Gustav Landauer
Arnold Himmelheber
Gustav Landauer

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Nachspiel

Sechstes Kapitel

Es war einige Monate später, da saßen an einem warmen Juniabend, der Tag lag nur noch auf den Gipfeln der Berge, auf der Gartenterrasse am Hause Arnold Himmelhebers zwei Frauen, die eine üppig und voll, die andere zart und schlank. Zwischen ihnen brütete schwüle Stille. Endlich begann die eine, wie um nur dem Schweigen und dem ewigen Gezirpe der Grillen ein Ende zu machen.

»Sie heißen Lysa?«

»Nicht doch, nicht doch. Nur mein Vater nennt mich so und Herr Ludwig.«

»Ja ja, ich weiß. Er hat mir's erzählt. – Ist's denn immer noch nicht zu Ende? Es ist entsetzlich, dieses endlose Warten aufs Gleichgültige.«

Lysa schwieg, als wolle sie nicht durch die kleinste Antwort ein Vertrauen verlangen, das jene ihr vielleicht nicht schenkte.

Die andere stöhnte laut auf und blickte unruhig nach einem Fenster in den oberen Räumen des Hauses, aus dem unangenehm greller Lichtschein herausdrang.

»Immer noch nicht, immer noch nicht. Wie lange sind sie nun schon oben?«

»Eine halbe Stunde vielleicht.«

Wieder trat Schweigen zwischen sie. Es war allmählich fast völlig dunkel geworden. Nichts als das gelbe, stechende Licht des Fensters oben. Ab und zu sah man hinter den Gardinen undeutlich eine weiße Gestalt.

»Lysa,« fing die Frau endlich zaghaft wieder zu sprechen an, »Sie wissen natürlich alles. Sie zürnen mir wohl?«

»Ich? Wahrlich nicht. Ja, ich weiß. Vater hat mir's gesagt. Es ist so wunderlich.«

»Was soll ich nun wünschen?« flüsterte die Frau fast keuchend – »Sein Leben?... natürlich, sein Leben. Hundertmal, tausendmal hab' ich ihm alles, alles gewünscht – alles! Und nun? Oh, wir Erbärmlichen –«

Da öffnete sich rasch die Türe. Arnold Himmelheber trat hastig heraus, in der einen Hand eine hohe brennende Lampe, in der andern ein zusammengefaltetes Stück Papier haltend – Er war mit einer langen weißen Schürze bekleidet, auf er kleine rote Spritzerchen zu sehen waren.

»Bitte, Lysa, trag' doch rasch den Zettel zum Amt. Die Adresse steht drauf.«

Lysa ging. Die andere brachte kein Wort heraus. Sie war beim plötzlichen Erscheinen des alten Arztes totenblaß geworden. Nun saß sie mit halbgeöffnetem Mund und großen, brennenden Augen da.

Arnold Himmelheber, der nur mühsam eine starke Erregtheit verhielt, brach endlich das Schweigen.

»Sie fragen ja gar nichts, Frau Judith?«

»Was soll ich auch fragen? ja, ja, das weiß ich wohl vorher. Es war ja nur eine Kleinigkeit. Zehn, zwölf Tage gute Pflege, dann ist alles vorbei. Nichts vorbei. Alles beim alten.«

»Dann lassen Sie mich wohl einmal fragen. Wie kam der Mann denn zu der Verletzung?«

Frau Judith Tilsiter lächelte höhnisch. Dann sagte sie hart:

»Er ist gefallen.«

»Gefallen. So. Wohl ein Rad am Wagen gebrochen? Oder der Gaul durchgegangen?«

Immer im selben bösen, trockenen Ton erwiderte die Frau:

»Nein, nicht auf der Straße. Nachts aus dem Bett ist er gefallen.«

»So? Aber wie kann denn ein Mann, selbst wenn er total betrunken ist, so unglücklich aus seinem Bette fallen.«

Da sprang Judith rasch und heftig auf und rief mit schneidender Stimme:

