Manfred Kyber
Die drei Lichter der kleinen Veronika
Manfred Kyber

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8. Karneval

Die Geigen singen, die Flöten locken und durch fernen Trommelwirbel klingen die Schellen – der Maskentanz des Lebens beginnt. Aber wenn es Karneval ist, dann ist es Winter geworden, nicht wahr? Der Sommer der Kinderzeit ist vergangen, und manche Blume im Garten der Jugend ist verblüht.

So war es auch mit der kleinen Veronika gewesen, als sie größer wurde, und der Karneval des Lebens sie mit leisen, sehnsüchtigen Stimmen in seinen bunten Reigen rief. Sie war nun vierzehn Jahre alt, und es war über manchem Herbst und Winter geworden, was einmal im Frühling und Sommer geblüht. Auch Mutzeputz war hinübergegangen in eine andere Welt, und es war dies der schwerste Tag gewesen, den die kleine Veronika bisher erlebt. Zum ersten Male hatte sie in der Bewußtheit ihrer Seele ein Grab geschlossen, und sie wußte es: Was dieses kleine Grab barg, war der liebste Freund ihrer Kindheit und mit ihm die eigene Kinderzeit. War dies nun ein Ende oder war es der Anfang zu etwas Neuem und Unbekanntem? Ach, kleine Veronika, das Leben endet immer etwas und beginnt etwas anderes, und doch endet und beginnt es eigentlich nie, denn es ist zeitenlos und das, was wesentlich ist, wandert mit uns durch alle Tage und Stunden, die glücklichen und die traurigen. Und wenn wir ein Grab schließen, so bauen wir damit eine Brücke in jene Welt. Es werden von Jahr zu Jahr immer mehr solcher Brücken, und zuletzt gehen wir selbst über unsere vielen in Tränen gebauten Brücken hinüber, um zu vergessen, daß wir einmal um sie geweint. Die Tränen sind ja der Preis für die geistigen Welten, alles Erkennen wandelt durch Leid zum Licht, und die eine große Antwort, auf die wir hoffen, verlangt es, daß man mit tausend bangen Fragen nach ihr fragt.

Es war auch eine bange Frage, welche die kleine Veronika bewegte, als sie dem Spielgefährten ihrer Kindheit den kleinen Totenkranz wand.

»Onkel Johannes«, sagte sie, »glaubst du, daß es Mutzeputz gut geht und daß ich ihn wiedersehe? Ich denke mir, daß auch die Tiere weiterleben müssen wie die Menschen.«

Johannes Wanderer war still und traurig. Er hatte ja auch an Mutzeputz gehangen, und ihm waren Menschen und Tiere gleich nahe Geschöpfe. Nur kleine Seelen haben den Dünkel ihrer vermeintlichen menschlichen Hoheit über das Tier.

»Ich glaube gewiß, daß es Mutzeputz sehr gut geht, Veronika«, meinte Johannes Wanderer, »er ist im Garten Gottes, wie alles, was lebt. Es ist nur meist so, daß es bei den Tieren um einiges weniger bewußt und persönlich ist als bei den Menschen. Sie gehen noch mehr zurück in eine Gesamtheit, aber auch dieses alles sind Stufen, und sie sind schwer faßbar für ein menschliches Begreifen. Es sind ja auch viele Menschen noch wenig bewußt und leben ähnlich wie die Tiere, im Mutterleib einer Gruppe gebettet, eines Volkes, eines Stammes oder einer Familie. Nur starke Geister schaffen schon über diesen Rahmen hinaus am kommenden Menschentum. Der Weg geht langsam aufwärts, Veronika. Auch ein Kind im Mutterleibe ist ein Ich, aber es ist noch nicht erwacht. Doch es ist heute eine Zeitenwende, und die Tiere erwachen nun immer mehr aus dem Mutterleib ihrer Gruppe und streben immer weiter ins Bewußte hinein. Darum ist es so sehr wichtig, daß die Menschen sie als ihre Geschwister betrachten. So müssen wir alle gemeinsam in eine Welt hineinwachsen, die besser und glücklicher ist, als das Dasein von heute. Diese Welt müssen wir bauen und bereiten helfen, und in ihr wird für Menschen und Tiere alles bewußter und lichter sein.«

»Ich will aber Mutzeputz wiedersehen«, beharrte Veronika.

