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Fünftes Capitel.

Der Tag, an welchem Torriswood nach London abreisen sollte, war nun festgesetzt, und nach manchen wehmüthigen und auf eine gefahrvolle Zukunft vorbereitenden Gesprächen mit den Seinigen gelang es ihm endlich einigermaßen, sie mit seinem Plane auszusöhnen.

Zwei Tage vor seiner Abreise hatte Torriswood verabredet, mit mehreren Edelleuten aus der Grafschaft Fife sich zu sehen. Diese Zusammenkunft sollte in der Nähe von St. Andrews stattfinden. Einige jener Edelleute waren nämlich der herrschenden Partei, besonders Sharpe, so verdächtig, daß alles, was sie thaten, argwöhnisch beobachtet wurde; wären sie nun in Edinburgh irgendwo zusammengekommen, so würde die Regierung es gleich erfahren haben, und alle ihre Schritte würden aufs Uebelste ausgelegt worden seyn. Auch Colville war mit eingeladen worden.

Es war am Abend eines schönen Tages, als Torriswood und Colville über die Bucht der Forth-Mündung setzten, und nebst andern Reisenden bei St. Andrews landeten. Sie begaben sich dann über die große Wiese neben der Stadt nach dem Versammlungsplatze. Es war dies ein Wald neben einem Hause, was dem einen der Edelleute gehörte. Jeder kam besonders und ohne Begleitung dorthin; denn solche strenge Nachforschungen wurden damals von dem in Fife stationirten Militär unter den Leuten, welche die Conventikel im Freien besuchten, gehalten, daß jedes zahlreichere Zusammentreffen schon Argwohn erregt haben würde. Die Soldaten durchstreiften damals, vom Erzbischof und seinen Creaturen, besonders seinem Hauptagenten Carmichael, aufgehetzt, und durch die Freiheit, die man ihnen ließ, hie und da zu plündern und andre Ausschweifungen zu begehen, noch mehr gereizt, Tag und Nacht in allen Richtungen das Land, und suchten sich solche auf, die sie als Ueberwiesene aussaugen konnten; und sie plagten die Leute zugleich, um immer neue Kunde zu erlangen.

Als Torriswood und Colville am Versammlungsorte ankamen, fanden sie mehrere Edelleute schon dort; auch manche anständig aussehende Leute aus der Classe der Pächter, viele aber auch gewöhnliche Landleute. Die meisten waren um einen her, der mit gedämpfter Stimme zu ihnen redete. Einige standen in lebhaftem Gespräche etwas abseits, andre hielten Wache. Als sie näher kamen, sagte Torriswood:

»Rathillet ist der Redner. Ich fürchte, unsere Gesinnungen werden dieser Versammlung zu friedlich und zu versöhnend vorkommen; ich bitte Sie, Colville, nehmen Sie sich in Acht. Hüten Sie sich, daß Sie sich in nichts fangen lassen.«

Colville versprach es, und sie traten heran; Torriswood trug darauf an, daß Rathillet fortfahren möchte, und er that es, nachdem alle die neu angekommenen Freunde begrüßt hatten, etwa in folgender Weise:

»Wie sonderbar ist es doch, daß es noch Noth thut, solche Manner, wie mich hier umgeben, auffordern zu müssen, daß sie aufstehen zur Vertheidigung der Freiheit, des Lebens und der Wahrheit! Wie lange sollen diese mit Füßen getreten werden von einer Handvoll Schurken, wahrend die Herzen des Volkes durstig verlangen nach Anführern, welche die zerstreuten Kräfte vereinigen und es möglich machen, daß sie als Männer ihren Feinden die Spitze bieten! Aber ich rede zu Steinen. Eine Erstorbenheit, ein Todesschlaf, der wie ein Gericht Gottes über unsre Sünden aussieht, hat selbst die menschlichen Gefühle in Aller Brust erkalten und erstarren gemacht. Ja, wenn die Geißel auch unsre Häuser heimsucht, wie sie es einigen, die hier stehen, gethan hat – und das wird sicherlich geschehen, und wir haben es verdient – dann werden wir vielleicht wieder menschlich fühlen lernen. Höret einmal einen Augenblick denen zu, die euch etwas davon erzählen können, was es heiße, so heimgesucht zu werden.«