»Nicht aus seinem. Aus meinem Bett ist er gefallen. Sie wissen alles, ich weiß es. Nun denn, er kam zum hundertsten Mal an. Ich bat, ich flehte, ich weinte. Ich kniete, ich schrie, ich tobte. Er wollte sein Recht. Wild war er und trunken. Er würgte mich, er schlug mich, er liebkoste mich. Da, Herr Himmelheber, eine Kraft, eine Wildheit kam da über mich, ich war nicht mehr, was ich war. Ich nahm ihn, ich schüttelte ihn, ich hob ihn, ich stand im Bett. Ich weiß nicht, ob ich ihn hinschmiß oder nur fallen ließ. Er gab keinen Laut. Aber er ließ mich in Ruhe. Und nun – werter, teurer Herr Doktor, es ist ja zum Totlachen, nun ist er wieder gesund. Ich hab's mit der Angst bekommen, daß er ja nicht stirbt. Sie und Ludwig haben ihn wieder zurecht geflickt. Wenn er auch jetzt ein bißchen ein Krüppel ist. Er ist immer mein Mann, mein Mann!«

»So – so. Da ist es wohl auch wahr, was mir Ludwig vorhin erzählen mußte, daß er Sie in letzter Zeit, nach jenen Andeutungen, die Sie ihm machten, mehr als einmal mißhandelt hat?«

»Ja,« flüsterte Judith.

»Es stimmt wohl auch, daß er höhnisch lachte, als Sie von Trennung sprachen? – Daß er meinte, es falle ihm gar nicht ein zu klagen, und Sie hätten keinen genügenden Grund? – Und wenn Sie ihm davonliefen, dann klage er vielleicht, aber dann lasse er sich vom Gericht, wenn der Bankert erst da sei, das Kind zusprechen?«

»Ja, es ist wahr! Mein und Ludwigs Kind!«

»Hat er nicht auch erklärt, er sei beim Advokat gewesen? Der habe ihm versichert, er werde von den Richtern trotz alledem als Vater des Kindes, das kommen soll, anerkannt werden?«

»Ja, ja, ja! Aber warum peinigen Sie mich?«

»Doch, doch – noch eine Frage. Hat er Sie nicht jüngst nachts im Schlaf überfallen und –«

Judith fuhr heftig auf und blickte ihn wie wahnsinnig an.

» Woher wissen Sie? Nicht einmal Ludwig – entsetzlich –«

Da richtete sich Himmelheber wie ein Gewaltiger in die Höhe und schüttelte mit einer Wucht, als gelte es ein Zermalmen, die Fäuste gen Himmel.

»Er hat gesprochen, der Elende, er hat gestanden. In der Narkose, im Traum –«

Wild unterbrach ihn Judith:

»Und Ludwig? Er hat das gehört? Und er – er konnte da noch – als Arzt – –«

Sie lachte wild auf.

Der Alte schwieg. Er preßte die Lippen zusammen und sah ihr mit einer Bestimmtheit in die flackernden Augen, vor der sie zusammenschrak. Dann sagte, er langsam, jede Silbe betonend:

»Nun denn, Frau Tilsiter, hören Sie. Reden ist leicht, Vernehmen nicht so ganz. Hören Sie, aber bleiben Sie ruhig. Sie irren sich, haben Sie verstanden, Sie irren sich! Von einer Herstellung ist keine Rede. Der Mann ist tot.«

Die Frau sah ihn nur an, mit irrem Zweifel.

»Er muß sterben. Aber Sie sagten doch – –«

»Ach, was sag' ich nicht alles! Begreifen Sie aber nun endlich! Ich hab' nichts vom Sterbenmüssen gesagt. Er ist tot, haben Sie gehört? Da oben, wo vorhin das Licht war, liegt jetzt eine Leiche. Und ein Lebendiger sitzt daneben und stützt den Kopf auf und weiß nicht wohin.«

Frau Judith war auf den Stuhl zurückgesunken. Sie flüsterte:

»Ist es denn möglich, so schnell? Ist es denn möglich?«

Der Alte sah prüfend auf die zusammengeknickte Frauengestalt, dann sagte er mit einem Ton, der einen ganz leisen, kaum hörbaren Spott in sich barg:

