Karl Kraus
Glossen bis 1936
Karl Kraus

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Der tägliche Bericht

Aus dem »Hamburger Fremdenblatt«

In Berlin ereigneten sich während der Weihnachtsfeiertage zwanzig Selbstmordversuche, die in zehn Fällen von Erfolg gekrönt waren.

Pfleget den Fremdenverkehr

(Fremdenverkehrsförderung durch Schulkinder) Das Fremdenverkehrskomitee im Gremium der Wiener Kaufmannschaft hat gestern unter Vorsitz des Vizepräsidenten Kommerzialrates Bittmann nach einem. ausführlichen Referat über Fremdenverkehrsförderung durch Sekretär De. Paneth beschlossen, den Stadtschulrat für Wien zu ersuchen, in den Schulen Fremdenverkehrstage einzuführen. Aus Anlaß dieser Tage hätten die Lehrpersonen die Schulkinder aufmerksam zu machen, wie sehr eine Förderung des Fremdenverkehrs im Interesse des Wohlstandes jedes einzelnen, also auch in letzter Linie der Lage der Schulkinder ist. Die Schulkinder seien in der Lage, den Fremdenverkehr dadurch zu fördern, daß sie Fremden bereitwilligst Auskünfte geben und so dazu beitragen, daß jeder Besucher Österreichs gern an seinen Aufenthalt in Österreich zurückdenkt.

Ich freue mich immer, wenn meine Satire, die ich noch gekannt habe, wie sie so klein war, zur Wirklichkeit heranwächst. Es könnte doch keine Absurdität geben, die dieses absurde Land auf meine Weisung nicht zu liefern bereit wäre. Ja, die Förderung des Fremdenverkehrs, auf die ›aus Anlaß dieser Tage‹ die Lehrpersonen die Schulkinder aufmerksam machen sollen, ist im Interesse des Wohlstandes jedes einzelnen, ›also auch in letzter Linie der Lage der Schulkinder‹, in der sie sind, ihn zu fördern. In erster Linie aber wird sie zur Verhinderung der deutschen Sprache beitragen, damit die Kleinen, wenn sie den Fremdenverkehr gelernt haben und dereinst ins Leben hinaustreten, im Fremdenverkehrskomitee sitzen und auch so schöne Beschlüsse fassen können. Ob die Fremden an ihren Aufenthalt in Österreich mit besseren Gefühlen zurückdenken werden, wenn die Wiener Schulkinder ihnen bereitwilligst Auskunft erteilen, um die sie sie kaum angehen dürften, mag dahingestellt bleiben. Offenbar ist geplant, sie beim Betreten des Stock-im-Eisen-Platzes von einer Gruppe attackieren zu lassen, gleich jener, die den Betrachter des Kreidefelsens auf Rügen mit dem gräßlichen Chor erwartet: ›Soool ich Ihnen die Sage vom Herthasee erzählen?‹, worauf sich der Gast mit Grausen wendet, entschlossen, nie wieder wieder den Fuß auf den Boden dieser schönen, aber unwirtlichen Insel zu setzen. Man muß es einmal dem von einer fixen Idee paranoisch besessenem Österreicher sagen: die Fremden kommen deshalb so spärlich nach Österreich, weil sie hier auf Schritt und Tritt von den Bestrebungen zur Hebung des Fremdenverkehrs belästigt werden und weil ihnen halt gar so wenig außer dieser Zerstreuung geboten wird. Sollte jedoch Österreich trotzdem seinen Fremdenverkehr haben, so wird ja noch immer nicht Ruhe sein. Denn was fängt die Dementia paranoides an, wenn man ihr die Idee entwindet? Ich habe in meinem von Patienten aller Richtungen umstellten Leben ganz entsetzliche Beispiele dieser Art erlebt. Wenn man bedenkt, was dann der Österreicher alles anfangen könnte, so ist es immer noch besser, der Fremdenverkehr hebt sich nicht, damit jener an seine Hebung fortwirken könne.

