Gustav Landauer
Arnold Himmelheber
Gustav Landauer

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Fünftes Kapitel

Ununterbrochen waren sich die heiteren, sonnigen Apriltage gefolgt; nun aber, just an dem Tage, da Frau Judith und Ludwig Prinz zusammenkommen wollten, hatten sich von allen Seiten her die weißen, unheimlich glänzenden Wolken zusammengezogen, und nachmittags ging das erste Gewitter des Jahres mit dröhnenden Schlägen und violetten Schlangenblitzen über die Gegend nieder. Man wußte schon, daß ein schlimmes Unwetter herannahe, da verließ Frau Judith Tilsiter mit einem hellgrauen, enganliegenden Regenmantel bekleidet und einen Regenschirm in der Hand eiligen Schrittes das Dorf Schöneck; und sie war mitten auf dem Wege, als ihr von ferneher riesige Staubwolken entgegenkamen, und eine Minute nachher war der erste starke Windstoß bei ihr. Sie war erregt; aber keine Spur von Angst; ihr lag nur die verhaltene Spannung auf den Nerven, und sie spürte deutlich den Schwefelgeruch. Dann ging sie rasch weiter. Es folgte Blitz auf Blitz, Schlag auf Schlag, aber immer noch war kein Tropfen gefallen. Ihr war jetzt doch unheimlich zumute, als sie durch den reglosen Wald in die Höhe stieg – zur Teufelskanzel hinauf. Sie war rasch oben, aber der Schweiß lief ihr auch von der Stirne. Nun hörte der Wald auf, und vor ihr lag der steile Felsen. Seine hellgrauen Flächen erschimmerten schreckhaft in der Gewitterbeleuchtung. Und jetzt fielen die ersten großen Tropfen langsam und schwer herunter, während sie auf den schmalen Zickzackwegen, die den Felsen umgingen, hinaufklomm. Sie machte Laufschritt, laut keuchend – aber jetzt war sie auch schon oben auf der grünen Rasenfläche – und befriedigt mit dem Kopfe nickend, zog sie ihr Taschentuch heraus und trocknete die nasse Stirn und die Backen. Und dann spannte sie ihren Schirm auf: denn da war er nunmehr auch endlich, der Platzregen.

Und so stand sie nun, hoch oben, ganz unbeweglich, rings um sie die hellen grauen Wolken, unter ihr der graue Felsen, sie selbst wie eine graue Steingestalt. Aber hinter ihrer heißen, reinen Stirne, da wogten die Gedanken wild und aufgeregt durcheinander: Im Gewitter kam er zu ihr – ihr Prinz. Hier stand sie nun, wie ein verzaubertes Steinbild, und sie wußte, er kam, der ihr Erlöser sein mußte; der liebe Genosse ihrer schönen Kindertage – ihr Gänseludwig. Hoch oben auf dem Felsen, ähnlich dem, wo sie zuletzt sich getrennt hatten, da sollten sie nun wieder zusammenkommen. Es war ein Märchen, und das Märchenhafteste von allem: es war Wirklichkeit. Sie mußte es sich immer wieder ins Gedächtnis zurückrufen; Ludwig Prinz – Arzt – sie sah seine Briefe vor sich und seine großen, gewandten Schriftzüge – sie hörte seine Sätze – er war ein moderner Mensch – und er war doch derselbe. War er derselbe? Wie mochte er jetzt nur aussehen? Sie konnte sich kein anderes Bild von ihm machen, als wie sie ihn zuletzt gesehen – braune, verbrannte Backen, verträumte, glanzlose Augen, ein entzückend kleiner Mund mit roten, trotzig aufgeworfenen Lippen – ein Kindergesicht, und dazu ein schwacher, magerer, aber geschmeidiger Körper.

Nun wurde ihr aber doch bald das Phantasieren verleidet, und sie wünschte, er wäre schon da. Der Boden unter ihr wurde immer weicher, sie fühlte wie ihre Füße langsam einsanken, die Blitze ließen nach, hinten fing es auch bereits an, sich aufzuhellen, aber der Regen strömte heftiger als vorher, und es schien nach der Redensart der Bauern kommen zu wollen: es hellte sich auf zu einem Wolkenbruch. Fünf Minuten von da wäre sie im Trocknen gewesen, in der Falkenhöhle, aber hierher hatte sie ihn bestellt, und dort konnte er sie nicht treffen.