»Das wirst du gewiß«, sagte Johannes Wanderer, »sieh einmal, es sind zum Beispiel nicht alle Löwen schon zu ihrem Ich erwacht, sie kommen aus ihrer Gesamtheit und gehen in sie zurück, wie auch viele Menschen noch keine Persönlichkeiten sind. Nur wandeln die Menschen von einer Volksseele zur anderen, und die Löwen bleiben beim Muttergedanken des Löwen. Aber als der Löwe des heiligen Hieronymus hinüberging, war er wohl so persönlich geworden in der Liebe des Heiligen, daß er nicht ganz in den Muttergedanken des Löwen zurückkam. Er blieb, was er bei seinem Heiligen wurde, er folgte ihm weiter und schafft nun bewußt an der Wesenheit der Löwen im Garten Gottes. Es ist das alles schwer und mühsam mit menschlichen Worten zu erklären, aber so ähnlich wie mit dem Löwen des heiligen Hieronymus ist es mit allen Tieren, die viel Liebe empfangen und geben konnten, sie bleiben wohl bei ihrer Mutterseele, aber bewußter in Liebe und Licht und als Helfer für alle anderen. So wirst auch du Mutzeputz wiedersehen, wenn du einmal in Gottes Garten kommst. Er wird an dem Seinen wirken und du an dem Deinen, eure Aufgaben sind verschieden, aber ihr bleibt untereinander, was ihr euch wart, denn das, was ihr wart, wart ihr euch in Liebe, und Liebe ist das Geheimnis alles Lebens. Alles ist Grad und Stufe, aber was Liebe gestaltet hat, ist unvergänglich, und aus ihr bildet sich alles hinauf aus dem Mutterschoß zum Ich. Man muß das ahnen und nicht begreifen wollen, denn es ist etwas vom Großen und Grenzenlosen, ein Teil von Gottes Gedanken, die am zerstörten Tempel bauen.«

Es war gut für die kleine Veronika, daß sie das hörte. So war das Dunkel ihres dunkelsten Tages nicht ohne Licht, und allmählich schaute sie, wenn sie an Mutzeputz dachte, einen Garten des Friedens, und ihre Seele baute an einer Brücke zu ihm. Aber der Sommer ihrer Kinderzeit war nun vorüber, das wußte sie. Jetzt war es Winter geworden, mit Schnee und Eis. In den großen Kachelöfen brannte das Feuer, und es warf seinen zuckenden Schein in die Dämmerung im Hause der Schatten und über seine vielen Schwellen und Stufen. Das Haus der Schatten war eingeschneit. Der nordische Winter ist lang und hart, und es ist nur gut, daß die Sterne so klar an seinem Himmel leuchten.

Ach, kleine Veronika, über eine schwere, dunkle Schwelle bist du gegangen, aber es sind noch viele andere Schwellen und Stufen im Hause der Schatten, über die du wandern mußt. Falle nicht, kleine Veronika, und denke daran, daß auch über dem Hause der Schatten die ewigen Sterne stehn.

Es ist Winter geworden. Aber ist im Winter nicht Karneval? Die Geigen singen, die Flöten locken, und durch den fernen Trommelwirbel klingen die Schellen – der Maskentanz des Lebens beginnt! Hat er nicht auch für dich begonnen, kleine Veronika? Ist es nicht so, als ob die Menschen allmählich ein anderes Aussehen gewinnen? Sie tragen fremde Trachten, schöner oder häßlicher als bisher, und sie haben Masken vor dem Gesicht, die sie früher nicht hatten. Oder sahst du nur bis zu dieser Stunde die Maske, und die Menschen haben sie jetzt abgenommen und schauen dich an, wie sie wirklich sind? Ach, kleine Veronika, man weiß das so selten im Leben, ob jemand die Maske trägt oder ob er sie ablegt. Und wann legt man selber die Maske vor und wann nicht? Der Karneval des Lebens ist ein verworrener Tanz. Wir lachen und weinen, wir hoffen und irren, wir hassen und lieben in seinem bunten Reigen, aber wissen wir es, wer wir selbst und wer alle die anderen sind? Es gibt so viele Masken, wer will sich da hindurchfinden? Es ist oft sehr schwer, kleine Veronika, und die Stunde, die uns wirklich alles ohne Masken zeigt, ist unsere letzte Stunde, und dann tanzen wir nicht mehr mit im Karneval des Lebens.«

Es war Winter, und über vieles war der Schnee gefallen.

