Manfred Kyber
Die drei Lichter der kleinen Veronika
Manfred Kyber

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2. Das Haus der Schatten

Am anderen Morgen erschien es der kleinen Veronika, als habe sie sehr tief geschlafen und als sei eine lange Zeit vergangen zwischen gestern und heute, nicht nur eine einzige Nacht. Und ihr war, als wäre sie zu einem neuen Leben in eine neue Welt geboren. Das kam, weil sie zum ersten Male im Hause der Schatten wirklich erwacht war. Gewiß hatte sie schon vorher im Haus der Schatten gewohnt, aber es war dies mehr eine körperliche Anwesenheit als eine seelische gewesen. Gelebt hatte sie im Garten der Geister, und im Hause der Schatten war sie nur halb bewußt umhergegangen – es war ihr nur etwas Gelegentliches gewesen, an das sie sich nicht gebunden fühlte. Doch nun war die Dämmerung gekommen, der Garten der Geister war im Schleier verschwunden, und das Haus der Schatten trat in ihr Bewußtsein. Das ist eine der Schwellen im menschlichen Dasein, und wir müssen sie alle überschreiten. Nur vergessen die Menschen das alles, sie vergessen, daß sie im Garten der Geister waren, und lächeln ungläubig, wenn ihnen jemand davon erzählt – ja, viele vergessen es auch, was sie später im Hause der Schatten erlebten, und sie denken dann, im ganzen menschlichen Dasein sei nur das wirklich vorhanden, was zu greifen ist und was nur dieser Welt angehört. Das eigentliche Leben aber spielt sein buntes Spiel mit all seinen Farben hinter den Dingen, die greifbar sind, und das Schicksal webt seine unsichtbaren Fäden zwischen dem Garten der Geister und dem Haus der Schatten und seinen vielen seltsamen Bildern. Man muß schon ein wenig vom Garten der Geister und vom Haus der Schatten in seiner Seele behalten, sonst findet man sich später nicht zurecht in den Wirrnissen des Daseins, und man muß an seine drei Lichter auf dem Altar des Lebens denken, sonst fällt man über die vielen Schwellen und Stufen, weil es dunkel ist und man sie nicht sieht.

Denn es ist ja ein jedes Haus ein Haus der Schatten, und es war nicht nur die kleine Veronika, die in einem Haus der Schatten lebte. Wir alle wohnen darin, wo wir auch sein mögen auf dieser Erde, und wir alle wandern über Stufen und Schwellen, die wir nicht sehen und die nur ein inneres Licht erleuchtet. Es ist schwer, über Schwellen und Stufen zu wandern, es ist traurig, in den Häusern der Schatten zu leben – vielleicht am schlimmsten für die, welche es gar nicht bemerken.

Es ist auch nicht immer so gewesen. Es war eine Zeit, von der noch alte Sagen und Märchen erzählen, da wohnten die Menschen in Tempeln und lichten Hütten. Das war in der Menschheit Jugendland. Aber dann stiegen die Menschen hinunter ins Dunkel, und aus ihren Taten woben sich Schicksale und bauten sich die Häuser der Schatten. Ihr alle, die ihr heute atmet, wohnt in ihnen, und es ist sicherlich oft sehr schwer und bedrückend, in ihnen zu wohnen. Und doch müßt ihr nicht traurig sein. Denkt an die kleinen Flammen, die euch allen leuchten wie die drei Lichter der kleinen Veronika – denkt daran, ihr, die ihr heute atmet, und durchleuchtet mit ihnen die Häuser der Schatten. Dann werden es einmal wieder Tempel und helle Hütten sein, in denen ihr wohnt.

Das sind freilich weite Wege, von einer Ferne zur anderen. Aber glaubt nicht, daß ihr sie umsonst gewandert seid. Die Tempel und hellen Hütten, die ihr im Jugendlande der Menschheit bewohnt habt, die hattet nicht ihr gebaut, und ihr lebtet darin wie die Kinder im Garten der Geister. Doch die neuen Tempel und die neuen Hütten, die aus den Häusern der Schatten erwachsen sollen, die werdet ihr selber gebaut haben mit euren eigenen Gedanken, und ihr werdet darin erleben, was bewußte Kindheit ist. Bewußte Kindheit ist Seligkeit.

Glaubt ihr nicht, daß es sich lohnt, dafür über viele Stufen und viele Schwellen zu gehen, auch wenn es ein weiter Weg ist von einer Ferne zur andern?

Es ist eine Ferne, die war, von der wir kommen.
Es ist eine Ferne, die sein wird, zu der wir wandern.
Baut ihr Tempel und helle Hütten, ihr, die ihr heute atmet.

Das alles wußte die kleine Veronika nicht, als sie im Hause der Schatten erwacht war. Sie war noch klein, wie sollte sie das wissen? Vielleicht ahnte sie es, denn ihre drei Lichter brannten, und ihr Engel hielt seine Hand über sie. Sie selber dachte nicht weiter daran und sah es auch nicht, denn es ist nicht immer, daß wir unseren Engel sehen und die drei Lichter, die uns leuchten.

Aber sonst schaute die kleine Veronika eine Menge neuer Dinge im Hause der Schatten. War es ihr doch, als sei sie zum ersten Male darin erwacht und als öffne sich eine neue Welt mit vielen verworrenen Gängen und geheimnisvollen Türen vor ihren Augen. Die himmlischen Augen zwar hatten sich geschlossen, die in den Garten der Geister blickten, aber die Augen, welche die Schwellen und Stufen im Hause der Schatten sehn, begannen sich nun bei ihr zu öffnen. Es ist dies ein kleiner Anfang von dem, was die Augen der Tiefe sind. Bei den meisten Menschen schlafen auch diese Augen wieder ein. Darum verstehn sie das Leben nicht, denn das Leben liegt hinter den Dingen, und sein Weg ist eine ungreifbare Straße.