Nun winkte er einem Manne, der etwas seitwärts stand. Er trat langsam heran, und trug auf den Armen ein kleines blondes Mädchen, die ihren Kopf gegen seine Brust gelehnt hatte. Als er näher trat, richtete sie sich einen Augenblick auf, und warf einen wilden Blick auf die Umstehenden. Das Gesichtchen war hübsch, aber verrieth Geistesabwesenheit; und sie schrie zitternd und bebend, und klammerte sich fest an ihren Vater.

Der Mann, anscheinend ein Pächter, ein junger, kräftiger, aber schlanker, magerer Mann, war sichtlich von Schmerz niedergebeugt. Er stillte das Kind, indem er es umschlang, mit einem Ausdruck von gewaltsam unterdrücktem Gefühl des Schmerzes, der etwas tief Erschütterndes hatte.

»Sie wollte durchaus sich nicht trennen von mir,« begann er, indem er auf sein Kind blickte, »oder ich hätte Sie, meine Herren, nicht damit belästigt, daß ich sie mitbrachte. Ich hatte sie so ganz an mich gewöhnt, da sie keine Mutter mehr hat« ... Er hielt inne, indem die Worte ihm im Munde erstarben.

»Sie ist alles, was ich habe,« fing er wieder an. »Vor zwei Monaten wählte unser Prediger, Herr Hamilton, mein Haus zu seiner Zufluchtsstätte. Ehe er am Morgen aufstand, hörte ich, daß die Soldaten kämen, ihn zu suchen. Er machte sich davon, und ich begleitete ihn, bis er vor ihnen sicher wäre. Bald darauf kamen die Soldaten, und durchsuchten mein Haus; sie fanden niemand, als meine Mutter und die kleine Phemy.« Als das Kind sich nennen hörte, sah es den Vater an. Er hielt inne, und sah aus, als wollte das Herz ihm brechen bei dem kleinen wirren Gesichtchen, und er suchte sie wieder an seiner Brust zu stillen. »Meine Mutter wollte den Soldaten auf ihre Fragen keine Antwort geben,« fuhr er fort; »denn die Frauen finden es jetzt immer für das Beste, gar nichts zu sprechen. Auch Phemy wollte kein Wort sprechen. Da nahmen sie endlich mein Kind aus seinem Bettchen, schleppten sie ins Freie, und einer der Soldaten drohte meiner Mutter, er würde sie erschießen, wenn sie mitkäme, und blieb da, sie zu bewachen. Einige Kinder standen dabei, und erzählten mir nachher, was sie mit meinem armen Kinde machten: Nackt und erschrocken, wie sie war, banden sie ihr die Augen zu, und drohten sie zu erschießen, wenn sie ihnen nicht sage, ob Herr Hamilton im Hause gewesen sey; aber mit allen Drohungen konnten sie ihr kein Wort abpressen. Darauf mußte sie sich auf ihre bloßen Kniee werfen, und sie sagten ihr, die Flinten seyen alle geladen, und sie würden sie niederschießen; sie sagte aber wieder nichts, aber die andern Kinder hörten sie zu Gott schreien. Darauf gaben sie Feuer über ihren Kopf weg, und als sie die Binde ihr nun wieder abthaten, da war sie in dem Zustande, in welchem Sie noch sie hier vor sich sehen. So fand ich sie, als ich nach Hause kam. Meine Stimme und meine ganze Art kennt sie noch, und ihr ist nur wohl, wenn sie auf meinem Arm ist, oder wenn sie schläft. Meine Mutter starb die Woche drauf vor Schrecken und Gram.«

Der Mann trat nun zurück mit seiner kleinen Last, und eilte in das dichtere Gehölz.

»Empörend! Schauderhaft! Wie abscheulich!« riefen alle, die zugehört hatten.