Aber die Geigen sangen, die Flöten lockten, und im fernen Trommelwirbel klangen die Schellen. Im Winter ist ja Karneval, nicht wahr? War es da nicht verständlich, daß Ulla Uhlberg zum Maskentanz nach Schloß Irreloh geladen hatte?

Veronika hatte sich zum Fest auf Irreloh angezogen. Sie stand vor dem Spiegel und reckte die Glieder, als gelte es einen Kampf. Sie sah sieghaft jung aus in ihrem bunten Kleide, und Magister Mützchen saß in einer Pappschachtel daneben und betrachtete Veronika voller Wohlwollen. Ein feiner, goldener Schmuck, wie ihn einst die Florentiner Damen trugen, zog sich wie ein blitzender Faden durch Veronikas Haar. Karoline hatte zwar zu diesem Zweck ihre sämtlichen bedruckten Kopftücher zur Verfügung gestellt, aber Karolines Kopftücher waren jenseits aller Kulturen und jedes Stils, und man hatte ihr das schonend ausgeredet. Peter und Zottel standen ein wenig abseits und bewunderten Veronika. Zottel war es freilich einerlei, wie Veronika gekleidet war, die Tiere sind uns ja immer gleich gut, ob wir im Königsgewand oder in Lumpen einhergehen. Aber Peter fand Veronika über alle Maßen schön, und fast bedauerte er es, nicht auch zum Maskentanz von Irreloh zu gehen. Ulla Uhlberg hatte ihn zwar eingeladen, aber er war zu scheu, um sich unter so viele fremde Menschen zu wagen.

»Du bist wunderschön, Veronika«, sagte er versunken.

Veronika freute sich und nestelte etwas verlegen an ihrem Schmuck.

War Peter nicht auch anders geworden, als in der Kinderzeit? Trug auch er eine Maske? Die Geigen sangen, die Flöten lockten, der Karneval des Lebens hatte begonnen. Und sahen nicht auch andere in ihren Augen anders aus als früher, zum Beispiel Onkel Johannes? Veronika dachte darüber nach. Dann warf sie den Kopf zurück.

»Ich muß doch nett aussehen, wenn ich nach Irreloh gehe«, sagte sie.

»Die Männer werden staunen, wenn sie dich sehn, Veronika«, meinte der blöde Peter.

Es war ein seltsamer Unterton in seiner Stimme. Veronika fühlte es wohl.

»Ich mache mir nichts aus den Männern«, sagte sie hochmütig.

»Auch aus mir nicht, Veronika?« fragte Peter leise.

»Ach, du«, meinte Veronika lachend, »dich rechne ich doch gar nicht dazu, wenn ich von den anderen rede.«

Es war gut gemeint, was Veronika dem Spielgefährten sagte. Aber Peter empfand das Ausschließende der Worte darin, er wußte es ja, daß er nicht zu den anderen gehören konnte. Er senkte den Kopf, und seine Hand griff hilfesuchend in Zottels Fell, wie er es stets als Knabe getan hatte, wenn er einen Halt suchte. Der Hund war alt geworden mit Peter, und er kannte jede Regung in der verschüchterten Seele des Blöden.

Veronika begriff, daß sie Peter gekränkt hatte.

»So mußt du das nicht auffassen, Peter«, sagte sie herzlich, »du und ich, wir stehen doch wie immer zueinander, und es wäre überhaupt viel netter, wenn du auch mitkommen würdest. Dann könntest du mich beschützen.«

»Onkel Johannes ist ja dort«, sagte Peter.

Über Veronikas Gesicht flog eine feine Röte.

»Ach ja«, sagte sie befangen, »natürlich ist Onkel Johannes dabei.«

Magister Mützchen guckte aus seiner Pappschachtel heraus und grinste. Veronika fand, daß Magister Mützchen in der letzten Zeit dazwischen ein wenig frech wurde.

»Du siehst aus wie eine Königin, Veronika«, sagte Peter mühsam – es war ihm schwer, die Worte zu formen für das, was er sagen wollte. »Ich würde ein Gedicht auf dich machen, wie es die Ritter für ihre Königinnen taten. Aber ich kann das nicht. Ich kann ja noch immer nicht schreiben. Ich male nur so die Buchstaben einzeln hin, aber ich kann sie nicht verbinden, nein, ich kann es nicht, es fehlt mir da immer etwas. Ach, Veronika, es ist mir oft so, als ob eine Nacht um mich ist. Ich kann es nicht anders beschreiben, aber so ungefähr ist es.«

Peter sah sehr traurig aus.

