tauchte voller Kraft den Halter in die Tinte und schrieb: Josef Merker aus Berlin: Zwei Billetts – 200 Franken.

»So, nun platzt!« sagte sie laut und reichte ihrem Mann die Liste: »Da, lies! – eine nette Gesellschaft, in der wir uns bewegen. Im nächsten Sommer gehen wir nach St. Moritz.«

Josef las und schüttelte den Kopf.

»Für wen ist die Sammlung?« fragte er seine Frau.

»Wieso?« erwiderte sie erstaunt, »das ist doch ganz gleich. Steht's denn nicht drauf?«

»Ach so – natürlich! da steht's ja. Ich möchte wissen, ob für uns jemand sammelt, wenn wir ins Unglück geraten.«

»Red' nich so'n Unsinn!« fuhr ihn Berta an. »Wenn das jemand hört. Es ist schon traurig genug, daß kein Mensch etwas von unseren Millionen weiß – wenn du wenigstens Kommerzienrat wärst oder ein paar anständige Orden hättest. Du solltest dich mit diesem Kommerzienrat Bloch anfreunden – der weiß bestimmt, wo so was zu haben ist.«

»Langsam, Kind!« erwiderte Josef: »Wir wollen froh sein, daß wir glücklich soweit sind.«

»Ich denke vorwärts und nicht zurück.«

»Was!« rief Josef. »Du bist ein schlechter Geschäftsmann!«

»Wieso?« fragte Berta.

»Siehst du denn nicht, daß wir die Letzten auf der Liste sind.«

Berta sah ihn erstaunt an.

»Ja, und?« fragte sie.

»Nun, diese Liste geht von hier aus an die Kurbehörde – und kein Mensch erfährt je etwas von diesen zweihundert Frank.«

Berta wurde blaß.

»Nicht zu glauben!« rief sie wütend, »da kannst du wieder sehen, wie man uns behandelt. Schämen muß man sich. Das wäre ein nettes Sündengeld, zweihundert Frank für nichts und wieder nichts aus dem Fenster zu werfen! Nein, mein Lieber!« – Und sie nahm ihm die Liste aus der Hand, tauchte den Halter wieder in die Tinte, machte hinter die zwanzig einen Punkt und fügte hinten eine Null an, so daß anstelle der 200 Frank nun 20.00 Frank stand.

Josef lächelte.

»Ich werde meine Bücher künftig von dir führen lassen,« sagte er.

Aber Berta war mit ihren Gedanken schon wieder ganz wo anders:

»Wenn man nur wüßte, wie man es anfängt!« sagte sie unvermittelt.

»Was?« fragte Josef.

»Daß man mit diesen Blochs bekannt wird.«

»Die Leute wissen eben nicht, wer man ist.«

»Was heißt das?« erwiderte Berta – »Wir haben die teuersten Zimmer im Hotel! Wir trinken jeden Abend Champagner! Ich meine, daraus müßten sie doch sehen, daß wir nicht die ersten besten sind.«

»Se scheinen doch aber nicht zu wollen.«

»Darauf kommt es nicht an.«

»Wieso nicht?«

»Man hat seinen Verkehr nicht zum Vergnügen.«

»Sondern?«

»Um vorwärts zu kommen.«

»Gewiß, aber was können wir den Leuten bieten?«

»Das ist es ja eben!« sagte Berta ganz verzweifelt. »Nichts!« und sah ihren Mann vorwurfsvoll an.

»Wenn diese Unsitte mit den separaten Tischen nicht wäre! Früher placierte einen der Oberkellner für ein paar Silbergroschen wohin man wollte.«

»Ich hab's!« rief Berta plötzlich laut.

»Was ist dir?« fragte er ängstlich.

»Wir werden Blochs kennen lernen!« sagte sie triumphierend. »Und zwar noch heute.«

Dann setzte sie ihren Hut auf und rief Josef, der ihr fast ängstlich nachsah, zu: »In zehn Minuten bin ich zurück.«

Sie stieg eilig die breite Treppe hinunter, überzeugte sich durch einen flüchtigen Blick auf die Hoteltafel, daß Blochs noch immer die Zimmer 47 und 48 bewohnten, und verschwand dann – wie Josef, der auf den Balkon getreten war, deutlich sah – in einem Laden, der neben dem Hotel lag.