»Ja, es ist eine betrübende Geschichte; aber ihr sollt noch schwärzere mit anhören.«

Ein andrer Mann trat vor. Sein Hut war übers Gesicht gezogen, und er starrte auf den Boden hin, so lange er seine verzweiflungsvolle Geschichte erzählte. In seinem Hause hatte man eine Versammlung angetroffen, um einen der abgesetzten Prediger zu hören; sie waren eben beim Gebet, als die Soldaten eindrangen. Der Prediger wurde gefangen genommen und nach Edinburgh geschickt, das Haus hatte Carmichael den Soldaten preisgegeben, und nichts war ihnen heilig geblieben. Die Geschichte war schaudervoll. Der Mann schien aus Pflichtgefühl sich zu dieser erschütternden Erzählung zu zwingen, dann trat er sogleich ab.

»Wozu aber alles dies, Rathillet?« fragte Torriswood in einem Tone schmerzlicher Aufregung.

»Aha! Sie sind Gatte und Vater, Torriswood, nun geht es Ihnen zu Herzen!« erwiderte Rathillet. »Aber Torriswood ist reich! Er kann seine Gemahlin und seine Töchter senden, wohin er will! Darum predigt er Geduld!«

»Torriswood steht im Begriff, für sein Vaterland einen Dienst zu übernehmen, der, wie Sie selbst wissen, eben so gefahrvoll ist, als das, wozu Sie uns überreden wollen, Rathillet,« sagte Colville.

»Ist Ihr junges Blut auch schon so kühl,« erwiderte Rathillet, »daß Sie Aufschub und Unterhandlungen dem Begegnen auf offnem Felde vorziehen?«

»Wenn wir offen ins Feld ziehen,« entgegnete Colville, »dann geben wir den Gräueln, von denen wir so eben vernommen haben, noch obendrein die Sanction, daß sie nun nach Kriegssitte unausweichlich sind. Bis jetzt leiden wir nur, und das ungerechter Weise; und um einer Sache willen, für die wir mit gutem Gewissen Gott anrufen können. Nehmen wir aber die Rache in unsre Hand, dann leisten wir Verzicht auf den Character von Männern, welche für die Rechte der Gewissensfreiheit kämpfen, und wegen dieser ihrer Vertheidigung verfolgt werden, und treten als die Vorfechter der irdischen Freiheit in die Schranken. Ist dieser letztere Kampf auch ein rechtmäßiger, was ich jetzt hier nicht entscheiden will, so ist es doch ein ganz irdischer Kampf; und ohne die Mittel zu besitzen, welche die gemeine irdische Klugheit für nothwendig erklärt, würde es Wahnsinn seyn, ihn anzufangen.«

Colville sprach ruhig und bestimmt; und Torriswood fügte sogleich hinzu: »Die große Mehrzahl unsrer Freunde hat erklärt, daß, wenn sie in ruhiger Ueberlegung die Sache sich vor die Seele stellen, sie keine Freudigkeit fühlen, mit bewaffneter Hand aufzustehen. Es erscheint ihnen dies noch immer als Aufruhr; und da ich auch ihnen beistimme, so bin ich genöthigt, diese Versammlung zu verlassen, wenn offener Krieg das einzige ist, was hier beschlossen werden soll.«

»Nun, dann leben Sie wohl, Torriswood,« sagte Rathillet, indem er ihm die Hand reichte. »Gelingt es uns, dann soll es uns freuen, auch für Sie die Freiheit mit erkämpft zu haben; gelingt es uns nicht, dann haben wir unser Gewissen gereinigt, indem wir unsre Sache bis aufs Blut vertheidigt haben.«

»Bedenken Sie, o bedenken Sie ernstlich, auf Ihren Knieen, was Sie vorhaben, ehe Sie diesen letzten, diesen unwiderruflichen Schritt thun! Bedenken Sie ihn für sich selbst und für alle, deren Leiter Sie sind!« sagte Torriswood mit feierlichem Ernst, indem er Rathillet's Hand in der seinigen festhielt.