Veronika faßte seine Hände und blickte ihm gerade in die Augen, die sich langsam mit Tränen füllten.

»Es wird einmal Morgen werden, Peter, glaube es mir.«

»Ich glaube es«, sagte der blöde Peter andächtig.

Wenige Minuten darauf fuhr Veronika im Schlitten in den Winterabend hinaus nach Schloß Irreloh.

*

Kennt ihr die nordische Winternacht? Wißt ihr, was es heißt, auf blanken Kufen lautlos über einen Teppich von glitzerndem Schnee zu gleiten? Alles ist weiß und weit, und wo es endet, ist bläuliche Dämmerung, die mit goldenen Sternen bestickt ist. Schwer beugen sich die Tannenäste unter der Last des Schnees, und wenn ihr an einsamen Gehöften vorbeifahrt wie ein huschender Schatten, so glüht ein gedämpftes Licht aus dem Fenster, und an den verschneiten Dächern hängen blitzende Eiszapfen. Alles ist seltsam verschleiert, gleichsam nur halb vorhanden und mit einem Mantel aus abertausend Kristallen bedeckt. Aber es ist der Königsmantel des Märchens, es glänzt in ihm von unzähligen Diamanten, und unter ihm atmet das Ja des Lebens in der schneidenden Kälte so heiß wie noch nie. Es ist einem, als wäre nichts unmöglich, als müßten verwunschene Wunder und blaue Blumen aus Eis und Schnee erblühen. – und man gleitet immer weiter und weiter ins Grenzenlose! ...

So fuhr Veronika nach Schloß Irreloh.

»Karneval in Florenz« hatte Ulla Uhlberg ihr Fest genannt, und die vielen bunten Masken im kerzenschimmernden Saal sollten den Süden in die Schneenacht Irreloh bringen. Kostbare Blumen aus den Treibhäusern hatte sie kommen lassen, sie neigten die Kelche in geschliffenen Vasen und hauchten den Duft des Sommers in die Herzen und Sinne der Menschen.

Aber Irreloh war nicht Florenz. Hingen nicht in den alten Gängen und Hallen noch welke Kränze aus vergangener Zeit, unsichtbar von unsichtbaren Händen gewunden? Seltsam mischte sich ihr Modergeruch mit dem Atem der frischen Blüten, aber man achtete nicht darauf. Zuckte nicht auch ein irrer Feuerschein durch die festlichen Kerzen und lösten sich nicht schleichende Schatten von den grauen Wänden, um sich in den Tanz der Lebendigen zu reihen? Las niemand die Zeichen und Lettern von Irreloh?

Ach, Ulla Uhlberg, Irreloh ist nicht Florenz. Aber du hast die Geister von allen beiden gerufen, nun stehen sie um dich herum und tanzen mit dir. Sieh zu, wie du mit ihnen fertig wirst. Will nicht ein jeder etwas von deiner Seele? Hast du nicht ihnen allen flammende Kerzen entzündet und blühende Blumen zugeworfen? Die Geigen singen, die Flöten locken, und an bunten Festgewändern klingen die Schellen. Aber ferne singt die Brandung ihr Lied. Denke daran, Ulla Uhlberg. Ist nicht, mitten im Taumel des wirren Tanzes, ein Weinen in den Geigen, ein Klagen in den Flöten und in den Schellen ein Ton wie von zerbrochenem Glas? Ach, wer mag daran denken! Heute ist ihr Fest, das sie ihm bereitet, heute wie einstmals vielleicht – der Karneval von Florenz!