Josef zog die Schultern hoch und schüttelte den Kopf. – Er begriff nichts. Aber er beruhigte sich bald. Sie wird schon wissen! sagte er vor sich hin; dann vertiefte er sich wieder in seine Korrespondenz.

Berta aber war möglichst breit in den Laden getreten und hatte mit verblüffender Nonchalance »das teuerste Korsett« verlangt. Sie nahm, da ihre Größe 80 in der teuersten Preislage nicht auf Lager war, Größe 56, – wobei nur auffiel, daß der Chef keine Miene verzog – zahlte und beorderte Korsett mit quittierter Rechnung noch im Laufe des Nachmittags ins Hotel Schweizerhof, Chambre 47 und 48.

Als Blochs am Nachmittag von einer Spazierfahrt zurückkehrten – Berta sah das zufällig von ihrem Balkon aus – fanden sie im Salon ein Paket, dem die quittierte Rechnung beilag.

Die Zofe wußte nur, daß es vor einer Viertelstunde etwa abgegeben war.

»Öffnen Sie!« befahl Frau Bloch.

»Jawohl, gnädige Frau,« und sie entnahm dem Karton ein leichtes, seidenes, spitzenbehängtes Korsett.

»Etwa von dir?« fragte Frau Bloch und sah ihren Mann an.

Bloch lachte.

»Gehen Sie raus!« befahl er dem Mädchen; und als es draußen war, sagte er mit erheblich verändertem Tone:

»Ich habe dich nicht aus Liebe geheiratet.«

»Das hast du mir schon hundertmal erzählt! Ich weiß es! – Aber was hat das mit dem Korsett zu tun?«

»Daß du mich totschlagen kannst, wenn ich in den zweiundzwanzig Jahren unserer Ehe auch nur ein einziges Mal darauf geachtet habe, was für ein Korsett du trägst.«

»Keins wie dies für hundertundfünfundsiebzig Frank,« erwiderte Frau Bloch gekränkt – »darauf kannst du dich verlassen.«

»Also hab' ich doch nichts verloren – was mich aber interessieren würde: wer schickt dir so etwas?«

»Wenn ich eine Ahnung hätte!« sagte Frau Bloch.

»Ich laß mir gefallen, daß man dir Blumen schickt; – wenngleich ich's nicht verstehe; meinetwegen auch Schokolade – zumal Lind. – Korsetts aber verbitt ich mir. Das legt mir die Verpflichtung auf, mich um deine Lebensführung zu kümmern. Dazu aber habe ich weder Lust noch Zeit.«

In diesem Augenblicke klopfte es. Und ehe einer der beiden Blochs noch Herein rufen konnte, stürzte Berta Merker in großer Frisur und Abendtoilette ins Zimmer.

»Verzeihen Sie, verehrte Frau Kommerzienrätin,« wandte sie sich an Frau Bloch und verbeugte sich dann vor ihm – »auch Sie, verehrter Herr Kommerzienrat, bitte ich um Entschuldigung.«

Beide Blochs standen erstaunt, rissen die Münder auf und sahen sich an.

»Eine höchst peinliche Verwechselung führt mich zu Ihnen,« – dann nannte sie ihren Namen – »Sie wissen gar nicht, wie entsetzlich mir dies unglückselige Versehen ist – obgleich es natürlich nicht meine Schuld ist.«

»Aber ich bitt' Sie!« sagte Frau Bloch, »Sie sind ja ganz außer sich – was ist denn geschehen?– so kommen Sie doch erst mal zu sich!« – und sie schob ihr einen Stuhl hin, auf den Berta, noch ehe Frau Bloch »bitte« sagte, niederglitt.

Berta atmete tief auf.

»Gott sei Dank! Jetzt ist mir schon leichter,« sagte sie. »Der Gedanke, Ihnen etwa ein Ärgernis gegeben zu haben, wäre mir schrecklich.«

»Ja, gnädige Frau,« erwiderte Bloch, »Sie müssen uns schon erklären, um was es sich eigentlich handelt.«

Berta sah beide groß an.