Samariter in Wien

Wenn Bühnenleute mit dem Auto jemanden überfahren, so ist es eine Pikanterie. Das prominente Schandblatt Wiens, das Selbst morde als Zugkraft für Kreuzworträtsel erfindet, schrieb von einem Theaterdirektor, der sich hier niederlassen wollte, so ganz beiläufig, er sei früher in der Schweiz tätig gewesen, wo er ›das »Malheur hatte‹, ein Kind totzufahren, was dann auch noch ein ›Pech‹ genannt wurde. Das Neue Wiener Tagblatt schließt sich wie folgt an:

(Schauspieler Treßler als Samariter.) Schauspieler Otto Treßler fuhr gestern mit seinem Privatauto über die Mariahilferstraße. An der Ecke der Zieglergasse lief die 19jährige Marie S. ... unvorsichtig über die Fahrbahn und direkt in das Auto hinein. Sie wurde niedergestoßen und erlitt eine Rißwunde am Hinterhaupt und eine Quetschung des rechten Knies. Herr Treßler brachte die Verletzte im Auto in die Filialstation der Rettungsgesellschaft und nachdem sie dort verbunden worden war, in ihre Wohnung, Nobilegasse Nr. 26.

Es ist gewiß wahr, daß die Wiener Fußgeher die einzige Qualität, die von ihnen verlangt wird, nicht haben, nämlich gehen zu können. Während der Wiener in allen anderen Lebensverhältnissen zu paktieren gewohnt ist, schaut er auf der Straße nicht nach rechts und nicht nach links, sondern torkelt gradaus aufs Ziel los, glotzend, plauschend, zeitunglesend oder schlechtweg tramhapert. Er geht so für sich hin, um nichts zu suchen als den Tod. Man hat den Eindruck, als ob man unter lauter Selbstmörder geraten wäre, die mit allem abgeschlossen haben und denen die nächste Gelegenheit gerade recht ist. Nie und nirgend haben sie mehr Gedanken im Kopf als auf der Straße, wobei sie das Hupensignal durchaus nicht als Störung empfinden. Paris, von Wienern bevölkert, gliche des Abends einem Leichenfeld nach einem Großkampftag. In Wien müßte man von rechtswegen aussteigen und jeden einzelnen Wiener über die Straße bringen, um ihn der Gefahr zu entrücken und selbst weiter zu können, mag jener auch noch so lange stehn und starren. Offenbar trifft also den Herrn Treßler, der, falls er die Tätigkeit selbst ausübt, gewiß mindestens ein so guter Chauffeur wie Schauspieler ist, nicht die geringste Schuld an dem Unfall. Aber hat er ein Verdienst daran? Hätte er die Überfahrene auch liegen lassen können? Konnte er sich, selbst ohne Mitleidsregung, dem Mißverständnis, daß er schuld sei, durch Abfahren entziehen? Immerhin ist es doch eine Selbstverständlichkeit, daß ein Automobil, dessen Lenker ja die moralische Pflicht hat, jeden auf der Landstraße Verunglückten ins nächste Spital zu bringen, den von ihm selbst Niedergestoßenen aufnimmt.«Samariter« wäre nicht einmal der intervenierende Lenker des andern Autos. Aber wenn auf einer Wiener Straße etwas geschieht, so ist es nicht das Unglück des Betroffenen, das in der Lokalchronik verschwindet, sondern der Erfolg des Täters. In Wien wird's halt eine Reklamenotiz. Und hinter ihr wird das glotzende Gesindel sichtbar, das auf der Straße die Funktion erfüllt, den Verkehr zu stören und die Hilfeleistung zu hemmen, zumal wenn der Samariter eine stadtbekannte Persönlichkeit ist. Dem Verunglückten wird höchstens manchmal die Aufmerksamkeit zuteil, daß ihm für alle Fälle das Geldtaschel abgenommen wird. Ältere Leser der Fackel erinnern sich noch an die konfiszierte Notiz über die »Hochgebornen Samariter«, die durch die weit verdienstvollere Intervention des Abgeordneten Masaryk, der mir damals gegen das Haus Habsburg beistand, parlamentarisch gerettet wurde und sofort wieder erscheinen konnte. Es war dargestellt, wie die minimale Pflichtleistung eines Erzherzogs, die kaum mehr als die höchstpersönliche Anwesenheit bedeutet hat, aus der Betrachtung einer servilen Presse als Ruhmestat hervorging, an der doch nichts bemerkenswert war als das Aufsehen und Gedränge der grüßenden Kanaille, die durch einen förmlichen Wall von Devotion die Hilfe erschwert hatte. Man wäre in einem Zustand der Traumverlorenheit gleich dem des Wiener Fußgängers befangen, wenn man wähnte, daß dergleichen in der Republik nicht mehr vorkommt. Abgesehen davon, daß ein Erzherzog seine Zugkraft beiweitem nicht eingebüßt hat – denn man könnte sich ganz gut vorstellen, daß hinter der haushohen Hoheit, wenn sie nicht in Basel lebte, die ganze Innere Stadt wie eh und je einherginge –, abgesehen von der Unveränderlichkeit in diesen Belangen besteht der republikanische Fortschritt auf der Wiener Straße in dem Stehenbleiben vor jedem Fußballer oder Filmfatzken. Die 19jährige Marie S. hat eine Rißwunde am Hinterhaupt, und wenn die Neugierde der Umstehenden dem Interesse für den Samariter und dieses endlich ihm selbst Platz gemacht hat, so fährt sein Automobil durch ein Spalier von Hochrufern zur Rettungsgesellschaft. Falls die Aktion nicht noch durch den Umstand verzögert wurde, daß Fräulein Körmendy und Fräulein Löwenstamm ihre Autographenalburns bei sich hatten.