»Meinen Sie wirklich, daß davon noch die Rede seyn könne?« erwiderte Rathillet, indem er seine Hand losmachte; dann wandte er sich wieder zu ihm und sagte: »Leben Sie wohl, Torriswood, bis wir uns frei wiedersehen, hier oder dort.« Darauf winkte er einigen der Anwesenden, die mit ihm tiefer in den Wald gingen, und Torriswood brach auf.

In dem Moment trat ein großer, finster aussehender Mann heran, und bat Torriswood, ihn einige Minuten anzuhören. Torriswood stand sogleich still; Colville wäre weiter gegangen, aber auch ihn bat der Mann zu bleiben.

»Meine Herren,« sagte er, »ich habe oft darüber nachgedacht, ob es gut für unsre Sache seyn würde, mit bewaffneter Hand aufzustehen, aber ich kann mich nicht dazu entschließen. Etwas anders aber haben wir beschworen, und da können wir nicht mehr zurück; doch würde es uns freuen, Ihre Zustimmung zu haben. Sie haben so eben von den Leiden zweier Väter und ihrer Familien gehört; sie hätten noch von andern hören können; und leicht könnte dieser Kelch uns allen gereicht werden. Kein Gesetz schützt uns; vergebens schreien wir um Gerechtigkeit. Sollten wir nun den schändlichen Urheber all' dieses Elends, und sollten wir den Nichtswürdigen, der sein willfähriger Handlanger in allen diesen Dingen ist, den Bluthund Carmichael, ungestraft lassen? Wir möchten nicht, daß die, welche schon gelitten haben, die That vollziehen; aber wenn die sie thäten, die noch nicht gelitten haben, würde es von ihrer Seite etwas anders seyn, als eine Vollstreckung des Gerichts, das Gott dem Mörder gedroht hat?« ...

»Halt, Freund!« unterbrach ihn Torriswood; »ich verstehe Sie, aber kann es nicht billigen. Sie wissen, wer gesagt hat: Die Rache ist mein! Bedenken Sie es noch einmal« ...

»Nun, dann bedarf es weiter nichts; es ist schon zu spät. Nur das will ich noch hinzusetzen, daß hierbei Rathillet nicht unser Anführer seyn will.«

Der Mann eilte davon.

Torriswood sah ihm nach, und blickte auf den Kreis, den er verlassen hatte, noch eine Weile; dann kehrte er sich langsam weg, und ging, auf Colville gelehnt, eine Weile schweigend, sichtlich in schmerzliche Gedanken vertieft.

»Wir werden bald hören, daß eine schuldbelastete Seele plötzlich vor ihren Richter gestellt worden ist,« sagte er endlich.

»Und geschähe es,« erwiderte Colville, »ich vermöchte nicht, es Mord zu nennen. Ich konnte nie mit denen übereinstimmen, die das Strafgericht über den blutigen Verfolger, den Cardinal Beaton, der in der Stadt dort von seinem Fenster aus den Todeskampf unsrer Märtyrer mit Wohlgefallen ansah, einen Mord nennen; und dieser Carmichael scheint mir jetzt des Cardinals Vorgange, so weit es geht, zu folgen.«

»Es ist schwierig, darüber zu entscheiden,« erwiderte Torriswood. »Ich hoffe, die Zeit wird kommen, wo man hierin klarer sehen wird, als wir jetzt. Was mich betrifft, so hat der Gedanke an einen Meuchelmord für mich etwas höchst Schauderhaftes, und ich könnte mich mit niemand befreunden, der daran Theil nehmen möchte; doch in einigen Fällen, wie bei dem des Cardinal Beaton, könnte ich ihn nicht für einen Mörder ansehen.«