Auch Veronika tanzte unermüdlich, mit der ganzen Jugendkraft des ersten Erlebens, und es freute sie, daß sie begehrt war und daß sie gefiel. Oft erschien es ihr auch, als wäre es nicht zum ersten Male, daß sie in solchem Gewand und mit dem schimmernden Schmuck in den Haaren im Kerzenschein des Festsaales tanzte – war das nicht schon einmal gewesen, vor langer Zeit? Verschleiert, kaum greifbar, stieg eine ferne Erinnerung in ihr auf aus jener Traumnacht, die mit dem schrecklichen Mann in der roten Mütze und mit dem Lied der Marseillaise begann. War nicht eines jener Bilder, in das sie eintauchte, Florenz gewesen, und waren nicht Onkel Johannes und Ulla Uhlberg dabei, wie heute? Ja, ihr schien es, auch Ulla Uhlberg wäre dabeigewesen, ganz ähnlich wie heute, und in einem gleichen Kleid. Aber die Geigen sangen, die Flöten lockten, und Veronika dachte nicht mehr an die Nacht der vielen Bilder. Heute war sie ja hier auf Irreloh, heute war sie jung und froh und glücklich. Was sollte sie da an anderes denken? Nur flüchtig, auf einen Augenblick, kam ihr der Gedanke an den Spielgefährten, der einsam zu Hause geblieben war. Er tat ihr leid, aber es war doch gut, daß er nicht mit hierhergekommen war. Den armen Blöden hätten die Menschen auch unter der Maske erkannt. Sie aber hatte der Karneval des Lebens ergriffen, und sie gab sich ihm hin mit allen Sinnen, und wenn gar Johannes Wanderer mit ihr tanzte, dann war es ihr, als versänken die Menschen, die Kerzen und Blumen um sie, und die Zeit stände still.

Ach, kleine Veronika, die Zeit steht niemals still – und die Uhren von Irreloh schlugen Stunde um Stunde ...

Veronika war unter den letzten Gästen, die gingen.

Sie sah sich vergeblich nach Johannes Wanderer um. Vielleicht war er in einem anderen Gefährt, es waren so viele. Die Pferde zogen an, und der Schlitten glitt in die Winternacht. Veronika fröstelte, und sie schlang sich ihr Seidentuch enger um Hals und Schultern. Ihr war es, als habe sie Fieber.

Der Schnee fiel in großen Flocken.

*

Im Saal von Irreloh war jene fahle Stimmung erlöschender Kerzen und welkender Blumen, in der alle rauschenden Feste enden. An den Karneval des Lebens reiht sich immer der Aschermittwoch. Auf dem Brokat der Möbel lag hier und da eine vergessene Maske. Wie viele hatten heute die Maske wirklich abgelegt, wie viele hatten sie vor dem Gesicht behalten? Wie fremd sind sich fast alle die Menschen, die singende Geigen und lockende Flöten zusammengerufen für einige flüchtige Stunden!

Ulla Uhlberg stand vor Johannes Wanderer. Sie waren allein im Saal.

»Johannes«, sagte sie, »komme noch einen Augenblick zu mir hinauf. Ich will diesen Tag mit dir beschließen. Es war ja unser Karneval, der Karneval von Florenz!«

Johannes Wanderer folgte ihr schweigend.

Ulla Uhlbergs Boudoir war in zartem Rot gehalten. Alte italienische Möbel standen darin, und ihre goldenen Beschläge blitzten im Kerzenschein des Kronleuchters. Vor einem Ruhebett reckten rote Rosen die Kelche aus einer kristallenen Vase. Es war sehr still im Raum, jene Stille der Übermüdung war über allem, in der man sich danach sehnt, auszuruhen und irgendwo geborgen zu sein.

»Johannes«, sagte Ulla Uhlberg, »war dies nicht wirklich der Karneval von Florenz? War das alles nicht schon einmal, und wir beide waren dabei, wie heute? Weißt du es, wann das war?«

»Das ist lange her, Ulla, es war im Jahre 1527 zu Florenz.«

Ulla Uhlberg wandte sich ab.

»Das war, als die Pest nach Florenz kam, Johannes, ein schrecklicher Gedanke.«

»Du weißt gut Bescheid mit der Geschichte von Florenz, Ulla.«

Ulla Uhlberg lächelte.

»Wie sollte ich nicht? Ich habe mich viel damit beschäftigt, als ich in Italien reiste.«

»Du hast auch manches von dieser Geschichte erlebt, Ulla.«

»Meinst du die Pest von Florenz, weil du dieses Jahr nanntest?«

»Ja, Ulla, auch das.«

»Aber, Johannes, das ist ja nun gewesen, und wenn vieles schrecklich war, so war doch auch manches sehr schön, und mir ist es, als ob ich mich daran erinnere. Können wir nicht ein Stück von diesem Wege wieder zusammengehen?«

»Es ist nicht gut, Ulla, wenn man zurückgeht. Wenn man sich wiederfindet aus alten Zeiten, muß man vorwärts schauen und Neues baun.«

»Ist es denn unrecht, Johannes, eine glückliche Stunde zurückzurufen?«

»Ein Unrecht ist es gewiß nicht, Ulla, es wäre ja töricht, zu denken, daß geistige Gesetze nach dem engen Maßstab von Spießbürgern messen. Ein Unrecht tritt nicht zwischen klare Seelen, aber es ist jetzt vielleicht unwesentlich, was damals wesentlich war. Und ruft man eine Stunde wieder, kommt manches ungerufen mit.«

Ulla Uhlberg neigte den Kopf in königlicher Demut, wie es nur innerlich große Frauen verstehn.