Sie wartete und wartete und wurde immer erregter, die Minuten kamen ihr vor wie Stunden. Endlich – es waren kaum zehn Minuten vergangen, seit sie oben war – trat aus dem Bergwald unten ein großer, magerer Herr heraus – das war er. Er hatte keinen Schirm bei sich, und er triefte ordentlich von Wasser. Er schaute an dem Felsen in die Höhe – dann sah sie, wie er einen Zwicker von der Nase nahm, ihn rasch an der Innenseite des Rockes abtrocknete und wieder aufsetzte. Sie beobachtete alles voll gespannter Erwartung, aber sie konnte seine Züge noch nicht unterscheiden. Nun hatte er sie gewahrt, und er zog grüßend seinen breitkrempigen schwarzen Schlapphut – und eine schwere Menge Wasser ergoß sich aus dem Rand auf seine Stiefel. Frau Judith lachte – und er fing rasch an, seine ermüdeten Beine in Bewegung zu setzen, um die kleine Strecke vollends heraufzusteigen. Aber jetzt war es ein viel schwierigeres Werk als eine Viertelstunde zuvor, denn der lehmige Weg war gänzlich aufgeweicht, und nur mit Mühe und schwankenden Körperbewegungen gelang es ihm, nicht hinunterzugleiten.

Judith trat bis an den Rand des Felsens vor und blickte ängstlich hinab.

»Vorsicht, Vorsicht!« rief sie ihm nun halblaut zu. Er blickte zu ihr auf und blieb stehen. Beide betrachteten einander eine Weile. Sie erkannte ihn nicht wieder, kein Zug von ihrem Jugendgenossen; ein blasser Mann mit schmalem Gesicht und einem wenig entwickelten blonden Schnurrbart. Nun fuhr er sich über die Stirn; vielleicht trocknete er nur den Schweiß, aber es sah fast so aus, als wolle er sich besinnen oder einen Gedanken verscheuchen. Er winkte grüßend mit der Hand und rief ihr zu:

»Gegrüßt, gnädige Frau, und danke, daß Sie trotzdem gekommen sind.«

Und nun stand er eben ihr, und sie streckte ihm die Hand entgegen, die er rasch ergriff und herzlich schüttelte.

»Ich danke Ihnen,« sprach sie, »herzlich willkommen, Herr Ludwig!«

Er schaute ihr unverwandt, wie einem schönen Bildnis, in die Augen. Dabei sprach er, und es klang so, als ob seine Gedanken nicht recht dabei wären:

»Fürchterliches Wetter. Nicht sonderlich gemütlich zu unserer Aussprache.«

»Wenn es Ihnen recht ist, können wir's uns viel hübscher machen. Und vor allem trocken. Ganz nahe bei ist die Falkenhöhle.«

»Ja? aber das ist herrlich; gewiß. Kennen Sie den Weg? Bitte führen Sie mich, gnädige Frau.«

»Aber nun muß ich Ihnen doch gleich Ihren Irrtum benehmen. Sehe ich wirklich wie eine Baronin aus?«

Er sah sie fest an, und eine leichte Röte verbreitete sich über seine Wangen.

»Eigentlich, nein. Sogar – im Gegenteil –«

Er stockte, und sie lachte fröhlich.

»Im Gegenteil? Das ist nicht sehr schmeichelhaft, – Aber nun kommen Sie.«

Sie schritt voran über die Rasenfläche, und er folgte ihr in äußerster Verwirrung. Der Regen fing an nachzulassen, aber im Wald in den sie nun wieder eintraten, tropfte es von allen Bäumen. Sie konnten nicht nebeneinander gehen und so schritten sie schweigend auf dem schmalen Steg dahin. Rechts neben ihnen senkte sich der Wald steil in die Schlucht hinunter, links stiegen riesige Felsenwände gerade in die Höhe. Der Steig war dicht bedeckt mit grauem, kleingebröckeltem Felsenschutt, der unter ihren Schritten knirschte. Sonst war kein Laut in der Wildnis zu hören als das eintönige Fallen der Regentropfen.

»Hier könnte fürwahr der Eingang zur Unterwelt sein,« meinte Ludwig beklommen.