Der Mond war aufgegangen, ehe Torriswood und Colville den Strand erreichten, welchen entlang nach St. Andrews zurückzukehren sie für das Sicherste hielten. Als sie am Meere standen, bemerkten sie in einiger Entfernung ein Boot, was sie nach seiner Gestalt und den Segeln, die es hatte, für eine Barke eines benachbarten Edelmanns hielten, die von einer Lustfahrt zurückkam. Torriswood wünschte nicht erkannt zu werden und er beschloß mit Colville so lange zu warten, bis die Barke landen würde, ehe sie nach dem Platze gingen, wohin sie ihr kleines Schiff bestellt hatten. Sie setzten sich in den dunkeln Schatten einiger hohen Felsen am Strande, und erwarteten die Annäherung des Schiffes. Es war eine so völlige Windstille, daß, ungeachtet alle Segel aufgespannt waren, um auch den leisesten Athem des Windes aufzufangen, man doch viele Ruder im Mondschein glänzen sah, sobald sie tactmäßig aus dem Wasser sich erhoben. Bald hörte man auch Musik, zuerst nur mit Unterbrechungen, je nachdem das leichte Säuseln die Töne forttrug, dann deutlicher, bis endlich eine bekannte Melodie sich vernehmen ließ, eine damals sehr verbreitete lustige Tanzmusik. Einige Fischer gingen das Ufer entlang, dicht an dem Orte, wo Torriswood und Colville in dem Schatten der Felsen sich verborgen hielten.

»Das ist des Erzbischofs Barke,« sagte der eine.

»Ja,« erwiderte der andre, »und da er hier ans Land steigt, wird er wohl auf dem Wege nach dem Banquett dort seyn!«

»Paß auf, Jack, dass du deine Mütze abnimmst; oder ein Paar von den gemästeten hoffährtigen Bedienten hinter ihm bringen sie dir herunter, wie sie's neulich mit einem halben Dutzend von Leuten machten.«

»Das wollte ich doch 'mal sehen!« sagte der andre.

»Und was wolltest du denn machen?« ... Mehr konnten Torriswood und Colville nicht verstehen.

»Ja wohl, was wolltest du machen, du armer Kerl!« sagte Torriswood. »Können wir wohl daran zweifeln, daß wir Recht haben, wenn wir, es koste, was es wolle, solche Menschen zu unsern geistlichen Leitern nicht haben mögen? Wo hat dieser Mann da in seinem ganzen Wesen wohl Einen Zug, der dem Bilde Dessen gleicht, deß Diener er sich nennen läßt?«

Nun kamen einige Leute des Erzbischofs mit Fackeln nach dem Strande hinab; geleiteten den Wagen, der Seine Gnaden aufnehmen, und nach dem Hause einer seiner Creaturen fahren sollte, wo er, wie die Covenanters sich erzählten, in Vergnügungen so niedrer Art sich ergötzte, daß sie selbst für seinen weltlichen Rang sich nicht schickten, um dessentwillen er doch seiner Seelen Seligkeit hingeopfert hatte.

Das Boot näherte sich nun, indem es über die stillen Fluthen majestätisch hin glitt. Als es sich dem Landungsplatze näherte, wurde ein reicher scharlachner Fußteppich für den Erzbischof ausgebreitet, um von dem Boote aus nach der Kutsche darauf zu gehen. Die Bedienten riefen einigen Matrosen und Fischern in der Nähe zu: »Hüte ab!« Ein untergeordneter Geistlicher von einigem Umfange stieg zuerst aus, und wartete in demüthiger Stellung, bis Seine Gnaden von ihrem gepolsterten Sitze unter einem prächtigen Baldachin aufstand, zwischen den Matrosen, die mit aufgehobnen Rudern dastanden, durchging, dann auf den Geistlichen sich stützte, und mit zarten Schritten auf die Kutsche zueilte, während die Musicanten eine lustige Melodie spielten. Seine Tochter und ihre Bedienung folgten ihm.

»Nun, Colville,« fragte Torriswood, »was sagen Sie zu dem allen?«

»Mich dünkt,« antwortete er, »das Haupt der abtrünnigen Kirche zu sehen, in Purpur und Scharlach, und überdeckt mit Gold, Edelgesteinen und Perlen, wie sie in der Offenbarung uns abgebildet wird.«

»Und deren Trunkenheit in ihren Siegen über die Seelen der Menschen,« fuhr Torriswood fort, »und in ihren Verführungskünsten, in ihrer List und Verschlagenheit, die echten Diener Gottes zu erhaschen und umzubringen, unter dem fürchterlichen Bilde ›einer Hure, trunken von dem Blute der Heiligen‹ uns beschrieben wird.«

Das Gepränge und Geräusch der Landung des Erzbischofs war bald vorüber; seine Kutsche und sein Gefolge, mit ihren Fackeln und ihrer Musik, hörte und sah man nicht mehr. Das Boot wurde festgemacht; alles lag wieder still da im Mondlichte, und Torriswood und Colville zogen ihren Weg weiter.