»Waas? – Sie wissen gar nicht?«

Da entdeckte sie auf dem Tisch den Karton – und daneben lag ausgebreitet in seiner ganzen Größe, das leichte, spitzenbehängte, seidene Korsett – und zwischen beiden lag die quittierte Rechnung.

»Da!« rief sie entsetzt, richtete sich auf und wies auf den Tisch, um in erheuchelter Scham gleich wieder in sich zusammenzusinken.

»Ach so!« kam es wie eine Erlösung von Blochs Lippen; und seine Frau warf ihm einen spöttischen Blick zu.

Berta hielt sich ihr Spitzentuch vors Gesicht.

»Sie werden begreifen,« sagte sie mit der Scham eines jungen Mädchens – »wie entsetzlich peinlich mir diese Verwechslung ist, – und daß ich es unmöglich einem andern übertragen konnte, den Irrtum richtigzustellen.«

»Aber ich bitt' Sie!« sagte Bloch ermunternd und legte das Korsett ohne viel Umstände in den Karton – »wenn es weiter nichts ist! und bezahlt ist es auch!«

»Aber Julius,« sagte Frau Bloch vorwurfsvoll und wandte sich voll Teilnahme an Berta.

»Ich begreife durchaus, gnädige Frau …«

Aber Bloch war nicht auf diesen Ton gestimmt.

»Ich begreife gar nicht,« unterbrach er seine Frau. »Die Existenz dieses Kleidungsstückes ist uns Männern am Ende ja kein Geheimnis.«

»Dir ja wohl doch!« widersprach seine Frau.

»Ich bitte dich, den speziellen Fall von vorhin nicht zu verallgemeinern,« gab er zur Antwort.

»Wenn ich gewußt hätte, Herrn Kommerzienrat hier zu treffen« – flüsterte Berta – »ich vermutete Sie noch unterwegs.«

»Sehr liebenswürdig!« erwiderte Bloch und lachte. »Jedenfalls haben Sie meiner Frau mit diesem Korsett eine große Augenweide bereitet.«

»Wirklich! Ich habe Ihren Geschmack bewundert,« bestätigte Frau Bloch.

»Ich bin glücklich, Frau Kommerzienrat, wenn es Ihren Beifall hat.«

Dann warf Frau Bloch einen Blick auf Bertas Taille und brachte vor Staunen kein Wort mehr heraus.

Und da auch Berta nichts mehr zu sagen wußte, so stand sie auf, reichte Frau Bloch die Hand und sagte: »Es war mir eine Freude, Sie kennen zu lernen. Ich hoffe, ich werde nun öfter das Vergnügen haben.«

Dann lief sie, den Karton unterm Arm, den langen Hotel-Korridor entlang, in ihr Zimmer, fiel ihrem Mann um den Hals und rief:

»Wir haben sie!«

»Wen?« fragte Josef.

»Blochs!« –

Auf Chambre 47 sagte Kommerzienrat Bloch zu seiner Frau:

»Eins möchte ich bloß wissen, wozu gleich wieder diese Intimität? – Was hat man von den Leuten?«

Frau Bloch stand ganz in Gedanken; sie machte ein ernstes Gesicht und sagte:

»Das muß ich herausbekommen!«

»Was?« fragte er.

»Wie diese Frau mit der Taille es fertig bringt, Größe 56 zu tragen.«

*

Als die Hotelglocke zwei Stunden später zum Diner läutete, wußte es Berta zu richten, daß sie mit ihrem Manne als letzte den Saal betrat. Und obgleich der nächste Weg zu ihrem Tische durch die Mitte führte, wählte sie doch den schmalen Seitengang, um an Blochs vorüber zu müssen, zu denen sie auffällig, daß alle ringsherum es sahen, hinübergrüßte.