Hungerkünstler da und dort

In Deutschland:

Vor dem Leipziger Schöffengericht hatten sich heute der Hungerkünstler Harry Nelson, alias Reinhold Timer, aus Berlin, der Kaufmann Schützenbühel aus Berlin und der Wärter Bernhard Müller wegen Betrugs zu verantworten. Nelson war in Leipzig als Hungerkünstler aufgetreten und wollte fünfundvierzig Tage hungern. Am zweiunddreißigsten Tage kam auf, daß der Hungerkünstler durch längere Zeit in der Früh Biomalz zu sich genommen hatte, das ihm vom Wärter Müller im Einverständnis mit dem Angeklagten Schützenbühel zugesteckt worden war ... Nelson wurde zu zwei Jahren, zwei Monaten Gefängnis, Schützenbühel zu vier Monaten Gefängnis und Müller zu einer Woche Gefängnis verurteilt.

In Österreich:

In einem Bierkeller des 3. Bezirkes hungert der Hungerkünstler Fred Ellern heute den 46. Tag. Während er bisher gesundheitlich keinerlei Besorgnis erregte, haben sich gestern Herzkrämpfe eingestellt, und auch eine Untersuchung der Lunge hat zu Befürchtungen Anlaß gegeben.

Aus diesem Grunde ist Fred Ellern sowohl von einem Privat- als auch von einem Polizeiarzt untersucht worden und die Polizei will heute oder morgen die Entscheidung treffen, ob der Hungerkünstler weiter hungern darf oder nicht. Die Temperatur betrug heute früh 36,4 Grad, der Puls 94 ...

Es ist begreiflich, daß Ellern weniger aus Rekordgründen, als vielmehr aus materiellen Ursachen über Pfingsten durchhalten will, um sich die erhöhten Einnahmen infolge des Pfingstbesuches zu sichern. –

Die völlig verschiedene Art, wie sich da und dort die Bestialität äußert, zeigt die Schwierigkeit des Anschlusses. In Deutschland ist man gegen Hungerkünstler, die nicht durchhalten wollen, weit unerbittlicher als gegen Fürsten, die während des Weltkriegs noch ganz anderes zu sich genommen haben als Biomalz und die Zuschauer noch ganz anders betrogen haben. In Österreich, wo kein Volksbetrüger einer erpresserischen Journalistik zwei Jahre und zwei Monate bekommt, würde man vielleicht nicht einmal einem mogelnden Hungerkünstler eine so bestialische Strafe aufmessen. Natürlich legt man auch hier großen Wert darauf, daß reelle Arbeit geleistet wird, und steht einem, der hungern will, um nicht zu verhungern, noch am 46. Tag mit der Devise gegenüber: Leben und leben lassen! Daß eine Frau, um leben zu können, ihre Körperlust verkauft, wird da und dort von der Sittlichkeit verpönt und bedarf der behördlichen Bewilligung. Der Mann, der seine Körperqual zur Schau stellt, füllt seinen sozialen Beruf aus und bekommt es nur mit der deutschen Justiz zu schaffen, wenn er die Kunden um die Herzkrämpfe verkürzt. Es ist eine Freude, in solchen Gemeinwesen zu leben, wiewohl es in andern auch nicht ungemütlicher herzugehen scheint. Wer möchte zum Beispiel nicht gern der Landsmann der Leute sein, die einander jüngst in New York zu Tode getreten haben, um einem Filmstar, der es vom Kellner zum Frauenbezwinger zweier Weltteile gebracht hatte, die letzte Ehre zu erweisen? Und mit derselben Begeisterung wird dieselbe Herde dort und überall in den nächsten Weltkrieg rennen, wenn ein gebietender Trottel oder ein Parlament von ebensolchen ihrer Blutgeilheit das rechte Phantom vorhält. Indes aber vertrauen sie auf Voronoff.