»Ich glaube, der Mann, den wir eben sahen,« sagte Torriswood, wie sie gingen, »würde nach einem Cardinalshut greifen, wenn er für die Herstellung des Papstthums in seinem Vaterlande als Belohnung ihm angeboten würde.«

»Daran zweifl' ich nicht,« sagte Colville; »aber die Kirche, zu der er sich bekennt, ist doch, hoff' ich, zu weit reformirt, wenn sie auch einer weltlichen Macht unterworfen ist, als daß er dergleichen Aussichten hätte.«

»Ja wohl,« sagte Torriswood.

»Wir dürfen doch nicht vergessen,« sagte Colville, »wie viele von dieser Kirche ihr Zeugniß für die Wahrheit mit ihrem Blute besiegelt haben. Der Gedanke daran, das kann ich nicht leugnen, macht mich zuweilen in meinem Entschlusse wankend, der Einführung ihres Bekenntnisses und ihrer gottesdienstlichen Formen bei uns bis aufs Blut Widerstand zu leisten.«

»Hierin müssen Sie zu einer festen Gewißheit zu kommen suchen, Colville,« erwiderte Torriswood sehr ernst. »Es würde höchst sündlich seyn, einem Kampfe sich anzuschließen, der für Sie und Andre so ernste Folgen haben kann, wenn man nur aus Parteigründen dabei handelte.«

»Aber wie erklären Sie es wohl, daß diese Männer für die Wahrheit starben, und doch grade in dem Lehrsysteme beharrten, welchem Sie bis auf den Tod zu widerstehen für recht halten?«

»Ich wage es nicht, von einer jeden Inconsequenz der Menschen Rechenschaft abzulegen, mein theurer Colville. Das Licht ging sehr allmählich über England auf. Vielleicht macht uns der Gedanke an die Mittel, durch welche die Reformation in beiden Ländern eingeführt wurde, die Erklärung etwas leichter. In England wurde die Reformation von einem Tyrannen begonnen, der nichts weiter wünschte, als alle Macht allein in Händen zu haben, und während sie sehr langsam unter dem Volke sich ausbreitete, änderte die Geistlichkeit, mit verhältnißmäßig wenigen Ausnahmen, in weniger als dreißig Jahren nach dem Willen der Regenten ihren Glauben vier Mal, und nur eine geringe Zahl gab lieber ihre Aemter auf, als ihre Ueberzeugung. Zu diesen wenigen gehörten auch die herrlichen Männer, auf die Sie hindeuteten. Erinnere ich mich aber recht, so rechnet man die Zahl derer, die unter der grausamen Maria gelitten haben, von Geistlichen und Laien, nicht über siebenhundert. Aber nun sehen Sie den Unterschied bei der Zunahme des Lichtes. Als unser jetziger König nach England zurückkam, und wollte, daß sein Wille die Richtschnur in kirchlichen Angelegenheiten seyn sollte, da wählten an Einem Tage zweitausend Geistliche allein lieber Armuth, Verbannung und Elend, als daß sie den jämmerlichen Ceremonien und Thorheiten sich gefügt hätten, welche er an die Stelle der gesunden Nahrung aus der heiligen Schrift setzen wollte. Die Laien, welche durch ihre Nonconformität in England litten, hat, glaub' ich, niemand je gezählt. Diejenigen, welche Verbannung aus dem Vaterlande vorzogen, fangen jetzt an, die neue Welt zu bevölkern. Indeß sind die Engländer es immer gewohnt gewesen, ihre Religion von ihren Gewalthabern sich geben zu lassen. Nicht so die Schotten. Bei uns fing die Reformation unter dem Volke an; ihre ersten Prediger starben den Märtyrertod, und im Widerspruch gegen eine papistische Obrigkeit wurde sie durchgesetzt, bis alle Classen des Volkes Protestanten wurden, mit Ausnahme der Königin und der Umgebungen des Thrones. Von ihrem ersten Beginne an auf jeder Stufe ihres Fortschreitens hatte sie stets gegen die Regierung zu kämpfen. Die Geistlichen und Laien schritten immer weiter vor in der Erkenntniß, und weigerten sich standhaft, einen einzigen Schritt in die Finsterniß wieder zurück zu thun. Und sollten wir nun den Kampf aufgeben?«