Und als sich Blochs gegen Schluß der Tafel erhoben, schoß sie, ohne das Obst abzuwarten, das sie lieber als alles andere aß, so blitzartig in die Höhe, daß sie noch in der Ausgangstür mit ihnen zusammenstieß. Josef folgte mit vollem Munde und schluckte gerade den letzten Happen ungekaut herunter, als Berta ihm mit großer Geste Blochs vorstellte.

Nach wenigen Sekunden saßen sie im Vestibül um einen runden Tisch herum und sagten sich, was sich so Menschen, die nichts voneinander wissen, beim ersten Zusammensein mit vollem Magen zu sagen haben. – Nichts natürlich. Aber eben, um das zu verdecken, reden sie unaufhörlich. Es war daher eine Erlösung für alle, als der junge Baron Selten an den Tisch herantrat und Blochs begrüßte.

Wie peinlich, daß er uns in der Gesellschaft findet! – dachten Blochs, die ihn erst gestern bei einer Motorfahrt kennen gelernt hatten.

Bloch, der nur mit einer kurzen Begrüßung rechnete, vermied zunächst, Baron Selten vorzustellen. Alle fühlten das. Berta zitterten vor Erregung die Beine; Josef zog ostentativ sein Zigarrenetui hervor und entnahm ihm eine Havanna.

Aber der Baron hatte kaum zwei Worte mit Blochs gewechselt, als er sich mit einer vollendeten Wendung auf dem linken Absatz zu Berta wandte und mit einer kurzen Verbeugung »Selten« sagte.

Emilie, der in nervöser Erwartung dieses Augenblickes Sekunden zu Minuten wurden, schnellte mit dem Oberkörper so weit nach vorn, daß ihr Gesicht beinahe auf die Tischplatte stieß.

»Meine Frau!« erwiderte Josef sehr ungeschickt; sprang auf, verbeugte sich und sagte:

»Mein Name ist Josef Merker aus Berlin.«

»Sehr angenehm!« erwiderte Selten und drückte ihm die Hand.

Und zum Überflusse erhob sich nun auch Bloch und wiederholte – was seine Frau sehr taktvoll fand – die Vorstellung.

»Herr Baron von Selten,« sagte er laut und unterstrich es mit einer Handbewegung, die seine Frau durch ein Nicken des Kopfes begleitete. Dann sagte er leise: »Herr und Frau Merker –« und saß auch schon wieder, kaum, daß er es ausgesprochen hatte.

»Sie gestatten, daß ich mich zu Ihnen setze?« fragte Baron Selten, und setzte sich zwischen Bloch und Merker; ihm gegenüber die beiden Damen, die zunächst unruhig hin und her rückten, sehr gegen ihren Willen mit den Füßen aneinander stießen und nicht recht wußten, wo sie hinsehen und ihre Arme lassen sollten.

»Wir werden also«, begann Selten, »nach dem Konzert ein großes Fest in den Anlagen veranstalten, mit Tanzplatz, Sektpavillon, Schieß- und Würfelbuden. Ich hoffe« – wandte er sich an die beiden Damen, – »Sie schließen sich uns an.«

»Mit Vergnügen!« gaben sie zur Antwort; machten dabei aber so erstaunte Gesichter, daß er hinzufügte:

»Es handelt sich um das Wohltätigkeitsfest – Sie wissen ja …«

»Ah so!« sagte Frau Bloch, während die schlauere Berta, obschon sie durchaus nicht wußte, wovon er sprach, »natürlich!« sagte.

»Wir können mit Sicherheit auf eine große Beteiligung rechnen. Ich habe eben die Liste eingesehen – allein die Gäste unseres Hotels haben über zweitausend Frank gezeichnet – manche, wie ein Großindustrieller vom Rhein, allein 100 Franken.«

Josef traf ein wütender Blick Bertas. Hätten sie die zweihundert Frank gezeichnet! Wie ständen sie jetzt da! Solche Chance kehrte nie wieder.

»Ich habe die Liste auch meiner Tante, der Prinzessin Luise von Schönborn, vorgelegt.«

»Nein!« schrie jetzt Berta – sie schrie immer, wenn sie erregt war.

Alles sah auf.

Sie hielt sich die Hand vors Gesicht und sank zusammen.