»Mir ist es heute noch wesentlich«, sagte sie leise, »küsse mich noch einmal, wie damals, Johannes.«

Da beugte sich Johannes Wanderer herab und küßte Ulla Uhlberg.

Fern schlug eine Uhr. Eine Rose schwankte im kristallenen Kelch und streute ihre Blätter lautlos auf den Boden.

Johannes Wanderer ging allein in die kalte klare Winternacht hinaus. Es hatte aufgehört zu schneien, und die Sterne standen golden am Himmel.

Ulla Uhlberg war in ihrem Boudoir zurückgeblieben und träumte mit halb geöffneten Lippen lange vor sich hin. Ihr Fuß berührte die Rosenblätter auf dem Teppich.

Dann erhob sie sich und dehnte sieghaft die Glieder vor dem hohen Spiegel. Ja, sie war schön, heute wie damals, sie war die vornehme Florentiner Dame aus jenen Jahren – wann war es doch? Um 1527 hatte Johannes gesagt. Heute war ihr Karneval gewesen, der Karneval ihres Lebens, der Karneval von Florenz!

Noch einmal wollte sie ihr eigenes Bild betrachten, das Johannes berauscht hatte, ihn, den sie damals liebte und heute und immer lieben würde. Und war es ein Rückweg – sie konnte sich keinen schöneren denken! Oder war es unwesentlich, wie Johannes meinte? Ach, nein, das war es ihr ganz gewiß nicht.

Ulla Uhlberg lachte glücklich und schaute in den Spiegel hinein.

Aber es war nicht ihr Bild, das ihr der Spiegel zurückwarf. Ein dürres Gerippe in Lumpen stand darin, mit einer Geißel in der gelben Knochenhand und mit einer Maske vor dem Gesicht. Nun nahm es die Maske ab, und ein gräßlicher Totenkopf starrte sie an aus leeren Augen. Die Pest von Florenz!

Ulla Uhlberg schrie auf und flüchtete in ihr Schlafzimmer.

Diese Nacht war keine Karnevalsnacht, und Ulla Uhlberg träumte nicht von den Küssen des Geliebten. Sie sah Fackeln in dunklen Gassen, vermummte Gestalten, die verhüllte Bahren trugen, und sie hörte die Kirchenglocken das Miserere jammern. Es war der Karneval von Florenz, den sie gerufen.

Sie erwachte früh am Morgen und versuchte den Fieberspuk der Nacht zu vergessen. Das alles war ja Unsinn und Täuschung! Wirklich waren nur die Küsse, die sie mit Johannes getauscht. Und war sie nicht jung und schön und stark genug, um allen Gespenstern die Stirn zu bieten?

Sie schaute zum Fenster hinaus. Vielleicht, daß sie noch die Spuren von Johannes im Schnee entdecken konnte. Er war ja durch den Park gegangen, den Weg nach dem Hause der Schatten. Aber draußen war frischer Schnee gefallen, und alles lag tief unter der weißen Decke. Wie schnell ist eines Menschen Spur verweht! Der Schnee fällt über Nacht darüber, und es ist, als wäre nie ein Fuß über diesen Boden gegangen ...

Ulla Uhlberg raffte sich auf.

Mochten die Spuren des Geliebten verschneit sein – in ihr brannten sie weiter, in ihrem Herzen schlugen die Stunden von gestern und riefen in ihrem Blut! Nur das war lebendig, alles andere war Schatten und Fiebertraum. Nein, es war kein Rückweg gewesen, sie wollte es nicht, daß es ein Rückweg war. Das gräßliche Spiegelbild der Nacht war nichts als Täuschung, es mußte Täuschung sein, und sie wollte es sich selber beweisen. Sie duldete keinen Schatten auf ihrem Sonnenweg! War es wirklich etwas mit dieser Erscheinung, so sollte der Spiegel ein Zeichen davon tragen. Den Beweis wollte sie sich holen, jetzt gleich wollte sie hingehen, und das blanke Glas würde ihr nichts zeigen, als ihr eigenes schönes, stolzes Bild!