Viele Stufen und Schwellen sah die kleine Veronika. Man konnte gar nicht so einfach und unbehindert durch die Zimmer eilen wie früher, als man noch halb bewußt darin wohnte. Doch sie gewöhnte sich ziemlich schnell daran. Wenn man aufpaßte, ging es ganz gut, und man sprang einfach darüber weg. Nur wenn die Stufen steil und hoch waren, spazierte man lieber darum herum. Mit großer Geschicklichkeit turnten Mutzeputz und Magister Mützchen darüber hinweg, als wäre es gar nichts, oder sie schlüpften vergnüglich darunter durch. Nun muß man ja freilich bedenken, daß die Schwellen und Stufen für Mutzeputz und Magister Mützchen bei weitem nicht so gefährlich und bedeutungsvoll sind wie für ein Menschenkind, das gar zu leicht mit seinen Schicksalsfäden daran hängenbleiben und zu Fall kommen kann.

Übrigens vertrugen sich Mutzeputz und Magister Mützchen ausgezeichnet. Es machte den Eindruck, als wenn sie sich schon seit langem kannten, und das war ja auch richtig, denn beide wohnten schon bei weitem länger im Hause der Schatten, als es die kleine Veronika bewußt getan hatte. Denn das war ja eigentlich erst seit gestern nacht, als ihre drei Lichter angezündet wurden. Ja, von Magister Mützchen konnte man beinahe annehmen, daß er schon viele hundert Jahre hier beheimatet sei, und wenn er auf seinen dünnen, verstaubten Beinen überall umherhüpfte, sah es oft so aus, als wäre er aus dem alten Mauerwerk hervorgegangen und als wären seine Hosen und sein Röckchen aus grauem Spinnweb gemacht. Nur der rote Hut übte eine überzeugend starke Eigenwirkung aus und wies darauf hin, daß sein Träger doch wohl ein selbständiges Geschöpf sein müsse. Sehr innig mit dem Hause der Schatten verwachsen war er aber unbedingt, er kannte auch alle Schlupfwinkel und machte auf eine jede Sehenswürdigkeit aufmerksam wie ein erprobter Führer. Wie anschaulich konnte er zum Beispiel erklären, daß es dem Holzwurm im alten Schrank auf ein ganz bestimmtes, überaus gefälliges Muster bei seiner Arbeit angekommen wäre – wie sicher wußte er zu begründen, warum die Spinne sich gerade in jener Ecke ihr Netz gesponnen habe, warum hier ein Mauseloch sein müsse und dort eine gebrechliche Stelle in der Wand.

Er zeigte Veronika alle die vielen Zimmer und Gänge, und sie sah sie gleichsam zum ersten Male, denn bisher war sie nur darin gewesen, aber sie hatte sie nicht erlebt. Nun aber bemerkte sie, daß sie alle verschieden waren: In dem einen war es warm und hell, selbst dann noch hell, wenn die Fensterläden geschlossen waren, denn es war hier eine innerliche Helligkeit – in dem anderen Zimmer aber fröstelte es einen sogar im heißen Sommer, und es war dunkel darin, auch wenn die Sonne flutend hereinschien. Jedenfalls fühlte man das so deutlich, daß gar kein Zweifel darüber bestehen konnte. Mit dem Hausrat und mit den Bildern war es ganz ähnlich. Auch sie waren hell oder dunkel, warm oder kalt, und es gab Sachen darunter, die man lieber gar nicht anrühren mochte. In der Nähe solcher Dinge waren auch immer besonders viele Stufen. Wie war das alles sonderbar!

Am seltsamsten aber schien es der kleinen Veronika, daß sie nicht mehr so frei war wie damals im Garten der Geister, wo man so viele Stimmen hörte und so viele Bilder sah, aber doch immer ganz aus sich selbst heraus wählen konnte, wohin man gerade Lust hatte zu gehen. Im Haus der Schatten aber wurde man stets ein wenig geschoben, nicht körperlich, aber doch immerhin sehr merklich. Gewiß, man brauchte nicht allemal nachzugeben, aber man tut es allzu leicht, denn das ist ja naheliegend, wenn es einen plötzlich an die Schulter tippt und irgendwohin schiebt. Manchesmal bemerkte Veronika auch, wie Magister Mützchen sie ablenkte, wenn es sie in dieser Weise fortziehen wollte. Sehen konnte man niemand, der das tat, man konnte es nur fühlen, wie man Strömungen fühlt in einem Flusse, in dem man schwimmt. Es war ganz lustig, so angetippt und leise hin und her geschoben zu werden, es war voller Leben und gleichsam eine Einladung nach der anderen. Man wollte eigentlich nicht selbst – es wollte in einem –, und überall gab es ja auch etwas zu sehen.

Ach, kleine Veronika, es wird nicht immer so lustig sein, geschoben zu werden. Über viele Stufen wird es dich ziehen, die steil und mühsam sind, und über manche Schwelle wird es dich zwingen, vor der dir graut.

Jetzt fühlte Veronika wieder, wie es sie leicht an der Schulter berührte und mit sich zog. Sie folgte durch einige Zimmer und Gänge, indessen Magister Mützchen ein wenig ängstlich um sie herumhüpfte. Es war, als wolle er sie zurückhalten, denn immer wieder sprang er ihr in den Weg, aber offenbar konnte er nichts dagegen machen – es gab eben starke Gewalten im Haus der Schatten. Wer wußte das besser als Magister Mützchen? Er hatte ja schon viele hundert Jahre hier gewohnt.

Die kleine Veronika schritt durch den langen, etwas düsteren Saal, der nur selten benutzt wurde und in dem die alten Möbel steif und feierlich standen; und nun war eine Tür vor ihr, durch die sie noch niemals gegangen war. Die Türe war angelehnt, und drinnen im Zimmer schien sich niemand zu befinden. Veronika begann das Herz zu klopfen, sie wußte selbst nicht warum. Angst hatte sie eigentlich nicht.

»Es schiebt mich so wunderbar dort hinein«, sagte sie und sah Magister Mützchen dabei an. Mutzeputz konnte sie eben nicht um Rat fragen, er war beruflich verhindert und sah irgendwo nach, ob alles in Ordnung war.