Was man halt so beobachtet

Ich habe die Beobachtung gemacht: Zuerst verlieren die Menschen den Verstand, dann verlieren sie das Geld, hernach die Ruhe, hierauf die Freiheit, an der vorletzten Station die Haltung und zum Schluß die Scham.

Ich habe dieselbe Beobachtung gemacht, nur in anderer Reihenfolge: zuerst verlieren die Menschen die Scham, dann den Verstand, hernach die Ruhe, hierauf die Haltung, an der vorletzten Station das Geld und zum Schluß die Freiheit.

Die Anekdote

Unter dem Titel »Nachkriegsgreuel« zitiert die Arbeiter-Zeitung aus einer Zeitung des Rheinlandes »Feldgraue Erinnerungen«:

Der Engländer
Der Hotzenloisl hat alleweil Hunger.
Und wenn der Loisl Hunger hat, dann ist er istond und schießt – sich einen Engländer, der etwas unvorsichtig als vorgeschobener Grabenposten aus der Deckung lugt.
»Krach piff!«
Der Engländer liegt. Und der Loisl setzt über spanische Reiter und Trichterfelder weg und holt sich dessen wohlgefüllten Tornister.
Im Graben kramt er aus: Brot, Konservenbüchsen, Schnäpse.
Neidvolle Augen umlauern ihn. Sagt der Bachlrauck, der auch alleweil Hunger hat: »Geh weiter, laß mich doch auch mithalten.«
Sagt der Loisl saukalt: »Könnt' mir einfallen... Schieß dir selber einen!«

Und bemerkt dazu:

Der schmockische Erdgeruch, der der Anekdote entströmt, befreit die deutschen Krieger von dem Verdacht, daß sich unter ihnen dergleichen zugetragen hat. Der Widerwille, den sie hervorruft, kann nur diejenigen treffen, die mit solchen Erfindungen den Kriegsgreuelgeist pflegen wollen, natürlich zur höheren Ehre der Monarchie.

Dazu ist erstens zu sagen, daß der Titel falsch ist, da es sich um rechtschaffene Kriegsgreuel handelt und ›Nachkriegsgreuel« sich höchstens auf Begebenheiten aus der Zeit beziehen könnten, wo dieselben Leute, die soeben in der Sphäre des »Abschießens« gevöllert hatten und am Blutbetrug beteiligt waren, sich auf den Raub umstellten. Zweitens haftet der Anekdote kein schmockischer Erdgeruch an, sondern der unverfälscht bajuvarische, und es wird kaum möglich sein, die deutschen Krieger von dem Verdacht zu befreien, daß sich unter ihnen dergleichen zugetragen hat, da unter den unzähligen Tatsachen entfesselter Bestialität in allen Kriegslagern vom ersten Tag ihres Ausbruchs an gerade das »Abschießen« auf bayrischer und österreichischer Seite eine Hauptrolle spielte. Wenn sich die Gesinnung, die dergleichen nicht nur preist, sondern ihm eine humorige Seite abgewinnt, durch zehn Jahre nach Kriegsschluß erhalten hat, so kann man wohl ermessen, wie tief sie in der Stimmung jener Tage verankert war. Erfunden ist an der Anekdote höchstens das Greuel der pointierten Fassung, nicht der Gefühlsinhalt: die mechanische Bereitschaft des Mordens, sei es im Dienst der vaterländischen Phrase oder des durch sie verursachten Hungers; und wenn die Pointe diesen Inhalt herausarbeitet, so wird sie dem psychischen Sachverhalt der damaligen Situation durchaus gerecht, der spontanen Verwandlung des Spießers oder gemütlichen Trottels in eine saukalte Bestie. Drittens aber ist es völlig falsch, zu meinen, daß der Widerwille, den die Anekdote hervorruft, bloß eine politische Tendenz gegen die militärisch-monarchistisch orientierten Erfinder habe. In Wahrheit ist die Publikation, ob sie nun eine wahre oder eine zufällig erfundene Begebenheit betrifft, ein kulturelles Symptom von außerordentlicher Bedeutung und der Widerwille richtet sich leider gegen eine Nation, in deren Sprache derartige Reminiszenz und vor allem das Behagen an ihr möglich ist. Denn völlig undenkbar wäre, daß heute in einem Ghurka-Blatt eine Bluttat von damals in der Perspektive eines »Gut gegeben« der ›Fliegenden Blätter‹ erschiene und daß Farbige, ohne auch schamrot zu werden, mit Schmunzeln bei der Erinnerung an das Abenteuer ihrer Hotzenloisl und Bachlmuck verweilten. Vor solcher Saukälte ginge ihnen denn doch ein Schauer über den Rücken, den die Feldgrauen noch heute nicht spüren. Dagegen scheint also kein Umsturz etwas zu vermögen, und es setzt schließlich eine kulturhistorische Anekdote ab, die den andern beliebten Titel führt: »Immer derselbe«.