»Es muß wohl möglich sein. Manchmal geht es unglaublich schnell. Sehen Sie da den Mondschein im grünen Laub? Wie ein Mondenstrahl ist Wolf Tilsiter uns fortgehuscht. Er hat einen sanften Tod gehabt. Ein süßer Duft hat ihn umfangen, und da war er weg. Er ist mir im Chloroformschlaf geblieben.«

Judith sah fragend, als käme ihr ein fernes Verstehen, zu ihm auf. Der Arzt nickte freundlich bestätigend:

»Ja ja, in der Narkose ist er gestorben. Hätt' sich's bei Lebzeiten nicht träumen lassen, der Wolf Tilsiter selig, daß er sich im Tod um die Wissenschaft verdient macht. Die ganze Statistik hat er über den Haufen geworfen. Hab's auch gleich gemeldet, wie's Vorschrift ist.«

Judith wiegte wie in tiefsten Gedanken den Kopf.

Himmelheber fuhr fort, als spräche er nur mit sich selbst:

»Was kann man da machen? Kein Mensch hätt's geglaubt. Eine Lunge hatte er wie ein Ochse. Und ein urgesundes Herz. Ist ganz unberechenbar. Hol' mich der Teufel, wer soll wissen, wie so was möglich ist? Verstehen Sie's? Wir Ärzte haben keine Ahnung davon.«

Er schaute lange mit mildem Blick auf die erschreckend blasse Frau, die nur immer sann und sann. Dann rückte er die Lampe etwas zur Seite, beugte sich über den Tisch vor und legte ihr langsam die Hand auf die Schulter.

»Sie brauchen keine Angst vor sich selber zu haben, liebe Frau. Ja, ja, erschrecken Sie nur nicht, wir von der Sorte, wir kennen einander. Ich kenne auch Ihre Abgründe. Der erste Schreck ist beinahe vorbei, und nun ist ganz da unten etwas aufgewacht und arbeitet mit Händen und Füßen und will laut schreien vor Freude und Entzücken. Schreien lassen brauchen Sie's nicht, ist ja nicht nötig und schickt sich auch nicht. Aber ersticken müssen Sie's auch nicht. Ganz stille, nur stille, es wächst und wächst, und im Kämmerlein, wenn Sie allein sind da sinken Sie dann in die Knie vor dem Namenlosen: Unaussprechlichen, Unglaublichen und stammeln: Ich danke dir aus meinem tiefsten Grunde, du herrlicher, erlösender Zufall! Zum Teufel, warum sollen wir lügen? Wir!«

»Ist es denn wirklich wahr? Ist er tot?«

»Ganz gewiß, er ist tot, mausetot. Gleich werden die Leichenbeschauer kommen und werden's zu Protokoll nehmen. Morgen Abend steht's im Blatt.«

»Und – Ludwig?«

»Ludwig sitzt und ist sehr erschrocken. Er war ganz bei der Sache. Keine Spur von lästerlichen Nebengedanken. Ein wunderbarer Pflichtmensch. Und ich – ich hab' halt getan, was ich konnte. Ich hab' chloroformiert, und da ist er eben gestorben. Vor zwanzig Jahren ist mir's schon einmal passiert. – –Übrigens: einmal stirbt jeder. Die Welt muß sehen, wie sie ohne Wolf Tilsiter fertig wird.«

Lysa kam jetzt zurück, mehr als bestürzt über den Vorfall, über den sie auf dem Amt aufgeklärt worden war. Kaum brachte sie die Botschaft heraus, die Herren könnten erst morgen kommen, da sie den Johanniszug mitmachten.

Himmelheber trat auf seine Tochter zu, die beide Hände auf die Brust drückte, als ob sie ihr Herz halten wollte, und mit verzweifeltem Blick zu ihm aufsah, während sie sprach:

»Vater, Vater, geliebter Vater! Was hast du getan?«

Arnold antwortete ihr nicht; er bohrte sein Auge in das ihre. Dann trat er rasch zurück. In seinem weißen Gewand und in dem seltsamen Licht von der Lampe und dem Mond, wie er sich nun leicht auf den Tisch stützte und wie mahnend die Hand erhob, sah er fast aus wie ein Hohepriester am Altar.