»Das ist das grüne Zimmer«, erklärte Magister Mützchen, »es sind viele Bilder darin, aber keiner im Hause mag es leiden. Es wäre besser, Veronika, wenn du noch nicht über diese Schwelle gehen würdest. Auch Mutzeputz ist durchaus gegen dieses Zimmer eingenommen, er hat sich sehr abfällig darüber geäußert. Ja, ich hörte einmal, wie er sagte, sogar die Mäuse wären dort ausgezogen. Ich möchte dir das Nähere nicht erläutern, es ist besser, wir gehen zu deinen Puppen und du machst mich mit ihnen bekannt.«

Die kleine Veronika aber zog es seltsam stark in das grüne Zimmer. Vorsichtig öffnete sie die Türe ein wenig weiter und schlüpfte hindurch.

Die Fensterläden waren geschlossen, und man mußte sich erst an das Halbdunkel gewöhnen, das darin war. Vereinzelte Sonnenfäden spannen sich durch die Dämmerung, sie blitzten hier und dort an den blanken, bronzenen Beschlägen und dem grünen Brokat der Möbel auf oder malten helle Flecke auf die verblichenen Farben alter Bilder. Es hingen viele Bilder an den Wänden, die Frauen und Männer in sehr verschiedenen Trachten darstellten, und alle sahen sie Veronika an. Es war ein bißchen ungemütlich hier.

»Wir wollen nun wieder gehen«, erinnerte Magister Mützchen und zupfte Veronika am Kleid.

Doch zum Gehen war es zu spät.

»Guten Tag, Veronika«, sagte eine Stimme hinter ihr.

Veronika sah sich um. Eine junge, schöne Frau stand vor ihr, aber keine richtige Frau, wie sie sonst welche gesehen. Die Frau war gleichsam aus grauem Rauch gebildet, und als Veronika sie betrachtete, bemerkte sie, daß es die gleiche schöne Frau war, vor deren Bildnis sie stehengeblieben war. Nur war sie ohne alle Farben, die sie auf dem gemalten Bilde an sich hatte.

Veronika war etwas erschrocken, aber eigentlich nicht sehr. Es kam ihr das nicht sonderbarer vor als Magister Mützchen oder die vielen Schwellen und Stufen, die sie sah. Es gab ja überhaupt eine Menge Tanten. Warum sollte es nun nicht einmal auch eine solche geben, die ein bißchen durchsichtig und nebelig war? Sie sah ja auch sehr freundlich aus, und man brauchte gewiß keine Angst zu haben.

»Das ist hübsch von dir, daß du mich besuchen kommst, kleine Veronika«, sagte die graue Frau und lächelte. Es war ein schönes, gewinnendes Lächeln, ganz ähnlich, wie das alte Bild im Goldrahmen lächelte. Man vergaß das so leicht nicht wieder.

Veronika fand Gefallen an dieser Tante. Außerdem war sie so spaßhaft angezogen, ganz anders, als zum Beispiel Mama oder Tante Mariechen.

»Bist du es, die mich gezupft hat, so daß ich herkommen mußte?« fragte Veronika.

»Ich war es nicht, aber etwas von mir hat dich herangezogen«, sagte die graue Frau, »ich wollte dich gerne näher kennenlernen, wir sind ja Verwandte, kleine Veronika.«

»So«, meinte Veronika nicht eben höflich und guckte sich die graue Frau genauer an. Es war also doch eine richtige Tante, und es gab verschiedene Tanten, farbige und graue, körperliche und nebelige. Es war nur gut, daß man das wußte.

»Falle nicht, kleine Veronika, es gibt hier so viele Stufen und Schwellen«, sagte die graue Frau und setzte sich auf einen alten Stuhl mit hoher Lehne. »Du kannst dir hier alles betrachten, wenn es dir Spaß macht, nur mußt du etwas vorsichtig sein.«

»Ich gebe schon acht«, meinte Veronika, »Magister Mützchen ist auch dabei und sieht nach mir, es kann mir gar nichts geschehen.«

Magister Mützchen lief emsig hin und her und schlenkerte voller Unruhe mit den dünnen Ärmchen.

»Ach, kleine Veronika, immer kann Magister Mützchen dir nicht helfen«, sagte die Frau und seufzte.

»Warum sperrst du dich eigentlich hier im grünen Zimmer ein, das ist doch langweilig?« fragte Veronika, »ich habe dich noch nie wo anders gesehen. Spazierst du gar nicht einmal durchs Haus oder in den Garten?«

»Ich bin lange nicht ausgegangen, Veronika.«

»Du mußt mehr spazierengehen, es ist nicht gesund, immer in dem dumpfigen Zimmer zu sitzen«, sagte Veronika und kam sich sehr klug dabei vor, die neblige Tante zu beraten.

»Ich kann wohl fortgehen, Veronika, aber ich muß immer wiederkommen. Ich muß über diese eine Schwelle gelangen, siehst du, und ich kann es nicht. Nein, ich kann es nicht!«

Die graue Frau im Sessel sank in sich zusammen, und ihr Gesicht hatte einen so gequälten Ausdruck angenommen, daß es Veronika ehrlich leid tat.

»Ich kann gerade an dieser Schwelle, auf die du zeigst, nichts Besonderes finden. Die ist gar nicht so hoch und eklig, als du es dir denkst. Paß einmal auf, wie ich über sie hinüberspringe!«

»Tu das nicht, Veronika«, rief Magister Mützchen, »über diese Schwelle sollst du jetzt nicht mehr gehen, sonst gleitest du wieder in den Garten der Geister und zur silbernen Brücke. Du bist ja eben erst daher gekommen, und es wäre zu früh, schon heute zurückzukehren. Du mußt nun geduldig sein und eine ganze Weile im Haus der Schatten bleiben. Es sind viele andere Stufen und Schwellen da, über die du künftig gehen mußt.«

Veronika trat gehorsam von der Schwelle zurück.