Ulla Uhlberg stand vor dem hohen Spiegel in ihrem Boudoir und schaute hinein. Ein breiter Riß zog sich über seine kristallene Fläche, von einem Ende zum anderen.

Die Pest von Florenz hatte ihn gezeichnet.

Es war ein stiller, ein wenig trüber Wintertag nach dem Karneval auf Irreloh. Johannes Wanderer saß, in ein altes Buch versunken, allein im grünen Zimmer und las. Das grüne Zimmer war nun freundlicher und lichter geworden, und das Bilderbuch der grauen Frau führte darin nicht mehr sein unheimliches halbes Leben. Denn die graue Frau hatte das Haus der Schatten verlassen und war schon lange über die Schwelle gegangen in eine andere Welt. Es war das damals gewesen, als es hell wurde in der Kirche zu Halmar, und die Lebenden und die Toten den Gottesdienst in ihr hielten.

Jetzt trat Veronika ins grüne Zimmer, und Johannes Wanderer ließ das Buch sinken. Veronika setzte sich neben ihn.

»Störe ich dich, Onkel Johannes?«

»Nein, Veronika, aber warum siehst du so feierlich aus?«

Veronika bog den Kopf zur Seite.

»Warst du gestern noch lange in Irreloh, Onkel Johannes?«

»Nein, Veronika, nicht sehr lange. Ich ging zu Fuß nach Hause. Es war eine schöne Nacht. Ich brauchte einen anderen Eindruck nach dem bunten Gewimmel der Masken. Hast du dich gut unterhalten, mein Kind?«

»Ich glaube, ich bin kein Kind mehr, Onkel Johannes, ich bin ja auch gestern schon auf dem Karneval der Großen gewesen. Es war auch schön, nur mochte ich es nicht leiden, wenn du mit Ulla Uhlberg getanzt hast.«

»Warum soll ich nicht mit Ulla Uhlberg tanzen?« fragte Johannes Wanderer freundlich.

Magister Mützchen hockte ängstlich unter dem Bildnis der grauen Frau.

»Falle nicht, kleine Veronika«, rief er leise, »gehe nicht über diese Schwelle, es ist ein Dornenweg für dich.«

Veronika hörte Magister Mützchen nur wie aus weiter Ferne. Hochaufgerichtet stand hinter ihr der Engel mit dem Leuchter und den drei Lichtern. Die rote Flamme brannte wild und flackernd. Sie war größer als die beiden anderen. Veronika aber sah es nicht. Es ist dies so, daß das rote Licht uns die Augen blendet für die Wege und Wirrnisse des Lebens, wenn es stärker brennt als die blaue und die goldene Flamme.

»Warum, Onkel Johannes?« fragte Veronika zaghaft, »weil ich mit dir tanzen möchte, weil ich dich allein für mich haben will, weil ich dich liebe, Onkel Johannes, darum ist es.«

Ihre Lippen zitterten in verhaltenem Weinen.

Johannes Wanderer nahm Veronika vorsichtig und behutsam in die Arme, wie einen sehr zerbrechlichen Gegenstand aus feinem Kristall.

»Sieh mal, Veronika«, sagte er, »es ist sehr schön, daß du mich lieb hast, und ich liebe dich auch mehr als alle anderen. Aber ich kann ja nicht dir allein gehören, Kind. Die Menschen, die heimlich die silberne Rüstung tragen, die du ja auch gesehen hast, sind ausgesandt worden für eine Aufgabe, die sie zu erfüllen haben. Sie dürfen nicht einem Menschen allein gehören, weil sie ihrer Aufgabe dienen müssen. Das ist oft schwer für sie und andere, aber es ist eine Bürde, die sie auf sich genommen haben. Du mußt das verstehen, Veronika.«

Veronika nickte.

»Ich weiß es, daß du mich liebst, Onkel Johannes. Aber ich liebe dich noch anders. Ich liebe dich so, wie mich Peter liebt.«

Johannes Wanderer strich ihr mit einer unendlich weichen Bewegung über das Haar.

»Wir haben uns beide einmal so geliebt, Veronika. Das ist in einem früheren Leben so gewesen, in Paris. Wir wollen uns das nicht zurückwünschen. So wie es jetzt ist, so ist es für heute besser, glaube es mir.«

»Falle nicht, kleine Veronika, es sind so viele Stufen im Haus der Schatten«, flüsterte Magister Mützchen unter dem Bildnis der grauen Frau.