»Lysa, wir haben heut' Johanni, das brünstige Sommerfest. Du weißt alles, du stiehlst mir die Wahrheit aus meinem Innersten. Ich will mich nicht bergen. Weißt, du noch, meine Lysa, als damals unser Freund zu uns heimkehrte, als unsere Gläser zusammenklangen, was du da sagtest? Sie lebe! hast du leise geflüstert. Nun denn, sie soll leben, die Liebe soll leben! – Nicht nur die deine. Da sind noch andere. Sie kann jetzt leben, die ihre. Der fremde Mann ist tot.«

Sie wollte reden. Aber er winkte ihr heftig ab und mit eisig kaltem Klang in der Stimme fügte er hinzu:

»Wir sterben alle. Er hat kaum gelebt. Tausend Schmerzen hat er erzeugt. Er war ein Schmutzfink. Ihm ist kein Unrecht geschehen, bis zuletzt; ihm hat keiner weh getan. Er war überflüssig. Er hat sich gedrückt.«

Lysa sah eine Weile stumm ins Leere. Dann trat sie rasch zu Judith und drückte ihr die Hand. Ohne ein weiteres Wort ging sie darauf ins Haus zurück.

Arnold Himmelheber folgte ihr, nachdem er Frau Judith versprochen hatte, oben nach dem Rechten zu sehen. Sie brauche sich um nichts zu kümmern.

Die einsame Frau erhob sich schwerfällig; ihre Glieder schmerzten sie. Mit langsamen Schritten stieg sie zum Garten hinab und lehnte sich an den Stamm einer Kastanie. Sie dachte nicht, sie träumte nicht, kaum empfand sie ihr eigenes Dasein. Sie schloß die Augen.

Plötzlich wurde sie von schmetternder Musik von der Straße her erweckt. Der Johanniszug ging draußen vorbei. Entsetzlich falsch suchte die Stadtkapelle einen Marsch nach der Melodie »Tochter Zions, freue dich« zu blasen. Dazwischen vernahm man das Geräusch vieler Tritte, Lachen und Schwatzen.

Judith umfaßte den Baum mit beiden Armen und schluchzte laut auf; aber sie fand kein erleichterndes Weinen. In ihrem Ohr summte und dröhnte es: jauchze laut, Jerusalem!

»Nein, nein, nein!« rief sie laut, um das fröhliche Surren zu übertönen. Da hörte sie hellen, harmonischen Gesang. Männer, Frauen und Kinder hatten dicht vor dem Garten halt gemacht und stimmten das Johannislied an:

»Johannisnacht, Johannisnacht,
Es glänzet die funkelnde Sternenpracht,
Wir ziehen hinaus zum Werke.
Hinaus ins Feld, wo der Mondschein lacht,
Laßt flammen die Feuer der Berge.
Freinacht, Johannisnacht,
Die Geister sind alle ledig gemacht,
Was sündig ist scheut ihre Stärke.
Raus aus dem Haus,
Du Gespenstergraus,
Hinaus, hinaus!
Vertreibt sie mit brennendem Werge,
Wir ziehn auf die Berge, die Berge!«

Noch während des Gesanges hatte sich Frau Judith Tilsiter hoch aufgerichtet.

»Ich scheue ihn nicht,« murmelte sie vor sich hin, »kommt ihr alle an, ihr toten Gestalten, ich will mich nicht fürchten. Ich hab' ihn im Leben gehaßt, ich will ihn im Tod nicht lieben!«

Sie öffnete eine Türe. Es war alles dunkel. Aus der Mitte des Zimmers schimmerte es weißlich.

»Bist du hier, Ludwig?« rief sie in die Dunkelheit hinein.

» Judith!« antwortete ihr Ludwigs Stimme, »nicht hierher, geh! Ich werde kommen!«

Sie fühlte, wie ein Arm sich um ihren Leib legte, und sah jetzt undeutlich verschwommen die Gestalt ihres Freundes.