»Soll denn die graue Tante da hinüber?«

»Sie sollte es wohl, aber sie kann es nicht«, sagte Magister Mützchen leise, »bei ihr ist es etwas anderes, sie ist schon allzulange im Haus der Schatten gewesen.«

Veronika überlief es seltsam. Das grüne Zimmer kam ihr kälter und dunkler vor als alle anderen.

»Ich möchte nicht so allein hier sein wie du«, sagte sie. Die graue Frau schüttelte den Kopf.

»Ich bin nicht einsam, Veronika«, sagte sie, »es sind noch viele andere da – schau her.«

Ein fahles, blaues Licht kroch langsam an den Wänden entlang, es füllte den ganzen Raum, und nun sah Veronika, daß die graue Frau nicht mehr allein war. Auf allen Stühlen saßen Gestalten in altmodischen Trachten, die zu der Kleidung der grauen Frau paßten. Sie redeten aber nicht und bewegten sich seltsam lautlos, wie Puppen. Manche von ihnen hatten eine große Ähnlichkeit mit den Bildern an der Wand, und ein schlanker junger Herr mit Dreispitz und Degen erinnerte Veronika ein wenig an Onkel Johannes. Aber er war doch anders. Wie sollte auch Onkel Johannes hier unter alle die fremden Leute kommen? Er saß wohl eben in seinem Gartenhause und las. Im übrigen war er es ja überhaupt nicht – doch Veronika mußte sehr stark an ihn denken.

Die vielen Gestalten, die nun auf den Stühlen saßen, erschienen Veronika aber nicht so wirklich wie die graue Frau. Gewiß, auch die graue Tante war so ein bißchen nebelig und anders, als man es sonst ist. Doch sie war da, und man konnte sich immerhin mit ihr unterhalten. Die anderen dagegen glichen luftigen Bildern, und sie sahen aus, als seien sie mit verwaschenen, blassen Strichen in den leeren Raum gemalt. Die graue Frau neigte sich jedoch bald zu dieser, bald zu jener Erscheinung und tat, als wenn sie mit jeder etwas zu sprechen habe. Sie war vollkommen damit beschäftigt und sah nicht mehr zu Veronika hin.

Mit einem Male fühlte Veronika eine eisige Kälte. Ein Grauen packte sie, sie lief zur Tür hinaus und schlug sie hinter sich zu.

Neben ihr stand Magister Mützchen.

»Siehst du«, meinte er mißbilligend, »das ist keine Gesellschaft für dich, Veronika.«

»Ich dachte es nicht, daß solche Leute hier wohnen«, sagte Veronika, »sind die denn auch richtig lebendig? Mir kam es gar nicht so vor.«

»Nur die graue Frau ist lebendig«, sagte Magister Mützchen, »die anderen sind eigentlich gar nicht da, mußt du wissen – es sind bloß ihre Gedanken, die sie immer wieder um sich herum spinnt. Sie sitzt schon lange darin und kann nicht über die Schwelle gehen. Mutzeputz und ich, wir nennen es nur das Bilderbuch der grauen Frau, aber wir sehen es beide nicht gerne.«

»Das ist kein schönes Bilderbuch«, meinte Veronika, »ich verstehe nicht, warum die graue Tante sich das so gerne besieht. Kann man ihr nicht ein anderes Bilderbuch geben?«

»Ja, siehst du, Veronika«, sagte Magister Mützchen, »in dem Bilderbuch sind die Gestalten, mit denen die graue Frau einmal hier im Hause gelebt hat, auf dieser Erde, verstehst du, so wie du jetzt auf dieser Erde bist. Nun sind sie alle gestorben, wie man das so nennt, und die anderen sind längst über die Schwelle gegangen. Nur sie hat es nicht gekonnt, und nun wohnt sie zwischen zwei Welten mit ihrem Bilderbuch. Es ist eine alte Geschichte, ich darf sie dir noch nicht erzählen, Veronika.«

»Ich mag sie auch nicht hören, ich finde dies Bilderbuch schrecklich, ich habe Angst davor und will es nicht wieder sehen.«

»Du mußt nicht ins grüne Zimmer gehen«, sagte Magister Mützchen, »du weißt es ja, daß Mutzeputz und ich nicht dafür waren. Das Bilderbuch ist nur im grünen Zimmer, wahrscheinlich sind deswegen auch die Mäuse ausgezogen. Sie waren wohl auch der Meinung, daß es nichts für ihre Kinder sei. Die graue Frau wandert hier natürlich auch sonst umher, aber das tut nichts. Vor ihr brauchst du keine Angst zu haben, sie wird immer sehr freundlich zu dir sein. Nun wollen wir zu deinen Puppen gehen, sie haben sich gewiß schon einsam gefühlt.«

»Mutzeputz wird sich um sie gekümmert haben«, meinte Veronika vertrauensvoll, »er sieht ja überall nach, ob alles in Ordnung ist.«

»Ja, auf Mutzeputz kann man sich verlassen«, sagte Magister Mützchen.

Mutzeputz rechtfertigte diese hohe Meinung. Er saß mitten unter den Puppen, als Veronika und Magister Mützchen ins Kinderzimmer traten.

»Es ist gut, daß ihr endlich kommt«, meinte Mutzeputz, »Peter und Zottel warten schon lange auf euch.« »Ich danke dir, daß du auf meine Puppen aufgepaßt hast«, sagte Veronika.

Dann reichte sie Peter die Hand.

»Guten Tag, Peter«, sagte sie.

Peter war älter als Veronika und hätte eigentlich zur Schule gehen müssen. Aber er konnte das nicht. Er war blöde und begriff unendlich schwer. So half er mitunter seinem Vater im Garten, so gut es ging, und spielte viel mit Veronika. Auch mühte sich Onkel Johannes sehr um ihn und versuchte, ihn einiges zu lehren.

Jetzt kam Zottel herbei und gab die Pfote. Zottel war Peters Hund, ein Geschöpf mit vielen langen Haaren, die ihm auch über das Gesicht hingen, so daß man meistens nur ein Auge sah. Veronika kämmte und bürstete ihn und machte ihm gern einen Scheitel. Zottel und Mutzeputz kannten und schätzten sich. Kluge und weitblickende Leute sind über Rassenfeindschaft erhaben. Dafür waren Mutzeputz und Zottel ein schönes Beispiel.