Gerhart Hauptmann bei Castiglioni

Unter diesem Titel, der schon an den Exhibitionismus einer schwarzen Messe streift, sucht das Neue Wiener Journal das Ungewöhnliche zu rechtfertigen:

Keine plötzliche, ad hoc geknüpfte Freundschaft, obwohl auch solches zulässig wäre, denn Camillo Castiglioni, dessen reichlich geübtes Mäcenatentum ungleich weniger bemerkt wurde als die Verdammnis, die über ihn verhangen war, ist der Besitzer jenes Theaters in der Josefstadt, in dem »Dorothea Angermann« Samstag zur Uraufführung gelangte ... Der seltene Anlaß einer Hauptmannschen Uraufführung in Wien durfte von niemandem, am wenigsten von Castiglioni unbeachtet bleiben, der, abgesehen von seiner ehrlichen Begeisterung für den größten lebenden deutschen Dichter auch sein Hausherrnrecht in nobelster Form übte. Aus innerlicher und äußerlicher Verpflichtung gab Castiglioni ... in seinem Wiedener Palais ein Souper, an dem eine kleine, aber sehr gewählte Gesellschaft teilnahm. Gerhart Hauptmann war mit seiner Frau und seinem Sohn erschienen. Ein nicht minder illustrer Gast Tristan Bernard und der führende Kritiker Berlins Dr. Alfred Kerr waren ebenfalls gekommen. Selbstverständlich fehlte auch Max Reinhardt nicht. Kein rauschendes Fest mit Hunderten von Gästen – zu einem solchen eignen sich die heutigen Zeiten nicht – bloß eine herzliche intime Feier von etwa sechzehn Personen, um zwei Geistesgrößen in schlichtem Umgang zu huldigen – in diesem Zeichen verlief der anspruchslos veranstaltete, dennoch bemerkenswerte Festabend, dessen deshalb Erwähnung geschieht, weil der Gastgeber ohne jede Prätention sich dazu verstanden hatte.

Man hat also auch den vierten, den Kerr, der sich nach einem »Keller« gesehnt hatte, aber mit einem Palais vorliebnahm. Hoffentlich gelingt es, das noch unbekannte Dutzend festzustellen, das in schlichtem Umgang bei dem Ernährer Bekessys soupiert hat; diesen selbst hätte nichts außer der Flucht von der gewählten Gesellschaft ferngehalten. Bliebe schließlich nur übrig, zu untersuchen, welches Geschäft Herr Castiglioni, abgesehen von seiner ehrlichen Begeisterung für den größten lebenden deutschen Dichter, in Wien vorhat und für welche merkurialen Zwecke da der Olymp engagiert wurde. Der Fall zeigt klar, um wie viel dringender es wäre, statt einer Dichterakademie ein Dichterkuratorium ins Leben zu rufen.

Er ist nicht in den Keller gestiegen – aber das nächste Mal!

XV.
Wien sah ich zuletzt vor vier Jahren. Damals wars ein Elend. Heute wird man bezaubert von der Stadt. Sie lebt in Erwartung.