»Nein, nun und nimmermehr!« rief Colville. »Alles, was ich wünsche, ist nur, ein klareres Bewußtseyn über den Gegenstand, um den wir streiten, in unsrer ganzen Partei.«

»Der Gegenstand unsers Streites ist, daß das Wort Gottes die einzige Richtschnur seyn soll in allem, was zum Gottesdienst gehört, und zwar, wie dies Wort von uns und unsern Lehrern, nicht wie es von einem ausschweifenden Könige und seinen weltlich gesinnten Staatsmännern verstanden wird. Eine thätige, biblische Geistlichkeit, die ganz für ihre Gemeinden lebt, und mit weltlichen Dingen unverworren bleibt; nicht eine kostspielige Hierarchie, die in Luxus und Trägheit lebt, und an den politischen Angelegenheiten des Landes Theil nimmt, das ist es, was wir nach dem Neuen Testament verlangen. Auch wollen wir uns nicht von den abhängigen, unterthänigen Geistlichen belehren lassen, welche bei dieser Verfassung doch die einzigen thätigen sind.«

»Nun gut, theuerster Onkel,« erwiderte Colville, »ich bin ganz bereit zum Kampfe.«

Torriswood und Colville waren nun an den Ort gekommen, wohin sie ihr Boot bestellt hatten. Ein leiser, kühler Wind hatte sich erhoben, und fing an die Oberfläche des Meeres zu kräuseln; er war ihrer Rückfahrt günstig. Die Fischer spannten ihre Segel auf, und das leichte Fahrzeug flog schnell durch das Wasser hin. Torriswood und Colville setzten sich auf eine der kleinen Querbänke, mit dem Gesicht nach St. Andrews, das nun im hellen Mondschein vor ihnen da lag. Die Trümmer der Domkirche zogen Colville's Aufmerksamkeit auf sich, als er das sanfte Licht auf ihren zerschmetterten Bögen und ihren geborstenen Wänden schlummern sah.

»Aus meiner Knabenzeit,« bemerkte er, »war mir gar kein solcher Eindruck von der Größe dieser Trümmern geblieben.«

»Diese Cathedrale war eine der größten, ja, einige behaupten, die allergrößte in ganz Europa,« erwiderte Torriswood. »Ein Denkmal der Frömmigkeit dieser armen Leute, nach dem Lichte, was sie damals hatten!«

»Es war doch aber wirklich etwas barbarisch, sie so gänzlich zu zerstören,« sagte Colville.

»Das war es vielleicht,« entgegnete Torriswood; »doch es geschah aus einem Unwillen, wie er immer zu erwachen pflegt, wenn den Menschen die Augen darüber aufgehen, daß man sie hintergangen hat zum nicht geringen Nutzen derer, die sie täuschten. Sodann fürchteten sie auch, daß das Papstthum wiederkehren möchte, und mit ihm Finsterniß und Betrug. Hätte das rohe Volk damals diese Zufluchtsstätten der Menschen, die sie zur Erbauung solcher Prachtgebäude des Ihrigen beraubt hatten, verschont, so wäre es sicherlich mehr aus Aberglauben geschehen, als aus Bildung und Kunstsinn.«

Der Wind wurde noch stärker, und bald verschwand St. Andrews mit seinen gewaltigen Ruinen in der Ferne; und nach einer schnellen Ueberfahrt landeten Torriswood und Colville in Leith.


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