»Ich bin jetzt gefaßt,« erwiderte sie. »Gerade hier will ich zu dir sprechen. Ich hätt' ihn nie fürchten sollen, der da liegt. Ich will dir hier sagen: ich hab' dich lieb, du sollst mein Glück sein, Ludwig!«

»Judith, glaube mir, es ist nicht meine Schuld. Aber ich schäme mich so furchtbar. Es lastet auf mir: ich hab' es so oft, so unsagbar oft gewünscht, was jetzt geschehen ist!«

Judith entgegnete mit gedämpfter Stimme:

»Ich auch, ich auch. Er war schon tot unter euren Händen, da hab ich es noch gewollt.«

»Glaubst du,« fragte Ludwig flüsternd, »daß Gedanken töten können? Glaubst du daran, daß der Wille das Haupt eines Menschen verlassen kann und andrer Hände und Taten lenkt? Judith, Judith! es gibt so vieles Dunkle, Schwere, Drückende! Wenn wir einen bösen Geist in unserem Haupte wohnen hätten, der zur Tat schritt, weil er in unserm Dienst stand, wenn wir ihn gemordet hätten?«

»Ludwig, Ludwig!« erwiderte Judith flehend, »du bist ganz verstört! Wenn wir's getan hätten, wenn wir über seinen Leichnam den Weg zum Glück gegangen wären, fürwahr, es wäre nur Menschenfurcht, was ich kennte. Ludwig, ich frage dich hier bei meinem toten Gemahl, der dort aus der Finsternis leuchtet, willst du der Meine sein?«

»Laß uns heraustreten aus diesem Gemach. Laß den Toten. Laß auch das Unfaßbare. Und wenn du es hören willst: Bei dem Kinde, das du unterm Herzen trägst und das nicht dieser Tote gezeugt hat, bin ich dein, Judith!«

Sie wollten eben den Raum verlassen, als Arnold Himmelheber mit einem Licht hereintrat. Er blickte ernst auf die beiden, die aneinandergelehnt standen und in den Hintergrund, wo der Leichnam, mit einem Laken bedeckt, noch auf dem Operationstisch lag. Dann sprach er mit einer Stimme, die in dem weiten leeren Raum laut dröhnte:

»Der Mann da hinten war nur ein häßlicher Kerl, der mehr vom Vieh wußte als vom Menschen. Aber wenn er könnte, jetzt würde er drohend den Arm erheben und denen fluchen, die an seiner Leiche sich zusammengetan haben. Ich, der ich ihn getötet habe, ich sage: Amen, Amen, Amen, so soll es sein. Ich segne euch!«

Und damit drückte er Ludwig die Hand und gab Judith einen Kuß auf die Stirne.

»So will ich denn auch noch das Letzte tun,« flüsterte sie und trat an den Tisch. Einen Augenblick schauderte sie, dann schlug sie rasch das Laken zurück.

Da lag der nackte, blutleere Körper Wolf Tilsiters. Die Augen waren geschlossen. Das Gesicht hatte einen Ausdruck der Müdigkeit und Erdenferne, den der Lebende nie gekannt. Es war lange still im Gemach, Das Gefühl der menschlichen Hinfälligkeit hielt die Überlebenden im Bann. Judith konnte jetzt weinen; ein paar warme Tränen tropften ihr aus den Augen. Dann sprach sie still.

»Und erlöse uns von allem Übel. Da liegt ein Stück Vergangenheit. Auch du warst schuldlos, Wolf. Ruh' aus von deinem Handel und Wandel. Ich fühle den Haß jetzt nicht mehr. Ruh' aus und verwandle dich.«

Plötzlich zuckten die drei Menschen, die ernst und fest auf den toten Körper geblickt hatten, vor einer seltsamen Erscheinung zusammen. Es war, als ob ein starker roter Schein aus dem Innern des Leichnams dränge; das Antlitz des Toten erschimmerte schreckhaft, als ob es von zorniger Glut erfüllt zum Leben zurückkehrte. Das ganze Zimmer war von dem Schein erhellt.

Einen Moment lang verharrten die drei in atemloser Spannung; dann aber drehte sich der alte Himmelheber um und blickte zum Fenster. Jetzt klang sein erlösendes Lachen durch das Gemach.