Frau Judith machte noch ein paar Schritte und wies dann mit der Hand nach links:

»Hier ist er auch schon. Da haben wir unser Asyl. Die Falkenhöhle.«

Ein hohes Felsenportal tat sich vor ihnen auf. Es war wie ein ziemlich geräumiges Vestibül, hinten abgeschlossen von einer grauen, leicht gewölbten Wand; nur unten, wenig über dem Boden erhoben, befand sich eine Öffnung. Frau Judith zeigte auf sie:

»Da soll es noch länger als eine Stunde weitergehen. Anfangs müßte man sich freilich recht klein machen, aber später sollen wieder hohe Hallen kommen, in denen sich Seen finden mit unheimlich schwarzem Wasser. Dort sollen sogar Forellen von besonderer Art sich aufhalten. Nun – treten wir ein, wie? für uns genügt ja der Raum hier außen.«

So traten sie denn beide ein. Aber in diesem Moment schwirrte etwas Gelbes, Großes dicht an ihren Köpfen vorbei ins Freie hinaus. Beide schrien erschreckt leise auf. Dann blickten sie sich scheu an als ob ihnen die Heimlichkeit ihres Tuns bang vors Bewußtsein trete.

»Wir haben etwas Lebendiges verscheucht,« sagte Ludwig ernst. »Ein lichtscheues Wesen – es war eine Eule.«

Es trat eine Weile Schweigen zwischen sie; dann fing Frau Judith an:

»Aber Sie sind ja fürchterlich durchnäßt; Sie werden sich eine schöne Erkältung holen um meinetwillen.«

Ludwig blickte in der Höhle umher und gewahrte in einem Winkel ein ziemlich umfangreiches Reisigbündel.

»Da haben wir ja das Nötige; das ist ja prächtig! Das soll uns bald durchwärmen.«

Und er schleppte die dürren Zweige in die Mitte des Raumes und zündete sie mit einem Streichholz an. Im Nu flackerte eine lichte Flamme zum Steingewölbe hinauf. Darin setzten sich beide, da ein bequemerer Sitz nicht zu finden war, auf die unebene, festgestampfte, trockene Erde und streckten ihre Füße möglichst nahe gegen das Feuer.

Beide starrten laut atmend in die gelbe, prasselnde Flamme, sie waren heftig erregt und ihnen pochte das Herz.

»Reden Sie doch etwas,« bat Ludwig endlich leise.

»Wir haben uns zu viel zu sagen, als daß wir einen Anfang finden könnten. Ich wußte, auf dem Papier nimmt es sich alles freier und leichter aus. Jetzt kennen wir uns wohl nicht mehr so gut wie früher.«

Ludwig schaute sie wieder an. Sie senkte den Blick zu Boden; dann aber, mit jähem Entschluß, hob sie das Haupt und sah ihn lächelnd und mit ermunterndem Fragen an. Nun aber sprang er auf, als ob etwas Unglaubliches aus ihm heraus wolle.

»Was ist Ihnen denn?« fragte sie und lächelte ihm immer noch grüßend zu.

»Nichts – es ist nichts,« erwiderte er und ließ sich wieder nieder.

Nochmals trat eine Pause ein. Endlich fing sie an.

»Ich könnte Ihnen mancherlei sagen; aber es scheint ja, Sie wollen nicht. Ich glaube, Ihre Gedanken sind gar nicht so recht hier.«

Und nun nahm sie, wie in Gedanken, von den am Boden zerstreut liegenden Steinen zwei in die Hand und schlug sie langsam und achtlos gegeneinander. Ludwig sah ihr zu, und eine tiefe, glühende Röte überzog seine Wangen bis in die Stirne hinauf. Er senkte den Kopf, seine Arme legten sich schlaff zwischen die Knie, und ganz leise, fast unhörbar, flüsterte er, wie vor sich hin:

»Judith... Judith...?«

Sie legte die Hand leicht auf seinen Am und fragte in weichem, innigem Tone mit leichtem Zittern in der Stimme:

»Denken Sie immer noch an Ihre Judith?«

Ohne seine Haltung zu ändern, rief er rasch:

»Sie – Judith, du bist es... Judith!«

Da drehte sie sich zu ihm und lag auf den Knien und barg den Kopf tief in seinem Schoß. Er legte zuinnerst erschüttert seine beiden Hände auf die volle Krone ihres schwarzen Haares, und die zwei Menschen feierten ihr wundervolles Wiederfinden und sprachen lange kein Wort.