Des Kerr.

Himmlisches Frühlingswetter, vier Wochen vor Weihnacht. Vormittags fuhr ich in den Prater mit einem Freund. Sonnbeglänzt saßen Leute vor Meiereien, oder wie das dort heißt. Am Sonntag. (Alles geruhiger als bei uns, nicht mechanisch, ländlicher.) Und alte Bäume wärmten sich gutgelaunt.

Wegen des Kerr.

Nachmittags fuhren wir, mit Hauptmann eine ganze Gesellschaft, auf den Kobenzl. Hunderte saßen vor dem Haus im Freien. Unten die geschlängelte Donau wirkt wahrhaftig blau von hier. Grüner Glanz über der Ebene.

Dem Kerr aufliegend.

Bloß in das Griechenbeisl bin ich nicht gekommen, wo ich einmal essen, nicht in den Melker Stiftskeller, wo ich einmal trinken wollte – mit Kutschern und Dienstmännern und Köchen, samt Anhang ... Aber das nächste Mal.

Alfred Kerr.

Also das ist schon ein Mausi von solchen Dimensionen, daß kreißende Berge einmal zufrieden gewesen wären. Sucht das Griechenbeisl mit der Seele und röhrt nach dem Keller. Fürwahr, ein schmecketiger Schmock! Aber die höchste Komik bleibt doch die Komik, die ihrer Komik nicht bewußt wird und wenn man sich ausschütten möchte vor Lachen, ein ernsthaftes Gesicht macht. Das 'Neue Wiener Journal' nennt es »ein schmeichelhaftes Urteil« über Wien. Also den Melker Stiftskeller hatte er in petto. Mit »Kutschern« wollte er trinken, die längst Chauffeure geworden sind, mit abgeschiedenen Dienstmännern, die auch bei Lebzeiten nie dort verkehrt haben und eigens für diese Gelegenheit die Livree hätten anziehen müssen, und mit Köchen, ausgerechnet mit Köchen! Was in so einem Berliner Gehirn nur vorgeht. Was sich diese Kunden nur unter einem »Melker Stiftskeller« vorstellen, wo offenbar ein Abt den Grüßer macht und Ministrantenbuben als Pikkolos herumhupfen, damit die Herren vom Kurfürstendamm auf ihre Spesen kommen. Vielleicht lassen sich Theaterleute herbei und der Herr Glawatsch verkleidet sich als Kutscher, Herr Maierhofer als Dienstmann und Herr Homolka – dieser frische Eindruck spielt wohl hinein – kommt, wie er ist, als »Koch Mario« (aus dem »Josefstädtischen« Theater), wohl der einzige Koch, der in Wien momentan vorrätig ist. Was diese Preußen nur angeben! Wie sie auf die alte Kultur pochen und Klamauk machen, wenn sie nicht da ist! Unaufhörlich vollzieht sich der Anschluß Mampes an die Resitant. Wem Mosse will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt, und da geben sie denn ihre »Eindrücke« wieder, daß Gott erbarm. Man kann sich vorstellen, aus welchem Humus von Schmockerei da alles Spanische und Amerikanische erwächst. Bezüglich Wiens scheint für das laufende Jahrhundert die Richtlinie zu bestehen, daß vor den Bahnhöfen die »Waschermadrola« Spalier bilden und alles zu dem Bild passen muß, welches im »Tageblatt« einmal entworfen ward: beim ersten Auftreten Girardis im Burgtheater haben die Komtessen die Fiaker umarmt. Es bleibt mir unvergeßlich und meine Schlaflosigkeit rührt hauptsächlich daher, daß ich, sooft ich im Einnicken bin, durch die Vorstellung dieser Szene animiert werde. Nun werde ich auch immer daran denken müssen, wie der Kerr sich auf die Kutscher und Dienstmänner und Köche (samt Anhang) gefreut hat, und wie nichts daraus wurde, aber nur weil er vom Besuch des Melker Stiftskellers durch Castiglioni abgehalten war, und wie er die dort wartenden Volkstypen auf das nächste Mal vertröstet. Aber dann!