»Es geht vorüber,« sagte Josef und hielt ihr ein Fläschchen, das Frau Bloch aus ihrer goldenen Tasche nahm und ihm über den Tisch reichte, unter die Nase. Oder er tat doch so; denn als er sich besorgt zu ihr herabbeugte, hielt sie den Atem an und flüsterte wütend:

»Schlemiehl, du!«

»Also wie gesagt« – fuhr Baron Selten, nachdem sich Berta wieder aufgerichtet hatte, fort – »meine Tante, die Prinzessin Schönborn, ist bereit, das Protektorat über das Fest zu übernehmen; vorausgesetzt, daß es mir gelingt, eine genügende Zahl würdiger Komiteedamen zusammenzubringen.«

»Das müßte doch leicht sein,« meinte Berta.

»Ich habe bisher meine Kusine, die junge Komtesse Rödern, die Gräfin Harisch und die Baronin Globig für den guten Zweck gewonnen. Die Damen wohnen sämtlich im Palace. Sie sind, wie auch meine Tante, die Prinzessin, äußerst exklusiv. Ich kann ihnen daher nicht die erste beste Partnerin zur Seite stellen.«

»Wem sagen Sie das?« erwiderte Josef.

»Ich dachte daher,« fuhr Selten fort – »ob vielleicht Sie, meine Damen, Lust hätten, mit der Komtesse Rödern, der Baronin Globig und der Gräfin Harisch zusammen den Sektpavillon und die Schieß- und Würfelbude zu übernehmen.«

Pause.

Berta, der alles, was sie in dieser halben Stunde erlebte, wie ein Wunder aus Tausendundeiner Nacht erschien, spielte ihre Rolle wie eine schlechte Debütantin.

»Das ist doch nicht Ihr Ernst?« fragte sie nach einer Weile und bebte am ganzen Körper.

»Mir wird es ein Vergnügen und eine Ehre sein!« suchte Frau Bloch, die auf der gesellschaftlichen Stufenleiter schon ein paar Sprossen höher geklettert war, die Situation zu retten, und rückte merklich von Berta ab.

»Mir auch!« flüsterte Emilie, die in ihrer Erregung gar nicht merkte, wie schlecht sie abschnitt.

»Darf ich das als abgemacht ansehen?«

»Gewiß! Gewiß!« versicherte Berta leidenschaftlich und Frau Kommerzienrat Bloch sagte:

»Für meine Person ja!«

»Ich sehe es immer gern, wenn meine Frau sich in den Dienst der Wohltätigkeit stellt,« sagte Bloch.

Und Josef meinte:

»Warum nich? Das kann ja ganz vergnügt werden.«

»Das wird es bestimmt!« versicherte Selten. »Ich halte die Zusammensetzung des Komitees für äußerst glücklich. Drei Damen aus dem hohen Adel und zwei aus der Haute Finance.«

Berta fühlte jetzt allen Ernstes einen leichten Schwindel, und Josef verbarg seine ungepflegten Hände unter dem Tisch.

Bloch beugte sich zu Josef und flüsterte ihm etwas zu.

»Selbstredend!« erwiderte Josef; »Sie werden ja beobachtet haben, daß wir alle Abend …«

»Was is?« fragte Berta laut; aber Bloch und Josef winkten ab.

Bloch rief den Kellner und bestellte eine Flasche White Star.

»Zwei!« verbesserte Josef.

»Wann wird das Komitee zusammentreten?« fragte Frau Bloch.

»Ich hoffe, es wird sich Ihrer Bequemlichkeit wegen alles durch meine Vermittelung erledigen lassen,« erwiderte Selten.

»Mir machen die paar Schritt zum Palace nichts aus,« erwiderte Frau Bloch.