»Dies ist Magister Mützchen«, erklärte Veronika.

Zottel schaute mit einem Auge auf Magister Mützchen und wedelte mit dem Schwanz. Die Tiere sehen ja meist etwas von den anderen Welten. Aber Peter entdeckte nichts von Magister Mützchen und konnte Veronika nicht verstehen. Er war eben schon älter und hatte die inneren Augen nicht mehr, die Veronika noch besaß. Vielleicht hatte er sie auch niemals gehabt. Er war ja in vielem so schwerfällig.

»Kannst du Magister Mützchen nicht sehen?« fragte Veronika.

Peter schüttelte stumm den Kopf, und in seine Augen trat der hilflose Ausdruck, den er stets hatte, wenn er etwas nicht verstand. Seine Hand faßte zärtlich in Zottels Fell. Die große Liebe und Ergebenheit des Hundes war für den Blöden irgendwie ein Halt. Veronika war es gewöhnt, daß Peter vieles nicht sah, von dem sie redete. Sie schilderte dann geduldig Einzelheiten.

»Magister Mützchen ist klein und nett, ich habe mich lange mit ihm unterhalten. Er ist so klein, siehst du« – sie zeigte Mützchens Größe –, »er hat einen roten Hut und ganz dünne Arme und Beine. Er ist überhaupt reizend!«

Peter glaubte es. Peter glaubte alles, was Veronika sagte.

»Weißt du, Peter«, fuhr Veronika eifrig fort, um den Spielgefährten an allem teilnehmen zu lassen, »Magister Mützchen hat mir viele Schwellen und Stufen gezeigt, die hier im Hause sind. Man kann darüber fallen, wenn man nicht hinguckt. Du mußt sehr aufpassen, Peter, und dich in acht nehmen.«

Peter versprach es.

»Magister Mützchen war mit mir zusammen im grünen Zimmer, wo wir noch nie dringewesen sind. Es ist eine graue Tante da, die nett ist. Aber sie hat ein ekliges Bilderbuch, ich möchte es nicht noch einmal sehen. Ich würde es dir sonst zeigen, aber du hast wirklich nichts davon.«

»Wohnt die graue Tante immer hier?« fragte Peter.

Jede neue Person war für ihn in gewisser Hinsicht eine Schwierigkeit, bis er mit ihr vertraut geworden war. Das alles ging sehr langsam bei ihm vonstatten.

»Ja, sie wohnt hier«, sagte Veronika, »ich hatte sie auch noch nicht gesehen. Sie kommt auch nicht zu Tisch. Vielleicht ißt sie gar nichts. Sie sieht so nebelig aus und ist überhaupt ein bißchen komisch. Ich kann dir das nicht so genau sagen.«

Peter sah hilflos aus. Die Sache war ihm nicht klar.

»Ich glaube es«, sagte er.

»Mir scheint, Magister Mützchen ißt auch nichts«, meinte Veronika, »darum hat er so dünne Beine. Es sieht aber hübsch aus. Schade, daß du es nicht sehen kannst. Ob ich auch so dünne Beine bekäme, wenn ich nichts mehr essen würde?« Peter wußte das nicht. Es war dies ein ganz neues Problem für ihn.

»Wir wollen jetzt mit den Puppen spielen«, rief Veronika, »wir sitzen alle um den Tisch herum, und Mutzeputz und Zottel müssen auch dabei sein.«

»Ich bedanke mich«, sagte Mutzeputz, »ich will jetzt Ruhe haben und mich auf das Sofa zurückziehen. Ich habe die ganze Zeit deine Puppen beaufsichtigt.«

»Das ist wahr«, meinte Veronika, »ich kann mir denken, daß es dich angegriffen hat.«

Es war dies so, daß Peter nicht mehr deutlich begriff, was Mutzeputz sagte. Veronika aber verstand es noch gut, Gedanken zu hören und in Gedanken zu reden. Das war ihr noch übriggeblieben aus dem Garten der Geister.

Peter und Zottel erklärten sich bereit, alles mitzumachen, was Veronika vorschlug. Magister Mützchen stand dabei und schnitt ungeheuerliche Gesichter. Veronika sah ihm hingerissen zu.

»Es ist doch zu schade, Peter«, sagte sie, »daß du nicht sehen kannst, was für herrliche Fratzen Magister Mützchen machen kann. Es ist einfach wundervoll. Ich kenne keinen, der das so gut versteht. Aber wir sollten einmal Rechnen spielen. Magister Mützchen kann uns die Aufgaben geben, und wir wollen sehen, wer sie zuerst herauskriegt. Zum Beispiel, wenn man zwei von vier wegnimmt ...«

Rechnen war für Peter ein Greuel.

»Ich finde das sehr schwer«, sagte er.

»Hat es dir Onkel Johannes nicht angezeigt?« fragte Veronika. »Onkel Johannes kann das fein. Er macht es mit Nüssen, weißt du. Die Nüsse kann man dann essen.«

»Bei mir macht er es auch mit Nüssen«, sagte Peter, »Onkel Johannes ist sehr geduldig mit mir, und er erklärt mir das immer wieder. Er meint auch, daß es mir schließlich gut glücken wird. Aber ich spiele viel lieber etwas anderes.«

»Wir könnten ein Bilderbuch besehen«, schlug Veronika vor, »das ist hübsch, und für dich und Zottel ist es vielleicht bequemer, als wenn wir rechnen. Mutzeputz ist ja angegriffen, aber Magister Mützchen wird sich gewiß gerne die Bilder angucken.«

Peter nickte zufrieden. Er war mit allem einverstanden, wenn man ihm nur keine schwierigen Fragen stellte. Magister Mützchen war offenbar auch bereit, denn er hüpfte mit einem Satz auf das Bilderbuch, so daß Veronika lachte.

Dann fiel ihr wieder das grüne Zimmer ein.