Die findige Post

Ungewöhnliche Dinge haben sich da begeben:

Ernst Lothar schloß seine Einführung mit der Verlesung eines Briefes, der ihm während seines Vortrages überreicht wurde. Professor Max Liebermann, der Präsident der preußischen Akademie, hat an Heinrich Mann die Mitteilung gerichtet, daß die Sektion für Dichtkunst ihn in ihrer ersten Sitzung zum Mitglied gewählt habe, und fragt vertraulich an, ob Mann die Wahl annehme.
Und da Heinrich Mann annimmt, hatten die Anwesenden Gelegenheit, dem Ausgezeichneten ihre Genugtuung darüber zu bezeugen.

Der Brief mit der vertraulichen Anfrage muß also spät abends eingetroffen und von der Post irrtümlich statt an den Adressaten Heinrich Mann an Herrn Ernst Lothar ausgeliefert worden sein, wiewohl dieser gerade einen Vortrag hielt und schon an und für sich als Pseudonym schwer auffindbar ist; denn während man glauben möchte, daß er Rudelolf Lothars Bruder ist und also Spitzer heißt, verbirgt er sich als der Bruder Hans Müllers. Aus dem Brief ging aber noch nicht die Antwort hervor, nämlich, ob Herr Mann annimmt oder ablehnt. Wie erfuhr Herr Lothar dieses? Und vor allem: wie konnte ihm, während er sprach, ein Brief überreicht werden? Das Extrablatt ist genauer informiert:

Während der gestern abends im großen Musikvereinssaal stattgefundenen Vorlesung Heinrich Manns traf in Wien ein Schreiben der Deutschen Dichtersektion aus Berlin ein , in welchem Heinrich Mann die Aufnahme in die Deutsche Dichtersektion mitgeteilt wurde.
Ernst Lothar hatte eben einen einleitenden Vortrag begonnen, als ein Diener das Schreiben in den Saal brachte. Daraufhin las Ernst Lothar den Brief vor, der, von Max Liebermann gezeichnet, an Heinrich Mann die Anfrage richtete, ob er die Aufnahme in die Deutsche Dichtersektion annehme. Ernst Lothar konnte gleichzeitig die bejahende Antwort des Dichters dem Publikum mitteilen, das die Nachricht mit stürmischem Beifall aufnahm.

Manches bleibt doch unaufgeklärt. Nehmen wir also getrost an, daß am Abend im Hotel des Herrn Heinrich Mann ein Brief aus Berlin eingetroffen war, den der Portier sofort ins Künstlerzimmer nachgeschickt hat (da er ahnte, daß darin die Berufung in die Akademie enthalten sei). Mann entschloß sich, den Brief durch einen Diener aufs Podium zu schicken. Er dachte, wenn er sich schon durch Herrn Ernst Lothar eine »Einführung« in seinen Vortrag besorgen läßt – Lothars Bruder Hans Müller ist offenbar für Thomas reserviert –, so gehe dies in einem. Die Post, das Hotel, der Dichter, der Diener – alles klappte tadellos. Wie aber erfuhr Herr Lothar, daß der Dichter die Berufung annimmt? Da bleibt nur die Vermutung, daß dieser einen Zettel mitgeschickt hat mit den kurzen, aber inhaltsschweren Worten: Sagen Sie, ich nehm' an! ... Es kommt selten vor, daß während einer Produktion ein Diener auf dem Podium erscheint, höchstens bei Todesfällen oder wenn ein Vortragender das Publikum dermaßen langweilt, daß er abgeführt werden muß, was tatsächlich einmal in Wien geschehen sein soll. Herr Ernst Lothar dürfte erschrocken sein, als der Diener herannahte, aber er bewies eine Geistesgegenwart, die vielleicht im Vortrag selbst nicht so ganz zur Geltung kam. Davon, daß zwischen so ernsten Männern etwa eine Komödie abgekartet worden wäre, indem ihnen Berufung und Annahme schon vor Beginn des Vortrags bekannt waren und nur um die Stimmung des Publikums zu heben, der Zwischenfall mit der Intervention des Dieners inszeniert wurde, davon könnte doch nicht die Rede sein. Kläglich genug bleibt ja die Vorstellung, daß die Akteure selbst überrascht waren und sich keinen anderen Ausweg wußten als die Mitteilung an das Publikum. Die öffentliche Haltung Heinrich Manns hat bisher für solche Vorstellungen wenig Raum gelassen. Aber die Würde eines deutschen Dichterakademikers scheint eben allerlei Konzessionen zu bedingen.