Endlich schob er sanft ihren Kopf zurück, so daß er ihr ins Auge sehen konnte, und ergriff ihre beiden heißen Hände.

»Ist es denn möglich – Judith?«

Ihre Augen glänzten, und sie nickte ganz leicht.

»Ja, ich bin's. Und jetzt erkenne ich auch – dich wieder – an deinem Mund, Ludwig!«

Und wie sie das »Du« über die Lippen brachte, kam neuem die beglückte Scham über sie, und sie verbarg wieder ihr Gesicht.

»Mir sagte es gleich der erste Blick,« sprach Ludwig nun rasch und heftig erregt, »aber ich wollte mir nicht glauben. Und – kann es denn sein? Geschehen denn noch Wunder? Judith! – aber dann – nein, dann sind Sie wohl nicht meine Briefstellerin? Sie kannten sich wohl und – auf meinen letzten Brief, da schrieb sie Ihnen wohl –?«

»Ich bin dieselbe, Ludwig! Wir sind beide zwei neue Menschen geworden. Und nun – ach, es ist ja nicht zu sagen. Komm, laß mich schweigen!«

Und wieder mußte es aus ihm heraus:

»Judith? Judith! Ich kann es ja nicht fassen!«

Aber fast erschrocken fügte er jetzt hinzu:

»Aber so stehen... Judith, nicht doch! Steh doch auf!«

Sie erhob sich nicht, doch drückte sie freudig seine Hand: »Du!«

Ihre Blicke flossen ineinander, und beide waren wieder still. Und dann zog er langsam, zart ihre Hände an seine Lippen und küßte sie auf ihre Fingerspitzen.

»Judith!«

Und sie legte den Kopf an seine Brust und entzog ihm die Hände und legte sie auf seine Schultern:

»Ludwig!«

Er aber nahm ihre Hände wieder von seinen Schultern und hielt sie fest.

Dann fragte er ernst:

»Judith, warum hast du mir das getan?«

Sie schaute ihn fest an, und das Wasser trat ihr in die leuchtenden Augen, während ihr das Blut ins Gesicht stieg.

»Ludwig – ich war ja so dumm; ich wachte ja nicht, war ja noch gar kein Mensch. Als es mir tagte, da war es zu spät und alles vorbei und nichts mehr gutzumachen. Kannst du's verstehen?«

»Ja. Aber ich bin anders. Ich habe dich nie vergessen, und ich – ich habe dich immer sehr geliebt. Judith!«

Plötzlich stürzten ihr die Tränen aus den Augen, und sie fing laut an zu weinen.

»Judith! Um alles! Was hast du?«

»Ach, dieses Häßliche! All die Jahre. So gemein und widrig – und nun du in deiner Reinheit – du glaubst mir ja nicht – daß – auch – ich – oft – dich –«

Sie konnte vor heftiger Erregung nicht weiter reden und bemühte sich vergebens, ihr lautes Schluchzen zu unterdrücken.

»Judith – so sei doch ruhig. Liebe, – Freundin, aber vor allem: ich bin ja doch nicht rein. Erhebe mich nur nicht, und du brauchst dich gar nicht zu verachten und nicht zu schämen. Aber fasse dich doch. Sprich mir, Judith, was wolltest du noch sagen?«

»Ludwig, nicht so wie ich. Nicht wie ich. Ich bin erniedrigt, geschändet, oh, du weißt ja nicht, was es heißt, eine Ehe mit einem rohen Tier, nein, schlimmer als Tier, mit einem entarteten Menschen. Und vor allem, der mir widerlich ist, sein Leib, sein Atem, alles! und immer um mich, jede Woche!«

Er starrte ernst in das glühende Feuer, während sie ihre Augen trocknete.

»Ja ja!« seufzte er tief auf. Sie griff wieder nach seiner Hand, dann holte sie rasch tief Atem, als wolle sie all ihren Mut zusammenfassen, und sprach.

»Ludwig, jetzt nicht grübeln und forschen. Und – wir wollen es nicht zerfasern. Und – mißachten darfst du mich nicht. Der Anschein ist nicht so schön und sicher wie bei dir, aber glaube mir, Ludwig. Das hab' ich dir nur sagen wollen.«

Ludwig rückte näher, und ein feines, glückliches Lächeln legte sich auf seine Züge.