»Glaubst du, daß die graue Tante sich immer noch ihr Bilderbuch besieht?« fragte sie neugierig.

»An dieses Bilderbuch wollen wir jetzt nicht mehr denken, Veronika«, sagte Magister Mützchen.

Das Bilderbuch der grauen Frau war aber nicht mehr im grünen Zimmer lebendig. Die Gedanken der grauen Frau waren müde geworden, und sie belebten die Reste alter, vergangener Geschehnisse nicht mehr. So war ihr Bilderbuch zerfallen, und die aufgelösten Gestalten hatten sich zu den vielen anderen Resten verkrochen, die in allen Winkeln im Hause der Schatten hingen. Man sollte sie niemals rufen, aber die graue Frau weckt sie immer wieder, wenn ihre Seele sich sehnte und suchte. Es wohnen ja so manche Tote in den Häusern der Schatten und finden den Weg nicht über die Schwelle. Sie leben in ihrem Bilderbuch, und es dauert oft lange Zeit, bis sie das begreifen.

Die graue Frau saß zusammengesunken im Sessel, und ihre feinen, blassen Hände spielten ruhelos mit kostbaren alten Ringen, die auch nichts waren als ein Schein ihrer selbst.

Vor ihr stand Johannes Wanderer. »Bist du wieder gekommen, Johannes?« fragte die graue Frau.

»Ja, ich bin gekommen, um dir zu helfen. Ich will es wenigstens versuchen. Glaubst du es nicht, Helga, daß du über die Schwelle gehen könntest? Du bist schon viel zu lange im Haus der Schatten gewesen, und so wie du lebst, bist du nicht hier und nicht dort daheim.«

»Ich ahne das manches Mal, nur ist das alles nicht deutlich genug für mich«, sagte die graue Frau. »Ich kann nichts dabei tun, und auch du kannst mir nicht helfen. Du weißt es ja nicht, was hier alles geschehen ist, oder du weißt es doch nicht so, wie ich es weiß. Ich habe das gelebt und ich muß es weiterleben. Was sollte sonst aus mir werden?«

»Das war einmal, Helga, aber es ist nicht mehr wirklich. Versuche doch, es zu begreifen, daß du mit Bildern lebst und nicht mit Menschen. Es sind die Reste im Haus der Schatten, in die du dich eingesponnen hast.«

»Wie willst du wissen, ob es war oder ob es noch ist? Ich habe noch eben erst mit allen gesprochen, die um mich herum saßen. Ich kann mich auch nicht auf etwas anderes besinnen seit der Stunde, als ich hier im grünen Zimmer das Gift nahm. Ich weiß, daß ich einschlief, und als ich erwachte, war alles so, wie es heute noch ist.«

»Das scheint dir so, Helga, weil du nicht über die Schwelle gehen konntest.«

»Saß nicht Heinrich vor wenigen Augenblicken dort, wo du jetzt stehst? Griff seine Hand nicht nach dem Degen wie damals, als er mit seinem Vetter in Streit geriet?« fragte die graue Frau.

»Heinrich ist schon lange gestorben, Helga«, sagte Johannes Wanderer leise. »Das erzählte man mir, aber wie ist das möglich? Er saß ja vor mir – oder steht er nicht noch vor mir?«

Die schönen Augen der grauen Frau schauten weit und ratlos auf Johannes Wanderer.

»Sage mir, bist du Heinrich oder bist du Johannes? Ich weiß es nie, wenn ich dich ansehe. Du bist Heinrich und bist es doch nicht.«

»Ich war Heinrich und bin Johannes. Keiner von beiden bin ich ganz. Es sind nur Wandlungen von uns selbst, Helga, die auf die Wanderschaft gehen.«

»Ich kann das schwer verstehen, aber ich rede zu dir, wie ich zu Heinrich geredet habe. Mir ist es, als könnte ich gar nicht anders. Du sprachst von der Wanderschaft – heißest du darum Johannes Wanderer?«

»Es ist dies wohl nur ein Spiel der Dinge, Helga, aber ein wenig hängt ja ein jedes Spiel mit den Dingen zusammen. Wir heißen eigentlich alle so, denn wir alle wandern von einem Leben zum andern, und wir bauen an uns und am Gebäude der Welt. Die Toten und die Lebenden sind doch nur Formen des einen großen Daseins. Aber du bist auf der Wanderung stehengeblieben. Das soll man nicht tun, Helga. Du wirst mich gut verstehen, wenn du erst über die Schwelle gegangen bist.«

»Das ist schwer zu begreifen, Johannes.«

»Es ist ganz einfach. Es scheint nur schwierig, wenn wir uns verirren, und du hast dich verirrt im Hause der Schatten.«

»Ist es denn wahr, daß Heinrich gestorben ist? Es kann ja gar nicht wahr sein«, beharrte die graue Frau, »es war gewiß töricht von mir, es damals zu glauben. Ach, es hat keinen Zweck, daß ich dich frage. Du bist ja Johannes Wanderer, was kannst du davon wissen?«

»Ich weiß es noch gut, Helga. Sieh einmal, es war so, daß Heinrich und der andere dich beide liebten, und so gerieten sie in Streit. Du aber wußtest es selbst nicht, wen du mehr liebtest. Das war hier im grünen Zimmer, nicht wahr?«

»Ja, es war hier«, sagte die graue Frau verloren, »hier an diesem Tisch war es. Heinrich stand da, wo du jetzt stehst. Ich habe es erst nachher gewußt, daß ich Heinrich mehr liebte. Aber ich war jung und dumm und eitel, und die Liebe des anderen schmeichelte mir. Am anderen Morgen haben sie sich geschlagen, draußen auf der Heide, wo die drei Birken stehn. Der andere fiel, und es war Blut an Heinrichs Degen. Ich konnte darüber nicht hinweg und habe viele Nächte wach gelegen und gegrübelt. Durfte ich ihn noch lieben oder nicht? Es war ein Toter zwischen uns. Das alles war schrecklich und verworren. Heinrich mußte darum außer Landes fliehen, es war sehr traurig, aber es war wohl besser für ihn.«

»Er ging nach Paris«, sagte Johannes Wanderer, »er hat dich später nicht mehr geliebt, Helga, nicht so, wie du denkst. Er sah es ein, daß es nur eine Leidenschaft war, ein Umweg von den vielen, die wir machen – wie hätte es auch sonst in Blut enden können? Die Liebe endet nicht so. Er liebte ein anderes Mädchen, er begriff, daß diese seine Schwesterseele war ...«

»Wie hieß sie?« fragte die graue Frau erregt.