»Dummköpfe und Schwächlinge, die wir sind,« sprach er zürnend, »das Johannisfeuer flammt von den Bergen.«

Judith und Ludwig atmeten auf. Überall auf den Gipfeln rings herum waren wie mit einem Schlag die Holzstöße entzündet worden. Es war ein prachtvolles Bild: die roten, flammenden Feuer auf den Höhen und dahinter die gespensterhaft schimmernden Kronen der Bäume.

Lysa trat jetzt geräuschlos herein und schritt sofort, wie von einem inneren Zwange getrieben, an den nackten, leuchtenden Körper des Toten heran. Lange blickte sie hin, dann wiegte sie den Kopf und sprach mit Entschiedenheit:

»Der Mann war nicht böse.«

»Nein,« erwiderte Judith, »er war nur gemein.«

»Ich gehe mit ihm,« fuhr Lysa fort, wie in einer Vision. »Ich gehe mit ihm, in die fernen Zeiten hinein. Wir werden hintreten vor nackende Menschen, wir werden unschuldig sein im Guten und Bösen, Und dann wird er vortreten dürfen und sagen: Auch ich habe Güte in mir, laßt mich noch einmal leben! – Sieh hin, Vater! Ist es nicht, wie wenn er spräche? Weißt du, was er uns sagt? Hätte ich leben können, leben, wie ich jetzt tot bin, ein nackender Mensch im Feuerschein der Freude, ihr hättet euch die Arbeit ersparen können. O wie wohl ist mir, sagt Wolf Tilsit zu uns, daß ich tot bin. Seht auf mich, den ihr nur in Schacherkleidern gekannt habt, seht, daß ich schön bin.«

Der alte Himmelheber deutete mit der Hand gegen die flammenden Höhen.

»Sieh hin, sie haben Bäume fällen müssen, damit ihre Freude gen Himmel dampft. Werden die Zeiten kommen, wo wir nicht mehr die Axt bereit halten müssen, um zu stürzen, was uns im Wege steht?«

Und Lysa erwiderte:

»Der Tod hier löst uns das Rätsel. Hört ihr, wie sie jubeln da droben auf den Bergen? Werft alles von euch, was euch gemein macht, tanzt, tanzt um das läuternde Feuer! Mir ist, auch wir sollten jubeln, daß Wolf Tilsit so tot sein kann. Wenn die Menschen so leben können, wie sie tot sind, dann werden die Zeiten kommen.«

Nach einer Weile fragte Lysa sehr leise den Alten:

»Wie sah meine Mutter im Tode aus?«

Inzwischen waren die Bergfeuer jäh erloschen. Nur noch dumpfe, rauchverhangene Glut stierte da und dort aus der Nacht. Himmelheber blickte das Mädchen bei ihrer plötzlichen Frage erschrocken an und gewahrte, daß sie entsetzlich blaß war. Er antwortete nicht.

Judith sagte mit bebender Stimme:

»Es ist wahr, er ist beinahe schön. Er wirbt um uns, der Tote.«

»Lysa, Lysa,« erwiderte Himmelheber nun, »Wie du jetzt hat sie ausgesehen, die Mutter. Ja, ja, er ist schön, der Tod, und der Tod am schönsten. Das Leben aber ist schöner. Lysa, Lysa! Laß den Tod. Sieh, um dich wirbt das Leben!«

Plötzlich fuhr er auf.

»Ich habe eine schwere Arbeit getan; wie es hier dumpf ist!«

Und rasch, ohne sich noch einmal nach dem Leichnam umzublicken, verließ er das Zimmer.

Draußen auf dem Flur und die Treppe zum Garten hinunter hörten sie ihn halb singen, halb rufen:

»Und daß Leben erwacht.
Freinacht, Johannisnacht!
Hinaus, Gespenster, hinaus,
Hier ist Himmelhebers lachendes Haus!«

Die Stimme des Jubelnden verklang allmählich. Lange schwiegen die Drei. Lysa blickte mit unendlicher Sehnsucht in den mondhellen Garten hinab. Ludwig trat an Judith heran und preßte sie an sich.