Der Lächler

Herr Shaw hat seinen Dank an Deutschland durch S. Fischer übermittelt und mit sympathischer Bescheidenheit seinen Gefühlen bei dem Übermaß von Ehrungen Ausdruck gegeben:

Die Wirkung war, als ob Sie eine schwere goldene Kette um den Hals einer Gans gehängt hätten, so daß der arme Vogel, unter besten Absichten, auf den Grund des Teiches sank.

In dieser Lage habe er nicht gleich antworten können. Jetzt aber ist er wieder obenauf und munter wie zuvor.

Was sollte ich tun?... Ich hätte Trebitsch umarmen können, dem ich meinen Ruf in Deutschland verdanke.

Aber wie den sämtlichen erwachsenen Männern danken, die mit ihm Bubi gespielt haben?

Aber wie kann man einer Reihe von Bergen die Hand schütteln oder Walhalla umarmen? Stellen Sie sich den alten Mann vor, wie er überwältigt den Kopf schüttelt und murmelt: »Bitte, bitte, sehr verbunden, tausend Dank« usw. usw., bis er erschöpft in Schlaf sinkt!

Immer lustick, gab er, anstatt Hand und Kopf zu schütteln, Anweisung, allen Journalisten und Gratulanten mitzuteilen, daß er »am Morgen beim Baden im Lago Maggiore ertrunken wäre«; diesmal ohne goldene Kette. Wovon sich bald darauf wenigstens die Journalisten auf dem Festland überzeugen konnten. Folgen noch einige köstliche Witze, die unzweifelhaft dartun, daß dieser unterschobene Ire ein Verwandter von Mosse und Theodor Wolff ist, der, statt den 'Ulk' zu redigieren, von Trebitsch ins Englische übersetzt wurde. Die Weltgeltung versteht sich aber aus der allgemeinen Übersetzbarkeit einer Banalität, die an den Normen der Welt eben die Kritik übt, um derentwillen sich die blutigsten Tyrannen ihre Hofnarren hielten. (Deren Witz doch wenigstens das Tragische solcher Antilogie hatte.) Und da er als höchsten Ausdruck dieser Weltgeltung den Nobelpreis bekam, tat er, was man erwartet hatte. Er »lächelte«, und wenn man sich dieses Lächeln in alle Welt telegraphiert und in allen Spalten stereotypiert vorstellte, da konnte wohl – wie ein Kollege und Landsmann des Herrn Shaw gesagt hat, den dieser nicht besonders schätzt – »der Mensch in salz'ge Tränen vergehn, wie Kannen seine Augen brauchend, des Herbstes Staub zu löschen«. Er dankte nicht, sondern er lächelte, und machte vor Journalisten den Scherz, er habe den Preis für das Jahr 1925 vermutlich deshalb bekommen, weil er in diesem Jahre nichts geschrieben habe – ohne sich des tieferen Witzes solcher Preiswürdigkeit bewußt zu sein –; dann führte er die Hanswurstiade jenes Verzichts auf mit der Forderung, daß der Betrag dem Ausbau englisch-schwedischer Kulturbeziehungen zuzufließen habe, ohne daß jemand sich vorstellen könnte, was das sei und wie man das mache. (Mit Recht wies er auf die Reichtümer hin, die ihm die Weltbelustigung eingetragen hat und die er mit keinem Musikmacher teilen muß; die Krise der Geldentwertung scheint überstanden, die seine Tantiemen geschmälert hat und über die er seinen Humor in einer Zeit verlor, in der es anderen Menschen noch etwas schlechter ging.) Dann aber nahm er an und »stellte nur die Bedingung«, daß er in seinem Sinne über das Geld verfügen könne, womit er eines der primitivsten Menschenrechte für solche, die einen Preis gewinnen, erkämpfen wollte. Mit einem Wort, einer von den großen Antipoden der Konvention, über die sie eine damische Freud' hat. Ja, das ist ein Satiriker, wie er sich gehört, ein »schöpferischer Satiriker«, keiner, der bloß niederreißt, nicht so wie eh schon wissen, sagten alle. Denn was immer er der Welt anhat, er lächelt wie der gesunde Menschenverstand, der zum Bade ladet, dem man bis auf den Grund sieht und in dem überhaupt keine Gans ertrinken könnte.


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