»Ist das nicht gleichgültig, Helga? Was ist ein Name? Vergänglich wie alles andere. Nur der eine Name bleibt uns, der von Leben zu Leben geht. Damals hieß sie Madeleine de Michaille. Es ist belanglos, ich sage dir das alles nur, damit du Heinrich vergessen lernst.«

»War sie schön, und war er glücklich mit ihr?«

»Ich glaube wohl, daß sie schön war. Aber die kleine Michaille ist längst gestorben, Helga. Er war glücklich mit ihr und hat sie sehr geliebt, sie und das Leben, das so lustig war in Paris. Aber an seinem Leben war Blut, und du weißt es ja, warum. Ach, wir sind alle töricht gewesen, Helga, auch du. Er hat es gesühnt. Als die roten Horden durch die Straßen von Paris zogen, starb er auf dem Schafott, und sie mit ihm. Der Tod hat sie getraut.«

Ein Schauer überlief die graue Frau, und ihre Gestalt sank seltsam in sich zusammen.

»Das war das letzte, was ich über ihn hörte«, sagte sie, »und dann schlief ich hier ein und wachte so verworren wieder auf. Ich kann mich seitdem nicht mehr genau besinnen. Aber sie kommen ja alle jeden Tag zu mir, und wir sprechen darüber, wie es einmal war. Nur von dem, was du aus Paris erzählst, weiß Heinrich mir nichts zu sagen.«

»Weil du mit seinem Bildnis redest, nicht mit ihm«, sagte Johannes Wanderer, »du mußt versuchen, es zu verstehen, Helga. Es hängt so viel davon für dich ab, daß du es endlich begreifst.«

»Ich will mich bemühen«, sagte die graue Frau, »aber wo ist Heinrich, wenn ich nur mit seinem Bildnis spreche?«

»Er ist auf der Wanderschaft. Er ist über die Schwelle gegangen in eine andere Welt und ist über die Schwelle wieder zurückgekommen zu einer neuen Wanderung. Wir wandern alle und suchen, um zu finden. Nur du bist stehengeblieben, Helga, und hast dich verirrt.«

»Wenn du auch wanderst und suchst, was hast du gefunden, Johannes?«

»Ich habe manches gefunden, aber man muß sich bescheiden, es bleibt noch vieles übrig, was zu suchen und zu finden ist. Nur wandern muß man und nicht stehenbleiben.«

Die graue Frau stützte den Kopf in die schmalen, langen Hände.

»Du bist doch nicht Heinrich«, sagte sie, »er sprach nicht so, wie du jetzt sprichst. Ich habe viel Vertrauen zu dir, Johannes, aber lieben könnte ich dich nicht, wie ich Heinrich geliebt habe.«

»Das ist wohl richtig so, Helga. Zwischen Heinrich und Johannes liegt ein weiter Weg. Man soll ihn nicht noch einmal zurückgehen.«

»Ob du Heinrich oder Johannes bist – du lebst jetzt auf dieser Erde, und ich, sagst du, zwischen den Welten. Ich glaube das wohl, denn die anderen sehen und hören mich nicht. Wie kommt es, daß du mich hören und sehen kannst, Johannes – du und die kleine Veronika, die heute hier war?«

»Veronika ist noch nicht solange über die Schwelle zurückgekommen, Helga, und sie hat noch die inneren Augen, die hinter die greifbaren Dinge sehn. Ich aber habe auf meiner Wanderung gelernt, die Augen wieder zu erwecken.«

»Ist das sehr schwer, Johannes?«

»Ja, es ist sehr schwer. Nur wenige wollen es lernen, denn es werden große Opfer von einem verlangt. Aber wenn man es gelernt hat, ist man über manche Stufe gegangen und kann Menschen und Tieren helfen. Es ist dies eine schöne Aufgabe, und sie ist mehr wert als das, was die Menschen Glück nennen. Ich will ja auch dir helfen, Helga, du mußt es nur selber wollen.«

»Ich will es gewiß«, sagte die graue Frau, »ich sehne mich sehr nach Hilfe, lange schon. Aber es müßte schon ein Wunder geschehen, daß ich über die Schwelle gehen könnte, Johannes. Sie scheint mir sehr groß und sehr hoch zu sein.«

»Es geschehen jeden Tag Wunder«, sagte Johannes Wanderer.

»Vielleicht«, meinte die graue Frau, »aber siehst du, als wir hier zusammen lebten – ach, ich weiß ja nicht, ob du es warst oder nicht –-, wir glaubten nicht an Wunder, Johannes. Wir haben viel darüber gespottet. Wir lachten auch über die Kirche. Jetzt, wo ich zwischen den Welten lebe, bin ich oft in die Kirche zu Halmar gegangen, wo ich als junges Mädchen saß. Er waren auch andere dort, die so wie ich sind und die nicht über die Schwelle gehen können. Aber wir haben kein Wunder erlebt. Der, welcher jetzt in der Kirche zu Halmar redet, weiß nicht, was Tod und Leben ist, er kann uns nicht über die Schwelle helfen. Wir sind alle wieder traurig davongegangen, ich in das Haus der Schatten und die anderen in die alten Winkel und Gassen von Halmar, in denen sie irren und warten. Es ist kein Wunder geschehen, Johannes. Es ist dunkel in der Kirche zu Halmar, nicht hell. Wie gerne würden wir wieder hinkommen, wenn es hell würde. Aber wie sollen wir das wissen?«

»Ihr werdet es schon erfahren, wenn es hell darin wird«, sagte Johannes, »die Toten erfahren vieles und wissen von dem, was die Lebenden noch nicht sehen. Es ist auch wahr, daß in der Kirche zu Halmar kein Wunder mehr ist. Aber ihr müßt Geduld haben, Helga, du und die anderen. Wir alle müssen viel Geduld haben. Ein jeder, der Priester sein will, muß wohl erst selbst ein Wunder in sich erleben, ehe er Gottesdienst halten kann. Warte, bis der Pfarrer von Halmar ein Priester wird. Das Wunder ist noch zu jedem gekommen, der darauf wartete und es rief. Rufe es jede Stunde.«

Die graue Frau lächelte friedvoll.