»Du meinst, Judith? Du sprichst so dunkel. Sag' es doch frei heraus.«

»Ach – nun hat alles so ein falsches Aussehen. Du willst nicht glauben, daß es echt ist und Natur.«

»Doch, doch, ich glaube, ich werd' es glauben. Sprich es nur aus.«

Noch einen ganz kurzen Moment schwankte sie, dann ließ sie sich hinreißen, schlang ihm die Arme um den Hals und küßte ihn langsam auf den Mund. Und dann auf die Augen. Und dann wieder auf den Mund. Und Ludwig legte die Arme um ihren Leib und preßte sie fest an sich. Und beide wurden nicht müde, einander in glühender Leidenschaft zu küssen.

Das Feuer glimmte nur noch, aber die beiden brauchten auch keine Wärme von außen mehr. Sie überließen sich schrankenlos ihrer Seligkeit. Sie bedachten nichts, sie wußten, daß kein Mensch ihnen diese Stunde stören würde, und sie gaben einander ihr Innerstes. Sie sprachen wenig, und dann nur Törichtes; was war ihnen Vergangenheit? nicht mehr als die Asche, die da auf dem Boden lag. Was die Zukunft? Soviel wie der Rauch, der sie flüchtig umschwebte. Die allgewaltige Stunde preßte sie in ihren Zauberbann. Sonst ist wohl die Liebe in Kleidern ein häßliches, widriges, schamvolles Ding; aber ihre jähe, starke Leidenschaft stieg in sicherer Blindheit auch über die Dämme der Kultur hinweg. Sie gaben sich hin, und es fühlte sich einer im andern erfüllt von großem Glück.

Endlich hatte sich der erste Sturm ihres berauschten Jubels gelegt, und sie schauten sich an, ohne Scham, voll befriedigter Freude. Es war dunkler geworden in ihrem Höhlengemache, von draußen aber klang ein lustiges Konzert der Singvögel zu ihnen herein; das Gewitter mußte vorüber sein. Ludwig legte die Hand auf ihr Haar und drückte ihren Kopf an sich, während er traurig sagte:

»Judith, wir müssen ans Gehen denken. Sonst überrascht uns die Nacht.«

»Gehen? Aber – wir haben ja noch kein vernünftiges Wort miteinander reden können.«

»Weißt du eines?«

»Ja.

»Sag' es mir.«

Da sprach sie langsam, jedes Wort betonend, die feierlich-ernste Bitte:

»Nimm mich mit!«

Ludwig schaute sie ein, Weile ernst an. Dann fragte er:

» Wo lebst du, Judith?«

»Ludwig – bei dir!«

»Ich dachte fast im Märchenreich – droben in meinen Wolken. Oder – im Lande der Zukunft, in freier Schönheit –«

»Ludwig – wenn wir wenigen nicht heute schon tapfer sind, wie soll dann je die Zukunft kommen?«

»Judith, hast du alles bedacht, was kommen könnte? Verachtung, Ächtung – vereinsamt – ohne Tätigkeit, und ich liebe meinen Beruf. Und du – wolltest du all das auf dich nehmen? Ernsthaft, Judith, willst du das? Heruntersinken ins Zigeunervolk, verkommen, vertrotteln? Nachdem wir so weit in die Höhe gekommen sind? Willst du das?«

»Aber was sonst? Und es kommt gar nicht dazu. Wer will, der bleibt oben, trotz allem Ansturm. Ludwig, Mut! Die Menschen sind nicht mehr alle, wie du sie malst. Denke an deinen Freund! Was würde er dir raten?«

»Das war ein gutes Wort, Judith. Er muß raten, er wird einen Ausweg finden in dieser Not. Ja, wenn es viele gäbe wie ihn! Und inzwischen...«

»Inzwischen?« fragte Judith und fügte in bittendem Tone hinzu: »Ludwig?«

»Meine Geliebte, überwinde dich, ich bitte dich sehr. Vielleicht nur für ganz kurze Zeit. Geh jetzt zurück zu diesem – zu deinem Mann. Denke, Judith! acht Jahre! Dann mußt du's jetzt auch noch können. Komm, sei gut. Und vertraue mir. Gibt's nichts anderes, dann – dann gehen wir deinen Weg, frei und beherzt, das versprech' ich dir. Ja?«