»Judith,« sprach er dann, »wie groß und herrlich er ist. Ich kann nicht mehr bange sein. Ich glaube, ich verstehe jetzt alles. O Judith! Judith! Wie hat sich alles gelöst. Mir ist, als ob –«

»Ich wußt' es, ich wußt' es!« rief auf einmal Lysa am Fenster; ein Jauchzen zitterte in ihrer Stimme. »Vater! Vater!«

Sie eilte in stürmischer Hast in den Garten hinab.

Judith und Ludwig achteten kaum auf sie. Sie umschlangen sich fester und inniger. Sie wußten nichts mehr vom Tod und nichts mehr vom Leben, das sie umgab. In Garten aber stand derweile, im magischen Schein des Mondes mit weit ausgebreiteten Armen in voller Nacktheit Arnold Himmelheber und rief in die Weite:

»O daß ich jetzt singen könnte gleich einem Gott! Du schöne, du reiche, du strahlende Welt, wie liebe ich dich! O wie umfasse ich dich, du glitzerndes, herrliches Leben. Lysa! Lysa! Lysa! Komm doch, komm!«

Jetzt trat das Mädchen auf die Schwelle des Hauses. Sie stand wie gebannt. Ihre Blicke hingen voll Zärtlichkeit, voll inniger Sehnsucht an seiner Gestalt.

»Sieh, wie dort am Strauch die Glühwürmchen leuchten,« sprach sie dann mit einer so seltsam klaren Stimme, wie wenn eine andere aus ihr spräche. »Ist es nicht wie eine durchscheinende Seele? O wenn auch die Menschen all all ihr Inneres erscheinen, erglühen lassen wollten!«

Und sie warf rasch ihre Kleider von sich. Mit hellem Jauchzen trat Himmelheber zu ihr. Auf einmal rief Judiths Stimme vom Fenster oben:

»Ludwig! Wir kommen, wir kommen. Dahin, Wolf Tilsiter, für immer und ewig. Da unten ist nackendes Leben!«

So sah der lachende Mond denn bald vier nackte Menschen im Garten beim Weine sitzen. Der Alte erhob sein volles Glas und rief:

»Es lebe die Nacktheit, es lebe die Schönheit, es lebe das Leben! Es geht ein Märchen von einem alten Juden, der nicht sterben kann, weil er die Sünde nicht los wird. Ich möchte jetzt schreien können so stark wie ein Riese. Ihr Menschen alle zusammen: Ich entsündige euch! Es gibt keine Sünde. Laß dich begraben, du ewiger Jude, alter Jehova! Es gibt keine Sünde. Ich bin der ewige Heide! In alle Ewigkeit möcht' ich das Leben so schlürfen, wie ich diesen Wein hier trinke. Es gibt keine Sünde, es gibt nur Leben. Das Leben aber höret nimmer auf.«

Er leerte sein Glas und schleuderte es an einen Stamm, wo es klirrend zerbrach.

»Sprich mehr zu uns, Vater,« flüsterte Lysa.

»Ja, ja, ich habe noch mehr zu sagen. Nackt wie ich bin, will ich es vor euch hinlegen. Er ist tot, der ewige Jude, der keine Liebe und keine Freude kannte. Nicht von ungefähr ist er hinübergefahren. Ich, ich, mit Wissen und Willen hab' ich ihn heute gemordet.«

»Wen hast du umgebracht, Vater?«

»Ihn, der der Liebe im Wege war. Ihn, der dort oben liegt, Wolf Tilsiter. Ich hab' den Jammer nicht länger mitansehen wollen. Die Liebe aber höret nimmer auf.«

Lysa wollte sprechen, aber Judith kam ihr zuvor. Sie stand auf und erhob ihr Glas.

»Nicht viele Worte, Arnold Himmelheber. Ich weiß nicht, ist es mein Herz, das jetzt so laut pocht, oder das keimende, knospende Leben, das ich hier unterm Herzen trage. Ich weiß nicht, was aus diesem Kinde geworden wäre. Dies Kind der Sünde soll es Euch danken, durch Glück und Größe und Schmerzen soll es Euch danken, was Ihr an seinen Eltern getan habt.« Sie leerte ihr Glas.