»Ich will es versuchen«, sagte sie.

In das Dunkel des grünen Zimmers wob sich ein schwacher goldener Schein, und leise schloß Johannes Wanderer die Tür hinter sich zu.

*

Beim Abendessen war Veronika still und in sich gekehrt. Der Tag hatte sie müde gemacht, und sie hörte kaum, was ihre Mutter, Tante Mariechen und Onkel Johannes sich erzählten. Die drei waren Geschwister. Tante Mariechen war unverheiratet geblieben, sie war die Älteste und lebte der leiblichen Fürsorge aller, so ausschließlich, daß sie innerlich und äußerlich ein Bild dieser Tätigkeit war. Fast alle nannten sie Tante Mariechen, auch die, deren Tante sie gar nicht war. Als Veronika ihre Milch ausgetrunken hatte, sagte sie unvermittelt, halb zu sich selbst: »Im grünen Zimmer wohnt eine graue Tante.«

»Was du dir wieder ausgedacht hast, Veronika!« meinte Veronikas Mutter.

»Die graue Frau gibt es«, sagte Karoline, die gerade die Teller abräumte. Sie sagte es eigentlich nicht, sondern sie schrie es. Karoline schrie alles, was sie sagen wollte.

»Wie können Sie solchen Unsinn behaupten!« schalt Tante Mariechen, »und noch dazu vor dem Kinde.« »Wenn es sie aber doch gibt!« schrie Karoline und verschwand böse mit dem Geschirr.

»Du brauchst vor der grauen Frau keine Angst zu haben, Veronika«, meinte Onkel Johannes.

»Das sagt Magister Mützchen auch, und Angst habe ich keine«, sagte Veronika.

»Was ist das nun wieder? Wo das Kind bloß die sonderbaren Namen her hat?« meinte Veronikas Mutter. »Veronika, du kannst noch ein wenig auf die Veranda gehen, wenn du fertig bist.«

»Ja, Mama.«

»Johannes«, sagte Veronikas Mutter, als das Kind hinausgegangen war, »rede doch Veronika das aus, statt ihr nur zu sagen, daß sie keine Angst haben soll. Sonst denkt sie am Ende, daß die graue Frau wirklich vorhanden ist. Es ist ja nichts weiter als Gerede, weil im grünen Zimmer die traurige Geschichte mit der schönen Helga geschehen ist. Ihr Geliebter tötete einen Nebenbuhler im Duell, und es heißt, daß sie Gift genommen hat. Das sind alte Geschichten, und schon, als wir Kinder waren, hieß es, es gehe im grünen Zimmer um und eine graue Frau wohne darin. Die Kinder hören es von den Dienstboten, aber man soll das nicht dulden.«

»Liebe Regine«, sagte Johannes ruhig, »man soll einem Kinde nicht die Unwahrheit sagen. Das nützt doch nichts. Es ist besser, du sagst Veronika, daß sie sich nicht zu fürchten braucht.«

»Glaubst du denn wirklich, daß eine graue Frau da ist?« fragte Tante Mariechen entsetzt.

»Gewiß«, meinte Johannes, »ich glaube das zu wissen.«

»Ich weiß, du hast deine eigenen Ansichten über vieles«, sagte Regine, »ich kann dir darin nicht immer folgen. Vielleicht gibt es mehr, als wir annehmen. Aber woher soll es Veronika wissen? Karoline wird es ihr gesagt haben.«

»Wahrscheinlich hat Veronika die graue Frau gesehen, Regine. Kinder sehen oft mehr als Erwachsene. Man muß das berücksichtigen.«

»Wir haben doch nichts davon gesehen, als wir Kinder waren«, wandte Regine ein.

»Oder wir haben es vergessen«, meinte Johannes, »wir haben so vieles vergessen, Regine.«

»Wir haben uns gegrault, weil wir dumm waren«, sagte Tante Mariechen.

Johannes Wanderer amüsierte sich.

»Wer weiß, ob wir heute so viel klüger sind«, meinte er.

»Ich bestimmt«, sagte Tante Mariechen und ärgerte sich.

»Aber Johannes, du denkst doch nicht wirklich, daß Veronika ...« – Frau Regine schwieg ratlos und unsicher. Sie war einer von den Menschen, die nie ganz zum eigenen bewußten Ich erwacht sind und nicht wissen, wohin sie steuern sollen.

»Das ist alles Unsinn«, sagte Tante Mariechen klar und kraftvoll, »du hast kuriose Ideen, Johannes, seit du von deinen weiten Reisen zurückgekommen bist. Du mußt einfach mehr essen, Johannes, dann werden dir keine solchen Gedanken mehr kommen. Du bist unterernährt, und die graue Frau und solch ein Zeug gibt es überhaupt nicht!« Als Tante Mariechen das sagte, stand die graue Frau gerade neben ihr.

*

Veronika hatte sich auf die Treppenstufen der Veranda gesetzt und sah in den Garten hinaus. Doch er schien ihr fremder geworden. Gewiß war es ein schöner Garten – aber war er nicht gestern noch anders gewesen?

Veronika war traurig – sie wußte selbst nicht warum.

Es war die Dämmerung, die gekommen war. Der Garten der Geister war versunken, ein Schleier war gefallen zwischen ihn und die kleine Veronika. Aber das Haus der Schatten lebte um sie und sah sie aus hundert dunklen Augen an.


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