»Es ist dies so, Veronika«, fuhr Johannes Wanderer fort, »daß der Maskentanz des Lebens für dich begonnen hat und das rote Licht in deinem Leuchter flackert. Es muß stiller werden und sich der goldenen Flamme neigen, wie es auch das blaue Licht getan. Dann leuchten die drei Lichter in Frieden zusammen, und Gestern, Heute und Morgen ruhen in einem Schoß. Du mußt es nun versuchen, dich in deiner Seele zurechtzufinden, sonst lädst du allzu schwere Lasten auf deine Schultern, mehr, als es dir bestimmt ist. Ich weiß es wohl, daß Peter dich liebt, aber es ist das dieses Mal kein gangbarer Weg für dich an der Seite des Blöden. Auch das ist ein Gewebe aus alter Zeit, und es ist nicht die Stunde, um es zu entwirren. Und wenn du mich liebst, so wie Peter dich liebt, so ist auch dies eine Bürde, die für dich zu schwer ist. Denn siehst du, ich bin seit dem letzten Mal, als wir zusammen waren und uns liebten, den Weg um ein kleines Stück vorausgewandert. Ich schaue nun zurück und warte auf dich, bis du mir nachkommst. Dazu aber mußt du dir selbst die silberne Rüstung wirken, und das hast du ja auch gewünscht, Veronika, an dem Tage, als du in der Sonne die Burg von Montsalvat geschaut. Dazu hat Gott dich diesmal auf die Erde heruntergeschickt, und wenn es dir gelingt, so gehen wir wieder zusammen wie damals, als wir uns liebten. Ich bin heute nur dazu da, um dir zu helfen. Ich kann dir geben, was ich zu geben habe, aber ich darf kein Geschenk von dir nehmen, Veronika. Doch wir werden uns wieder eines dem anderen schenken, wenn du gelernt hast, den Gralsschild zu tragen.«

Veronika sah zu Johannes Wanderer auf.

»Ich glaube, ich kann das verstehen«, sagte sie langsam, »aber wie erringe ich Schild und Rüstung, Onkel Johannes?«

»Das ist ein schwerer Weg, Veronika, er führt über viele Schwellen und Stufen. Aber du bist ja tapfer und gut, und du bist schon eine weite Strecke dahin gewandert. Man muß auch manche Bürde geduldig tragen, wie es der alte Aron Mendel tat. Nur die Bürde, von der du eben gesprochen hast, sollst du nicht auf dich nehmen. Sie würde zu schwer für dich werden, kleine Veronika.«

Veronika schaute mit großen Augen ins Weite.

»Ich will Schild und Rüstung suchen und finden, und dann gehen wir wieder ganz und für immer zusammen, Onkel Johannes, nicht wahr?«

Da küßte Johannes Wanderer Veronika auf die Stirn, und das Bildnis der grauen Frau lächelte. Durch die Wolken draußen brach ein Sonnenstrahl und fing sich in Veronikas Haar.

*

In der Nacht sah Veronika ihren Engel vor sich stehen. Er hielt den Leuchter mit den drei Lichtern hoch über ihr. Das rote Licht flackerte und zuckte unruhevoll, wie der Herzschlag der kleinen Veronika. Aber der Engel breitete seine Hand darüber, und allmählich wurde die rote Flamme stiller und stiller. Sie neigte sich zum goldenen Licht in der Mitte, und Veronika schlief ein.

Es war diese Nacht ein großer Friede im Hause der Schatten. Aber er wurde jäh unterbrochen, und Veronika fuhr aus dem Schlafe auf.

Die Glocken von Halmar läuteten Sturm! Ein heller Schein lohte auf, wie fernes Wetterleuchten. Magister Mützchen klammerte sich ans Fensterkreuz und schaute hinaus.

»Schloß Irreloh brennt!« rief er, »die roten Gesellen haben ihr heimliches Feuer unter der Asche wieder angeschürt mit den heißen Kerzenflammen von Ulla Uhlbergs Karneval.«

Die Glocken von Halmar wimmerten und klagten laut in die kalte Winternacht. Um Ulla Uhlbergs Schloß sang die Brandung ihr altes Lied von den Gespenstern, die um verlorenes Strandgut irren, und vom Turm herab warfen die roten Gesellen von Irreloh den grellen Schein ihrer Brandfackeln weit ins Land hinaus über den weißen Schnee.


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