»Und ich würde, um die Bekanntschaft einer Prinzessin zu machen, auch den weitesten Weg nicht scheuen,« sagte Berta. »Man weiß ja so nicht, was man hier mit all seiner freien Zeit anfangen soll.«

Ich dachte, daß eine der Damen« – und er wandte sich an Berta – »vielleicht die Anschaffungen für die Würfelbude, die andere« – und er wandte sich an Frau Kommerzienrat Bloch – »die Anschaffungen für den Sektpavillon übernimmt oder umgekehrt. Das Komitee würde Ihnen in der Auswahl natürlich die weitgehendste Freiheit lassen.«

»Und die Gräfin Harisch und die Baronin Globig?« – fragte Bloch – »wie betätigen die ihren Wohltätigkeitsdrang?«

»Sie wissen, Herr Kommerzienrat, wie unpraktisch man in unseren Kreisen in solchen Dingen ist. Darum bin ich ja gerade für engeren Zusammenschluß des Adels mit der Haute Finance. Eins könnte vom andern lernen. Und ich denke bestimmt, daß durch dies Wohltätigkeitsfest der erste Schritt dazu getan wird. Daß man später dann die langen Abende abwechselnd hier und im Palace zusammen verbringt!«

»Das wäre himmlisch!« schrie Berta; und Josef rief:

»Eine großartige Erfindung, diese Wohltätigkeitsfeste!«

»Man sieht. Sie haben ein gutes Herz!« spottete Bloch.

»Mein Gott, man tut eben, was man kann. Schließlich ist man doch an dem Unglück nicht schuld.«

»Aber entsetzlich bleibt es darum doch!« konstatierte Selten.

»Was denn für ein Unglück?« fragte Berta.

»Na, Sie wissen doch,« sagte Bloch.

»Ich habe keine Ahnung!« erwiderte Berta.

»Na diese Brandgeschichte.«

Da machte Berta ein ganz verzweifeltes Gesicht und sagte: »Das ist ja furchtbar! Eine Brandgeschichte?«

»Das Herz steht einem still!« sagte Bloch und rauchte sich eine neue Havanna an.

*

In dieser Nacht schloß Berta kein Auge. Völlig benommen hing sie in Josefs Arm, als man sich gegen ein Uhr in heiterster Champagnerlaune gute Nacht sagte.

»Ist dir auch so leicht?« fragte sie, als sie die Treppe zu ihrem Zimmer hinaufstiegen.

»Tritt fester auf!« erwiderte Josef, »du schwebst ja.«

»So ist mir auch!« sagte sie freudig; – »als wenn mich jemand sanft emporhöbe.«

»Runterfallen wirst du,« gab er zur Antwort.

Aber Berta strahlte.

»Nun nicht mehr!« rief sie und schüttelte den Kopf. »Von heute ab können wir nur noch emporsteigen!«

»Was soll das heißen?« fragte er sie.

»Daß die Stunde unseres Aufstiegs gekommen ist!«

Josef sah sie an.

»Was soll der Pathos?« fragte er erstaunt. »Du bist auf der Hoteltreppe und nicht im Tempel.«

»Laß nur!« wehrte Berta ab; »ich weiß schon, wo ich bin!«

Er schloß die Türe auf, und sie traten in den Salon.

Die Komiteedame ist ihr in den Kopf gestiegen, dachte er.

»Komm! kühl dich ab!« rief er ihr zu und trat auf den Balkon.

»Nich für 'ne Million!« wehrte sie.

»Was heißt das? Du schnappst doch sonst alle Abend vor dem Schlafengehen frische Luft! weshalb denn heute nicht?«

»Ja, glaubst du denn, ich will mir eine Erkältung holen – jetzt drei Tage vor dem Fest?«

»Was ist das bloß?« fragte Josef laut und schnüffelte in den Park hinaus.

Berta stand auf und trat an das Fenster. Sie spürte sofort einen brenzlichen Geruch in der Nase.

»Großer Gott!« rief sie; – »es brennt!«

»Unsinn!« erwiderte Josef; – »Ich weiß schon. Da!« – und er wies auf einen hellen Streifen am Himmel – »das kommt von drüben her, von der Unglücksstätte.«

»Kann das bis zu uns herüberschlagen?« fragte sie ängstlich.

Josef zog die Schultern in die Höhe:

»Warum nich?« sagte er. »Möglich is alles!«

»Um Himmels willen!« schrie Berta.