»Das versprichst du mir, Ludwig?«

»Ja, Geliebte! Wir lassen uns nicht!«

»Ludwig, dann sei es nach deinem Willen. Oh, wie sehne ich mich nach der klaren Entscheidung. Ach, so wie manche ihr Leben hinrinnen lassen, vom Sumpf zum Glück und dann wieder in den Sumpf – jahrelang in ewiger Aufregung und in Angst und Ungewißheit – ich kann es nicht. Lieber gar nicht leben, als so. Dieses Ehebrechen in der Ehe – es ist eine Häßlichkeit ohnegleichen. Nicht der Bruch ist das Gemeine daran, sondern die Ehe!«

»So denk' auch ich. Und so kommt es bei uns auch gewiß nicht. Aber manchmal ist die Widerlichkeit noch viel verwickelter; auch der Ehebruch hat nun schon seine Konvention. Ich habe einen Mann gekannt, der war verehelicht in eine Gans – und sie blieben beisammen, wegen der Sitte und wegen der Kinder. Und daneben hatte er eine Geliebte – doch auch diese Liebe gehörte schon der Vergangenheit an – aber er kommt auch von der Geliebten nicht mehr los, die er nicht mehr liebt, und er späht schon nach einem dritten, heimlichen Nebenglücke. Aber die beiden Frauen, die Gans und den Drachen, die schleppt er mit sich bis zum Grabe.«

Judith lächelte bei dieser Schilderung, dann aber sagte sie mit gutmütigem Spott: »So? Auch du denkst darin wie ich? Ich dachte, ein gewisser Herr Prinz sei es gewesen, der eine Frau gesucht, die er wie ein Taschenspieler mit einem graziösen 1-2-3 kommen und verschwinden lassen konnte? Wie kann ein reinlicher Mensch nur so häßlich sein?«

»Wie? Das siehst du an mir und – auch an dir, Judith! An allen, die heute leben, siehst du es, leider auch an den Besten. Entsetzlich genug, daß man im Drang und der Not des Lebens nach Surrogaten der Liebe suchen muß! Ach – die Welt umgestalten nach der Sehnsucht unseres Kopfes und unseres Herzens, wenn wir das könnten!«

»Wenn jeder wartet, bis die Welt anders wird, dann wird sie nicht anders. Gestalte jeder sein eigenes Leben, unbekümmert um alle Welt. Mut – seinen Kopf durchzusetzen, und sein Herz, und seinen Leib – das fehlt; und wenn das da wäre, da sollte die Welt bald ganz anders ausschauen. Aber jetzt – jeder blickt auf den andern und denkt: Jockele, geh du voran, du hast die größeren Stiefeln an! – Ludwig, Ludwig! Herzensmann! Komm, laß uns beide vorausschreiten. Wollen wir nicht? Laß uns mit dabei sein, bei denen, die den Anfang machen zum neuen Leben. Mich lockt es so unbeschreiblich, alles von mir zu werfen, was mich beengt, mit einemmal Ludwig? Willst du nicht mit? Ich – ich will mit dir gehen!«

Ludwig holte tief Atem.

»Judith ich bin weich wie Wachs. Wenn du weiter so redest – wenn du mich erst entflammt hast, dann glühe auch ich, und dann reiße ich dich mit mir – in den Abgrund. Es ist schön, ein Erster zu sein und ein Vorläufer; und es ist ein prachtvoller Anblick, zu schauen, wie das Herrlichste im Menschen den Menschen vernichtet. Locke nicht mehr, Judith, dich nicht und mich nicht; die Menschen sind's vielleicht gar nicht wert, daß man sich für sie opfert. Und – wir haben beide unser Glück noch nicht gehabt, Wir wollen's uns jetzt erkämpfen, nicht? Wir wollen unser Glück! Judith, tu's nicht, führe uns nicht in Versuchung. Es ist ein Jammer, wenn Menschen statt des großen Lebens ein großes Ende finden, und wenn dann die Welt, die zurück bleibt, höhnisch das Urteil spricht. Sie waren zu klein; zum Leben zu schwach, blieb ihnen nichts übrig als zu sterben!«

Judith schwieg; fast kam ihr trotz allem Glück das Weinen. Sie lauschte hinaus und sprang nun rasch auf:

»Hörst du die Nachtigall draußen? Wir wollen gehen – wir müssen! – Ich möchte dir gar zu gern etwas mit auf den Weg geben, aber ich hab' nichts. Weißt du nichts?«

Ludwig stand auf, und sie lagen sich wieder in den Armen und küßten sich. Dann strich ihm Judith über seine Wange und sagte leise, mit raschem Entschluß:

»Ich hab' etwas, das will ich dir schenken zum Abschied.«

»Gib es mir, Judith, was ist es?«

»Es sind aber nur Worte.«

»Nun, sage sie mir, Liebe –«

Da drückte sie ihn dicht an sich und flüsterte ihm ins Ohr:

»Er soll mich nicht mehr berühren. Von heut an. Was er auch anstellen mag, der Erbärmliche; das halt' ich.«

Ludwig sah sie mit strahlenden Augen an und küßte sie voll Verehrung auf die Stirn.

»Was hast du für einen wundervollen Menschen aus dir gemacht, Judith! So sehr ich dich lieb habe, so groß ist auch mein Respekt vor dir.«

Da entgegnete sie stolz lächelnd:

»So soll es sein. Sonst ließe ich mir auch deine Liebe gar nicht gefallen. Manche Liebe entehrt. – Und nun – es muß sein. Komm, Geliebter!«

Eine prachtvolle, kühle Luft strömte ihnen entgegen, als sie aus der Falkenhöhle heraustraten. Über ihnen ein kleines Stück des lichtblauen Himmels, und Judith, die wieder vorausging, rief froh erregt:

»Rasch, Ludwig, Sonnenuntergang auf der Kanzel!«

Und wie zwei lustige Kinder liefen sie beide durch den erfrischten Buchenwald hin zur Felsenlichtung. Als sie da ankamen stießen sie beide zugleich einen hellen Schrei des Entzückens aus.

Groß und rot hing die Sonnenkugel im lichten Abendhimmel. Und darüber eine einzige abgeschlossene Wolke mit zackigen Rändern, die von funkelndem Golde trieften. Nach allen Seiten waren die Gewitterwolken vor dem herrlichen sieghaften Gestirn auseinandergestoben und hingen in Fetzen und zerrissenen Flocken an den Bergwände.

So blieben sie still nebeneinander stehen, während die Sonne versank. Dann, als der letzte goldene Punkt verblitzt war, stiegen sie langsam hinunter, Hand in Hand. Kurz bevor sie aus dem Walde auf die Landstraße hinaustraten, hielten sie an. Es galt sich zu trennen.

»Begleite mich dann nicht weiter,« sprach Judith, und ihre Stimme zitterte vor Erregung; »es fahren immer viele Judenfuhrwerke, und ich möchte nicht, daß – der Klatsch ist so erbärmlich.«

Sie fielen sich in die Arme und verharrten so lange ohne Kuß, ohne zu reden; nur Auge in Auge. Endlich fragte Judith leise:

»Wann – wieder?«

»Morgen!«

»Ja. Wo? Falkenhöhle?«

»Ja. Aber erst um fünf Uhr. Ich habe Patienten.«

»Gute Nacht.«

»Gute Nacht, liebe, teure Judith.«

Beide rührten sich nicht in ihrer Stellung.

Dann küßte sie ihn rasch und feurig auf den Mund. »Adieu, liebster Ludwig.«

»Leb' wohl, Judith. Wenn's nur erst morgen wäre.«

»Und ich erst. Wär' nur schon diese Nacht um.«

»Ist er zu Hause?«

»Ja. Seit gestern.«

Ludwig ballte die Faust. Dann küßte er sie stürmisch rasch nacheinander und riß sich gewaltsam los.

»Es muß ja doch sein. Bald – für immer – Judith zusammen. Bald.«

Und sie flüsterte, traurig lächelnd:

»Bald – Auf Wiedersehen.«

Sie gingen langsam, zögernd, die wenigen Schritte bis zur Landstraße, dann reichten sie sich nochmals die Hand, ein letztes, rasches Küssen, ein letzter Blick.

»Leb' wohl, Judith!«

»Auf morgen, Ludwig!«

Dann gingen sie auseinander. Keiner blickte sich nach dem andern um; sie scheuten sich, den schmerzlichen Abschied noch mehr zu verlängern. So schritten sie, beide in traumhaftes Denken verloren, nach entgegengesetzten Richtungen in den dämmernden Abend hinein.


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