Nun hielt sich Lysa nicht länger. Sie erhob sich rasch und griff nach dem Glas. Es war wundervoll zu sehen, wie das Mondlicht durch den funkelnden Wein hindurch auf ihre Brüste schien. Sie sprach:

»Auch ich eine Sünderin, auch ich will bekennen, auch ich will stolz sein. Dieser Mann hier, Ludwig, den alle Welt Mörder nennen würde, wenn sie es wüßte –«

»Dein Vater, Lysa?«

»Mein Vater oder meiner Mutter Mann – gleichviel –

»Lysa!«

Sie achtete nicht auf Himmelhebers lauten, jauchzenden Schrei. Sehr leise fuhr sie fort:

»Sie ging, und schickte mich. Ich gab ihm... Liebe – Liebe...«

Es trat Totenstille ein. Ein ganz leichter Wind hatte sich erhoben; die Blätter an den Bäumen fingen an, sich zu regen. Judith fröstelte. Noch einmal hub Lysa an:

»Ich und die Mutter sind eins... Mutter, in deine Hände...«

»Um alles in der Welt, Lysa, was hast du?« rief auf einmal Ludwig. Lysa hatte sich tief in ihren Stuhl zurückgelegt und ließ den Kopf nach hinten sinken. Sie war furchtbar blaß geworden. Sie schien ohnmächtig werden zu wollen – Da stand sie langsam auf und winkte müde mit der Hand.

»Vater,« sprach sie mit fremder Stimme, »es reicht, es reicht fürs Leben. Ich hab' dir alles, alles gegeben; ich möchte noch lange, lange so mit dir leben. Ich kann nur mein Herz nicht mehr halten; es will überfließen, und ich weiß nicht, wohin. Es ist mir heute abend ganz, ganz sonderbar geworden. Mir ist, ich sei gar nicht da. Als ob ich nur der Traum einer andern wäre. Mir ist so schwach, so schwach. Ich will lieber zu Bett gehen. Seid ihr auch so müde?«

»Ja, ja, Kind, komm, ich bringe dich nach oben. Komm nur, komm, es wird wieder besser werden, Aber leg' dich jetzt noch nicht hin. Du weißt, es geht dann bald vorbei.«

»Meinst du? Nicht wahr, es ist wohl wieder mein Anfall? Ich weiß nicht, mir ist nicht so wie sonst. Da sollt' ich wohl am besten wieder singen? – Da, da! habt ihr die Sternschnuppe gesehen? Und noch eine! Da wieder! Wo sie nur alle hingehen mögen? Was wird aus all den Sternen?«

Niemand antwortete ihr. Himmelheber war zu ihr getreten und umfaßte leicht ihren Leib. Lysa lehnte sich an seine Schulter und blickte wie träumend vor sich hin. Dann hob sie die Hand und ließ sie schlaff wieder sinken. Dann sang Lysa leise, aber klar, öfters anhaltend, manchmal die Worte mehrfach wiederholend, eine seltsame Weise:

»Leise, leise
webt die Liebe,
schwebt der Friede,
leise, leise,
zarte Gleise –
Lysas Seele,
stille Weise,
in die Fernen,
zu den Sternen.
Leise kreise
all mein Blut,
leise, leise,
zu den Sternen
geht die Reise.
Rote Flut,
wild und schrille,
still, o stille,
mild und gut.
Ich vergehe
ohne Wehe
Liebe wacht.
Goldne Kreise,
Sternenpracht.
Leise, leise,
fortgemacht,
der Tag erwacht,
gute Nacht.«

Sie blickte wie aufschreckend einen nach dem andern an. Dann sprach sie unsagbar matt:

»Nicht böse sein. Ich kann nicht mehr. Gute Nacht. Ich will zu Bett.«

Sie wollte sich aufraffen. Dann rief sie ängstlich, keuchend:

»Vater, halte! Ich... kann... nicht –«

Sie war am Zusammenbrechen. Arnold und Ludwig, keines Wortes mächtig, faßten an und trugen sie nach oben. Nach einigen Stunden, als der Morgen gekommen war, war alles vorbei. Als die Leichenbeschauer kamen, fanden sie zwei Leichen im Hause Arnold Himmelhebers.


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