»So schnell geht das nicht! Bis es durch die Wälder zu uns kommt, sind wir längst mit unseren Sachen über alle Berge.«

»Aber das Fest! was wird aus dem Fest?« jammerte sie; »wenn dieser Ort morgen womöglich in Flammen steht? – Josef, das darf nicht! Unter keinen Umständen darf das geschehen!«

»Es läßt schon nach,« beruhigte sie Josef.

Sie warf sich einen Schal über und trat zu ihm hinaus.

»Gott sei Dank!« atmete sie auf. »Du hast recht!«

Dann gingen sie beide wieder ins Zimmer. Josef schloß Fenster und Türen und zog die Gardinen vor.

»Das letztemal, daß wir ohne Zofe reisen!« sagte Berta und kehrte ihrem Mann den Rücken. »Ich kann es gar nicht sehen, wie du dich quälst!«

Josef, der über so viel Teilnahme überrascht war, ging vom Fenster aus ohne Aufforderung auf Berta zu, stellte sich hinter sie und öffnete ihr die Taille.

»Von morgen ab macht das eine Zofe!« sagte sie.

»Mir wird etwas fehlen, wenn das nach einundzwanzig Jahren ein andrer macht!« erwiderte Josef.

»Ich habe es immer als unpassend empfunden,« sagte sie und streifte ihre Ringe von den Fingern. Dann half er ihr aus der Taille; hakte den Kleiderrock auf, der zur Erde glitt, öffnete die Korsettbänder und faßte mit den Fingern hindurch, um sie zu lockern. Berta hakte vorn auf – und fiel auseinander, verdreifacht in ihrem Umfang.

Das war ihm eine liebe Gewohnheit, die er nur ungern mißte. Denn er wußte, daß kein pharmazeutisches Mittel so sicher wie dieser Anblick seine von den Geschäften und schweren Zigarren gereizten Nerven allabendlich beruhigte.

Berta hatte inzwischen alles abgelegt, womit sie ihre Mitmenschen über die Rücksichtslosigkeit hinwegzutäuschen suchte, mit der die Natur bei ihr verfahren war. Sie stand jetzt stolz vor ihrem Manne, der gerade auf dem Bettrand saß und sich aus seinem Oberhemd mühte.

»Na, Josef, was sagst du zu mir?« fragte sie ihn.

Josef, dessen Kopf noch im Hemde steckte und dessen Arme wie zwei Stöcke in die Höhe ragten, sah wie eine Vogelscheuche aus.

»Feine Leute, diese Blochs!« keuchte er unter dem Hemde hervor.

»Und der Prinz?« fragte Berta.

»Was für 'n Prinz?«

»Nun der Selten.«

»Das is doch kein Prinz,« erwiderte Josef, und zog sich sein Nachthemd über – »Baron meinst du.«

»Du bleibst doch ewig ein Flaumacher!« schalt Berta; – »was das nu schon groß für 'n Unterschied ist!«

»Immerhin …« sagte Josef, kroch in sein Bett, brabbelte etwas Unverständliches und schlief ein.

Berta aber hörte nichts mehr. Sie zog aus der Kommode ein reines Spitzenhemd hervor, schlüpfte hinein, nahm vom Toilettentisch ein Flakon und spritzte auf Hemd und Hände ein paar Tropfen. Trat vor den Spiegel, beugte die Knie und übte sich wohl zehn Minuten lang in den Verbeugungen, die sie von Abbildungen der Hoffeste her kannte.

Dann stieg sie ins Bett, knipste das Licht aus – und träumte in tiefen Schlummer hinüber: jung und schön war sie – Prinzen und Könige kamen – von weit her – legten ihr allen Schmuck der Welt zu Füßen – gaben ihr glänzende Feste – und sie thronte, mit Edelsteinen besät, über allen. –

»Deck dich zu!« flüsterte Josef, der wach lag und gerade die Kosten für den Sektpavillon berechnete – »du wirst dich erkälten!«

In Schweiß gebadet richtete sich Berta auf.

»Denk an das Fest!« erinnerte er.

»Ja … mein … Prinz!« sagte sie ganz benommen, zog die Decke hoch und träumte weiter.

 


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